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Verwaltete Welt

Intransigente Galanterie


In Kooperation von Bad Blog und Nichtidentisches soll in den nächsten Tagen und Wochen der nicht mehr ganz neue Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin dem Spaltpilz der Kritik ausgesetzt werden. Dazu gibt es individuelle Beiträge zu verschiedenen Elementen des Readers. Jeder Beitrag steht für sich, eine blogübergreifende redaktionelle Bearbeitung fand nicht statt. Wir hofften dadurch, der Emanzipation eine Bresche zu schlagen, die Eindimensionalität ihrer Gegner und falschen Verfechter bloßzustellen, und letztlich uns selbst gegen Zumutungen zur Wehr zu setzen, die uns im Namen der Dekonstruktion aufgenötigt werden.
Contributions so far: The Others von Bad Blog und Intransingente Galanterie sowie Jargonzo - das neue Genre der politischen Literatur von Nichtidentisches. Demnähst erscheint: Die Butler-Bibel.
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Intransigente Galanterie (korrigierte Fassung)
Der Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin liebäugelt auf den ersten Blick mit nonchalanter Ignoranz: AS-ISM, das könnte ebenso gut für Anti-Semitism stehen. Von den Autoren, illustre linke Bündnisse der Softcore-Antideutschen wie Sinistra eingeschlossen, ist auszugehen, dass ihnen diese Assoziation nicht allzu fern liegen dürfte. Zumindest ist ihnen die Coolness des Neologismus den Gleichklang wert. Dem postmodernen Hang zur Begriffsprägung gesellt sich das Niveau der Bravo bei:
„In der Mitte des Heftes findest du unser „NEIN heißt NEIN“-Plakat im A3-Format zum rausnehmen.“
Ob es sich dabei um ein neues Lied von Tokio-Hotel handelt, oder um das alte Lied der feministischen Linken ist schnell geklärt: Reimform, Syntax und Inhalt schließen ersteres aus. Fett prangt die Definition:
„WER EIN NEIN NICHT RESPEKTIERT IST EIN VERGEWALTIGER!“
Die weibliche Form fällt plötzlich unter den Tisch. Wo 5 Prozent Hermaphroditen und Intersexuelle nach Ansicht der Antisexisten in der Lage sind, alle Theoriegebäude der Vergangenheit zu stürzen, sind 1,2 % Vergewaltigerinnen auf einmal nicht mal mehr ein Binnen-I wert? Zumindest inkonsequent. Weil Tat und Rede, bzw. Nichtrede anscheinend in eins fallen sollen, versuchen sich die Antisexisten in Lyrik und übersetzen den schwer von begrifflichen Berufsvergewaltigern und ihren Sympathisanten nach Art eines Sexualratgebers der FHM die Geheimnisse des weiblichen, "unmündigen" Mysteriums:
„Vielleicht später“, „Nein danke“, „Du bist nicht mein Typ“, „Verpiss dich“, „Ich möchte jetzt allein sein“, "Ich mag dich, aber…“, „Lass uns jetzt lieber schlafen gehen“, „Ich bin mir nicht sicher“, „Stille“, „…“
Das alles nicht als Nein zu respektieren, heißt also absehend von konkreten Situationen und Taten, ein Vergewaltiger zu sein. Man stelle sich das vor:
„Willst du mit mir schlafen?“
„Vielleicht später.“
„Wie wär’s mit gleich?“
Eine vollendete Vergewaltigung, klarer Fall! Oder auch:
„Darfs noch etwas mehr sein?“
„Nein danke.“
„Der Hinterschinken wäre heute aber schwer zu empfehlen!“
3 Jahre Hausverbot für den Metzgerlümmel! Oder:
„Ich liebe dich.“
„Ich bin mir nicht sicher.“
„Vielleicht könnten wir es zumindest mal versuchen?“
Ein Lustmolch, sperrt die Kinder weg, holt die Mistgabeln und Fackeln!
Ein Vergewaltigungsvorwurf kann also aus beliebigen Vorreden konstruiert werden und bedarf nicht mehr der konkreten Tat. Dass eine Vergewaltigung weder einer Vorrede noch eines Neins bedarf, sondern auch auf einem anfänglichem Ja aufbauen kann, bzw. dafür sorgt, dass das Opfer kein Bewusstsein von der Tat hat, geht aus dem Plakat nicht hervor, und darin verfehlt es seinen im Prinzip richtigen Zweck: Darauf hinzuweisen, dass zu große Teile der Gesellschaft Vergewaltigung als stets identischen Tathergang mit Schreien und laut artikuliertem Nein auffassen und dadurch sich taub machen gegen andere, vielleicht subtilere Beeinträchtigungen des Willens.
Juristisch gesehen ist eine Vergewaltigung ein sexueller Akt gegen den Willen einer Person. Eine klare Sache, ein grausames Verbrechen, zu dessen Klärung heute die Gynäkologie, Zeugenaussagen und eine Glaubwürdigkeitsprüfung auf beiden Seiten der Aussage herangezogen werden. Daneben gibt es den Tatbestand der sexuellen Belästigung, der sehr unterschiedlich von einem Küsschen auf die Wange bis zum Angrapschen definiert wird. Skandalurteile zur Deckung des Vergewaltigers mögen vereinzelt immer noch stattfinden und in solchen Fällen ist Kritik angebracht. Das reicht den Antisexisten nicht. Sie können sich nicht zwischen Volksgerichtshof und Volksbibel entscheiden und fallen damit noch hinter Deuteronomium 13,1 zurück, dessen Gebot da lautet:
„Ihr sollt auf den vollständigen Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, achten und euch daran halten. Ihr sollt nichts hinzufügen und nichts wegnehmen.“
Wo vor 3800 Jahren bereits ein abstraktes Recht der Willkürjustiz vorbeugen sollte, fügen Antisexisten in schamloser Entgrenzung der Aufzählung ein „[…]“ hinzu, das ein Ergänzen nach Willkür zulässt. Das dumpfe Festhalten des Faktes – ontologische Schwundform der Kommunikation – lässt keine Diskussion mehr zu, hat ein Urteil schon gefällt, bevor es nötig wurde und erhebt sich zur Autorität, die sich flamboyant mit Moral umgürtet.
Ein Vergewaltigungsvorwurf kann also aus beliebigen Vorreden konstruiert werden und bedarf nicht mehr der konkreten Tat. Dass aus einem zunächst munter begonnenen Akt in beidseitigem Einvernehmen ebenso eine tiefe seelische Verletzung bei Grenzüberschreitungen entstehen kann wie aus einer Verführung trotz einer anfänglichen Absage eine tiefe Beziehung, bleibt außen vor.
Damit relativieren die Antisexisten Vergewaltigungen, verhöhnen die Opfer von schweren Traumatisierungen, erheben sich zu moralischen Göttern und penetrieren noch öffentlichen Raum mit ihren geheimsten Phantasien, die sie abspalten. Wo sie nach einem Nein schon den Trotz verspüren, sich dem zu widersetzen, sind sie um so heftiger bemüht, das Tabu aufzurichten, das ihnen den Gedanken daran kaschiert.
Primär geht es ihnen darum, einen von Ambivalenzkonflikten freien Raum aufzurichten, in der Individuen identische Wesen sind, die des Aushandelns und Abwägens nicht bedürfen. Sie wissen von je, was sie wollen, und schreiten gar lustig emanzipiert durch die Welt wie das tapfere Schneiderlein, das 7 auf einen Streich erschlug. Was andere wollen, wissen sie ganz bestimmt, haben sie doch mit Heidegger eine ontologische Wahrheit geschaut, die anderen verborgen ist. Wie Rudolf Steiner aus der Akasha-Chronik die Anwendung von nutzlosen Pflanzenpräparaten als Heilmittel liest, lesen sie aus allgemeinen Redewendungen eine von je identische Wahrheit, die dem Besonderen Hohn ins Gesicht lacht. Das Tabu erklärt Vernunft für überflüssig und die Regel schon zur Vernunft.
Um den eigenen Machtgelüsten Folge zu leisten, wird die Formulierung der Regel so vage gehalten, dass eine eingeschworene Gemeinde, die vergottete Linke, eben doch aufgrund individueller Idiosynkrasien entscheidet, was nun ein Nein ist. Damit ist der Widerspruch in der Identität schon entblößt und schlägt den Antisexisten doch nicht ins Gesicht: Die Definitionsmacht liegt schon wieder nicht mehr beim Opfer oder einer objektiv bestimmbaren Tatbestandsprüfung, sondern bei der Linken, die sich zu dessen Verteidiger aufschwingt, weil sie vom Opfer stets noch einen Leidensgewinn abziehen und auf die Propaganda aufschlagen will.
Individuen sind laut Freud primär bisexueller Orientierung. Durch verschiedenste Traumen und eine subjektive Wahl werden Anteile verdrängt, verleugnet, abgespalten oder verschoben. Lust generiert sich bisweilen aus eben dem geheimen Ausleben und Umschwenken verdrängter Phantasien, etwa der passiven Hingabe oder der verschlingenden Obsession. Gewalt und Sexualität sind so wenig zu trennen wie Gewalt und Recht, was ebenfalls Freud als besserer Materialist Einstein in seiner Kritik am Pazifismus „Warum Krieg?“ entgegenhielt. Wann Überredung und Besänftigung von Widerrede, die Verführung, der Flirt, die Anmache, zur inakzeptablen Gewalt wird, darüber entscheiden in der Tat die im konkreten Fall involvierten Individuen.
Das bürgerliche Recht stellt sich auf den Standpunkt, dass die allgemeine Konvention den Schutz des Individuums vor körperlicher und seelischer Gewalt wahren will. Diese Konvention setzt sie unter Gewaltandrohung durch. Daher wird auch von dem individuellen Hintergrund weitgehend abstrahiert und das ist notwendig. Wer in der Kindheit traumatisiert wurde und bei einem „Hallo, ist der Platz noch frei?“ schon schwerste Seelenqualen erleidet, kann sich nicht auf die Unterstützung des Rechts, wohl aber auf therapeutische Hilfestellung berufen, die den eigenen und fremden Anteil am Leiden aufarbeitet und es erleichtert, über fremde Zumutungen zukünftig ein deutliches Urteil zu befinden.
Die antisexistische Linke bedarf einer solchen Abstraktion, Trennung, Aufarbeitung und Aufklärung nicht mehr, sie will Sexualität reinigen von allem Bösen und wird somit puritanisch. Das Gossenlatein: „Ey du hast meine Schwester angeguckt, du perverser Schwanzlutscher!“ ist nicht weit davon entfernt. Wo mit Allah gegen das männliche Blickregime und die unzulässige Annäherung an das Subjekt Frau gewettert wird, ist Sexualität alles andere als frei.
Die Emanzipation und Unversehrtheit eines Individuums beruht dann nicht auf einem abstrakten Recht, an das es sich gleich ob Mann oder Frau wenden kann, sondern auf einer Atmosphäre der Angst, der Lynchjustiz und der diffusen Drohung. Wer auch immer die geheime, undefinierte Etikette verletzt, ist ein Vergewaltiger. Vergewaltiger werden sich aber um ein noch so deutliches Nein kaum kümmern. Wer sich des Neins sicher ist, wird es im Falle eines Falles auch eindeutig vortragen können, im Extremfall durch die körperliche Selbstverteidigung, den Tritt in die Weichteile, den Hilferuf, den Handkantenschlag und den Zehnfingerstich.
Für solche Opfer ist das Plakat in dem Falle kränkend, weil es unterstellt, das Nein sei eventuell nur undeutlich formuliert und missverstanden worden. Allen Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren, ist eher der Gang zur Polizei anzuraten, denn zu einer selbstjustiztrainierten Linken, die noch jeden Gehirnpfiff als Plakat verwurstet. Wo diese den Staat für feindlich erklärt, baut sie selbst an einem Staatssurrogat, das durch Primitivität und Racketbildung noch hinter den bürgerlichen weit zurückfällt. Das aus dem Bauch heraus gewetterte schert sich einen Dreck um juristische Debatten und Probleme der Rechtssprechung des "In dubio pro reo", weil es sich für von Geburt an besser hält.
28.2.05 17:13


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Fachwerkslums

Wenn Marburg wütet, wird entweder ein Bordell gebaut oder Zivilisation droht damit, sich einzustellen. Der Skandal lockt derzeit im Neubau eines Hauses. Das, soviel mag man noch zugestehen, ist viel verlangt von einer Stadt, die Universitätsgebäude notdürftig zusammenflickt und sogar langfristig sperren muss, um Passanten vor herabstürzenden Fassadenteilen zu bewahren.
 
Damit findet man sich ab, wie weiland mit den aus dritten Stöcken herabgestürzten Abortinhalten. Ebenso gelassen nötigt man Studenten in ein Idyll aus verfaulenden Balken, maroden Einglasfenster, Decken auf Augenhöhe und Duschen für allenfalls Kleinwüchsige im Dachparterre für 300 € Kaltmiete zu ziehen. Nonchalant lotst man Touristengruppen an solchem - meist mit Lack in Farben Lichtjahre jenseits des Ästhetischen zusammengehaltenen - Elend vorbei. Da brilliert die Eigentlichkeit in olivgrünen Balken und löchrigen Dächern und am barbarisch Urtümlichen weidet sich lüstern, wer in luxuriösen lichten Neubauten am Stadtrand wohnt.
 
Ein ebensolcher Neubau, so beteuert man, zerstöre das traute Stadtbild, rage einen Meter in die herrliche Aussicht vom lutherischen Kirchhof auf das öde, Kiefernwaldverseuchte Land. Der Zivilisierte spricht heimlich einen Segen über alle Großfeuer der Vergangenheit, die nach Betrauerung der Opfer menschenwürdiges Wohnen erst ermöglichten und dem Denkmalschutz ein Schnippchen schlugen. In Sachen Architektur lobt er die städtebaulichen Umgestaltungsmaßnahmen der Royal Air Force. Jedes Haus, das über 50 Jahre zählt, erinnert ihn an Mörder, die zufrieden darin wohnen durften. Der Leser der Oberhessischen Presse dagegen schimpft auf Bausünden, das könne nicht rechtens sein, und während er das Elend zum Anblick aufwertet, richtet nicht er selbst sich darin ein, sondern zwingt den studierenden Subalternen, der längst amortisierten Bausubstanz noch weiter Wert zu zollen.
 
Die tristen, verfallenen Dächer Marburgs, die schimmligen Wände darunter, die notdürftig verflickten, gichtigen Fassaden, die man vom Kirchhof zu erblicken gezwungen ist, bieten Reiz allein für den, der nie in solchem Modder suhlen musste, oder qua Gewalt noch Lust daran empfinden lernte.

5.8.07 12:24


Kriminalisierung? Infantilisierung!

Als die unangenehmen Studiengebühren in Hessen angekündigt wurden, fühlten sich 150 Studierende befleißigt, ihrem Ärger dadurch Ausdruck zu verleihen, dass sie die sogenannte Stadtautobahn mehrfach blockierten. Nun ist das kein isoliertes Phänomen, sondern war bei den ersten Streiks zur Einführung der Verwaltungsgebühr bereits angedacht und konnte damals nur mit Mühe abgewendet werden. Es scheint ein fast schon sexuelles Verlangen danach zu bestehen, dieses Ding Autobahn einmal zu besitzen, den Phallus Verkehr zu kastrieren.

Jeder Stau auf einer Schnellstraße stellt eine Gefährdung von Menschenleben dar, und so etwas nur der Medienwirksamkeit wegen aus Mangel an Masse zu riskieren entspricht beileibe nicht einer rationalen Wahl der Mittel. Jedoch verspricht die Besetzung einer ganzen "Autobahn" die Gloriole des Heldentums: Man hat etwas gewagt, den Alltag durchbrochen, Radikalität geheischt.

Drei der heldenmutigen Besetzer waren der Polizei bekannt und gegen sie wurde Anzeige erstattet, die nun zu einer Verurteilung wegen Nötigung führen dürfte und damit zu einer Geldstrafe. Wenn nun laut der Oberhessischen Presse vom 6.7.2007 die Asta-Sprecherin Karin Zennig zum Urteil verlauten lässt, dies sei eine unzulässige "Kriminalisierung des Protests", erweist sie der prinzipiell gerechtfertigten, ihrer Form nach aber unappetitlichen Protestbewegung einen Bärendienst.

Denn kriminell im Sinne des StGB wurden die Protestierenden, die sich bewusst für eine Verletzung der Rechte von anderen Individuen entschieden haben, die nicht im Bagatelldelikt anzusiedeln ist. Es wurde eine Straftat begangen. Darüber ist man sich bei jeder Gleisbesetzung eines Castortransportes im Klaren, es gibt Solidaritätsfonds und Anwälte, die Strafen lindern sollen. Völlig unsinnig ist es im Falle der Autobahnbesetzung, das Ganze nun infantil als gemeine Volte des Staatsapparates darzustellen, denn allen Beteiligten war das Risiko und die Illegalität der Besetzung bewusst, der Paragraph ist keineswegs neu oder eigens für Studierende gedehnt worden. Es wäre im Gegenteil besorgniserregend, wenn der Staatsapparat für die erfolgte Machtaneignung, die auf Selbstjustiz einer Minderheit basiert, Verständnis zeigen würde.

Bei diesen Aktionen wurden Menschenleben auf Seiten der Demonstranten und auf Seiten der Verkehrsteilnehmer gefährdet und es gibt keinen Grund das nicht juristisch zu verurteilen. Darüber hätte man sich im Vorfeld im Klaren sein können. Das Risiko angemessen abzuwägen und dann auch zu tragen sollte Grundbedingung bei jeder Protestform sein. Man wägt ab, verletzt ein Recht, um auf ein größeres Unrecht aufmerksam zu machen und zahlt hinterher gemeinsam die Zeche. Das Urteil ist berechenbar und vorraussichtlich glimpflich. Von Kriminalisierung zu reden, bedeutet hier die zu verhöhnen, die tatsächlich von Kriminalisierung reden können, als winziges Beispiel seien die Urteile über Mohammedkarikaturisten in Bonn angeführt oder das Skandalurteil zum Buchtitelbild von Stephan Grigats "Feindaufklärung".

 

6.7.07 11:32


Deutsche Autonome - Gärtner und Gnome!

Die taz interviewte Sven Giegold und Olaf Bernau, um herauszufinden, ob man Steine schmeißen darf. Giegold, der den Attac-Mobilisierungsclip mitzuverantworten hat, benennt nochmal das Vorgefallene:

Giegold: Die Frage war aber nach Steinwurf. Was ich mir von dir wünsche - dass du meine Erschütterung nachvollziehen kannst: Aus einer Demonstration heraus, die wir mitorganisiert haben, wurden die Scheiben eines Polizeiwagens eingeschmissen, in dem Polizisten ohne Helme saßen. Anschließend wurden Steine hinterhergeworfen, um die Leute auch richtig zu treffen. Ich empfinde das als menschenverachtend.

Worauf Bernau den Abwehrreflex zündet:

Bernau: Ja, das stimmt. Die Polizei hat aber auch massiv Unbeteiligte angegriffen. Und sie hat es aus einer Position von Rundumpanzerung gemacht.

Nach einigem Palaver greift Giegold nochmal an:

Giegold: Deswegen habe ich mit Teilen der linksradikalen Szene Probleme: Es geht immer um die Eskalation der Polizei. Hier ging die Eskalation von Demonstrationsteilnehmern aus.

Worauf Bernau direkt antwortet:

Bernau: Wenn man nur den Samstag nimmt, würde ich sagen: Der Anfang wurde in der Tat von Seiten der DemonstrantInnen gesetzt. Aber was ist mit den Razzien in den Wochen zuvor, den Demoverboten, den ständig rotierenden Hubschraubern?

Man zieht sich also zurück auf eine Urattacke der Polizei, die Entgrenzung von Raum und Zeit findet statt. Aus unabhängigen Polizeiaktionen wird eine Totale geschmiedet, die sich nur als bösartiges Äußerliches im Kopf der Beteiligten abbilden kann. Aus dieser Entgrenzung heraus zieht der autonome Linke die Legitimation, jederzeit und ohne Ansehen der Umstände loszuschlagen, im Zweifelsfall wegen Benno Ohnesorg damals. Das Wertgesetz der Autonomen lautet: XBulleA=YBulleB. Bis zu G-W-G' sind sie nie vorgedrungen.

Die ständig rotierenden Hubschrauber versetzen den Linken anscheinend in ein Vietnamkriegstrauma, aus dem heraus er schuldunfähig wird. Diese Erbärmlichkeit der Legitimierung, der Sympathie mit nihilistischer Gewalt herauszuarbeiten ist das Verdienst der Redakteure wie Giegolds gleichermaßen. Das Herumbrüten auf der Form allerdings tastet nicht an die allen Anwesenden gemeinsamen Wahngebilde heran, die zu der Entgrenzung führten. Da wird letztlich nur darüber diskutiert, wie den USA und Israel letztlich am publikumswirksamsten der Garaus zu machen ist, das ob steht außer Zweifel. Genaueres ist nachzulesen unter: "Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Goldkettchen." - Die G8-Proteste als Chiliasmus.

27.6.07 12:38


Fernstudium - Fetischisierung der Monade oder Emanzipation?

Dies ist ein von trigami vermittelter bezahlter Eintrag Hinweis: Dies ist ein von trigami vermittelter bezahlter Eintrag.

Der Chirurg, der sein Diplom im Fernstudium erworben hat, ist das Schreckgespenst zahlreicher Comedy-Pointen. Ein Fernstudium ist stets mit dem Vorurteil des Mangels an empirischer Erfahrung konfrontiert.
Der isolierte Student, fern des fruchtbaren Austausches zwischen Studierenden, entbehre der Fähigkeit zu Gruppenarbeit, Gruppendiskussionen und Referaten, die noch als Kennzeichen wahrer universitärer Ideale gelten. Die Überhöhung universitärer Leistungen, die vom humboldtschen Ideal längst sich verabschiedeten und positivistisches Prüfungswissen vermehrt und vorzeitig von Bachelorstudenten im vierten Semester fordern, geht dabei einher mit dem Ressentiment von der fernstudierenden Monade, die keine gesellschaftliche Vermittlung mehr kennt. Das kuschelige Kollektiv Universität neigt dabei zu identitärer Abwertung der Außenstehenden durch den elitären Dünkel der eingeschworenen Gemeinde.

Ein Fernstudium kann jedoch für bereits Ausgebildete, Arbeiter und Zweitstudenten ein Mittel zur weiteren Emanzipation sein. Es bietet die Möglichkeit gegen ein vergleichsweise geringes Entgelt den Wert der eigenen Arbeitskraft zu steigern, was selbstverständlich innerhalb kapitalistischer Verhältnisse die Investition und Konsumtion von Lebenszeit erfordert. Bereits während eines Arbeitsverhältnisses erklärt das Individuum seine Feindschaft gegen selbiges und greift mit der Hand zum eigenen Schopf, um darüber hinaus zu gelangen. Dem Konflikt mit dem Unternehmer wird so aus dem Weg gegangen, um die zeitlichen und finanziellen Einschränkungen, die mit dem schlechten oder nichtvorhandenen Job verbunden sind, als persönlichen Mangel zu empfinden und durchaus auch im Sinne des sich verwertenden Werts zu verbessern. Statt die Langeweile, die viele Arbeiter der zugegebenermaßen aussterbenden 35-Stunden-Woche plagt, zu akzeptieren, wird die nicht zur Reproduktion benötigte Energie umgewandelt in ein Vorbereiten einer prospektiven Veränderung der eigenen Lebensverhältnisse. Über moderne Produktionsmittel wie das Internet oder Telefonkonferenzen können ohne weiteres auch Kontakte zu anderen Studenten und Dozenten aufrechterhalten werden, die schriftliche Diskussion kann unter Umständen das kritische Ausdrucksvermögen mehr fordern als der bauchgepinselte, direkte und damit persönliche Small-Talk, das in einigen Seminaren zum Alltag gehört.

Prinzipiell bleibt das Fernstudium aber ein Produktionsmittel, das der Dialektik der gesellschaftlichen Umstände unterworfen ist, und ihr nicht enträt. Sich seiner zu bemächtigen, Produzent des eigenen Wissens zu werden, kann ebenso gut den Schritt in die relative Freiheit wie den Schritt in die verschärfte Abhängigkeit bedeuten, nicht selten beides zugleich.
Die darin enthaltene Dialektik treibt zu Blüten wie Überarbeitung, Burn-Out-Syndrom, Abzüge von der zur Reproduktion eigentlich dringend notwendigen Zeit. Das Fernstudium verhindert unter Umständen die ursprüngliche Akkumulation am Einzelnen, das Individuum wird nicht mehr zwingend aus seinem familiären Umfeld herausgerissen und in die doppelte Freiheit der Lohnarbeit oder des Studiums in der Stadt geworfen, sondern bleibt den stets wuchernden Ansprüchen der Familie ausgesetzt, sei dies nun die Bauruine der Eltern, der Familienbetrieb oder das Keuschheitsgebot der fundamentalistischen Familie, die es beispielsweise nicht ertragen würde, die Tochter den sexuellen Gefahren der liberalen, aufgeklärten Welt auszusetzen, ihr des Heiratspreises wegen aber dennoch einen Ingenieurstitel abverlangt. Für andere ist der Abschluss der erste Schritt aus ebendiesen Verhältnissen.

Für alle, die sich von je für eine phallische Erweiterung der Identität, den zusätzlichen Titel für die Vitrine oder für eine Ausflucht aus einem miesen Arbeitsverhältnis oder familiären Zwängen interessieren, folgt nun ein Erfahrungsbericht mit einem kostenlosen Online-Portals für Fragen zum Fernstudium.


Fernstudium-Infos.de wird von dem Kerpener Diplom-Informatiker Markus Jung (33) betrieben, der selbst ein Fernstudium absolviert hat. Das Portal besteht bereits seit 2004 und bietet nach eigenen Angaben das umfangreichste Informations- und Kommunikationsangebot zum Thema. Die Seitenabrufe werden mit "monatlich mehr als 50000" beziffert, die Gesamtbeiträge belaufen sich auf 25000. Die Website wurde ausgezeichnet mit dem Studienpreis "DistancE-Learning - Publikation des Jahres 2007".

Der zielgerichtet Suchende wird auf dem übersichtlichen Board schnell fündig werden. Die Google-Ads  über der Kategorienleiste sind leider kaum von den seiteneigenen Kategorien unterscheidbar und könnten ein paar Sekunden wegen Fehlklickens kosten. Die übliche Registrierungsmöglichkeit für Fragen auf den Foren wurde von mir erst auf den zweiten Blick entdeckt, die Anmeldung ist dafür sehr simpel.

Zunächst hat mich die Zahl der Anbieter von Fernstudiengängen überrascht, wird doch schlechthin die Fern-Universität Hagen damit assoziiert.
Unter Fernunterricht finden sich neben dem Goethe-Institut, das aber nur Deutschkurse anzubieten scheint, auch so nützliche Angebote wie ein Bibel-Fern-Unterricht zur Vorbereitung eines Theologiestudiums, oder eine Flex-Fernschule bei der man überraschenderweise nicht den Umgang mit der Flex lernt, sondern flexibles Lernen. Solche näheren Informationen werden dem Interessierten allerdings leider erst nach dem dritten Link gewährt.
Die universitären Studiengänge sind extra aufgelistet, internationale Anbieter fehlen nicht. Mit dem English-Speaking-Board will das Portal auch internationale Interessierte ansprechen.

Auf die FAQ wird sinnig und verständlich eingegangen.
Das sehr nützliche Forum Unterkünfte dürfte von allen zu Prüfungen und Klausuren mit Anwesenheitspflicht Geladenen geschätzt werden, hier werden die besten und billigsten Herbergen in der Nähe der Universitätsstandorte gesammelt und bewertet.
Ein übersichtliches, zum Portal gehöriges Weblog informiert und motiviert mit Erfolgsmeldungen und Veranstaltungshinweisen.

Zur Finanzierung eines Fernstudiums hat der Moderator praktische und eher humoristische Tips auf Lager, wie etwa den Folgenden:

5. Einschränkungen bei den eigenen Ausgaben (bleibt ja eh kaum Zeit für ;-)

Die weitere - auch individuelle - Beratung erfolgt erstaunlich kompetent, wobei auf den allerersten Blick nicht ganz ersichtlich ist, wer sich freiwillig zu Tipps bereit erklärt und wer professionelle Hilfe leistet. Es wird jedoch schnell klar, dass die Unterforen dem Austausch dienen, und jeder jedem auch Tips gibt, während die Moderation ebenfalls prompt und kompetent antwortet.

Insgesamt ist das Portal sicherlich eine gute, wenn nicht die erste Wahl, sollte man sich für einen Fernstudiengang interessieren, und wissen wollen, wo und wie teuer und unter welchen Umständen das möglich wäre.

2.6.07 13:45


Werbung und Commercials.

Werbung ist das a und o der liberalen bürgerlichen Gesellschaft. Als unverständlicher Teil der abstrakten Seite der Warenproduktion wird sie zum Gegenpol der Weltverbesserer: Sie zeichnen Vampire auf Briefkastenaufkleber, mit Sprüchen gegen Werbung. Zu Unrecht sehen sie sich umworben, scheinen sie doch von je schon zu wissen, was ihnen zum Vorteil gereicht: Das ehrliche, bodenständige, kleinbürgerliche Handwerk braucht keine Werbung, allenfalls in der Tafel mit den Tagesangeboten beim Dorfmetzger. Man weiß ohnehin, wo der heimelige Tante-Emma-Dorfladen wohnt. So verschulden sich diese Leute, indem sie Waren und Verträge weit über Wert bei vermeintlich vertrauensseligen Verwandten und Bekannten dritten Grades erwerben.
In einer komplexeren Welt mag man sich über Spams ebenso empören, wie man sich über den freundlichen Hinweis eines Freundes auf eine besonders attraktive Website mit den neuesten kritisch-theoretischen Veröffentlichungen freut. Beides sind jedoch vermittelte Phänomene, die zunächst einmal deshalb sympathisch sind, weil sie die Entscheidungshoheit dem Kunden überlassen, ihn in seiner Vernunft ansprechen und dafür keinen Mehraufwand scheuen.
Das Medium Werbung treibt zudem merkwürdige Blüten: Kunst, Lyrik, Kurzfilme, Schauspieler, Sport, kaum einen Bereich, den Werbung nicht zu Recht erfassen würde, ist sie doch Stempel der marktwirtschaftlichen Vermittlung von den scheinbar autonomen gesellschaftlichen Erscheinungen und der sie zutiefst bedingenden kapitalistischer Produktionsweise. Ein Miesepeter, wer darin einen unzulässigen Angriff auf ein von der Warenproduktion nicht Affiziertes sieht, eine ominöse Beeinflussung der urteilslosen Masse, wie noch bei Diskussionen über das Plakatgesetz vom 13.4.1849 gemutmaßt wurde.


Kurz und gut, ich habe mich bei einer kleinen Rezensionsvermittlung beworben und einen Auftrag erhalten, 40 € für eine kurze, völlig freie Beurteilung einer Website, die als nächster Artikel erscheinen wird. Aus gewissen Gründen ist diese Vermittlungsagentur (wie andere) sehr darauf bedacht, Schleichwerbung und die negative Publicity, die damit verknüpft ist, zu vermeiden, das bedeutet: jeder Auftrag muss als kommerzieller EINDEUTIG gekennzeichnet sein und entsprechende Links und Logos aufweisen, sonst gibt es keine Kohle. Für einen armen Studenten sind 40€ ein unverzichtbares und willkommenes Zubrot, Frucht der langen Mühen, ein neues Paar Schuhe oder das dringend benötigte Standardwerk zur Einführung in das Nowikow-Selbstübereinstimmungsprinzip.
Die bei den Rezensionen ausdrücklich erwünschte redaktionelle Freiheit wird mir auch in den wenigen bezahlten Rezensionen ermöglichen, so kritisch zu bleiben, wie ich es ohnehin geblieben wäre, lediglich das Thema wird vorgegeben. Wer einen Ausverkauf von nichtidentisches vermutet, sei zum ersten zu schärfstem Protest und Diskussion via Kommentarfunktion oder Mail aufgefordert, und zum zweiten vorweg beruhigt:
Weder werde ich weniger zu anderen Themen schreiben, noch wird in irgendeiner Weise mehr Schleichwerbung betrieben, als ohnehin der Fall.
Beschwert euch einfach, wenn die Lesbarkeit oder die Qualität in irgendeiner Weise abnehmen sollte. Die eingenommene Kohle von Heuschreckenfirmen werde ich selbstverständlich nach Kräften nutzen, um Arbeiterinnen in thailändischen Sweatshops auszusaugen, Mauern und Zäune um Palästina zu bauen und bei Condoleeza Rice Klavierstunden zu nehmen.
31.5.07 14:19


Staat und Hexerei in Afrika

In vielen Staaten Afrikas ist Hexerei nach der Dekolonisierung als juristisches Delikt wieder eingeführt worden. In Kamerun wurden seit Ende der 70-er Angeklagte aufgrund von Zeugenaussagen von witchdoctors bis hin zu zehnjähriger Haft verurteilt.

In anderen afrikanischen Staaten wird in juristischen Periodika eifrig darüber diskutiert, der Trend geht zu mehr gerichtlicher Verfolgung von Hexerei.

Die Argumente teilen sich in eine pragmatische Linie, die resigniert vor der Lynchjustiz und zugunsten der Opfer eine Rechtssprechung anstrebt bis hin zu offen affirmativen Empfehlungen: Hexerei existiere und nun sei die Zeit gekommen, sie gerichtlich zu belangen.

Während der Kolonialzeit gab es witchcraft acts der Regierungen, die Anklagen und Verfolgung verboten hatten. Dies wurde als Komplizentum von Weißen mit Hexen verstanden.

Die pragmatische Argumentation scheitert am Kern des Hexenglaubens: Die öffentliche Überzeugung. Wird eine Hexe entgegen des Volkszorns freigesprochen, wird sie eben im Nachhinein gelyncht. Wird eine Person schuldig gesprochen, die weite Teile für unschuldig halten, diskreditiert dies das Gericht, was auch nicht weiter schlimm wäre. In dieser Hinsicht kann die gerichtliche Verfolgung allein als Verlängerung des Mobs gelten.

Diesen zu instrumentalisieren wurde bereits unter dem marxistisch-leninistischen Präsidenten Kerekou in Benín versucht. Dieser hatte während Hexereiunruhen nach Epidemien in den 70-ern eine Kampagne zur Identifizierung der Bourgeouisie mit Hexen gestartet.

In der traditionalistischen Sicht widerspricht die gerichtliche Verfolgung der Aufgabe der witchdoctors. Die Hexe müsse nicht bestraft, sondern von ihrem Opfer vertrieben werden. Eine Hexe im Gefängnis kann weiter wirken. Nicht so sehr der punitive Aspekt, als vielmehr der caritative steht im Mittelpunkt herkömmlicher Vorstellungen. Zu diesem caritativen zählte allerdings als Möglichkeit auch die Ermordung der Hexe, um den Kranken zu befreien.

In Südafrika, das gewissermaßen eine Position der afrikanischen Avantgarde auch gegenüber dem Westen verteidigen muss, ist die Situation noch zwiespältig. Einerseits wird das Thema Hexenjagden gedeckelt. Weil viele Regierungsmitglieder an Hexerei glauben, wird dieser Glaube so schnell nicht geächtet werden.

In den am stärksten betroffenen Gebieten entstehen hinter Polizeistationen Ghettos von wegen Hexerei Verfolgten. Bisweilen verraucht der Volkszorn nach einer Weile, und eine Person kann unbehelligt zurückkehren und ein geachtetes Leben führen. Dennoch werden weiterhin hunderte von Menschen gelyncht, oder wie das in Afrika häufig praktiziert wird: necklaced. Beim Necklacing wird dem Opfer ein Autoreifen umgestülpt, um es bewegungsunfähig zu machen, und dann mit Benzin übergossen und angezündet.

Lektüre und Forschung dazu besteht reichlich, das Phänomen ist vergleichsweise besser beforscht als Genitalverstümmelung (FGM, MGM). Dennoch ist mir keine einzige NGO bekannt, die sich mit Hexenmorden befasst. Niemand möchte in den Ruch des Otherings geraten, oder gar die gewaltige Aufgabe antreten, die gewaltige Mehrheit derjenigen zu kränken, die in Afrika an Hexen glauben.

Hier verwendete Literatur:

Peter Geschiere: The Modernity Of Witchcraft. Politics And The Occult In Postcolonial Afrika. 1997, University of Virginia Press. Ca. 20 € bei Amazon. Hier insbesondere Kapitel 6.

Joachim Kaetzler: Magie und Strafrecht in Südafrika. 2001. Verlag für europäische Hochschulschriften.
Etwas kulturrelativistisch in manchen Stellen, aber fundiert und reichhaltig.

 

9.4.07 13:25


Adornopantoffeln an Dialectique blanche

 
Wie manchen Dingen Gesten, und damit Weisen des Verhaltens eingeschrieben sind. Pantoffel - "Schlappen", Slippers - Sie sind darauf berechnet, daß man ohne Hilfe der Hand mit den Füßen hineinschlüpft. Sie sind Denkmale des Hasses gegen das sich Bücken. (Adorno, Minima moralia, S. 198)
 
Erklärung a): Adorno hatte einen humoristischen Anfall.
Erklärung b): Adorno übertreibt.
 
Zumindest lässt er andere Erklärungen außer Acht. Dass Pantoffeln Brutstätten von schwitzigen Füßen und Fusspilz ebenso sind, wie von Treppenstürzen, Nährlösung der Achtlosigkeit gegen sich selbst, bleibt außen vor. Allein Barfußlaufen bliebe tatsächlich ein Denkmal des Hasses gegen Bückware wie Pantoffeln. Jawoll!
 
Dialektik verkümmert dann zu affirmativem Romantizismus, der individuelle Regungen wie Teddys persönliche Liebe für Pantoffeln zu gesellschaftlichen, ja sogar natürlichen erklärt, und damit das Individuelle daran verleugnet, der Reflexion über ganz privaten Fetischismus aus dem Wege geht. Was ihm so erspart bleibt: Die Betrachtung des eigenen Denkmals für den ... Pantoffelheld.
19.3.07 11:47


Odysseuskapitel revisited

Die "Dialektik der Aufklärung" gehört zu jenen furchtbaren Büchern, die ein mutagenes Innenleben entwickeln. Auch nach der dritten Lektüre haben sich ähnlich den Treppen in Harry Potters Hogwarths scheinbar aufs Neue wichtige Sätze eingeschmuggelt, andere ihre Bedeutung gewandelt, und immer kann man sicher sein, etwas noch Exotischeres in den verwinkelten düsteren Gängen und dichten ephemeren Wäldern dieses unscheinbaren Büchleins zu finden. Mimetisch schmiegt sich der eigene, um Erfahrung bereicherte und beraubte Geist an das stets zwischen Kontakt und Rezeption selektiert wahrgenommene Geschriebene neu an, legt alte Hüllen wie Larvenhäute ab.

Unter dem Aspekt der Mimesis betrachtet, wird erst deutlich, wie sehr die Dialektik der Aufklärung auf dieses Konzept angewiesen ist:

"In Wahrheit verleugnet das Subjekt Odysseus die eigene Identität, die es zum Subjekt macht und erhält sich am Leben durch die Mimikry ans Amorphe. Er nennt sich Niemand, weil Polyphem kein Selbst ist, und die Verwirrung von Name und Sache verwehrt es dem betrogenen Barbaren, der Schlinge sich zu entziehen: sein Ruf als der nach Vergeltung bleibt magisch gebunden an den Namen dessen, an dem er sich rächen will, und dieser Name verurteilt den Ruf zur Ohnmacht. Denn indem Odysseus dem Namen die Intention einlegt, hat er ihn dem magischen Bereich entzogen. Seine Selbstbehauptung aber ist wie in der ganzen Epopöe, wie in aller Zivilisation, Selbstverleugnung. Damit gerät das Selbst in eben den zwangshaften Zirkel des Naturzusammenhangs, dem es durch Angleichung zu entrinnen trachtet."
(DdA 1971, S. 62)

Der seiner selbst unmündige Mensch bedarf ebenso wie Polyphem des Konkreten, um seinen Rachegelüsten Namen zu verleihen. Vor dem Abstrakten erstarrt er in Unverständnis (dieses kommt in seinem Konzept nicht vor) um beim leisesten Geräusch eines Konkreten mit Pflastersteinen zu werfen, Bankenscheiben zu zertrümmern, Geld, Bücher oder Flaggen zu verbrennen. Die Nazis verlasen nicht ohne Grund explizit die Namen und Titel der verbrannten Werke.
Dazu passt eine andere Geschichte aus Japan: Die Samurai prahlten vor dem Kampf Mann gegen Mann mit den Aufzählungen ihres Stammbaumes und ihren Heldentaten. Der Name war alles, was kämpfte. Ohne Ehre hatte das Subjekt keine Berechtigung. Die anrückenden feindlichen Truppen vom Festland dagegen schritten unverzagt direkt zum Kampf und überraschten die auf den Kodex versessenen Samurai mit tödlichen Attacken, während diese noch fanatisch ihre Liturgie herunternudelten. 
Das namenlose Heer der Neuzeit ist der Niemand, den Odysseus mimte, die Samurai bedurften wie Polyphem des Namens, um zum Kampf zu schlagen. Gegen ein Heer aus Niemanden konnten sie schlecht kämpfen.
 
Erst die postnazistische Moderne lernte unter dem Einfluss der Guerrilla das Massenheer und den damit einhergehenden Bewegungskrieg, den das Maschinengewehr zum Selbstmord machte, geringer zu schätzen, als Elitetruppen. Die Human-Wave ist zwar immer noch ein von schlechten Strategen eingesetztes taktisches Mittel. Gegen den vereinzelten Hubschrauberpiloten im Apache kann kein Massenheer mehr etwas anrichten und ein John Rambo, mimetisch mit der umgebenden Natur verschmolzen, besiegt im Alleingang ganze Garnisonen.
 
Damit steigt paradoxerweise der Wert des Individuums in der Armee, das bis in Untergruppen und den Einzelkämpfern der Elitetruppen taktisches Geschick aufweisen muss. Die Generäle sitzen zwar immer noch abseits des Schlachtgeschehens auf dem High-Tech-Hügel. Jeder bessere Anti-Kriegsfilm hat aber heute Befehlsverweigerung (allein zur Durchsetzung des militärischen Erfolgs!) und individuelles taktisches Geschick zum Thema. Der römische Legionär in der anonymen Quadratformation ist Vergangenheit.
 
Die Mimesis an Natur, vermeintliches Charakteristikum der Wilden, wirkt weiter: Der Pilot ist mit der Waffe komplettiert zum Superkämpfer. Der wehrhafte Hubschrauber das Abbild der harmlosen Libelle und des Ahornsamens. Diese Mimesis ist keine andere, als das immer noch übliche jahrmillionenalte Beschmieren mit Tarnfarbe und Schlamm, die Camouflage, die sich Natur gleichmacht, zum unsichtbaren Niemand zu werden sucht, um letztlich den Sieg über Polyphem, das einäugige Andere, davonzutragen. Die Cyborgs der Sci-Fi-Serien sind Kopien, Mimikry des Menschen. Zwischen Borg und Mensch allerdings entsteht hier erneut der Konflikt, Commander Data entwickelt wie der kleine Junge in AI von Spielberg eine menschlich-emotionale Intelligenz, Technik wagt den mimetischen Rückschlag, wo sie doch via Mimesis Beherrschung der menschlichen und außermenschlichen Natur bringen sollte.
 
 
Ende des Fragments. In der nächsten Mimesis-Folge wird John Rambo genauer unter Mimesis-Aspekten betrachtet werden.

16.3.07 22:25


Mimesis und Alterität

Erwin Wurm: "Adorno was wrong with his ideas about art."

Vor einiger Zeit erhielt ich folgende Anfrage:

Floris / Website (17.8.06 22:31) Ich hätte da ein Thema, das mir gerade gestern zum wiederholten Male Kopfzerbrechen bereitete: Kannst Du auch deadornieren? Den Begriff von Mimesis etwa, wie er insbesondere in den "Elementen des Antisemitismus" verwendet wird. Inwiefern ist die den antisemitischen Hass auf sich ziehende Mimik mimetisch? Auch wenn an einer Stelle erwähnt wird, dass die Mimik von den Eltern abgekupfert werde, kann wohl kaum "Nachahmung" gemeint sein, oder? Deute ich das richtig, wenn mit mimetischen Handlungen in diesem Zusammenhang allgemein ungebändigtes, unkontrolliertes, dem begrenzt Aufgeklärten als "natürlich" erscheinendes Handeln gemeint ist? Wenn es so wäre, warum schreiben sie dann mimetisch? Verrückt.

Nun, dazu habe ich ein hervorragendes Buch entdeckt, das ich hiermit Floris und allen, die es interessiert, wärmstens ans Herz legen möchte:

Michael Taussig: "Mimesis und Alterität. Eine eigenwillige Geschichte der Sinne."

Taussig ist Ethnologe und verwendet ethnologisches Material von Erstbegegnungen mit Feuerlandindianern und südamerikanischen "weißen Indianern", sowie Reklame und David Lynchs "Wild at Heart" um zentrale Fragestellungen zur Vermittlung von Abgrenzung und Mimesis darzustellen. Dabei hegt er eine Abneigung zu postmodernen Nullaussagen und Tautologien (Das ist kostruiert, weil das konstruiert ist), und fühlt sich Walter Benjamin in besonderem und Adorno/Horkheimer etwas nebenständig verpflichtet.

Seine zentrale These: Mimesis ist mit Abgrenzung eng verknüpft. Häufig ist nicht äußerliche Ähnlichkeit das Ziel. Nachahmung kann Verspottung heißen, Bewältigung von schwierigen Situationen. Mimesis ist kein besonderes Merkmal der rückständigen Wilden, wie das im ausgehenden 19. Jahrhundert Lehrmeinung war, sondern bei den Matrosen europäischer Schiffe ebenso verbreitet wie bei den Indianern Feuerlands. Mimesis holt Zivilisation ein, die vermeintlich jene als naturhaft verpönten Regungen beherrscht und sublimiert.

Das "Vergnügen, das aus der Täuschung zu gewinnen ist", erscheint gegenüber der Mimesis der Mimesis harmlos, angenehm. Die Mimesis der Mimesis, wie Adorno/Horkheimer sie als wesentlich für den Faschismus beschreiben, verdrängt die Mimesis in fahrenden Schauspielern und Kabarett, und versucht mit gewaltigen Fahnenmeeren und Menschenmassen mimetische Rituale zu kopieren um mimetische Impulse zur Mimesis an den Staat zu lenken.

"Sie können den Juden nicht leiden, und imitieren ihn immerzu. Kein Antisemit, dem es nicht im Blute läge, nachzuahmen, was ihm Jude heißt. Das sind immer selbst mimetische Chiffren: Die argumentierende Handbewegung, der singende Tonfall, wie er unabhängig vom Urteilssinn ein bewegtes Bild von Sache und Gefühl malt, die Nase, das physiognomische principium individuationis, ein Schriftzeichen gleichsam, das dem einzelnen den besonderen Charakter ins Gesicht schreibt."
(Adorno/Horkheimer, Dialektik der Aufklärung)

Und Taussig, Adorno/Horkheimer rezipierend:
"Nach Horkheimer und Adorno wird Mimesis, die sie wechselnd als Imitiation oder Einfühlung ansprechen, von der Zivilisation nicht bloß unterdrückt. Im Gegenteil, Zivilisation spürt den Feind auf, wendet den Geruch in einer Nachahmungsorgie gegen sich selbst. Rassismus heißt der Exerzierplatz, auf dem die Haßliebe zu ihren unterdrückten Trieben eingeübt wird, zur Nase des Juden (seiner Hab-gier), zur schwarzen Hautfarbe der Neger (ihrer angeblichen Sexsucht) usw. So ruft die Idiosynkrasie der Minderheit nacht Horkheimer und Adorno "Augenblicke der biologischen Urgeschichte" wach und "Zeichen der Gefahr, bei deren Laut das Haar sich sträubte und das Herz stillstand"."

Juden wirft man das blutige Ritual vor, Magie, Infantizid, um Christus Macht zu imitieren, und so werden sie "dessen schuldig gesprochen, was sie, als die ersten Bürger, zuerst an sich gebrochen haben: Der Verführbarkeit durch das Untere, des Dranges zu Tier und Erde, des Bilderdienstes."

Sie werden dem Bild gleichgemacht. So mündet Mimesis wiederum in Alterität, in Abgrenzung gegen das Andere, in Nachäffen dessen, was man an sich nicht gleichhaben will. Soviel als der Büffeltanz der Indianer ist der Kinderfasching mit Indianern und Cowboys Mimesis.

Taussig macht mit "Mimesis und Alterität" einen originellen Wurf, der wissenschaftlichen Dünkel ebenso ins Schwitzen bringt wie dessen halbgebildete starren Begrifflichkeiten zum Tanzen. Dabei geht ihm mitunter die Sprache ebenso durch (warum zum Beispiel müssen es die zwei geschnitzten Schildkröten "miteinander treiben"?) und bisweilen wünscht man sich etwas mehr Ernsthaftigkeit und Konsequenz in der Darstellung, die sich manchmal etwas kulturrelativistisch gegen sich selbst wendet. Bei der Lektüre wird wohl jedem die Bedeutung von Mimesis für Verständnis von Gesellschaft ins Auge springen, nebenbei werden ethnologische und philosophische Wissenschaftstheorien kompakt und an zahlreichen Beispielen anschaulich aufbereitet.

Also, um die puddingsweichen Begrifflichkeiten zusammenzufassen:

Mimesis ist eng mit Abgrenzung vermittelt. Als Naturbeherrschung imitiert sie Natur, um das Andere von Natur sein zu können. Daneben kann Mimesis aber auch ins passive Aufgehen münden, in das Beherrschenlassen von einem Objekt, das Freuds "Todestrieb", den er besser unter Narzissmus gefasst hätte, gleich sieht. 

Mimesis der Mimesis ist die idiosynkratische Nachäffung der verdrängten mimetischen Impulse.

Idiosynkrasie ist sowohl das abweichende Verhalten einer Minderheit, als auch die allergische Reaktion der Anderen darauf. Bisweilen vermischen sich diese Begrifflichkeiten.

12.3.07 11:48


Der Raucher-Shylock von der taz


Che Guevara, Arzt, rauchte um sein Asthma zu beruhigen.

Die Antideutschen und die radikalen Liberalen kämpfen derzeit an drei Fronten: Iran/Islamismus, Klimakatastrophe und das Rauchen.

Haben sie zum Antisemitismus bisweilen noch sehr überzeugende, wenngleich nicht immer wortgewaltige Argumente eingepackt, wirds zu den letzten beiden recht dünn. Da bleibt allein das Privatinteresse als dürres Gerüst der polyphonen und doch eintönigen Attacken auf notwendig misslingende staatliche Vermittlung von gegenläufigen privaten Interessen.

Als ich in "Rauchen als Verkehrung" eine polemische Absage an zwei häufige Pro-Raucher-Argumente entwarf, nämlich das der Lustfeindlichkeit und das des Privatinteresses, als tendenziös bezeichnete und zudem in die Nähe einer gewissen Ähnlichkeit zur Todesontologie des Islamismus rückte, hagelte es erbitterte Proteste. Ich würde den Antisemitismus verharmlosen. Der von mir als "Raucherdjihad" bezeichnete Akt: mittels militantem Rauchertum gegen lustfeindliche und allzusehr lebensbejahende Spießer die konformistische Revolute anzuzetteln - habe so gar nichts mit antiindividualistischem und todesverherrlichendem Revoluzzergeplapper gemein.

David Fischer-Kerli stellt diese Diskussion vom Kopf auf die Füße, und nimmt FÜR das Rauchen Partei ein in seinem taz-Artikel "Macht nur so weiter!" vom 27.2.2007.

Hurra, das Rauchverbot in der Gastronomie kommt doch! Und alle freuen sich und applaudieren: "Bravo, es geht doch!" Nur der einsame Raucher reibt sich verwundert die Augen: Warum wird immer vom "Schutz der Bevölkerung" gesprochen, als wollten alle dasselbe, als ginge es um eine unheimliche außerirdische Gefahr? Gehören Raucher nicht auch irgendwie zur Bevölkerung, vielleicht sogar zur Menschheit? Wenn man sie kitzelt, lachen sie dann nicht? Wenigstens ein bisschen? Übergangen zu werden ist das Los von Minderheiten.

Shakespeares Shylock ist halt immer für ein Plädoyer gut. Die Raucher sind anscheinend auf einmal eine schützenswerte "Minderheit", die, eine solche Träne muss das Selbstmitleid schon abdrücken: immer übergangen wird. Schluchz! So unappetitlich ist dieser urdeutsche Jammerjargon gerade dann am meisten, wenn er sich mit den Opfern des Antisemitismus identifiziert.

Die traurige Wahrheit: Um den Nichtraucherschutz geht es schon lange nicht mehr, es geht gegen die Raucher. Oder was hat es noch mit dem Schutz vor Passivrauchen zu tun, wenn öffentlichen und am besten auch gleich privaten Bediensteten das Rauchen in ihren eigenen Büros verboten werden soll? Es ist eine beunruhigende Vision vom "guten Leben", die hier mit Macht durchgedrückt werden soll; Genuss ist nur noch in Form von Wellness erlaubt, alles andere ist Laster.

Ausgerechnet die, denen der Schutz von Passivrauchern schon immer am Arsch vorbeigieng, römpömpeln jetzt Fachsimpeleien über angebrachte Maßnahmen zum Nichtraucherschutz in ihre allzeit bereiten Berichterstattern. Die zeitliche Konstante markiert die konservative Attitüde des Ganzen: schon lange nicht mehr, noch, Vision, nur noch, alles. Früher war alles besser, heute ist alles nur noch Kommerz, unechte Wellness, kein richtiger Spaß mehr, uneigentlich. Am Horizont dräuen derzeit nie gesehene Abgründe, der jüngste Tag ist nahe, denn es gibt ein Rauchverbot in Gaststätten.

Schon keimen Hoffnungen, ein Rauchverbot könnte auch den Alkoholkonsum senken. Vernunft ist das Gebot der Stunde, das hat unlängst auch der Spiegel erkannt: "Es könnte, wenn Vernunft die Grundlage der Politik wäre, recht einfach sein: Rauchen bringt in Deutschland jährlich rund 130.000 Rauchern den Tod, ein konsequentes Nichtrauchergesetz (sic!) würde die Zahl der Tabakopfer reduzieren." Der Verdacht drängt sich auf, dass es ausschließlich Nichtraucher sind, die solche Sätze formulieren.

Es sieht ganz danach aus, als wolle der nicht aufhörende Antiraucherkreuzzug vor allem die hierzulande so beliebte Haltung des Auf-dem-Sofa-Sitzens-und-Übelnehmens institutionalisieren. Witzig ist, dass zurzeit in den deutschen Feuilletons eine Debatte über die Toleranz geführt wird: Keine Toleranz der Intoleranz von Fundamentalisten! Gemeint sind islamische Fundamentalisten. Nicht gemeint sind Nichtraucher.

Und schon sind wir wieder beim Thema: Dass freiwillige Selbstverpflichtung ebenso scheiterte wie gutes Zureden oder öffentliche Appelle, dafür können "die Raucher" nichts. Im Gegenteil, der ANTIRAUCHERKREUZZUG hört nicht auf, und bejammert wird, dass mehr gegen die Intoleranz der Fundamentalisten unternommen würde als gegen die der Nichtraucher. Schämt euch, Nichtraucher! Intolerantes Pack! Wollt ihr etwa ewig leben?
Militante Raucher können sich eben nur als Opfer wahrnehmen, und dazu müssen auch Schranken überschritten werden, die der gute Geschmack verbietet. Islamisten=Nichtraucher! Obwohl, waren jetzt die historischen Gegner der Kreuzzüge Islamisten oder Juden? Egal, die Debatte um den Islamismus ist für solche Bordsteinphilosophen allenfalls "witzig", und das vor allem, wenn man sie in ein instrumentelles Verhältnis zu den eigenen Befindlichkeiten rückt.

Es ist ja auch so schön, anderen Leuten etwas zu verbieten, was man selber gar nicht machen will, das befreit. Auch frustrierte Politiker, die sich angesichts der Globalisierung zunehmend [sic!] handlungsunfähig [sic!] fühlen [sic!]. So ein nettes kleines Verbot kommt da immer gut. Seltsam - eigentlich soll doch immer der Markt alles regeln. Könnte man ihm dann nicht einfach auch zutrauen, Raucher in Raucherkneipen und Nichtraucher unter ihresgleichen zu lotsen? Weit gefehlt, denn immerhin geht es um ein hohes Gut: die Volksgesundheit, Dauerbrenner seit 1933 (der Zeit, zu der das Passivrauchen erfunden wurde). Unter dem "im Grundgesetz verankerten Schutz des geborenen und ungeborenen Lebens" (Deutsches Krebsforschungszentrum) macht es die Nichtraucherlobby mittlerweile kaum mehr. Da ist es auch egal, ob überhaupt Nichtraucher in der Nähe sind. Kommen dann noch die armen, unschuldigen Kinder hinzu, wird es eng. Um junge Menschen vor den schlimmen "Killerspielen" zu schützen, würde Beckstein sie am liebsten auch gleich den Erwachsenen verbieten, sicherheitshalber.

Vom Shylock zum Fundamentalismusopfer zum Opfer des Naziregimes: Der militante Raucher David Fischer-Kerli nimmt alles mit, im Doppelpack. Verschwörungstheorie mengt sich mit schaler Liberalismuskritik. Von der Globalisierung frustrierte Politiker wollen ja im Zweifelsfall nur eines: Divide et impera. Das letzte Opfer der allgewaltigen Globalisierung und letztlich der Nazis: Die Raucher. Verblüffend überzeugend kommt da der Schwenk von einer Kritik an Staatlichkeit zu der am Liberalismus: "eigentlich soll doch immer der Markt alles regeln." Was er anscheinend nicht getan hat, aber kein Grund ist, zu einer fundierten Liberalismuskritik oder einer Kritik am Staatsfetischismus zu schreiten. Auf das Sujet der Emotionen kommt es dem Propagandisten an, und das schreit hier: Die da oben-wir hier unten, diese Nazis-wir Opfer, die mächtigen Ärzte-die armen Patienten, verbieten-Freiheit. Die Aggression gegen Kinder und ihre Schutzbedürftigkeit, maßlose Verzerrung eines Neides auf Fürsorge, greift zur exaltierten Hemmungslosigkeit. [Einschub: Hier wurde ein Absatz gelöscht, der aus fehlerhafter Lektüre entstand.]

Schön für die große Koalition, dass solches Denken volksparteiübergreifend funktioniert: Die SPD-Bundesdrogenbeauftragte Bätzing lässt schon mal prüfen, ob und wie es möglich ist, Rauchen beim Autofahren zu verbieten. Klar wäre das ein Eingriff in die Privatsphäre, "aber wir müssen uns ernsthaft fragen, ob Verkehrssicherheit und Gesundheitsschutz nicht höher zu bewerten sind". Die Privatsphäre ist heutzutage sowieso nicht mehr allzu viel wert, wie die Herren Schäuble und Schily gerne bestätigen können. Und ist privates Kiffen vielleicht erlaubt? Eben! Natürlich spielt Bätzing auch noch den letzten Joker aus: Wie verantwortungslos handelt jemand, der mit Kindern im Auto sitzt und raucht! Noch ist Bätzing ihrer Zeit voraus, aber ihre Argumente haben schon etwas für sich. Tja, die Kinder.

Das Argument gegen Rauchen im Straßenverkehr ist dasselbe wie das, welches zum Mobiltelefoniereverbot im Auto führte, und es ist ein ebenso sinniges, wie die Pflicht zur Hupe oder das Verbot von anderen Drogen am Steuer. Wie oft fällt die Zigarette mal in den Schoß, schmort sich bis zum Gesäß oder schlimmer durch, wenn man nicht umgehend und reflexhaft nach unten blickt, um die Lage und Brandgefahr zu beurteilen. Brände, insbesondere nach Unfällen, wegen weggeschnippster Zigarettenstummel mögen kein finales Argument sein, aber eine beurteilenswerte, reale Gefahr. Wer länger im Auto raucht, weiß, dass man erst lernen muss, wie man die Kippe aus dem Fenster wirft, dass sie nicht postwendend wieder hereinweht, Glut- und Aschestückchen im Sichtfeld versprühend. Ganz zu schweigen vom gesenkten Sauerstoffgehalt im Blut und der so potenzierten Gefahr des Sekundenschlafs in Extremsituationen. Es geht dabei nicht um "Volksgesundheit", sondern um den Schutz von Individuen, deren Privatinteresse man gerade nicht dem Privatinteresse anderer opfern möchte. Und um den Schutz von Individuen vor sich selbst, im Falle des Rauchens kritisierenswert, aber prinzipiell eine Errungenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, die Psychiatrien errichtet, um Selbstmörder zu heilen. In keinster Weise wurde Rasse oder Volksgesundheit angesprochen. Dass ausgesprochen wird, was ein Skandal ist, dass nämlich kleine Kinder sehr häufig neben kettenrauchenden Eltern im Auto sitzen müssen, bleibt dem militanten Raucher vor allem aus einem Grund unerträgliche Provokation: Weil es daran erinnert, wie irrational und schädlich sein vermeintlich aus freiem Willen gewähltes Laster ist. Es geht nicht darum, WO er rauchen darf. Sondern WARUM er es an bestimmten Orten bald nicht mehr darf. Dass ihn jemand an seine Gesundheit und seine Abhängigkeit erinnert, empfindet er als inquisitorischen Naziterror.

Ausgerechnet ein militanter Raucher beschwert sich nun darüber, dass dies alles Lobbypolitik sei, und die Tabakkonsumenten keine solche hätten:

Schade, dass die Autolobby so stark ist, sonst müsste man das Autofahren auch gleich verbieten. Wenn nur Vernunft die Grundlage der Politik wäre! Schließlich werden jedes Jahr ganz viele Kinder totgefahren und andere Leute auch. Dabei lauern die schlimmsten Gefahren für Leib und Leben draußen, jenseits der Haustür! Rausgehen ist insgesamt ungesund, gerade für Kinder. Also: Vernunft zur Grundlage der Politik machen und das Verlassen der Wohnung verbieten. Und weil es drinnen auch nicht ganz ungefährlich ist, sollte man die schutzbedürftige Bevölkerung am besten auf ihren Betten festschnallen und mit schadstoffarmen Breichen füttern.

Die Maßlosigkeit ist Symptom des autoritären Charakters. Dass es kein Autoverbot gebe, das liege nur an der starken Lobby. Der eklatante Rückgang an tödlichen Unfällen im Straßenverkehr ist fortgeschrittener Technik und verkehrsrechtlichen wie verkehrspolitischen Maßnahmen geschuldet, was aber beflissentlich übergangen werden kann, denn ähnlich engagierte Maßnahmen sieht man bei der "Tabaklobby" vergeblich.

Die Bevölkerung, aus der die Forderung nach einem Rauchverbot in öffentlichen Räumen ungleich stärker kommt als aus der sehr zaghaften Regierung, wird als Opfer hingestellt, schon im Zwangsjäckchen gewähnt, die Apokalypse ante portas, wo doch nur eine völlig legitime Umsetzung eines völlig legitimen mehrheitlichen Wunsches stattfindet, wie in anderen demokratischen Staaten bereits geschehen, ohne dass daraus Faschismus und Erwachsenenverbot entstanden sind. Dass in Deutschland besonders bei jeglichen emanzipatorischen Schritten, sei es das Kopftuchverbot oder ein Tempolimit, die Dialektik des Privatinteresses auf beiden Seiten der Debatte unter den Tisch fällt, und in übertriebene, totale Forderungen mündet, darf gerne erwähnt und kritisiert sein. Dass Kritik an absurden Vorschlägen wie der des generellen Tabakverbots aber sich zu einer derartigen Volte aufspielt, trägt jene pathologischen Züge, die in "Rauchen als Verkehrung" nachgezeichnet sind.

Einen Begriff der Freiheit so zu entfalten, dass sie in der Verwirklichung der Freiheit des anderen gleichermaßen liege, haben gerade militante Raucher bislang wenig in die Praxis umzusetzen vermocht. Zumeist scheitert das allein schon an der Theorie.

28.2.07 15:36


Carne valesque


Quelle: GAWKER

Der denunziatorische Charakter, den Kinder noch als "Petze" zu benennen wissen, beherrscht auch jene Sphären, die manche als virtuell bezeichnen, deren Rückwirkung in die Realität allerdings einem Erdbeben gleich kommt. Infantil erprobt hier Autoritäres sich in Spielereien, die denen von Kindern nicht nur der Form nach gleich sehen. Analer Sadismus versucht im Stande der scheinbaren Freiheit - der Überwachung durch elterliche Fürsorge entkommen, der des sozialen Umfelds durch Anonymität entraten - seinen Platz an der Sonne sich zu erhalten.

Was jene nur spielen, vollziehen andere, und das Spiel, die Parodie vermag die Spieler über die Ernsthaftigkeit der Welt abseits ihres jeu de paume zu täuschen - wo es vermeint, das Wesen durch Exaltierung zu verraten, bemerkt es nicht, dass seine Travestie noch Teil desselben ist: Selbstreferentialität als zirkuläre Redundanz komödiantischer Bearbeitung der autopoietisch fortschreitenden Deprivation. Nicht jedoch entbehrt ihnen ein Bewusstsein darüber, nur aus diesem heraus schöpft sich der fanatische Überschlag, den das Spiel entfaltet, wenn es dem Ernst gerade dadurch nahekommt. Der Karneval, ekelerregendste konformistische Rebellion deutscher Niemalsrevolutionäre, trägt solche ihrer selbst nicht bewusste, gerade weil auf ihren Wert als bewusste pochende Infantilität weitaus wirkungsvoller in die Öffentlichkeit, als jene kläglichen Versuche, mit der Realität in der Maske der Satire zu spielen und so den unbequemen Verhältnissen ein weiteres Male den bequemsten Weg zu weisen: Die Setzung der Verhältnisse als instrumentelle, das Auflösen von Betroffenheit in Belustigung, die Ereignisse nur noch einzusortieren vermag in der propagandistischen Verwertbarkeit entsprechende Kategorien.

Zu raten wäre jenseits der Verweigerung im Bewusstsein ihrer Unmöglichkeit, an derartigen Kampagnen keinen Blick zu verschwenden und getrost das anvisierte Opfer in die Solidarität - Adynaton des Verwertungsprinzips - einzuschließen, wenngleich scheinhaft, so doch als negative möglich, als Verweigerung der Denunziation.

20.2.07 14:24


Murat Kurnatz Haare

Kein Blog ist sich augenscheinlich gerade zu schade für Witzeleien über Murat Kurnatz Frisur. Wenn die Ernsthaftigkeit des Anliegens, das zwischen Islamismus und gescheitertem Rechtsstaat anzusiedeln wäre, zum Spaß über Frisuren gerät, ist für mich eben jenes Niveau von Urban-Priol-Comedy erreicht, die Angela-Merkel-Frisur-und-Gesichts-Witze für gelungene Subversion hält.
 
5.2.07 14:27


Saddam is dead!

Heute wurde Saddam Hussein gehängt. Die Bilder auf CNN: etwas emotional, eine zu hagiographische Kurzbiographie, der Sprecher über Saddam während seines Prozesses: "He's fought his whole life and he dies ... fighting."

Die Bilder wecken Mitleid, sollen dies tun: Ein älterer Mann, gefasst wirkend, tritt seinen letzten Gang an, seine Henker mit schwarzen Masken erklären ihm gestikulierend den Ablauf seines Endes. Ein historischer Moment. Ein kurzes Augenzwinkern der Geschichte. Schnitt. Und weiter geht's. 30 Tote bei Autobombe in irgendeiner irakischen Stadt mit K. Und wieder Abscheu über die eigene Anfälligkeit für die propagandistische Selbstinzenierung Saddams als braver Bürger, als schicksalsergebenes Spielzeug der Verhältnisse. Er hat bekommen, was er verdient hat, und ist noch viel zu gut weggekommen.

Das tiefe Vertändnis für den etwas zaghaften, aber ehrlichen Jubel, der erste seit der Befreiung. Das Wissen, dass dieser alte Mensch am Galgen mehr als ein Mensch, ein Symbol, die Personifizierung der pervertierten Macht über die gesamten 90-er hinweg war. Die freie Welt ist sich im Prinzip einig: Dieses Regime darf nie wieder herrschen. Dann schon lieber einen Bürgerkrieg mit kleineren Guerrilleros, die zielsicher irgendwann das Schicksal einer lasergesteuerten Rakete oder der Autobombe eines Konkurrenten ereilt.

Die einen fürchten einen Märtyrer Saddam, wo jeder weiß, dass Märtyrer im Islam die sind, die im Kampf sterben, die sich nicht gefangen nehmen lassen. So einen wie Saddam hat Allah schon lange vorher verlassen. Der "Märtyrer Saddam" ist eine Projektion des friedensforschenden Westens und allein Saddam Husseins selbst. Nicht einmal die Baath-Partei will ihn ernsthaft wieder haben, keiner würde gerne wieder in totaler Abhängigkeit von seiner Paranoia und seinen Launen leben, er taugt tatsächlich nur noch als Symbol eines nihilistischen Terrorkrieges.

Der Jubel? Bleibt auch mir trotz des Verständnis, des Einverständnisses mit der Notwendigkeit dieser Tat im Bauch stecken. Eher: Ein Gefühl der Müdigkeit. Ein Hauch von Freiheit, und ein bisschen ein kurzer Placebo. Taugt nicht einmal zur Diskussion in der verrauchten linken Spelunke. Todesstrafe für so jemand, ja - nein, längst abgehakt. Ein Symbol ist tot. Die gesellschaftliche Zusammenhänge, die es repräsentiert und produziert hat, marodieren weiter vor sich hin, unter anderem dem Unwillen des alten Europas geschuldet. Saddam ist tot. 30. Dezember 2006. Ein Tag für's Geschichtsbuch. Vielleicht hilfts ein wenig. Und dumpfe Resignation.

Lucky: "Waren wir nicht gestern hier?"

[Samuel Beckett: "Warten auf Godot"]


30.12.06 13:46


Emanzipatorischer Sadomasochismus?

Ein Kleinod des postmodernen Feminismus fand ich auf einem Bücherflohmarkt: „Ansichten der Prostitution“ von Alice Frohnert, Frankfurt 1991, R.G. Fischer-Verlag, 195 Seiten.
Der Hass auf die angepassten „Schlampen“ sitzt tief in den Feministinnen, wie in "normalen" Frauen. Liza Li will sie „erschießen“, andere bezeichnen sie als aufgedonnerte, hörige „Schicksen“, Frohnert als „Verräter und Verbrecher an uns selbst“ (9).
Markant ist der offene und widersprüchliche Sado-Masochismus, mit dem Frohnert ihr „Objekt Frau“ behandelt und degradiert. Sie hasst mit dem Hass auf Männer, die Frauen das antun, Frauen für alles, was sie in der „Männerwelt“ darstellen: „Busenklingel, Mammon, große, exquisite Limousinen, Pin-Up-Girls“ (17). Primitiver Antikapitalismus mengt sich mit banalster Patriarchatskritik: „Die Frau stellt in allerlei Hinsicht einen flexiblen, plastischen Baustein des Kommerzes dar und ermöglicht das zielgerichtete Fließen der Wunschträume und somit mehr oder weniger das Fließen des Geldstromes“ (16). Ein wenig jesuitisch geht es zu in solcherlei Objektphantasien: „Der Körper der Frau wird geopfert, um die patriarchalische Gesellschaftsordnung zu konsolidieren“ (17).
An Poesie hat sie auszusetzen:
„Diese verstiegenen und überspannten Imaginationen des Frauenbildes entspringen dem suchenden männlichen Geist [Ahasver lässt grüßen, d.A.], seinen mentalen Vorstellungen und ästhetischen Utopien von einer Frau, die adäquat ist, den Funktionen seiner Wunscherfüllung gerecht zu werden. Es handelt sich hierbei um ein psychotechnisches Programm, das reaktionär und kriminell ist. Den Mensch wird fiktiv eine Deterritorialisierung, eine Dekodierung seines ihn umgebenden Ambiente insinuiert, wodurch er umso günstiger und leichter, ohne großen Aufwand von Polizeiapparaten und Bürokratismus, aber doch ‚gewaltsam’ territorialisiert wird. Sie erschließt neue Möglichkeiten des Lebens, simultan aber wird sie benutzt, um eine Kontestation seiner selbst, eine eventuelle Liberation zu prävenieren. Ihr verschiedenartiges Funktionieren maschinisiert die Frau in ihren somatischen Partialitäten und läßt sie stets dienlich sein. Es kann je nach Notwendigkeit von ihr profitiert werden“ (19)
 
Man fragt sich, auf welcher der beiden Seiten, auf dem totalen Objekt oder auf dem totalen Subjekt, Frohnerts sadomasochistische Identifikation mehr greift, sicher ist, dass vor allem sie selbst von diesem „Wunschbild“ profitiert. Der Leidensgewinn als Objekt ist enorm, gestattet er es doch, „die Frau“ von ihrer eigenen wie von der Restgeschichte freizusprechen, und ebenso groß ist der insgeheime und verleugnete Drang, sich mit diesem ominösen, allmächtigen männlichen Subjekt zu identifizieren, die Phantasie auszuschmücken bis ins letzte Detail und keine Übertreibung zu scheuen, den Folterer an der Folterbank der Geschichte darzustellen, natürlich ganz objektiv um ihn zu verdammen.
So zieht es sich durch das Buch fort: Im gegenwärtigen Status quo ist die Frau ein minderwertiges, verächtliches, geknechtetes Wesen, das den Namen Mensch nicht verdient. Dem (Selbst-) Mitleid kommt das Naserümpfen gleich. Das Subjekt hinter all dem: Der böse, durch "die Macht" verklemmte, lustgetriebene Mann, der die Frau seinen Wünschen total unterwerfen kann, weil ihm ebendieses System zu Diensten ist, dass es ihm erlaubt, die Frau zu „säßieren“ und zu „illudieren“ (15).
 
Als Nebenfeind, wie überraschend, kommt die Monogamie ins Spiel, die das freie Wirken der Lüste einschränke und so herrschaftstauglich werde: „Die Monogamisierung stellt ein herrschaftsstabilisierendes Moment dar. Sie mündet in der Institution der Ehe, die sowohl den Mann als auch die Frau betrügt und sie gefangen hält. Die Frau und der Mann werden daran gehindert, als freie Menschen ihr Dasein auszuleben und ihre reellen Wünsche, ihre Vorhaben zu erkennen, geschweige denn sie zu realisieren. Das gesellschaftliche Leben wird zu einem Gefängnis, das die Frau in einem weit größerem Maße betrifft als den Mann. […] Es wird über sie disponiert wie über tote Materie, sie wird bezwungen, getrimmt und abgerichtet wie ein Tier.(60)
 
Das erste, was feministische Bewegungen in islamischen Ländern fordern, ist die Abschaffung der Polygamie und die Durchsetzung der Monogamie. Monogamie ist zunächst keine notwendige Konstante von Unterdrückung und umgekehrt. Die christliche und islamische Frauenfeindlichkeit, wie sie im Zölibat und anderen Institutionen zum Ausdruck kommt, und wie sie auf Monogamie wie auf Polygamie gleichermaßen sich auswirkt, wäre konkret zu benennen, wenn die Analyse mehr als ein bloßes Feindbild bleiben soll.
Und weil es ansonsten nicht ohne das böse Geld geht, kommt es hier als Subjekt ins Spiel:
 
„Das Mana, der Fetisch, die sie [die Frau, d.A.] berücken und auf die sie gerichtet sein soll, kommen aus der Sphäre des männlichen Aktionsradius. Es ist der Mammon und seine Magie. Sie erfährt eine Introjektion, die Ehe stellt für sie ein Refugium, eine Geborgenheit dar, ihre materielle und moralische Sicherheit. Die Verehelichung steht als Synonym für Sekurität gegen irgendeine drohende Gefahr. Sie ist ein endgültiger Platz, die Annahme eines gesellschaftlichen Ranges, um nicht ahasverisch in Panik zu geraten.“ (60)
 
Allein Polygamie sei ein Ausweg, das freie Ficken unter freiem Himmel: „Liebe bedeutet ätherische Freiheit, kann nicht institutionalisiert werden, kennt keine Regeln, keine Gesetze.“(71) Ein solches christliches Liebesverständnis, das Liebe von seiner Grundbedingung, der Gegenliebe, abtrennt, und auf einen „ätherischen“ Begriff theologisiert, geht bei Frohnert einher mit einer Hinwendung zum rein Körperlichen, dem Orgasmus als biologischer Funktion und nicht einzuengendem Bedürfnis, wie es im Christentum einhergeht mit Frauenfeindlichkeit, die das reine, ätherische Bruderliebeideal aufrechterhalten muss.
 
Interessant ist, dass Frohnert trotz ihrer eklatanten Frauenfeindlichkeit zu einem relativ differenzierten Begriff der Prostitution schreitet. Doppelmoral ist dabei allerdings allein eine des Mannes, einen dialektischer Begriff von Prostitution sucht man vergebens. Der Mann (i.e. der Freier, was bei Frohnert eins ist) sehe die Prostituierte als hygienischen Makel der Gesellschaft an, auf den er doch im privaten nicht verzichten kann und will. Der Mann ist alleiniger Agent der Prostitution, die vom Mammon errichtete Gewalt der Ehe „amputiert“ seine Bedürfnisse. Und bei Frohnert weiß man nie, ob sie gerade anprangernd ihr Bild von der Realität wiedergibt oder selbst schon diese vertritt: „ Die ontologischen Ansprüche des Seienden nehmen eine konkrete Gestalt an, je nach den materiellen, sozialen, rechtlichen Lebensmöglichkeiten, die sich ihnen eröffnen. Wie sich der Körper einer Frau anderen Körpern gegenüber erlebt, ist für seine existentielle Situation von einer maßgebenden Importanz. Das prinzipielle Konstrukt des Existierenden ist von Werten charakterisiert, welche Muskelkraft, das Werkzeug, den Phallus glorifizieren und sie im Sein transzendieren. Die Frau ist in diese gegebene Globalität von Werten inkludiert.“ (46)
Ontologisierend ist vor allem Frohnerts Bestimmung von Bedürfnissen, "echter" Liebe und Freiheit, die von je an Sein sollen und daher zur Utopie erhoben werden.
 
Alles in allem ist Frohnerts Buch bisweilen interessant, intelligent und stellenweise durchaus sympathisch und empfehlenswert, aber doch meistenteils intellektuös geschrieben. Psychoanalytische Versuche wirken sich im Abgang angenehm aus, das allzu herbe Timbre von Sozialkritik als proselytisches Fluchen gegen Boulevardmedien, Männer und den Mammon lässt jedoch einen holzigen Geschmack sehr unangenehm stechend hervortreten. Auch nach 15-jähriger Lagerung entweichen dem Ganzen noch frische, stechende Odeurs und Aromen, die sich störend auf tiefschichtigere Spuren von Gesellschaftskritik auswirken. Ein Hautgout von Pomade und effektheischerischem sprachmuskelprotzendem Emporkömmlertum dominiert und säßiert jegliche vielversprechende, flüchtige, kritische Töne, die bereits auf der Zungenspitze verpuffen.
Ein interessantes Interview in der Jungen Freiheit:
 
 
 
"Nach zwölf Jahren hasse ich die Männer." Interview mit Alice Frohnert.

 

11.12.06 14:52


Ihr Geld wird sich gut entwickeln…

Die Welthungerhilfe wirbt derzeit mit einer Indigenista, die etwas verkrampft lächelnd ein Selbstporträt hochhält, auf dem ihre Mundwinkel deutlich nach unten zeigen. Ist man sich schon nicht zu blöde dazu, auf den billigsten Werbetrick zurückzugreifen, das „Vorher-Nachher“, hält einen auch nichts mehr davon ab, das Ganze zu titulieren mit: „Früher: Gewaltopfer – Heute: Auszubildende“. Darüber noch der sattdumme Spruch: „Ihr Geld wird sich gut entwickeln“. Man sieht es dem Gewaltopfer schon am Mundwinkel an: So kann es nicht herumlaufen. Ein Gewaltopfer ist ja schließlich nur unterentwickelt, und mit ein wenig Starthilfe wird aus ihm ein netter, akzeptabel anzusehender Mensch, der einen Schrank gefälligst alleine zusammenbauen kann. So einfach - So primitiv. Hallo Gewaltopfer, da, Spende, lach doch mal! Na also, geht doch! Klick! Das Plakat findet sich nebst Lebensgeschichte der abgebildeten Frau unten auf der Website der Welthungerhilfe:

Welthungerhilfe

18.11.06 09:20


UNO raus aus dem Libanon!

Dass die UNIFIL sicher nicht die Hisbollah entwaffnen würde, war klar. Keine der Resolutionsbedingungen wurde von Seiten des Libanon erfüllt, kein Entführungsopfer freigelassen, keine Waffen aufgebracht, kein Hisbollah-Mitglied verhaftet. Neuerdings sieht sich Israel allerdings einer militärischen Bedrohung in den Aktivitäten der UN gegenüber. Nicht nur, dass UNIFIL-Truppen ein israelisches Einsatzkommando von der Arbeit abhalten und blockieren, deutsche Hubschrauber ohne Information der IAF meinen durch Israels Luftraum brausen zu dürfen wie daheim in Stralsund oder Berlin, neuerdings sind französische Soldaten auch ganz trigger-happy, weil sie meinen, ein Kampfmanöver von IAF-Flugzeugen beobachet zu haben. Mehr und mehr wird klar, was sich da zusammenbraut: Eine auf Israel abgerichtete UN-Truppe hat den Finger am Abzug und schützt mit allen Mitteln die Wiederaufrüstung und Reorganisation der Hisbollah. In den Berichten der UNIFIL wird zwangsläufig nie die Hisbollah als Problem erwähnt, jede dritte Meldung beklagt sich aber über israelische Flugmanöver und prahlt mit den erreichten Abzug der IDF aus einem weiteren Abschnitt des Südlibanon.
Im Irak droht währenddessen der Abzug von US-Truppen und im Iran wird weiter an Atombomben, Kampfflugzeugen und Mittelstreckenraketen gebastelt. Nichts also, was den Zielen der UN wesentlich zuwiderliefe.

Syrien wittert unterdessen Morgenluft und rasselt offen mit dem Säbel. Schien es vor dem Libanonkrieg noch so, als wäre Syrien endgültig bereit, auf den Golan zu verzichten, hat es nun angedroht, das Erfolgsmodell Hisbollah zu kopieren und ebenfalls eine Guerillatruppe zur Zermürbung des israelisch besiedelten Golan aufzubauen. Zu erwarten ist, das die IAF bei Gegenmaßnahmen beim Überflug der von der UN besetzten Gebiete wegen Verletzung des "Wafffenstillstandes" abgeschossen wird, dass die UNO Israel bei virulenten Kriegshandlungen den Golan mit Sicherheitsratzwängen abknöpft und fortan eine syrische Hisbollah auf dem strategisch wichtigen Golan beschützt.

Zum Durchatmen wird Israel die nächsten Jahre wohl kaum kommen. Die UNO hat sich als mächtiger Bündnispartner der Terrororganisationen erwiesen, die Antisemiten aus Gaza und von der Ostfront erringen Teilsieg um Teilsieg mit diesem im Rücken. Da kann man getrost schon mal die Kundgebungen und Flugblätter für den Syrien-Libanon-Feldzug gegen Hisbollah und UN 2007 vorbereiten, Spenden sammeln, sich über Syrien informieren, etc... Zu hoffen bleibt, dass die UNIFIL endlich abgezogen wird und die IDF ihre lästige Arbeit machen kann - mit fähigen Generalen, einem anständigen Budget und ohne eine winselnde , hysterische, antisemitische Qana-geschulte-Weltpresse gegen sich.

10.11.06 23:52


Hang'im high!

Komischerweise hat alle Welt nichts besseres zu tun, als den ersten souveränen antibaathistischen Akt der irakischen Regierung herabzuwürdigen. Frankreich war angeblich schon immer gegen die Todesstrafe (guilliotinieren ausgenommen), Russland ist gar nichts peinlich und Deutschland heult um seinen Lieblingsführer.

Dreißig bange Tage noch, bis alle Opfer Saddams, die insgeheim seine Befreiung und Rückkehr fürchten, sich zumindest von dieser Bedrohung endlich frei fühlen können.

Derweil geht das internationale Possenspiel um den Libanon mit blutigem Ernst weiter. Lizas Welt hat in "Provokation oder Verteidigung?" ein paar interessante Facts zusammengetragen. Wie es aussieht, wird Israel wohl ernsthaft auch einen Krieg gegen die iranischen Elitetruppen im Libanon - die UNO - auf die Reißbretter bringen müssen.

6.11.06 12:01


Der Graspfurz

 
Der Studiosus gönnt sich, nachdem er zur Verbesserung von Zirkulation und Haltung etwas Leibesertüchtigung in Feld und Flur unterzog, im Bade seines Schweißes, zwischen kühler Herbstluft und frühem Sonnenuntergang, noch eine Runde um sein landschaftsgärtnerisches Erstlingswerk, einen kleinen Teich mit gelben Seerosen und wildem, aber willkommenem Rohrkolben. Von der erhobenen Position einer Schaukel, die ein alter Birnbaum erbricht, erfrecht sich ein kleines Gör von 4 Jahren, ihn grundlos zu foppen: „Na, du kleiner Mann.“ Ihre Altersgenossin auf einem Klettergestell pflichtet dem bei: „Du Graspfurz“.
Unsicher, ob es denn die rosa angelaufene und beileibe nicht unfleckige Trainingshose sei, oder tatsächlich seine Körpergröße, die den Mangel an Respekt ihm gegenüber verursachte, lächelt er sich verlegen schweigend am herausfordernden Gekicher der impertinenten Zöglinge irgendwelcher Nachbarn vorbei. Erst später, bei Bohnen und Speck wird ihm klar, dass an ihm, dem vorbeikommenden Fremden, eine kleine Rebellion stattfand: Die Kleinen wussten sich ihm gegenüber sicherer, als vor Vater oder Mutter. Der von diesen ständig aufs Neue vor Auge geführte körperliche Mangel konnte am Fremden kompensiert werden, die Revolte blieb eine konformistische. In ihm macht sich die Genugtuung breit, dass möglicherweise aus diesen verzogenen Rotzlöffeln einmal eifrige Büromäuschen werden könnten, von denen die Verwaltungsleitung unbedingte Pflichterfüllung einfordern würde.
Eine gerechte Strafe, befindet er, und beschließt, künftig in einer ähnlichen Situation auf die altbewährte Weise zu antworten: Mit dem angewinkeltem Arm, die Faust auf Nasenhöhe in Position gebracht und den mittleren Finger zum Himmel gestreckt. Das würde sie Umgangsformen lehren. Der Zweifel, ob dies nicht ein klein wenig Exhibitionismus sei, steigt dabei wie kleine Seifenblasen in ihm auf, aber wer lebt denn heutzutage noch ohne Widerspruch. Solange nur die Reflexion darin nicht ausfällt, sagt er sich müde und satt in eine Bohnenform zusammenzusackend und die starren Socken mit den Zehen vom Fuß streifend.
9.10.06 19:51


Dawn of the Red

Wenn dies eines jener niveaulosen Petz-Blogs wäre, dann würde hier jetzt eine Hymne auf den Humor von RTL folgen: Dieses hatte nämlich am 3.10. (Tag der deutschen Einheit) - während auf anderen Sendern die deutschen Massen die Mauern stürmten - „Dawn of the Dead“ im Programm. Vielleicht war nichts Besseres zu bekommen, vielleicht war es perfide, antideutsche Provokation. Gehässig die vielleicht beste Szene des Films, als der infizierte Überlebende auf dem Nachbardach seine Schreibtafel zur Warnung vor sich selbst mit Blut beschmiert, mit den begeisterten Deutschlandflaggenschwenkern auf der Mauer zu vergleichen, das wäre in manchen Kreisen sicherlich lustig. Aber da jene anders als faschistoide Zombies durchaus ein Recht auf bürgerliche Freiheit hatten, die der realsozialistisch-völkische Staat ihnen versagte und dies zudem kein niveauloses Petz-Blog ist muss ähnliches woanders gesucht werden.

Abgesehen davon ist "dawn of the dead" ein zwar ekelerregender, aber nichtsdestotrotz wichtiger Film. Die bewusstlose Masse von Zombies kann kaum anders als Kritik am Pogrom gelesen werden. Das Sein zum Tode hat sich in ihnen verwirklicht, wenngleich Vernichtung nur als Assimilation erscheint. Diese wird allerdings über den Virus biologisiert, die wirklichen Mechanismen verschleiert, offen bleibt, ob dieser Virus etwas hinzufügt oder beseitigt, also ob im Prinzip alle von je Zombies sind, und der Virus lediglich Hindernisse beseitigt, oder ob er erst die Vernichtungswut entfacht. Auf Nahrung scheinen die Zombies zudem nicht angewiesen zu sein, es ist, als errege die Anwesenheit eines Nichtidentisches, Lebendigen, die Wut, dieses zu vernichten, dem eigenen Untod gleichzumachen, in dem der Zombie gezwungen ist zu verharren. In dem völlig unrealistischen Siegeszug der Zombies - nichts wäre militärisch einfacher zu besiegen als eine völlig unintelligent kämpfende Masse, die sich zudem nicht reproduziert - ist gleichzeitig die unheimliche Totalität aufgehoben, mit der der Faschismus jeglichen bürgerlichen Widerstand brach. Unheimlichkeit erwächst aus der völligen Absenz staatlicher Kompetenz, bürgerlicher Widerstand muss sich selbst innerhalb der Lebenden mit Waffengewalt konstituieren. Nicht völlig ohne Grund ist die letzte sichere Festung das Warenhaus.

6.10.06 23:14


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