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Aberglaube

Hexenjagd in Indien


Die Aufklärung bleibt auch in Indien dialektisch, geht einher mit größter Dummheit und Hexenjagden. Am 18.3.2006 wurde in Indien ein Vater und seine Kinder von 400 Dorfbewohnern ermordet, weil sie zwei Dorfbewohnern eine Krankheit angehext haben sollen. In den vergangenen fünf Jahren wurden allein im Bundesstaat Assam 200 Menschen unter dem Vorwurf der Hexerei ermordet. Laut einer Meldung von IANS wurden am 21.8.2006 fünf Dorfbewohner, zwei Ehepaare und eine Tochter mit Speeren und Macheten umgebracht, weil der Mob glaubte, sie hätten mehrere Menschen im Dorf verflucht und ihnen Gelbsucht und Fieber angehext.

Mit mangelnder Aufkärung allein sind solche Massaker oft nicht erklärt. Teilweise wissen die Menschen dort Bescheid, dass ein Bakterium sie krankmacht, das über schmutziges Wasser oder Stechmücken übertragen wird. Aus Afrika ist bekannt, dass solche Vorwürfe einen kausalen Grund jenseits eines medizinischen Ablaufs suchen und Kontingenz zur Ausgangsfrage machen: "Wer?" steht im Vordergrund der Suche nach Krankheitsursachen, nicht "Wie könnte ich mich infiziert haben."

Dass der Biss einer giftigen Schlange tötet, wissen die Hexengläubigen, sie interessiert, wer die giftige Schlange just in dem Moment an diesen Ort gehext hat, an dem ein Kind dann darauftritt.

Die narzisstische Projektion verschiebt ein Fehlverhalten wie mangelnde Vorsicht auf andere Personen. Deren böser Wille verursache den Zufall, dass die Infektionsursache auch wirklich gerade in einem bestimmten Augenblick in einer bestimmten Person eine Infektion verursacht. Schließlich haben die Personen jahrelang schmutziges Wasser getrunken, werden aber zu einem bestimmten Zeitpunkt krank.

Die Häufigkeit und Ähnlichkeit dieses Projektionsmusters von Afrika bis Russland und Indien machen anthropologische, psychoanalytische Erklärungsmodelle wahrscheinlicher, als simple evolutionistische, nach denen technische Aufklärung stets voranschreite und eine bestimmte Denkform wie Hexerei der Vergangenheit anheim fallen lasse. Dem widerspricht auch die Tatsache, dass solche Hexenjagden in den letzten 10-20 Jahren massiv anwuchsen, vor allem in Tansania, Südafrika, Kongo, Nigeria und eben Indien.

23.8.06 13:41


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Antifreudianismus – oder wozu braucht ein Freudianer ein Freud-Jahr?


Das Vorurteil gegen die Psychoanalyse sieht laut Adorno dem Antisemitismus gleich, weil beide jenem spinnefeind sind, wessen Emanzipation wahrhaft bedürfte: Kritischer Reflexion und Selbstreflexion.
Einem aufrichtigen Leser Freuds wird kaum dessen stete Reflexion auf den Zeitkern seiner Theorie entgehen, das vorsichtige Formulieren, die um Simplizität bemühte Form des Schreibens. Der idiosynkratischen Leserschaft, die Freud schon deshalb für überholt hält, weil er vor 150 Jahren geboren wurde, gerät jedes Zögern, und Freud war ein Cunctator, zur willkommenen Schwäche, zur offenen Flanke, auf die um so lustvoller eingedroschen wird. Beispielsweise Freuds Zweifel an der eigenen Theorie des weiblichen Kastrationskomplexes befleißigen die postmoderne Leserschaft zu dem einhelligen Urteil: „Für Freud waren Frauen ein Mysterium, er hat sie nicht verstanden“. Was Freud analysiert und kritisiert, Kultur als Produkt von Sublimierung sexueller Bedürfnisse, wird zu einer Sache, die an ihm zu finden sei. „Das macht Freud ja dauernd.“ Freud reduziere alles auf Sexuelles, und dem verdrucksten Halbgebildeten springt wenn schon nicht die Schamesröte, dann ein metaphorisches „Höhö“ ins Gesicht. Was für ein Perversling, hinter allem einen Phallus zu sehen, so was Sexuiertes und in binären Geschlechtercodes Verhaftetes aber auch.

Weil man es aber ganz genau wissen will, mit wem Freud wann vor allem an Sex gedacht hat, boomt der Markt mit „Freud-Einführungen“, die doch in den allermeisten Fällen Freud-Entführungen sind. Wer behauptet, es bedürfte, um Freud zu verstehen, einer Einführung, muss sich augenscheinlich an Analphabeten wenden. Die kristallklare Einfachheit der Sprache, die Art und Weise, wie Freud seine unterhaltsamen Vorlesungen gestaltete, dürften wohl niemand, der ernsthaft sich um das Thema bemüht irgendwelche Schwierigkeiten bereiten.

Weil aber trotz aller „Überholtheit“ man immer noch erklären muss, dass Freud irgendwie ein „großer Denker“ war, greift man zum einfachsten Trick, einem Autor die Leserschaft zu vertreiben, nämlich pfundschwere Einführungen, mit Daten gespickt, die auf das Lieblingsthema der Leserschaft abzielen: Wie hielt der "Perversling Freud", der "Sexist", der "Patriarch", der "Lustmolch", es mit den Frauen, kurz, wen hat er wann wie gevögelt und hat er sich dabei analysiert? Ein Freud-Comic macht sich beispielsweise darüber lustig, dass der Entdecker der oralen Fixierung selbst stets eine Zigarre im Mund gehabt habe: Unter einer Karikatur und einem Freud-Zitat steht dann in vollendeter Rancune „Ach ja, Herr Freud?“ An gleicher Stelle erklärt man folgende, kiloschwere Anklage: Der Entdecker des Ödipuskomplexes habe „selbst einen Ödipuskomplex gehabt“, und wieder denke man sich dazu ein Anstupsen mit dem Ellenbogen und ein verdrücktes „höhö“.

Gerät man im Bereich der Ethnologie notwendig an Geschichten von Trickstern, bei denen einem Kastrationskomplex und analsadistische Neurosen nur so ins Gesicht springen, in denen beispielsweise Trickster ihre Körperteile, besonders den After unabhängig von sich bewahren können, den Penis dreimal um die Hüfte schlingen, ihn zusammengerollt auf dem Rücken tragen, sich als Frau verkleiden um mit dem Häuptlingssohn zu heiraten, den Penis in eine Eichhörnchenhöhle stecken, wo er per Eichhörnchenzahn auf eine menschliche Länge zurückgestutzt wird, dann ist das für Ethnologen nicht etwa ein Anreiz, über das darin enthaltene Sexuelle nachzudenken, sondern „dies auf Sexuelles herunterzubrechen, wäre zu simpel“, weil „es ja immer auch um soziales Verhalten gehe“. Man müsse also über „den Körper und seine soziale Rolle“ nachdenken, auf keinen Fall aber mit Freud arbeiten, der ja ohnehin nur mit dem Verweis auf die anale Phase antworten würde, wo es doch sonnenklar ist, dass wenn der After des Trickster das Feuer bewacht, es nur um soziale Konstruktion gehe und überhaupt meinen die Indianer ja nichts so wie sie es sagen.

Das Ressentiment, das einem in wissenschaftlichen Kreisen in Deutschland entgegenschlägt, wenn Freud’sche Psychoanalyse zum Thema wird, ist enorm. Es mit Freud selbst zu bekämpfen bleibt vergeblich, wer Freud nicht unbedingt kritisch erwähnt ist selbst ein „Orthodoxer“, ein „Ewiggestriger“, der Karen Horney nicht gelesen habe und überhaupt einer völlig überholten Theorie anhinge.

Diese Gesellschaft muss Freud verdrängen, weil ihr Sexualität als letztes Refugium des bürgerlichen Glücksversprechens gilt: was sich objektiv in anderen Bereichen als mindestens dialektisch herausstellte, soll in diesem eingegrenzten Zoo der Gesellschaft geschützt verharren, Reinheit, Ehrlichkeit und Lust verheißen. Und wie von der Ware der Wert abgespalten wird, wie sich Konkretes und Abstraktes im Warenfetisch trennt und in Gut und Böse teilt, so muss sich auch Sexuelles trennen in die Sexualität des Citoyen, der sich und anderen damit Gutes tut und Fortpflanzung, Eheglück und Kinderlachen anstrebt, und auf der anderen Seite in die bösen abstrakten Implikationen des Ich-zentrierten Bourgeois, in Penisneid, in Inzestuöses und Homoerotisches. Das Abstrakte wird sodann abgespalten und verdinglicht, als Sache, die nur Freud betreffe, oder den Perversen, ebenso wie der Wert nur das Geld betreffe und als solches abzuschaffen sei.
Kultur wähnt sich so als reine, freie, wo sie immer mehr die Befangenheit von Sexualität im beschädigten Leben verleugnet und so Perversion fördert, Beschädigung an andere weitergibt und abspaltet. Wer auf die Beschädigungen aufmerksam macht, setzt sich der narzisstischen Wut des Gekränkten aus.
Wo man nicht umhinkann, Freud anzuerkennen, muss er anscheinend zwanghaft historisiert werden. Er sei Produkt der bürgerlichen, patriarchalen Gesellschaft und seine Aussagen beträfen nur diese, heute gäbe es ja gänzlich andere Zustände. Fetischisierung von Geschichte als stetem Fortschritt wirkt trotz und wegen Auschwitz weiter als identitätsstiftende Ideologie, als falsches Bewusstsein der eigenen Stellung im geschichtlichen Verhältnis.
Je mehr man also im Freud-Jahr über Freud plärrt, desto weniger ist sicher gestellt, dass Freud tatsächlich begriffen, rezipiert und von diesem Standpunkt auch kritisiert und weiterentwickelt werden kann.

Anm.: Nahezu alle Zitate stammen aus Seminaren deutscher Universitäten, es sei darauf hingewiesen, dass studentische Beiträge zu Freud in der Regel qualitativ nicht von denen der Dozenten zu unterscheiden sind.
16.6.06 18:19


Die Ökonomie der Hexerei


Buchbesprechung:
David Signer: „Die Ökonomie der Hexerei – oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt.“ Wuppertal, Peter Hammer Verlag, 2004. 456 Seiten, 22,- €, ISBN 3-7795-0017-5

Leichte Kost ist es nicht, was David Signer, ein Schweitzer Ethnologe als Ergebnis mehrjähriger Feldforschungen, Reisen und Recherchen, dem political-correctness verwöhnten deutschsprachigen Publikum auftischt. Er mutet der vermutlich linksintellektuellen Leserschaft zu, Verallgemeinerungen zu denken, die über das betuliche Klein-Klein des herkömmlichen Feullietonbetriebes hinausgehen, fordert von ihm, sein eigenes Oszillieren zwischen Abneigung und Faszination nachzuempfinden und sich vorbehaltlos auf die Suche zu machen nach dem Grund, warum der Hexenglauben in Afrika sich entgegen allen Fortschritts halsstarrig am Leben erhält, ja sogar mit der Modernisierung einen Aufschwung erlebt.

Signer begleitete in Westafrika mehrere Feticheure auf ausgedehnten Lehrreisen, lässt sich letztendlich selbst initiieren, um einige letzte Geheimnisse zu erfahren. Sehr klar wird die übertriebene Frage der Ethnizität in Frage gestellt. Auch wenn es geringfügige, regionale Unterschiede in Form und Inhalt des Hexenglaube gibt, so stellt Signer doch eine „Irrelevanz des ethnischen in der Heilkunst“ fest, solcherlei Kulturalismus, Überbetonung von Ethnischem in der Ethnopsychiatrie, sei vor allem ein europäisches Wunschdenken. (185)

„Hexerei ist eine Realität – keine „materielle“, aber eine soziale.“ (31) Sie schafft Fakten, aus denen sie selbst ihre Legitimation zieht. Die permanente Angst vor Hexerei führt dazu, dass ökonomisch erfolgreiche Individuen an psychosomatischen Erkrankungen leiden, deren Symptome eben jene der Verhexung sind: Antriebslosigkeit, chronische Erkrankungen, nervöse Ausfälle bis hin zu Unfällen. Sie entfliehen entweder dem Druck der Gemeinschaften, und bestätigen so deren Sentiment über den „assozialen“ Emporkömmling, oder sie vollziehen die obligatorische, parasitäre Umverteilung des Erworbenen, den Potlatch, an dessen Ende er selbst meist ärmer dasteht als vor seinem Erfolg. Gleichzeitig ist es nicht so, dass Macht als unrechtmäßig erscheint.

„In Afrika ist die Moral der power nicht entgegengesetzt, sondern folgt ihr. Der Erfolgreichste ist ein Muster des richtigen Lebens.“ (59) „Oft werden tatsächlich die Mächtigen der Hexerei verdächtigt, aber offen angeklagt wird ein Ohnmächtiger, beziehungsweise der Mächtige in einem Moment, da sein Thron zu bröckeln beginnt.“ (377)
Ein verkehrtes, aber im Vergleich zu Heuschreckenphantasien deutscher Ideologen nicht notwendig primitiveres Verständnis von Kapitalismus offenbart sich in Sprichwörtern wie „Es ist das Geld, das uns Geld bringt. Gegebenes Geld ruft Geld.“ (67) Geld besitze sogar, wie Menschen, ein spirituelles double, das beschworen werden könne. Die abstrakte Seite des falschen Ganzen wird geahnt, aber dennoch zwanghaft konkretisiert in Hexen und Geistern.

Anstatt aber Investition zu tätigen, verlagert man die Zirkulation vollständig auf eine mystische Ebene, Geld fällt buchstäblich vom Himmel, es zirkuliert aufgrund geheimnisvoller Kräfte, und wird nicht mit Arbeit in Verbindung gebracht. (201) Diese Beschwörungen erfordern allerdings zahlreiche und finanziell aufreibende Opfer, und stellen einen gewaltigen Teil der Ökonomie, sind insofern also doch „Produktion“. Der dichten Erzählung des Autors folgend, opfert man in Westafrika beständig Rinder, Ziegen, Hühner in horrender Zahl, kauft Zauberringe, Fetische, die magischen Talismane (grus-grus), bezahlt Orakel und beschenkt Bettler und Fremde, mit der Absicht, den Neid der Hexen zu schmälern und finanziellen Erfolg zu erlangen, der dann doch nur in pompösen Beerdigungen, Hochzeiten, Feiern verschwendet wird.

Hexerei fungiert als psychologisches wie als materielles Korrektiv, der Psychoterror der Verwandtschaft mündet anscheinend nicht selten in die Verabreichung von materiellen Kontaktgiften, die Frage, wer einen verhext hat, bekommt einen sehr bedrängenden, realistischen Sinn. Selbst wer nicht an Hexerei glaubt, ist diesem System unterworfen, ein außerhalb der Gemeinschaft stehen wird selten akzeptiert. Hexerei ist buchstäblich „ansteckend“, (203) und vollständig abgedichtet gegen Zweifel. Sollten einige der zahlreichen Orakelsprüche nicht zutreffen, ist dies die Schuld der launischen Geister, des Unmuts der Ahnen, oder es ist tatsächlich ein Bewusstsein von Scharlatanerie vorhanden, die als Ausnahme jedoch die Regel der wunderkräftigen Marabouts und Feticheure bestätigen. Zur Aufwertung des kollektiven Narzissmus weiß ein jeder abstruse Augenzeugenberichte von den Fähigkeiten der Orakelpriester und -priesterinnen zu erzählen, die direkt der Freudschen Traumwelt zu entspringen scheinen, es wird umhergeflogen, verwandelt und verhext, was die Phantasie und das Unbewusste hergibt.

Erfreulich häufig und fundiert zieht Signer dann auch psychoanalytische Modelle zu Rate:
„Der Vater bleibt eine idealisierte, recht ferne und abstrakte Figur, mit dem jede offene Rivalität undenkbar ist. Die eigentliche Rivalität spielt sich zwischen den Brüdern ab, wobei der Wunsch und das Verbot, den Vater zu besiegen; ersetzt wird durch die gefährliche Aussicht, den größeren Bruder zu überrunden. Die Kastrationsdrohung im Falle eines tatsächlich errungenen Sieges wird in Afrika im Idiom der Hexerei formuliert.“ (175)
Neid ist dabei die wesentliche Konstante, das dominierende, „afrikanische“ Gefühl. Neid, nicht um ein Objekt zu beherrschen, aus dem Wunsch heraus, sondern um einem anderen das Objekt nicht zuzugestehen. Daraus, wie aus einem ausgeprägtem Narzissmus, der Misserfolg nicht als persönliches Versagen oder Unzulänglichkeit vertragen kann, speist sich die Projektionsleistung des Hexenglaubens.

„Die „Hexe“ wäre dann gewissermaßen die Verkörperung dieses Verleugneten oder Verdrängten, das, da es im Eigenen unerträglich ist, immer im Anderen gesucht (und gefunden) wird. Die „ Hexe“ vereinigt also die Aggressivität der ganzen Gemeinschaft auf sich und ermöglicht ihr so, „sauber“ und „friedlich“ zu bleiben, beziehungsweise die Konflikte latent zu halten. Wir hätten also die Möglichkeit, an dem, was in einer Gesellschaft „Hexe“ oder „Hexerei“ genannt wird, zu studieren, von was für Konflikten sie bedroht wird, die nicht manifest werden dürfen. Die Hexe als das Unbewusste einer Kultur!“ (175f)

Hexenglaube ist dabei kein Privileg der unaufgeklärten Dorfgemeinschaften: „Je mehr Diplome einer in Afrika besitzt, desto mehr glaubt er Zielscheibe von Neid und Magie zu sein, und desto mehr benützt er zu seinem Schutz Talismane“. (391)
Das nach Marx Fetischisierung benannte Bewusstsein von kapitalistischer Ökonomie kommt direkt als Fatalismus, als Ausdruck einer sich vollständig von Natur beherrscht wähnenden Ideologie zum Tragen: „So wie die Natur „sozialisiert“ wird, wird andererseits das Gesellschaftliche biologisiert. Die Natur wird zum Modell, durch das Herrschaftsverhältnisse legitimiert werden.(412) Zur zweiten Natur gerät, was ureigenstes Produkt des sozialen Handelns von Subjekten ist, veränderbares verwandelt sich im fetischisierten Bewusstsein in unveränderbares, in Naturgesetze. Dabei gibt es kein Privates mehr, nichts, was allein das Individuum beträfe, Hexerei sucht als Schuldbewusstsein der Gemeinschaft gegenüber oder als Neid der Gemeinschaft das Individuum doppelt heim.
Und mit Etounga-Manguelle kommt Signer zum logischen Schluss:
„Faschismus in Afrika ist nicht nur die Mörderfolklore eines Idi Amin oder Bokassa; er spricht in unseren Eingeborenensprachen und tanzt im Rhythmus unserer Verhexung. Unsere Gesellschaften sind durch und durch totalitär. Die afrikanische Einheitspartei? Man muss ihr nichts vorwerfen, sie korrespondiert perfekt mit der Mentalität unserer Völker.“(429)

Theoretisch verflicht Signer materialistische, psychoanalytische und strukturalistische Konzepte zu einem abgebrühten, stichhaltigen Gesamtwerk, das erfreulich von der Beliebigkeit postmoderner Arbeiten abweicht. An ein paar Modellen hat er merklich seinen Narren gefressen, Augés „heidnische Logik“ verfolgt im Werk auf Schritt und Tritt, ohne dass je ein Punkt erreicht wäre, an dem man dem vorbehaltlos zustimmen könnte. An anderen Enden mag sich ein Pedant auf exaktere Begriffsentfaltung versteifen, an Paraphrasen herummäkeln, den etwas verwirrenden, unchronologischen Aufbau bemängeln, er muss doch zum Schluss kommen, dass Signer dem ehrgeizigen Geist eine, besser DIE, afrikanische Denkform so konsistent präsentiert, dass das notwendige rationalistische Zähneausbeissen beim Einlassen aufs Objekt noch auf einen Hauch Wahrheit im Eurozentrismusvorwurf verweist.
Insgesamt hat die Arbeit Signers Aussicht auf einen hervorragenden Erfolg als ethnologisches Standardwerk, weil es nicht bei der Beschreibung von Erscheinungen verharrt, sondern um kritische Analyse bemüht ist. Der extravagante Weg über strukturalistische Theorieexoten tut dem Ergebnis dann keinen Abbruch mehr.
6.6.06 21:00


"Raus aus der Zivilisation!"

Die Frage, ob es ernst zu nehmen ist, was JANUN, das Jugendumweltnetzwerk Niedersachsen, seinen Zöglingen angedeihen will, oder ob es sich um einen zu früh gekommenen Aprilscherz handelt, stellt sich in Deutschland gar nicht erst. „Wie die Tiere leben!“ wollen die „Gefährten des Wolfes“ ganz ernsthaft, und das aber „im Einklang mit der Natur“. Man mag nicht wirklich daran glauben, dass hierzulande mit mobile phones und einem der dichtesten Infrastrukturnetze der Welt ernsthaft Situationen auftreten, in denen man „Grundlagenwissen zum Leben und Überleben in der Natur“ bedürfte, aber Barbarei ist Programm und so möchte der jugendlich-romantische Nachwuchsbarbar „Raus aus der Zivilisation - rein in die Wildnis.“ Das alles wird vermittelt durch echte wackere traditionelle Autoritäten, man wird „an der Seite von erfahrenen Wildlife-TeamerInnen den Wald mit seinen Gegebenheiten intensiv kennen lernen...“.

In Heideggers Jargon raunt es von Mitgegebenem, der Existenz, dem Sein, das in karger Natur zu sich selbst kommt. „Nützliche Techniken helfen...tiefer mit dir und der Wildnis in Kontakt zu kommen.“ Als wäre das ein Kunststück in Deutschland, wo nach kurzem Kratzen am zivilisatorischen Lack der uralte Rost der Barbarei hervorquillt. Um jeglichen Zweifel auszuräumen, dass man wirklich ganz weit zurück möchte, Germanentum reicht nicht mehr, tritt man an zum „Neandertaler Walk“. Hier bekommt man „Natur pur“. „Auf den Spuren der Jäger und Sammler...“, man beachte das nur ausnahmsweise fehlende Binnen-I, „...durchqueren wir eine Woche am Stück...“, und jetzt kommt der Gag, „...mit Karte und Kompass die Wildnis.“ Lernt noch jeder noch so dämliche Pfadfinder von der Pieke auf, dass er für sein rotes Halstuch ohne Kompass und Karte zurechtkommen muss, wandelt sich auf den Spuren von Neandertalern bequem mit Karte und Kompass. Soviel zivilisatorische Verunreinigung muss ausgeglichen werden, „...wie Nomaden...“ suchen sie sich „...jede Nacht einen neuen Lagerplatz und schöpfen mit selbstgebautem Werkzeug den (Nahrungs-) Reichtum der Natur aus.“ Anstatt wie es sich für einen anständigen Neandertaler gehört, in einer gemütlichen Höhle zu sitzen, ein paar Menschen vom nächstbefeindeten Stamm zu verspeisen und auf der Nasenflöte „oh when the saints“ zu trompeten, während man auf das Vorbeiziehen der nächsten Mammutherde wartet, will man wirklich ganz sicher gehen und am besten gar kein Mensch mehr sein:

„Bärenfutter, aus Baumrindenmehl, frisch gepflückten Wiesenkräutern“ muss man essen, um wirklich „auf der Suche nach Essbarem den Wald und seine Zusammenhänge verstehen lernen“. Dabei ist natürlich „zu beachten, [dass] man nicht selbst zum Futter wird.“ Augenzwinkernde Bedrohung der Existenz ist unverzichtbar um nicht bei „Schneehöhlenbau, Konservierung von Lebensmitteln, Orientierung im Schnee, Waldläufer und Spurenleser“ vorzeitig aus lauter Langeweile abzuspringen.

Man hat viele Alternativen zum kapitalistischen Verwertungsprozess, ein „gemeinschaftlicher Permakulturgarten“ lädt ein, man weiß bei „Konsumensch“ dass der Konsum schuld ist an der Lage, das ungezügelte Bedürfnis muss der Ökopuritaner zügeln, und im Ökosozialismus klettert man „schonend“ auf Bäume, weil das „seit je her eine bedeutende Rolle“ spielte.

Zum Glück hat jeder, dem dieses Programm nicht gefällt zahllose Alternativen in geistreichen, verkniffelten Videospielen. Zecken, Blutegel, feindliche Barbarenstämme und wilde Tiere kann man sich getrost sparen, inzwischen gibt es richtig gute Naturfilme auf DVD, bei denen man z.B. wissenschaftliche Analysen zum Ökosystem der Weihnachtsinseln erhält, und wer wirklich einen existentiellen Kick braucht kann für die 40 Euro, die ein Seminar bei Janun kostet getrost Bungeejumping machen, so bleibt man zumindest vor der Indoktrination ganzheitlicher Heileweltversprecher sicher. „Abenteuer, die uns zusammenschweißen“ heucheln echte, unverfälschte Bindung, die Bedrohung von außen trügt über die Leere im inneren hinweg, und wenn man dann vor lauter Abenteuer dem Kameraden an die Hose gehen darf, ist das ja auch was wert.

„Gemeinschaft“, eines der häufigsten Wörter auf dem aktuellen Programm, hilft, Widersprüche zu glätten, fehlende Analyse zu übertünchen und bietet überhaupt Möchtegernautoritäten Gelegenheit, Kinder in Pseudofamiliäre Ersatzzusammenhänge hineinzuführen, anstatt sie zu selbstbewussten, solchen Programmen kritisch gegenüberstehenden Menschen zu erziehen. Man hat erforscht, auf was Kinder so abfahren und nutzt dies schamlos aus, um damit Ideologien, denen man selbst wahnhaft aufsitzt, zu transportieren, anstatt dieses kindlich-jugendliche Forschungsinteresse in kritische Bahnen zu lenken.
Wer weiter mal einen ablachen möchte kann sich bei JANUN stets informieren.
Alle Zitate sind original aus dem Veranstaltungsprogramm März 2006 bis September 2006 von JANUN unter dem Motto „Wir lassen nicht alles durchgehen“ entnommen.
3.4.06 15:24


Die Zeitung von vorgestern

Taz Thema Anthroposophie

Mit der Ausgabe vom 1./2./3.10.2005 leistete die Taz wieder einmal einen wichtigen Beitrag zur unkritischen oder zumindest pseudokritischen Verklärung fragwürdiger Konzepte. Ganze 4 Zeitungsseiten Werbung für Waldorfschulen, und das zum größten Teil kostenlos für die BetreiberInnen dieser reaktionären Verbildungsanstalten. Kein Wort über den Antiintellektualismus an Waldorfschulen, früh lesen zu lernen ist mehr als verpönt. Dass Waldorfkindergärten eher „Ehrfuchtskräfte“ in Kindern wecken wollen als ein kritisches Selbstbewusstsein, dumpfes Wiederkäuen von Ritualen, Ostermessen, Jahrestischen und Bildmotiven als kreativ verstanden wird, und Rudolf Steiner nach wie vor als Ikone in den meisten Waldorfschulen herumhängt, ist der taz kein Wort wert. Auch dass die Debatte um den deutschtümelnden Rassismus und Okkultismus Steiners in deutschen Waldorfschulen nicht angekommen ist, dass in Waldorfschulbibliotheken sich ohne Mühe rassistische Literatur finden lässt, von Rassetafeln über Geschichtsbücher von 1933, bekannte rechte Autoren wie Gruhl, Hamer und Bruker den Kindern und Lehrern ihr Leid „erklären“, bis zur Definition von AIDS als Schicksals- und Kulturkrankheit, das alles findet die taz nebensächlich oder macht es zu einer Ausnahmeerscheinung, die von der rechtschaffenen Waldorfgemeinde entsetzt wahrgenommen werde. An Waldorfschulen wird LehrerInnen die Möglichkeit geboten, Kinder und Jugendliche in unglaublichen Maße mit esoterischem Gedusel, mit kruden Märchen, mit kreativitätstötenden "Kunstformen" wie dem stupiden „Formenzeichnen“, mit Christianisierung, Deutschtümelei und Homophobie zu bombardieren. Der Überheblichkeit der Lehrer sind keine Grenzen gesetzt, und dieser darf seine geomantischen Kräfte ruhig auch auf dem Schulhof beim Gestalten eines spirituell-energetischen Steinekreises austoben. Damit der Gehirnwäsche von solchen Fanatikern auch niemand entkommt, werden die Klassen zur Sicherheit einem Lehrer quasi auf Lebenszeit zugeteilt. Davon kommt man nicht ohne narzisstische Kränkung los.
Gratulation zu dieser hervorragenden Werbekampagne in antiaufklärerischer Absicht.
2.4.06 12:00


Hexenkult in Afrika

Der Glaube an Hexen scheint dem Mittelalter anzugehören, und mancher wähnt den technischen Fortschritt für Mittel genug, um ihn zu überwinden. Dass dem nicht so ist, zeigt das Beispiel Afrika. Im gesamten subsaharischen Raum gibt es eine durch und durch integrierte Hexenglaubenkultur. In Nigeria ist es üblich in Zeitungen die verdächtigten Personen öffentlich zu machen, nirgends ist der Hexenglaube wirklich geächtet, Minister und Ingenieure gehen gleichermaßen zum Orakel. Nun darf man sich das nicht so harmlos vorstellen, wie hierzulande „Astro-TV“ oder ähnliche esoterische Lebenshilfen.
Hexenglaube ist

1. integriert, häufig dominant und absolut üblich!

2. funktioniert nach dem Prinzip der pathischen Projektion. An Tod, Krankheit, Misserfolg, Unfruchtbarkeit, Impotenz sind immer eine Hexe oder seltener ein Hexer schuld.

3. hat eine Doppelgestalt, es gibt gute und böse Hexerei und Zauberei. Dieser Punkt wird in der Literatur häufig erwähnt. Das Beispiel anderer Gruppen hat jedoch gezeigt, dass „gute“ Hexerei automatisch immer auch der „bösen“ verdächtigt werden kann. Der Heiler der einen Gruppe kann für die andere ein Hexer sein.
Man darf sich allerdings nicht zu groben Verallgemeinerungen hinreißen lassen.

Öffentliche Selbstbezichtigungen haben ihre Ursache in einem teilweise (noch!) "toleranten Umgang", allerding wird auch von historischen Steinigungen und Verbannungen in den Busch berichtet! In Tansania wurden zwischen 1994 und 1998 ca. 5000 Menschen wegen Hexerei ermordet. In Südafrika werden Hexen als Ursache von Arbeitslosigkeit vermutet, sie sollen Zombies schaffen, die anderen die Arbeit wegnehmen, die Opferzahlen von Hexenjagden steigen stetig an.
Die "Hexenkraft" wird in vermeintlichen Organen lokalisiert oder ist vererbbar oder an roten Augen erkennbar. Der größte Teil der Opfer sind alte Frauen.
Nicht ausgeschlossen ist, dass selbst die beschuldigte "Hexe" an Hexerei glaubt!
Zahlreiche Institutionen haben die Aufgabe per Orakelspruch eine Hexe ausfindig zu machen, zu bestrafen oder davon abzuhalten, weiter zu hexen. Häufig muss die so beschuldigte Hexe eine Entschädigung zahlen, der Hexerei abschwören und sich einem reinigenden Ritual unterziehen, aktuell ist aber ein heftiger Anstieg der Hinrichtungen festzustellen, der historisch so keine Tradition hat und eine Erscheinung der Moderne ist.

Bei einer moderneren, vergleichsweise gewaltarmen Hexenjagd scharte sich in Nigeria eine Gruppe um einen Führer, der dann gemächlich von Dorf zu Dorf zog und Hexen ausfindig machte.
„Dr. Moses“, der Anführer, hatte mit einem Thermometer die Temperatur der Dorfbewohner gemessen und nach ihrem Hexereigrad einteilt. Besonders oft waren hier alte Frauen und ökonomisch erfolgreiche Frauen betroffen. Allen Personen wurde ihre „Temperaturzahl“ mit einer Rasierklinge in die Haut geritzt und eine „Medizin“ eingerieben. Die besonders mit Hexerei "infizierten" Personen wurden teilweise gedemütigt und geschlagen. Die Hexenjäger wurden v.a. von jungen Personen ins Dorf geholt. Diese beschrieben danach diese v.a. für ältere Menschen demütigende Situation als befreiend. Psychologie Gründe dafür könnten in der Gerontokratie zahlreicher afrikanischer Gesellschaften liegen.

Besondere Aufmerksamkeit sollte aber die Verknüpfung von Hexenglaube mit der Ökonomie gezollt werden. Jeglicher ökonomische Erfolg wird als von Hexerei verursacht betrachtet. Die Verdinglichung als Fetisch ist hier nicht nur ein entlehnter, sondern ein treffender Terminus. Große Städte werden als „heiß“, d.h. lebenszehrend und verhext bezeichnet. V.a. auf den Marktplätzen tummeln sich magische Kräfte zuhauf. In dem Maße, in dem also eine Kapitalisierung und Umwälzung der traditionellen Lebensverhältnisse stattfindet, wird Hexerei als übermächtig und ansteigend betrachtet.
Technisierung hat nur geringen Effekt auf aufgeklärte Grundhaltung, Ajatollahs können Atombomben bauen und jeder Analphabet kann die segmentierte Fließbandproduktion eines Computers ausführen. Hexenglaube wird also nicht wie ein „cultural lag“ bei Adorno oder ein „träger Habitus“ nach Bourdieu einfach irgendwann verschwinden. Sondern sich möglicherweise steigern und transformieren.
Eine mögliche Transformationsform ist der Antisemitismus. Muslimische Missionierung, verrückte Herrscher, Globalisierunsgegner und das Internet tun ihren Teil dazu, die Ursache der mit Hexerei assoziierten ökonomischen Gesetze in den USA und Israel zu suchen. Dass also aus der lokalen Hexerei, die mit vergleichsweise harmlosen Strafen geahndet wird ein Pogrom an weiter entfernten Minderheiten oder eine antisemitische und antiamerikanische Bewegung entsteht ist nur ein jeweils kleiner ideologischer Schritt.

In den aufgeklärteren Regionen sind Jugendliche oft sehr proamerikanisch, allerdings hetzte die letzte Friedennobelpreisträgerin ihre Leute dazu auf, die Ursache für AIDS in der bösen Absicht der Weißen zu suchen. AIDS wird ohnehin als Krankheit der Fremden betrachtet, sie sei Strafe oder heimtückisches Attentat. Dass die rasche Ausbreitung der Krankheit in den meisten Regionen in einer rigiden Männlichkeitsverherrlichung, in Genitalverstümmelung und Vergewaltigungen einen Ursprung hat, wird verleugnet. Häufiger ungeschützter außerehelicher Sex dürfte für die in vielen Ländern über 90 % qualvoll genitalverstümmelten Frauen ohnehin keine Ursache für das Ausbreiten der Infektionskrankheit sein. Hexenglaube verschafft auch hier „Abhilfe“, mit ausgeheckter Scharlatanerie preisen „Heiler“ ihre Fähigkeiten an, AIDS zu heilen.

Aufklärung über einfache biologische Funktionen, Wertschätzung des Menschen und insbesondere der Frauen, sowie über ökonomische Gesetze muss in Afrika wie in zahllosen anderen Regionen der Welt unverzüglich und konsequent stattfinden. Dabei wird man sich den Vorwurf des Kulturimperialismus und der Dominanzkultur von quäkenden KulturalistInnen wie von „subalternen“ Volksverhetzern schulterzuckend gefallen lassen müssen. Die jetzige Situation, die Gefahr einer bereits erfolgten Steigerung (Ruanda) und nicht zuletzt die schnellen Erfolge bei derartigen Missionen sollten Grund genug sein, solche Projekte zu fördern wo es nur geht. Ein schweres Aufklärungsdefizit über solche als Phantasie eines rassitischen Exotismus abgetane Phänomene besteht leider vor allem in Europa.

Zur Lektüre empfohlen: „Modernity and its Malcontents. Ritual and Power in Postcolonial Africa.“ hrsg. Von Jean und John Comaroff. ISBN 0-226-11440-6
1.4.06 13:00


Verschwörungstheorien

Rezension:
Jürgen Roth und Kay Sokolowsky: „Der Dolch im Gewande – Komplotte und Wahnvorstellungen aus zweitausend Jahren.“ Hamburg 1999, KVV konkret. 284 Seiten, 11,66 €.

Verschwörungstheorien sind wie Motten. Sobald irgendwo ein Totenlichtchen angezündet wird, schwirren sie darum herum als gäbe es keine anderen Probleme mehr.
Jürgen Roth und Kay Sokolowsky wagen einen Versuch der ganz anderen Art, das Bedürfnis nach Verschwörungstheorien zu erklären. In einer recht skurrilen Artikelsammlung klären sie in brillantem Stil die psychologischen Hintergründe, die den Hunger nach einer übermächtigen Ordnung schüren. Die Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit, die den Kleinbürger erfüllt angesichts seiner Unfähigkeit, sich in der aufgeklärten Welt zurechtzufinden, erzeugt seinen Hang, alles Schlechte auf eine an Macht immens reichere und moralisch niedrigere Kategorie zu schieben, die eben doch zuletzt auf „die Juden“ hinausläuft. Der Antisemitismus ist in Verschwörungstheorien inhärent, wie der Antisemit sich selbst und die Welt im Würgegriff wähnt, und jeden Furz auf den Jahrtausende alten Plan einer höheren Macht zurückführt. In der Konsequenz wähnt er sich als schlauer, da er ja die Konspiration durchschaut, verleugnet also in seiner angeblich aufgezwungenen Tatenlosigkeit seine Subjekthaftigkeit, die lebhaft an den Vorgängen, die diese Welt mitgestalten mitwirkt. Sein Eklektizismus ist dabei zwanghaft im Wahn, ein Opfer, einen Schuldigen zu finden, für das, was er sich selbst und anderen antut. Um sich gegen die Allgegenwärtigkeit der Verschwörung zu wehren muss er zu allen Mitteln greifen, wähnt sich als Einzelkämpfer im Namen des Besseren und tendiert zur maßlosen Geschichtsfälschung ebenso wie zur Raserei.
Roth und Sokolowsky beschreiben einerseits bildhaft die Fähigkeit der VerschwörungstheoretikerInnen jede krude Gehirnflatulenz, aber auch jede, zu glauben, machen deutlich, wie leicht das gelogene Wort, sobald es gedruckt ist, Anhänger findet und basteln aus dieser Kenntnis heraus auch gerne mal eine Verschwörungstheorie im Selbstbausatz. Wie leicht kann anhand der Numerologie Franz Beckenbauer in Luzifer und den apokalyptischen Reitern seine Anthropomorphie finden, mit welcher Leichtigkeit findet aber genau die gleiche Methode vor einem halben Millionenpublikum keinerlei Anstoß, wenn etwa der Führer der Nation of Islam, Louis Farrakhan, vor dem Washington Monument (555 fuß) seine Blödheit beweist und statt den Kommunismus einzufordern seine 500 000 Gefolgsleute zu Sühne aufruft, weil diverse Zahlenspielchen mit 555 und 19 Hinweise darauf ergeben, dass Allah ein neues Zeitalter ausruft.
Dass Verschwörungen begangen werden steht für die Autoren außer Zweifel und zahlreiche stellen sie selbst zur Debatte, in derb-ironischem Gestus. Verschwörung als Hobby und als alleinigen Laienforschungsgegenstand zu erwählen, erweist sich aber als ebenso wahnhaft wie gefährlich, waren doch Verschwörungstheorien, beispielsweise die Protokolle der Weisen von Zion ihrerseits Verschwörungen von Antisemiten.
Die Personalisierung einer alles durchdringenden Macht in Verbindung mit esoterischer Selbstüberschätzung und religiöser Heilsideologie stellt eine brisante Mischung dar, die insofern beängstigend ist, als sie durch Internet und „freie“, besser willige Presse, monströse Blüten getrieben hat. Gegen alle diese im Einzelnen vorzugehen halten die Autoren zu Recht für unnützen Zeitvertreib, sie belassen es bei einer formenreichen Bilanz, in der die meisten Schlüsse dem Leser überlassen bleiben. Schließlich zeugt es von ausgemachter Einfältigkeit, Ereignisse von vor sechshundert Jahren einem imaginierten Schuldkollektiv anzukreiden, um es aktuell demselben konstruierten Kollektiv in die Schuhe zu schieben und es aktiv dafür haftbar zu machen. So denken und handeln traditionell Antisemiten, und daher ist Verschwörungstheorie des Antisemitismus stets äußerst verdächtig.
Man erhält mit dem Buch weder eine wissenschaftliche Auflistung noch eine psychologische Analyse, dafür aber einige klare Argumente und einen lustigen Zeitvertreib. Zwar ist der Stil des Buches etwas gewöhnungsbedürftig, was seiner Unterhaltsamkeit keinen Abbruch tut, aber nur konsequent in seiner unvollständigen, fragmentarischen Diversität.
31.3.06 17:00


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