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Borat – Über die Unmöglichkeit von Satire im Stande der Selbstherrlichkeit

 

 

Da möchte man in Ruhe „Borat“ von Sacha Baron Cohen sehen, aber weit gefehlt. Schon fünf Minuten vor Beginn betritt ein Mensch den Saal, den Palifeudel vom Hals bis zum Boden schleifend, sich seiner Kumpanen in der Reihe hinter mir gewahr werdend. Das Befürchtete tritt sogleich ein, aus dem Unhold bricht in Erwartung des Films eine Tirade heraus: Der Film, so habe er in einer überschwänglichen Rezension gelesen, zeige endlich einmal, wie strunzdumm die hinterwäldlerischen Amis doch seien und werbe für Völkerverständigung. Ohnehin sehe er sich gerne Sozialkritisches an, denn mit Hollywood, Schwarzenegger und Gewaltorgien könne er schon seit je nichts anfangen.
 
Der Sitz wurde ob weitgehend gähnender Lehre des Saals schnell gewechselt, der Störenfried war baff gekränkt, hatte er doch gehofft, Volkes Stimme Ausdruck zu verleihen, gar Zustimmung oder Lacher zu erhalten und endlich setzte die überlaute Regionalwerbung für überflüssige Autoreparaturwerkstätten seinem Geschwätz ein Ende. Eineinhalb Stunden später verlassen alle beim Abspann den Saal, in weiser Voraussicht blieb ich als einziger bis zum Schluss sitzen und verpasste so nicht einen der besten Witze des ganzen Films, der hier nicht verraten sei.
Ob der Antiamerikanist hinter mir seine Erwartungen im Film erfüllt sah, oder ob sich vielleicht Beschämung einstellte, lässt sich nicht feststellen. Überhaupt nicht beschämt rezensiert dafür die NZZ, und im gleichen Ton zahlreiche andere Zeitungen: „Zigeuner, Feministinnen, Juden, Usbeken, Homosexuelle und homosexuelle Usbeken, jeden macht Borat zum Gespött. Sich selber inklusive.“ (NZZ 3.11.2006, S. 27) Als Cohen in der Rolle Borats zwei Kakerlaken bebend vor Furcht Geldscheine hinwirft, weil der sie für gemorphte Juden hält, die ihn verspeisen wollen, macht er eines gewiss nicht: Die Juden lächerlich. Cohens Objekt sind nicht die Minderheiten selbst, sondern der Umgang damit. Wie wenig skandalös Antisemitismus auch in den USA sein kann, wie brutal und homophob ein Texasrancher sein kann, das ist das eine Anliegen von Cohens Film, eine banale Diagnose einer nicht perfekten Gesellschaft, für die sich ein solches Projekt kaum lohnen würde. Neben den zynischen, gleichgültigen Altwagenverkäufern treten Personen auf, die wahrhaft zivilisiert mit ihm umgehen, ihn bis zur Schmerzgrenze tolerieren, ihm sogar hilfsbereit die westliche Toilette erklären, aber auch sofort eingreifen, wenn er darüber hinausgeht. Der Fahrlehrer belehrt ihn freundlich, aber bestimmt, die Gastgeber des upper-class Haushalts sind versucht, ihm zivilisierte Manieren beizubringen, als sie erkennen, dass ihr Vertrauen ausgenutzt wird, zögern sie nicht, die Polizei zu rufen. Die Feministinnen verlassen den Saal, als sie merken, dass hier keine Argumente, sondern Ressentiments vorgebracht werden.
Ebenso greift der Personenschutz Pamela Andersons in der aller Wahrscheinlichkeit nach gestellten Szene hart gegen den raubheiratswütigen Bedränger Borat durch. Cohens Werk ist eine Absage an jeden Kulturalismus. Er stellt bloß, wie gefährlich es werden kann, Menschen ihren Antisemitismus, ihren Sexismus, ihre brutale Dummheit als Kultur durchgehen zu lassen. Er zeigt auch, dass in der amerikanischen Gesellschaft noch Züge des Hinterwäldlertums überleben können, dass multikulturelle Trainings auf hohlen PC-Floskeln aufbauen, und nicht auf Aufklärung. Sie sollen Peinlichkeiten bei Geschäftsabschlüssen und im Alltag vermeiden, nicht aufklären. Er behauptet aber nicht, dass dies in irgendeinem Teil der Welt besser sei als in den USA. Anders als Michael Moore, der seine Wahnphantasien auf ein Hauptübel, George Bush, zuschneidet, und primär die Volksgesundheit verteidigen will, hat Cohen diese selbst zum Ziel. Cohen ist der Antagonist Michael Moores, genau dessen Gesinnung kritisiert er, in seiner Angewohnheit, komplexe Sachverhalte auf vermeintliche Übel reduzieren, das falsche Projizieren. Für Moore ist es ein Skandal, wenn er bei einer Kontoeröffnung eine Waffe als Werbegeschenk erhält. Borat macht zum Skandal, dass man sich eine Waffe in einem normalen Waffengeschäft, wie es sie überall gibt, kaufen kann, um damit einen Juden zu erschießen. Für Moore steht die Selbstverantwortung, das stets revolutionsbereite, bewaffnete Bürgertum in der Kritik, er fordert Verbote, mehr Staat. Cohen seziert gesellschaftliche Verhältnisse, stellt den revolutionären Gehalt des Bürgertums selbst in Frage. In diesem entstehen zwangsläufig Nebenprodukte: missratene, falsch aufgeklärte Produkte im Privaten, die homophoben Jugendlichen, die ihrerseits wiederum nur durch Aufklärung, nicht durch PC-Kurse und Verbote bekämpft werden können.
Cohen schafft es, den Aufklärungswilligen im Subtext, über das Wesen von verschiedenen Vorurteilen und Wahngebilden aufzuklären. Während der Rassismus des Texasrangers, der alle Terroristen und Moslems hängen sehen will, sich auf ein reales Problem bezieht, entsteigt seine und die Homophobie der anderen sehr offen verdrängten homosexuellen Anteilen. Wo der Antisemit Borat in Furcht vor den Juden bibbert, herrscht der Gleiche die vermeintliche Zigeunerin an und erteilt ihr Befehle. Ihre „zigeunerische“ Magie kann eingefangen werden, er unterstellt ihr zwar, Menschen zu schrumpfen und zu stehlen, aber Angst zeigt er keine. Er will ein Waffe kaufen, um sich gegen einen Juden zu „verteidigen“, mit dem Hummer aber aus purem Vergnügen in eine Gruppe Gypsies hineinfahren, ohne sein Auto beschädigt zu sehen.
Gefeiert wird an der amerikanischen Zivilisation die freie Sexualität, verkörpert in Pamela Anderson und der rundum positivsten Figur des Films, die in der NZZ hämisch als „abgetakelte Fregatte“ bezeichnete Prostituierte. Er konstatiert nüchtern die Freiheit, die es einem gestattet, sich daneben zu benehmen, ohne Angst fremd zu sein, und dennoch auf einen massiven Integrationswillen zu stoßen, er soll „amerikanisiert“ werden. Affirmation ist jedoch nicht sein Behuf und daher legt er den Finger in die Wunden der zivilisierten Gesellschaft, die sich schon für fertig hält, ihr System für perfekt.
Wenn nun überhebliche Europäer darin nicht in den eigenen Spiegel blicken, die Jugendlichen im Van nicht ebenso gut als mögliche Holländer, Dänen oder Deutsche wahrnehmen, macht Cohen vor allem dieses antiamerikanische, kulturalistische Publikum lächerlich. Wo dieses, wie in der NZZ, Borats Antisemitismus als Cohens Witz über die Juden und die Zigeuner interpretiert, ist es ein Skandal, dass es nicht die Absetzung des Filmes mit allen Mitteln zu erreichen versucht. Denn würde diese Interpretation zutreffen, wäre er tatsächlich im Antisemitismus nationalsozialistischer Propaganda gleich: Juden als Kakerlaken, eierlegende, kinderfressende Monster und geheime Verderber der kasachischen Kultur. Konsequent wird Cohen zum „Komiker“ erklärt, dessen Witz irgendwie nicht pc ist, was man aber großzügig toleriert. Über genau dieses Verhalten versucht Cohen zur Reflexion zu treiben, was sein Projekt zur Satire mit ernstestem Anliegen macht, nicht zum Klamauk nach deutschem Comedy – Ritus, der ausschließlich Volkes Stimme und das Publikum goutiert. In den USA hat ein solcher Film einen unglaublichen Erfolg, in Deutschland wäre ein ähnlicher Film über Sachsen-Anhalt kaum möglich, hier ist Reflexionsgeheische und obligatorisches Timbre der Sozialkritik stets nur Selbstbeweihräucherung.
Das Verhältnis der Zuschauer zur Homophobie macht Cohen in der Szene mit Azamat deutlich, als sie über mehrere Minuten nackt ringen. Zahlreiche Besucher beschrieben diese (nicht das antisemitische Ritual zu Beginn) als schockierendstes Element des Filmes, das ihnen gewiss "Alpträume" bereiten werde. Dass sie selbst der reale Alptraum all jener sind, die hässlich, fett und schwul sind, wird ihnen wahrscheinlich nie gewahr.
Die reißerische Behauptung der NZZ, Cohen lebe in der Tat gefährlich, „…denn in den USA zumindest befürwortet eine Mehrheit die Todesstrafe“ wird Cohen mehr gruseln, als alle gefährlichen Szenen des Films zusammen. Hier leben sich Bestrafungsphantasien aus, vermengt mit Ressentiment und der überheblichen Gewissheit, man könne in schweizerischen und bayrischen Dörfern nicht ebenso gut eine Judasverbrennung antreffen, betrunkenen Dorfjugendlichen Herrschaftsphantasien entlocken oder Lokalpolitikern Rassismus und Antisemitismus vom Maul filmen. Cohen hat die derbsten Tabubrüche ohne ein blaues Auge und ohne Gefängnisstrafen überlebt. Nicht er lebt gefährlich, sondern eine Gesellschaft, die Antisemitismus sei es als Kultur oder (missverstanden) als Komik interpretiert und akzeptiert.
"Dieser Film ist keine Satire, er ist gefährlich da er mit unhaltbaren Vorurteilen spielt, bzw. eine neue Form von Vorurteilen und damit Ausgrenzung von Roma und Sinti schafft. Die Bürgerrechtsarbeit der Rom und Sinti Verbände in Europa um Jahre zurückwerfen wird. Dieser Film ist wie ein Brandanschlag auf die Demokratie und auf Art. 1 GG."

Tagesspiegel online: Keine Scherzgrenze

 

Nachtrag:

In "Borat" wird mit einem weiteren Mythos aufgeräumt: Dem des notwendig verbiesterten Antisemiten, dem des teppichbeißenden, grimmigen Propagandisten nach Hitlers Abziehbild. Antisemitismus wird in "Borat" und einigen der Serienproduktionen Cohens als Party-People Phänomen demaskiert. In fröhlichen Volksfesten und lustigen Liedlein manifestiert sich der freudestrahlende, lachtränende Antisemitismus als antisemitisches Gelächter.

Nimmt man nun als Objekt des Filmes nicht einmal mehr den Umgang mit Minderheiten, als vielmehr das Publikum, zeigt sich rasch, was Cohen wirklich will: Das Publikum mit dessen eigenem Gelächter zu beschämen. Lacht es zunächst über die linkischen Gesten des Außenseiters, die noch jeden seiner Sätze lustig machen, so soll nach der Reflexion Beschämung darüber eintreten, dass das, worüber man lachte, den Opfern wie den Tätern bitterernst ist. Wenn Cohen zum Beispiel das "hard" an seine Frage nach der Schadensresistenz des Hummers gegenüber einer Gruppe "Gypsies" herausspuckt, lacht der Saal voll Identifikation mit dem Aggressor. Wenigstens bei einigen könnte sich im Nachhinein ein verfeinertes Bewusstsein für die eigene Psyche, ein Befremden ausdrücken, das sich zunächst als eines über den Film tarnt und letztlich - bei erfolgreicher Reflexion - als eine über das Selbst herausstellt.

Lizas Welt hat auch was dazu...

3.11.06 20:03
 


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bisher 7 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Dude / Website (4.11.06 09:58)
hi. danke für den ausführlichen beitrag. an der frage, ob cohen nun als comedian oder als entlarver rezipiert wird (werden soll), dürfte sich in der tat die polarisierende vorfeldreaktion erklären lassen. problematisch wird es meines erachtens dann, wenn jugendliche, die einfach nur nen witzigen film schauen wollen, erfahren, wie lustig es sein kann, judenwitze zu reißen. eine gewisse reflexionslust muß man da meines erachtens schon mitbringen, wenn der moralische schuss nicht nach hinten losgehen soll. ich sehe den film in der tradition von "l.a. crash", wo gezeigt wird, dass aus einer übersteigerten political correctness, die sich jegliche negative äußerung zu migranten verbietet, irgendwann ein pulverfass wird. für mich zeigen "l.a. crash" wie auch "borat" nur eines: es gibt diese meinungen; und zwar nicht nur hier und da, sondern strukturell. subkutan und unausgesprochen, aber dessen bedarf es nicht. im übrigen fiele die damalige jenninger-rede ins selbe raster: "haben die juden denn nicht ...". "l.a. crash" und jenninger wollten nicht witzig sein und waren´s auch nicht. die witzhülle von "borat" aber scheint mir doch dazu geeignet, die "message" in den falschen hals zu kriegen. gruß, dude.


nichtidentisches (5.11.06 13:48)
Da würde ich zustimmen, aber die Bauchschmerzen sind welche über die Gesellschaft, in der dies stattfinden könnte und ziemlich sicher so stattfindet, nicht über den Film. In Zeiten, in denen gleichtönende Propaganda über das Internet nicht mit Unterdrückung und Verbot gekontert werden kann, aber gleichzeitig auch ein Argumentieren gegen Wahnbilder weitgehend zwecklos ist, bleibt die Satire als einzige Möglichkeit. Chapelle und Cohen haben das erkannt und haben nicht umsonst einen Riesenerfolg gerade beim aufgeklärten Publikum.
"L.A.Crash" kenne ich nicht, muss ich mir gleich mal besorgen.


nichtidentisches (5.11.06 13:50)
Was Borat auch sehr gut einfängt, ist der Mangel an Erfahrung im Vorurteil. Borat erkennt einen Juden nicht an der Kippa, aber er weiß alles über ihre Nachteile. Gleiches bei den Homoxesuellen. Er hat Sex mit einem von ihnen und ist entsetzt, als er erfährt, dass dies ein Homosexueller gewesen sein soll.


da föhn (6.11.06 00:28)
Ich hab das jetzt nicht ganz gelesen, denn es interessiert mich nicht. ;-)


schlipsiltis / Website (7.11.06 13:16)
Sehr netter Artikel auf meinem Lieblings-Blog! Näheres vielleicht bald bei Wein und gutem Essen?!

E.


julmoel (8.11.06 10:49)
die mit abstand greifendste analyse die zu borat die letzten monate zu lesen war...


Alex DeLarge / Website (2.12.06 17:11)
die mit abstand greifendste analyse die zu borat die letzten monate zu lesen war...

Mein Reden julmoel, mein Reden.

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