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Die iranische Frauenbewegung und das islamistische Regime

Der folgende Text ist ein Vollzitat aus:
MEMRI Special Dispatch – 29. Mai 2006

"Die iranische Frauenbewegung und das islamistische Regime"

In einer Analyse der iranischen Frauenbewegung stellte die bekannte iranische Anwältin und Frauenrechtlerin Shadi Sadr vor einigen Wochen in der Zeitung Sharq verschiedene Strömungen der Bewegung vor und warnte vor deren Polarisierung (s. MEMRI Special Dispatch vom 7. 4. 2006).

Im Folgenden dokumentieren wir zum einen den Text der im Exil lebenden iranischen Frauenrechtlerin Monireh Kazemi. Erschienen ist er auf der Website Akhbar-Rooz (http://www.akhbar-rooz.com/article.jsp?essayId=2545). Kazemi betont darin, dass die iranische Frauenbewegung bereits seit über 20 Jahren gegen den Islamismus kämpft. Unter anderem kritisiert sie, dass auch in den Oppositionsbewegungen viele Männer die Interessen und Rechte von Frauen unter islamistischer Herrschaft nicht genügend im Blick hätten. Außerdem würden einige von ihnen sogar das Recht auf ein eigenes Atomprogramm des iranischen Regimes verteidigen. (Zu aktuellen Protesten von Studenten im Iran gegen das Atomprogramm s. http://memri.org/bin/latestnews.cgi?ID=SD117406.)

Anschließend dokumentieren wir einen in der reformislamistischen iranischen Zeitung Sharq erschienenen Beitrag, in dem sich die iranische Frauenrechtlerin Marsiyeh Mortasi Langrudi zu Problemen der iranischen Frauenbewegung äußert: Wie Kazemi weist auch sie daraufhin, dass die Frauen im Iran weiterhin gegen traditionelle Formen gesellschaftlicher Unterdrückung zu kämpfen haben. Für das Engagement der Frauen im Iran kommt sie aber zu einem anderen Schluss: Die Frauenbewegung sollte sich nicht am Kampf um die politische Macht beteiligen, sondern gegen herrschende gesellschaftliche Ungerechtigkeit aktiv werden.

Monireh Kazemi: ´Einige Männer verteidigen das Atomprogramm, schweigen aber über die Zwangsverschleierung´

„Seit dem 11. September 2001 ist die Welt mir einem Phänomen konfrontiert, dass wir iranischen Frauen schon seit 27 Jahren kennen: dem Islamismus.

Der politische Islam ist für uns Iraner kein neues Phänomen. Kleriker wie Scheich Nuri [1] und seine Zeitgenossen haben schon in der damals herrschenden Despotie gegen Menschen gekämpft, die sich für Freiheit einsetzten und sorgten dafür, dass sie getötet wurden. Schon damals gründeten die ersten iranischen Feministinnen Mädchenschulen und mussten sich gegen den Zorn der Islamisten wehren. [...]

Bereits in den 60er Jahren bezeichnete Khomeini das Wahlrecht für Frauen als ‚Prostitution’ und in den 70er Jahren steckten Islamisten das Kino ´Rex´ in Brand – über 400 Menschen kamen dabei ums Leben [2]. Kein Wunder also, dass die Frauen von Khomeini kurz nach der Machtergreifung 1979 – völlig zu Recht – als Feinde islamischer Regime dargestellt wurden. Die Islamisten behaupteten, dass der weibliche Körper ein Ort des Teufels sei und selbständige, freie Frauen seine Schülerinnen. Sie behaupteten, dass man Frauen gänzlich kontrollieren und die Gesellschaft islamisieren müsse, um Frauen handlungsunfähig zu machen. Es sollte auch nicht vergessen werden, wie viele Frauen in den Gefängnissen des klerikalen Regimes gefoltert und hingerichtet wurden. Mittlerweile werden Andersdenkende sogar im Ausland Opfer von Terroranschlägen. Das alles deutet auf eine Form des Islamismus als totalitärer Fundamentalismus hin, unter dem insbesondere Iraner zu leiden haben. [...]

Aber das iranische Regime leistet weiterhin auch Hilfe an arabische Islamisten und unterstützt totalitäre islamische Zentren und radikale Moscheen in Europa und den USA. Tatsächlich wird an solchen Orten Hass geschürt, wodurch zivilgesellschaftliche Entwicklungen gefährdet werden. Leider denken die westlichen Staaten meist nur an ihre kurzfristigen wirtschaftlichen Kapitalinteressen und teilweise unterstützen sie die Bewegungen des politischen Islam sogar. Indirekt tragen sie dadurch dazu bei, dass nicht nur reaktionäre Kräfte, sondern auch Rassismus, Antisemitismus und blinder Nationalismus gestärkt werden. [...]

Vor diesem Hintergrund könnte der Sieg über den islamischen Fundamentalismus im Iran ein großer Beitrag für Frieden, Freiheit, Demokratie, Emanzipation und Gerechtigkeit in der ganzen Welt bedeuten. Wir können davon ausgehen, dass der Islamismus enorm geschwächt wäre, wenn die Kette von Gewalt und Aggression an einer entscheidenden Stelle durchbrochen würde. So haben die iranischen Frauen heute eine besondere Botschaft, denn ihr Sieg über den Islamismus würde nicht nur den Kampf der Frauen für Demokratie, Freiheit, Emanzipation und Humanität in der Region, sondern weltweit unterstützen.

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben mir gezeigt, dass auch politisch aktive iranische Männer noch immer nicht sensibel genug für die Gefahr des politischen Islam sind und Gefangene ihres traditionellen patriarchalen Denkens bleiben. Auch aus diesem Grund sind sie weit von den Forderungen der Frauen in ihren Auseinandersetzungen mit der Islamischen Republik entfernt.

Die iranischen Männer haben nicht verstanden, dass die Abschaffung der Männerherrschaft auch die Männer befreien wird. Die iranischen Männer haben immer noch nicht begriffen, dass die Ideologie und die Strategien der Islamischen Republik die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen des herrschenden Patriarchats bestimmen. Faktisch fällt es dem iranischen Mann sehr schwer, die patriarchalen Strukturen des Regimes zu kritisieren. [...]

So stehen wir Frauen in unserem Kampf gegen die Islamische Republik alleine da. [...] Wir erleben, wie manche Männer trotz langjähriger politischer Erfahrungen in die Falle von Ahmadinejad tappen und von einem selbstverständlichen Recht des reaktionären und totalitären Regimes auf das Atomprogramm sprechen. Dieselben Männer schweigen über die Zwangsverschleierung und das selbstverständliche Recht der Frauen auf freie Kleidungswahl [...]

Das ist einer der Gründe, warum wir Frauen im Iran und der islamischen Welt uns auf unsere eigenen Kräfte besinnen und in der ganzen Welt um Solidaridität gegen die islamischen totalitären Kräfte kämpfen müssen.“ [3]

Marsiyeh Langrudi: „Die Frauenbewegung muss sich eher gesellschaftlich als politisch engagieren“

„Seit langer Zeit fragen sich engagierte iranische Frauen, ob die Frauenbewegung das Ziel verfolgt, die ‚Gesetze zu reformieren’ und sich dabei als politische oder als soziale Bewegung definiert. Wenn die Frauenbewegung eine politische Bewegung ist, warum beschäftigt sie sich dann nicht mit Problemen der Macht, des Staates und der Regierung? [...] Soziale Bewegungen setzen sich dagegen mit Bürger- und Frauenrechten auseinander und verfolgen das Ziel, die rechtlichen Strukturen emanzipatorisch zu reformieren. Es ist bedauerlich, dass man seit einigen Jahren fast gar nicht mehr zwischen politischen und sozialen Bewegungen unterscheiden kann. Deswegen gerät auch die Frauenbewegung ständig in machtpolitische Streitereien.

Fest steht zunächst, dass es Männer sind, die in unserer patriarchalen Gesellschaft alle bevormunden und nur ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen wollen. Hart gehen sie gegen jede Kritik an der Monopolisierung [der staatlichen Macht] vor und werfen den Kritikern vor, die herrschende Ordnung stören zu wollen. [...] So wird natürlich auch die Frauenbewegung als radikale Bewegung betrachtet und ihre Arbeit gestört.

Die Tatsache, dass allein das ‚Frausein´ schon politisch ist, hat mit dem engen Verständnis von Politik zu tun. [...] Dies ruft nicht nur in der Frauenbewegung Widerspruch hervor, sondern wird auch in den von Männern dominierten iranischen Parteien kritisiert. Ein derart enges Verständnis von Politik führt dazu, dass politisch aktive Menschen, denen es eigentlich gar nicht um die politische Macht geht, isoliert werden und automatisch zu Oppositionellen werden. [...] Die monopolisierte Macht benutzt diesen engen Begriff von Politik, um gesellschaftliche Forderungen abzuwehren. Auf diese Weise gerät auch die Frauenbewegung ungewollt in politische Konflikte, [...] was ihr am Ende nur schaden kann.

So werden die Frauen immer hoffnungsloser und verzweifelter, wenn sie feststellen, dass der Preis, den sie für die Bewegung zahlen, in keinem Verhältnis zu Ergebnissen und Nutzen ihrer Arbeit steht. Das führt dazu, dass die Frauenbewegung langfristig an Einfluss in der Gesellschaft verliert. Daher muss die iranische Frauenbewegung eine genaue Definition dafür liefern, was sie unter Politik und Macht versteht. [...]

Selbstverständlich sollte sich die Frauenbewegung auch mit dem Problem der ‚Macht’ auseinandersetzen. Aber wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass es auch traditionelle Formen von Ungleichheit, Gewalt und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft gibt, die sich auf Familienstrukturen auswirken und unter denen auch Männer leiden. Die vom Staat monopolisierte Macht ist schließlich nur ein Teil von dem, was traditionell das Leben der iranischen Frauen beeinflusst. Es ist wie bei einem Eisberg, von dem man nur die Spitze sieht: Der Großteil des Machtproblems ist zutiefst in den Denkweisen und Lebensgewohnheiten der Iraner verankert und bestimmt ihr gesamtes Leben.

Vor diesem Hintergrund sollten sich die Frauen aus den raffinierten und schnelllebigen machtpolitischen Spielereien heraushalten. Vertreter verschiedener sozialer Bewegungen sind vielmehr zu der Erkenntnis gekommen, dass sie sich eher auf der Ebene der Gesellschaft betätigen müssen. [...] Während politische Bewegungen alles in Befürworter und Gegner der staatlichen Macht einteilen, fordert die Frauenbewegung die Einheit der Gesellschaft im Kampf gegen geschlechtsspezifische Diskriminierung und rechtliche Ungleichheit. Die iranische Frauenbewegung sitzt in einem fahrenden Zug und muss während der Fahrt auch noch die Schienen legen, damit der Zug ans Ziel kommt. Daher müssen die Frauen immer darauf achten, nicht zu entgleisen und die Grenzen der gesellschaftspolitischen Arbeit nicht zu verlassen. [...]“ [3]


[1] Scheich Nuri propagierte bereits während der konstitutionellen Revolution von 1905 eine islamische Verfassung.

[2] Am 19.8.1977 wurde das Kino in der südiranischen Stadt Abadan in Brand gesteckt, weil dort westliche Filme gezeigt wurden.

[3] Sharq, 16.5.2006
31.5.06 11:17
 


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