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Vernunft vs. Christentum: Eine Kritik von Wertmüllers Verteidigung Papst Benedikts

Bei seiner berechtigten Verteidigung der Rede Papst Benedikts gegen seine sensualistischen und positivistischen Kritiker beruft sich Wertmüller auf ein Schisma in der katholischen Kirche, das so nicht existiert. Ich stimme mit Wertmüller überein, dass der Sensualismus, den sich Kulturrelativisten und Fassonsverfechter auf die Fahnen schreiben, ein selbstzerstörerischer Popanz ist, gerade wenn es um Religion und hier insbesondere den Islam geht. Ferner bin ich weder willens noch kundig, der philosophiegeschichtlichen Darstellung etwas entgegenzusetzen.

Wo Wertmüller allerdings den „fundamentalen Unterschied im Wesen zweier Religionen erkennen will“, versiegt die Überzeugungskraft: Die absolute Transzendenz Allahs sei es, die Islamisten ihre Unvernunft als unergründbaren Willen Gottes vertreten lasse. Anstatt nun das Gegenstück im Christentum aufzutun, macht Wertmüller den Sprung zu Ratzinger und dessen individuellen Anspruch an Vernunft. Die Synthese von Christentum und hellenistischer Philosohpie wird von Ratzinger als gangbarer und fälschlich von Duns Scotus unterbrochener Weg aufgezeigt. Gott sei nun mal Logos. Das verteidigt Wertmüller gegen die volkschristlichen und dümmlich-atheistischen Angriffe, um zur Kritik zu schreiten: Die Versöhnung von Religion und Vernunft sei unmöglich. Kants totale Transzendenz sei auch die Wiederkehr des von ihm kritisierten Willkürgottes. Benedikt sei lediglich inkonsequent und entscheide sich für den Glauben, anstatt kritische Theorie zu studieren. Immerhin (!) habe er den Antisemitismus des Vatikan zurückgefahren: Er sehe nämlich Juden nicht mehr als Platzhalter des Bösen, sondern als Teil eines Plans Gottes. Ohne Tötung Christi keine Erlösung der Sünden, daher mussten die Juden Jesus töten.

Meine Kritik an Wertmüllers Text bezieht sich auf drei Elemente: Eine sehr selektive Idealisierung der frühkatholischen Theologie, das Absehen von religiösen Texten und das Ausblenden des Judentums mit dem peinlichen Schweigen vom Antisemitismus.

Gerade der letzte Punkt lässt Misstöne aufkommen: Erstens haben nicht „die Juden“, sondern die Römer Jesus ans Kreuz genagelt. Erst über die Rolle Judas oder die Volksabstimmung zwischen Barnabas und Jesus ließe sich streiten.
Zweitens ist das noch keine Abkehr vom Antisemitismus, denn über das Instrument Gottes sagt es noch wenig aus: Ob Gott nun einen bösen oder einen guten Juden nimmt, um Jesus zu töten, war dem Antisemit von je egal. Die Wut auf den „Gottesmord“ ist ja nur Produkt der Verschiebung, dass Jesus für unsere, also auch meine Sündhaftigkeit sterben musste, also ich armer Sünder am Tode des so reinen, frommen und guten Jesuleins schuld bin. Diese unerträgliche Schuld verlangt geradezu danach, auf ein Objekt abgeladen werden.

Die hellenistische Tradition, die Benedikt frech als christliche ausgiebt, ist originär eine des Judentums, das es über Tausend Jahre hinweg schaffte, solche Elemente bis zu einem Grad der Vernunft zu integrieren, der in „Buch Kohelet“ oder „Weisheit“ zu Tage tritt. Erst über die arabisch-islamischen Übersetzungen unter anderem jüdischer Intellektueller wie Maimonides erhielt das Christentum ab einem gewissen Punkt wieder Zugang zu den einst verpönten philosophischen Texten der griechischen Polytheisten. Wertmüller vermag nicht zu benennen, wieso gerade dem Christentum eine solche Weihe zukommen solle, das Judentum aber mit einem Stillschweigen bedacht wird, das um so unangemessener ist, als auch das hellenistische Christentum mit der hellenisierten Vernunft des Judentums in entscheidenden Stellen kollidiert.

Wo bleibt die Vernunft, der Äquivalententausch zwischen Gott und Mensch, der Vertrag, der es Moses erlaubt mit Gott zu handeln, der die Strafen Gottes rechtfertigt durch das Verletzen des Vertrages und der es sogar Hiob erlaubt, mit Gott trotz allen Glaubens zu rechten, wo bleibt nun diese an Erfahrung geknüpfte Vernunft in der Bergpredigt, als Feinde Freunde werden sollen, der Arme reich, der Schwache stark, der Verrückte vernünftig oder zumindest selig werden soll? Die narzisstische Umkehr, die Grundberger/Dessuant wie auch Vinnai in der Bergpredigt verorten, ist Kern des Christentums, das Vernunft GEGEN die Überzeugung der eigenen Vergottung, der Selbstidolatrie des Narzissmus niemals dulden wird.

Auch Unvernunft wird ambivalent verhandelt. Ist in Gottes Sohnopfer die Erfüllung der absoluten Vernunft, des totalen Plans von der Erbsünde bis zur Erlösung zu erkennen, so scheitert diese utopische Vernunft notwendig an der Realität. Die Christen haben dieses Scheitern mit dem Antisemitismus, Mystizismus und Selbstkasteiung gelöst. Das Judentum gestand Gott zu, unvernünftig und abwesend zu sein.

Als Moses Gott von der Auslöschung des gesamten Volkes am Berg Sinai abhält und doch selbst vor Wut tobt, unterstellt er Gott selbst Unvernunft. Und was sagt Gott über sich selbst? Er sei ein zorniger Gott, Herr der Heere ist einer seiner zahllosen Namen. Noch deutlicher wird dieses Verhältnis zur Vernunft in der Sintflut: Gott reut die ganze Sache, und er belässt den Menschen fortan in seiner Unvernunft, weil Vernichtung nur wieder Unvernunft ist. Gott ist fehlbar, man kann mit ihm handeln, ihn beschwören, ihn beeinflussen, ihn beschwichtigen, wenn sein Interesse dem des Menschen zuwiderläuft oder an ihm zweifeln wie Jonas oder Hiob.

Der christliche Gott hat die Fehlbarkeit überwunden, sich durch das Sohnopfer abgedichtet und mit der Bergpredigt den Wahn vollendet, der es fortan erlaubt, von den Juden das Hinhalten der anderen Wange zu fordern und doch selbst mit dem Schwert in die Welt zu ziehen. WEIL Gott Logos ist, wird alles von Vernunft durchherrscht, vom Sohnopfer bis zum Feudalismus: Knechtschaft wie Herrschaft ist vernünftiger und unangreifbarer Plan Gottes. Das ist die Inversion, die das Christentum betreibt, und von der Wertmüller schweigt. Wenn nun Benedikt beabsichtigt, zu den hellenistisch-jüdischen Wurzeln zurückzukehren, und das wahnhafte Christentum mit einer Portion jüdisch-hellenistischen Realismus' vom Ärgsten zu kurieren, dann ist das recht und billig. Auch dass er in Auschwitz dem Schweigen Gottes die vernünftigen Taten der Menschen entgegensetzen will, sei legitim und sogar beachtenswert. Wenn er jedoch penetrant verschweigt, von WEM dieser Realismus unter Absehen von Dogmen stets neu ausgehandelt wurde, nämlich dem Judentum, das SEINE eigene Kirche von je ausrotten wollte, ist diese Anmaßung und das Plagiat zu kritisieren, und nicht die Glaubhaftigkeit seiner Theorien. Ob Benedikt nun Antisemit oder nicht ist: Wenn er keiner ist, so ist das kein Verdienst, wie Wertmüller andeutet, sondern das mindeste, was man von einem christlichen Offiziellen und von Menschen überhaupt erwarten kann.

Eben aus diesem Schweigen von Vernunft und Unvernunft beim Judentum erklärt sich die recht dürftige Nachlässigkeit, mit der man im Islam das Prinzip der Unvernunft verorten möchte. Weil Allah undurchdringlich ist, könne man nicht mit ihm rechten, daraus zögen die Islamisten heute ihre Energie. Dass hier nur die absolute Vernunft des Weltgeistes durchschimmert, der selbst die barbarischsten Massaker des Kolonialismus noch mit dem Fortschritt der Zivilisation entschuldigte, entgeht der Auffassung, die Ambivalenzen in Texten nicht denken möchte. Die Almohaden entfachten 1148 Judenpogrome dort, wo eben Moslems 711 die Juden aus dem Joch der Christen befreiten. Die katholische Kirche setzte den Antisemitismus gegen die arianischen Christen durch. Inmitten des wucherndsten Antisemitismus widersetzten sich noch Individuen dem auf den gleichen philosophischen und religiösen Prinzipien aufbauend, etwa Ludwig der Fromme oder Karl der Große oder der Bischof Rüdiger von Speyer.

Der Islam IST unvernünftig, weil er auf einem Mangel an historischer Erfahrung literalistisch aufbaut und fünfzig für eine Minderheit erfolgreiche Jahre zum Exempel für Jahrtausende machen will. Er ist nicht unvernünftig, weil er behauptet, es gebe etwas, was nicht zu begreifen sei. Er ist auch nicht unvernünftiger als Hegel, wenn er behauptet, dass dieses Unbegreifliche vernünftig sei. Er ist dann unvernünftig, wenn er wie die Fundamentalisten behauptet, man habe das Unbegriffene mit Begriffen erfasst und Identitäten geschaffen. Eben dem sperren sich allerdings selbst noch einige Suren im Koran, in denen vor der Hinterlist Gottes gewarnt wird: Verschlungen seien die Pfade Gottes und nicht ergründbar, im Irrtum, wer sich voreilig auf ihn beruft. Ohne Frage: Zahllose andere Suren rechtfertigen und fordern Gewalt, Unterwerfung, Judenfeindschaft und Mord, wie Luther baut Mohammed auf dem enttäuschten instrumentellen Wunsch an Juden und der folgenden Vernichtung und Abwertung auf und ja, der Islamismus ist orthodoxer Islam und keine Verfälschung des Textes. Davon spricht Wertmüller jedoch nicht. Geschichte geht ihm in seinem eigenen Text in wenigen Autoren und identischen Begriffen auf, die zudem idealisiert werden, womit sich der letzte Kritikpunkt eröffnet.

Der von ihm als lobenswertes Beispiel für christlich-hellenistische Vernunft angeführte Thomas von Aquin, angeblich hellenistische Oppositionspartei des Schismas zwischen Hellenismus und Sensualismus rechtfertigte den damals noch spärlichen Hexenglauben mit der Vernunft Gottes, die das Böse in die Welt bringe, um Menschen zu prüfen. Wo 906 noch Abt Regino von Prüm, eine Ausnahmeerscheinung, den GLAUBEN an Hexerei als unchristlich verurteilte, beeilt sich Thomas von Aquin nachzuweisen, dass dieser Glauben vernünftig sei, weil Gott über alles Macht habe, und somit den Dämonen erlauben könne, ihr Unwesen zu treiben. Man muss das betonen: GEGEN die frühen psychologischen Erkenntnisse über die Dämonen als Halluzination und Einbildung (denen auch das Judentum entgegen der verfälschenden Übersetzung von ritueller Magie als Hexerei in Levitikus schon folgt) verficht Thomas von Aquin noch jeden Aberglauben, um mit Wertmüller zu sprechen: jedes „Narrenhütchen“ des „kindlichen Volksglaubens“, als göttliche Vernunft. In eben den von Adorno gerühmten „Summen“ des Thomas von Aquin finden sich „Beweise“ des Geschlechtsverkehrs mit einem Sukkubus, und letztlich auch die wissenschaftliche Untermauerung des satanischen Fluges. Gegen die zum Gesetz gegen den Hexenglauben geronnene Vernunft im späten christlichen Rom reinstallierte eben jener Scholastiker den Hexenglauben als Vernunft und bereitete entscheidend den Boden für die Hexenjagden der frühen Moderne vor.

Hat nun Papst Benedikt eben jenem Thomas von Aquin seine Heiligkeit abgesprochen, wegen dessen Unvernunft? Nein. Selbst Wertmüller idealisiert ihn noch zum Vorkämpfer der Vernunft gegen den Sensualismus, Adorno unterstellt ihm sogar noch, nirgends (!) den Begriff der Vernunft zu verfehmt zu haben (q.e.d). Wie nun eine solcher Vernunftbegriff mit dem Glauben an Hexerei, an die (überaus sensualistische) Bergpredigt und an die Johannes-Apokalypse einhergehen soll, bleibt im Dunkeln, wie bei der Kritik an Islam und Christentum von dem geschwiegen wird, woraus beide ihre Stärken ziehen und auf das beide deshalb ihre Mängel projizieren: das Judentum in seiner selbstreflexiven und selbstkritischen literarischen Rationalität, die durchaus schon kritisch-theoretische Elemente der Versöhnung mit der Unvernunft in der Begriffslosigkeit Gottes und der unerklärlichen, existentialistisch anmutenden Wahl des Volkes Israel zum auserwählten trug und trägt. Das Christentum stellte einen gescheiterten, wenngleich im Prinzip notwendigen Versuch dar, diesen Glauben zu universalisieren, und die darin zum tragen kommende Vernunft einem allgemeinen Publikum zugänglich zu machen. Wie die Bergpredigt wollte es dabei allerdings von Besonderheiten und Erfahrungen absehen, das was besonders blieb, nämlich die zu Recht auf die Überlegenheit ihres Textes beharrenden Juden, kränkte das Christentum.

Der Islam schlägt in die gleiche Bresche, vor Gott und Allah sind alle gleich. Ebenso "denkt" das Geld verdrängt im Citoyen. Dem entgegen beharrt das Judentum auf seitenlangen Abstammungslinien, auf der Individualität der intellektuellen Größen wie Salomo oder Kohelet und auf das Heldentum der Makkabäer, die eben nicht wie die Heiligen oder die Dämonen zum großen Plan Gottes oder des Weltgeistes gehörten, sondern auf Gott zwar vertrauten, mehr aber noch wie Bourgeois und Odysseus ihr Glück versuchten, um das Beste zu erreichen.

Die Widersprüche in den Religionen sind beim Islam wie beim Christentum nicht zur Identität zu zwingen. Den Besonderheiten ist nicht durch Verallgemeinerung und Trennung zweier Opponenten zu begegnen. Derart salopp, wie Wertmüller den Islamismus auf ein Prinzip reduziert und den Koran auf ebendieses mag die Sache vereinfachen. Mehr begriffen wird dadurch nicht.

Justus Wertmüller: „Gott hat keinen Gefallen an Blut. Benedikt verteidigt die Vernunft gegen den Islam.“ In: Bahamas 51, 2007.

Justus Wertmüller: "Im Angesicht des Bösen. Deutschland wartet auf die iranische Bombe." In: Bahamas 52, 2007.

Rudolf Krämer-Badoni: „Judenmord, Frauenmord, Heilige Kirche.“ 1988, Knesebeck & Schuler.

Bernard Lewis: „ ‚Treibt sie ins Meer!’ Die Geschichte des Antisemitismus.“ 1989, Ullstein.

22.9.07 16:40
 


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bisher 38 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Frank (23.9.07 12:07)
Es geht nicht darum das Christentum als die Religion der Vernunft hinzustellen sondern darum ein irgendwie dynamisches, dialektisches, letztlich zur Vernunft treibendes Moment des Christlichen Glaubens aufzuzeigen. Deshalb ist auch das dickste Schwarzbuch des Christentums kein Gegenbeweis sondern höchstens ein Paradoxum. Soviel zu den abgeschmackten Argumenten von der Hexenverfolgung oder der Conquista (die Conquestatoren haben tatsächlich die Zivilisation gebracht, das Leid war nämlich schon vorher da, das müsste eigentlich jedem klar sein der nicht vom vormodernen Paradies träumt).
Woher dieses Moment nun stammt, ob aus der griechischen Philosophie, dem Judentum oder ob es tatsächlich etwas Neues ist, ist fürs Ergebnis zweitrangig. Kategorien wie die Vernunft, genauso wie das Es oder der Wert, sind nie auf den Punkt zu bringen. Woran man sie einzig erkennt sind letztlich die Verhältnisse die von ihnen erzeugt werden.


Frank (23.9.07 12:09)
Und damit wären wir bei der eklatanten Schwachstelle, der Ideologie deiner Kritik. Die dicke Linie die du vom Christentum zu Auschwitz ziehst kann nur zustande kommen, weil du die Aufklärung übergehst, teilweise völlig ignorierst (im obigen Text erwähnst du sie mit keinem Wort), das musst du tun um das Christentum abzulehnen bzw. Milde mit dem Islam walten zu lassen.
Wer die Gegenwart, sowie die Vergangenheit verstehen will kommt aber an der Aufklärung nicht vorbei. Denn sie war oder ist mehr als ein flüchtiges, oberflächliches Phänomen nach dem Vorbild dieses angeblichen islamischen Frühlings irgendwann im 12. Jhd.. Wer nicht sehen will dass die Aufklärung alles verändert hat, der braucht sich um ihre Dialektik keine Gedanken zu machen. Die Aufklärung ist aber ohne das Christentum nicht zu denken, da sie nun mal vom christlichen Europa ausging. Die Aufklärung ist auch nicht, wie man in meiner Heimatstadt sagt, „auf der Wurschtsuppen dahergeschwommen“ also aus dem Nichts entstanden; und auch nicht weil irgendwer über irgendwelche antiken Texte gestolpert ist.


nichtidentisches / Website (23.9.07 13:29)
"ein irgendwie dynamisches, dialektisches, letztlich zur Vernunft treibendes Moment des Christlichen Glaubens aufzuzeigen"

Lieber Frank: zumindest dafür ist Wertmüller, der auf geschichtliche Tendenzen zurückzieht, nicht zu haben, zumindest sehe ich das nicht so.
IM Christentum, d.h. im religiösen Text gibt es kein Moment der Vernunft, ja nicht einmal eines der vernünftigen Utopie, denn die Apokalypse ersetzt jede Bemühungen auf Erden. Wenn du dieses vernünftige Moment am religiösen Text belegen kannst, meinetwegen. Dass Vernunft von Christen bisweilen getragen wurde spricht nicht für das Christentum, sondern für die Individuen, die trotz dieser Hürde einiges an Anstrengungen unternahmen, der Realität beizukommen.


nichtidentisches / Website (23.9.07 14:27)
Wo ich dem Islam gegenüber Milde walten lassen, musst du mir erst mal nachweisen. Kritische Theorie versteht sich übrigens nicht als traditionelle, weil sie eben über den Geschichtspositivismus hinauskommt, ohne den Fortschritt selbst zu verraten. EINGEDENK der Opfer der ursprünglichen Akkumulation ist eben alles zu unternehmen, um Fortschritt zu einem wirklichen werden zu lassen und nicht in der Wiederholung des immergleichen zu verharren. Dass die Spanier die Indianer von den Inkas befreit haben, mag man begrüßen und einiges anderes als dramatisches Missverständnis und Tragödie einstufen. Das barbarische Aufleuchten von verdrängter zivilisatorischer Gewalt, die in zahllosen Massakern am Anderen sich austobte, in diesen Fortschritt akzeptierend einzureihen, bedeutet, zukünftige Massaker auch mit dem Fortschritt zu entschuldigen.
Und nochmal die Frage: WO fand Aufklärung MIT dem Christentum statt? Und nochmal die Insistenz darauf: Ohne Jahrtausendealte Tradition des christlichen Antisemitismus und ohne christliches Opferdenken wäre die nazistische Ideologie nicht dieselbe.


nichtidentisches / Website (23.9.07 14:31)
Und komm mir nicht mit der Platitüde: Hu, die Nazis waren doch gegen die Christen. Das ist partikularistischer Blödsinn, den zahllose andere Autoren, darunter Scheit, Goldhagen, Rune, Claussen, Adorno, schon demontiert haben.


nichtidentisches / Website (23.9.07 14:33)
"Deshalb ist auch das dickste Schwarzbuch des Christentums kein Gegenbeweis sondern höchstens ein Paradoxum"

Solange es kein Weißbuch gibt... Ebensolches behaupten auch die Islamversteher vom Islamismus. Das ist alles nicht der wahre Islam, alles nur ein Paradoxum... Blödsinn, wenn du mich fragst und man sollte es ihnen nicht im Negativen gleichtun.
Was du mir unterstellst, ist eine Verkehrung von Kritik, auf die ich schon früher eingegangen bin.


Frank (23.9.07 15:33)
(zu deinem ersten Kommentar)

„If you rule out the impossible then whatever is left, however improbable, must be the truth”
(Sherlock Holmes)

Wenn ich dieses „Moment“ belegen und aufzeigen könnte, dann würde ich ein Buch darüber schreiben und nicht Bahamas-Artikel zitieren. Was mich aber eigentlich interessiert ist die Frage: warum kam es zur Aufklärung und warum gerade hier. Und vielleicht klingt das altmodisch, aber für mich bestimmt immer noch das Sein das Bewusstsein. Mir ist schon klar dass die Aufklärung letztlich gegen das Christentum gerichtet war und auch gegen es verteidigt werden musste. Sollte es irgendwann mal zum Kommunismus kommen, dann ist dass auch kein Verdienst des Kapitalismus. Trotzdem kann aus der Urgemeinschaft keine Zivilisation entspringen. Und hier berufe ich mich nicht auf die „Bahamas“ sondern auf Marx.
Und genauso ist die Aufklärung weder aus dem Nichts noch aus Zufall entstanden.


Frank (23.9.07 15:33)
Außerdem scheinst du dem Literalismus, den du dem Islam sicher zu Recht unterstellst, selbst erliegen zu sein. Alles wichtige steht in der Heiligen Schrift, sei es Bibel oder Koran, und muss nur noch richtig interpretiert werden. Die religiösen Texte sind aber sekundär, die Religion war schon vorher da und nicht umgekehrt. Und kommt zur Not auch ohne aus. 95% der mittelalterlichen Christen waren Analphabeten und verstanden ihre Pfarrer nicht, da diese auf Latein lasen. Religion ist nichts was man sich anliest sondern eine Illusion, ein Bewusstseinszustand, meinetwegen auch ein Wahn (mir fehlt der richtige Begriff). Was immer es ist, es kommt aus dem Unbewussten und kann sich in Schriftform verewigen, tut das auch zum Teil, muss es aber nicht.


Frank (23.9.07 15:38)
Und ganz allgemein:
Ich versuche nicht das Christentum sodern die Zivilisation zu retten. Genausowenig wie ich das Antisemitische Potential der bürgerlichen Gesellschaft und den offenen Antisemitismus der heute krasiert leugne, genausowenig leugne ich den Schrecken der vom Christentum ausgehen kann noch dessen Antisemitismus ich wüßte auch nicht das ich in dieser Richtung irgendeinmal zweideutig gewesen sein sollte.


Frank (23.9.07 15:58)
Auf die Gefahr hin mich heillos zu verrennen:

Ein Aspekt des christlichen Antisemitismus ist eben das er den Umweg über den Teufel gehen muss und darum einen Ausweg anbietet bzw. die Möglichkeit der Ablenkung von den Menschen. Und es gehört auch zur Dialektik der Aufklärung dass sie diesen Weg versperrt hat ohne den Antisemitismus zu überwinden.


nichtidentisches / Website (23.9.07 20:08)
Hmmmm.... Ich finde nicht, dass es irrelevant ist, was in Texten steht. Wenn eine Religion literalistisch ist, sollte man sich den Text, auf den sie sich beruft angucken. Das Unbewusste ist eine ziemlich vage Angelegenheit: Je nachdem, welchen kulturellen Text, sei er geschrieben oder tradiert, es vorfindet, kann das Ergebnis zweier identischer Dispositionen höchst unterschiedlich sein. Und auch die "Urgemeinschaften", die genauso Verfallsgemeinschaften sein könnten, sind höchst unterschiedlich: Da hast du von friedlichen Gutmenschen bis zur Ausrottungsmentalität alles dabei. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man von ihnen das ein oder andere lernen könnte.


nichtidentisches / Website (23.9.07 20:18)
Das mit dem Satan und dem Umweg kapiere ich nicht. Was meinst du damit?


Frank (23.9.07 20:55)
Wenn ich richtig sehe, dann werden die Juden im christlichen Antisemitismus als Helfer, Werkzeuge des Teufels angesehen. Nun denke ich, dass der Teufel in diesem Zusammenhang nichts weiter ist als das Ergbniss der Antisemitischen Projektionen aufs Übersinnliche, wo sie ersteinmal keinen Schaden anrichten können. Zwar treibt es auch den christlichen Antisemitismus zur Konkregation, weshalb es selbstverständlich auch im Mittelalter Judenprogrome gab, aber zur großen Katastrophe ist es nicht gekommen, da es einen Unterschied macht ob die Juden nur Helfeshelfer sind (und sich durch Bekehrung rehabilitieren können) oder ob sie das Böse schlechthin sind, wie im säkulären Antisemitismus. Deswegen lenkte der Teufelsglauben den Antisemitismus (die Paranoia)
von den Menschen weg, bzw. dämpfte ihn wenn die Abstraktion des Juden (im Teufel) nicht mehr ausreichte.


Frank (23.9.07 20:59)
Seit der Aufklärung ist alles Übersinnliche verpönt, den Teufel gibt es nicht mehr, aber den Antisemitismus der jetzt eben direkt auf den Juden trift.


(24.9.07 08:32)
Lies mal meinen Beitrag zum Buch Ester. Da trete ich solchen Thesen von einem "unmöglichen" Antisemitismus entgegen. Auschwitz heute als größtmögliche Katastrophe zu meinen ist richtig, davor gab es durchaus andere Katastrophen, die diesen Rang innehatten, die Vertreibung von Juden aus England (das Pogrom von York etwa) und die Verschwörungstheorien, nach denen die Juden hinter den Massakern an Juden UND Christen durch Moslems in Palästina steckten... Was ja einige größenwahnsinnige Racketführer bereits im MA dazu trieb, gegen jede Vernunft durchs Land zu marodieren und Ghettos zu brandschatzen, bis sie durch irgendeine Obrigkeit aufgerieben wurden, Fettmilch oder Armleder oder der erste Kreuzzug etwa.


Frank (24.9.07 10:00)
"Die Glaubenssysteme der Vergangenheit, die von den Völkern als geschlossene paranoide Formen ergriffen wurden, hatten weitere Maschen. ...
Ja sie haben in gewisser Weise der Paranoia entgegengewirkt. Freud nennt, hier sogar mit Recht,
die Neurosen "asoziale Bildungen"; "sie suchen mit privaten Mitteln zu leisten, was in der Gesellschaft durch kollektive Arbeit entstand". Die Glaubenssysteme halten etwas von dieser Kollektivität fest, welche die Individuen vor der Erkrankung bewahrt. Diese wird sozialisiert: im Rausch vereinter Ekstase, ja als Gemeinde überhaupt, wird Blindheit zur Beziehung und der paranoische Mechanismus beherrschbar gemacht, ohne die Möglichkeit des Schreckens zu verlieren."

Horkheimer/Adorno: Elemente des Antisemitismus

Damit sehe ich mich, mit meinen Überlegungen durchaus im Einklang.


Hochdorff (24.9.07 22:07)
Meinst du das Pogrom in York, das im Zuge der Kreuzzüge stattfand? Dabei starben, wenn ich mich nicht falsch erinnere 46 Juden oder auch mehr, aber es war eben ein Pogrom und kein Vernichtungspogramm. Den mittelalterlichen Juden blieb zur Rettung ihres Lebens immernoch die Konversion (nicht immer, aber doch sehr oft). Ein Weg, der ihnen durch den modernen Antisemitismus verbaut wurde.
Auschwitz ist also mit nichten mit irgendeinem vorhergehenden Ereignis (auch nicht im Rang) zu vergleichen.


Hochdorff (24.9.07 22:20)
Im Christentum steht weiterhin die Vertreibung aus dem Paradies und damit einhergehend der Zwang des Menschen zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen, das Interpretieren zwischen göttlichem Willen und menschlichen Nöten und nicht zuletzt das auf sich gestellt sein in der Entscheidungsfindung, weiter im Vordergrund. Es ist doch gerade diese Leerstelle, die die Möglichkeit zur Vernuft herstellt.

Und genau diese Leerstelle schließt der Islam, in dem er an die Stelle dieses Interpretationszwanges (oder Entscheidungszwanges) einen abgeschlossenen göttlichen Willen stellt. Soll heißen, ein Moslem muss nicht unterscheiden, ob irgendeine seiner Taten gut oder schlecht ist, sie ist von Gott gewollt. Er muss nicht darüber befinden, ob der Drang zu einer Tat tatsächlich göttlicher Wille oder menschlicher Trieb (z.B. Erkenntnisabwehr) ist.

Zur Illustration des oben genannten könnte man das ständig reiben, die fortlaufende "Diskussion" nennen, die im Mittelalter über die Stellung der geistlichen und weltlichen Gewalt geführt wurde. Eine "Diskussion", die letztlich in der Aufklärung zur Trennung beider Gewalten führte. Die Grundlagen dieser "Diskussion" finden sich bereits in der Bibel sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.


nichtidentisches / Website (25.9.07 10:46)
"Im Christentum steht weiterhin die Vertreibung aus dem Paradies und damit einhergehend der Zwang des Menschen zwischen Gut und Böse unterscheiden zu müssen, das Interpretieren zwischen göttlichem Willen und menschlichen Nöten und nicht zuletzt das auf sich gestellt sein in der Entscheidungsfindung, weiter im Vordergrund. Es ist doch gerade diese Leerstelle, die die Möglichkeit zur Vernuft herstellt. "

Ja, und es ist das Verdienst des Judentums. Das Christentum entwertet das durch die Behauptung, das Paradies auf Erden sei hergestellt, der Plan Gottes vollendet im Tod Jesu Christi. Genau das, was du am Islam kritisierst. Das neue Testament schließt den Plan Gottes ab. Auferstehung des Fleisches, Himmel, Hölle, all das sind Surrogate der Vernunft, die der Islam ebenfalls (dschahannam), das Judentum aber nicht (in dieser Form) ausprägte.

@Frank: Die Adorno-Stelle müsstest du auch auf den Islam anwenden, so vage wie das gehalten ist. Warum also nicht?

@york: York ist nur ein winziges Beispiel dafür, dass der Bekehrungswille NICHT letzter Ausweg war, wie das allzu oft und überaus verharmlosend behauptet wird. Juden wurden nicht systematisch mit Gewalt bekehrt, sondern periodisch einer Gewalt ausgesetzt, die in einigen wenigen Ausnahmefällen eine Bekehrung gelten ließ, aber selbst dann wie in Spanien die limpieza del sangre nachschob und bekehrte Juden lebenslang bespitzelte, die Kinder raubte, bei geringsten Vergehen mordete.
Ein klassisches Karfreitagspogrom, wie es Scheit beschreibt, hat nichts mit Bekehrungsabsichten, sondern allein mit verdrängten Schuldanteilen und unbewältigten Ambivalenzkonflikten zu tun.


nichtidentisches / Website (25.9.07 10:56)
"Die zwangsgetauften Juden – spanisch conversos bzw. Marranen: Schweine), lateinisch christiani novi, hebräisch annussim: Gezwungene genannt – sollten in den folgenden Jahrzehnten das Ziel blutiger Verfolgungen und Massaker sein."

"Zwischen 1298 und 1348 kam es zu zahlreichen blutigen Pogromen vor allem in den deutschsprachigen Gebieten, so 1298 bis 1303 unter Führung von König Rintfleisch und zwischen 1336 und 1338 unter Führung des Raubritters König Armleder. Am 17. September 1394 vertrieb Karl VI. (Frankreich) sämtliche Juden aus Frankreich[1]."

http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nig_Armleder

"Rintfleisch, der in den Quellen entweder als verarmter Ritter oder als Fleischermeister bezeichnet wird, verkündete, er habe vom Himmel eine persönliche Botschaft erhalten und sei zum Vernichter aller Juden ernannt worden."

http://de.wikipedia.org/wiki/Rintfleisch-Pogrom


Frank (25.9.07 16:31)
Ich sehe kein Problem darin diese Stelle auch auf den Islam anzuwenden. Kann schon sein dass die hinter dem Islam stehende psychopathologie, durch diesen im Zaum gehalten wurde solange er unangetastet und unherausefordert blieb und erst wirklich manifest wurde durch den Kontakt mit der Zivilisation.


Frank (25.9.07 16:37)
Auch Neurotiker schaffen es bisweilen sich mit ihren Symptomen einigermaßen zu arangieren und ein gewisses Maß an Normalität aufrechtzuerhalten. Wird dieses Kartenhaus dann aber durch einen äußeren störenden Einfluss zerstört, ist die Katastrophe da.


Frank (25.9.07 16:49)
Es geht doch nicht darum das Leid der Juden im Mittelalter kleinzureden. Trotzdem gibt es einen qualitativen und quantitativen Unterschied zwischen den Juden-Pogromen und der Shoa.
Die Motive für die Judenfreien Golfclubs in den USA in den 20er und 30er Jahren waren auch Antisemitische. Wenn man aber keinen Unterschied zwischen dem und Auschwitz sehen will, dann wird man nie erfahren warum es gerade in Deutschland passiert ist.


Frank (25.9.07 16:55)
Zum ersten Kommentar (16:31)
und auf den Hinduismus, Buddhismus, Taoismus und den griechischen Pantheon .
Mir ging es aber ums Christentum. Der Islam ist noch nicht das Maß aller Dinge.


Hochdorff (25.9.07 21:48)
Das Opfer des "Sohnes" würde diese Lücke schließen, wenn er sich widerspruchslos hätte opfern lassen, dies geschieht aber nicht, er hadert mit Gott. Später zweifelt auch der Primus der Jünger. Diese Beispiele für lassen sich mehren und sie zeigen eben, daß die Leerstelle -zwar eingeschränkt, so daß sich später entwickeln konnte, was sich entwickelt hat, nämlich der christliche Antijudaismus/Antisemitismus- eben nicht vollständig bereinigt wird. Später wird sie sogar von Gott bzw. seinem "Sohn" wieder erweitert, in dem er eine zweite Ankunft prophezeit. Die Menschen sind wieder auf sich selbst zurückgeworfen, da der vermeintliche Erlöser hier etwas bekräftigt, das er vorher schon ankündigte, an ihm werden sich nämlich Zwist und Zerwürfnisse entzünden.
Das ist jetzt natürlich alles sehr zusammengefasst, aber die Offenbarung des Johannes zeichnet die spätere Entwicklung in ihrer ganzen Ambivalenz durchaus vor, also eben die Möglichkeit zur Vernunft (z.B. im Kampf gegen den römischen Polytheismus und dessen Verhaftung in der ersten Natur) sowie die Aufhebung dieser Vernunft (z.B. ein erstes Aufschimmern später klassisch-antisemitischer Klischees).
In Sachen mittelalterlicher Pogrome stimme ich Frank zu, daß hier ein signifikanter Unterschied zur Shoa besteht, dieser Unterschied ist quantitativer sowie qualitativer Natur.


nichtidentisches / Website (26.9.07 09:49)
"Auch Neurotiker schaffen es bisweilen sich mit ihren Symptomen einigermaßen zu arangieren und ein gewisses Maß an Normalität aufrechtzuerhalten. Wird dieses Kartenhaus dann aber durch einen äußeren störenden Einfluss zerstört, ist die Katastrophe da."

Genau so würde ich es auch sehen mit der Religion. Um den religiösen Zwang herum kann sich durchaus über Umwege ein Moment der Vernunft bis zu einem sehr hohen Niveau hin (Hegel, Kant) durchsetzen, ab diesem aber muss es scheitern.

@Hochdorff:
Warum sollte das polytheistische Christentum "vernünftiger" gewesen sein als der römische Polytheismus? Die Zweifel werden übrigens nur vorgeführt. Am Ende ist eben alles heiter Himmelfahrt.
Johannes Chrysostomos kam 100 Jahre danach und trägt eben die Züge des enttäuschten Urchristentums, ein fehlgeschlagener Versuch, zum Messiashoffen des Judentums zurückzukehren im second coming. Dabei muss er sich aber auf die auserwählten 44000 zurückziehen, die ins Himmelreich eingehen, Gründungsmythos der Zeugen Jehovas. Ich sehe den Aspekt der Vernunft nicht: Drohung und Lockung sind autoritäre Momente, die Apokalypse ist jederzeit geeignet, einen Ausnahmezustand einzuleiten, was ja zu den zahllosen millenistischen Bewegungen führte.
Die "Vernunft" gegenüber dem Polytheismus äußerte sich beispielsweise bei den zunächst recht toleranten Römern im Zerstören polytheistischer Tempel durch Christen.


nichtidentisches / Website (26.9.07 09:52)
Darin folgst du vielleicht einem recht voreiligen evolutionistischen Schema, das leider auch Adorno/Horkheimer übernehmen, die unilineare Entwicklung vom Jagdzauber über den Polytheismus zum Monotheismus. Ich halte dieses Modell trotz einer Hochachtung vor den frühen Evolutionisten, die immerhin zu beachtlichen logischen Konstruktionen in der Lage waren, nicht bedingungslos für haltbar. Es folgt eben einer christlichen Ideologie.


Frank (26.9.07 10:18)
Es gibt Leute die behaupten dass das Christentum eigentlich gar nicht Monotheistisch ist und einen Rückfall hinter das Judentum darstellt.
U.a. wegen der undeutlichen Figur des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und wegen Maria (Mutter Jesus) die fast gottesgleich verehrt wird. Aber das soll jemand klären der bibelfester ist als ich.

Und auf Polytheisten waren die Alttestamentarischen Juden ja auch nicht gerade gut zu sprechen.


(26.9.07 11:27)
Das mit den Neurotikern und der Katastrophe hast du glaub ich falsch verstanden.
Obwohl du trotzdem recht hast. Christentum ermöglicht einen gewissen Grad an Vernunft, irgendwann steht sie aber einer weiteren Entwicklung im Wege. So richtig, so marxistisch und letztlich auch nichts anderes als die Quintessenz des Bahamas-Artikel der von dir so beanstanden wird. Das Christentum scheiterte am eigenen Anspruch und zerbrach.

Was ich aber meinte war nicht was die Religion ermöglichen kann, sondern was sie verhindern kann. Die Psychopathologien die hinter den Religionen stehen, werden durch diese wohl entschärft, wodurch vielleicht Gesellschaft erst möglich wird. Das erreichen sie durch die „geschlossenen paranoiden Formen“, worunter ich den Teufel zählen würde, sowie durch simple Gebote, Verbote, Anreize und Drohungen. Werden die Menschen nun aus dem Schutz der Religion in die Selbstverantwortung entlassen ohne ihren Psychopathologien Herr zu werden, ist die Katastrophe vorprogrammiert.

Um die „Elemente des Antisemitismus“ noch einmal zu bemühen: „Mit dem bürgerlichen Eigentum hatte auch die Bildung sich ausgebreitet. Sie hatte die Paranoia in die dunklen Winkel von Gesellschaft und Seele gedrängt. Da aber die reale Emanzipation der Menschen nicht zugleich mit der Aufklärung des Geistes erfolgte, erkrankte die Bildung selber.“
Die Aufklärung und die mit ihr einhergehende Vernunft hielten also die Psychopathologien latent und die Möglichkeit ihrer Überwindung offen und Reste dieser Vernunft sind eben immer noch vorhanden, sonst gebe es Israel nicht mehr.


Frank (26.9.07 11:29)
Das obige ist von mir, ich hatte vergessen meinen Namen einzutragen, passiert sonst auch automatisch.


Frank (26.9.07 11:36)
Heureka, ich habe es gefunden.


Die Psychopathologien hinter den einzelnen Religionen sind wahrscheinlich alle dieselben, die Art ihrer Beherrschung aber nicht. Kann sein dass es im Mittelalter in Europa dunkler war als anderswo, aber nur weil das Christentum „weitere Maschen hatte“, irgendwie vage gehalten war und deshalb die Verdrängung nicht so total. Widersprüche traten offen zutage. Und da die Religion allein nicht ausreichte die Gesellschaft zu garantieren war der Weg frei um sich aus ihr, der Religion, heraus zu wagen. Wenn es ein „zur Vernunft treibendes Moment“ des Christentums gibt, dann ist es in so etwas zu finden und nicht in Bibelzitaten.
Ja, man kann geradezu sagen dass die zugegebene Banalität und Volkstümlichkeit des Christentums am Ende die Zivilisation ermöglichte.

Der bis ins kleinste durchorganisierte Islam hatte die Psychopathologie vielleicht besser im Griff, er verunmöglichte damit aber Konfrontation, Widerspruch und Entwicklung. Und wenn er in Frage gestellt wird, wie durch die westliche Zivilisation, stehen seine Anhänger vor dem Nichts und reagieren Panisch.


nichtidentisches / Website (26.9.07 13:57)
Hi Frank

Polytheisten waren den alttestamentarischen Juden nur insofern spinnefeind, als sie entweder in der Eroberungsphase (etwa 150 Jahre?) das gelobte Land "besetzt" hatten und dann unbarmherzig vertrieben, bzw. ausgerottet wurden, oder in der Folgezeit (etwa 800 Jahre) stets aufs Neue Israel angriffen, besetzten, und mit ihren Lehren das Judentum beeinflussten: Das wurde militärisch gelöst, wo möglich (Makkabäer, etc.), nach innen gewendet als konservativer Apell und Prophezeihungen oder intellektuell verarbeitet durch Integration und Diskussion, beispielsweise der hellenistischen Momente. Die totalisierende Tendenz, die das universalistische Christentum hervorbringt und die zu fanatischen Tempelstürmern führte, ist dem antiken Judentum dagegen völlig fremd. Die Anderen konnten leben wie sie wollten, waren abschreckendes Beispiel oder Bedrohung, aber letztlich maßte man sich nicht an, die Welt verbessern zu wollen: Sie hatten ja den Vertrag geschlossen und sie selbst erfuhren dadurch die Gunst Gottes.


nichtidentisches / Website (26.9.07 14:09)
"Werden die Menschen nun aus dem Schutz der Religion in die Selbstverantwortung entlassen ohne ihren Psychopathologien Herr zu werden, ist die Katastrophe vorprogrammiert."

Das wiederum ist ja vermittelt. Zugegeben, Napoleon zerschlug einiges an unnützem Müll, und Menschen wurden somit auch "hinausgeworfen". Was dabei jedoch das treibende Moment ist, ist der Kapitalismus, der die Menschen aus den Klauen der Kirche entreißt, und ihnen einen privaten Glauben als notwendig falsches Bewusstsein dennoch aufnötigt.

Ich würde insofern eine Verwechslung kritisieren, die Max Weber ähnlich sieht: Dadurch, dass Ort und Zeit von Christentum und Kapitalismus ineinanderfallen, könnte man vorschnell zur Annahme schreiten, das eine bringe das andere hervor. Und in der Tat war der christliche Universalismus und Welterlösungsanspruch lange Zeit eine mindestens so treibende Kraft wie die freie Konkurrenz der Nationalstaaten und Vorläufer dessen selbst. Das rationalisierende Gesetz des Kapitalismus wurde jedoch vom Christentum so wenig tangiert wie es dieses schuf.


nichtidentisches / Website (26.9.07 14:11)
@Hochdorff

Es geht mir keineswegs darum Auschwitz irgendwie quantitativ oder qualitativ mit einem empirischen Ereignis des Mittelalters zu vergleichen. Was mich stört ist eine eindimensionale Verallgemeinerung a la: damals wollte man bekehren, mit der moderne wurde der abstrakte Genozid denkbar.
Es gab vereinzelte, aber regelmäßige Tendenzen, ALLE Juden nicht nur zu bekehren, sondern auszurotten. Diese scheiterten aus verschiedenen Gründen, hatten aber insoweit Erfolg, als sie es stets schafften, den konkreten Juden die Hölle auf Erden zu bereiten.


Hochdorff (27.9.07 16:39)
Das Christentum fällt in jedem Fall hinter das Judentum zurück (Ich dachte, das hätte ich zum Ausdruck gebracht.) Keineswegs wollte ich sagen, daß das Christentum bzw. einzelne Momente an ihm die reine Inkarnation der Vernunft ist bzw. die Vernunft zum Ziel hatte. Was ich ausdrücken wollte, war, daß es im Christentum genügend Leerstellen gibt an denen sich Vernunft entwickeln konnte. Natürlich auch ihr Gegenteil, was ich mit dem Verweis auf die Offenbarung deutlich machen wollte oder auch an dem Zitat: "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott..."
Was dem Monotheismus doch zu verdanken ist (auch in seiner christlich-eingeschränkten Form), ist die Vermittlung, d.h. die Ablösung von den Naturgewalten als Götter, hin zu einem Gott, der sich der Naturgewalten bedient (aber das hat -glaube ich- nichts mehr mit unserer Diskussion zu tun).

Klar war im Mittelalter nicht alles "bekehren" und damit "an sich" okay. Es gibt in der Art und Weise und in der geographischen Verortung der Pogrome geradezu unheimliche Parallelen zur neueren Geschichte. Was dem Mittelalter fehlt ist ein ausgeprägter Biologismus und deshalb (nicht nur, aber auch) konnte der Mord nicht dieselben Dimensionen erreichen. Denn der Biologismus (man kann es wohl auch das rassische Element im Antisemitismus nennen) verhindert jeden Bekehrungsausweg, der im Mittelalter immerhin möglich war.
Wobei ich dir grundlegend in deinem letzten Absatz recht gebe.


nichtidentisches / Website (27.9.07 20:51)
Nun war aber der Biologismus doch schon sehr früh in der spanischen limpieza del sangre gegeben. Scheit vermutet zudem, dass mit der Identifizierung von Juden und Satan ("Ihr habt den Satan zum Vater und der war ein Mörder von Anfang an") bereits eine ethisch-ethnische Fixierung stattfand, die der Rassisierung gleich kommt oder zumindest ihr bereits beträchtlichen Vorschub leistet.
Das Element der Rasse musst sich überdies erst durchsetzen und kann meines Erachtens nicht allein als maßgebend gewertet werden. Heute beispielsweise ist das rassistische Argument in der Regel außen vor, und dennoch streben die Antisemiten weiter das undenkbare an.
Ich würde da mit Adorno und Scheit konform gehen und sagen: Mit der im Kapitalismus nur vermittelt erzeugten, aber total gewordenen Kooperation der Arbeiter steigt der Wunsch nach einer substantiellen Solidarität, die aus der Rasse gezogen werden soll.


Hochdorff (28.9.07 21:07)
Allerdings würdest du doch schon sagen, daß er im Mittelalter nicht "common sense" war und insofern er auftrat sich nicht (so wirr sich das auch anhören mag) naturwissenschaftlich zu rechtfertigen suchte?


(4.9.10 11:38)
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