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Über Aufgewärmtes und Michael Ende in der neuen Bahamas

Peter Siemionek schreibt in der Bahamas 55 über "Phantasien und Vernichtung. 'Momo' und die autoritäre Sehnsucht des Michael Ende."
Das meiste davon habe ich bereits vor zwei Jahren in "Wie Michael Ende falscher Kapitalbegriff zum Antisemitismus treibt..." in Worte gefasst, was kein Wunder ist, weil es gar zu offensichtlich auf der Hand liegt.
Ein Plagiat unterstelle ich Siemionek schon deshalb nicht, weil ihm das Merkmal des Büchernörgeles in "Der satanarchäolügernialkohöllische Wunschpunsch" und damit der konkret fassbare Zuschnitt des Ende'schen Kapitalbegriffs auf den Antisemitismus völlig entgeht. Dafür liefert er einige interessante Überlegungen zum projektiven deutschen "dolce vita" - Italienbild.
Was mich allerdings gelinde entsetzte, war der Impetus der Karikatur auf dem Bahamas-Titelbild. Wo ich einen Überbiss gleich dreimal mit Naivität und Dummheit assoziieren soll, gehe ich instinktiv in Abwehrstellung. Eine entblößte, mit Haarstoppeln bestandene weibliche Brust der Heide Wieczoreck-Zeul brauche ich als Kritiker irgendwelcher Verhältnisse ebenfalls nicht zu bemühen. Die Nigel Kennedy - Karikatur hätte es allein getan.
Der Rest der Artikel zeichnet sich durch die der Bahamas etwas eigen gewordene Monotonie aus, die sicherlich der der Verhältnisse geschuldet ist.
 
---------------------------------------------------------------------------
Nachtrag: Noch mehr Kritik an Michael Ende auf "Nichtidentisches" gibt es in "Die Parthenogenese der Lokomotiven - Jim Knopfs Inzestwunsch".  
2.6.08 14:35


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Der Euphemismus - Instrument der Herrschaftsausübung

Der Euphemismus ist eine Rationalisierungsstrategie. Als Instrument der Machtausübung ist er unverzichtbar und kennzeichnet einen Status, an dem die absolute Gewalt über das Individuum eigentlich nicht mehr der Kaschierung bedarf, um sich durchzusetzen. So durchschaubar der Schein ist, den der Euphemismus zu verbreiten vorgibt, so sehr unterstreicht er die Drohung dahinter. Schein und Durchschaubarkeit bedingen einander, verstärken die Gesamtiwirkung.

"Wir laden sie zu einem persönlichen Gespräch ein." spricht höflich der erste Absatz eines Schreibens aus der Elendsverwaltung. "Wenn sie zu dem oben genannten Termin [...] nicht erscheinen wird das Arbeitslosengeld II unter Wegfall der Zuschläge nach § 24 in einer ersten Stufe um 10 % der für sie maßgeblichen Regelleistung gesenkt." tönt darunter die Verfügungsgewalt.

In besagten Gespräch hat man hinter geschult bemühtem Lächeln "zwei Angebote für sie: Erstens würde ich sie gerne zur Jobakademie vermitteln. Die zweite Möglichkeit ist: ich kürze ihnen die Bezüge um 30 %."

Die "Jobakademie" sei über 8 Wochen für 16 Stunden die Woche zu besuchen, man könne das auch an zwei Tagen die Woche ableisten und habe dann "den Rest der Woche frei". Das ist doch mal was. Für kein Geld 5 Tage Wochenende, ein Schnäppchen für einen "Arbeitssuchenden".

Kaum zu zweifeln ist daran, dass jene Personen, die zu Hause Hunde streicheln und Kinder im Glauben an eine bessere Welt großziehen, wirklich ohne jeden Skrupel einer Person von den 300 Euro monatlich 100 streichen würden. Es ist schließlich zu ihrem Aller-, Allerbesten.

Rationalisiert wird dabei kaum mehr die zynische Handlung an sich, Fragen der Moral und der Ethik sind schließlich nicht ein je Menschen eigenes Gefühl, wie noch der junge Kant dachte, sondern erlernbare und erfahrbare Möglichkeiten menschlichen Umgangs, die ebenso rasch verlernt werden können. Das allerdings nicht zu verachtende Tötungstabu wird nur noch vermittelt, in kleinen Vorstufen und abstrakt gebrochen, das Individuum weiß sich als Schreibtischtäter frei von Schuld.
Der Schein selbst bedarf der Rationalisierung. Dass überhaupt noch ein Dialog erforderlich sei ist das eigentlich Irrationale des Prozesses, Relikt aus vielleicht besseren Zeiten. So taucht im Euphemismus ein Atavismus auf, der als Bruchstück sinnlos neben der Drohung steht, wie bei jenen Bankräubern, die im Reflex noch zur Kassiererin "Bitte" sagen. Das dem ausgesetzte Individuum spürt die Drohung nur doppelt, und im Wissen davon gerät der atavistischen Euphemismus wiederum zur kalten Berechnung. Das Opfer soll durch den Euphemismus nur stärker bedroht werden: man könne die Maske jederzeit fallen lassen, lautet die Botschaft des gerade auf Durchschaubarkeit getrimmten Scheins. So wird nicht irgend lauernder Widerstand geweckt, sondern geradewegs auf das vermeintlich kleinere Übel zugetrieben. Das Individuum soll sich gelähmt ob solcher im Schein verdoppelten Drohung in das ihm Zugedachte fügen. Somit findet die Rationalisierung auf Seiten des Opfers statt: Der Euphemismus will ihm die Wahl des für ihn Schlechten durch die Drohung mit unmittelbarer, nur scheinbar mühsam und schlecht verborgener Gewalt, als rationale erscheinen lassen, wo Widerstand gegen den wirklich darin tobenden Schein angebracht wäre. Aggression wird durch die verstärkte Drohung wie bei den Neurosen in Angst verwandelt. Das gleiche Prinzip wirkt beim Stockholm-Syndrom, bewusst instrumentalisiert wird es auf Seiten Krimineller etwa in der Zwangsprostitution und bei Kindesentführungen, auf Seiten der Eltern bei der Erziehung und schon lange hat es die Exekutive für sich entdeckt: Sie spielt "good cop, bad cop." Dass die auf Durchrationalisierung von staatlicher Herrschaft getrimmten Kreisjobcenter sich dessen bedienen, ist nur logisch.

Mehr dazu:

Das Hartz IV-Rollenspiel Teil 1 - Komplettlösung

Get Work or die tryin' it!

Adipositas - Orale Gier als Waffe der Armen

3.6.08 09:06


Die böse Mutter des Indiana Jones Junior

Indiana Jones war auf Englisch vermutlich nur geringfügig besser zu ertragen als in der synchronisierten Fassung. Es begeisterte zunächst die detailverliebte Rückprojektion in eine Zeit, in der Atomwaffentests perverses Begleitspiel kleinbürgerlicher Gartenkultur waren. Die Paranoia der puppenhaften Bürger wurde letztlich genau durch das beruhigt, wovor sie sich fürchteten: durch den Atomkrieg vor der eigenen Haustüre, die schleichende radioaktive Verseuchung ganzer Landstriche. Von daher ist die Parodie des im Kühlschrank eine Atomexplosion überlebenden Indiana Jones mehr als nur unrealistisch – sie ist surrealistisch, wenn Jones zuerst in vollem Ornat vor der Atomexplosion als Ansichtskartenmotiv posiert und sich danach dekontaminieren lässt. Geniale Momente feiert auch der Easy-Rider Mutt Williams in der permanenten Persiflage einer auf Körperkult wie Aufruhr gleichzeitig versessenen ödipalen Generation.

Diese darf jedoch niemals siegen – und damit beginnt das filmische Elend. Mutt bleibt steter Unterworfener, verliert die Mutter an den übermächtigen Vater, bleibt Statist der wirklich entscheidenden Szenen und darf nicht einmal am Ende den väterlichen Hut übernehmen – er wird ihm autoritär wieder entnommen, der ganze Kampf war vergeblich. Das ist pädagogischer Schwachsinn und nur ökonomisch zu erklären: Ein fünfter Teil bedarf eines zwar weiter gealterten, jedoch unangefochten rüstigen Indiana Jones. Vermutlich wird erst dort Mutt die eigentliche Ehre zuteil, den dann schwächelnden Vater zu retten, abzulösen und somit komplett den ödipalen Konflikt abzuschließen.

Weiter bleibt beim satirischen Zitat der sowjetischen Domina die Satire auf halber Strecke stecken. Zu plan wird sie aufgebaut und zu bemüht entfernt sie sich von der Satire zum reaktionären Stereotyp. Den Kommunistenfressern im Westen galt eben nicht nur die offenbare Unfreiheit und der Staatsfetischismus als feindlich, sondern ganz besonderes Unbehagen erregte das zumindest teilweise eingelöste Emanzipationsversprechen Frauen gegenüber. Die russische Domina, die DDR-Deutsche Grenzermatrone, überhaupt die böse, aggressive Frau im Banne des als matriarchal identifizierten Totalitären wird zumeist besiegt von den tapferen Helden, die wider Willen gezwungen sind, Frauen zu schlagen. Seltener treten die Olgas, Nataschas oder Irinas im Showdown gegen halbemanzipierte Liebchen des Helds an, die dann einmal eine Gelegenheit bekommen, zu beweisen, dass sie ihrem Mann stehen, jedoch niemals für sich selbst kämpfen dürfen. Dieses in James-Bond zelebrierte Muster wurde durch cultural heroes wie Lara Croft aufgebrochen. Dass Indiana Jones dahinter zurückkehrt, ist hochgradig regressiv und kaum als kritische Fußnote zu verstehen. Es bleibt die nur durch Liebesentzug selbstständig gewordene Frau vom aufgespaltenen Ambivalenzkonflikt übrig, die fortan im Wesentlichen beschützt werden muss vor der fechtenden Lederstiefelsozialistin. Wenn Henry Jones zu den Frauen geht, vergisst er eben seine Peitsche nicht. Und schon gar nicht den Hut. Der Witz dient nur dazu, den Impetus via Ironisierung am Leben zu erhalten.

Nicht minder reaktionär ist die rassistische Verwendung des Stereotyps: „Kampfbereite, hässliche, kleine Indianer beschützen großen Mythos, werden aber vernichtet, weil großer Mythos weißem Mann gehören soll.“ Kindgleiche Aggressoren werden mühelos zerschlagen, vergiftete Pfeile zurückgepustet und mit magischem Zauber verjagt, dass es nur so eine Art hat. Ameisen und Indianer gehen in der filmischen Logik als gemeinsame Gattung auf.

Nach dem zehnten Countdown und den gleichförmigen Rufen „Gooo! Gogogo!“ zieht sich der Film endlos bis zum erwartungsgemäß dumpfen Finale, das durch exzessive Animation kaum besser wird. Somit bleibt dieser Teil ein verzweifelter Versuch, der Wiederholung des Immergleichen durch Überidentifikation zu entkommen – was scheitert, weil die dazu notwendige Distanz zu den Vorläufern nicht aufgebracht werden kann.

6.6.08 13:41


Rezension: Witchcraft in modern Africa - Hexenglauben im modernen Afrika

Burghardt Schmidt/ Rolf Schulte (Hg.)

Witchcraft in modern Africa – Witches, Witch-Hunts and Magical Imagineries/ Hexenglauben im modernen Afrika – Hexen, Hexenverfolgung und magische Vorstellungswelten

2007. Hamburg: DOBU-Verlag . 255 Seiten. 28,80 Euro.

In Europa und den USA sind in den letzten Jahren zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema der modernen Hexenjagden erschienen. Im deutschsprachigen Raum war jedoch bis auf sehr wenige exzellente Ausnahmen eine gewisse Publikations-Trägheit zu bemerken. Der 2007 veröffentlichte deutsch-englische Sammelband „Witchcraft in modern Africa/Hexenglauben im modernen Afrika“ tritt an, diesen Rückstand durch 13 Essays von 11 Autoren aufzuholen. Die Aufsätze von Historikern und Ethnologen versammeln die Ergebnisse einer 2004 veranstalteten internationalen Konferenz zum Hexenglauben im modernen Afrika. Besonders erfreulich ist die für Deutschland noch außergewöhnliche Hinwendung zur Zweisprachigkeit und zur Form des Essays.

Burghart Schmidt begreift in der Einleitung den Hexenglauben mit Wolfgang Behringer als „anthropologisches Phänomen mit historischen Dimensionen.“ (4) Das Phänomen entziehe sich „monokausalen Erklärungsansätzen“ und sei in „komplexe Beziehungsgefüge eingebunden“. (4) Auf diesem Befund aufruhend erlaubt Schmidt einen kurzen Abriss über die Entwicklung der theoretischen Ansätze, den Hexenglauben zu begreifen und führt sodann die einzelnen Autoren als Vertreter des aktuellen Diskurses ein.

Michael Schönhuth vertieft den theoretischen Überblick in „Theorien zu Hexerei in Afrika: Eine Exkursion ins afrikanische Hexendickicht.“ Er beginnt mit einer Warnung vor der Identifizierung des europäischen Hexenglaubens mit dem afrikanischen. Nach der Aufzählung diverser Differenzierungsmerkmale wie der anerkannten Rolle weißer Magie und den Verweis auf die Vielschichtigkeit der Bestimmungen durch das Fehlen einer zentralen Instanz, die den Hexenglauben organisiert, kommt Schönhuth zum Schluss, dass ein Sprechen über „afrikanische Hexerei“ aufgrund der regionalen Diversität nicht möglich sei.

Die Schriften aus dem Spektrum von Missionsberichten, Kolonialjustiz, Ethnomedizin, Ethnopsychiatrie, Ethnopsychoanalyse und identitären Ansätzen aus dem Neuheidentum seien geeignet, über die „Rationalisierungsstrategien ihrer Protagonisten“ Aufschluss zu geben. Schönhuth setzt voraus, Ethnologie habe diesen Diskursen gegenüber einen Vorteil durch ein „hermeneutisches Vorgehen in der Feldforschung, das vor jeder Theoriebildung“ versuche, „die lokalen Repräsentationen von innen her, aus den Kategorien der untersuchten Gruppen selbst, verstehend zu erschließen.“ (21)

In dieser Bestimmung Schönhuths droht der im Studium eklatante Mangel an theoretischer Vorbildung rationalisiert zu werden, anstatt über eine Kritik an zu starren theoretischen Vorgaben die Forderung nach theoretischem Wissen weiter zu entwickeln. Dass und wie Ethnologie mit diesen Diskursen verwoben ist und in Teilen sogar davon profitierte, geht leider unter.

Immerhin macht Schönhuth in seiner linearen Skizze der Paradigmenwechsel in der Okkultismusforschung Zugeständnisse an die Theorie: Diese leisteten alle einen Beitrag zum Verstehen, seien jedoch nicht vollständig. „Moderne Hexenmuster“ interpretiert Schönhuth zum Teil als Blick aus der Perspektive der traditionellen Vorstellungen auf moderne Produktionsverhältnisse und umgekehrt als Versuch der Emporkömmlinge, sich von diesen traditionellen Produktionsverhältnissen zu lösen. (27)

Die modernen Hexereivorstellungen entsprächen der Mobilität des Marktes und der Zirkulationssphäre. (28) Der „Markt des Okkulten“ sei zugleich „dereguliert“. Die „Marktkräfte des Okkulten“ beugten sich „dem jeweils Definitionsmächtigeren.“ Hexerei sei eine der „travelling theories“, die „heute weltweit als Interpretations- und Handlungsrahmen verfügbar“ seien. Nun treffen sich diese Vorstellungen ausgezeichnet mit dem von Schönhuth gezeichneten Selbstbild einer alles bloß verstehend rezipierenden, voraussetzungslosen Ethnologie. Die Faktoren, die notwendig seien, um Definitionsmacht zu etablieren bleiben diffus:

„Sie muß an schon vorhandene Deutungsmuster in den Köpfen anschließen können.“ Welche als solche insbesondere unter Zuhilfenahme der Psychoanalyse zu benennen wären, bleibt unklar: ein verschwommenes „primordiales Argument“ sei notwendig, das „von den Akteuren selbst“ kommen müsse. Förderlich sei zudem „eine Situation, die von unklaren Sozialbeziehungen, Rollenzuweisungen und Machtkonstellationen gekennzeichnet ist“, „eine kritische Masse von Personen, die das Muster“ mittrage, und ferner „ein Staat, der moderne Rechtsstandards“ nicht durchsetzen kann. (29) Daraus erkläre sich „die regional so unterschiedliche Verbreitung des Phänomens im heutigen Afrika.“

Schönhuth widerspricht damit seiner Annahme eines in sich differenzierten Hexenglaubens in Afrika: dieser erscheint nun nur durch äußerliche und uniforme Faktoren bestimmt.

Es fragt sich, wie die Empfehlung Schönhuths, „keiner großen Theorie“ zu Charakteristika des Hexenglaubens Glauben zu schenken, in der Praxis aussieht. Verstehen könne man Hexerei ohnehin nicht. (31) Lokale und empirische Studien seien allenfalls durch Theorien „mittlerer Reichweite“ zu ergänzen.

Anstatt nun also durchaus richtig die bloß liegenden Wunden ethnologischer Theoriebildung mit dem Salz einer über sich reflektierenden, und somit kritisch gewordenen Theorie zu bestreuen, tritt Schönhuth gegen Theorie an sich an. Seine gelungene Kritik an den Theorien, ihrer Loslösung von Objekten und dem Hang zur Verdinglichung steht dem etwas antiintellektualistisch anmutendem Unterton gegenüber, der aktuell die Ethnologie zu prägen scheint.

Darauf folgt Dirk Kohnert mit dem Essay „On the Renaissance of African Modes of Thought: The Example of Occult Belief Systems.“ Zunächst erörtert Kohnert die Dialektik von Modernisierung und Okkultismus. Aus der nach Habermas unvollendeten Aufklärung entstehe eine neue Form des Aberglaubens. In tiefgründigeren Passagen lässt Kohnert eine marxistische Vorbildung und einen Hang zur Wertkritik erkennen: Die „Entschärfung“ von Konsumgütern durch magische Rituale interpretiert er als „De-Fetischisierung“. (38) Wie auch immer man Kohnert darin folgen mag, die Ausführungen Kohnerts über die konkreten Resultate der Vermitteltheit von Ökonomie und okkulter Praxis in Politik und Gesellschaft bestechen durch Stringenz und Detailreichtum.

Zweifelhaft ist lediglich Kohnerts These, man beraube Afrikaner eines überlebenswichtigen Instruments, wenn man den Hexenglauben abschaffen wolle, ohne adäquate, ähnlich starke Alternativen zu schaffen. (51) Der psychologische Funktionalismus steht leider auf ähnlich dünnem Boden, wie die Überlegungen Kohnerts zum Körper-Geist-Dualismus und dem daraus resultierenden Verhältnis zu Rationalität und Emotion.

Einen zweiten Beitrag leistet Kohnert mit „On the Articulation of Witchcraft and Modes of Production among the Nupe, Northern Nigeria.“ Hier folgt Kohnert gänzlich funktionalistischen Thesen und interpretiert Hexereianklagen als Zeichen von sozialem Stress und Spannungen. (56) Okkulte Glaubenssysteme seien sogar Symptome moderner Entwicklung. (57) Wo über Modernisierung als neutrale Größe gesprochen wird, und das Vokabular über diese jenes von Krankheiten einnimmt, ist allerdings die Gefahr gegeben, dass Modernisierung selbst zum Feindbild gerät.

Kohnerts zentrales Anliegen in diesem Artikel ist, die sozialpsychologische These Nadels, Hexereianklagen bei den Nupe seien ein Resultat eines krassen Geschlechtergegensatzes, einer Revision zu unterziehen. Dass mehr Frauen angeklagt würden, sei erklärbar durch die von den weiblichen Haushaltsvorständen praktizierte altruistische Ausübung von Hexerei zur Rettung der Familie. (82) Dem folgt ein materialistischer Ansatz zu Ursachen von Hexereivorstellungen:

Hexereianklagen seien zunächst ein Instrument von ausgebeuteten Nupe-Bauerngesellschaften gewesen, das sich gegen despotische Machtausübung durch islamische, feudale und koloniale Kräfte richtete. (54) Anfänglich hätten sie sich gegen die, so Kohnert, „echten Feinde der Gemeinschaft“ gerichtet. Somit seien sie, auch wenn sie sich gegen Schwächere richteten, Ausdruck eines Aufbegehrens gegen reale Missstände und würden der Zerstörung einer sozialen Struktur vorbeugen. (86) Diese Zumutung steigert Kohnert noch in dem Ansinnen, Hexereianklagen nur dann als pathologisch zu verstehen, wenn sie von dominanten Kräften zur Ausbeutung schwächerer Gruppen verwendet würden. (86) Hier tritt ein Ideologiebegriff zu Tage, der durch die kritische Theorie als selbst ideologisch entlarvt wurde. Über seine Unsicherheit diesbezüglich vermag Kohnert auch nicht hinwegzutäuschen durch seine Beteuerung, auf lange Sicht würden solche Konfliktverschiebungen soziale Spannungen nur weiter anheizen. Wie sich diese lange Sicht für jene Individuen gestaltet, die bereits durch die Anklage zur Verbrennung verurteilt werden, ist Kohnert nicht zu entnehmen. Der im gesamten Buch vorherrschende Antipsychologismus verhindert eine Sicht auf die Hexengläubigen als Subjekte mit einem erheblichen Lust- und Leidensgewinn, mit neurotischen Überresten von Wünschen und Ängsten aus der Phase der infantilen Sexualität, mit ödipalen Konflikten, die gesellschaftlich und kulturell verarbeitet werden.

Erhard Kamphausens Beitrag aus der Missionswissenschaft befasst sich mit dem Thema „Hexenglauben, Magie und Besessenheitsphänomene in Afrika. Religions- und missionswissenschaftliche Anmerkungen“. Im weitesten Sinne versucht Kamphausen, dem intellektualisierten Hexenglauben Tribut zu zollen und seine Erhebung zum mystischen, religiös-philosophischen Glaubenssystem mehr sympathisierend als kritisch nachzuvollziehen.

Johannes Harnischfegers erster von zwei hervorragenden Beiträgen trägt den Titel „Sozialer Niedergang und Kampf gegen das Böse: Hexerei im postmodernen Afrika“. Hier befasst er sich mit dem Verhältnis von Staatlichkeit und okkulter Lynchjustiz. Der Kolonialismus sei für die Geschichte der Hexerei kaum von Belang. (96) Jedoch korreliere eine Schwäche staatlicher Organisation mit Hexenverfolgungen. (98) Die Befriedung der Gesellschaft durch den Staat habe zu einem Abflauen der Angst vor dem Nächsten geführt. (98) In Europa sei mit den erstarkenden staatlichen Institutionen die Hexenjagd zu Ende gegangen. In Afrika finde eine gegenläufige Entwicklung statt. (98) Im Folgenden beschreibt Harnischfeger den schleichenden Zerfall von Staatlichkeit in Nigeria und die damit vermittelten okkulten Handlungen und Vorstellungen. Entgegen romantisierenden Vorstellungen betont Harnischfeger ein bei Afrikanern verbreitetes Bewusstsein über die Mängel der Dorfökonomie und der traditionellen Gemeinschaften. (196) Harnischfeger bemüht als einziger, wenngleich fragmentarisch im Buch psychoanalytische Begriffe wie „das Ich“ und „das Abgespaltene“, um den Wiederholungszwang ritueller Reinigungen zu erklären. Er kritisiert afrikanische Verschwörungstheorien, die andere Ethnologen nur zu bestätigen suchen, und kommt zum pessimistischen Schluss: „Europäer haben wenig Möglichkeiten, solche Weltbilder zu entzaubern und ein realistischeres Verständnis der eigenen Zivilisation zu wecken.“ Harnischfeger reflektiert darin den durch den psychologisch vermittelten Eklektizismus der an den Diskursen partizipierenden Agenten: „Eine Verständigung über das, was geschah, ist schon deshalb kaum möglich, weil sich Imame in Kano, Wunderpastoren in Lagos und Sozialwissenschaftler in Hamburg nicht mehr auf eine gemeinsame Realität beziehen.“ (109)

In „Rückkehr der Dämonen: Wandlungen des Christentums in Afrika und Europa“ zeichnet Harnischfeger ein düsteres Bild der Zukunft christlicher Kirchen. Weil sich die Verfolgung von Hexen in Afrika nicht monopolisieren lasse (115), würde sie von rivalisierenden Kirchen, Milizen und Kulten betrieben. Zwar sie der Aufschwung dieser Bewegungen durchaus mit Modernisierungsprozessen vermittelt: Im Internet könnten sich Anleitungen zum Ritualmord neben oder auf intellektuellen und wissenschaftlichen Seiten finden lassen, Aufklärung und Okkultismus werden in eins gedacht. Insgesamt jedoch interpretiert Harnischfeger mit einem immerhin konservativen Modernitätsbegriff die afrikanische Realität als „Fassade von westlicher Modernität“, die der Islam aufgekündigt habe und die durch afrikanische Kirchen nur noch offiziell bemüht werde. (118) Als Wirkung von Bevölkerungszuwachs, Missionierung und Migration prophezeit Harnischfeger einen zunehmenden Einfluss afrikanischer reaktionärer und okkulter Kräfte in der katholischen Kirche. Die auch im Westen von Intellektuellen forcierte Abkehr von aufklärerischen Prinzipien befördere nur die weltweit grassierende Anfälligkeit für okkulte Praktiken.

Walter Bruchhausens Beitrag leistet in „Repelling and Cleansing ‚Bad People’. The Fight against Witchcraft in Southeast Tanzania since Colonial Times” einen informativen Beitrag zu historischen Hintergründen der Witch-cleansing-movements in Tansania.

Katrin Pfeiffer analysiert in “Buwaa: Cannibals of supernatural power and changing appearance. A term from the Mandinka language (Gambia, Senegal, Guinea-Bissau)” linguistische Feinheiten und Bedeutungsebenen verschiedener auf magische Handlungen gemünzter Ausdrücke. Bedeutsam ist ihre Analyse insbesondere hinsichtlich einer gewissen Tendenz zur vorschnellen Kategorisierung in der Forschung über afrikanische Hexereivorstellungen.

Rolf Schulte untersucht in „Okkulte Mächte, Hexenverfolgungen und Geschlecht in Afrika“ das Geschlechterverhältnis von Opfer und Tätern in Hexereianklagen. Er kommt zu dem Schluss, dass individuell aufgerichtete, über Wochen wiederholte Anschuldigungen sich nach regionalen Besonderheiten richten, die in sozialen Konflikten und im größeren Rahmen spontan und öffentlich stattfindenden Anklagen sich jedoch häufiger gegen Frauen richteten. (174) Der theoretische Beitrag ergänzt Kohnerts Beschäftigung mit Nadels Theorie des „sex-antagonism“. Diese hat laut Schulte nur regionale Gültigkeit und sei nicht verallgemeinerbar. (178) Gleiches gelte für strukturalistische Ansätze, die in der Hexe ein Zeichen der Kultur-Natur-Dichotomie sehen wollen. In politisch-ökonomischen Ansätzen sieht Schulte eine zu starke Systematisierung gegeben, ebenso wenig könne man weibliche Hexerei und männliche Zauberei trennen. Familienzentrierte Ansätze könnten nicht erklären, warum trotz des erheblichen Wandels Hexereithemen stabil bleiben. (185) Die Geschlechterfrage sei letztlich nur ein Aspekt unter vielen.

Oliver G. Becker verschriftlicht mit „’Muti Morde’ in Afrika: Töten für okkulte Medizin“ die Ergebnisse einer TV-Reportage. Er beschreibt juristische und polizeiliche Probleme bei der Identifizierung und Bekämpfung der geschätzten 100 Muti-Morde pro Jahr in Südafrika und leistet eine bündige Einführung über den Gesamtkomplex der Ritualmorde, die besondere Stellung der sangomas und die traditionelle Medizin in Südafrika.

In „Soweto witchcraft accusations in the transition from apartheid through liberation to democracy“ liefert Joan Wardrop eher journalistische Fallberichte von Hexenjagden in Soweto. Sie betont die Widersprüchlichkeit der Argumentationsformen und der Handlungen von Hexereigläubigen. Hexereivorstellungen folgten dabei einer Verschiebung aus der privaten Domäne in die öffentliche Sphäre. (228)

Den Abschluss des Sammelbandes leistet Jan-Lodewijk Grootaers mit dem überaus gelungenen Beitrag „’Criminal Enemies of the People’. Water Wizards among the Zande, Central African Republic (1959 – 2000)“. Grootaers informiert anschaulich über die Spezifik der Vorstellungen von Wasserzauberern, die als Organisation Menschenopfer durchführen würde, um magische Fähigkeiten zu erhalten. Diese Vorstellung wurde durch den Kolonialismus verbreitet, da Fischer der Yakoma von den Franzosen zur Eroberung des Zandelandes rekrutiert wurden. Jedoch sei der Wasserzauberer-Komplex nicht als xenophob zu verstehen, da er einerseits mit anderen Vorstellungen über Wasserwesen korrespondiere und zum Anderen sich vor allem gegen Zande selbst richte. Die Ausbreitung des Wasserzauberer-Idioms hält Grootaers zudem für bedingt durch die Ausbreitung der Schlafkrankheit am Anfang des Jahrhunderts. (240) Ein weiterer Aspekt sei der Machtmissbrauch durch Zande-Fürsten und der Abstieg derselben. (244) In seinen theoretischen Überlegungen kommt Grootaers zum Schluss: „Beliefs, occult and other, do indeed have continuity – but they are never constant. Hence the absolute necessity to resist their reification.” (255)

Insgesamt ist mit diesem Band ein längst fälliger und wertvoller Beitrag zur Diskussion über den Hexenglauben geleistet worden. Die einzelnen Beiträge sind je für sich angreifbar und von unterschiedlichem Anspruch und Qualität. Einiges stellt zwangsläufig eine Wiederholung von in allen neueren Witchcraft-Büchern herumgereichten Zitaten dar, was das Buch auch für Einsteiger attraktiv werden lässt. Erfreulich viel haben die neuen Fallstudien, das aufgearbeitete ethnographische Material sowie Beiträge zu theoretischen Diskussionen zu bieten. Müßig zu erwähnen, dass mit diesem Band fortan unverzichtbares Standardwerk geschaffen wurde.

Eine gewisse Distanz zu psychoanalytischem Basiswissen ist allerdings unverkennbar und als generelle Charaktereigenschaft der postmodernen, strukturell positivistischen Ethnologie kein besonderes Spezifikum des vorliegenden Werkes. Der Zugang zum Subjekt wird so verbaut, die systemische Besprechung enthebt die zum Forschungsobjekt geronnenen Individuen ihrer Verantwortung. Die theoretische Verwirrung einer sich so allgemein wie notorisch um kritisch-theoretische Schulung beraubenden Ethnologie wird selten bis zur Konsequenz reflektiert – was tendenziell vorsichtiges Lavieren in „middle-ranged-theories“ zur Folge hat. Die vagen Befunde über Modernität und Okkultismus sind daher dem Verdacht ausgesetzt, nur äußerliches Abtasten von Offensichtlichem zu bleiben.

Dennoch zeigen die meisten Autoren die erfreuliche Bereitschaft, sich mit theoretischen Überlegungen der notwendigen Kritik auszusetzen und der Diskussion somit neues Feuer zu verschaffen. Nur wünschenswert wäre daher eine Fortsetzung des Projektes in weiteren Bänden.

Beiträge zum Thema:

Blogempfehlung: "What is Witchcraft"

Hexenjagd in Saudi-Arabien

Neue Hexenjagden gegen Kinder in Nigeria

Ritualmorde in Afrika - Ins Mörderische fetischisierte Ökonomie

Hexenjagd in Indien

Die Ökonomie der Hexerei

Die modernen Hexenjagden im subsaharischen Afrika - Darstellung und Vergleich mit dem Antisemitismus aus der Perspektive der Kritischen Theorie.

10.6.08 17:57


'Powerarmbänder für Kids'

„Die geheimen Kräfte der Powerarmbänder – für Kids“
Elisabeth Ebner
Tosa Verlag Wien
48 Seiten.

Die Indoktrinierung von Kindern ist narzisstisch besetzt. Was das Individuum selbst kaum glauben kann, muss es umso mehr durch Reproduktion und Wiederholung bekräftigen. Proselyten schirmen vor Zweifel ab, und stets willkommene Objekte sind Kinder. So findet man zwischen dem „Wissen einer modernen Hexe“ (das sich doch nur in Kristallkugeln, Kartenlegen und Handlesen erschöpft) und Ratgebern fürs Heilfasten eigens aufs Marktsubjekt Kind gemünzte Propaganda: „Die geheimen Kräfte der Powerarmbänder – für Kids“. Anstatt wie üblich Mode und Kunst über Klassenidentifikation zu verbreiten, wird aufs Archaische gesetzt. Das Anwanzen an die magischen Vorstellungen von Kindern greift in ihren Reflexions- und Reifungsprozess ein, wendet noch den infantilen Fetischismus zum vermeintlich rationalen Zweck.

Anstatt gegen ungerechte Behandlung zu protestieren oder qua solidarischem Zusammenschluss aus der Einsamkeit zu flüchten, werden imaginäre Freunde empfohlen, die nur mühsames Surrogat des Teddybärs darstellen.

„Die Powerarmbänder sind nicht nur ein sehr dekorativer Schmuck, sondern können dir in deinem Leben auch treuer Begleiter sein, der dich unterstützt, dir hilft oder auch nur Freude bereitet.“

„Edelsteine als Heilsteine zu verwenden ist mehrere tausend Jahre alt. Heilsteine sind Hilfsmittel, um Krankheiten zu heilen oder Probleme zu lösen. Sie helfen dir, etwas positiv zu ändern, sowohl auf psychischer wie auf physischer Ebene. Jeder Edelstein besitzt sein eigenes Wesen, seine eigenen Schwingungen und Energien. Er tritt mit dir in Verbindung und schenkt dir Kraft, heilt dich oder baut Spannungen ab. Wichtig ist, dass du deinen ganz persönlichen Kraft- und Heilstein findest.“

Frech wird vermutlich Achtjährigen von physischen und psychischen Ebenen, von Idealismus und Intuition ins Ohr geraunt, sie einerseits aufs Vokabular der Berufswelt hingetrieben und andererseits im kindlichen Fetischismus belassen. Flugs geht es von den alten Griechen über die buddhistischen Mönche zu den Aktenkoffern. Der Aberglaube ist einer „aus zweiter Hand“ (Adorno). Sein Zweck ist nicht Kontrolle von Natur, sondern Rationalisierung von Unterwerfung unter die zweite. Der Duktus von Aufklärung wird dem so okkulten wie verdinglichenden Inhalt aufgepfropft. Das Motiv des Zaubers ist erschütternd banal:

„Wenn du zu dieser Gruppe von Menschen gehörst, die durch schulischen oder beruflichen Stress immer wieder unter Kopfschmerzen leiden, so haben sich die intensiven, konzentrierten Schwingungen dieses Steines als sehr wirksam gegen den Schmerz erwiesen.“

„In einer Umwelt voller Hektik und Stress verleiht er dir das angenehme Gefühl der Geborgenheit und des Friedens.“

„Wenn in der Schule oder im Beruf Stress immer mehr zunimmt, dann sollte der Onyx als kräftespendender Schmuck getragen werden.“

„Wenn du alles in deinem Leben als zu anstrengend empfindest und das Gefühl hast, keine weiteren Belastungen oder auch keine zusätzlichen Leistungen erbringen zu können, dann schenkt dir der Rosenquarz Kraft, so dass du mit neuer Energie die Aufgaben deines Lebens bewältigst. Er ist der perfekte Stein gegen jede Art von Schul- oder Berufsstress.“

Das Kind soll in Kindheit und Schule schon die Präfiguration des Berufs akzeptieren lernen, soll darin schon den Stress als übermächtig akzeptieren. Der Fehler wird ins Empfinden von Stress verlegt, das Unbehagen am Unbehaglichen verdinglicht und statt diesem zur Abschaffung ausgeschrieben.

Erziehung wird dem kalten Stein überlassen, der um so autoritärer Besitz zu ergreifen droht: Er solle „lehren, die volle Verantwortung für dich, dein Leben und für das was du tust, zu übernehmen“ (Amethyst), er „erzieht dich damit zur kristallklaren Einsicht, was wirklich wahr ist“ (Bergkristall), er „zeigt dir, was du aus der Natur lernen kannst“ (Bernstein), er „motiviert dich zu Hilfsbereitschaft und unterstützt deinen Idealismus“ (Karneol), er kann „Fehlverhalten korrigieren“ (Malachit) und „streng und kompromisslos verkürzt er Chaos und ruft dich zur Ordnung“ (Obsidian).

Am Ende münden Selbstbewusstsein und Tatkraft in angepassten Konformismus, alles dient nur dazu, den perfiden Zumutungen des Alltags entspannt gerecht zu werden und Stress meditativ zu verarbeiten. Aus der durchaus vernünftigen Empfehlung, besser gelassen und aufrichtig zu sein, wird eine Wirkung von bestimmten rituellen Anwendungen, die den geistigen Reifeprozess abschneidet. Die Monade Kind soll durch seine depressiven Mucken nicht die Eltern nerven, sondern es soll zu Steinen sprechen:

„Wenn du jedoch oft unter schlechter Laune leidest und damit nicht nur dir selbst schadest, sondern auch andere ansteckst, oder depressiv bist, solltest du dich intensiv mit Hämatit auseinandersetzen.“

Solche Ideologien sind noch das extremste Mittel dessen, gegen das sie sich als Gegenmittel behaupten wollen.

17.6.08 11:58


Germanomania

Autokorsos hupen sich durch die Stadt, als wäre der Messias gekommen. Volltrunkene Horden brüllen germanische Volksgesänge: "Steh auf, wenn du Deutscher bist". Wo man mit Jägermeister unter schützenden Flaggen regredieren darf, findet auch instinktiv ein "Deutschland, Deutschland über alles" ans Tageslicht. Ein Herr Schweinsteiger, anscheinend ein derzeit vielbeachteter Fussballer, kommt ganz locker auf den Topos der zum Sieg notwendigen "deutschen Tugenden" zu sprechen. Der Moderator befragt dazu nochmal den als Allmeister angestellten Repetitor des Geschehens Günther Netzer. Der zückt die Bombe: "Deutsche Tugenden sind ja nichts schlechtes. [...] diese deutschen Tugenden sind ja auch ein Grund, warum wir so gefürchtet sind."

Merkel posiert in ehrlicher Verzückung und repräsentiert ein sattes "Wir". Antirassistische Predigten zu Beginn der Spiele vertünchen das Bedrohliche der Masse. Deren integrative und verfolgende Beliebigkeit wird mit dem Begriff des Rassismus doch nur verharmlost. Solange alles friedlich bleibt, hat man nur trainiert. Das Massenfest ist eben kein sportliches: Wäre es ein solches, man könnte sich auch bloß individuell und leise an der Schönheit eines Spieles wie jenem der russischen Nationalmannschaft gegen die holländische freuen. Der Furor teutonicus spottet solchem harmlosen Vergnügen. Es sind nicht Fussball- sondern Deutschlandfans, die sich hier zusammenrotten. Jener Moderator, der darum flehte, dass alles friedlich bleiben möge, spürte feinsinnig die elektrisch knisternde Angst, die das solcherart sinnentleert verschweißte Kollektiv verbreitet.

Die im Kapitalismus erzwungene und antrainierte Kooperationsfähigkeit der Individuen findet sich wieder im Wettkampf auf dem Rasen. Kulturindustrie verdoppelt nur die Formen der Arbeit. So jagt man wie im Beruf dem automatischen Subjekt nunmehr dem Ball hinterher. Verselbstständigte Zufallsprodukte wie Tore beim Elfmeter werden gemäß der bürgerlichen Ideologie als verdienter Erfolg gefeiert, an dem allerdings nun nicht mehr das Individuum seinen Gewinn einfährt, sondern die Masse ihre individuellen Ängste und Nöte kompensiert. Anstatt wirklich die verprassten Ressourcen für ihre tatkräftige Organisation gegen die ihnen angediehenen Zumutungen von Rente mit 67 bis Hartz 4 verwenden und sich in ähnlichen Massen zur freien Assoziation zusammenzuschließen, verzerrt die Triebabfuhr beim Torjubel die Gesichter der uniformierten Meute. Zu der Empathie, die sie ihren Spielern entgegenbringen, sind sie weder sich selbst noch anderen Individuen gegenüber fähig. Solidarität wird durch Dünkel und schweißdurchtränkte, alkoholisierte Nähe ersetzt. Das in schwarzrotgoldene Lumpen gehüllte Proletariat vermag sich noch über Bildstörungen beim Halbfinale zu echauffieren, wo es zur ernsthaften Rebellion, zum Streik, nicht taugt.

26.6.08 16:28


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