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Der Iran - Analyse einer islamischen Dikatur und ihrer europäischen Förderer - Rezension

Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer.
Mit einem Vorwort von Leon de Winter und einem Geleitwort von Henryk M. Broder. Hg. von Stephan Grigat und Dinah Hartmann. 2008, Innsbruck: Studienverlag. 292 Seiten. 29,90.

Während der Klimawandel, Irakkrieg, Nazis oder Studiengebühren die deutsche und europäische Linke bis aufs Blut reizen und sie zu Zehntausenden, im Falle des Irakkrieges zu Millionen auf die Straßen treiben, demonstrieren gegen das iranische Regime in schöner Regelmäßigkeit lediglich ein paar Grüppchen Exiliraner und hart gesottene israelsolidarische Aktivisten. Der durch das iranische Mullahregime angekündigte und seit langem mit viehischer Bestialität praktizierte Massenmord erscheint kaum mehr als Fußnote in den kalten Berechnungen von deutschen und österreichischen Politikern und ihren Flakhelfern von links und rechts. Grigat/Hartmann haben – fassungslos diesem Phänomen gegenüberstehend – hochkarätige Aufsätze und Positionen von über 20 Autoren versammelt, in der verzweifelten Hoffnung, den vorhandenen Kritikern theoretische, empirische und moralische Unterstützung zu liefern und grimmig darauf zu beharren, dass niemand sagen kann, er hätte nichts gewusst. Besonders bemerkenswert an diesem künftig für jeden irgend am Weltgeschehen interessierten Menschen unvermeidlichen Standardwerk über den Iran ist die Dichte, mit der Ereignisse und Topoi von unterschiedlichen Orten aus beleuchtet werden, ohne sich über das absolut notwendige Maß hinaus zu wiederholen, die Akribie, mit der in Zitaten und Fußnoten der ganze Wahnsinn in seiner blanken und nackten Offenheit dokumentiert wird.

Stephan Grigat weist in „Die iranische Bedrohung – Über die Freunde der Mullah-Diktatur und den Existenzkampf des jüdischen Staates“ nach, dass eine an Interessen orientierte Politik gegenüber Iran eine Unterstellung und Verharmlosung des dort vor sich hin wesenden eliminatorischen und selbstvernichtenden Antisemitismus ist. Khomeini und seine Nachfolger hängen einem Wahn an, der die iranische Bevölkerung als Geisel hält, die er jederzeit für die Erlangung seines klar artikulierten Zieles der Vernichtung von Juden opfern würde. Die nachlässige, betuliche Haltung, mit der die in dumpfer Wiederholung gebeteten Vernichtungswünsche zum Ausrutscher und nicht so gemeinten propagandistischen Trick verharmlost werden lassen sich laut Grigat nicht allein mit Naivität erklären. (21) Im Bedürfnis nach Relativierung sieht er ein fehlgeleitetes, pathologisches Moment der Vergangenheitsbewältigung. Daraus erklärt er, warum ein so löchriger Bericht wie der NIE (National Intelligence Estimate) zu Iran erstens überbewertet und zweitens auch noch falsch interpretiert wird: er wurde „eine Art Freibrief für Geschäfte und politische Kooperation mit den Islamfaschisten“. (25) Nicht erst auf diesen angewiesen waren die antiimperialistischen Komplizen aus Kuba, Venezuela, Nicaragua, Bolivien, deren Verknüpfung mit Iran Grigat als ein nur logisches, aus deren eigenem Wahn entspringenden Moment nachweist und erklärt. Darauf aufbauend zeichnet Grigat ein deprimierendes Bild israelischer Isolation nach, das nach dem „proxy-war“ mit Libanon im Sommer 2006 verzweifelt nach Bündnispartnern sucht um der iranischen Bedrohung Herr zu werden: „Israel geht gegen die Antisemiten von der Hisbollah mit militärischen Mitteln vor; die europäische Union hingegen betrachtet die libanesischen Islamisten nicht einmal als terroristische Organisation, und die deutsche sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert gemeinsame Konferenzen mit Nasrallahs Gotteskriegern.“ (33) Die „Terrorrackets Hamas und Hisbollah“ sieht er als größere Gefahr noch als die antiquierte Al-Qaida, weil sie mit dem sozialrevolutionären Djihadismus perfekt an eine intellektuell degenerierte Linke anknüpfen: „Der politische Islam erweist sich als eine ausgesprochen erfolgreiche Ideologie der Elendsverwaltung.“ (34) Aus dem Faktum eines zu Nuklearwaffen greifenden, irrsinnigen, terroristischen Regimes, einer ignoranten, wenn nicht zu Komplizentum neigenden Linken und europäischen Staaten schließt Grigat: „Der War on Terror, den die USA seit dem 9/11 und die Israelis seit einigen Jahrzehnten führen, ist ein Krieg gegen den islamischen Faschismus. Er muss dann kritisiert werden, wenn er nicht als solcher geführt und benannt wird. Ansonsten verdient er die Unterstützung eines jeden, dem eine über sich selbst aufgeklärte Aufklärung und die Orientierung auf die allgemeine Emanzipation nicht schon völlig egal sind.“ (36)

Wahied Wahdat-Hagh vertieft die Analyse der in Iran herrschenden Ideologie in „Die Herrschaft des politischen Islam im Iran – Ein Überblick zu Struktur und Ideologie der khomeinistischen Diktatur“. In der islamischen Revolution sieht er „neue Form der totalitären Diktatur“, die mitnichten zusammenbreche oder gar von selbst in liberale Zustände gleiten könne. Aus der Verfassung und den kriminellen Umtrieben der Machtelite entstehe ein „Karusell der Macht. Sie klont sich gewissermaßen selbst.“ (44) So sind die einzelnen Führer austauschbar geworden, es bedarf keines besonderen Charismas mehr, dieses sei in der Ideologie perfekt verdinglicht und mittels eines „Imagetransfers“ gelingen reibungslose Machtübergaben. Weiter belegt Wahdat-Hagh die spezifische Form des „eliminatorischen Antizionismus“: „Die islamische Schuldprojektion ist unübertrefflich. […] Der khomeinistische Antisemitismus ist eine neue Form des eliminatorischen Antisemitismus. Dieser ist nicht rassistisch begründet.“ Wo er sein Primärziel nicht fassen kann, verfolgt er, wie Wahdat-Hagh in zwei Unterkapiteln nachzeichnet, die Baha’i und Frauen. Darüber hinaus mündet er in umtriebigen Aktivismus, der den Al-Quds-Day zur globalen Institution machte, auf Massenbewegung und Mobilisierung abzielt und die Revolution zu exportieren sucht. „Totalitäre Herrscher versuchen eine gemeinsame Identität mit den Beherrschten herzustellen. Der islamisch verbrämte Staat bleibt entschlossen, alle staatlichen Organe zu instrumentalisieren um seine Macht durchzusetzen.“ Im Falle Irans könne man von „einer dritten Spielart totalitärer Herrschaftsformen sprechen“. (56)

Gerhard Scheit sucht im Anschluss eine interessante, an Neumanns Faschismustheorie orientierte kritisch-theoretische Analyse der Vermitteltheit von Staatlichkeit und Racket in Iran (und dessen Fortwesen in Europa) zu leisten. Er sieht in den Revolutionsgarden keinen Staat im Staat, sondern einen „Staat im Unstaat“. (61) Diese entwickelten ein mafiöses „Banden-Business-Konglomerat“, mit dem sie einen Ausnahmezustand finanzieren, in dem den Machtträgern „alles erlaubt“ ist und unmittelbare Gewalt durch kein Recht verzögert wird. Dementsprechend sind die Bassidschi, die iranische selbsternannte Sittenpolizei aus Jugendlichen, auf keine Rücksicht angewiesen, wenn sie gegen Oppositionelle, Frauen und aufsässige Studenten losschlagen. Scheit kommt zu dem ernüchternden Fazit, dass Iran nicht einmal wie Nazideutschland Eroberungen wagen muss, um die Vernichtung der Juden zu finanzieren, sondern lediglich „gut im Geschäft bleiben mit den eigenen Rohstoffen.“ (65) Dabei bestehen weitere Differenzen, die das iranische Geflecht vom nationalsozialistischen unterscheiden: „Während der NS-Staat die Ware Arbeitskraft in der Arbeit zur Vernichtung aufgehen ließ, rechnet der Islam schon fix damit, dass die Arbeitskraft, die zur Ware wird, politisch bedeutungslos ist. […] Der Gegensatz der Ware, der Gegensatz von Tauschwert und Gebrauchswert wird am eigenen Leib aufgelöst. Das Individuum muss jederzeit bereit sein, den von ihm dargebotenen Gebrauchswert, die Arbeitskraft, auszulöschen – als Opfer, das für die Nation und umma zu bringen ist im Kampf mit jenem Gegenvolk.“ (70)

Yossi Melman weist nach, dass die Mullahdiktatur in Iran von Beginn an nach der Atombombe strebte, und dieses Ziel nie aufgegeben hat, sondern im Gegenteil vom NIE noch einmal entscheidend profitierte. In Kooperation mit Michael B. Oren stellt er in „Israels Alptraum – Die Rezeption der iranischen Gefahr im Staat der Shoahüberlebenden“ taktische Überlegungen an und liefert ein Bild der israelischen Diskurse über die iranische Bedrohung. Israel ist ihnen zufolge zutiefst der Gefahr bewusst, die eine von Monaten, und nicht wie hierzulande stets salbadert, von Jahren oder gar Jahrzehnten sei.

Fatiyeh Naghibzadeh untersucht in „Die göttliche Mission der Frau – Zur Geschichte und Struktur des Geschlechterverhältnisses im Gottesstaat Iran“ die historischen Vorbedingungen und Voraussetzungen der letztlich in Massenmord und Sittenterror mündenden Misogynie der islamischen Revolutionäre. Sie kommt zum Schluss: „Islamische Männlichkeit definiert sich über den Schleier der Frau.“ Die bürgerliche Institution der Familie wird auf den Kopf gestellt, indem nicht länger der Vater Vermittler zwischen Familie und Außenwelt ist, sondern die Frau zur zentralen, wenngleich rechtlosen, Institution wird, die durch die Reproduktion von Märtyrern eine zentrale Rolle erhält. „Dadurch wird die Frau einerseits sakralisiert und zum Ausgangspunkt der islamischen Gesellschaft gemacht; andererseits steht sie unter dem permanenten Generalverdacht, ihre Aufgabe als Reproduzentin der islamischen Normen und Werte nicht zu erfüllen. Sie ist Heilige und potenziell gefährlichster Staatsfeind zugleich.“ (109)

Alex Gruber ergänzt diesen Beitrag mit seiner Beschreibung und Kritik homophober Politik in Iran. So wurden seit 1979 4000 Homosexuelle in Iran hingerichtet, Jungen gelten ab 15 und Mädchen ab 9 für volljährig und können ab dann Sharia, das bedeutet Peitschenhieben und Todesstrafe zugeführt werden. (111) Über Iran hinaus greift der durch Fatwas zur religiösen Pflicht erklärte Terror gegen Homosexuelle besonders im Irak um sich als „sexual cleansing“ mit grausamsten Morden. (118) Strafphantasien und -praxis erlauben darüber hinaus erst das akribische Sprechen über Details homosexueller Sexualpraktiken im öffentlichen Fernsehen. Den Krieg gegen die Homosexualität stellt Gruber in einen direkten Zusammenhang zum Antisemitismus, der in Iran mit der Homophobie nicht nur mittelbar verknüpft ist. (123) Zuletzt führt Gruber Beispiele an, wie von europäischer Seite diese homophobe Mordbrennerei noch relativiert oder gänzlich geleugnet wird, mehr noch, die Kritiker solcher Verhältnisse als Rassisten und fanatisierte missionierende Homosexuelle erscheinen. (125f)

Florian Markl liefert in „Der lange Arm der Mullahs – Iranischer Terror von Beirut bis Buenos Aires“ die wichtige Widerlegung der allseits vorgebrachten Lüge, dass Iran ein friedliches Land sei, das noch niemals einen Krieg begonnen habe. Terror auf globaler Ebene ist System und innerster Staatszweck des iranischen Regimes, das von Botschaften aus seine Mörder gegen Kurdenführer und Oppositionelle wie auch gegen Amerikaner und Juden losschickt, um wie im Falle Österreichs durch diplomatische Intervention die Freilassung und Verschonung ebendieser Mörder nach der Tat zu erwirken. Die Hisbollah, irakische Milizen und das arabisch-nationalistische Regime in Syrien stellen weitere Kriegsparteien in Irans geschmiedeten Bündnissen dar, die jeden auch nur klammheimlich in Ferne angedachten Friedensschluss arabischer Staaten mit Israel und jede Reformbemühungen durch Drohung mit Terror und Aufwiegelei vereitelten.

Das Autorenteam Thomas Uwer und Thomas von der Osten-Sacken erhellen das Chaos im Irak durch das differenzierte Aufzeigen der iranischen Interessen und Bestrebungen sowie deren Scheitern. Der „Klerikal-Hooligan“ Muqtada al-Sadr enterte die vormals mehrheitlich gemäßigte irakische Shia – deren Anführer die amerikanische Befreiung begrüßte und zu Kooperation aufrief (159) – durch Terror und Mord. (153f) Iran unterstützt dabei durchaus konkurrierende und sogar sunnitische Terrormilizen. Eine eindeutige Strategie lässt sich nicht ausmachen, Uwer/Osten-Sacken kommen sogar zur These, die iranische Strategie für den Irak sei weder erfolgreich - „grandioses Scheitern“ - noch irgend rational, sondern selbst zuinnerst von der Konkurrenz der Rackets in Iran geprägt. (155) „Hier wird bereits eines der zentralen Probleme der iranischen Irakpolitik deutlich: Gruppen wie die Milizen Muqtada al-Sadrs, aber auch die Hisbollah, sind schlechte Verbündete. Ihr ideologischer Rigorismus, die Logik des beständigen Kampfes und nicht zuletzt organisatorische Eigeninteressen machen es schwer, sie dauerhaft und verlässlich unter Kontrolle zu bringen. Sie bedürfen daher genauso strenger Kontrolle wie großzügiger Unterstützung […].“ (157) Die Milizen entfalten demnach eine Eigendynamik, die darauf fußt, dass deklassierten jungen Männern absolute Macht über Leben und Tod gegeben wird, die sie in ständig perpetuierten Raubzügen und Morden ausüben dürfen. (161) Letztlich gelangen Uwer/Osten-Sacken zum Fazit, dass das Chaos im Irak nicht ein Erfolg iranischer Politik sei, sondern ein Beweis für die Schwäche und für das Scheitern Irans, einen Konkurrenten Irak dauerhaft zu demilitarisieren oder wenigstens über schiitischen Einfluss zu kontrollieren.

Nasrin Amirsedghi bezichtigt die iranische Linke in „Von der Sehnsucht nach Arbeitermacht zur Ayatollahmacht“ der Kollaboration. Unkritisch hat sich die iranische Linke, eine durchaus relevante außeriranische Bewegung ausschließlich gegen den Schah gewandt, ohne Alternativen zu bieten. Letztlich sei die Bewegung in dumpfen antiisraelischen und antiamerikanischen Ressentiments zwischen Moskautreue und Überlaufen zum Islamismus geendet und habe so den staatlichen islamistischen Mord an mindestens 150 000 Menschen aktiv befördert. Diese Massenmorde wurden von derselben, mit der iranischen Linken sympathisierenden, Prominenz (Wallraff, Fischer, Enzensberger, Gysi) schweigend geduldet, die laut Amirsedghi gegen den Schah und seine nur aus der verfehlten Politik Mohammed Mossadeghs und dem Zustand der iranischen Gesellschaft ermöglichte „Modernisierungsdiktatur“ Hungerstreiks und öffentlichkeitswirksamen Iranbesuche veranstaltete.

Der zweite Teil des Buches widmet sich besonders dem Verhältnis europäischer Staaten zu den Zuständen in Iran.
Matthias Künzel belegt in „Friedlich in die Katastrophe – Deutschlands Rolle im Atomstreit mit dem Iran“, dass Deutschland eine herausragende Rolle für die iranischen Mullahs spielte und mit aller Kraft wirksame Sanktionen verhinderte. Die Doppelzüngigkeit zwischen Merkels Aufrufen zur Solidarität mit Israel und den am gleichen Tag verkündeten Erfolgsmeldungen für die iranisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen (182) wird in einen ernüchternden Zusammenhang mit der Rolle Joseph Fischers gestellt. Dieser hat, mehr noch als zuvor Kinkel, für Ahmadinedjad Tür und Tor geöffnet, hat eigenmächtig ein europäisches Bündnis geschmiedet, das nach außen beteuerte, Iran von der Bombe durch Diplomatie abzuhalten, dessen Praxis jedoch darin bestand, die andauernde Verhöhnung solcher Bemühungen durch Ahmadinedschad für die europäische Öffentlichkeit in Erfolgsmeldungen umzulügen und von Verhandlungserfolgen zu faseln, wo Iran in Wirklichkeit einen weiteren Schritt zur Atombombe vollzogen hat. (184ff) Im Zuge dieser „Friedensverhandlungen“ wurde Deutschland zum wichtigsten Auslandspartner Irans mit einem Exportvolumen von 4,4 Mrd. Euro im Jahr 2005. Schröder/Fischer organisierten die staatliche Risikoübernahme für jegliche Geschäfte mit Iran. Die ganze Lächerlichkeit der von Fischer geleiteten Vermittlungsbestrebungen wird in iranischen Zitaten nackt sichtbar. So verspottete nach Küntzel Ahmadinedjad die Vermittler mit Details aus Verhandlungsgesprächen: „Als erstes wollten sie, dass wir die Urananreicherung für sechs Monate unterbrechen. […] Dann baten sie um drei Monate, dann um einen Monat. […] Nun haben sie uns vorgeschlagen, dass wir sie für eine kurze Periode, für einen Tag aussetzen. […] Sie sagten uns, dass wir […] erklären sollen, es habe technische Probleme gegeben. Aber wir haben keine technischen Probleme! Warum sollten wir das Volk belügen?“ (190) Nachdem London und Paris aus der europäischen Dialogachse ausscherten und nun ebenfalls auf Sanktionen bestanden, schloss Österreich die entstehende ökonomische Lücke und stieg mit zum wichtigsten Partner Irans auf. Küntzel versucht, die bodenlos unverschämte, zynische und verantwortungslose deutsch-österreichische Iranpolitik, die Iran mit allen diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln näher als je zuvor an die Atombombe brachte, auf zwei Wege zu deuten. Erstens hält er durchaus Naivität für möglich. Zweitens erwägt er pure Interessenspolitik. Im Bündnis mit einer antizipierten Atommacht Iran kann Deutschland und Österreich nur gewinnen: erstens ökonomisch und zweitens politisch: Im Falle einer atomaren Bewaffnung wären die Verträge mit einer nunmehr mächtigen und unangreifbaren Ölmacht geritzt. Im Falle einer militärischen Intervention durch die USA könnte Deutschland ein weiteres Mal sich als Friedensmacht aufspielen und politisch Kapital schlagen. (203) Hier findet Küntzel für meinen Teil etwas wenig Raum, um die Wirkungsmacht deutscher Friedensideologie nachzuzeichnen, die über Fischer in Iran ein Experimentierfeld sah, auf dem die Planspiele der Konfliktforschung Wirklichkeit werden sollten – wie Küntzel richtig bemerkt, war ein Hauptinteresse, eine „Anti-Irak-Politik“ zu verkaufen. Diese allerdings, und das ist das wahrhaft perfide, hat ein völlig instrumentelles Verhältnis zur Israelfrage eingenommen und in der absoluten Loslösung von der Realität ein Wunschsystem geschaffen, das jeden Ausgang der Gespräche sich wahnhaft als Gewinn umdeutet, um so den narzisstischen Bonus – die Bestätigung der eigenen moralischen und methodischen Überlegenheit – einzufahren.

Thomas Becker begibt sich in „Die Wiederkehr des Führers – Als der iranische Präsident die Deutschen für eine historische Mission begeistern wollte“ tief in die Geschichte deutsch-iranischer Bündnispolitik. Von Bismark über die Schahs und den Nationalsozialismus bis hin der Wiederbelebung deutsch-iranischer Beziehungen durch Genscher und Kinkel zieht sich eine Linie zu dem Brief Ahmadinedschads an die Deutschen, der an deren Bedürfnis nach Entschuldung und Holocaustrelativierung anschließt.

Stephan Grigat, Florian Ruttner und Farideh Azadieh leisten daran anschließend eine Aufarbeitung der Geschichte der Österreichischen Mineralölverwaltung (OMV), die im zweiten Weltkrieg erstarkte und danach in Kooperation mit Libyen und zuletzt Iran zu voller Größe mit einem Volumen von 22 Mrd. Euro anwuchs. Die österreichische Politik in fast ausnahmsloser Gänze stellen sie als erschütternd regressiv dar: Man schreckt bei der Sympathie mit den verlockenden Möglichkeiten weiterer Deals mit den Mullahs vor Partizipation an deren Ideologie nicht zurück, diskreditiert die amerikanischen Bemühungen um tragfähige Wirtschaftssanktionen als Imperialismus und leugnet jede moralische Verpflichtung.

Andreas Benl schließt an Küntzel an mit „Delegierte Regression – Der europäische Kulturrelativismus: Eine Form der Kollaboration mit dem Islamismus“. Er belegt in Zitaten die Kollaboration pseudofeministischer Autorinnen, die sich den Schleier zum emanzipatorischen Medium zurechtlügen. Die Sakralisierung des Antirassismus sieht Benl zufolge von jeglichen Spezifika der Geschichte des Rassismus ab und ermöglicht so dem Islam, sich als eigene Kultur einzurichten, die den Kulturrelativisten zufolge respektiert werden müsse.

Justus Wertmüller definiert in „Religion der Befreiung – Der Islam als Erweckungsbewegung“ den Islam als autoritäre Fortsetzung esoterischer Sinnsuche. „Islam: einfach mal loslassen, so könnte ein Werbespruch aussehen. Loslassen vom Ich und hineinplumpsen in die autoritäre Gemeinschaft.“ (250) Äußerst anschlussfähig an die Linke erweist sich für Wertmüller der Islam durch seine im Prinzip „basisdemokratische“ Ausrichtung, die zugleich das Private als „gemeinschaftsstörende Unkultur“ verfolgt. Sein Fazit ist, der Kampf gegen den Islamismus sei nicht mit dem Rekurs auf sogenannte westliche Werte und dennoch dezidiert westlich zu führen, indem auf (uneingelöste) Versprechungen des Kapitalismus in Überfluss, Luxus, Individualität und das Recht auf Vereinzelung beharrt wird. (257)

Simone Dinah Hartmann kommt bei der Fragestellung „Was tun mit den Europäern?“ zu der interessanten Überlegung, es könne durchaus Unwissenheit ein Grund für die verbreitete antiisraelische Haltung der deutschen Öffentlichkeit sein. Aktionistisch wäre sich an solche desinformierte Menschen zu richten. Zwischen dem klassischen Antisemitismus und dem islamischen sieht sie einen Unterschied: Ersterer hat nur einen Feind beschworen, letzterer bietet darüber hinaus einen akribisch durchgeplanten Alltag mit Handlungsanweisungen, eine nicht nur negativ, sondern auch positiv bestimmte Dystopie. (260)

Kazem Moussavis Beitrag „Europa, Israel und die iranische Opposition“ liest sich wie ein Parteigründungsmanifest. Seine Vorstellung der „Grünen Partei des Iran“ ist an iranische Exilanten gerichtet und beharrt, will diese Partei erfolgreich sein, auf dem Primat einer Solidarität mit dem, was die iranischen Mullahs zum Hauptfeind erklärten: Israel. Darüber hinaus wehrt er sich gegen Zumutungen im Exil, sei es von iranischen Verfolgern oder von europäischen Kollaborateuren, die Oppositionelle noch als Terroristen einstufen.

Hiwa Bahrami schlägt abschließend einige Bündnispartner für emanzipatorische Bestrebungen vor und schließt andere, allen voran die sogenannten Reformer innerhalb der von den Mullahs beherrschten Fraktionen aus.

Das Buch schließt ab mit Grußworten von Raimund Fastenbauer, Beate Klarsfeld, Arie Talmi, Wolfgang Neugebauer, Elisabeth Pittermann und Benny Morris.

Ein solches Werk ist kaum nach Stil und Form zu beurteilen. Das würde den brisanten politischen Kontext zum Diminutiv degradieren. Lobende Worte über den in der Tat hervorragenden Stil, die nachvollziehbare Vielfalt und die ausgezeichnet abgestimmte Kohärenz der Beiträge können angesichts der Thematik nur Floskel bleiben. Als kritisch-theoretisches Unterfangen ist die Lektüre untrennbar vermittelt mit Praxis: das lesende Individuum wird gezwungen, sich zu dieser real existente Drohung zu verhalten. Entweder, indem es sich irgend gegen sie engagiert und positioniert. Oder indem es sich in untätigem Verharren oder Leugnen einrichtet und damit Kollaboration mit dem größten derzeit geplanten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.

4.5.08 13:45


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Jean Améry - Werkausgabe komplett

Jean Amérys Werkausgabe wurde der neunte und letzte Band ["Materialien": 900 S., 40€] hinzugefügt. In für die taz sehr ungewohnten Tönen rezensiert der Marburger Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck:

Ganz andere Qualität hat in der vorliegenden Materialien-Auswahl Henryk M. Broders Artikel über Amérys Kritik des linken Antizionismus, der 1993 in der taz erschien. Man sollte diesen Text jedem jungen Menschen, den man heute noch mit einem "Palituch" um den Hals antrifft, freundlich in die Hand drücken. Broder fasst hier auf seine pointierte Art die wesentlichen Essays Amérys über den Antisemitismus in der deutschen Linken zusammen. Zentral ist dabei ein - heute mehr denn je gültiger - Satz Amérys von 1973: "Wer die Existenzberechtigung Israels in Frage stellt, der ist entweder zu dumm, um einzusehen, daß er bei der Veranstaltung eines Über-Auschwitz mitwirkt, oder er steuert bewußt auf dieses Über-Auschwitz hin."

Jetzt, da das iranische Regime Mahmud Ahmadinedschads den Staat Israel offen mit dem möglichen Bau einer Atombombe bedroht, ist es besonders dieser politische Werkkomplex Amérys, der 30 Jahre nach dem Freitod des Autors wieder dringende Beachtung verdient: "Aus dem Anti-Zionismus erwächst die Giftblüte des Antisemitismus. Die pro-arabische Stimmungsmache hat den Konsensus: von der äußersten Linken über die bürgerliche Mitte bis zu den alten Nazis", stellt Améry im April 1975 in einem Schreiben an den Merkur-Herausgeber Hans Paeschke fest. Man möchte der nunmehr vollendeten Werkausgabe wünschen, dass ihre Leser diese Wahrheit zur Kenntnis nähmen. Damit wäre der Grundstein zu einer differenzierteren Rezeption eines der streitbarsten Publizisten des 20. Jahrhunderts gelegt.

 

6.5.08 17:41


Der Veräter von Betlehem – Kritik

Matt Beynon Rees: Der Verräter von Betlehem. Omar Jussufs erster Fall. München 2008: C.H. Beck. 326 Seiten, 17,90 €.

Normalerweise lassen mich Krimis gänzlich kalt. Wenn allerdings die oberhessische Presse ein Buch als Schauplatz eines sogenannten „palästinensischen Widerstandes“ preist und die Kurzinformation einen Krimi in Betlehem bewirbt, in dem ein Kollaborateur mit den Israelis von einem palästinensischen Lehrer gejagt wird, schrillen bei mir einige Alarmglocken.

Zumindest in dieser Hinsicht überrascht Rees sehr positiv. Über viele Seiten lässt sich die Hauptfigur Omar Jussuf, ein mehr oder weniger gestrandeter Lehrer vor der Rente, in abfälligen Bemerkungen über Märtyrer und Korruption aus, beschimpft jugendliche Marodeure, stellt Verschwörungsmythen in Frage und hält seine Schulkinder dazu an, Propaganda und Geschichtsklitterung zu hinterfragen. Den Kulturalismus eines amerikanischen UN-Schuldirektors nimmt er ebenso aufs Korn wie palästinensische Nationalmythen. Selbstmordattentate versucht er gerade nicht zu verbrämen als einzigen Ausweg aus elenden Verhältnissen, sondern rückt innerfamiliäre Konflikte und den gnadenlosen Sadismus darin ins Zentrum.

So erbärmlich Rees den palästinensischen Mob erscheinen lässt, der den zu Unrecht der Kollaboration bezichtigten Schützling Jussufs letztlich lyncht, so wenig kann er allerdings klären, warum Jussuf darin zustimmt, dass trotz allem in diesen Zuständen Kollaboration ein schweres Verbrechen sei. Dieser versucht lediglich nachzuweisen, dass sein verdächtigter Freund unschuldig am Verrat eines Sprengstoffschmugglers an die israelische Armee und der daraus resultierenden Liquidierung ist. Obwohl man stets an Jussufs intimen Gedanken teilhat, lässt Rees an ihm keinen Funken Verständnis für die israelische Position der gezielten Eliminierungen erkennen. Mit der Familie des Sprengstoffschmugglers ist Jussuf recht gut Freund und dass der jüngste Sohn im weiteren Verlauf erst die eigene Schwester ermordet und vermutlich vergewaltigt und dann ein Selbstmordattentat verübt, bleibt von Jussuf weitgehend unkommentiert. Das mag man Rees noch als realistische Zeichnung eines widersprüchlichen Charakters verzeihen.

Noch in der schonungslosen Offenlegung der Provokationstaktik der Märtyrerbrigaden, die gezielt Zivilisten zu Opfern von Gegenangriffen zu machen suchen und christliche Orte zum Schutz aufsuchen und der Hoffnungslosigkeit für emanzipatorisches Denken in all dem Sumpf liegt allerdings ein Moment eingebettet, das sich gegen die aufklärerische Absicht zu verkehren droht. Besonders offensichtlich wird das in einem Satz zur Mitte des Buches. Israelische Soldaten reißen in der fraglichen Szene eine Straße auf, um den Waffenschmuggel zu erschweren. Jussuf kommentiert die Frage seiner Frau nach dem Warum des Vorgehens mit „Einfach weil sie es tun können, diese Schweine“. Daran schließt sich folgendes an:

Selbst im Dunkeln merkte er, dass Marjam ihm nicht glaubte. Schließlich war er es gewesen, der ihr immer gesagt hatte, dass blinder Haß auf die israelischen Soldaten dazu führte, dass man ihre Taktik missverstand. Die Leute sahen in ihnen nichts als grausame Tiere, und das war der erste Schritt dazu, selbst genauso bösartig zu werden wie sie.

‚Normalerweise redest du nicht so von ihnen, Omar.’

‚Gut, dann weiß ich es eben nicht. Ich weiß nicht, warum sie es tun. Ich will nur, dass sie wieder gehen, damit wir diese verdammte große Loch in der Straße wieder zuschütten können.

So abstrakt und fern das im irgendwie legitimierten Ausnahmezustand als „bösartig“ titulierte Israel erscheint, so pathologisch ist der gesamte Blick darauf. Während Rees intensiv an palästinensischen Widersprüchen teilhaben lässt und klandestine Sympathie für die Christen in Betlehem verbreitet erscheinen Israelis nur in Form von Geschossen, Hubschraubern und zuletzt Soldaten. Die ihnen entgegengebrachte Kälte wird ihnen selbst noch angeheftet. So verbleibt das Buch in selbstgewählten Grenzen eines zwar chaotisch-grausamen, aber irgendwie doch heimatmäßig liebenswerten Palästinas, in dem es für eine proisraelische Position oder gar Kollaboration keinen Platz gibt. Das von all dem innerpalästinensischen Wahnsinn zuvörderst betroffene Israel ist Rees kaum Empathie wert, von pflichtschuldigen und tatsächlich sogar sehr glaubhaften Verurteilungen der Selbstmordattentate abgesehen.

Vielleicht erweist sich allerdings einem unbedarften Leser gegenüber gerade das als Stärke. Denn alle Bedingungen für eine proisraelische Position werden eingeschleust. Die Flucht der Palästinenser aus Israel wird als solche kommentiert und nicht das Lied der massenhaften Vertreibung gebetet. Der innerpalästinensische Wahnsinn wird als zuinnerst pathologisch und absurd gezeichnet. Und die israelischen Angriffe bleiben stets recht nüchtern geschilderte Reaktionen, deren Gründe in Mord, Sprengstoffschmuggel und mutwilligen Angriffen klar benannt werden. Insofern lässt sich viel Kritik am morbiden Hinstarren auf Zustände oder der kulturindustriellen und damit zwangsläufig betulichen Aufarbeitung realer politischer Probleme ausbreiten, der Anfangsverdacht der antiisraelischen Propaganda durch das Medium des Kriminalromans unter Hinzuziehung des hochbefrachteten Begriffs „Verräter“ lässt sich allerdings kaum erhärten. Der für die notorisch konformistisch rebellierenden Krimis übliche synthetische Abschluss bleibt einem dadurch allerdings nicht erspart: Der trunksüchtige Vertreter der palästinensischen Polizei, obgleich schwach, obsiegt und tötet den letztlich von Israelis wie Jussuf gejagten perfiden Doppelagenten. Jussuf erhält zur Belohnung für seine Entbehrungen das Amt des durch ein auf ihn gerichteten Attentat ermordeten UN-Schuldirektors, die Kinder aller unschuldigen Opfer werden sämtlich bei ihm aufgenommen.

7.5.08 18:21


Ilan Pappés Hatemail zu Israels sechzigstem Gründungstag

Israel ist 60 Jahre alt. Zeitungen und andere Medien überschlagen sich nicht gerade mit ehrlichen Geburtstagsglückwünschen, vielmehr wird das Datum genutzt, um allerorts gegen den jüdischen Staat Stimmung zu machen. Halbgare Berichterstattung reiht sich an offene Hetzpropaganda. Mancher Geburtstagsgruß ist vergiftet und nur sehr vereinzelt hört man wirkliche Freude darüber, dass die demokratische Gesellschaft im nahen Osten nach 60 Jahren Kriegszustand bei allen notwendigen und überflüssigen Mängeln weiter demokratisch und wehrhaft bleibt.
 
Israels rühmenswerte Errungenschaften in Solartechnik, Desalinationsanlagen, der Renaturierung und landwirtschaftlichen Nutzbarmachung arider und semiarider Zonen, der Nanotechnologie, der Informationstechnologie und der Medizin, von Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften sowie Kunst ganz zu schweigen, sind kaum der Rede wert. Einzig relevanter Topos in der Berichterstattung der meisten Medien ist die Situation in Palästina und natürlich palästinensische Geschichte von A wie Armut bis Z wie Zionistische Weltverschwörung. Israels 60-jährige Geschichte hört für die Feullietonisten stets mit der Flucht der Palästinenser auf.
 
In der „Die Zeit“ durfte der israelische Extremist unter den Historikern Ilan Pappé essayistisch tätig werden. Er behauptet originellerweise, den Nexus von Holocaust, Israel und al-Nakbah erfunden zu haben:
 
Es gibt nur wenige Zusammenhänge, die so sensibel sind wie der zwischen dem Holocaust, Israel und dem, was die Palästinenser al−Nakbah (die Katastrophe) nennen. Daher überrascht es nicht, dass sich Wissenschaftler, Journalisten und Essayisten, die sich mit dem Palästinakonflikt beschäftigen, jeweils nur einem dieser drei Themenkomplexe gewidmet haben, als gebe es keine Verbindungen zwischen ihnen. Sechzig Jahre nach dem Beginn der Enteignung der Palästinenser ist es höchste Zeit, diesen Konflikt zu verstehen und zu seiner Lösung beizutragen. Verschiedene Faktoren haben zu dem Untergang der Palästinenser 1948 beigetragen.
 
Der wichtigste war zunächst die zionistische Ideologie und später die israelische Politik. Seitdem die zionistische Bewegung in Palästina im späten 19. Jahrhundert angekommen ist, hat sie davon geträumt, so viel Land wie möglich zu erobern, um darauf einen jüdischen Staat zu gründen. Ein wichtiger Aspekt dieser Vision war das Ziel, so wenig Palästinenser wie möglich in dem zukünftigen jüdischen Staat anzusiedeln. Diese Vision wurde zur Realität, als die Briten Februar 1947 nach 30jähriger Herrschaft beschlossen, Palästina zu verlassen. In weniger als einem Jahr, zwischen Februar und Oktober 1948, hat die israelische Armee systematisch 500 palästinensischen Dörfer und elf Städte entwurzelt und zerstört. Die Hälfte der einheimischen Bevölkerung wurde in dieser Zeit vertrieben. Ihre materiellen und kulturellen Besitztümer wurden von den Israelis beschlagnahmt und damit auch die palästinensischen Spuren im Land verwischt.
 
Im historischen Sprung mit Scheuklappen lässt der sensible Pappé dann bereits eines der nach ihm maßgeblichen Nexuselemente völlig weg, weil es ihn nur als instrumentell gegen die Opfer zu wendenden interessiert: die Shoah. Auf dem Weg zum „Untergang der Palästinenser“ – die, wie jeder gute Historiker belegen könnte, sich anders als die Mohikaner bestens wachsender Nachkommenschaft erfreuen – zensiert er ebenso leichtfertig die Weigerung der Palästinenser, 1948 einen eigenen Staat zu bekomme, wie die unmittelbar folgende Kriegserklärung der arabischen Staaten. Dieser Akt wird zur antizipierenden Selbstverteidigung retuschiert: Weil jeder gewusst habe, dass die Zionisten die Vertreibung der Palästinenser schon seit dem 19. Jahrhundert, wenn nicht schon seit Moses geplant hätten, sei auch die Kriegserklärung und die Weigerung der Palästinenser nur Notwehr. Pappé weiß noch dreister zu selektieren:
 
Das hätte jedoch nicht stattfinden können, hätten nicht einige Faktoren der beschriebenen Entwicklung in die Hände gespielt. Zum einen war die britische Mandatsregierung verantwortlich, weil sie sich nicht einmischte, als es noch möglich war. Die Vertreibung fand also unter den Augen von Beamten und Soldaten statt. Zweifelsohne hat auch die arabische Welt eine negative Rolle gespielt.
Die Impotenz ihrer Armeen und der mangelnde Einsatz ihrer Chefs haben die ursprüngliche Hoffnung einer pan−arabischen Solidarität in eine Farce verwandelt. Für die Palästinenser sollte sich herausstellen, dass es ein kolossaler Fehler war, ihre Interessen von der Arabischen Liga vertreten zu lassen. Diese war dazu unfähig. Aber der wichtigste Faktor, der häufig übersehen wird, ist die internationale Gleichgültigkeit gegenüber der Vertreibung.
 
Diese israelische Politik wäre nicht durchgeführt worden, hätte es nicht die Tolerierung durch die internationale Gemeinschaft gegeben. Die zionistische Führung wusste, dass sie sich auf die Passivität und das Stillschweigen verlassen konnte. Das war keine Selbstverständlichkeit.
 
Das Scheitern der arabischen Armeen noch für seine Impotenz und mangelnden Einsatz der „Chefs“ zu bedauern, schlägt jedem Überlebenden dieses gescheiterten Vernichtungsfeldzuges ins Gesicht. Soviel Eifer Pappé darauf verwendet, die Flucht der Palästinenser als zionistischen Plan zu bestimmen, so sehr bemüht er sich nach Kräften, allgemein bekanntes historisches Wissen zu ignorieren. Vor, während und nach der Shoah war Palästina ein Dreh- und Angelpunkt des nationalsozialistischen Antisemitismus. Von hier nahm 1938/39 gleichsam als abgelegener Auftakt des deutschen Vernichtungskriegs der Terror Al-Husseinis seinen Ausgang und aus eben jenen palästinensischen Radios dröhnten 1948 die Drohungen der arabischen Führer:
 
„Dieser Krieg wird ein Vernichtungskrieg sein und zu einem furchtbaren Massaker führen, von dem man in Zukunft ebenso sprechen wird, wie von den Massakern der Mongolen und Kreuzritter.“ (Ab dar-Rahman Assam, Generalsekretär der arabischen Liga auf einer Pressekonferenz in Kairo 1948 nach Küntzel 2002: 56. Siehe auch Giniewski 1997: 230. Siehe auch Schröder in Gremliza 2001)
 
Palästina war lange vor der Staatsgründung Israels ein Schauplatz antisemitischer Agitation, die zunächst von christlichen Arabern und Missionaren getragen wurde (Küntzel 2002: 41) und seit Gründung der Muslimbruderschaften zur massenhaften Erscheinung in der islamisch-arabischen Bevölkerung wurde. Die Araber in Palästina waren mitnichten gänzlich dieser Ideologie zugewandt und nicht wenige unterstützten die zionistische Einwanderung, von der sie sich mehr versprachen als von der andauernden brutalen Gleichschaltung durch die Truppen Al-Husseinis. (Küntzel 2002: 41ff) So wurden sicherlich auch unschuldige Palästinenser in einen Krieg verwickelt, den sie nicht wollten. Das gesamte arabische Palästina allerdings als naives, völlig am vorherigen Geschehen unbeteiligtes Grüppchen harmloser Bauern und Hirten zu zeichnen ist so sehr Strategie der Antisemiten wie infame Lüge. Hätten nicht schon seit 1920 Pogrome teilweise mit Unterstützung der Briten stattgefunden (Giniewski 1997: 196) und wären nicht spätestens seit 1936 die stark arabisch besiedelten Gebiete Ausgangspunkt permanenter terroristischer Aktivitäten gegen Juden als Juden gewesen, hätten nicht Nejada und Futuwa sowie transjordanische und andere arabische Freiwillige von Galiläa aus permanent die Vernichtung der Juden in Israel angekündigt, vorbereitet und praktiziert, hätten die jüdischen Organisationen Haganah, Irgun und Lehi und später die Zahal kaum Anlass gehabt, dort gegen die Nester der Terrorangriffe zu agieren und arabische Dörfer in – wie auch immer im Einzelfall berechtigten oder unberechtigten – Strafaktionen zu sprengen. (Siehe Giniewski 1997: 208ff)
Vor 1945 dominierte allerdings der „konstruktive“ Widerstand: Als Antwort auf mörderische Terroraktionen wurden in Nacht- und Nebelaktionen jüdische Wehrdörfer errichtet, die sich einer strikten Verteidigungspolitik in Kooperation mit den Briten unterwarfen. Jegliche Zerstörung wurde mit größeren Konstruktionen beantwortet. (Gieniewski 1997: 180) Die palästinensische Propaganda erhält aus zahlreichen Tatsachen allein durch das Moment der Verschweigung der arabischen Aggression eine Vielzahl an auf Wahrheiten basierenden Übertreibungen. So bleibt es Anekdote, dass arabische Dorfbewohner die erste jüdische Kanone, die „Davidka“ aufgrund der lauten Detonation für eine Atombombe hielten und flohen. Weniger anekdotisch sind die sehr wenigen tatsächlich belegten Entgleisungen jüdischer Extremisten. Die geschichtswissenschaftliche Diskussion, ob die Geschehnisse in Deir Jassin, Ramle und Lod nun Massaker waren oder militärisch nachvollziehbare Operationen, sei profunder Forschung überlassen. 
 
Die offensichtliche Erbärmlichkeit der antizionistischen Argumentation Pappés liegt schon aus militärhistorischen Gründen auf der Hand: Der israelischen Führung zu unterstellen, mit zwei Avia-Flugzeugen und ein paar gegen das UN-Embargo eingeschmuggelten Kisten Munition und Waffen aus Tschechien und Soldaten, die in Teilen aus den Auffanglagern in Zypern und Europa geflohen waren, einen Masterplan für die Vertreibung von 750 000 Menschen zu betreiben, muss zwangsläufig in der antisemitischen Konzeption jüdischer Magie und Übermacht münden. Die Führung der Israelis, die Pappé permanent nur als Zionisten betiteln will, weil das schärfer klingt, habe sich nämlich auf „Passivität und Stillschweigen“ verlassen können. Eben jene Führung der Israelis flehte die US-amerikanischen und europäischen Staaten vergeblich um militärische Unterstützung an und verteidigte sich mit selbstgebastelten Bomben, ausgeleierten Sten-Guns und nicht selten allein durch Attrappen und Täuschung. So wird die Ignoranz der Weltöffentlichkeit zur Passivität zugunsten Israels. Dass die wie auch immer genauer zu bestimmende „israelische Politik“ gegen die „Interessen der Palästinenser“, wie Pappé den dort bekanntermaßen schon lange vor 1948 manifestierten antisemitischen Vernichtungswunsch bezeichnet, nicht ohne die Kriegserklärung komplett wahnsinnig gewordener arabischer Staaten stattgefunden hätte, wird vorenthalten.
Pappé erklärt sich sein abgedichtetes Schema wie folgt:
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Kalte Krieg gerade begonnen hatte, waren die Großmächte auf das Wohlwollen der arabischen Länder angewiesen. Gewissenhaftere Teile der westlichen Gesellschaft unterstützten zunehmend anti−koloniales Gedankengut. Sicher versuchten die beiden führenden maroden Kolonialmächte England und Frankreich, ihre Präsenz und ihren Einfluss in der arabischen Welt aufrechtzuerhalten. Aber zumindest augenscheinlich waren sie gezwungen, den Eindruck zu erwecken, als würden sie das Recht der arabischen Bevölkerung auf Unabhängigkeit und Souveränität unterstützen. Besonders als Frankreich sich vehement gegen die symbolische Unabhängigkeit Algeriens stemmte, weil es die Interessen seiner Staatsbürger in dem Land wahren wollte, stellte sich die europäische öffentliche Meinung hinter die algerische Unabhängigkeitsbewegung.
 
Nichtsdestotrotz: Strategische Überlegungen, christlicher Zionismus unter den britischen Führern und ein nicht zu unterschätzender Antisemitismus haben London dazu bewegt, die Ansiedlung vom europäischen Juden weit weg von Europa inmitten der arabischen Welt zu unterstützen. Die Vereinten Nationen entschieden am 29. November 1947 über die Zukunft Palästinas. Man sprach den Palästinenser weniger als die Hälfte des Landes zu und schlugen eine Wirtschafts− und Währungsunion mit den jüdischen Siedlern vor, die mehr als die Hälfte des Landes bekamen.
 
Nur ein Faktor hatte die UN−Sonderkommission dazu bewogen, jedes konventionelle Prinzip von Staatlichkeit und Unabhängigkeit über Bord zu werfen, um die zionistische Bewegung zu befriedigen: der Holocaust. Die Schaffung eines jüdischen Staates als Kompensation für den Holocaust war ein starkes Argument. So stark, dass niemand der prompten Ablehnung der UN−Resolution seitens einer überwältigenden Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung Beachtung schenkte. Mehr als deutlich wurde hier der europäische Wunsch, etwas wieder gutzumachen.
 
Die Europäer, und besonders Deutschland, erhofften sich von dem neu gegründeten jüdischen Staat Vergebung. Schließlich war es viel einfacher, die Sünden der Nazis gegenüber der zionistischen Bewegung zu korrigieren, als den Juden der Welt gegenüber zu treten.
 
Für Pappé gilt das Argument der Shoah natürlich ebenso wenig, wie die Erfolge zionistischer Projekte und die Tatsache, dass in Palästina seit Jahrtausenden Juden leben und dort jüdische Städte lange vor 1933 aus dem Boden gestampft wurden – durchaus zum Nutzen der Palästinenser. Den massenindustriellen Vernichtungskrieg noch zu „Sünden“ zu verniedlichen kann Pappé nur überbieten, indem er ernsthaft die „Juden der Welt“ – vulgo „Weltjudentum“ – als relevante Instanz halluziniert. Eben jenes „besonders Deutschland“-Deutschland hatte Juden weiterhin jedes Recht auf Freiheit untersagt und in Auffanglagern Juden über Jahre nach der Shoah festgehalten, um sie am Übersiedeln nach Palästina ebenso zu hindern wie an der Ansiedelung in europäischen Städten. Von den anderen europäischen Staaten lies lediglich Tschechien ein veritables Engagement zugunsten Israels erkennen. Frankreich war damit beschäftigt, die Rolle der Resistance nationalistisch auszuschlachten, Großbritannien hatte trotz Shoah keine Aufhebung der Einwanderungsbestimmungen angedacht und Spanien war noch gänzlich im faschistischen Sumpf gefangen. Dass Israel 1947 immer noch die UN und Großbritannien um Intervention bitten musste und einen skandalös armseligen Teilungsplan vorgeschlagen bekam, den es im Gegensatz zu den Palästinensern akzeptierte – all das ist für Pappé keinen Funken an Empörung wert. Pappé faselt nur konsequent weiter:
 
Es war weniger komplex und, noch wichtiger, man musste sich nicht mit den Holocaust−Opfern selbst auseinandersetzen, sondern nur mit einem Staat, der versprach, diese zu repräsentieren. Palästina war nun das Land der Juden Europas, auch derjenigen, die noch nicht angekommen waren und auch nie vorhatten, jemals anzukommen. Europas Schuld, Deutschland zu erlauben, die europäischen Juden auszurotten, sollte durch die Enteignung der Palästinenser gebüßt werden.
 
Das hat zu dem geführt, was Edward Said die Kette der Opfer genannt hat. Die Palästinenser wurden zu den Opfern der Opfer. Dieses Konzept wurde von Israel und seinen Verbündeten nie akzeptiert. Ebenso wenig fand es die Zustimmung der deutschen politischen Elite, die sich mir der Formel, Israel als einziges Opfer in diesem Konflikt anzusehen, äußerst wohl fühlte. Die Israelis hingegen mussten sich nicht vor westlichem Druck fürchten und haben die Enteignung der Palästinenser bis heute fortgesetzt.
 
Die Grenzen ihres Handelns wurden von dem israelischen Journalisten Aryeh Caspi treffend definiert: Solange die Israelis den Palästinensern nicht das antun, was die Nazis den Juden angetan haben, bewegen sie sich innerhalb des legitimen und moralischen Rahmens zivilisierten Verhaltens. Dennoch ist das Repertoire dieser Aktionen auch innerhalb dieser Grenzen ziemlich erschreckend, wie sich derzeit im Gazastreifen zeigt.
 
Von „Opfern der Opfer“ spricht der globalgalaktische Antisemit, wenn er partout darauf bestehen muss, dass die „Juden der Welt“ eben an allem schuld seien, auch wenn sie Opfer sind. Was Pappé in schlechthinniger Umnachtung als hegemoniale Position der „deutschen Elite“ deliriert, spielt sich auf gleichem Niveau ab. Implizit wird die Relativierung der Shoah nach Kräften betrieben, von palästinensischer Täterschaft und antisemitischen Traditionslinien darf Pappé in der Zeit beflissentlich schweigen. Final kämpft Pappé natürlich für eine deutsche Einmischung und beklagt wie Ahmadinedjad die angebliche deutsche Zurückhaltung, die – welch Wunder – den Frieden verhindert.
 
Die deutsche Zurückhaltung beeinflusst die derzeitige Chance auf Frieden. Natürlich sind die USA am ehesten in der Lage, effektiven Druck auf Israel auszuüben. Aber jede Möglichkeit, Israel zu einem Kurswechsel zu bewegen, hängt von Europa ab. Eine starke europäische Position ist ohne eine Änderung der deutschen Politik nicht möglich. Dabei hat Deutschland sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf Regierungsebene die Pflicht, so einen Politikwechsel zu unterstützen. Es war wichtig und gerechtfertigt, dass die ersten Jahrzehnte nach dem Holocaust der Aussöhnung mit der jüdischen Welt gewidmet waren.
 
Nun ist es Zeit, sich um die Opfer der Opfer zu kümmern. Deutschland ist keine unbedeutende Verbindung in der Opferkette und kann seine Verantwortung nicht zurückweisen. Die andauernde Gewalt in Israel und Palästina hat das Potenzial, nicht nur den Nahen Osten in endlose Kriege zu verstricken, sondern auch Europa. Aber dieser naive Artikel beschäftigt sich mit Moral und Gerechtigkeit, die auch für die junge deutsche Generation wichtig ist. Eine Generation, die sich bewusst ist, dass sie als Nation ihrer Vergangenheit begegnen muss. Man trifft sie als freiwillige Helfer in den besetzten Gebieten und sieht ihr Engagement in den zahlreichen europäischen Solidaritätskampagnen für Palästina. Wir brauchen sie alle, weil die Geschichte uns lehrt, dass Besatzung und Enteignung irgendwann zu einem Ende kommen.
 
Die Rede von Kanzlerin Angela Merkel kürzlich in der israelischen Knesset machte jedoch deutlich, dass Deutschland in naher Zukunft keine konstruktive Rolle im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern spielen wird. Merkel präsentierte eine fast beschämend parteiische, pro−israelische Position, in der sie die Besatzung mit keiner Silbe erwähnte. Stattdessen fand sie lobende Worte für Israel, das als Vorbild für Gerechtigkeit, Demokratie und Zivilisation diene. Das wird nur die aggressiven und gewalttätigen Aspekte der israelischen Politik stärken und gleichzeitig die Palästinenser jegliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft nehmen. Ohne Hoffnung wird die Verzweiflung jedoch immer noch größer, was wiederum zu mehr Gewaltbereitschaft führt. Wir müssen einen Abschluss für das 20. Jahrhundert finden. Nicht um zu vergessen und schon gar nicht um zu vergeben, sondern um ein normales und gesundes Leben zu führen. Das gilt für die Opfer und die Täter gleichermaßen.
 
Wenn Pappé meint, für Deutschlands Engagement gegen Israel zu streiten und Opferketten wie Nahrungsketten funktionalistisch ausdeuten zu können, ist das sein antisemitisches Privatvergnügen. Als Wissenschaftler disqualifiziert er sich selbst durch bodenlos unverschämtes Zensieren, Lügen und Leugnen.
 
Dass allerdings eine der größten und sich liberal dünkenden Zeitungen Deutschlands sich diese Position als Leitartikel zum Thema „Israels Geburtstag“ zu Eigen macht, ist mithin eine Widerwärtigkeit, ein Skandal.
 
 
Literatur (Auswahl):
 
Pappé, Ilan: 60 Jahre Israel. Israel muss sich seiner Geschichte stellen. Auf Zeit-online am 12.5.2008.
 
Giniewski, Paul: Das Land der Juden. Vorgeschichte des Staates Israel. Winterthur: Cardun, 1997. 259 Seiten.
 
Gremliza, Hermann L. (Hg.): Hat Israel noch eine Chance? Palästina in der neuen Weltordnung. Hamburg: konkret, 2001. 239 Seiten.
 
Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg: ca-ira. 180 Seiten.
 
Lewis, Bernhard: „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus. Frankfurt a/M: Ullstein, 1989. 342 Seiten.
14.5.08 11:01


Erfreulicheres aus der Artenvielfalt

Für mich ist die Frage des Artenschutzes eine rein ästhetische, die ich theoretisch gar nicht noch mit Adorno als "lebendige Erfahrung" zu begründen brauche und so erfreute mich am Wochenende besonders die auf nährstoffarme Trockenrasen spezialisierte und in Mitteleuropa sehr seltene Hummelragwurz:
 
 
Dieses Pflänzchen weiß durch seine pelzigen Blüten zu bezaubern, mit denen es Hummelmännchen vorgaukelt, ein Weibchen zu sein und dadurch Energie für die Nektarproduktion spart. Dummerweise reagiert es sehr empfindlich auf Stickstoffeintrag.
 
 
Der größte Käfer Europas, der Hirschkäfer, lebt bekanntlich von rottendem Eichenholz. Um so sympathischer macht ihn, dass er sein Geweih nur zum Kampf mit anderen Männchen nutzt. Kneifen kann der gutmütige Bursche nicht.
 
 
Orchis Militaris, das Helmknabenkraut, ist eine der häufigeren hierzulande anzutreffenden Orchideen und wie die Hummelragwurz auf nährstoffarme, warme Magerrasen und Waldränder angewiesen.
 
 
Mellitaea cinxia, der Wegerich-Scheckenfalter, lebt als schwarze Raupe mit knallrotem Kopf in Gruppen an Spitzwegerich, bevor der Falter im Mai in bevorzugten Regionen mit - man ahnt es schon - nährstoffarmen Magerrasen, angetroffen werden kann.
14.5.08 17:51


Micha Brumlik tazt Israel

"Timeo danaos et dona ferentes!" (Laokoon, Vergil)

Micha Brumliks Beitrag "Die Geburt des Staates Israel" in der taz hat vor allem den Zweck der vulgären Theoretisierung der Staatsgründung Israels. Ein frappanter Denkfehler unterläuft dem Kritiker des Zionismus bereits zu Beginn: Weil in Athen bereits die Gaswagen der Nazis bereitstanden, um nach dem zum Glück verhinderten Fall Ägyptens an Rommels Panzerarmeen Juden in Palästina zu vernichten, hätte eine jüdische Heimstätte in Palästina

"...demnach den Holocaust nicht verhindern können, sogar auch dann nicht, wenn weitaus mehr Juden in den späten 1920-er und 1930-er Jahren dorthin ausgewandert wären, wofür es ökonomisch keine Grundlage gab. [...] Das relativ starke Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas bis 1945 ist also keine Folge des Nationalsozialismus. Das demographische Wachstum, das der neu gegründete Staat später benötigte, gewann er durch über 600 000 Juden aus arabischen Ländern, die von dort nach der Staatsgründung vertrieben oder von zionistischen Emissären zur Auswanderung bewogen wurden."

Diese Rechnerei mit Menschenleben und ökonomischen Grundlagen ist an sich zynisch genug, wird sie doch instrumentalisiert, um die zionistischen Bemühungen um eine Lockerung der Einwanderungsbestrebungen vor und während der Shoah als vergeblich zu diskreditieren - sie hätten ohnehin keine ökonomische Grundlage gehabt. Brumlik will die Bedeutung der Einwanderungsbeschränkungen aller Staaten übersehen.
Lediglich Shanghai ließ Juden ohne Visa ein, etliche Juden warteten vergeblich auf eine Ausreiseerlaubnis in die USA, Großbritannien oder Südamerika. Der Strukturalist Claude Leví-Strauss beschreibt in seinem autobiographisch-theoretischen Roman "Tristes Tropiques" die Zustände der klandestinen Überfahrt nach Brasilien. Walter Benjamin schaffte es zwar recht gut über die grüne Grenze, saß dann allerdings in Spanien fest und starb dort. Ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen wurde vor der Küste Kubas zur Umkehr gezwungen, die USA verweigerten die Aufnahme.
Ein jüdischer Staat hätte erstens durch die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge Menschenleben retten können und zweitens durch die Organisation einer effektiven Kriegsindustrie, die zu einer wirkungsvollen Verteidigung ebenso in der Lage gewesen wäre, wie zu Luftangriffen auf die Vernichtungsindustrie der Nazis. Brumlik will nicht wahrhaben, wie rasch und effektiv ohne jede ökonomische Grundlage 1948 aus einer Guerilla und ein paar Fabriken eine Verteidigung gegen 5 Armeen mit modernstem Kriegsgerät organisiert wurde und dass eine ebensolche Organisation vor 1948 vor allem durch Großbritannien und die Araber verhindert wurde.
Im Übrigen ist der Anspruch Brumliks an den Zionismus, er hätte die Shoah verhindern sollen, maßlos. Jeder einzelne, ob Zionist oder nicht, hätte diese Pflicht gehabt. Dazu bedarf es keiner großartigen Idee. Die Zionisten verzweifelten angesichts der heraufziehenden Katastrophe Nazideutschlands ebenso oft am Appeasement ihres jüdischen Klientels wie an der Knappheit der Mittel. Wie hätten sie die Shoah verhindern sollen, die von zig Millionen Menschen mit brummender Rüstungsindustrie losgetreten wurde? Mit welcher Flotte, mit welchem Land? Die zionistische Idee versprach ein Land, das zum Ausgangspunkt der Emanzipation der Juden würde. Sie versprach nicht militärische Allmacht oder gar die Beseitigung antisemitischen Gedankenguts - diese hielt sie für eine Illusion, der heute auch Brumlik aufsitzen will.

Was nimmt es Wunder, wenn Brumlik von den Riots 1936-1938 als "arabischer Aufstand" spricht, in dem es einen Konflikt um "Land, Märkte und Beschäftigungsverhältnisse" gegeben habe. Im "arabischen Widerstand" habe sich ein "in jeder Hinsicht traditionalistisches Selbstverständnis" geäußert.
In jenem "Aufstand" wurden aber bekanntermaßen mehr Araber durch Araber ermordet, als Briten und Juden. Nicht um Land oder Märkte ging es dem von den Nazis finanzierten Banden Al-Husseinis, sondern um die Vorherrschaft unter den Arabern und um die Vernichtung von Juden. Das war auch der durchsichtige Grund, warum sich gegen Ende des "Aufstandes" die arabischen Nashashibi-Clans mit Briten und Juden gegen Al-Husseinis Mördern zusammenschlossen. (Siehe Küntzel 2002, vgl. Gremliza et alii 2001) So diffus, verworren wie anmaßend geht es weiter mit der Interpretiererei:

"So lässt sich das Entstehen des Staates Israel auch als Ausdruck des letzten Ausgreifens Europas in einen anderen kulturellen, in diesem Fall: in den islamischen Raum verstehen; ein Ausgreifen, das in dieser Form nur in der Epoche der Weltkriege möglich war und zugleich - durch den UN-Beschluss sowie die wesentliche Mitwirkung der USA und der Sowjetunion - erster Ausdruck globaler, weltgesellschaftlicher Politik war."

Die nach Israel flüchtenden Juden als imperialistische Emissionäre eines auf Expansion in einen kultürlichen islamischen Raum bedachten Europas zu deuten, darin folgt Brumlik den Antiimperialisten. Der Geschichte Israels wird ein solch stümperhaftes Theoretisieren nicht gerecht. Israel wurde gegen den Willen Europas gegründet und erkämpfte sein Überleben 1948 ohne jede Unterstützung der vielberufenen Sowjetunion oder der USA. Kaum disputabel, denn die verpressten Widersprüche wollen Synthese werden:

"Wenn weder der Zionismus den Holocaust weder verhindern konnte noch Holocaust-Überlebende zu einem wesentlichen demografischen Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas beigetragen haben, dann besteht zwar eine bleibende moralische Verantwortung Deutschlands für das jüdische Volk im Ganzen, aber nicht für die Politiken des Staates Israel. Wenn es eine deutsche Verantwortung für den Staat Israel gibt, dann deshalb, weil dort Juden leben und weil seine Existenz für Juden in aller Welt von vitaler Notwendigkeit ist, nicht aber, weil Deutschland durch den Holocaust wesentlich an der Entstehung des Staates beteiligt gewesen wäre. Daher besteht auch keine mittelbare deutsche Verantwortung für das Schicksal der Palästinenser."

Endlich will Brumlik auf den Hund gekommen sein. Der Zionismus war überflüssig und randständig, Israel ein bloßes Instrument von Stellvertreterkriegen zwischen USA, Großbritannien und der Sowjetunion, Deutschland hat mit all dem schon gar nichts zu tun, außer dass es natürlich eine moralische Verantwortung für Juden habe, als sei Israel ein Mündel Deutschlands.
Solchen Winkelzügen ist energisch entgegenzutreten. Sie versuchen, den direkt an den Nationalsozialismus anknüpfenden Antisemitismus der arabischen Staaten zu einer vernachlässigbaren Größe herabzureden, wenn nicht ganz zu verschweigen. Sie werden der Komplexität der israelischen Staatsgründung nicht gerecht. Und sie versuchen den Impakt der Shoah auch auf die arabischen Juden zu leugnen und damit insgesamt die Shoah zu einem für Israel wie für die Theorie bloß nebensächlichem, vom Weltlauf abtrennbaren Ereignis zu verharmlosen. Eindeutig ausgerichtet ist Brumliks Gedankenspielerei nur logisch auf die "Opfer der Opfer".

"Der nach dem UN-Teilungsbeschluss eindeutig völkerrechtswidrige Angriff der arabischen Staaten bot Israel schließlich nicht nur die Chance, ein zusammenhängendes Staatsgebiet zu erobern, sondern auch die 700.000 palästinensischen Araber zu vertreiben und sich ihres Eigentums zu bemächtigen. [...] Es ist unwahrscheinlich, dass ohne eine wenigstens symbolische Berücksichtigung dieses Unrechts der Friedensprozess auch nur eine Chance hat. [...] Sechzig Jahre nach seiner Gründung streitet die jüdische Bevölkerung des Staates Israel [...] darüber, ob sie außer trügerischer Sicherheit auch Frieden, und das heißt auch Gerechtigkeit, anstreben soll."

Auf diesen Schlussakkord zentriert Brumliks substanzlose Spiegelfechterei. 700 000 palästinensische Araber, von denen - wenn die Zahl nicht überschätzt ist - die überwältigende Mehrzahl lediglich auf Aufforderungen und Gräuelpropaganda der arabischen Armeen hin floh, soll Israel nun symbolisch berücksichtigen um Frieden zu ermöglichen. Greift Israel immer noch die arabischen Staaten an, weil diese Israelis vertrieben? Wo bleibt deren anscheinend für keinen Frieden relevante "symbolische Berücksichtigung"? Wenn Brumlik wirklich glaubt, dass eine solche "Berücksichtigung" irgendwo für Frieden sorgen würde, hängt er tatsächlich dem fatalen Irrglauben an die Befriedung von Antisemiten durch Zugeständnisse an.
Anstatt endlich einzufordern, dass die Araber in und aus Palästina sich endlich von der Rückkehrforderung befreien, weil das bedeuten würde, dass sie den Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zumindest denkbar werden lassen, will Brumlik ernsthaft mit Anerkennungstheorie und seelischem Labsal den abgedichteten Wahnvorstellungen jener 80 Prozent der arabischen Palästinenser entgegentreten, die Selbstmordattentate für eine tolle Sache halten. Nicht weil die Rückkehran sich für konkrete Individuen so wichtig wäre, sondern weil sie unmöglich ist, weil sie mit der Forderung nach der Vernichtung Israels in eins fällt, gewinnt sie an Bedeutung in der Propaganda - von psychoanalytischen Deutungen einmal ganz abgesehen. Die so fanatische wie vergebliche Rückkehrforderung ist der Garant, nicht von liebgewordenen Aggressionen ablassen zu müssen. Würde man von solchen "Extrempositionen" - wenn dieser Terminus überhaupt auf die Forderung nach der Vernichtung Israels angewandt werden kann -  abweichen, man hätte schließlich irgendwann Frieden und vielleicht sogar Wohlstand - kontraproduktive Umstände für eine selbstzeugende Ideologie wie die der palästinensischen Sache, die eine des Märtyrertums geworden ist.

Dringenderen Fragen, die sich derzeit für die israelische Gesellschaft stellen, weicht Brumlik beflissentlich aus. Von der iranischen Nuklearwaffe schweigt er. Ebenso über das Problem der Palästinensierung Israels durch die arabischen Palästinenser, die immer mehr zu einer staatsbedrohende Größe werden - mit dem allseits offen artikulierten Ziel, dann Israel von innen völlig demokratisch den Garaus zu bereiten. Die 450 - 700.000 arabischen Flüchtlinge des Krieges von 1948 kümmern in Israel soviel, wie Tschechien die Forderung nach Aufhebung der Benes-Dekrete durch deutsche Burschenschafter und Ministerpräsidenten. Israel hat 600-800.000 Juden aus den arabischen Staaten aufgenommen. Hinsichtlich der Flüchtlingszahl ist man quitt. In Bezug auf materielle Ansprüche stehen Araber bei Israel sehr viel tiefer in der Kreide. Solange eine Entschuldigung der Araber für 60 Jahre Krieg gegen Israel aussteht und ein Friedensvertrag mit allen arabischen Staaten an deren Ignoranz scheitert, solange diese weiter am Nationalsozialismus und Islamismus hängen, ist es mehr als scheinheilig, permanent auf einigen Mücken zu beharren und dabei vom Elefanten nicht sprechen zu wollen.

15.5.08 16:40


The last anti-fascist Statesman

 
Volltext der Rede von G.W.Bush vor der Knesset in Israel:
 
President Peres and Mr. Prime Minister, Madam Speaker, thanks very much for hosting this specia l session.
President Beinish, Leader of the Opposition Netanyahu, Ministers, members of the Knesset, distinguished guests: Shalom.
Laura and I are thrilled to be back in Israel. We have been deeply moved by the celebrations of the past two days. And this afternoon, I am honored to stand before one of the world's great democratic assemblies and convey the wishes of the American people with these words: Yom Ha'atzmaut Sameach. It is a rare privilege for the American president to speak to the Knesset, although the prime minister told me there is something even rarer — to have just one person in this chamber speaking at a time. My only regret is that one of Israel's greatest leaders is not here to share this moment. He is a warrior for the ages, a man of peace, a friend. The prayers of the American people are with Ariel Sharon. We gather to mark a momentous occasion.
 
Sixty years ago in Tel Aviv, David Ben-Gurion proclaimed Israel's independence, founded on the "natural right of the Jewish people to be masters of their own fate." What followed was more than the establishment of a new country. It was the redemption of an ancient promise given to Abraham and Moses and David — a homeland for the chosen people Eretz Yisrael. Eleven minutes later, on the orders of President Harry Truman, the United States was proud to be the first nation to recognize Israel's independence. And on this landmark anniversary, America is proud to be Israel's closest ally and best friend in the world. The alliance between our governments is unbreakable, yet the source of our friendship runs deeper than any treaty. It is grounded in the shared spirit of our people, the bonds of the Book, the ties of the soul.
 
When William Bradford stepped off the Mayflower in 1620, he quoted the words of Jeremiah: "Come let us declare in Zion the word of God." The founders of my country saw a new promised land and bestowed upon their towns names like Bethlehem and New Canaan. And in time, many Americans became passionate advocates for a Jewish state. Centuries of suffering and sacrifice would pass before the dream was fulfilled. The Jewish people endured the agony of the pogroms, the tragedy of the Great War, and the horror of the Holocaust — what Elie Wiesel called "the kingdom of the night."
 
Soulless men took away lives and broke apart families. Yet they could not take away the spirit of the Jewish people, and they could not break the promise of God. When news of Israel's freedom finally arrived, Golda Meir, a fearless woman raised in Wisconsin, could summon only tears. She later said: "For two thousand years we have waited for our deliverance. Now that it is here it is so great and wonderful that it surpasses human words."
 
The joy of independence was tempered by the outbreak of battle, a struggle that has continued for six decades. Yet in spite of the violence, in defiance of th e threats, Israel has built a thriving democracy in the heart of the Holy Land. You have welcomed immigrants from the four corners of the Earth. You have forged a free and modern society based on the love of liberty, a passion for justice, and a respect for human dignity. You have worked tirelessly for peace. You have fought valiantly for freedom. My country's admiration for Israel does not end there. When Americans look at Israel, we see a pioneer spirit that worked an agricultural miracle and now leads a high-tech revolution. We see world-class universities and a global leader in business and innovation and the arts. We see a resource more valuable than oil or gold: the talent and determination of a free people who refuse to let any obstacle stand in the way of their destiny. I have been fortunate to see the character of Israel up close. I have touched the Western Wall, seen the sun reflected in the Sea of Galilee, I have prayed at Yad Vashem. And earlier today, I visited Masada, an inspiring monument to courage and sacrifice.
 
At this historic site, Israeli soldiers swear an oath: "Masada shall never fall again." Citizens of Israel: Masada shall never fall again, and America will be at your side. This anniversary is a time to reflect on the past. It's also an opportunity to look to the future. As we go forward, our alliance will be guided by clear principles — shared convictions rooted in moral clarity and unswayed by popularity polls or the shifting opinions of international elites. We believe in the matchless value of every man, woman and child. So we insist that the people of Israel have the right to a decent, normal and peaceful life, just like the citizens of every other nation.
 
We believe that democracy is the only way to ensure human rights. So we consider it a source of shame that the United Nations routinely passes more human rights resolutions against the freest democracy in the Middle East than any other nation in the world. We believe that religious liberty is fundamental to a civilized society. So we condemn anti-Semitism in all forms — whether by those who openly question Israel's right to exist or by others who quietly excuse them. We believe that free people should strive and sacrifice for peace. So we applaud the courageous choices Israeli's leaders have made. We also believe that nations have a right to defend themselves and that no nation should ever be forced to negotiate with killers pledged to its destruction. We believe that targeting innocent lives to achieve political objectives is always and everywhere wrong. So we stand together against terror and extremism, and we will never let down our guard or lose our resolve. The fight against terror and extremism is the defining challenge of our time. It is more than a clash of arms. It is a clash of visions, a great ideological struggle. On the one side are those who defend the ideals of justice and dignity with the power of reason and truth.
 
On the other side are those who pursue a narrow vision of cruelty and control by committing murder, inciting fear, and spreading lies. This struggle is waged with the technology of the 21st century, but at its core it is an ancient battle between good and evil. The killers claim the mantle of Islam, but they are not religious men. No one who prays to the God of Abraham could strap a suicide vest to an innocent child, or blow up guiltless guests at a Passover Seder, or fly planes into office buildings filled with unsuspecting workers. In truth, the men who carry out these savage acts serve no higher goal than their own desire for power. They accept no God before themselves. And they reserve a special hatred for the most ardent defenders of liberty, including Americans and Israelis. And that is why the founding charter of Hamas calls for the "elimination" of Israel. And that is why the followers of Hezbollah chant "Death to Israel, Death to America!"
 
That is why Osama bin Laden teach es that "the killing of Jews and Americans is one of the biggest duties." And that is why the president of Iran dreams of returning the Middle East to the Middle Ages and calls for Israel to be wiped off the map. There are good and decent people who cannot fathom the darkness in these men and try to explain away their words. It's natural, but it is deadly wrong. As witnesses to evil in the past, we carry a solemn responsibility to take these words seriously.
 
Jews and Americans have seen the consequences of disregarding the words of leaders who espouse hatred. And that is a mistake the world must not repeat in the 21st century. Some seem to believe that we should negotiate with the terrorists and radicals, as if some ingenious argument will persuade them they have been wrong all along. We have heard this foolish delusion before. As Nazi tanks crossed into Poland in 1939, an American senator declared: "Lord, if I could only have talked to Hitler, all this might have been avoided." We have an obligation to call this what it is — the false comfort of appeasement, which has been repeatedly discredited by history. Some people suggest if the United States would just break ties with Israel, all our problems in the Middle East would go away. This is a tired argument that buys into the propaganda of the enemies of peace, and America utterly rejects it. Israel's population may be just over 7 million. But when you confront terror and evil, you are 307 million strong, because the United States of America stands with you. America stands with you in breaking up terrorist networks and denying the extremists sanctuary. America stands with you in firmly opposing Iran's nuclear weapons ambitions. Permitting the world's leading sponsor of terror to possess the world's deadliest weapons would be an unforgivable betrayal for future generations. For the sake of peace, the world must not allow Iran to have a nuclear weapon. Ultimately, to prevail in this struggle, we must offer an alternative to the ideology of the extremists by extending our vision of justice and tolerance and freedom and hope.
 
These values are the self-evident right of all people, of all religions, in all the world because they are a gift from the Almighty God. Securing these rights is also the surest way to secure peace. Leaders who are accountable to their people will not pursue endless confrontation and bloodshed. Young people with a place in their society and a voice in their future are less likely to search for meaning in radicalism. Societies where citizens can express their conscience and worship their God will not export violence, they will be partners in peace. The fundamental insight, that freedom yields peace, is the great lesson of the 20th century. Now our task is to apply it to the 21st. Nowhere is this work more urgent than here in the Middle East. We must stand with the reformers working to break the old patterns of tyranny and despair. We must give voice to millions of ordinary people who dream of a better life in a free society. We must confront the moral relativism that views all forms of government as equally acceptable and thereby consigns whole societies to slavery. Above all, we must have faith in our values and ourselves and confidently pursue the expansion of liberty as the path to a peaceful future.
 
That future will be a dramatic departure from the Middle East of today. So as we mark 60 years from Israel's founding, let us try to envision the region 60 years from now. This vision is not going to arrive easily or overnight; it will encounter violent resistance. But if we and future presidents and future Knessets maintain our resolve and have faith in our ideals, here is the Middle East that we can see: Israel will be celebrating the 120th anniversary as one of the world's great democracies, a secure and flourishing homeland for the Jewish people. The Palestinian people will have the homeland they have long dreamed of and deserved — a democratic state that is governed by law, and respects human rights, and rejects terror. From Cairo to Riyadh to Baghdad and Beirut, people will live in free and independent societies, where a desire for peace is reinforced by ties of diplomacy and tourism and trade.
 
Iran and Syria will be peaceful nations, with today's oppression a distant memory and where people are free to speak their minds and develop their God-given talents. Al-Qaida and Hezbollah and Hamas will be defeated, as Muslims across the region recognize the emptiness of the terrorists' vision and the injustice of their cause. Overall, the Middle East will be characterized by a new period of tolerance and integration. And this doesn't mean that Israel and its neighbors will be best of friends. But when leaders across the region answer to their people, they will focus their energies on schools and jobs, not on rocket attacks and suicide bombings. With this change, Israel will open a new hopeful chapter in which its people can live a normal life, and the dream of Herzl and the founders of 1948 can be fully and finally realized. This is a bold vision, and some will say it can never be achieved. But think about what we have witnessed in our own time. When Europe was destroying itself through total war and genocide, it was difficult to envision a continent that six decades later would be free and at peace. When Japanese pilots were flying suicide missions into American battleships, it seemed impossible that six decades later Japan would be a democracy, a lynchpin of security in Asia, and one of America's closest friends. And when waves of refugees arrived here in the desert with nothing, surrounded by hostile armies, it was almost unimaginable that Israel would grow into one of the freest and most successful nations on the earth. Yet each one of these transformations took place.
 
And a future of transformation is possible in the Middle East, so long as a new generation of leaders has the courage to defeat the enemies of freedom, to make the hard choices necessary for peace, and stand firm on the solid rock of universal values. Sixty years ago, on the eve of Israel's independence, the last British soldiers departing Jerusalem stopped at a building in the Jewish quarter of the Old City. An officer knocked on the door and met a senior rabbi. The officer presented him with a short iron bar — the key to the Zion Gate — and said it was the first time in 18 centuries that a key to the gates of Jerusalem had belonged to a Jew. His hands trembling, the rabbi offered a prayer of thanksgiving to God, "Who had granted us life and permitted us to reach this day." Then he turned to the officer, and uttered the words Jews had awaited for so long: "I accept this key in the name of my people." Over the past six decades, the Jewish people have established a state that would make that humble rabbi proud. You have raised a modern society in the Promised Land, a light unto the nations that preserves the legacy of Abraham and Isaac and Jacob. And you have built a mighty democracy that will endure forever and can always count on the United States of America to be at your side. God bless.
 
19.5.08 15:17


Featuring Zimbabwe

Was sich derzeit in Zimbabwe abspielt, ist mehr als bedrohlich. Terror und Folter scheinen an der Tagesordnung zu sein, eine Waffenlieferung an Mugabe droht über die zentralafrikanische Republik doch noch ins Land zu gelangen. In Südafrika gehen seit Tagen Nazis auf Ausländerjagd und zünden Flüchtlinge aus Zimbabwe an. Leider fehlt mir die im Moment die Zeit, mehr in die Materie zu gehen.
Ich kann nur jedem raten, einmal über den Tellerrand zu linsen und sich damit auseinander zu setzen. 
 
- Sokwanele bloggt auf This is Zimbabwe (ist aufgrund der Bilder von Folteropfern als FSK 18 einzustufen)  
 
- Tjark Kunstreich versuchte sich bereits in Bahamas 32/2000 etwas zwiespältig an dem Thema, der Artikel ist über die Volltextsuche auf der Bahamas zu erreichen: "A colony again? Robert Mugabes aussichtsloser Kampf gegen die Balkanisierung Afrikas."
 
- Bartholomäus Grill fasst in der Zeit die Geschehnisse in Südafrika zusammen: "Arme gegen Ärmere"
 
- David Lans Ethnographie "Guns & Rain - Guerillas & Spirit Mediums in Zimbabwe" von 1985 bietet auf 244 Seiten ausgezeichnete Backgroundinformationen über Mythologie und Praxis der zimbabwischen Guerillas.   
 
- Einigermaßen lesbare Nachrichten kann man auf ZWNEWS lesen.  
21.5.08 16:43


Südafrikanische Pogrome

Europäische Gutmenschen behaupten bisweilen reaktionäres Gedankengut als Erfindung und somit Vorrecht von Europäern. Dementsprechend gestaltet sich die Berichtserstattung über die seit Wochen andauernden Pogrome gegen Flüchtlinge und Immigranten in Südafrika. Eine ernsthafte kritische Analyse der abzusehenden Verfolgungen bleibt aus, stattdessen dominiert Rationalisierung, konsternierte Fallberichtserstattung und routinierter, sensationslüsterner Journalismus.
 
Je nach Laune wird einmal die Regierung Mbeki verantwortlich gemacht, ein andermal wird den Verfolgern das Wort geredet: es seien tatsächlich zu viele Flüchtlinge in Südafrika angelandet und die Armut unerträglich. Naive Stimmen zeigen sich entsetzt, dass "so etwas" "jetzt auch" unter Schwarzen möglich sei. Bei konservativen Medien bricht unbewusster Rassismus hervor: "Südafrikas hässliche Fratze" lautet der eindeutige Titel in der FAZ, anscheinend hat sich noch nicht herumgesprochen, dass Gesichtsmetaphern mehr Ausdruck von verinnerlichten Stereotypen sind denn tragfähiges Medium einer differenzierten Betrachtung.
 
Dabei ist afrikanischer Rassismus ein bekanntes, beforschtes und dennoch ignoriertes Phänomen. Bemerkenswert ist jedoch die Permanenz, mit der rassistische Verbrechen wie sie in Ruanda, Kongo, Kenia, Nigeria massenhaft geschahen und geschehen, als vermeintlich überraschende Ausnahmeerscheinungen jeweils isoliert behandelt werden. Als würden solche Ereignisse von außen hereinbrechen. Ein dialektisches Verständnis, das die Vermitteltheit von ökonomischen, kulturellen und historischen Umständen verinnerlicht hat, ist Bückware.
 
Die Ethnologen Jean und John Comaroff publizierten bereits vor Jahren ausführlicher über die gegen Immigranten und Wanderarbeiter gerichteten Ressentiments. Diese sind oft magischer Art: Immigranten und Wanderarbeiter werden als Zombies und Hexen identifiziert und verfolgt. Hexereivorwürfe werden in ganz Afrika zunehmend ethnisiert.
Die Hexenjagden in Südafrika kosteten in den Neunzigern über 5000 Opfer das Leben, viele weitere wurden obdachlos oder Flüchtlinge im eigenen Land. Die Comrades, die Jugendorganisation des ANC, mischten Befreiungspropaganda mit Standgerichten gegen mehrheitlich alte Frauen, denen Hexerei vorgeworfen wurde. (s. Niehaus 2001, s. Ashforth 2006) Hingerichtet wurden sie bevorzugt durch das "Necklacing": die Opfer wurden mit einem Autoreifen fixiert, mit Benzin übergossen und angezündet.
 
Die Vorwürfe bezogen sich bereits da auf Arbeitslosigkeit und Fremdheit, unternehmerischen Individualismus und egoistisches Machtstreben, durch das Kapital forcierte Mobilität und die abgewehrte Auflösung von patriarchalen und feudalen Traditionen. Die jüngste Gewalt hat demnach eine lange Traditionslinie. Über Dekaden gärten in der südafrikanischen Gesellschaft oder besser in den Gesellschaften die Widersprüche. Die paternalistische Propaganda der rassistischen Modernisierungsdiktatur der Apartheid hatte ihren wahren Kern: reaktionärer Tribalismus und magische Paranoia. Diese wurden von afrikanischen Ideologen zur begrüßenswerten afrikanischen Kultur aufgewertet: Magie sei Spiritualität und den Tribalismus erklärte man zu einem Ursozialismus.
 
Diese Gemeinschaftsideologie, mal mit pseudophilosophischen Termini wie "harambe" oder "ubuntu" verbrämt, ist nur symptomatisch für den narzisstischen Affekt, der in Afrika grassiert. Dass sich die afrikanische Realität schlimmer als in den rassistische Projektionen der Weißen gestaltete, ist unerträglich für die afrikanischen Eliten. Ernsthafte Reflexion über gesellschaftliche Widersprüche wurde zumeist vermieden. Aufklärung kann allerdings ohne Kritik nicht stattfinden. Diese Reflexionsverweigerung stärkt die reaktionären Elemente in den afrikanischen Gesellschaften, schneidet das Kollektiv auf einen Führer zu, der als Big Man die Widersprüche so sehr verdinglichen wie aufheben soll. Die Ideologienbildung schreitet voran, je selbstbewusster sich solche erzreaktionären Elemente im Mantel des Kulturalismus plustern können.
Das afrikanische katholische Klientel wird nach Harnischfeger in einigen Jahrzehnten die Mehrheit aller Katholiken darstellen und die derzeitig nur scheinbar auf europäisch-liberale Positionen zugeschnittene Kirchenpolitik durch einen stramm homophoben, spiritistisch-exorzistischen und sexistischen Konsens ersetzen.
(s. Harnischfeger in Schmidt/Schulte 2007, S. 126)
Ein nach dem Freedom-House-Index freier Staat wie Ghana zeichnet sich immer noch durch Gefängnisstrafen für homosexuelle Handlungen aus. Und eine der aggressivsten islamistischen Regionen weltweit befindet sich weitab der vielbeachteten Konfliktherde Iran und Afghanistan in Nigeria.

Die Idealisierungen erfahren ihr Pendant in der Projektion von Ursachen solcher Phänomene auf äußere Mächte. Verschwörungstheorien wähnen mal die CIA, mal die Weltbank, Hexen oder weiße Rassisten als Drahtzieher hinter Afrikas Elend. Manzini, der Chef des südafrikanischen Geheimdienstes, schwadroniert erwartungsgemäß von 'elements' und 'forces' aus den Reihen der Pro-Apartheidszene, die die jüngsten Pogrome initiiert hätten, um Südafrika zu diskreditieren:

"We believe that as South Africa prepares for another national election early next year, the so-called black on black violence that we witnessed prior to our first election in 1994 has deliberately been unleashed and orchestrated. [...] Because we believe there are forces in this country and outside who continue to refuse to accept that we are capable as a people to rule and govern ourselves. [...] That we are capable as Africans to set an agenda that seeks to uplift our people from the shackle of poverty visited upon us by the colonial past.[...]"
He said as South Africans consolidated their democracy, they should expect that there would be those in their midst "influenced and supported by external forces", who would always want to "push us to the back".

Die mit den Pogromen einhergehenden Raubzüge seien Beweis, dass kriminelle Energien maßgeblich seien, nicht etwa Ausländerhass. Solche Rationalisierungen haben einen doppelten Entlastungseffekt: Die Gesellschaft wird freigesprochen, Hass und Rassismus zu befördern. Das Individuum kann sich auf den Standpunkt des Bedürftigen zurückziehen, der nur zurückschlägt. Dass keine materielle Notsituation einem das Recht gibt, Menschen auf Matratzen zu binden und johlend anzuzünden, bleibt dann unbehandelt. Appeasement gegenüber dem Mob wäre es, auch nur irgend ein nicht für die Opfer und Flüchtlinge gedachtes Hilfsprogramm anzudenken. Genauso darf in Ostdeutschland kein Arbeitsplatz mit der Begründung geschaffen werden, dass dadurch pyromane Neonazis vermeintliche Perspektiven bekämen.
Erfreulich ist darum um so mehr, dass zu dem in Afrika wie in Europa imaginierten Bild von der afrikanischen Gemeinschaft Kontrapunkte gesetzt werden: In Demonstrationen gegen Mbeki und Xenophobie, Blogs und Zeitungsartikeln.
 
Beiträge in der taz:
 
Beiträge in der FAZ-online:
 
Beiträge auf Zeit-online:
 
Beiträge aus Afrika:
 
Literaturauswahl zum Thema:
 
Adam Ashforth: Witchcraft, Violence and democracy in South Africa. 2005: University Press of Chicago. 376 Seiten.
 
Isak Niehaus: Witchcraft, Power and Politics. 2001: London, Pluto Press.
 
Irene Etzersdorfer, Michael Ley (Hg.): Menschenangst - Die Angst vor dem Fremden. 1999 Mainz: Philo-Verlagsgesellschaft. 197 Seiten.
 
Jean Comaroff, John Comaroff: Alien Nation: Zombies, Immigrants and Millenial Capitalism. The South Atlantic Quarterly - Volume 101, Number 4, Fall 2002, pp. 779-805.
 
Jean Comaroff, John Comaroff: Occult Economies and the Violence of Abstraction: Notes from the South African Postcolony. 1999 American Ethnologist. 26(3): 279-301.
 
Burghart Schmidt, Rolf Schulte: Witchcraft in Modern Africa/Hexenglauben im modernen Afrika. 2007: Hamburg, Dobu-Verlag.
26.5.08 11:04


Steinzeitmenschenalarm im Dschungelcamp

Steinzeitmenschen entdeckt! Sie malen ihren Körper rot und schwarz an! Sie beschießen Flugzeuge mit Pfeilen! Bild erklärt das geheimnisvolle Dschungel-Volk!

Eine solche Meldung kommt beim Bild-Publikum gut an. Es kann sich vergewissern, nicht zu den Steinzeitmenschen zu gehören. Schließlich malt man sich nicht rot an und schießt nicht mit Pfeilen nach Flugzeugen. Wie die vorgeblich neu entdeckten (die Funai hat schon lange Kenntnis von der genauen Anzahl und dem Gesundheitszustand der Gruppe) Indigenen sich tatsächlich verhalten, ist durch die reißerische Meldung kaum zu erschließen. Sie enthüllt mehr über die Konstitution der zivilisierten Berichterstatter als über das Grüppchen Eigenbrödler am Amazonas. Das Bedürfnis, den Wilden zu präsentieren, um die Fortschritte der eigenen Zivilisation zu feiern reicht zurück bis in die Triumphzüge der römischen Feldherrn. Während Hexenjagden und Judenpogrome Europa prägten, brachte man Indianer aus Amerika, um zu diskutieren, ob sie Menschen seien oder nicht. Die Leser der modernen Indianerromane delektierten sich an Marterpfahl und Jagd, um dann mit Maschinengewehren und Giftgas aufeinander loszuwüten. Modernität ist mit Adorno als eine qualitative Kategorie zu denken, nicht als chronologische oder materielle. Bild-Leser fühlen sich indes aufgewertet, wenn irgendwelche Menschen ein Flugzeug, also ein Produkt ihrer Gesellschaft für das Werk von Geistern halten. Daraus zieht man einen erheblichen Gewinn, fühlt sich gar selbst als allmächtiger Gott.

Was Modernität gewiss nicht ausmacht, ist, ob sich jemand den Körper rot bemalt, tätowiert oder mit Pfeilen nach Flugzeugen schießt. Zwar kann dies durchaus einer verständlichen Unkenntnis der Maschine und infolgedessen ihrer magischen Interpretation als Gott oder Dämon geschuldet sein. Dass auf solche Götter oder Dämonen geschossen wird, offenbart jedoch einen Grundzug des bei Amazonas-Indianern verbreiteten Geisterglaubens: Geister sind zwar mächtig, aber beherrschbar. Man kann über sie lachen, sie schlagen und vertreiben oder sie besänftigen. Insofern wird die undurchschaute bewegte Maschinerie der beherrschenden Natur durch das magische Ritual beherrschbar.

Es mag allerdings ebenso gut sein, dass diese mit Pfeilen nach Flugzeugen schießen, um denen da oben ihre Ablehnung gegen eine Welt zu demonstrieren, aus der sie in der Vergangenheit nur rassistische Menschenjagd, Kautschuksklaverei und mörderische Krankheiten kennen lernten. Unterstellte man Informationsaustausch und vorausschauendes Verhalten, könnte das Verhalten auch als Warnung an den zu erwartenden Schwarm von evangelikalen Missionaren aus den unzähligen charismatischen Kirchen interpretiert werden, die gegen Verbote der Funai alles tun, um ein paar verlorene Seelen zu retten und sie mit Grippe, Masern und Röteln zu dezimieren. Sei’s drum, Bild lässt sich vom Erklären nicht abhalten, der zivilisierte Mensch braucht Fakten, Fakten, Fakten:

„Wie leben die Indios? […] Zudem halten sie sich Jagdhunde, zahme Vögel und sogar Vogelspinnen.“

Von einem angeblich unbekannten Grüppchen, das nur aus dem Hubschrauber bekannt ist, will man auf einmal wissen, dass sie Terraristik-Liebhaber sind und Vogelspinnen zähmen, wohl um sie auf ihre Feinde zu werfen. Sehr einfallsreich. Auf einmal sind die Steinzeitmenschen nun schon Indios, die Leiter der abwertenden Begriffe wird eine Stufe heraufgeklettert.

Was Bildleser am sonntäglichen Grill brennend interessiert: „Sind die Indios Kannibalen?“ Leider ist das Sommerloch nicht tief genug, die Antwort fällt negativ aus:

„Nein! Experte Dr. Schulz: ‚Sie ernähren sich von Maniok und Süßkartoffeln, dazu gibt es Waldhirsche, Tapire oder kleine Nagetiere.“

Der Experte hat anscheinend schon einen Aufenthalt bei den unentdeckten „Steinzeitmenschen“ hinter sich und dort das Nahrungsverhalten beobachtet und kann ferner die im Amazonas durchaus regelmäßiger anzutreffende symbolische Anthrophagie, bei der die Asche der Verstorbenen verzehrt wird, ausschließen. Vielleicht referiert er auch über ein völlig anderes Grüppchen. Oder er weiß aus dem Hubschrauber Bittermaniok von Süßmaniok zu unterscheiden, durchaus möglich, bedarf die komplizierte Zubereitung des Bittermaniok doch einiger auffälliger Gerätschaften. Impliziert ist derweil schon die Fragestellung nach der Ernährung und somit der drohenden Hilfslieferungen. Unterstellt wurde in der Vergangenheit regelmäßig, die am Amazonas lebenden Wildbeuter und Gartenbauer seien schlecht ernährt und darum aus purer Philanthropie zu zivilisieren. Deren proteinreiche Ernährung mit Wild, Obst und stärkehaltige Knollen ist allerdings um einiges ausgewogener als der durchschnittliche Speiseplan eines Europäers, von den in Slums hausenden Städtern und Campesinos Südamerikas ganz zu schweigen.

Ganz sicher weiß man dann in der um Distinktion bemühten Kulturnation Deutschland über die Sprache der Betroffenen zu urteilen: „Die Mitglieder eines Stammes haben eine eigene Sprache, die nur sie verstehen.“ Die Hubschrauber haben möglicherweise auch eine genauere Stimmanalyse verunmöglicht. Fakt ist, dass die Dialekte und Untersprachen der sechs Hauptsprachgruppen Tupi, Aruak, Guarani, Ge, Kariben und Pano, die sich in Wanderungsbewegungen über den Amazonas verteilten, in sich doch recht ähnlich sind: Ob die „Neuentdeckten“ nun Flüchtlinge aus dem Norden oder Westen Südamerikas sind oder eine Pano-Sprache sprechen oder tatsächlich zu jenen gehören, die eine eigene Sprache entwickelten, sei dahingestellt.

Die Genderstudies sind unterdessen derart fortgeschritten, dass sie vom Hubschrauber aus fundierte Forschungsergebnisse liefern:

„Welche Rechte haben die Frauen in so einem Stamm? Dr. Schulz: ‚Es gibt geschlechtliche Arbeitsteilung. Die Männer sind für die Nahrungsbeschaffung und den Hüttenbau zuständig. Die Frauen kümmern sich um die Ernte, die Zubereitung der Nahrung und die Kinder.“

In der Tat ist das ein regelmäßig wiederkehrendes Muster der Amazonasindianer. Symptomatisch ist allerdings die Verkehrung der Fragestellung, die Identifizierung von Rechten und Rollen. So kann es sein, dass eine Frau wie in Iran Maschinenbau studieren kann, allerdings keine Rechte hat und gemeinhin wie ein Stück Dreck behandelt wird. Umgekehrt kommt es vor, dass eine solide Rollenteilung durchaus mit einer emanzipierten Haltung der Frauen ihren Männern gegenüber einhergehen kann, wofür es einige Beispiele aus dem Tiefland Südamerikas gibt. Den katholischen Missionaren war die bisweilen starke Rolle der indigenen Frauen unheimlich, der südamerikanische Machismo wurde in Indianermissionen gezielt durch die Förderung von Jungmännern und die Diskriminierung von Frauen implementiert.

Nun denn, Bild hat uns hinreichend das Geheimnis der geheimnisvollen Indios erklärt. Ein Abgesang bleibt nicht erspart: Ihre Zukunft sehe „düster“ aus, weil der Regenwald gerodet wird.

Darin zumindest ist sich Bild mit dem Klientel einig, das ganz pc von „unkontaktierten indigenen Gruppen“ spricht. Die Funai und mit ihr Gutmenschen aus aller Welt bekräftigen, es sei wichtig, die „vom Aussterben bedrohten“ unkontaktierten indigenen Gruppen weiter zu isolieren, der (dringend notwendige) Schutz des Regenwaldes wird mit der Abschottung seiner Bewohner identifiziert, Natur und Mensch, Blut und Scholle sind in eins gedacht. Über Individuen wird geredet wie über Exemplare einer Tierart. Die Isolation wird mit Krankheiten begründet, wie umgekehrt ihre Zivilisierung einst mit dem „verlausten, elenden Zustand“ der Wilden. Welche Konflikte sich innerhalb der Gruppen abspielen kann nur gemutmaßt werden. In den meisten Gruppen am Amazonas werden bei Todesfällen Menschen benachbarter Gruppen, bevorzugt Schamanen, als Hexer ermordet. In einigen werden Zwillinge oder Behinderte grausam getötet. Wieder andere weisen ein hohes Maß an Toleranz gegenüber Homosexuellen, Alten und Behinderten auf. Die ökonomische Situation gestattet eben keine Ableitung irgendwelcher Verhaltensweisen.
Dem Menschenzoo in kärglichen Amazonasreservaten allerdings werden sehr selbstverständlich von Individuen einklagbare Menschenrechte geopfert, auf den autonomen Gebieten gilt die Rechtsprechung der jeweiligen Konventionen. Das hat seine Kehrseite im Absprechen von universalen Menschenrechten von Seiten der brasilianischen Regierung und der kulturalistischen Strömung, denen individuelles Leid egal ist, solange die Täter bunt bemalt sind und Papageienfedern tragen. Dass Zivilisation darauf verzichtet, ihr vermeintliches Anderes oder Überholtes kriegerisch zu verfolgen und sich gleich zu machen, ist im Prinzip ein schöner Zug. Dass man die Anstrengung aufgibt, die ein friedliches Annähern zu beidseitigem Nutzen erfordern würde, ist schlichtweg feige und reaktionär. Darin lauert schon die Identifikation mit der Projektion der edlen Wilden, den im Einklang mit der Natur friedlich vor sich hin harmonisierenden Antagonisten der verderbten Zivilisation.

Wolfgang Lindig, Mark Münzel: Die Indianer. Kulturen und Geschichte der Indianer Nord-, Mittel- und Südamerikas. (1978) 1981 München: dtv. 573 Seiten.

Wolfgang Müller: Die Indianer Amazoniens. 1995 München: C.H. Beck. 263 Seiten.

31.5.08 12:24


'Flaschenpost und Fahnenflucht'

Ein Katzenspiel. 2006. Öl auf Malkarton. 

Meine erste Ausstellung "Flaschenpost und Fahnenflucht" hängt jetzt im Cafe am Grün in Marburg. Vorbereitend bietet sich die Lektüre des Artikels "Der Filznazi" an.
Für alle, denen der Besuch durch objektive Zwänge verwehrt bleibt, ist eine Besichtigung der Werke unter http://www.sofakunst.blogg.de möglich. Gegen schnöden Mammon lassen sich die Bilder meistbietend eintauschen.



Der Hauptspaß. 2006. Zeitungsdruck und Öl auf Tiefdruckbütten.

31.5.08 16:25





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