Startseite
    Antiamerikanismus
    Antisemitismus
    Islamismus
    Verwaltete Welt
    Kulturindustrie
    Rassismus
    Aberglaube
    Kulturalismus
    Make a wish
  Über...
  Archiv
  African Islamism
  Gesammelte Werke
  Texte
  African witch-hunts
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Links
   Sofakunst
   Wikipedia
   Fremdwörter-Lexikon
   Marx-Engels-Werke
   Asia Times
   This is Zimbabwe
   
   Achse des Guten
   adf
   africa daily
   african studies quarterly
   african sun news
   aftershow
   against
   allafrica.com
   Antibürokratieteam
   Arabs for Israel
   Jaegerzaun
   Atlas Shrugs
   Bad Blog
   Bahamas
   What is witchcraft?
   Botschaft Israels
   ca ira Verlag
   unterdemstrich
   Camera
   classless
   ChinaDaily
   Die Jüdische
   Dissidenz
   Emma
   e pluribus unum
   Ex-Blond
   EYEontheUN
   FdoG
   Frontierpost Pakistan
   Fuchsbau
   Gripsiltis
   Haaretz.com
   Hadith Database
   honestly concerned
   Iranfocus
   iraqui bloggers central
   israel defence force
   Israel News Infolive
   Israpundit
   Ivison
   Jerusalem Post
   John Cox
   kaffe ohne sahne
   Karwan Baschi
   LittleGreenFootballs
   lizas welt
   maedchenblog
   Matthias Küntzel
   MEMRI
   Middle East Info
   myissue
   nada
   No Blood for Sauerkraut!
   planethop
   prodomo
   sandmonkey
   sozioproktologe
   spirit of entebbe
   starblog
   Telegehirn
   tous et rien
   ugly dresden
   unkultur
   WADI
   weapons of modern democracy
   western resistance
   Wind in the Wires

kostenloser Counter

Webnews



https://myblog.de/nichtidentisches

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Berner Impressionen

Eine Woche Bern. Das Alpenpanorama über der Stadt verkroch sich hinter zähem Hochnebel. Schweizer überall, doch von den drei Sprachen wenig zu merken. Viele Ausländer, die einen sehr herzlichen und öffentlichen Umgang inmitten Schweizer Kühle pflegen, ein scharfer, angenehmer Kontrast zur deutschen Rassentrennung mit all den in beidseitigem Einvernehmen abgesonderten Türkenvierteln und Kiezen. Viele Flüchtlinge aus Eritrea, sehr viele Deutsche hier. Freundlichkeit, Respekt und Etikette scheinen das öffentliche Leben zu durchdringen. Eine grundlose Ernsthaftigkeit macht sich breit. Deziliter werden ausgeschenkt, die Franken schmelzen rasch dahin. Man beginnt mit einem Kurzfilmfestival, das übliche immer sehenswerte Gemisch aus Sozialkritik, Minimalkomik und berechenbarer schauspielerischer Leistung.
Dazwischen Wahlen. SVP-Plakate mit Postulaten wie "Kriminelle Ausländer raus!" und "Kein Geld für Sozialschmarotzer!" Die internationale Aufregung ist unbegründet: Eine Art CDU/CSU, die wenigstens ihren Rassismus ehrlich zur Schau trägt hat über 20 % erobert. Auf ihren häufig abgerissenen Plakaten Eddingparolen: "Nazischeiße" oder "Rechter Dreck". Die Gegenparteien so langweilig wie überall, die Zeitungen und Radios mit dem überschaubaren Zustand befasst, drei Meldungen in der Regel. Radios sind ohnehin viel lustiger auf Schweitzerdeutsch, es klingt wie eine Parodie der Kulturindustrie.
Die Alpen präsentieren sich dem Wanderlustigen als umwölkte Schatten, bei Sonne entfaltet sich ihre steinerne Ungeheurlichkeit, die tatsächlich den Drang auslöst, einmal von dort oben hinunter zu blicken. Ein Plan, der sich leicht ausführen lässt, binnen einer Stunde Autobahn und zwei Stunden Wanderung im gemächlichen Tempo ist bei Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen ein Hochmoor mit Blick auf Jungfrau, Mönch und Eiger erreicht, bizarre Schönheit mit dem schalen Geschmack der Drohung an den allzu unvorsichtigen Touristen, der die schlampige Markierung verliert. Still ist es, erholsam, Ruhe eingesponnen in Fäden der Regression zu Kindertagen.
Ein Prachtbau entlang der Autobahn zurück ist Paul Klee gewidmet, üppiges geschwungenes Glas und Stahl, ein Holzfussboden im Museum, köstliche und kunstvoll angerichtete Snacks zum Spottpreis erhältlich. Der Eintritt ist gestaffelt: Der Bürger zahlt die 20 Franken (etwa 14,50 Euro), der eifrige Student nur 18 (etwa 13 Euro). Der Preis jedoch lohnt. Fotographieren ist verboten und unsinnig. Zu lange würde man vor all den Meisterwerken verweilen und sich bloß über schlechte Abbilder ärgern. Paul Klees Werke nötigen dann selbst dem Verbissensten Bewunderung ab. Abstraktion, ins Detail berechnete Simplifizierung, heiteres Zustimmen. Des Künstlers strukturalistische Analyse der Farben und Formen eröffnet die intellektuellen Dimensionen, die akkumulierte Bildung hinter dem Werk. "Der Chindlifrässer", "Kleiner Blauteufel" und "hässlicher Engel" blicken vis-a-vis von der Wand, in Vitrinen die berühmten Handpuppen "Elektrisches Gespenst", "deutschnationaler Student", "Herr Tod", "Frau Tod". Ad parnassum prunkt als pointilistisches Mühsal. Ein Erlebnis, und Verärgerung mischt sich dem bei: So weit weg der ganze Zauber, und zu rasch vergessen. Zur Entschädigung im Anschluss: Die Kunsthalle Bern.
Dort ein tete-a-tete von Picasso, Marc und Dix. Ein Dali, verblüffend klein, quetscht sich zwischen Arp und Monet. Im Untergeschoß eine Ausstellung indischer moderner Kunst. Beruhigende Vielfalt und postmodernes Gebastel. Wie zu erwarten auch der Antiimperialismus auf Abruf: Ein Kopfhörer quäkt auf indisch einen Singsang, der englische Text dazu klagt über den "strange war" im Irak und wie doch alles aus der Gier nach Öl entstand. Agit-prop, und nicht einmal pc.
Alles ist teuer, doch erhält man Äquivalente. Die Steuer zahlt so manchen Wohlstand. Der Tierpark gönnt uns einen kostenlosen Teil mit Flamingos, Pelikanen, Nutrias, Waschbären (wie niedlich doch) und Steinböcken.
Andere Zustände vertrüben das Bild: Der Arzt plackt selbstverständlich seine 50 Stunden-Woche, lange Schlangen an der Fixerstube, Crack wird hier an der Aare geraucht. Einen Tag Parken kostet 15 Franken, immer noch billiger als die Kindertagesstätte.
Zum Abschluss im vertrauten Kreis einen Luis Trenker, frühes Actionkino in Schwarz-Weiß, Intercuts zu Hauf, die brave Hausfrau kriegt den Kuss am Ende, die Französin den Ruhm, den Schurken sperrt man ein, im Langlauf siegt der Held auch noch nach 40 Stunden nachts in Eis und Berg. Zurück im ICE, bequem und billig, Sparpreis, Bahncard, etc. und schon ist man in badischen Weinwüsten und zu Haus, verzehrt noch rasch die Mitbringsel, die italienische Wurst, den Rohmilchkäse und die Schokolade.
3.11.07 14:33


Werbung


Eine halbe Stunde somalische Marginalien der Weltgeschichte

Somalia wurde von der UN fallengelassen. Als im Dezember 2006 Äthiopien genug von einsickernden Islamisten hatte und ein besetztes Somalia einem islamistisch geeinten und Krieg führenden Sharia-Staat vorzog, krähten Friedensforscher und Antiimperialisten gegen die Intervention, beschworen Sodom und Gomorrha herauf und meinten, nun seien die Islamisten aber endgültig provoziert, ein neuer Irak nahe, alles würde viel viel schlimmer, ganz Ostafrika werde in einen Krieg hineingezogen. Was Äthiopien unter dem Sachzwang der Aufrechterhaltung des staatlichen Gewaltmonopols auf eigenem Territorium zum Eingreifen auf fremdem Staatsgebiet bewog, schien vielen eine weitere von langer Hand geplante Aktion der US-imperialistischen Kriegstreiberei.

Die UN hatten indes den einstigen Misserfolg in Somalia nicht verwunden, und darum schmerzte es doppelt, dass eines der ärmsten (und mitnichten demokratischen) Länder der Welt erste Erfolge zeitigte, indem es die islamistischen Guerillas im Handstreich aus dem Land jagte, ohne dass es zu ähnlich beklemmenden Situationen wie 1993 gekommen wäre. Weite Teile der Bevölkerung atmeten auf und Mann kaute wieder das geliebte, von den Islamisten verbotene Kat, während er natürlich auf die äthiopischen Besatzer schimpften, gegen die Somalia bereits mehrere Kriege verloren hat.

Konsequent überließ die UN die von Somalias Übergangsregierung und Äthiopien angeforderten Friedenstruppen der notorisch unterfinanzierten AU, ließ sich zu ein paar halbherzigen Millionen Spende herab, und vergaß tunlichst, dass es Somalia überhaupt je gegeben hatte. Vor einer Ausbreitung des Krieges hatte man zu Recht wenig Angst, Kenia wusste seine Grenzen zu schließen, im Sudan interessiert man sich wenig für Somalia und Eritrea plant ohnehin stets den nächsten Krieg. Was für die Industrienationen das Gebot der Stunde gewesen wäre, nämlich mit der Entsendung von etwa 15 000 gut ausgerüsteten Soldaten endgültig für Ruhe zu sorgen und den Islamisten keine Ruhepause zu gönnen, wurde nonchalant versäumt.

Das Horrorszenario, das manche für Somalia und Ostafrika entwarfen, blieb aus. Jedoch lassen auch ernsthafte Erfolge auf sich warten. Neben dem internationalen Boykott der Friedenstruppen ist eine Ursache dafür in der Clanstruktur Somalias zu suchen. Verwandtschaft zählt mehr als alles andere, die doppelte Befreiung des Lohnarbeiters ist in Afrika weder vollzogen noch in naher Zukunft zu erwarten. Al-Quaida hat das zu nutzen gewusst und gezielt militante Islamisten in die Clans eingeheiratet, die nun verwandtschaftliche Verpflichtungen und Kontakte nutzen - eine Taktik, die im Irak an der Endogamie mancher Stämme scheiterte.

Im relativ ruhigen Norden Somalias streiten derweil die sezessionistischen Regionen Puntland und Somaliland um Territorium: Die Stadt Las Anod wurde von Somaliland annektiert, das Parlament von Puntland stellte nun ein Ultimatum an die Zentralregierung.

Weil selbst die 8000 AU-Soldaten ausbleiben, verstärkte Äthiopien jüngst seine von Sprengfallen und Mörsern geplagten Truppen in Mogadischu, etwa 90000 Menschen flohen angesichts einer erwarteten Offensive. Schlechtbezahlte Soldaten und 'Polizisten' halten sich allenorts an der Bevölkerung schadlos, während auf dem Land Streitigkeiten um Weiden mit der Waffe ausgetragen werden. Die anarchischen Zustände haben Gewalt als legitimes Mittel der Politik etabliert. Dennoch sind Verhandlungen mit übermütigen Clanchefs auch häufig erfolgreich. Nach wie vor ist es nicht unwahrscheinlich, dass Somalia es über die Jahre langsam schafft, mittels Verhandlungen mit den Clanchefs und gewaltsamer Befriedung der islamistischen Guerillas ein Maß an Stabilität erreichen kann, das dringend für einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Konsolidierung nötig wäre. Mit nur der Hälfte der Mittel, die die UN und die EU zur Finanzierung palästinensischer Terroristen aufwenden, ließe sich in Somalia wirklich Dauerhaftes bewegen.

Auf 'Nichtidentisches' wurde bislang Folgendes zu Somalia veröffentlicht:

Freches Eritrea

Somalia hat Chancen

Islamisten fliehen aus Somalia

"The Mog" is free

Äthiopien befreit Somalia

6.11.07 11:19


Die Judas-Meerschweinchen

Seit man dem Deutschen die kirchliche Obrigkeit genommen, den Adel enthauptet und das Judenmorden verboten hat, fühlt er sich leer. Seiner kulturellen Identität beraubt versucht der kulturnationale Deutsche dennoch unverzagt, dem himmelschreienden Elend der Kulturlosigkeit zu trotzen. Beim Pilgern auf dem Jakobsweg verspürt er andächtig spirituelle Weihen, beim Promi-Dinner schreibt er die Rezepte mit und beim allabendlichen Comedy-Kabarett haut er sich auf die Schenkel, dass es klatscht. Weil ja zur Kultur auch Lesen gehört, hat der Deutsche überall Buchläden an Bahnhöfen und Tankstellen. Dort wird alles verkauft, was nicht unter eine Mindestdicke und nicht über ein Höchstniveau steigt. Die Titel werden beim Scrabble-Spielen zusammengemischt, mindestens ein Trigger muss dabeisein: Blut, Gift, Mord, Raub, Sex. Mehr als drei Silben sollte kein Titel haben, das würde zu intellektuell wirken. So liest der Deutsche im Zug zum Pilgerstartpunkt noch rasch einen Wälzer wie "Der Schwarm", "Die Zwerge" oder eben frisch aus dem Schaufenster "Das Judasgift", "Der Judasfluch " oder "Die Kinder des Judas".

Die ersten beiden Bestseller sind aus der Hand des britischen Autoren Scott McBain. In ihnen wurde ein unlesbares Bollwerk von Scheinhandlung um die Silberlinge, mit denen Judas laut neuem Testament für seinen Verrat an Jesus entlohnt wurde, gebaut. Diese Silberlinge sind selbstverständlich verflucht und richten weiter Unheil an, töten den Papst, drohen die katholische Kirche zu stürzen, wenn sie in falsche Hände geraten und so weiter.

"Die Kinder des Judas" von Markus Heitz ist auf dem gleichen Mist gewachsen: Es geht um eine geheime Sekte, die seit dem Mittelalter Wissenschaftler und böse Männer für die Erlangung der Unsterblichkeit engagieren und sich natürlich ganz nebenbei, wen wunderts, an Blut laben. Das will von dritter Seite mit dem folgenden Satz rezensiert sein:

"Die Kinder des Judas halten sich selbst für Auserwählte, sie sind aber nicht weniger verdammt, als diejenigen, über die sie sich selbstgefällig erheben."

Da schwingt die gesamte Tonleiter des christlichen Antisemitismus lauthals mit. Dabei gibt man sich äußerst unschuldig, genutzt wird der geschichtliche Spannungswert des Signifikants und behauptet wird, nichts von dieser Geschichte zu meinen. 2000 Jahre wird nun Judas als Jesusverräter mit den Juden gleichgesetzt, die antisemitischen Gassenhauer von Chrysostomos über die Päpste mit dem Namen Innocens zu Stöcker und Hitler wählten stets die noch gleichen Schlüsselwörter der modernen Romänchen: Gift, Heimtücke, Sex, Geld und Machenschaften. Das zieht sich weiter in die ohnehin erbrechenswert faschistoiden Rollenspiele.
In dem Rollenspiel "Dark Seattle" gibt es die "Judaskinder" als Non -Player-Charaktere:

"Zusätzlich nimmt ihre Besessenheit von Schmerz und Leid die Judaskinder ziemlich mit. Sie sind emotional instabil und dadurch schwankt die Willenskraft eines Judaskinder ausgesprochen stark. Wann immer das Judaskind einen Punkt temporäre Willenskraft ausgibt (um einen automatischen Erfolg zu erzielen, um in Raserei eine Runde kontrolliert zu handeln, um eine Disziplin zu aktivieren) verliert es automatisch einen weiteren Punkt temporäre Willenskraft. Hat das Judaskind nur noch einen Punkt temporäre Willenskraft und gibt diesen aus, erleidet es automatisch eine Stufe schwer heilbaren Schaden."

Auch bei Monstersgame gibt es das Judaskind:

"In Südosteuropa gelten rothaarige Vampire als Abkömmlinge des möglicherweise rothaarigen Judas Ischariot.
Das herausragendste Merkmal der Judaskinder ist, das sie Ihre Opfer meist mit einem einzigem Biss oder auch Kuß töten können. Wenn sie gebissen haben, hinterlassen sie nicht den üblichen Vampirbissabdruck, sondern die Wunde sieht aus wie 3 Kreuze. Das gilt als Symbol für die 30 Silberlinge ( den Judaslohn! ) das Judas bekommen hatte nachdem er Christus verriet!"

Selbstverständlich ist das der einzige Charakter des Spiels, der in der Beschreibung ein Ausrufungszeichen erhält, der Text wird herumkopiert und findet sich identisch auf zahlreichen anderen Foren.

Ob Judas nun rote Haare hatte oder nicht, ob er sich von den 30 Tacken eigentlich einen Bausparvertrag oder ein Zitroneneis kaufen wollte, interessiert niemanden. Was reizt, ist die mitschwingende Gefühlsebene. Der große Verrat ist der notwendige Antipode zum narzisstischen allumfassenden Gutsein des ewigen Jesuskindleins. Wohl wissend, dass Judas nur irgend wo ein Freak gewesen ist, kauft sich der Deutsche die in absurd schlechter literarischer Qualität gehaltenen Schinken und ergraust sich wohlig am Wähnen vom möglicherweise enthaltenen Fünkchen der Wahrheit, das ihm in allem Schmarrn wahrzunehmen beigebracht wurde. Wohl wissend, dass im Ernstfall auch der Skandal sich gut verkauft, liebäugeln die Autoren noch mit Antisemiten als breite Käuferschicht. Ein solches zynisches Unterfangen ist leicht gewagt und daher sei hier einmal citius, altius, fortius auf den fahrenden Zug aufgesprungen:

Die Judas-Meerschweinchen (Abstract)

Vor uralter Zeit (also wirklich lange her) lebte Judas Ischariot. Bevor er seiner eigentlichen Berufung folgte, züchtete er Meerschweinchen. Als er den hübschen Jesus traf, verkaufte er sie, und folgte dem Guru. Später reute ihn seine Tat, er verkaufte den Sektenführer an irgendwelche Römer, um von dem Geld die viel netteren Meerschweinchen auszulösen. Diese aber hatten längst einen Geheimbund gegründet und planten die Weltherrschaft an sich zu reißen. Dazu wollten sie ein unsterbliches Supermeerschweinchen erfinden, das künftig den Lauf der Geschichte zu ihren Gunsten verändern sollte. Judas starb tragisch, wie alle Figuren eines Romans, mit denen der Leser sich garantiert nicht identifizieren soll. Als er am Baume baumelte, tropfte sein verfluchtes Blut auf ein just in diesem Moment kopulierendes Meerschweinchen, das fortan ebenfalls verflucht war. Und seine Nachkommen natürlich ebenfalls. So kam es, dass der Lauf der Geschichte fortan von den Judas-Meerschweinchen bestimmt wurde: blutgierige, verfluchte Wesen, mit dem unstillbaren Durst nach Macht und Geld. Und wenn niemand an ernsthaften Komplikationen gestorben ist, leben alle Protagonisten noch heute in einem unentdeckten Atoll, auf dem ein verrückter Wissenschaftler Dinosaurier aus dem Blut einer Mücke klonen will, aber das ist eine andere Geschichte.

8.11.07 15:37


Horst-Eberhard Richter zwischen Mord und Krieg

"Wir sagen und Ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen" (Theodor W. Adorno, Minima Moralia)

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die mein Deutschlehrer mir einst zu vermitteln wusste, war die, dass das Wörtchen "man" für Nazis eine fundamentale Bedeutung für die Selbstentschuldigung hatte. Wer "man" sagt, ist der Rationalisierung verdächtig.

Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker, liefert dafür ein herausragendes Beispiel in dem Interview "Plötzlich wird das Morden zur sozialen Tat" in der taz vom 26.10.2007.

Zunächst wird Richter gefragt, wie er als Wehrmachtssoldat "den Tod erlebt" hat. Es folgt die Schilderung eines traumatischen Erlebnisses, der Fund einer deutschen, blonden Leiche mit zerschossenem Gesicht. "Das war am ersten Tag unseres großen Angriffs. Das Bild bin ich nie mehr losgeworden."

Darauf wird er gefragt: "Haben sie getötet?" und er antwortet: "Ja, natürlich."

Wo die Natur berufen wird, soll es kein anderes geben, die individuelle Schuld wird aufgelöst in einem naturhaften Allgemeinen, dem man sich natürlich untergeordnet habe. Das immerhin weiß das Journalistenteam und hakt nach; "Natürlich"? Richter weicht aus, indem er die Frage nach der Rationalisierung falsch versteht und als Frage nach dem Töten umdeutet. Er antwortet: "Ich war bei der Artillerie. Als Richtkanonier. Die Haubitze war eine LFH-18 mit Schubkurbelflachkeilverschluss und Rohrrücklauf-Fahrbremse. "

Das Flüchten ins technische Detail ist ebenfalls bekannt als Technik des Umgehens wirklich relevanter Fragen. Interessant ist, dass Richter nun in diesem Block von der Ich-Position auf die Wir-Position schwenkt, um sich wenig später im "man" niederzulassen:

" (Forts.) Das weiß ich noch ganz genau. Ich bekam Kommandos, wie ich das Kanonenrohr einstellen sollte. Mit welcher Entfernung. In welchem Winkel. Das war meine Aufgabe. Mit dem Ding schossen wir (!) fünf, sechs, bis zu zehn Kilometer weit. Erst später, beim Nachrücken auf dem Vormarsch mit unseren Geschützen, haben wir gesehen, was wir angerichtet haben."

Das Betonen des "Kommandos" hat ebenfalls den Zweck, Unschuld zu betonen, die kleine Rolle, die der Nazi stets einnahm, auch wenn er wie Richter immerhin anerkennt, dass das auch "Töten" war. Das "genau wissen" und die mechanische Beschreibung führt jedoch auffällig über das hinweg, was Richter am eigenen Gefühlsleben verschweigt und was wirklich von Interesse wäre: Was hat den jugendlichen Richter damals vom Krieg emotional berührt, in welcher Art und Weise, und wo liegen die aggressiven, lustvollen Anteile? Aufklärung des Individuums darüber gäbe nicht Rückschlüsse auf das Individuum, sondern von da ausgehend die dringend benötigte Aufklärung über das Allgemeine.

"Was haben Sie gesehen" wird er gefragt, und er antwortet: "Tote russische Soldaten. Tote Frauen. Tote Kinder." "Das sieht man dann - und schießt weiter?" "Es gibt nur wenige Momente, wo man so etwas wie Scham hat."

Interessant ist hier, dass das "man" von Seiten des Journalisten eingeführt wird, was vergleichbar ist mit den Reaktionen der 2. Generation, die ihre Eltern vorauseilend vor Vorwürfen in Schutz nahm, weil sie die Ambivalenz, von Mördern liebevoll aufgezogen worden zu sein. nicht ertragen konnten. Im Interview schwenkt Richter wieder zurück auf die individuelle Position, um dann endgültig im "man" zu landen:

"Dann haben sie das ausgehalten?" "Man kühlt ab. Als ob irgendetwas in einem erfrieren würde. Stellen Sie sich vor, man kann dann in einer Gefechtspause ruhig essen, auch wenn da um einen herum Tote liegen. Man hat Appetit, kann jederzeit pennen. In meiner Sicht findet da eine Verrohung statt, die Abscheu und Mitleid reduziert. Es ist eine Reduzierung des Sensoriums und die Abtötung der Sensibilität. Man bewegt sich so automatisch - wie ein Roboter."

Die anthropologisierende Absicht der Allgemeinposition "man" wird verstärkt durch den auffälligen Wechsel vom Präteritum ins Präsens. Ebenfalls interessant ist die Phrase des "Stellen sie sich vor", eine Aufforderung zur Mittäterschaft in der Empathie. Wieder ein Wechsel in die Ich-Position, als es darum geht, dass Richter in den Pausen auch mal was für die Bildung tat. Die Flucht ins "man" ist jedoch sofort wieder da, als er gefragt wird:

"Heißt das, dass sie überhaupt keine Todesangst hatten?"
"So eine tiefe Angst hat man gar nicht. Man hat gar nicht die Zeit dazu. Man ist so funktional eingestellt, dass man in jeder Sekunde überlegt: Was muss ich tun? Es gibt da nur Kommandos und Feuer und fertig. Man bewegt sich so, als wäre es Routine. Egal ob neben einem Leute tot da liegen, sterben oder jammern. Eine hektische Pragmatik."

Das Betonen "und fertig" verweist nur zu eindeutig darauf, dass da im jugendlichen Richter sehr viel mehr ablief, als nur das Kommando, und das zu erwähnen für einen Psychoanalytiker eine Selbstverständlichkeit wäre: Die lustvolle Unterwerfung unter den Befehl, die Aggressionen gegen die toten Kameraden, der Ekel vor den Leichen, das Abgespaltene im Normalisierten, dessen Betonung immer auf den Zwang verweist, der zu seiner Herstellung notwendig war. Richter merkt das, will aber weiter auf dem "man" beharren.

"Keinerlei Hemmungen?" "Sie meinen Tötungshemmungen?" "Ja." "Nein. Das ist fast wie in diesem Charly-Chaplin-Film." "Wie in Modern Times?" "Genau. Als Soldat wird man wirklich zum reinen Werkzeug. Es ist schwierig, dieses mechanische Leben zu beschreiben. Wir in der Psychoanalyse nennen das Regression. Die Niveausenkung des psychischen Apparats. Die Ausschaltung des Gewissens, um das innere Gleichgewicht zu bewahren. Man wird auf Stand-by reduziert."

Die Differenz zwischen dem der Auflklärung dienlichen Subjektbericht:"Ich habe damals wie viele andere regrediert und mein Niveau gesenkt." und dem Gesagten ist offensichtlich. "Wir in der Psychoanalyse" ist zudem eine ziemlich perfide Abspaltung des eigenen Anteils am soldatischen mechanischen Leben. Wir hier - die Soldaten damals. Das Gespräch über Modern Times, in dem es um Fabrikarbeit geht und eben nicht um Soldatentum, versucht auf die Ebene des zivilen überzuleiten. Dass Richter in dieser Zeit keine Hemmungen hatte, besagt eben noch nichts über das Wesen des Soldaten an sich, sondern über das des nationalsozialistischen Soldaten. Dass diese mit offensichtlichen und unerhörten Mitteln dazu angehalten wurden, Tabus zu überschreiten und dass ihnen ebenso Befehle so vage und kryptisch erteilt wurden, dass sie selbst diese bis zum negativen Extrem auslegen konnten, dass in ihnen deutsche Ideologie wirkte, was sie von den russischen und alliierten Soldaten zumindest häufig unterschied, bleibt ungesagt, weil daraus Schuld und der Ruf nach einem verantwortlichen Subjekt generiert werden könnte. Diesen Unterschied zu verwischen, Schuld im Allgemeinen aufzuheben, tritt das Interview an, und es wird bruchlos übergeleitet zum Status quo:

"Und heute? Wo wieder deutsche Soldaten im Kampfeinsatz sind?" "Heute ist das anders. Heute wird das Sterben und Töten zum Schützen und Helfen." "Wie meinen sie das?" "Der Jung hat eine Sprachtechnik, die dem Soldaten pausenlos in den Kopf hämmert: Du bist ja nur dazu da, um zu schützen. Du bist ja nur dazu da, um die anderen nicht im Regen stehen zu lassen. Der Kohl konnte das auch. Es wäre gemein, wenn wir Deutschen jetzt nicht den anderen Soldaten helfen würden." "Eine Art sprachliche Umwidmung?" "Der Verteidigungsminister kann das fabelhaft. Es gibt eine karitative, moralisierende Logik, in der das Töten und das Schießen und das Morden umgekehrt werden zu einer guten, sozialen Tat." "In Afghanistan." "Genau. Das hat der Jung jetzt wieder gesagt: Auch wenn wir jetzt nicht im Süden Afghanistans kämpfen, werden wir den Amerikanern - und wer da noch alles in Not ist - beistehen, helfen, und sie nicht alleine lassen. Also für mich ist das ganz fantastisch. Diese caritativ-therapeutische Sprachwelt, die da auftaucht, nur um das Gegenteil von dem zu suggerieren, was wirklich passiert. Alles dient nur dazu, das Böse abzuwenden."

Es wäre müßig, daran zu erinnern, dass der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug unter dem Vorzeichen des Schutzes vor dem imaginierten jüdischen Bolschewismus stand, denn dann hätte man sich schon auf Richters unerhörte Gleichsetzung eingelassen. Die Rede von der "moralisierenden Logik" streicht Moral und Logik gleichermaßen durch, verbietet sich einen objektiven Standpunkt, von dem aus sehr wohl ein "Böses" ausgemacht werden kann. Dass Soldaten stets ähnlich gedrillt wurden und werden und im Ernstfall auch mechanisch funktionieren müssen (es aber nicht tun), heißt noch lange nicht, dass der aliierte Feldzug gegen Saddams Baath und afghanische Taliban deren Projekt gleichsieht. Das will Richter aber nicht wahrhaben, denn sein Anliegen ist es, individuelle Schuld in einer Übertragung als allgemeine Naivität darzustellen, die auszubeuten wahre Schuld erst produziert. Ein mündiges Subjekt ist in diesem reaktionären Konzept nicht zu finden. Die Journalisten folgen dem:

"Defensiv ist doch auch der Satz "Deutsche Interessen werden am Hindukusch verteidigt." Warum sagt man denn nicht die Wahrheit - und zwar: Soldaten töten und sterben doch auch in Afghanistan."

Diese Frage entkräftet mit dem billigen Skandalisieren des gemeinhin bekannten Faktums, dass Krieg mit Leid und Tod verbunden ist, die daran wenigstens zu stellende Minimalforderung der Vernunft: Dass dieses Leid und Tod einer Demokratie nur dann erlaubt werden kann, wenn wirklich schlimmeres Leid und Tod verhindert werden kann. Verallgemeinernde Rationalisierung geht denn Richter auch vor Differenzierung, denn in der Antwort läuft er zu Höchstform auf:

"Ja. Aber dieser Gedanke strengt zu sehr an. Sehen sie mal: Der Bush. Der hat den Irak angegriffen, um die Welt zu beschützen. Jetzt hat er gesagt: Wenn man im Iran nicht für Ordnung sorgt, dann wird der Iran die ganze Welt bedrohen. Er malt einen nuklearen Holocaust an die Wand. Die gesamte kulturelle Mentalität bei uns, represäntiert durch Bush oder durch Jung oder durch Schäuble, ist eingestellt auf eine gespaltene Welt. Und wenn man sich den ersten Kreuzzug mal anschaut, dann war das schon damals ganz genauso. Papst Urban der II hat im Jahre 1095 in Clermont eine Rede gehalten mit der Botschaft: Entweder ihr seid auf unserer Seite, der Seite Gottes, oder ihr seid auf der Seite der gottlosen Schurken und Muslime. Kommt ihnen das nicht bekannt vor?" "George W. Bush hat das in leicht abgewandelter Form nach den Anschlägen vom 11. September gesagt." "Ja." "Das ist Carl Schmitt in Reinform." "Ja." "Ds Freund-Feind-Schema." "Ja." "Und wir hier im Westen sind natürlich die Guten." "Genau. Das geht ziemlich tief rein. Das manichäische Weltbild kann man sich so erklären, das ist nun auch ein bisschen meine Forschung, dass uralte, archaische Instinkte oder Anlagen zum Vorschein kommen. Es ist nicht nur die Bereitschaft, sich diese einfache Welterklärung gefallen und auch befehlen zu lassen. Sondern rattenfängerartig wird eine Hörigkeit ausgelöst, die dann massenpsychologisch dazu führt, dass es geradezu als Erlösung empfunden wird, vom eigenen Gewissen befreit zu sein. Ein absolutes Feindbild ist nötig, um mit sich im Reinen zu bleiben."

Es wäre ein leichtes, Richter ad absurdum zu führen, ihm sein eigenes Feindbild offen zu legen, das ihn vom eigenen Gewissen befreit. Er erleichtert das:

"Wer ist der Rattenfänger?" "Na Bush. [...]"

Im Gerede von archaischen manichäischen Instinkten geht natürlich eines komplett unter: Was Richter immerhin dazu bewegt hat, 1944 zu desertieren und vor den Kameraden in eine Alpenhütte zu fliehen. Das individuelle und besondere des Nationalsozialismus wird in einer Allgemeinheit aufgelöst, die man nur relativierend nennen kann. Hier streicht sich jede Kritik durch angesichts des psychoökonomischen Interesses nach Rationalisierung durch Irrationalisierung. Hitlers Nazis sind demnach auch nur kleine Fische zwischen Papst Urban und George W. Bush. In die Relativierung mischt sich Verkehrung: Bush mahle einen "nuklearen Holocaust an die Wand." Solange der Feind bestimmt ist, muss man auch nicht mehr über real drohende Gefahren aus dem Iran reden, die Bush, der Atheist verbietet sich das "Gott sei dank", als einer der wenigen noch zu benennen weiß. Richter muss dagegen schweigen von Taliban oder realen Gefahren des nuklear bewaffneten Islamismus. An anderer Stelle schreibt er:

"Der Westen panzert sich mit immer neuen Sicherheits- und Überwachungsgesetzen. Gleichzeitig weidet er sich an der im Schutz der Pressefreiheit entfachten islamischen Wut über den vielfachen Nachdruck der Bilder, die Mohammed als Terroristen karikieren. "Wir kommen in die Hölle, wenn wir dagegen nichts tun!", soll einer der beiden libanesischen Kofferbomben-Attentäter von Köln zu seinem Mittäter gesagt haben - laut NDR-Magazin Panorama, das den einen Täter in Beirut interviewen konnte. Also hatte die westliche Provokation funktioniert, aber mit welchem schrecklichen Risiko!"

Das macht Richter gerade so unglaubwürdig, dass er im Westen Mechanismen zu erkennen glaubt, die er an anderen Phänomenen, wo sie wirklich ihre gesamte Gewalt entfalten, leugnet und dem Primat des westlichen Auslösers unterordnet. Wie Richter seinerzeit nur Objekt von Rattenfängern war, sollen die Islamisten von heute, und unter diesen selbst die offenen Terroristen, nur Objekte der Provokation des Westens bleiben. Diese Verkehrung macht ihn nicht nur unglaubwürdig, sondern verlogen, reaktionär und letztlich zum Flakhelfer des Islamofaschismus.

9.11.07 11:34


'Die offene Wunde - Antisemitismus als Schicksal?' von Manfred Lahnstein - Rezension

Den marktgerecht für Halbgebildete entworfenen Einführungen zum Antisemitismus droht das Scheitern an der Dichte des Themas oder an der Naivetät des Autors. Nachdem mit Peter Waldbauers "Lexikon der antisemitischen Klischees" ein Tiefpunkt erreicht war, erwartete ich von einer Einführung für schlappe 8,95 ein ähnliches Niveau. Manfred Lahnsteins "Die offene Wunde - Antisemitismus als Schicksal?" enttäuschte diese Erwartung positiv. Der ehemalige Chef des Bundeskanzleramtes und Finanzminister pflegt ein an Broder und Adorno anknüpfendes Wissen über den Antisemitismus: Er richtet sich nicht an prospektive Neonazis, sondern benennt deutsche Mehrheiten und skandalisiert ohne anästhesistische Rücksicht auf Stirnrunzeln bei der vorgefärbten Leserschaft. Erfreulich ist, dass Lahnstein eine Position in schwierigen Fragen bezieht, die meinen Bedenken an gewissen simplifizierenden Diskursen in der Antisemitismusforschung gleichsieht:

1. Er trennt nicht in Antijudaismus und Antisemitismus. Das begründet er mit Zitaten, die spätestens ab 300 den Vernichtungswunsch als Triebkraft hinter den scheinhaften Bekehrungsaufforderungen hervorhebt.

2. Er widerspricht der Lehre vom Zeitgeist mit dem Hinweis auf philosemitische Herrscher inmitten finsterstem Antisemitismus der katholischen Kirche.

3. Er bezieht die Psychoanalyse in die Erklärung des Psychologie des Antisemitismus zwar fragmentarisch, aber positiv ein.

4. Islamismus und Antizionismus werden nicht ausgespart, sondern ausgiebig und konsequent bearbeitet.

5. Er führt durch ein historisches Sittenportrait die sukzessive Ausgestaltung des antisemitischen Klischees auf ihren jeweiligen ökonomisch-kulturellen Grund zurück.

Im letzten Punkt wäre eine Kritik anzusetzen: Gelegentlich gleitet Lahnstein in die Rationalisierung ab, die er andernorts kritisiert:

"Wen wundert es daher, wenn der Mann auf der Straße den Schutz der Juden mit dem Schutz des Judens gleichsetzte? Die Bauern und die kleinen Handwerker kamen in Bedrängnis. Wie sollte man zum Beispiel angesichts der häufigen Missernten die hohen Zinsen zahlen oder gar den Kredit tilgen? So saßen die Juden zwischen Baum und Borke. Hinzu kam die Wut über höhere Steuern - ein explosives Gemisch. Und wenn man schon an diesen Steuern nicht vorbeikam, so wollte man wenigstens die Juden vertreiben, ausplündern und falls notwendig auch umbringen - eine radikale Form, sich dem Schuldendienst zu entziehen."

Hier schießt Lahnsteins Wunsch, historische Komplexität materialistisch nachvollziehbar zu machen, ins Kraut. Nicht nur die leider auch ansonsten häufige Gesamtbezeichnung "Die Juden", die er ärgerlicherweise pflegt, oder der eher prosaische Stil - ins Gegenteil der Kritik verkehrt sich das Ansinnen der Erwähnung ökonomischer Gründe, wenn das "umbringen" als "nötigenfalls" am Ende einer rational durchdachten Kette steht, wo viel öfter über die berserkerhafte Wut des Pogroms zu sprechen wäre, NACH denen die von primärer Mordlust geleitete Masse in der Asche der Ghettos nach Gold wühlte. Im Falle des Nationalsozialismus trennt Lahnstein besser, er benennt dort ähnlich Gerhard Scheit in "Die Meister der Krise" die fatale Verschuldungspolitik der Nazis, die den Vernichtungskrieg bedingte, lässt sich jedoch nicht über den Primat der Vernichtunsabsicht täuschen, die eine solche ruinöse Politik erst zeitigte.

Ein Mangel an stilistischer Professionalität ist die größte Schwäche von Lahnsteins Buch:

Der Text ist von Ausrufungszeichen - Marksteine sowohl der Empörung wie des zu kurz gekommenen Begriffs - durchsetzt.
Wissenschaftliche Literaturangaben bei Zitaten, wie man sie von einem Professor immerhin erwarten könnte, fehlen, die Zitierungsweise ist an Stellen ohnehin nachlässig.
Eine zerstreute Gliederung erschwert insbesondere gegen Ende des Buches die Lektüre. Kürzeste Minikapitel fallen substanzlos aus dem Rahmen, andere Topoi werden mehrfach oder völlig fragmentarisch eingeführt. Häufig macht sich die These durch Verkürzung und apodiktische Einfachbelege ohne Not angreifbar.

Insgesamt ist Lahnsteins Einführungsband eine der günstigsten Einführungen in den Antisemitismus mit einem guten historischen Überblick, der einige in anderen Werken vernachlässigte Episoden insbesondere des christlichen Antisemitismus zugänglich macht und dort bisweilen auch gegen einige verbreitete Irrtümer in der Antisemitismusforschung Stellung bezieht. Damit wird er dem Anspruch einer allgemein verständlichen und inhaltlich anspruchsvollen Einführung mehr als gerecht. Für den ernsthaft mit dem Thema befassten Wissenschaftler bietet der Band dagegen wenig Erkenntnisgewinn, wenn man von einigen zusammengetragenen aktuellen antisemitischen Zitaten etwa von Ralph Nader, dem grünen US-amerikanischen Präsidentschafts-Kandidaten absieht.
In jedem Fall ist es gut zu wissen, dass auch eine Person mit einer solchen konsequenten Kritik am Antisemitismus einen gewissen Einfluss auf die Politik der BRD hatte. So sehr Lahnstein eine Absage an die antisemitische Mehrheitsgesellschaft leistet, die jeder Parteipolitik widersprechen muss, so konsequent skandalisiert er das Appeasement gegenüber Neonazis, islamophilem Kulturalismus und der iranischen Bombe.

13.11.07 11:18


Allzutägliches über Paranoia, Zwang und Unwiederbringliches

"Ev'rytime my mother kills a rabbit i feel like the rabbit."
(Roberto Benigni, 'Down by Law')
 
Protoplasma
 
Empathie gebiert sich oft aus Zwang: Das Einfühlen ins Andere trägt das Siegel der Anpassung aus Not heraus. Das Zurückgeben der Emotion an die Säuglinge und Kleinkinder durchs Grimassieren ist nicht ihr Garant: nur bloßes Spiegeln deren eigener Gefühlslage, das den Spott nicht verbergen kann - zu rasch wird das Veräffen entlarvt.
Unterm Diktat des Elternhauses sensibilisiert sich das Kind im Vorausahnen der elterlichen Gewalt. Es lernt die einmal verinnerlichten Wut und Strafe zu antizipieren, fühlt sich ins Feindliche ein, um gefällig zu werden und Konflikte zu vermeiden. Härtester Zwang zerbricht diese Fähigkeit: Wo das Kind lernt, dass es kein Rationales, keine verbindliche Ursache in seinem Verhalten für die Strafe gibt, wird Emapthie wertlos und die kalte Empathielosigkeit des Psychopathen macht sich breit. Paranoia ist die Vorstufe des Umschlags: Der sich der Telepathie bereits mächtig Wähnende schöpft aus seiner Angst die Fähigkeit der Empathie, die Einfühlung ins ihn feindlich umgebende Übermächtige ermöglicht ihm die permanente Selbstverfolgung, wo Vertrauen abgetötet wurde. Wehe, wenn ein Objekt sich nähert, das dem sich Verfolgenden zur Abfuhr dienen könnte.
 
Reprise
 
Was Adorno als Vergangenes meint, ist es immer schon gewesen. Das Festhalten und Idealisieren der bürgerlichen Epoche als versäumte Möglichkeit der Revolution wie des unverfälschten ideologieschwangeren Individuums, als Hort der Kunst und der Fensterläden, des leisen Türenzumachens wie der Pantoffeln, des in Betten schlafens wie der Mutterliebe, ist die gute alte Zeit des Individuums in Kindheit und Wohlbehagen. Es sei nach Adorno nicht zu unterschätzen, was es in Individuen auslöse, dass es keine Fensterläden "mehr" gebe. Die Überschätzung des Materiellen löst Besonderes im Allgemeinen auf. So kümmert es mich wenig, was ein Individuum für Fenster hat, wenn doch von entscheidender Bedeutung ist, ob der dahinter dem Nazismus fröhnt oder dessen prospektives Opfer ist. So groß kann die Wirkung kleiner Dinge dann nicht sein, wenn sie am falschen Ganzen keinen Einfluss zeigen. Die Trauer übers Materielle gründet in Melancholie über verlorene Kindheit, die am Fensterladen gern sich ein Symbol erschuf.
 
Libertinage
 
Das Dafürhalten des Intellektuellen ersetzt nicht das Dagegenhalten. Um so mehr ist Adorno zuzustimmen, wo er aufs leise Merkmal des bürgerlichen Gehens dringt: Man braucht tatsächlich nur die auf der Straße rennenden Individuen sich anzusehen, die den Bus zum Orte der Entäußerung ihrer Zeit durch Arbeit nicht verpassen wollen. Masochistisch nehmen sie das Hecheln der Strafe vorlieb, die ihnen als Paranoia droht, wenn sie müßig auf dem Bahnsteig stehen sollen. Und auch Freud hat recht: Die These von der Musik als Medium des Paranoikers bestätigt der Ungeist, mit Kopfhörern sich gegen die Umwelt und am Ende selber taub zu machen. Wo der Presslufthammer des Systemzwangs auf die Seele donnert, braucht man starke Ohrenschützer. Rund um die Uhr besäuselt Musik, die vormals in gewissen Stunden Peinlichkeit erträglich machen und die Distanz zum Akt verringern sollte. Wo Adorno prophetisch die Raserei im Auto als Abfuhr des permanent Verfolgten aufzeigt, spriesen heute Formel-1 und Geschwindigkeitsrausch - exaltierte Angstlust-Mutation des kindlichen Fangespiels. Der Film empfindet das vor und nach. Kein Nervenkitzel ohne Verfolgungsjagd. Die Bücherkataloge sind voller denn je von düsteren Geheimlogen, bösen Mächten, Morden und Komplotten. Diesem Prinzip wird jede Qualität geopfert: Bachs Fugen ließen noch in der Verfolgung Raffinesse erkennen. Schundliteratur an Bahnhofsläden vergräbt dagegen jede Hoffnung wenigstens auf Langeweile, schlimmer schürt sie als Symptom die Angst bei jenen, denen als real Verfolgte der üble Witz vom Paranoiden, der heute wisse, dass er verfolgt werde, Gewalt antut.
 
Ad aspera
 
Zu misstrauen ist dem Statement, dass angesichts des Schlechteren das Eigne plötzlich besser schiene. Zu rasch schafft sich der Leidende dann Abfuhr in der Destruktion und im Ergötzen am Schlimmeren. Daher droht, wo Elend herrscht, oft noch das Schlimmste von den Elenden. Masochismus ist die introvertierte Form dessen: Solange eigenes Leiden durch den tiefen Schmerz verborgen werden kann, bereitet dann selbst dieser Lust.

15.11.07 18:39


Dämonische Dialoge - proamerikanischer Antisemitismus

Sobhi Ghandour ist Direktor eines "Arab-American Centre for Dialogue in Washington ". In der "Gulfnews" veröffentlicht so einer unter dem Zeichen des allenorts gepriesenen Dialogs satte Propaganda und andere globale Portale wie die "worldnews" und "Africa Daily" verlinken es. Ghandour beginnt wie alle Antisemiten mit Geschichtsfälschung.

"Israel realised when it signed peace treaties with Egypt, Jordan and the Palestinian National Authority that it would be difficult for these governments to go to war again.

The late Egyptian president Anwar Sadat said that the war in 1973 was "the last of the wars with Israel". Yet, this applied only to the Arab governments and not to Israel. These treaties did not stop Israel from continuously waging wars against Lebanon, Syria, Palestine and the rest of the Arab world. Naturally, these wars resulted in the formation of popular movements to resist Israel's occupation and its brutality."

Jenseits historischer Belege verlagert dieser wahrscheinlich noch staatlich finanzierte Propagandist die Kriegsschuld auf die Seite Israels. Überdies kann er in dieser Volte die Kriegsschuld der arabischen Staaten an den vorhergehenden prospektiven Vernichtungskriegen gegen Israel in deren scheinbar geläuterten Friedenswillen aufgehen lassen. Das perfide "and the rest of the arab world" will schon diese erneut dazu aufrufen, den Friedensschluss zu verwerfen und erneut das als Volksfeind identifizierte Israel anzugreifen. In der Steigerung dessen betet man dem Publikum seine unartikulierten Ressentiments als selektierte und scheinbar geprüfte Fakten vorbetet.

"Israel's three objectives were: (1) branding Islam as the new "enemy" of the west (2) convincing westerners that Israel had a significant security role to play to protect western interests (3) equating resistance with terror.

The terrorist attacks on September 11, 2001, provided an opportunity for Israel to try to achieve its goals. One of the main obstacles Israel was facing prior to 9/11 was the refusal of the US to brand certain countries and organisations as terrorists or supporters of terror. But now, that problem is solved."

Welche Staaten konkret von Israel auf die Terrorliste gehoben werden sollten, darf im Dialog der Kulturen verschwiegen werden. Etwa Saudi-Arabien? Der Iran? Ohne weitere, für eine der Legitimität sich annähernde Diskussion etwa relevante Topoi zu eröffnen, wird im kryptischen Andeuten die Reihe zum Massenmord geschlossen. Darin sieht Ghandour seinen Vorläufern gleich, es ist die übliche Propaganda, deren Spezifität in einer an Mearsheimer/Walt angelehnten Parteinahme für die USA und gegen Israel besteht:

"Israel has tried to convince Americans and the west that Palestinian and Lebanese resistance is terrorism and similar to what happened on 9/11, and that, therefore, its fight against the Palestinians and Lebanon is similar to America's fight against the Taliban and Al Qaida. The US should feel insulted and should reject such a ludicrous claim.

Such a false comparison would suggest that the US was a colonising power that would want to bring settlers to Afghanistan; similar to what Israel is doing in the West Bank and Gaza. It would suggest that the US would occupy Afghanistan and Iraq for 40 years; similar to what Israel has been doing.

Before the war on Iraq, the US-Israeli "marriage" was at the core of the problem that had tarnished the image of the US in the Arab and Muslim world."

Das Abgrenzen von Al-Quaida eröffnet den Minimalkonsens, von dem ausgehend man um so ärger wüten kann. Die angestrebte Allianz zwischen einer antisemitischen US-amerikanischen Klientel und den arabischen Nationalisten besitzt offenbar eine nicht unrelevante Attraktivität. Diese Wendung des herkömmlichen antiamerikanischen Antisemitismus, wie sie wohl in den USA auch eine bedingte Besonderheit darstellen dürfte, wächst sich zu einer nicht zu unterschätzenden Bedrohung aus. Die 'Nation of Islam' und die antisemitischen KKK-Nachfolger der 'Aryan Nations' werden nicht die einzigen sein, die solche willkommene Feindbestimmung im leicht kündbaren Solidarvertrag mit Israel einer diffizilen Analyse und der Perspektive auf 40 Jahre Krieg gegen den Terror vorziehen.

19.11.07 13:24


'Nervt eure Alte auch?' - Misogyner Mediamarkt

"Nervt eure Alte auch"? titelt derzeit ein Media-Markt-Plakat. Dem Betrachter wölbt sich eine in pathischer Wut verkniffene Mannsvisage entgegen, den Hintergrund schmückt ein Frauenkörper in den Vierzigern, dem das Bemühen ums Stereotyp des Heimchens anzusehen ist.

Die sexistische Wut, wie sie unselbstständige Männer hegen, die etwa die Autonomie eines ungewickelten Babys besitzen, soll eine bestimmte Käuferschicht inspirieren, die in den aufs gefährlichste zusammengekniffenen Augen die eigene Mordlust wiederfinden wollen und zugleich an die Anstrengung erinnert sind, die ihre künstliche Wut als Zeichen der Verdrängung sie kostet.

Die metonymische Verdopplung der "Alten" als Frau und als Ware spricht auf der verdrängten Ebene die heimlich erwünschte Fungibilität an: Die Frau umtauschen möchte, wer als Ersatzhandlung in den Laden stürmt um ein minderwertiges Ladegerät oder eine Taschenlampe zu erstehen. Dementsprechend pflanzt der Wunsch sich als Angstlust nachgerade fort: Einmal angesprochen reihen sich ihm alle Frauen als Waren, verfügbar und bestets penetrierend zugleich ein. Der Hass auf den Verlust der vergegenständlichten Arbeitskraft im Warentausch wird kanalisiert auf das dieses die verfügbare wie unverfügbare Ware repräsentierende Objekt, die Frau. Die verdrängte Homosexualität birst in der Zornesfalte hervor, mit der das Plakatmodell den männlichen Betrachter sich gleichzumachen versucht: Die Verschwörung der Männer als kaufende Bruderschaft, in der die Homosexualität gleichsam in Misogynie aufgehoben wird.

23.11.07 16:46


Robert Walser: Ein Kuss der Prosa

"Einmal war ein Talent, das tagelang im Zimmer saß, zum Fenster hinausblickte und den Faulenzer spielte. Das Talent wusste, dass es ein Talent war, und dieses dumme, unnütze Wissen gab ihm den ganzen Tag zu denken." (Robert Walser, Poetenleben, "Das Talent".)
 
Ich erstand im Ausverkauf ein Bändchen eines mir nur von Empfehlungen eines bekannten Freundes geläufigen Schriftstellers. "Poetenleben" prunkte der Titel, darunter das Konterfei des Autors Robert Walser.
Der Beschluss, mir selbiges Produkt gänzlich abgebrüht in kalter Professionalität zu Gemüte zu führen, war schnell gefasst, doch wer spielte nicht mit? Der aus den Zeilen springende Herr Walser. Nach drei Seiten schöpfte ich Interesse, nach 5 ergriff mich Verzückung und wie man ahnt war ich nach 10 voll und ganz dem Spiel verfallen. Da regten sich Seufzer in empathischem Einvernehmen, kichernde Erlösung ob der ironisierten Betulichkeit, beklemmtes Aufmerken, wo die Handlung in eine eilends vom Autor aufgestellte Falle stürzte und zum Spaß nicht wieder herauszukommen drohte.
Aus diesem und in dieses Gefängnis aus Andeutungen und Tropen darf nur entfliehen, wer sich wie ein Schornsteinfeger mit dem Rücken zur Wahrheit und den Füßen am Wunsch gestützt durch die Geschichten klettert.
Individualismus glitzert in romantischen Wendungen, Romantik wird in aufgeklärter Selbstironie verlacht wie der Stil in seiner vollendeten Missachtung.
"Leute, die unter Leuten keinen Erfolg haben, haben unter Leuten nichts zu suchen." In dieser Negativität zeichnet Walser die Gesellschaft kafkaesk, ohne je wie Kafka Unheimliches zu bemühen: Die Weglassung erfüllt den Zweck, die Idealisierung enthüllt schonungsloser als die Drohung der Enthüllung. Der Unbegreiflichkeit des Lebens und der Nichtidentität nachspürend wie ein Hund, der immer schon weiß, wo die Trüffeln nicht sind und den Sucher auf ebendiese Fährte lockt, macht Walser den Sprung zwischen Literatur und Kritischer Theorie wie kein zweiter.
Mehr dazu weiß Walter Benjamin.
23.11.07 17:13


'Wo bitte gehts zu Gott? fragte das kleine Ferkel.' - Kinderbücher zwischen Propaganda und Agitprop

Religiöse Propaganda wie Kinderbibeln, Koranschulen und Religionsunterricht sind nach dem Dafürhalten des Aufklärers ein Greuel. Mit Links erledigt er den Mythos, mit rechts lüftet er den Muff unter den Talaren. Wie schnell es gehen kann, dass Aufklärung selbst in basse Gegenpropaganda umschlägt, beweisen Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke in dem Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen wollen."

Die von ausgezeichneter und sehr putziger Illustration mit Blick für kleine Gesten und Mimik begleitete Geschichte führt ein schmutzverkrustetes Ferkel und einen Igel auf den Tempelberg, wo sie der bangen Frage nachgehen, ob ihnen etwas fehle, sollten sie Gott nicht kennen. Nacheinander treten ein Rabbi, ein Bischof und ein Mufti an, den Sachverhalt zu klären. Es endet jedoch von allen Seiten in einer Verfolgungsjagd, in deren Kulmination das Ferkel und der Igel sich aus dem Staub und zurück in ihr Eigenheim machen.

Nun ist dem Bilderbuch Verkürzung ein strukturelles Problem und ein Krittler wäre, wer hier einen Mangel an Information oder Differenzierung unterstellen würde. Zweifel entstehen an der Frage, warum rationale Figuren als Tiere zur Identifikation einladen sollen, die Karikatur des Menschen jedoch das Gegenprinzip verkörpert? Ein Rätsel, das das genauere Studium der Psychoanalyse erhellen könnte, die sodann vieles über abgespaltene anale Wünsche im Schmutz des Schweins und die Abwehr von Kastrationsängsten im Stachelpelz des Igels zu erzählen wüsste. Das sei dahingestellt.

Aufklärung schlägt in Regression um, wenn ein sorgloses, romantischens Idyll im Grünen und die hohen beängstigenden Gebäude der Gotteshäuser gegenübergestellt werden. Dem heidnischen Reiz des Nichtwissenwollens als Illustration im eindächtigen Papierfliegerbasteln tritt ein Unverständliches gegenüber, das in der klaren Welt des Ferkels und des Igels nur als Trug und Mummenschanz bestehen kann. Was Religion dann wirklich sei und was ihren Reiz ausmacht, bleibt dem Kind offen: Es lernt, die Juden, Christen, Moslems sich streiten lassen und für verrückt erklären, ein nicht unerheblicher Distinktionsgewinn. Der Gott der Juden sei ein Babymörder wegen der Sintflut, ein maliziös grinsender Rabbi weidet sich laut Bild daran. Die Christen seien Kannibalen, und wie die Moslems rasch beleidigt. An Stelle von Aufklärung tritt das Stereotyp der Verdrängung. So dünkt es sich als Ferkel rasch besser, ohne dass dem gesellschaftlichen Rang der Religion ein Quentchen Intellekt abgenötigt worden wäre. Die Theodizee, warum denn Schlechtes in der Welt sei, ficht die Dyade in ihrer Hütte kaum an, gibt es doch dort kein Leid und keine Not. Die entscheidenden Fragen der Religion, wie Leid zu trösten wäre, wie der Tod begreifbar gemacht werden soll, wie gelebt werden solle, woher ein schlechtes Gewissen oder überhaupt der Mensch kommt, diesen zu begegnen und sei es um die Frage selbst in Frage zu stellen, wäre von aufklärerischem Gehalt. Das sich ernsthafte Fragen niemals stellende Paar aus Schweinchen und Igel kann getrost auf Gott verzichten, weil es die Fragen, aus denen dieser entspringt, nicht stellt. Damit verzichtet es allerdings auch auf Aufklärung und kritischen Geist, die erst Religion und den Mythos als Vorstufe der Aufklärung ablösen könnten. Atheismus kann leicht zur Ersatzreligion mit nicht minder perfiden Folgen führen, selbst Mythos werden.

Weiter bleibt unklar, was dem Autor als Ursache für die Abwertung des Judentums neben Islam und Christentum gleichermaßen gelten kann, obwohl doch letztere ungleich mehr Gewalt produzieren. Die infame Ausgestaltung des Rabbis wurde von dritter Seite bemängelt und vom Autor wie folgt beantwortet:

"Im Unterschied zu jenen selbsternannten "Antifaschisten", die sich bislang über die Figur des Rabbis aufgeregt und dabei überaus merkwürdige Vergleiche gezogen haben, weiß ich aus eigener Erfahrung, was Antisemitismus bedeutet. Wegen meines jüdisch klingenden Namens werde ich seit 1994 regelmäßig als "Judensau" beschimpft und auch massiv bedroht - meist von Christen, mitunter auch von Muslimen. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, in aller Offenheit jene orthodoxen Juden zu kritisieren, die ebenso wie fundamentalistische Christen und Muslime vom Gotteswahn befallen sind. Mit Antisemitismus hat das selbstverständlich nichts zu tun! Wer liberale oder gar säkulare Juden - insgesamt glücklicherweise die Mehrheit! – von diesen glaubensfanatischen Löckchenträgern nicht unterscheiden kann, der ist wirklich selber schuld! Übrigens: Niemand macht schärfere Witze über Ultraorthodoxe als säkulare Juden…"

Eine merkwürdige Schlussfolgerung: Weil er Antisemitismus erlebt hat, will er orthodoxe Juden als gottesfanatische "Löckchenträger" kritisieren dürfen. Anstatt also den Antisemitismus zum Thema der Kritik an den beiden anderen Religionen zu machen, setzt er das Judentum mit diesen gleich. Dass die Karikatur des Rabbis mit ihren breiten Lippen und dem dämonisch-sadistischen Grinsen und der Hakennase dem visuellen antisemitischen Stereotyp gleicht, wäre dem mit der Aufklärung ernst Meinenden zuerst ein Grund zur Reflexion: Dieses Bild vom Juden beherrschte das antisemitische Europa über Jahrhunderte. Warum der Rabbi nicht wie der Mufti einen sympathischen weißen Bart oder nur eine Kippa tragen darf, bleibt unbedacht. Der Hut scheint dem Illustrator ein stärkeres Identitätsmerkmal zu sein, als die Kippa, die man meines Wissens auch als Rabbi in der Synagoge tragen sollte.

"Der Kaftan war das geisterhafte Überbleibsel bürgerlicher Tracht. Heute zeigt er an, daß seine Träger an den Rand der Gesellschaft geschleudert wurde, die, selber vollends aufgeklärt, die Gespenster ihrer Vorgeschichte austreibt. Die den Individualismus, das abstrakte Recht, den Begriff der Person propagierten, sind nun zu Spezies degradiert." (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung)

Gänzlich abgründig wird das der Schlussmoritat zugeordnete Bild: Eine Gruppe nackter Menschen, darunter Rabbi mit Brille und Hut, Bischof mit Mütze und Mufti mit Turban posiert bis auf jene drei heiter lächelnd. Nicht nur, dass der Rabbi mit Abstand die stärkste Körperbehaarung erwischt, und somit ein weiteres notorisches rassistisches Rassemerkmal ausgereizt wird, oder dass eine gesunde heidnische Schamlosigkeit als Freikörperkultur gegen die zersetzende Scham der Religionen aufgestellt wird. Vor allem ist eine solche karikierende Darstellung eines nackten Juden in einer Gruppe Nackter mit einem ihm lustvoll ins Gesicht gezeichneten Unwohlsein angesichts der Bilder aus KZs unerträglich. Da will man nicht ganz harmlos Prüderie oder Puritanismus kritisieren, sondern fertigmachen, was anders ist und aus der lustig-nackten, sexuell befreiten Masse herausragt.

Wenn Schmidt-Salomon/Nyncke eine Minderheit orthodoxer Fanatiker kritisieren wollen, warum stellen sie diese dann als Stereotyp für eine gesamte komplexe Religion vor? Dann wäre das Buch ins Leere geleitet, denn nicht Religion oder der Glaube an Gott wird dann kritisiert, sondern religiöser Fanatismus. Den wiederum bei den drei abrahamitischen Religionen gleichzusetzen ist ebenso widersinnig wie realitätsfern. Nirgends sprengen sich jüdische Menschen zu Ehren des jüdischen Gottes in die Luft, nirgends werden Menschen vor laufender Kamera zu Ehren des jüdischen Gottes ermordet. Zwar mag es in einigen sehr orthodoxen Gemeinden die Forderung nach getrennten Schwimmbäder geben, man hat sogar von rund 200 Metern geschlechtergetrennten Bürgersteigen in Israel gehört, von totalverschleierten Frauen oder Kinderverheiratung von jüdischer Seite hört man jedoch ebenso wenig wie etwa über jüdische Missionierung mit sektenhaften Methoden auf Pazifikatollen oder in Afrika.

Schon der Hass auf die "orthodoxen Löckchenträger" ist antisemitisch: Am orthodoxen Judentum, das in mystischer Versenkung oft jeder Gewalt abschwört oder in den strikten Regeln sich selbst kasteit, wird verschwiegen, dass dieses nicht ein Rechtsgefühl auf Besseres aus dem Auserwähltsein ableitet, sondern Verpflichtung. Das Schläfenlöckchen als vermeintliches nur der ultraorthodoxen Juden zuzuordnendes Merkmal erregt anscheinend die Idiosynkrasie des Autors. Was denn an diesen orthodoxen Juden so schmählich sei, außer dass sie an Gott eben recht wirklich glauben, und was eben daraus die Konsequenz sei, das geht den atheistischen Tierchen im Befürworten vom Babyleichen in der Sintflut auf. So bleibt der jüdische Gott ein Kindermörder und seine treuesten Verfechter Befürworter dessen. Das ist kein Beitrag zur Aufklärung, sondern zur Verfestigung von Vorurteilen, Idiosynkrasien und antisemitischen Stereotypen.
Nicht Besonderheiten sollen aufgezeigt werden, nicht einmal die Aufklärung über Ursachen der Religion findet statt, sondern Identitäten werden gesetzt: Am Ende sind alle gleich. Das ist die Ideologie, die im Nahostkonflikt die Achseln zuckt und die Gleichheit von antisemitischer Aggression und jüdischer Notwehr behauptet.

Der Autor meint zum Schluss, es wäre als pädagogisches Ergebnis die Toleranz der Ferkel und Igel zu verzeichnen:

"Vielmehr erdulden, tolerieren sie die Existenz religiöser Wahnideen, denken aber - wie ich meine aus gutem Grund! - auf diese verzichten zu können."

Das ist gut gelogen. Im Buch wünscht das Ferkel ob der Vorstellung von Babyleichen, dem jüdischen "Herrn Gott ganz dolle auf den Fuss zu treten, wenn es ihn mal treffen würde" und die Christen werden als Kannibalen verzeichnet. Wer wirkliche Kannibalen und Kindermörder tolerieren würde, wäre wahrlich schlecht beraten, doch nicht einmal darum geht es: Der aggressive Wunsch ist vormodelliert und dem Kind das Unverständnis und das Rätsel in Wut geleitet, die die antisemitische Gewalt vorbereitet.

29.11.07 20:52


s



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung