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Pro-Ana: Eine Erweckungsbewegung?

Pro-Ana Blogs sind Teil einer Bewegung, die Anorexia Nervosa oder auch Bulimia nervosa als lifestyle verfechten. Diese Bewegung erfährt einen regelrechten Boom: in den myblog-charts vertreten sie mit 6 Blogs unter den Top 100 die größte Gruppe an hochspezifischen Blogs.

Beim Lesen der stets gleichen,herumgereichten Zirkulare, wie "Anas Brief" oder "100 Tips" drängt sich zunächst der Eindruck einer religiösen Bewegung auf. Pro-Ana ist durchaus mit einer postmoderne Sekte vergleichbar, die bisherige Sektenmerkmale überschreitet und beispielhaft für Ideologienbildung im sogenannten "Informationszeitalter" analysiert werden könnte. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich ein Bild der Zerrissenheit zwischen zynischer Reflexion und der Unmöglichkeit darüber hinaus zu schreiten. Ich möchte betonen, dass hier die fragmentarische Analyse der Blog-Bewegung im Zentrum steht. In keinem Fall möchte ich mich über Menschen wegen ihrer Krankheit lustig machen und meine auch nicht die große Mehrheit der Anorexia-Kranken mit, die diesem Phänomen teilweise ähnlich kritisch gegenüber stehen. Allen Betroffenen empfehle ich dringend therapeutische Hilfe wahrzunehmen. In den meisten Fällen kann die Krankheit mit Gesprächstherapie geheilt werden. 10% der Erkrankten sterben an unmittelbaren Folgen der Magersucht. Viele tragen dauerhafte Schäden an Nieren und anderen Organen davon.

2006 wurden auf Initiative von jugendschutz.net 30 Pro-Ana Websites gesperrt. Von anderer Seite wird solchen Seiten ein gewisser Selbsthilfeaspekt zugestanden: Die Kranken träten in Austausch miteinander und informierten sich über die Vermeidung der schlimmsten Folgen.

Das ist weitgehend eine Illusion. Pro-Ana-Blogs tragen Züge einer Sekte. Sie dienen der gegenseitigen Kontrolle und Aufstachelung und werben aggressiv um Anhänger, auch wenn sie das oft leugnen. Die Krankheit bietet einen Leidengewinn, der online sehr viel leichter abgeholt werden kann. Aufmerksamkeit, Bestätigung, und das Gefühl der familiären Gemeinschaft, die in ihrer Ambivalenz als ursächlich für die Krankheit angenommen wird: Ständiges Beharren einer Familie auf Gemeinsamkeit und Gemeinschaftlichkeit sowie ein Abwehren von Autonomie und Selbstverwirklichungsbestrebungen.

"Alles was das Kind tut, macht es nicht für sich, sondern für die Vorstellung der Eltern. Es hat die Formen auszufüllen, in die es seine Eltern gegossen haben. Und was immer es tut, es ist nicht genug" (Franke 2003).

Das Web bekommt bei diesen Personen die Aufgabe eines Psychoanalytikers, die es aber nur enttäuschen kann. Das Aussprechen, die Gesprächstherapie ist der ausdrückliche Wunsch dieser Person, die sich den Frust von der Seele schreibt, aber keine fachlich qualifizierte Antwort erhält, denn auch wenn sich viele Therapeuten mit dem Problem sehr erfolgreich befassen, gibt es virtuell kaum Möglichkeiten, dem Non-Compliance des Patienten bei einer Konfrontation zu begegnen oder vis-a-vis den Trost auszusprechen, der im Zweifelsfall nötig ist.

Dem Problem impliziert ist die typisch deutsche Feindschaft zur Psychoanalyse, die gerade bei so fachlich eindeutigen Konflikten eine große Hilfe bieten könnte, aber eben von Pädagogen und anderen Bereitstehenden allenfalls verlegen mit Gummihandschuhen als Bückware präsentiert wird und gesellschaftlich den Rang einer Bedrohung innehält. Heißt sie dagegen "Tiefenpsychologie" ist der Makel des Sexuellen verschwunden, und es kann erfolgreich eine Gesprächstherapie angeboten werden, die auf der Psychoanalyse mehr als aufbaut. Wenn jedoch in einer Gesellschaft systematisch von der infantilen Sexualität und den Traumen geschwiegen wird, liegt nahe, dass gemeinhin Chatrooms und Blogs als adäquater Ersatz für Gesprächstherapie gesucht werden.

Eine Besonderheit der Pro-Ana-Weblogs ist der stete Bezug auf das Fliegen. Der Flugtraum wird bei Freud auf Spielsituationen in der Kindheit zurückgeführt, das auffangende und werfende Elternteil wird im Traum zensiert, um den Wunsch zu vervollständigen. Fliegen bedeutet Autonomie, sexuelle Erfüllung. Pro-Ana-Blogs sind voll von Elfen, Schmetterlingen, Libellen, Nymphen, Federn, Engeln, was auf weit mehr als nur passiv rezipierten Lifestyle verweist: Leicht zu sein, ein Kind zu sein und dennoch alles richtig zu machen und autonom zu sein, es ist der narzisstische Wunsch des erwachsenen Kindes, der kindlichen Kaiserin, der aus der tiefen Kränkung der allzu neurotischen Erziehung gesteigert werden kann, im Kern aber in jedem Kindermärchen präsent ist.

Was krank ist, erzeugt bei den vermeintlich Gesunden auch Abwehr und Abscheu und ebenso verhält sich der Umgang mit den Blogs. Aggression ist ein Zeichen der Verdrängung auf beiden Seiten. Wo abgemagerte Menschen auf Fotos nicht als Kranke, sondern als abschreckendes Beispiel herhalten müssen, weidet sich die pädagogische Intervention an der eigenen Angstlust. Therapeutisch wirkt das sicherlich nicht. In einem Anti-Ana Beitrag wurde tatsächlich unter ein Bild die Unterschrift gelegt: "Sind das noch Menschen?" Wer Unmenschliches erfahren hat und das zur Schau trägt, wird so am Zeichen zum Unmensch gestempelt.

Die Aggression der Pro-Ana-Bloggerinnen ist allerdings sehr ambivalent, durch Blogs rüstet sie sich von der Autoaggression zur Aggression gegen einen Ersatzpopanz zu und zelebriert das Anderssein, formt sich eine Identität, die Ersatz für Wünsche liefern soll und darum ins Maßlose drängt.

Auf dem Elfenland-Forum, eines von zahlreichen, findet sich wie auf fast allen der einschränkende Verweis:

ACHTUNG !! Dies ist ein PROANA/MIA Forum ! Ana steht für Anorexia Nervosa und bedeutet Magersucht ! Wenn du dich nicht damit identifizieren kannst , keine Esstörung hast , bitte ich dich , diese Website wieder zu verlassen ! Ich möchte niemanden in etwas hineinziehen! Falls du dich trotzem umsehen möchtest , tust du dies auf eigene Gefahr !

Nun hat der Ruch der Gefahr einen außerordentlichen Reiz besonders für Jugendliche. Der Inhalt der Foren widerspricht den Beteuerungen dagegen aufs Schärfste und er ist der immergleiche, eine Diskussion darüber scheint es nicht oder kaum zu geben, obgleich die Kranken sehr engagiert und diskussionsfreudig sind. Die Aggression wird deutlicher auf ana4you:

Das hier ist eine neue Pro Ana Seite. Wer sich nicht damit abfinden kann, dass die einen halt nun mal dünner werden oder sein wollen als die anderen, der möge doch bitte diese Seite verlassen und sich eine Adipositas-Seite suchen. Be Thin- Be attractive!!!

Pro Ana nennen sich die jenigen, die sich als magersüchtig bezeichnen und es nicht als Krankheit, sondern als Lifestyle ansehen, wie andere ihre Hobbies wie Sport oder Malen hat.

Was hier ausformuliert wird, ist die Aggression auf andere, die als fettsüchtig beleidigt werden. Mimetisch macht diese Person sich dem gleich, was sie von anderen, und hier vor allem den Eltern wünscht, nämlich dünner, kleiner, am besten nicht anwesend zu sein. Verdrängung im Gewande des Liberalismus macht die Krankheit zum Pläsierchen, die Selbstzerstörung zum harmlosen Hobby. Die Serie Jackass ist ein weiteres bekanntes Symptom für diese latente Konvention gewordene Bereitschaft, den Analsadismus zur Kultur zu erheben.

Dieser Sadismus ist selbstverständlich einer, der am Leiden anderer das eigene vergessen machen lassen will, und ihm zugleich doch aufs neue nachspürt. Die Autoaggression richtete sich darauf ab, am Leiden anderer den Lust- und Machtgewinn zu erweitern, den der eigene Körper versagt. Ein solcher perfider Geist schuf den "Motivationsvortrag von Ana", der schon im Titel Pervertierung andeutet, denn er soll demotivieren, erniedrigen:

Oh, du sehnst dich gerade nach Essen, ja?
Was glaubst du, was du tust?
Wage es nicht, auch nur in die Nähe von Essen zu gehen!
Fass es nicht an; denke nicht mal daran.
Was willst du tun, eine fette Kuh werden?
Ich bin dein bester Freund und wenn du isst, versagst du und lässt mich im Stich.


Wage es nicht, auch nur in die Nähe von Essen zu gehen!
Fass es nicht an; denke nicht mal daran.
Was willst du tun, eine fette Kuh werden?
Ich bin dein bester Freund und wenn du isst, versagst du und lässt mich im Stich
Wenn du richtig isst, zeigt das wie wenig Selbstkontrolle du hast.
Dieser Schmerz gerade in deinem Magen, das bin ich und es ist dein Fett, das wegschmilzt.
Wenn du dich leer fühlst, bedeutet es, dass du deiner Sinne leer bist(?)
Du kannst die Hand über deinen Magen fahren und spürst deine Rippen.

Du willst in die Einkaufspassage gehen und das knappe Outfit sehen und du würdest verdammt gut darin aussehen.
Du bist mir gegenüber eine Verpflichtung eingegangen.
Ich bin dein Leben und deine Besessenheit.
Gib nicht auf, was wir haben.
Ich werde dir alles geben, was du willst aber du musst mir das geben, was ich will
Und ich erwarte von dir, vom Essen wegzubleiben.
Geh und trink et was Wasser.
Geh etwas Tee oder Kaffee trinken.
Oder noch besser - geh ins Fitnessstudio - Dickerchen!
Zeig mir nicht, wie wenig Selbstkontrolle du hast.
Fordere mich nicht heraus.
Du weißt, wenn du jetzt isst, wirst du sowieso wieder auf deinen Knien enden und alles herauskotzen bis du nur noch Blut und Wasser siehst und dein Magen schmerzt.
Du wirst das Essen bedauern sobald diese Kalorien und das Fett deinen Rachen hinunter und rein in deinen Körper gerutscht sind um eine zusätzliche Rolle an deinem Bauch zu formen.
Du wirst Zellulite bekommen.
Du wirst wie die typische fette Fußball-Mutter aussehen(?)
Ich kann dir so viel geben - Ich kann dir einen tollen Körper geben.
Zeig mir deine Kontrolle und ich zeige dir einen flachen Bauch
Zeig mir, dass du mich liebst und ein Geheimnis für mich bewahren kannst und bleib weg vom Essen und ich werde dir diese kleinen, wohlgeformten Schenkel geben.
Zeig mir, dass du rennen kannst bis du umfällst und ich werde dir einen niedlichen Hintern geben.
Du liebst mich.
Wenn du jetzt isst und alles wegwirfst, wofür du gearbeitet hast, werde ich dich hassen.
Und du wirst dich selbst hassen,
Du hast einen Essensplan; Du hast Ziele und Wünsche.
Wird das alles jetzt nicht weg.
Gib nicht das auf, was du wirklich willst für etwas, dass du im Moment gerade willst.
Iss nicht, Dickerchen
Du bist noch kein Supermodel wie Kate Moss.
Versag mir nicht. Iss nicht.
Du bist auf einer Pro-Ana-Seite. Ich nehme an, das bedeutet, dass du fett oder sowas bist. Naja, weißt du was? *DING! DING! DING!*
Du hast recht! Du bist abscheulich Absolut widerlich.
Fühle deinen Magen. Fühle die schwabbeligen Rollen, diese wackelnde Masse...
Schau dir all die traumhaften Models und Schauspieler im Fernsehen an. Siehst du irgendwelche Rollen? Verdammt nein! Diese Mädchen sind dünn, Schnecke!

Sie wissen nicht wie es ist, sich auf eine Waage zu stellen und das verdammte Ding zu zerbrechen.
Sie müssen nicht Größe XXL tragen! Sie sind dünn!
Ja, und du bist es nicht. Du bist jämmerlich. Absolut scheußlich! Du bist eine fette, dreckige Kuh! Leg das Essen hin! Wage es nicht mal daran zu denken, es in deinen Mund zu stecken!
Du wirst sofort fühlen, wie es in deine Schenkel rutscht, in deine Hüften. Du quillst schon aus deinen Hosen.
Du brauchst kein Essen mehr, es macht dich nur fetter.
Du bist schon ein Wal, ein Nilpferd, ein Fettarsch.
Du bist abstoßend, kein Angehöriger des gegensätzlichen
Geschlechts würde auch nur daran denken, dich zu mögen weil du nicht mal durch seine Tür passen würdest. Du würdest den Boden zerbrechen und das Bett zu Kleinholz verarbeiten.

Du bist so abscheulich! Hast du jemals Leute gesehen, die dich anschauen? Mit Ekel? Es ist wahr. Sie wünschen sich, dass sie niemals so schlimm aussehen wie du. Sie schauen dich an von Schal bis zu deinen Füßen und denken Schau dir diese Person an! Was für ein schrecklicher Mangel an Selbstbeherrschung!
Und es ist war. Und du nennst dich ana! Du bist keine echte ana!
Du bist FETT! FETT! FETT! FETT! Was für ein schreckliches Wort, ein hässliches Wort. Zu schlimm, dass es die Wahrheit ist. Zu Schlimm, dass du fett bist. Ein Luftschiff. Ein Monstrum.
Du willst diese niedlichen neuen Klamotten tragen?
Haha, nicht mit DIESEM Bauch! Oder DIESEN Beinen!
Sieh, sie sehen gut aus an Models, aber Schätzchen, du bist FETT. Fette Menschen tragen Zeltkleider und hässliche Schuhe. Fette Menschen können keine niedlichen Klamotten tragen weil sie in ihnen nicht gut aussehen können. Fette Menschen haben keine Kontrolle und essen alles, was sie sehen.
Willst du so leben?
Den Rest deines Lebens rumtrampeln, zu mächtig für Flugzeugsitze, zu mächtig für Autos, zu mächtig um jemals einen Partner zu bekommen und glücklich mit ihm zu leben.
Kein Märchen für dich, Schnuckelchen.
Du bist ein Eimer voll Fett, eine absolute Schande für den Namen ana.
Du wirst niemals mager sein.
NIEMALS. So lange du nicht DAS ESSEN WEGLEGST, deinen faulen Arsch hochbekommst und dich bewegst!
Geh laufen! Mach Hampelmann! Mach Sit-Ups! Und schnell schnell schnell!
Kein Essen für jemanden wie dich.
Du bist widerlich und fett, merk dir das....

Das System ist klar: Erniedrigung um der Partizipation willen. Das Durchhalten bis zum Letzten, diese Propagierung grenzenloser Disziplin, ein Adynaton, das den Widerspruch durch Vernichtung zu brechen sucht. Es ist eine typisch deutsche Krankheit, die sich das Andere wie hier in der fetten Fußball-Mutter sucht, die wahrscheinlich Ziel wie Ursprung der Ideologie gleichermaßen ist. Am Selbst wird das Andere bekämpft, durch den Schritt in die virtuelle Öffentlichkeit wandelt sich diese Autoaggression in Wut und Aggression. Das ist nicht heilsam, sondern nur eine Erweiterung der Krankheit. Der Selbsthass wird perfekt reflektiert in seinen Ursachen (z.B. 'kein Märchen für dich, Schnuckelchen') und dennoch zelebriert, denn im Grunde setzt sich Geständniszwang durch, der noch keine Reflexion ist. Weiter interessant ist auch die stets präsente, aber nie bewusst formulierte Homosexualität: Die Präsentation von schönen Models, der stete Versuch, sich gleich zu machen um zu gefallen, die Ambivalenz der Mutterfiguren. Verdrängte Homosexualität findet ihren Platz in der Gemeinschaft.
Gegenseitige Kontrolle heischt man dann in Manifesten:

Anas Gebote

1. Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein!

2. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein!

3. Ich muss alles dafür tun, dünner auszusehen/ zu sein!

4. Ich darf nicht essen ohne mich schuldigt zu fühlen!

5. Ich darf keine "Dickmacher" essen ohne hinterher Gegenmaßnahmen zu ergreifen!

6. Ich soll Kalorien zählen und meine Nahrungszufuhr dementsprechend regulieren!

7. Die Anzeige der Waage ist wichtiger als alles andere!

8. Gewichtverlust ist GUT, Zunahme ist SCHLECHT!

9. Du bist NIE zu dünn!

10. Nahrungsverweigerung und dünn sein sind Zeichen wahren Erfolgs und Stärke!

11. Essen ist ein Zeichen von Schwäche.

12. Perfektionismus kann nur durch Einschränkung erreicht werden.

13. Anorexie wird uns schön machen.

14. Niemand kann tun, was wir tun.

15. Hervorstehende Knochen lassen uns reizvoll aussehen.

16. Kritik an Ana ist lächerlich.

17. Egal, wo wir hingehen, wir sind immer noch schlank.

18. Egal, was wir tun (außer essen), wir sind immer noch schlank.

19. Wir haben uns unter Kontrolle.

20. Niemand kann uns Ana nehmen - NIEMAND.

21. Die meisten Menschen können nicht Ana sein.

Sofort fällt auch, welche Geistesverwandtschaften hier bestehen. Die Pro-Ana-Bewegung gibt Aufschlüsse über ein ihr anscheinend völlig äußerliches Phänomen, den Nazismus: Kritik ist lächerlich, Kontrolle alles. Wo solche Anti-Werte gesellschaftlicher Konsens sind, ist die Anorexie ein zutiefst gesellschaftliches Phänomen. Die hohlen Phrasen sind gleichsam Gebete wie Geständnisse.

Bei den verbreiteten 100 Tipps finden sich folgende deutliche Beispiele der Vermittlung von individuellem und gesellschaftlichem Wahn und hier wird deutlich, dass es eben nicht nur bitterer Zynismus ist, der die Geständnisse gebiert, sondern dass der Inhalt tatsächlich geglaubt wird:

2. Belohnungen verhindern Heißhunger, daher für jeden Tag den man "brav" war Abends ein kleines Stück dunkle Schokolade essen.

7. Blaue Teller für weniger Appetit. Der Körper empfängt Warnsignale, da blaues Essen kaum in der Natur vorkommt.

17. Iss doch Watte, Moppelchen.

19. Lege dir ein Ana-Buch zu, mit schönen Bildern aus Illustrierten, Gedichten, Texten, Regeln, Gedanken, diversen Listen, Vergleichen.. damit kann man sich Stunden beschäftigen.

24. Lutsche Eiswürfel, sie verbrennen 40 Kalorien.

25. Trinke zu jeder Stunde ein Glas eiskaltes Wasser (am besten aus dem Kühlschrank, oder wirf Eiswürfel hinein). Das macht voll und verbrennt bei einem 500ml-Glas 18 Kalorien. (wenn man mindestens 10 Stunden wach ist sind das 180!)

34. Ein Besuch mit der Familie im China-Restaurant, oder dein Lieblingsessen, welches deine Mutter ausnahmsweise mal gekocht hat sind KEIN Grund zu fressen, als würden wir in Kriegszeiten leben.

38. Suche dir Model-Vorbilder, und versuche ihr Gewicht und ihre Maßen in Erfahrung zu bringen. Versuche besser zu sein.

54. Motivationsbilder! Wenn man so was schon nicht aufhängen darf, dann wenigstens immer ein kleines Bild in der Tasche tragen, das einen besonders motiviert.

58. Suche Gleichgesinnte.

81. Sieh dir das Bild einer dünnen Schönheit an, während du isst. 83. Es beginnt immer Heute und Jetzt, und nicht Morgen oder nächste Woche.

84. Du tust es NUR für dich! Die anderen werden es auch überleben, wenn du dick wie eine Tonne durch die Gegend rollst. Wenn du also etwas nahrhaftes Richtung Mund bewegst, denke daran, dass du nur dir alleine schadest.

85. Ana ist keine Person, der du es mit einem FA "zurückzahlen" kannst.

94. Der Mensch ist leidensfähig und kann sich an Kälte und Hunger gewöhnen.

100. Nur die armen Kinder aus der 3ten Welt dürfen sich unterernährt fühlen und Selbstmitleid haben. DU nicht.

Was sich wie ein NS-Kriegskochbuch liest, ist postmodern bis zum abwinken, der Duktus findet sich in Klimaschutzapellen ähnlich: Verzichte, du schuldige Sau! Mitleid wird als Makel entworfen, das Geißeln als Befreiung. Mit analer Gründlichkeit wird dem Sammeltrieb Folge geleistet, Kalorie um Kalorie wird notiert und ein Weltbild damit verknüpft, das reaktionärer nicht sein könnte. Das verfolgende Moment darin schmiegt sich der Versagung an, es entsteht eine narzisstische Umkehr, in der Nahrung Schmutz ist, Leiden Genuß, Verkleinerung des Körpers eine Erweiterung des Phallus und so eine Verwahrung gegen Kastrationsängste bedeutet. Die religiöse Dimension speist sich aus der steten Aufforderung, die Gemeinschaft von Auserwählten zu suchen, um kollektiv genau das zu tun, was unter Top 100 versagt wird: sich bemitleiden. Dieses Selbstmitleid, das seine reale Ursache in einem Leiden hat, ist allerdings getarnt als fröhliches Miteinander, als zwanghafte Aktivität. Anas Brief allerdings entpuppt sich nicht als vergleichbare religiöse Botschaft, wie er von Anti- wie Pro-Ana-Bloggern bisweilen missverstanden wird, sondern als Aufklärung über die innersten Mechanismen der Magersucht:

Erlaube mir mich vorzustellen. Mein Name, oder wie ich von sogenannten "Ärzten" genannt werde ist Anorexie. Mein vollständiger Name ist Anorexia Nervosa, aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde. In der nächsten Zeit werde ich viel Zeit in dich investieren und ich erwarte das Gleiche von dir. [..]
Deine Freunde verstehen dich nicht. Sie sind nicht ehrlich. [...]
Früher, als [...] du sie gefragt hast: "Sehe ich... fett aus?" und sie geanwortet haben "Nein, natürlich nicht", wusstest du, dass sie lügen. Nur ich sage dir die Wahrheit. Deine Eltern...lass uns nicht so weit gehen! Du weißt, dass sie dich lieben und dass sie für dich sorgen, aber die Sache ist einfach die, dass sie deine Eltern sind und verpflichtet sind so zu handeln. Ich werde dir jetzt ein Geheimnis verraten: Tief in ihrem Inneren sind sie von dir enttäuscht. Aus ihrer Tocher, der mit all dem Potential, ist ein fettes, faules Mädchen geworden, das alles was es hat, nicht verdient hat.[...]
Vielleicht bringe ich dich dazu Abführmittel zu nehmen und du wirst bis in die frühen Morgenstunden auf dem Klo sitzen mit einem drückenden Gefühl in dir. Oder vielleicht bringe ich dich dazu dich selbst zu verletzen, deinen Kopf in eine Wand zu schlagen bis zu schreckliche Kopfschmerzen bekommst. Ritzen ist genauso effektiv.[...]
Ich habe eine Schwäche. Aber wir dürfen keinem davon erzählen. Wenn du dich entscheidest, gegen mich zu kämpfen, jemanden zu erreichen und ihm zu erzählen was ich aus deinem Leben mache, wird alles zusammenbrechen.Niemand kann die Schale brechen, mit der ich dich bedeckt habe. Ich habe dieses dünne, perfekte, beneidenswerte Kind geschaffen. Du bist mein, nur mein. Ohne mich bist du nichts.
Das hier korrekt als Schwäche der Anorexia nervosa bezeichnete Erzählen geschieht in den Pro-Ana-Blogs und daher sind diese tatsächlich mehr als Hilfeschrei zu bewerten, denn als Propaganda. Sie sind Propaganda für ohnehin anfällige Mädchen (uns sehr selten Jungen), und können diese inspirieren, aber kaum mit der Neurose anstecken, die sie in sich tragen. Die Zunahme der Zahl und das darin geäußerte Selbstbewusstsein spiegelt lediglich einen trotzigen Aufschrei wieder, die Kranken beginnen zu sprechen, wenngleich sie ihre Krankheit noch nicht als solche erkennen.
Völliger Unsinn ist es, einen gesellschaftlich definierten Schönheitsstandard als schuldig für Magersucht im Allgemeinen auszumachen. Das ist dekonstruktivistische Phänomenologie, die von Kritik ebenso wenig weiß wie von Analyse. Die Ursache für die Anorexia nervosa liegt in der Kindheit, die leider viele Mädchen ähnlich oder gleich erfahren. Kein gesundes Kind sieht eine Plakatleinwand und hungert sich zu Tode. Das Problem der Magersucht ist eine Störung in der Körperwahrnehmung und die völlige Entgrenzung. Würden sie nur irgendwann den bekanntesten Models ähnlich sehen, hätten sie wohl kaum Probleme. Dieses Problem betrifft selbstverständlich auch häufig Models wie auch deren Juroren und Mäzene, die bisweilen einem Fetischismus frönen. Ein ontologischer Punkt, wie manche meinen, sind die Models jedoch keinesfalls. Es gibt zierliche Frauen, und dass diese zum recht isolierten Schönheitsideal wurden, mag kritikabel sein, es ist jedoch nichts anderes als eine begrenzt verbreitete Marotte. Schönheit ist auf Extreme angewiesen, um sich als Besonderes zu präsentieren.
Eine normal- bis leicht übergewichtige schöne Frau wird trotz aller Laufstegmodels nicht wegen ihres Gewichtes Probleme haben, geliebt zu werden, ebenso wie eine stark übergewichtige Person durchaus berechtigt dazu angehalten werden kann, auf sein Gewicht zu achten und ähnlich der Magersucht nach Ursachen in der Kindheit, in Wiederholungszwang und Abwehr einer Kränkung zu suchen. Dass aber eine Gesellschaft traditionell darauf ausgerichtet ist, einen Schönheitsstandard wie den der Arier zur Allgemeinheit zu erheben, das Allgemeine zum Besonderen und vice versa zu machen, dass das Vorbild alles ist und das Individuum nichts, dass gearbeitet werden muss, stets und immer wieder an sich selbst und nicht an Zuständen, hat durchaus Konsequenzen für die Magersucht und darin erfährt sie Vermitteltheit mit der reaktionären Verkitschung von Körpers und Natur.
2.7.07 21:22


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Kriminalisierung? Infantilisierung!

Als die unangenehmen Studiengebühren in Hessen angekündigt wurden, fühlten sich 150 Studierende befleißigt, ihrem Ärger dadurch Ausdruck zu verleihen, dass sie die sogenannte Stadtautobahn mehrfach blockierten. Nun ist das kein isoliertes Phänomen, sondern war bei den ersten Streiks zur Einführung der Verwaltungsgebühr bereits angedacht und konnte damals nur mit Mühe abgewendet werden. Es scheint ein fast schon sexuelles Verlangen danach zu bestehen, dieses Ding Autobahn einmal zu besitzen, den Phallus Verkehr zu kastrieren.

Jeder Stau auf einer Schnellstraße stellt eine Gefährdung von Menschenleben dar, und so etwas nur der Medienwirksamkeit wegen aus Mangel an Masse zu riskieren entspricht beileibe nicht einer rationalen Wahl der Mittel. Jedoch verspricht die Besetzung einer ganzen "Autobahn" die Gloriole des Heldentums: Man hat etwas gewagt, den Alltag durchbrochen, Radikalität geheischt.

Drei der heldenmutigen Besetzer waren der Polizei bekannt und gegen sie wurde Anzeige erstattet, die nun zu einer Verurteilung wegen Nötigung führen dürfte und damit zu einer Geldstrafe. Wenn nun laut der Oberhessischen Presse vom 6.7.2007 die Asta-Sprecherin Karin Zennig zum Urteil verlauten lässt, dies sei eine unzulässige "Kriminalisierung des Protests", erweist sie der prinzipiell gerechtfertigten, ihrer Form nach aber unappetitlichen Protestbewegung einen Bärendienst.

Denn kriminell im Sinne des StGB wurden die Protestierenden, die sich bewusst für eine Verletzung der Rechte von anderen Individuen entschieden haben, die nicht im Bagatelldelikt anzusiedeln ist. Es wurde eine Straftat begangen. Darüber ist man sich bei jeder Gleisbesetzung eines Castortransportes im Klaren, es gibt Solidaritätsfonds und Anwälte, die Strafen lindern sollen. Völlig unsinnig ist es im Falle der Autobahnbesetzung, das Ganze nun infantil als gemeine Volte des Staatsapparates darzustellen, denn allen Beteiligten war das Risiko und die Illegalität der Besetzung bewusst, der Paragraph ist keineswegs neu oder eigens für Studierende gedehnt worden. Es wäre im Gegenteil besorgniserregend, wenn der Staatsapparat für die erfolgte Machtaneignung, die auf Selbstjustiz einer Minderheit basiert, Verständnis zeigen würde.

Bei diesen Aktionen wurden Menschenleben auf Seiten der Demonstranten und auf Seiten der Verkehrsteilnehmer gefährdet und es gibt keinen Grund das nicht juristisch zu verurteilen. Darüber hätte man sich im Vorfeld im Klaren sein können. Das Risiko angemessen abzuwägen und dann auch zu tragen sollte Grundbedingung bei jeder Protestform sein. Man wägt ab, verletzt ein Recht, um auf ein größeres Unrecht aufmerksam zu machen und zahlt hinterher gemeinsam die Zeche. Das Urteil ist berechenbar und vorraussichtlich glimpflich. Von Kriminalisierung zu reden, bedeutet hier die zu verhöhnen, die tatsächlich von Kriminalisierung reden können, als winziges Beispiel seien die Urteile über Mohammedkarikaturisten in Bonn angeführt oder das Skandalurteil zum Buchtitelbild von Stephan Grigats "Feindaufklärung".

 

6.7.07 11:32


Palästinenser für Israel!

Die Jüdische Allgemeine (Nr. 27/07) fasst eine Umfrage zusammen, nach der 26 % der Bewohner der Westbank und Gaza sich die Auflösung der Autonomiebehörde und die Einrichtung einer internationalen Verwaltung wünschen. 49 % waren für die Beibehaltung der jetzigen Regierungsstruktur , 10 % hatten keine Meinung und:

16 % bezeichneten die erneute Besetzung durch Israel als die angemessenste Lösung.

Um das zu verdeutlichen: 16 % entspricht der SPD in Deutschland. Wo bleibt die Solidarisierung mit dieser starken palästinensischen Friedensbewegung? Wo die Gesprächsangebote? Wieso sammelt niemand Geld für diese Menschen, damit sie ihr Anliegen in UNO und vor der EU angemessen vertreten können? Nicht, dass eine erneute Besetzung wünschenswert wäre. Niemand kann von Israel erwarten, auf eigene Kosten in Gaza und der Westbank das dort mithilfe von EU, der arabischen Liga und dem Iran aufgehäuftem Kriegsmaterial abzurüsten. Israel hat jedoch Erfahrung mit den palästinensischen Terroristen, was auch 16% der Palästinenser anscheinend zu honorieren wissen. Vor allem zollen diese 16% der verleugneten Realität Rechnung, dass es in der palästinensischen Geschichte keine sicherere und prosperierendere Zeit gab als die der israelischen Besatzung, der humansten der Welt, die man deshalb in Feullietons hierzulande nur mit "völkerrechtswidrig" betitelt angemessen verunglimpfen kann.

6.7.07 12:16


Die Kulturindustrie frisst ihre Kinder

"PLO-Tuch Schwarz-Weiß Totenkopf" - Blondschopf mit SS-Insignien, ganz legal.
 
Was der Gripsiltis in einem Marburger Karstadt entdeckte, nämlich Araberschals als ältesten neuesten Modetrend, scheint so richtig zu brummen. In der Fernsehserie "Das Model und der Freak " werden abgetakelte Shy Guys so aufgebrezelt, dass sie konform genug gehen, um das eine oder andere Betthupferl abzustauben. Stefan ["hatte erst eine Freundin"] erfuhr eine ganz besondere Kur: Neben Rasur und Hypnose bekam er ein Date verpasst, zu dem er, man ahnt es schon, mit kleinkariertem Palilappen um den Hals erscheinen musste.
 
Wie schlimm ist es denn nun, wenn die urlinke Krawatte von Nigel Kennedy bis Karstadt zum hippen Trend wird? Man könnte aus Erfahrung behaupten, dass die Kulturindustrie noch jeden Dreck aufsaugte, ihm das pseudorevolutionär/konformistische Potential auslutschte und anschließend wieder ausspuckte. So war es mit Beethoven, Punk und Rotwein. Die Linke scheint jedoch gegen die entstehenden Unlusterscheinungen bei solchen Vereinnahmungen immun. Che Guevara beispielsweise erfreut sich ungebrochener Beliebtheit, der Schattenriss wirkt selbst auf einer roten Limousine noch authentisch. Dass Palästinaliebe und Judenfeindschaft von je konform waren, hat die Linke ebenfalls nie gestört. Die Liberalen allerdings auch herzlich wenig.
 
Das von Erfahrung abgeschnittene Ticket setzt sich durch, gerade die Ferne des Subjekts ermöglicht es, Nähe zu behaupten und solche Projektion als Solidarität mit irgendwelchen Menschen zu verkaufen. Dass dabei das widermenschliche Prinzip wie so oft Juden sind stört einen anständigen deutschen Kaufhauskonzern so wenig, wie einen Stargeiger oder eben den um Aufmerksamkeit und Chic verzweifelnden "Freak".
20.7.07 16:01


Tom Stauffenberg - oder warum sollte eigentlich kein Scientologe am Film mitwirken.

Tom Cruise, dauergrinsender Beau und Actionheld, hat für "Valkyrie" die Hauptrolle erhalten. Die Empörung ist groß: Tom Cruise ist (missionierender) Scientologe, als solcher dürfe er den deutschen Volkshelden nicht spielen, weil in Deutschland Privates und Politisches nicht getrennt wird.

Der Verdacht liegt nahe, dass es hier nicht um eine Kritik an Scientology geht, sondern um ein verzerrtes Bild von Stauffenberg auf der einen und der Kulturindustrie auf der anderen.

Die erste Frage ist: Wenn ein Deutscher (Bruno Ganz) eine Hitler-Hagiographie gespielt hat, warum soll dann nicht ein Scientologe eine Stauffenberg-Hagiographie spielen? Sollte der Film wider Erwarten gut und kritisch sein, ist nichts dagegen einzuwenden, dass ein Mensch mit allseits bekanntem Spleen diese Kritik vorträgt. Da er es nicht sein wird, sondern sich in die hinlänglich bekannten, mit ein paar "abschreckenden" Angstlust-Bildern gewürzten Nazi-Schmonzetten einreihen wird, ist die Diskussion hinfällig, denn warum sollte man für eine solche Rolle einen anständigen Menschen korrumpieren, wenn es doch Menschen wie Tom Cruise gibt.

Der Protest ist primär einer, der um die Integrität eines weiteren Persilscheins für Deutschland fürchtet. Wo man den Untergang ernsthaft in die Klassenzimmer holen will, stört ein Scientologe, ein amerikanischer zudem, den Rosenkranz der Aufarbeitung. Dass ein Deutscher die Rolle nicht bekam, sondern eine amerikanische Heuschrecke wie Tom Cruise ist das eigentliche Problem:

"Er habe nichts gegen Cruise, sagte Kretschmann weiter. "Aber er ist der Inbegriff des modernen amerikanischen Actionkinos. Wenn ich mir den in deutscher Uniform mit Augenklappe vorstelle, finde ich das eher lächerlich."

Es geht also um Authentizität: deutsches Kino mit deutschen Themen und deutschen Darstellern für ein deutsches Publikum. Der betriebene Stauffenberg-Kult in Deutschland ist nicht Objekt der Kritik. Dass ein Nazi einen Nazi ausschalten wollte, und Rackets gegen Rackets kämpften macht noch keinen antifaschistischen Widerstand. Stauffenberg war am Vernichtungfeldzug ideologisch wie militärisch beteiligt.

„Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohlfühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.“

Claus Schenk Graf von Stauffenberg in einem Brief an seine Frau Nina aus dem besetzten Polen

Dass einem derart denkenden erwachsenen Menschen auf einmal in den Sinn kommt, er habe 4 Jahre lang einen ungerechten Krieg geführt, ist unglaubwürdig. Stauffenberg wollte mit dem Tode Hitlers den Krieg gewinnen, und wenn das bedeutete ihn zu beenden. Im Juli 1944 war der Krieg verloren und ein Großteil des europäischen Judentums vernichtet. Die Vernichtungsmaschinerie Auschwitz lief noch ein halbes Jahr weiter. Zu lange, als dass man nicht auch einen Frieden mit einem Stauffenberg-Regime in Erwägung hätte ziehen müssen. Darum geht es dem Stauffenberg-Kult nicht. Juden spielen keine Rolle bei der Glorifizierung. Es interessiert das Ansehen Deutschlands. Sonst nichts.

Kulturindustrie wird in Deutschland, wo DDR-Fernsehen und Volksempfänger zu lange wirkten, immer noch primär volkspädagogisch missverstanden. Die Vergangenheit wird als Volkseigentum betrachtet, die somit auch nur im Namen des Volkes besprochen werden dürfe. Politisches und Privates wird nicht mehr getrennt, das heißt, nur dann, wenn ein Volksheld wie Günter Grass ernsthaft zur moralischen Kasse gebeten werden müsste.

Valkyrie wird primär Entertainment. Wer Aufarbeitung der Vergangenheit will, muss sich mit ernsthaften Dokumentarfilmen und Büchern aufhalten. Wer schon akzeptiert hat, dass der nationalsozialistische Vernichtungskrieg durch die kulturindustrielle Bearbeitung Angstlust und Spannung erzeugen, und überdies Millionen in die Kassen deutscher Filmunternehmen spülen sollen, macht sich mit der Klage über die reaktionäre Gesinnung eines Hauptdarstellers lächerlich.

24.7.07 12:21


Die Simpsons als Film: Zwischen Speerspitze der Aufklärung und Entertainment

Der neue Simpsons-Streifen ist genial. Mit Abzügen. Schöpfte die Serie vor allem aus der Kongenialität der running gags und Stereotypien, die erst im Gesamtkunstwerk Bedeutung erhalten, steht der Film vor der schwierigen Aufgabe, einerseits als monolithischer Block für sich selbst zu stehen und andererseits der Serie gerecht zu werden. Daraus erklärt sich die zentrale Rolle der Kernfamilie und das Aussparen von Randfiguren, die auf dem begrenzten Raum nicht weiter eingeführt werden können und darum nicht mal als Statisten auftauchen. Apu, Duffman, Krusty kommen in jedem Fall viel zu kurz. Springfield im Film ist primär die Familie Simpsons und der Mob Springfield. Sonst nichts.

Daneben wimmelt es von Ungereimtheiten, die nicht wie in einer Serie als Widersprüche bestehen bleiben, sondern lediglich Ratlosigkeit erzeugen. Wie erklärt sich Barts plötzliche romantisch-homoerotische Hinwendung an Ned Flanders? Wieso ist auf einmal Thema, was in den Serien gerade durch die konsequente Nichtthematisierung einen Witz entfaltete: das Würgen Barts?

An solchen Stellen versucht der Film Antworten auf Fragen der Serie zu geben, denen sich die Serie verweigern würde und dürfte. Der Zwang, ein konsistentes Produkt abzuliefern steht gegen die Versuchung der surrealistischen Revolte, der Doppelreflexion auf den Zuschauer, die teilweise angdeutet ist: "Ihr Hohlköpfe zahlt für etwas, was ihr umsonst haben könntet!" oder "Ich darf diesen Film nicht illegal downloaden."

An einigen Stellen verrät der Film dann doch etwas subtiler Wahrheiten aus der Serie über die Serie. Wenn Homer zum Beispiel zu Beginn auf Neds Ankündigung eines Bekenntnisses in der Kirche die Finger kreuzt und "bitte schwul, schwul, schwul" murmelt, offenbart er nicht nur den Wunsch nach einem homophoben Gelächter sondern auch sein innerstes Interesse: Homer wünscht sich Ned Flanders schwul, um daran teil zu haben. Aus dieser verdrängten Homosexualität heraus erklärt sich auch die Hassliebe zu Flanders, das ständige fetischistische Behalten von Gegenständen auf der einen und das stete Abwehren von Flanders nur zu oft als erotisch dargestellter körperlicher Präsenz.

Dass Homer homosexuelle Seiten hat, ist kein Geheimnis. Dass dadurch seine Beziehung zu Flanders erklärt wird, ist meines Erachtens Absicht des ohnehin psychoanalytisch aufgeladenen Films. Maggies Flucht durch das Loch beispielsweise ist eine eindeutige Geburtsszene, die Maggie, die Unerwünschte, der Unfall, der auf Autonomie angewiesen ist, um nicht unterzugehen, so oft als möglich nachspielt und darauf aufmerksam macht: Indem sie sich Marge zeigt und an einer zweiten Stelle, als sie im Baumhaus die Simpsons darauf aufmerksam macht, dass sie durch das Loch fliehen kann, ergo geboren worden ist.

Homers sodomitische Hinwendung zum Schwein ist nicht nur nicht koscher, sondern offenbart auch sein Verhältnis zu sich selbst. Er selbst liebt das Schwein in ihm, das Marge bekämpft, aber doch auch lustig findet: "Du hast gekichert, ich darf es behalten!" Von zentraler Bedeutung ist der Satz: "Ihr dürft es nicht schlachten, es hat eine Mütze auf." Der im Fleischkonsum aufscheinende Kannibalismus wird durch Insignien der Menschlichkeit aufgereizt und allein Homer stellt sich diesem Kannibalismus am Menschlichen im Tier entgegen, wo er sonst noch alles in oraler Gier verschlingt. (Wir wissen übrigens, dass seine Mutter ihn verlassen hat). Die Identität von Homer und dem Schwein wird in der Siloszene bekräftigt, als Homer betont, er habe mitgeholfen es zu füllen. Homer ist ein Schwein mit Mütze, ein triebgesteuertes Tier mit einem tanzenden Äffchen im Gehirn, und genug Restzivilisation, um ihn als wahren Menschen erkennbar zu machen. Diese Restzivilisation, das Silo, das seine Exkremente einkerkert, droht überzulaufen und muss entsorgt werden: Als Triebabfuhr. Der Phallus, das kotgefüllte Silo, wird in einem inzestiösen Akt im See, dem Muttersymbol im Traume, versenkt. Aus dieser Verbindung entspringt als Kastrationsdrohung ein Totenkopfsymbol und später ein Monster, das Eichhörnchen mit den vielen Augen, Quell der Kuppel.
Homers erotische Fixierung auf das ihm äußerliche Schwein ist nur ein fasziniert narzisstisches in den Spiegel blicken: Durch den Kuss allerdings würde er wie Narziß sterben, er bedarf Marge als stets korrigierendem Realitätsprinzip: Marge macht die Mütze seines Schweines aus, und sobald er Marge, also seine Mütze, verliert, wird er von Eisbären und Schlittenhunden angefallen, steht als Tier anderen Tieren zum Fraß bereit. Und sobald er Marges Rat, bzw. Marges Kastrationsdrohung nicht Folge leistet und trotzdem seinen Trieben Abfuhr bietet, rächt sich ein religiös-naturhafter Zusammenhang an ihm. Er wird wie das Schwein zum Gejagten.

Kernthema des Filmes ist der totalitäre Umschlag der Ökologiebewegung. Von Lisas Grassroot-Movement zu der totalitären Aktion mit der Kuppel ist es im Film nur ein kleiner Schritt. Das Eigentinteresse am Umweltschutz ist kein irgend vermittelbares, Green Day hat das schlichte Interesse, nicht unterzugehen, was ignoriert wird. Der grüne Tag geht schmalzigen Violinenklängen folgend unter. Der Angriff aufs Private, den die Umweltbewegung leistet, wird, sobald an den Staat überantwortet, zum entgrenzten Wahn, zur religiös aufgeladenen Katastrophe. Wo Lisa das Unmögliche einfordert, Verzicht und Ordnung, wird durch die Kuppel das hedonistische Moment, Springfield, aus den USA gleichsam verdrängt. Ohne dieses hedonistische kann aber weder Springfield noch die USA bestehen, und Homer als Hypostasierung des hedonistischen Prinzips ist der einzige Retter, der die Trennung zwischen Springfield und den Schwarzeneggerschen USA aufheben kann. Die Versöhnung bleibt außen vor, Maggie eliminiert den wahnhaft totalitären Anspruch, die infantile Vernunft, narzisstische Projektion, obsiegt über das notwendig wahnsinnige Produkt objektiver und widersprüchlicher Zwänge.
Der "Unfall" war doch zu etwas gut, Maggie als das Nichtidentische, das keinen Begriff hat, kein Wort sagen kann, erweist sich als notwendig, weil als einziges außerhalb der Zwänge stehend: Maggie ist die einzige, die aus der Kuppel herauskommt. Tief zu graben kommt niemandem in den Sinn, denn das hieße kreativ Analyse zu betreiben statt Interpretation, für die Marge steht: Marge deutelt und gewinnt Befriedigung aus dem Eintreffen der Zeichen, kann aber nichts unternehmen, weil sie sich taub macht gegenüber den Verhältnissen und nicht aufbegehrt. Lisa betet Wissen nach, ist aber ebenfalls nicht in der Lage, es so zu verknüpfen, dass ihr die gesellschaftlichen Mechanismen aufgeschlossen werden und sie Zugang erhält: Ihre Hinwendung ist erotischer Natur und Suche nach Aufmerksamkeit. Allein Maggie und Homer stehen im Teamwork zur Versöhnung an: Vernunft und Lustprinzip, erwachsene Infantilität in Mannssstärke und infantile Autonomie.

In der narzisstische Isolation kann Homer nur schwelgen, solange er ein gesellschaftliches Individuum bleibt, in der diese Isolation sich auf etwas anderes bezieht, gegen etwas revoltiert. Wird die Isolation praktisch und real, offenbart sich die Abhängigkeit. Jeder Mensch ist nur durch einen anderen: Das ist der afrikanische Ubuntu-Humanismus, dessen negative Wendung laut Adam Ashforth in Bezug auf den Hexenglauben ist: Weil ich nur durch andere bin, habe ich von diesen auch das meiste zu befürchten, weil ich dann durch andere auch nicht mehr bin. Diese Negativität wird augenfällig, als der Mob Homer lynchen will und als andere Möglichkeit in der unlusterzeugenden Isolation in Alaska nach Abzug der Restfamilie.

Springfield ist nicht zur Revolution in der Lage. Tritt ihm ein äußerer Reiz gegenüber, sucht es den Auslöser, aber nicht die Ursache. Es kann Aggression nur nach innen wenden, einen gewaltförmigen Ausschluss erzeugen. Wo alle an der Verschmutzung des Sees mitgewirkt haben, ist Homers Schwein das, was den Hass auf sich zieht. Die faschistoiden Zombies können nur gegen Mauern anrennen und auf Reize reagieren, analysieren können sie nicht und darum kommen sie auch nicht auf die Idee zu graben. Daher ist Ned Flanders auch keine Alternative zu Homer, denn im Kleinen ist er grausamer als Homer je zu Bart. Wenn er zu Todd (?) sagt, er habe die Haare des Teufels, ist das eine furchtbarere Rache für den Wunsch Todds nach einem abenteuerlicheren Vater.

Ein letztes Aufflackern des interpretierenden Fragments wendet sich hiermit auf eine zentrale Szene: Homer peitscht die Hunde: "Rennt, Rennt, Springt, Springt, Rastet, Rastet." Das ist das kapitalistische Prinzip par Excellence, das selbst die Rast, das Ausruhen unter dem Zwang der Peitsche zur Unlust wendet. Wollüstig kann sich daher der Zuschauer in den Hunden identifizieren, sobald sie auf den peitschenschwingenden Homer losgehen und Rache üben.

Wenn nun Maggie im Abspann doch ein Wort sagt, ist das erstmal kitschig und unnötig. Das Versprechen auf eine Fortsetzung ist im Film allerdings schon einmal aufgetreten, um dem nicht eine Bedeutung zuzumessen. Die Fortsetzung verweist auf die mangelnde Versöhnung: Der Konflikt geht weiter, die Geschichte wird sich als Farce der Farce wiederholen, weil ihre objektiven Bedingungen nicht bewältigt sind.

Nachtrag:

Keinesfalls geht es in dem Simpsons-Film noch mir darum, die Ökologiebewegung, verkörpert in Lisa und ihrem perfekten Lover, mit der totalisierenden Tendenz gleichzusetzen. Lisa fürchtet nicht die Katastrophe, die Marge aus den Zungen von Abe lesen will, und die der wahnsinnige Beamte entfacht. Das Zuschlagen der Türen zeugt von Abwehr, die eine zwiespältige ist, denn einerseits folgt sie dem hedonistischen Prinzip, andererseits lassen sich darin bereits typische Elemente der Entsolidarisierung und des Desinteresses bemerken, wie sie für die Faschisierung des Bürgertums maßgeblich sind. Was Lisa macht, ist Zahlen nachbeten und damit ein Wissen zur Schau zu stellen, das den Leuten ihre Beschränktheit vor Augen führt. Der Affront gegen Lisa ist ein antiintellektualistischer. Lisa dagegen macht sich taub gegen Psychologie. Erst der autoritäre Eingriff des Bürgermeisters kanalisiert die Abwehr in Rationalisierung und organisiertes Handeln. Das dann nicht frei von pathischen Projektionen ist, ein Tabu wird aufgerichtet, Homer verletzt es und setzt die Rache eines schicksalhaften Zusammenhangs in Gang.

Ein Kritikpunkt meinerseits ist die nachlässige Verwendung des Gaswagens. Wer um den einstigen Verwendungszweck ähnlicher Wagen weiß, hätte solches nicht mal eben als lustig-spannendes Mittel eingefügt.

28.7.07 10:57


Mob action - pure reaction.

„Was ist nur aus uns geworden. Wir haben das Wort Mob zu einem Schimpfwort gemacht.“ (Dr. Hibbert, The Simsons)

In gewissen linken Kreisen erfreut sich derzeit das trendige Label „Mob Action“ großer Beliebtheit. Gürtel, Hip-bags, T-Shirts, etc. füllen die Kleiderschränke der modebewussten Black-Block Schönheiten. Eine Antifa in Marburg gab sich schon vor längerem konsequent den Namen „Stressmob“.

Das Bedürfnis, den Verhältnissen auf den Leib zu rücken assoziiert sich dabei den Verhältnissen selbst bei, kopiert dessen innerste Gesetze und schmiegt sich mimetisch an das von ihnen erwartete an. Erwartet das Kapital die Vergleichbarkeit der Arbeit ohne Ansehen der individuellen Anstrengung, setzt es die Bürger als abstrakte Rechtssubjekte gleich, treten diese konformistischen Revoluzzer gegen das an, was sie noch an den Zwang im Gleichen erinnert: Das Besondere, die Besonnenheit des Individuums. Dagegen setzen sie wildes Geschrei, die Lust am chaotischen Zertrümmern, die nur sein kann, wenn gewiss ist, dass die Straße am nächsten Morgen für den öffentlichen Nahverkehr zum nächsten blitzesauberen Burger King wieder bereinigt wurde.

Man atmet lüstern den Rauch von Pogromen, den Blutgeruch der Barrikaden, die man von je lieber stürmte als verteidigte. Das Mobbing gesellt sich dem Mob rasch bei: Wer in der linken Szene auffällig wird, ist schnell als Un-pc geoutet und erhält mal hier Hausverbot, mal da feindselige Blicke. Die Zusammenrottung des Pöbels, stets bereit auf das nächste Zeichen von Schwäche loszuschlagen, gerät allein aufgrund des Hauchs von Bewegung in starren Verhältnissen zum Sympathieträger und offenbart dabei das Verharren in der Starre. Sich spröde zu machen gegen derartige Coolness, aufzubegehren gegen das nihilistische Aufbegehren, sich der Verweigerung von Individualität zu verweigern ist erste Grundübung auf dem Wege der Emanzipation.

30.7.07 19:32


Die taz fällt ins Sommerloch - heraus kommt Bild ohne Farbe.

Am 18.7.2007 wollte die taz mal richtig auf die Kacke hauen und den Leuten die explizite Wahrheit "Vom trügerischen Reiz des Rugby-Bullen" verzapfen. Urs Wälterlin plaudert da wie Wagner aus dem Nähkästchen und man weiß sofort, wenn ein Autor "Immer wieder" verwendet, war er zu faul zum Recherchieren und projiziert seine randständige Erfahrung als Allgemeines, erhebt sich quasi zur Autorität in Sachen Lebensweisheit.
 
Das Objekt Wälterlins: Australische Rugby-Spieler. Die sind "120 Kilo schwer, haben Oberschenkel wie Baumstämme, kurz geschorene Haare und eine eingedrückte Nase." Widerliche Leute also, allesamt, aber schlimmer noch: "Und sie sind Objekt der Begierde - zumindest für gewisse deutsche Frauen."
 
Das gewisse deutsche Flittchen lässt sich also zur Rassenschande herab? Das empört den taz-Leser doch sehr am Frühstückstisch. Was man nicht sofort bemerkt: Der Nachtrag auf die lose deutsche Schlampe soll davon ablenken, dass eventuell beim Autor selbst ein Fünkchen Begierde mitwest und die homophobe Abspaltung bedingt.
 
"Immer wieder sehe ich dasselbe Szenario: Eine junge Deutsche kommt als Touristin nach Downunder und verliebt sich in einen dieser Hühnen."
 
Wälterlin hat also romantische Halluzinationen, die junge Deutsche fungiert dabei als Identifikationsfigur, wie in jedem guten Porno sowohl Mann als auch Frau als heimliche Projektionsfläche der bisexuellen Neigungen angeboten werden. Das Wort "Downunder" soll nochmal die Verkehrung betonen, die einer solchen quasi inzestiösen Verbindung innewohnt. Dass deutsche leichte Mädchen sich "Downunder", die sexuelle Konnotation des Wortes wird in Pornos ebenfalls reichlich genutzt, in australische "Rugby-Bullen" verlieben, stellt die Verhältnisse auf den Kopf, ist ja schon fast: Sodomie.
 
"Der Mann fürs Leben", sagt sie und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um bleiben zu können. Ein halbes Jahr später reist sie fluchtartig wieder ab - mit dem Schwur, nie wieder einen Fuß in das Land der Barbaren setzen zu wollen."
Das Land der Barbaren ist Australien also, die Hölle wird dem deutschen Mann heiß gemacht, wenn die deutsche Frau dort partout bleiben will.
 
"Austauschstudentin Corina" wird zu dem anscheinend seuchenartig um sich greifenden ["gerade wieder musste ich eine solche Szene miterleben"] Phänomen befragt, weil Austauschstudentinnen sich mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten und Sexualpartnern auskennen. Sie tut ihren Job als verdorbenes Paradeflittchen:
 
"Er ist ein richtiger Mann", antwortet sie. Diese Aussage muss den gefühlsbetonten, intellektuellen, kulturbewussten Mitteleuropäer tief treffen. Da kämpft der Europa-Softie Wochen lang vorsichtig um die Gunst der modernen Deutschen - und dann kommt so ein "Bulle" und erobert sie am ersten Abend."
 
Reflektiert Urs hier etwa sein Problem? Nein, die Ironie ist durchaus augenzwinkernd affirmativ. Sie drückt den Wunsch aus, selbst zu dem zu werden, was man dem Rugby-Spieler unterschiebt: sich einfach nehmen, was begehrt wird, die Frau will das schließlich so, sie hat es ja auch mit diesem schon an der Statur als Vergewaltiger erkennbaren Macho getrieben. Trotzdem liebäugelt Wälterlin damit, ein typischer Europa-Softie zu sein, kulturbewusst gar. Merkwürdig, dass zumindest ich drei Frauen kenne, die unter gewalttätigen deutschen Ehemännern leiden, dass hierzulande virtuell alle Mittfünfziger hoffnungslose Patriarchen sind, die allenfalls mal nett zu ihrer Frau sind, wenn sie die Angst vor der eigenen Unselbstständigkeit packt.
 
"Tatsächlich scheint es die rohe, primitive Art vieler australischer Rugbyspieler zu sein, die auch sonst wählerische Frauen fasziniert."
 
Diese Frauen soll einer verstehen. Einem Adonis wie Wälterlin wird hierzulande keine aufblasbare Gummipuppe "Urs" gewidmet, aber so einem kurzgeschorenen Affen mit eingedrückter Nase laufen sie hinterher wie eine läufige Hündin.
 
Dabei "vergeht keine Woche, in denen Zeitungen nicht über Verfehlungen von Spielern berichten. Fahren im Suff, Prügeleien, Drogen, Grapschereien, sexuelle Belästigungen."
 
Wenn das so ist, denkt sich Wälterlin, wird er gleich morgen mal ordentlich koksen, im VW-Polo cruisen gehen und alles angrabschen, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Die wollen das doch so, denkt sich der beleidigte Wälterlin und fängt eine Schlägerei mit dem nächstbesten Fünftklässler an, der seinen Kaugummi nicht ausspucken will.
 
"Vor einem halben Jahr war dem halben Team von Profispielern aus Sidney vorgeworfen worden, eine Frau vergewaltigt zu haben - einer nach dem anderen."
Wälterlin verkneift sich gerade noch, die genauen Stellungen auszumalen, stellt sich wohl mental mit in die Reihe, um auch was abzubekommen, denn unerhörterweise: "Nach einiger Zeit wurden die Vorwürfe fallengelassen."
Da ist man sein Lebtag gut und redlich, und hat aber auch nix davon. Straffrei vergewaltigen, das geht in Australien, dem verbotenen Land der verbotenen Träume.
 
"Australische Clubs wenden ungeheure Mengen Geld für PR-Kampagnen auf, um das Bild von Rugbyspielern als "Helden" aufrecht zu erhalten. Denn Abermillionen von Sponsorengeldern stehen auf dem Spiel."
 
Wenn der deutsche Mann nicht weiter weiß in seiner Not, schimpft er auf das Geld, bevorzugt das in fremden Ländern.
"Psychologen" erklären mit Wälterlin das Phänomen: Gruppendruck, ein geringer Bildungsstand, Machokultur. Was Wälterlin akzeptieren kann, ist dass diese Menschen dumme Sexisten sind. Was er nicht akzeptieren kann, ist, dass die hübsche Austauschstudentin Corina, für die "schon das Aufschrauben einer Colaflasche für einen Mann ein Zeichen von Unterwürfigkeit" ist, sich trotzdem "mit Clark" einließ, "dem Rugbyspieler."
 
Clark hat wie alle australischen Rugbyspieler anscheinend pflichgemäß diverse Gruppenvergewaltigungen, Prügeleien, Drogenexzesse hinter sich. Kann ja gar nicht anders sein. Die Nutte Corina aber will Wälterlin nicht mal eine Colaflasche aufschrauben (früher sagte man: "einen von der Palme wedeln" oder ähnliches) aber mit Clark (schon der Name) bumsen, dass sich die Balken biegen. Skandal. Von der taz aufgedeckt. Einen Titelblattverweis wert! Etwa "Australischer Bulle vögelt Austauschstudentin. Skandal: Deutscher geht leer aus!" Ganz so explizit hat sich die taz nicht getraut. Das Original lautet:
 
"Rugby-Bullen. Immer wieder fallen deutsche Mädels auf die stämmigen Spieler in Australien herein. Warum das so ist: Seite 10."
Eine Moral für den Leser musste Wälterlin allein wegen des Titelverweises doch noch bringen:
 
"Nach langem Fragen wird klar: Es ist der Sex, der fasziniert."
 
Merkwürdig, antwortete sie doch in Spalte 1 schon unumwunden: "Er ist ein richtiger Mann." Wälterlin darf allerdings befriedigt von dannen ziehen:
 
"Doch auch die heißeste Nacht am Strand verliert schnell an Reiz, wenn man danach nur über turbogeladene Autos und saufende Kumpel sprechen kann - und Rugby. So ist auch Corina inzwischen wieder zurück in Berlin - verlobt mit einem Deutschen."
 
Anständig geworden ist sie nach dem Primitivling, statt Sexorgien also die Verlobung, deutsche Zucht und Ordnung, kultivierte Gespräche über das Weltklima, Fussball und die Dummheit der australischen Riesenlümmelträger mit ihren "turbogeladenen Autos", wo doch Wälterlin nur einen VW-Polo oder Ähnliches fährt.

31.7.07 10:28


s



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