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Islamisten fliehen aus Somalia

Somalias Islamisten wurden weitgehend aufgerieben und haben ihre letzte Stadt - Kismayo - verlassen. Ein bisschen des Selbstwertgefühls wegen (und zwecks möglicher Verhandlungsbasis) protzen sie noch mit Guerrillakrieg, den sie, nunmehr abgeschnitten von ökonomischen Zentren weiterführen wollen. Vielleicht schaffen sie es mithilfe des Irans und den von der Hisbollah ausgebildeten somalischen Milizen ein wenig Unruhe zu stiften. Anders als in Afghanistan und Irak wird sich dies wohl auf ein paar kleinere Regionen beschränken und dort entsprechend kontrollierbar sein.

Verwechselt wird in den Prognosen der "Experten" ein weiteres Mal Guerrillakrieg mit Terrorismus. Guerrillakrieg zielt in erster Linie darauf ab, gegen militärische Einheiten durch intensive Bindung an die Bevölkerung und genaue Ortskenntnis militärische Erfolge bis hin zur Machtübernahme eines in seinen Institutionen intakten Staates zu erzielen. Der Terror im Irak hat mit Guerrillakrieg wenig gemein, er zielt auf die Vernichtung von Bevölkerungsgruppen, richtet sich wenig oder kaum gegen militärische Ziele und nicht zuletzt zielt er primär auf Unregierbarkeit, auch wenn das auf Kosten der eigenen Versorgung geht.

Somalias Präsident Gedi fordert indes eine UN-Friedenstruppe, um die Sicherheit wiederherzustellen. Irgendwie ein Paradoxon.

Abzuwarten bleibt, was das angrenzende Kenia mit den versprengten Islamisten anfängt. Ausgerechnet der Kriegstreiber Eritrea warf den USA vor, Kriegstreiber in Somalia zu sein. Äthiopien will sich binnen zwei Wochen aus Somalia zurückziehen. Der rasche Abzug wird einerseits durch den latenten Antiäthiopismus in Somalia begründet, sehr viel mehr muss sich Äthiopien aber auf eine Aggression Eritreas vorbereitet wissen.

Somalianews.com

Aktuelles:

Kenia macht die Grenzen für die rund 3000 fliehenden Islamisten dicht. Die äthiopische Luftwaffe bombardierte aus Versehen ein kenianisches Dorf. In der somalischen Übergangsregierung geht der Streit los. Äthiopien will sich aus finanziellen Gründen zurückziehen. Uganda will 2000 Soldaten für eine AU-UN Mission bereitstellen. Die EU   möchte lieber nicht. Währenddessen tötete angeblich ein Selbstmordattentäter in Somalia zwei äthiopische Soldaten. In der Times wird die Intervention Äthiopiens mit der Tansanias gegen Uganda verglichen. Nach Angaben der Islamisten befinden sich 3500 versteckte Islamisten in Somalia. Es dürfte eher zutreffen, dass es ziemlich viele nicht geschafft haben. Inwiefern diese als inoffizielle Kombattanten tätig werden, oder lieber doch mal einen Playboy am Kiosk holen, ist offen. 

Die Mentalität eines Somali wird dann doch recht nett an folgendem Kommentar deutlich: "we will kill ur people one by one watch it will be another iraq for aids infect ethiopia i promise u this is not over i promise"

Kenia hat zu solchen Leuten eine klare Meinung:  

"No armed individual or group can enter our country or be allowed to compromise its security," local Kenyan police commander Johnstone Limo told Reuters by telephone. "We shall stop them, arrest them and, if necessary, fight them."

 

2.1.07 15:00


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MTV, internationale Aufklärungszentrale!

Irgendwie verdammt abgeklärt von MTV zwei Tage nach dem Tod Saddams "Southpark - der Film" in den Äther zu senden. Er selbst wurde ja noch vor seinem sogenannten "unfairen Prozess" mit dem Film gefoltert.

3.1.07 14:15


Freud revisited?


Goya: Bildquelle

Das Freud-Jahr 2006 ist vorüber, und nach all den übereifrigen pflichtbewussten Hagiographien in Hochglanzmagazinen, schlechten Zeit-Hörbüchern und gänzlich ungebildeten Polemiken gegen die Psychoanalyse hat man nun endlich Zeit, sich ein wenig älteren Veröffentlichungen zu Freud zuzuwenden. Mit eine der besten davon ist 1984 erschienen: „Was hat man dir, du armes Kind getan?“ Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie, von Jeffrey M. Masson. 336 flott lesbare Seiten bei Rowohlt.
 
Masson zeichnet in bestechendem Skeptizismus und Stil den Wandel in Freuds Verständnis von den die Hysterie bedingenden Traumen in der frühen Kindheit sowie die äußeren Umstände, die zu diesem Wandel beitrugen, nach. Freud hatte in seinem Aufsatz „Zur Ätiologie der Hysterie“ von 1886 noch die Ansicht vertreten, dass die Ursache für Hysterie zumeist sexuelle Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit sei. Diese Auffassung brachte ihm trotz der in der gleichen Zeit vorgelegten kriminologischen Untersuchungen zum Gegenstand kollektive Ablehnung der Kollegen bei. Insbesondere Fließ, von dem er intellektuell wie emotional abhängig war, spielte eine entscheidende Rolle in der Abkehr von dieser Meinung. Fließ’ Obsession für Nasenoperationen als Alternative zur Psychoanalyse führte dazu, dass Freud ihm seine erste Patientin, Emma Eckstein, aus höchst fahrlässiger Loyalität überließ. Fließ verpfuschte sein Experiment, Emma schrammte knapp am Tod vorbei, weil Fließ einen halben Meter Gaze in der Nase „vergaß“.
 
Aus dem Bedürfnis, seinen Freund für dieses (psychologisch wohl als Attentat auf weibliche Konkurrenz zu verstehendes) „Missgeschick“ zu entschuldigen, widerruft Freud seinen Glauben an die Wahrheit der von Patienten erzählten Geschichten und führt ab diesem Punkt die Komplikationen (Nachblutungen, etc.) wie Emmas Berichte über sexuellen Missbrauch auf Projektion und Phantasien zurück. Wunsch nach Liebe und Angst vor Gewalt werden vertauscht. Fortan spielen weder sexueller Missbrauch noch irgendein Verhalten von Eltern eine große Rolle in der psychoanalytischen Theorie Freuds. (Was übrigens jedem Laienleser auffallen wird).
 
Freud selbst führt bis zu diesem Punkt noch seine eigenen Kindheitserfahrungen an, um die Rolle der sexuellen Gewalt zu verteidigen, berichtet mehrfach von üblen Erinnerungen in dieser Hinsicht. Später tut er dies nicht mehr. Masson legt aufgrund von Robert Fließ’ analytischen Ergebnissen und Stellungnahmen nahe, dass Wilhelm Fließ seinen Sohn just in der Zeit missbrauchte, als Freud von ihm Bestätigung für seine Theorie suchte, und dass Wilhelm Fließ aus diesem eindeutigen Grund mit allen Mitteln von der „Ätiologie der Hysterie“ abbringen wollte. Erst der Widerruf der herausragenden Rolle der sexuellen Gewalt für die Hysterie brachte Freud laut Masson den Erfolg, den er bis zu seinem Lebensende unter mehr oder weniger illustren Gefolgschaften aufrechterhalten wollte.
Der Versuch Ferencszis, mit seinem letzten Vortrag 1932 die vorherrschenden Widerstände gegen die Wahrheit der Patientenberichte zu überwinden, wurde von Freud selbst mitvereitelt. Masson konstatiert eine bis heute verquere Haltung der psychoanalytischen Prominenz gegenüber kritischer Forschung zur sexuellen Gewalt in der Kindheit und Freuds Umgang damit. Weder zu Freuds Zeit noch danach habe je eine ernsthafte wissenschaftliche Widerlegung der Ätiologie stattgefunden, Bashing und peinliches Schweigen seien alleinige Reaktionen auf Forschungen in diese Richtung gewesen. Bei Freud selbst findet sich ein ums andere Mal lediglich der Verweis auf die „Unwahrscheinlichkeit der Häufigkeit solcher Vorkommnisse“, wie sie seine Patienten schildern, die ihn zur Aufgabe der „Ätiologie der Hysterie“ bewegt habe.
 
Masson überzeugt durch klare Beweisführung und kompetentes Wissen um die psychoanalytische Bewegung. Es entsteht nicht der Eindruck, als sei Masson ein prinzipieller Gegner psychoanalytischer Annahmen.
Wenig Klarheit entsteht leider darüber, welche Konsequenzen für die psychoanalytische Theorie eine Rückkehr zur „Ätiologie“ tatsächlich hätte. Es hat den Anschein, als seien allein die gesellschaftliche Abneigung und individuelles Schamgefühl dem Phänomen der sexuellen Gewalt gegenüber maßgeblich für die Widerstände. Von meinem Standpunkt aus vermag ich schlecht zu beurteilen, inwieweit Masson verkürzt oder verfremdet und welchen konkreten Annahmen er widerspricht. Allein aufgrund des Stils und der zahlreichen Zitate halte ich seine Schlüsse weitgehend für bedenkenswert und sehe dadurch auch weder Freuds spätere Theorien zur infantilen Sexualität wie zum Ödipuskomplex in Frage gestellt. Aus Frustration über Kündigung und Ablehnung wendete sich Masson später mit "against Therapy" komplett gegen Psychotherapie und wendete sich seither zahlreichen Tierpsychologischen Themen zu. Gerade dieser etwas merkwürdige Wandel lässt Masson selbst etwas fragwürdiger erscheinen.
 
 
Einen neueren Versuch einer Verteidigung von Freuds Hinwendung zur Kraft der Phantasie leistet David Signer mit "Konstruktionen des Unbewussten: Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht." (1998)
Signer hat eben jene Abwendung Freuds von konkreten, realen Ereignissen in der Kindheit zum Thema. Für Signer ist dies ein positiver Schritt, weg von Determinismus und Positivismus unilinearer psychoanalytischer Modelle. Die Neurose wie das Unbewusste speise sich nicht aus eindeutig lokalisierbaren realen Geschehnissen wie dem sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Ethnopsychoanalyse versuche bei Parin/Parin-Mattheys Versuch über die Agni dagegen eine Kolonialisierung des Es zu betreiben und aufgrund von durchsichtigen Übertragungen in der Fragestellung primär Theorie absichern und verifizieren, nicht aber auf das Fremde, Unbewusste wirklich sich zugunsten des Subjekts einzulassen. Die Hinwendung zum Materialismus bei Parin/Parin-Matthey gründe in einen Positivismus, der mittels ökonomistischer Reduktion die Kontingenz psychologischer Prozesse auf einfache Formeln der Kindeserziehung oder der Produktionsbedingungen zurückführen wolle. Freud ist für Signer ein Verfechter des Unbewussten, er lasse sich nicht zu solchen normativen und positivistischen Projekten, die gar "alles zu verstehen trachteten" hinreißen.
 
Signer greift in seinen zumindest intelligenten Tiraden gegen eine "totale" Wissenschaft fehl, weil er nicht den kategorischen Imperativ Adornos mitdenkt. Wissenschaft über den Menschen darf nicht länger in Experimenten herumspielen, sie muss auch bei beibehaltener Absage an ein totales Verständnis wie es der Positivismus vorgaukelt zumindest ein normatives Verständnis von Aufklärung haben und unter dieser Prämisse so tief zu dringen versuchen, dass der Antisemitismus wirksam bekämpfbar wird. Von daher ist die Empathie, mit der Signer ein ums andere Mal eine Verteidigung des Chaos, des Unbewussten als schützendem, nie total zu verstehenden Wert vorbringt, fehl am Platz, wenngleich er darin bisweilen der kritischen Theorie sehr nahe kommt.
 
Trotz aller Vorbehalte bleibt seine Arbeit ein glänzender Versuch, Freud neu anzuwenden und ethnopsychoanalytischer Arbeit einige kritische Denkanstöße zu geben. Daneben bietet Signer einen relativ dichten Überblick über strukturalistische und poststrukturalistische Psychoanalyse, die er teils mit in die Kritik einbezieht, auf der er jedoch viel öfter in gar nicht unspannender Weise aufbaut.
 
Von David Signer wurde auf diesem Blog "Die Ökonomie der Hexerei - Oder warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt" rezensiert.
3.1.07 23:49


Das Grundübel

„Das Grundübel ist die seit 1967 andauernde israelische Besetzung palästinensischen Gebiets. Die Besetzung bedeutet Entwürdigung und Entrechtung der Palästinenser. Sie lähmt ihr wirtschaftliches, politisches und soziales Leben.“
 
All diese falschen Worte verbreitet „Schalom 5767 – Berliner Erklärung“ mit bestem Unwissen und Gewissen. Nie ging es Palästinensern besser als in der Zeit der Besetzung. Sie konnten laut Ulrich Sahm, dem NTV Nahostkorrespondenten, an die israelische Küste zum Picknicken, hatten Arbeit in israelischen Fabriken und keine Hamas am Hals. Welches politische Leben hätten Palästinenser ohne ihren Hauptarbeitgeber, die UN, die im Friedensfall sich wahrscheinlich auflösen würde? Welches soziale Leben wäre möglich, wenn man nicht alle paar Wochen die frisch herangezüchteten Hamas-Guerrilleros unter Beschuss nehmen würde und so deren Zahl einigermaßen auf konstantem Level hält? Und warum soll es unter autochtonem Recht, der Scharia, den Menschen dort besser gehen?
 
Ähnlich wie das „Manifest der 25“ folgt Schalom 5767 der Fehlwahrnehmung, dass in Deutschland „zu viele“ Menschen über Israel schwiegen. Es kann sogar sein, dass in Deutschland derzeit eine der am wenigsten antizionistischen Regierungen regiert. Aber warum und wie soll eine solche Regierung im Verein mit offen antisemitischen Linksregierungen wie in Spanien und Italien den Palästinensern helfen? Noch mehr Geld in undichte Apparate pumpen und somit Sprengstoffgürtel und AK-47 bezahlen?
Schalom 5767 fordert nicht weniger:
- Die israelische Besatzungspolitik nicht länger zu tolerieren
- kurzfristig den Boykott der palästinensischen Autonomiebehörde beenden
- endlich die Verwirklichung eines lebensfähigen palästinensischen Staates ernsthaft anzustreben, in Gaza und dem gesamten 1967 besetzten Westjordanland einschließlich Ost-Jerusalems mit voller Souveränität und freiem Verkehr.
 
Kein auch nur halbwegs mit Realitätssinn ausgestatteter Mensch würde so etwas durchsetzen wollen. Wie soll es aussehen, wenn Europäer die „israelische Besatzungspolitik nicht länger tolerieren“? Ein Boykott? Ein kleines Blitzkrieglein? Und warum soll dann Europa im Gegenzug auch noch eine Regierung tolerieren, die offen und ehrlich sagt, dass sie Millionen Menschen umbringen möchte und all ihr Tun, Handeln und Denken darauf hin ausrichtet und keinen Beweis für die Ernsthaftigkeit zu bringen verpasst?
 
Diese selektive Doppelmoral, die Israel verurteilt, und im gleichen Atemzug Antisemiten mehr Rechte zukommen lassen will, macht Schalom 5767 antisemitisch. Ein palästinensischer Staat auf den gesamten palästinensischen Gebieten würde das Gaza-Phänomen in größeren Dimensionen erzeugen.
Die Vertreibung von Zehntausenden jüdischen Siedlern ohne Garantien, die Zerstörung jüdischer Kulturstätten wie seinerzeit das Jakobsgrab, und ein vom islamistischen Terror durchwestes Hinterland, in dem Rackets sich zanken, Terroristen ihre Ausbildungslager betreiben, Hobbybastler neue Kassams entwickeln und professionelle palästinensische Trauerfrauen wie immer ihre Hände theatralisch gen Himmel recken, um die Juden für all das zu verfluchen.
 
Auch ein dummer Mensch hat ein Gewissen und kann dieses gebrauchen. Die Menschen, die Schalom 5767 geschrieben haben, sind nicht dümmer als andere, wie Henrik M. Broder in der Jüdischen Allgemeinen annimmt. Genau genommen sind sie und denken sie wie alle anderen. Was in Deutschland weder verwundert noch verstört. Sondern ziemlich banal ist und kein Grund, großartige Theorien über jüdischen und nichtjüdischen Antisemitismus, Erfahrungshorizont und Erkenntnisphilosophie zu wälzen.
Während also selbst die Jüdische Zeitung vom Januar auf Seite 3 unkommentiert eine ganze Seite solchem Spleen widmet, hat CNN eine andere Taktik. Langweilige antizionistische Manifeste, in denen seit Jahren immer wieder das gleiche zu lesen ist, hat die Welt genug und keinen haut’s noch vom Hocker. „Inside the middle East“ präsentiert Antisemitismus ganz cool: „Who’s the real terrorist“ rappen DAM (Da Arabian MC's) bis zum Erbrechen in die Kameras, mischen mit Hip Hop, Tupac-Postern und, wie rebellisch, umgedrehten Mützen die arabischen Israelis ordentlich auf. Dahinter Streams aus der Intifada, ein paar Hubschrauber, Raketen, schutzlose Palästinenser, Leuchtbuchstaben auf Mauern: You can’t divide us! Das kommt doch mal fett. So macht Israel-Bashing Spaß, und nie war Hip-Hop konformistischer. Ob sie mit ihren Baggy-Pants in Palästina die Arschritze blitzen lassen dürften und gegen „Terrorismus“ singen?
 
Und weil der Kontrast es so will, kommt direkt nach den coolen Underground-Arabern ein Beitrag über uncoole Juden, die mit komischen Mützen ihre Religion voll arg krass raushängen lassen und überhaupt nicht so fette Tupac-Poster im Laden hängen haben, dafür aber schwule Röcke tragen. Die Botschaft war deutlich, danke CNN, ich schalte dann mal lieber nicht so schnell wieder ein.
 
Das einzige, was einem da noch Hoffnung gibt, ist wieder einmal die letzte Insel der Aufklärung: Southpark. Die Folge „Good Times with Weapons" ist nicht nur zum Totlachen, sondern stellt zugleich mit der Fokussierung auf Cartman den Antisemitismus als zentralstes Motiv in den Folgen heraus. Kaum noch eine Folge, in der nicht Mel Gibson für den Antisemitismus dieses kleinen miesen Scheißers herhalten muss. Na dann, Schalom Kyle!
11.1.07 22:59


Der Filznazi


„Ich denke sowieso mit dem Knie“ (Joseph Beuys)

Es ist ein alter Filzhut, der hier in Form einer universitären Kurzarbeit aufgewärmt wird. Wer schon alles weiß, kanns ja überblättern, allen empfohlen sei der Literaturtipp am Ende des Artikels.

Joseph Beuys: * 12. Mai 1921 in Krefeld; † 23. Januar 1986 in Düsseldorf

Beuys Kindheit ist von einer starken Hinwendung zur Naturbeobachtung und loser Bindung ans Elternhaus geprägt. Während der Schul- und Studienzeit wird seine künstlerische Begabung erkannt und gefördert.

1941 erfolgte nach freiwilliger Meldung die Einberufung zur nationalsozialistischen Luftwaffe. Bereits da gründete seine Weltanschauung auf einer Sympathie für spirituell-mysthische Elemente. In der Armee erfolgte der Kontakt mit Rudolf Steiners esoterisch-völkischer Ideologie, einer seiner spirituellen Führer in der Armee war der Tierfilmer Heinz Sielmann. Während des Krieges war Beuys in Sewestapol, Kroatien und bis zuletzt an der Westfront stationiert und wurde mehrfach für seinen Dienst ausgezeichnet.

Auffällig ist, dass Beuys Reflexion über das durch seinen Kriegsdienst verursachte Leid in den erhältlichen Kurzbiographien ausbleibt. Stattdessen rücken seine eigenen Krisen und Befindlichkeiten in den Vordergrund, das Opfer des Krieges ist bei Beuys primär Beuys selbst. Für seine Arbeit und sein gesellschaftliches Engagement gibt er als Schlüsselerlebnis die Rettung durch Tartaren nach seinem Flugzeugabsturz an. Weder das Leid in den zerbombten russischen Städten, das er zumindest aus der Luft bezeugt haben muss, noch das von den Deutschen verursachte Elend an der Westfront, das er mit eigenen Augen gesehen haben muss, noch die alltäglich in den Äther ausgestrahlte nationalsozialistische Vernichtungswut bewirkten einen für seine Kunstkritik maßgeblichen Bezugspunkt, stattdessen steht Beuys Verhältnis zu sich selbst und zur Natur im Vorderpunkt.

Von einer Abkehr von Vorkriegsanschauungen kann nicht die Rede sein, lose stehen esoterische Weltanschauung und nationalsozialistische Kriegsmaschinerie nebeneinander, deren Vermitteltheit wird von Beuys nicht nur nicht durchschaut, sondern das esoterische Gedankengut noch als Bindemittel für die „Gesamtskulptur“, Entsprechung zur Volksgemeinschaft der Nazis, gepriesen. Bei anderen Künstlern wird zeitgleich die Ressurrektion von „missbrauchtem Volksgut“ in deutschen Mythen und Symbolen betrieben. Bis zuletzt erfolgte ein Engagement Beuys in einer der völkischen, neurechten Bewegung zuzuordnenden Ökologiepartei, der später in den Grünen aufgehenden Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher. Hier stellte sich Beuys als Abgeordneter zur Wahl.

„Also gehören Künstler auch in den Bundestag! [...] das System ist kriminell, der Staat zum Feind des Menschen geworden!konstatierte Joseph Beuys 1976. Diese Empörung steht in diametralem Widerspruch zu seiner freiwilligen Meldung im mündigen Alter von 19 Jahren zur Luftwaffe. Die Partizipation an plumpen antikapitalistischen Ressentiments, Antiamerikanismus und esoterischer Pseudowissenschaft erscheint ihm wie vielen anderen in dieser Zeit als widerständig, neu und viel versprechend. Dass es eben jener Dünkel war, der sich über jegliche wissenschaftliche Distanz zum Objekt, über die Fähigkeit zur Selbstkritik und über das Studium ökonomischer Zusammenhänge mit einfachen Parolen und narzisstisch aufgeladenen Symbolen hinweg hebt, der die Regressivität deutscher Vergesellschaftung von je bedingte, kommt in einem solchen Selbstverständnis nicht zu Bewusstsein.

Die Teilnahme an einem Wettbewerb zu einem Auschwitz-Denkmal war Aufarbeitung genug für Beuys, was aus der Ablehnung und anderen „Kriegstraumata“ folgte, war eine Depression, die vor allem das leidende Kriegsopfer Beuys in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte.
Nicht Feuer und Sprengstoff des von ihm mitverschuldeten Bombenterrors, sondern kaltes Fett und Filz, die Zeugnisse seines eigenen Martyriums werden zu Medien seiner Kunst.
Das dritte Reich gerät zum Selbstfindungstrip eines Egomanen zum Schamanen.

In diese regressive Gesinnung ordnet sich nur konsequent die Feindschaft gegen abstrakte Vermittlung ein, die Konkurrenz, Individualität und Freiheit bedingt. Beuys bietet in einer öffentlichen Aktion abgelehnten Bewerbern für ein Kunststudium einen Platz an. Beuys will 1000 Eichen pflanzen. Beuys diskutiert in Japan mit Michael Ende über die „Herrschaft des Geldes“ und Silvio Gesell. Die hektisch-zwanghafte Aktivität in permanenter Ritual- und Aktionskunst erinnert an die traurig-groteske Figur des Klassenclowns.

Am Ende dieser Ideologie steht die Regression in die Gemeinschaft, die als Gesamtkunstwerk eins mit dem Künstler wird, schlicht: Nestwärme, die jede Kritik aggressiv und phantasievoll abzuwehren weiß. Der totale Künstler Beuys ist Produkt und Produzent des totalen Krieges. Die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft sollen Beuys zuliebe fallen, um esoterischer Gehirnwäsche, anthroposophischer Pseudowissenschaft und einer - historisch und logisch - stets in Antisemitismus mündenden Zinsfeindschaft und Geldfeindschaft zu weichen.

Der Volksentscheid solle über den volksfremden Parlamentariern stehen, die Legende vom parasitären Staat und dem guten, reinen, deutschen Volk, das mehrheitlich nichts Böses entscheiden könne, taugt zur Freisprechung von selbst verantworteten Verbrechen.

Dieses Entgrenzende, Verschwimmende, Naturmystische hat nicht nur Einfluss in Beuys künstlerisches Werk, das seiner eigenen Theorie gemäß nie von seinen übrigen Tätigkeiten und Gesinnungen abzutrennen ist, der Einfluss ist sein Werk selbst. Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst steht die "rote Rose des Volksentscheides", mehr vor dem Ausbruch als vor Diebstahl gesichert durch Vitrinenglas. Hier wälzen sich "Lehmlinge" als anthroposophische Erdwesen um den Blitzschlag, das Todesenergiesymbol neben dem Beuys'schen Christussymbol des Hirschen mit einer zugegeben fantastischen Raumwirkung. Im Hintergrund ertönt die Klanginstallation „Jajajaja-Nenenene“, ein lustiger, harmloser Effekt mit üblem Beigeschmack im Hinblick auf Beuys Jasagerei im Weltkrieg und dem anschließenden totalen, infantilen Aufbegehren gegen Vermittlung und Entfremdung in der BRD.

Der Hass aufs Abstrakte in Geld, Staat und Gesellschaft erscheint homöopathisch durch Abstraktion bekämpft. Die Abstraktion in Beuys Werken (wie in denen der vielen anderen esoterischen Künstlerbewegungen) bleibt jedoch eine scheinbare, sie ist vielmehr radikale Konkretion, Rückkehr in krudest denkbaren Primitivismus. Kunst wird zum Abwehrzauber, zum unverzichtbaren Fetisch einer manischen Kunstreligion, in der alles Bedeutung atmet und der kleinste Hinweis symbolistisch aufgeladen wird. Freie Assoziation des Betrachters wird unterbunden mit der Erwartung an diesen, sich gefälligst auf den urtümlichen Mystizismus zurückzubesinnen. Es gibt nur eine Deutung von Beuys Werken, und das ist seine eigene, er versäumt als Proselyt seiner Ideologie selten, sie auszuposaunen.

Das Wesen von Natur, in verkrumpelten Formen, soll zu Tage treten. Blut, auf Papier geschmiert, soll für sich selbst sprechen, Fett und Filz bleiben Inkarnationen der ontologischen Rückbesinnung auf Eigentliches, auf den Tod, auf die urtümliche Existenz, in der Schamanen zaubern und die Allmacht der Gedanken als Hypostasierung herrscht. Der tote Hase auf der Leinwand feiert sinnlos Tabubrüche in der Kunst, wo jedes Tabu doch bereits in den grauenvollen deutschen Vernichtungslagern gebrochen wurde, und es vielmehr als revolutionär gälte, Tabus gegen den Archaismus und Primitivismus der völkischen Urhorde wieder aufzurichten.

Wo schon aufgrund der Biographie Bescheidenheit und Selbstreflexion angesagt wäre, tritt das Individuum Beuys die Flucht nach vorne an, anstatt an sich selbst zu arbeiten, wird die Gesellschaft zur Collage, Gesamtskulptur eben. Gesellschaft wird zur Zwangseinheit zusammengeschweißt, das Nichtidentische, was in der begrenzten, starren Begriffswelt des Vulgärökonomen und –soziologen nicht aufgeht, unter dem Vorwand der individuellen Freiheit eliminiert, als fertiges Ergebnis stehen sinnbildlich die in Reih und Glied aufgepflanzten deutschen Eichen als Verweis auf die Versammlungsorte germanischer Keulenschwinger an einer deutschen Straße, vom mystischen Raunen der Granitstelen umhüllt. Eine Analyse eines Werkes von Beuys trifft damit notwendig an die Grenzen bloß abstrakter Erklärung von vermeintlich objektiv gültigen ästhetisch-kompositorischen Kriterien. Sie muss aus der Beschäftigung mit der Ideologie, die stets in diesen Werken kristallisiert, sich in die Abscheu des Aufklärers vor Scharlatanerie wandeln. Selbst die auf den ersten Blick durch spezifische Anordnung hervorgerufene fantastische Raumwirkung von Beuys „Blitzschlag“ verblasst angesichts der lächerlichen, infantilen Symbolik, die ihm eingestanzt ward. Die Wirkung von Komposition sperrt sich dem ästhetischen Bewusstsein, wenn die abstrakte Idee dahinter als krude, wirr und der Vernunft feindlich erkannt ist.

„Was aber wäre Kunst als Geschichtsschreibung, wenn sie das Gedächtnis des akkumulierten Leidens abschüttelte?“ (Adorno, Theodor W. (1973): „Ästhetische Theorie“. S. 387, Suhrkamp Verlag Frankfurt)



Beschreibung Beuys zu seinem (abgelehnten) Vorschlag zum Auschwitzdenkmals:

„Nach meinem Verständnis sind diese Arbeiten nicht entstanden, um die Katastrophe darzustellen, obwohl die Erfahrung der Katastrophe sicherlich zu meiner bewußten Haltung beigetragen hat. Aber ich wollte sie nicht illustrieren, noch nicht einmal als ich den Werktitel „Konzentrationslager Essen“ wählte. Der Titel sollte nicht die Ereignisse eines Lagers darstellen, sondern das Wesen und die Bedeutung der Katastrophe. Hier muß angesetzt werden (...) Die Lage, in der sich die Menschheit befindet, ist Auschwitz, und das Prinzip Auschwitz wird in unserem Verständnis von Wissenschaft und politischen Systemen, in der Delegation von Verantwortung an Spezialisten und im Schweigen der Intellektuellen und Künstler fortgeführt. Ich mußte mich ständig mit dieser Situation und ihren historischen Wurzeln auseinandersetzen. Ich meine zum Beispiel, daß wir heute Auschwitz in seiner zeitgenössischen Ausprägung erleben. Dieses Mal werden Körper von außen konserviert (kosmetische Mumifizierung), nicht vernichtet, dafür wird anderes ausgemerzt. Talent und Kreativität werden ausgebrannt: eine Art Hinrichtung im geistigen Bereich, eine Atmosphäre der Furcht wird geschaffen, die durch Subtilität eher noch gefährlicher ist."

Zitiert nach der sehr empfehlenswerten Dissertation:
Fritz, Nicole: Bewohnte Mythen – Joseph Beuys und der Aberglaube. Tübingen 2002, 211 S.


13.1.07 12:48


Aguilera again...

Bildquelle

"Les mal Marcuse, anstatt Leistungsprinzip, Zwangsheterosexualität und normative Schönheitsstandards abzufeiern" (Sagt w zu meinem Text über Christina Aguilera )

Vorerst habe ich das Gegenteil getan, nämlich die Ausgabe des Spiegels gelesen, auf der eine riesige Kurzfühlerheuschrecke Hochhäuser mampft.

Dort findet sich ein interessantes Interview mit Christina Aguilera, das solchen zwanghaft antinormativen, inquisitorischen Genossen mal zur Lektüre empfohlen sei. Hier ein paar Highlights, wie eine schlagfertige, emanzipierte Christina Aguilera einen ziemlich unverschämten und zudringlichen Readakteur auflaufen lässt:

Aguilera: Ich bin seit Wochen auf Tournee. Verbringe meine Tage in schlecht gelüfteten Räumen. Hier in Deutschland ist es besonders schlimm, es wird so viel geraucht. Wie halten Sie das aus?

Spiegel: Ein Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden wird hierzulande gerade diskutiert.

Aguilera: Gott sei Dank.

[...]

Spiegel: Was hat man der kleinen Christina denn angetan?

(Sie wurde von ihrem Vater verprügelt, wenn sie gesungen hat, was für eine unverschämte, herablassende Art und Weise zu fragen! Da fällt das "Sie" auch mal unter den Teppich. d.A.)

[...]

Aguilera: Ich will, dass sich in 20 Jahren junge Musiker auf meine Musik beziehen, wie sie es heute bei Ella Fitzgerals, Aretha Franklin oder Stevie Wonder tun.

Spiegel: Hoppla, da haben sie sich aber etwas vorgenommen.

Aguilera: Ziele, die leicht erreichbar sind, sind keine Ziele, nicht wahr?

Spiegel (ganz dekonstruktivistisch, darüber hinaus beleidigend! d.A.): Kann es sein, dass sie nur deshalb als Sängerin nicht ernst genommen werden, weil ihr Auftreten zu sexy ist?

Aguilera: Keine Ahnung, wovon sie reden. (Yes, gibs ihm!) Sah Ella etwa nicht sexy aus? Glauben Sie mir, mein Sex-Appeal ist mir vollkommen egal, der kommt von ganz allein.

Das Interview läuft unter dem Subtitle: "Die ehemalige Teeni-Röhre Christina Aguilera, 26, möchte endlich als große Sängerin akzeptiert werden." Jemand, dessen Alben 30 Millionen mal verkauft wurden, braucht kaum beim Spiegel um Anerkennung betteln. Man fragt sich, wieviel der Spiegel für das Interview zahlen musste, Aguilera könnte ihn demnächst wohl ohne weiteres aufkaufen...

[...]

Spiegel: Paris Hilton zum Beispiel. Wie gefällt ihnen der Song "Stars are blind"?

Aguilera: Ich kenne ihn nicht.

Spiegel: Vielleicht aber die sehr freizügigen Fotos von Hilton und ihrer Kollegin Britney Spears, die vor drei Wochen um die Welt gingen.

Aguilera: Hören sie, wenn sie jetzt darauf hinauswollen, dass ich mich zu dem Zeug äußere, vergessen Sie's. Ich hasse es, Leute zu verurteilen, und ich werde das auch jetzt nicht tun.

[...]

Spiegel: Erachten sie die neue Freizügigkeit von Britney Spears als einen weiteren Befreiungsschlag der Frauen? Oder doch nur als Provokation?

Aguilera: Fragen sie die Frauen, die sich so präsentieren. Mich ärgert nur die Diskussion zu dem Thema. Es ist doch so: Wenn ein Mann betrunken in der Gegend herumfällt und sich auch sonst total daneben benimmt, hält man ihn für einen coolen, unangepassten Typen. Lebt sich eine Frau aus, tut was ihr gefällt, drückt man ihr sofort einen sehr hässlichen Stempel aus. (Beispielsweise zwangsheterosexuell, d.A.)

Spiegel: Christina, die Frauenrechtlerin?

Aguilera: Das versteht sich doch von selbst. Frauen müssen genauso frei sein können wie Männer.

[...]

Spiegel: Wollen sie ein Vorbild sein?

Aguilera: Ich mag schon die Begriffe Vorbild und Rollenmodell nicht. Sie implizieren zu viele Stereotype und damit zu viele Vorschriften, wie jemand sein sollte und wie nicht. Jeder soll sein eigenes Ideal haben. Ich habe keine Lust, mir über diese Vorbildfunktion zu viele Gedanken zu machen. Denn das würde bedeuten, dass ich im Grunde für andere lebe. Wenn ich Menschen inspiriere, ist das gut, aber ich möchte nicht darüber nachdenken, ob ich gerade ihre Erwartungen erfülle. Ich erfülle meine eigenen. Das muss genügen.

Aus: Spiegel, 51/2006, S. 154f

 

14.1.07 12:52


"Mein Führer" - Die wirklich wahrste Wahrheit

Wer den Text unten liest, sollte auf jeden Fall "Sichtblenden" von Lizas Welt lesen, ferner sei meine Diskussion "Zwischen Levi und Liza" emfohlen.

"Langweilig" und "Verharmlosend" ist der Tenor von Jüdische Allgemeine, Lizas Welt und Fuchsbau über Dani Levis neuen Film „Mein Führer“. Dabei wird der Vergleich bemüht, das Hitler-Genre durchdekliniert. Chaplins „Meisterwerk“ sei nicht zu toppen, Benignis „Das Leben ist schön“ noch weit entfernt und überhaupt sind alle sauer, weil man nicht wirklich gut einen ablachen kann.

Lachen kann man durchaus. Wenn zu Trümmerlandschaft und Tucholskys Küss-Parole das Kitschlied „Mir ist so nach dir“ ertönt. Wenn Nazis aus dem Hitlergrüßen nicht herauskommen. Wenn Hitler Kartoffeln über den Tisch spuckt. Wenn Hitler das Formular 611 (?) abschafft. Und wenn „Blondi“ ihr „Heil“ jault. So what? Der Film wurde als Komödie angekündigt. Das ist zwar eine Lüge, aber Satire trifft es ziemlich genau. Und die muss nicht notwendig zum Lachen reizen.

Geschichtsfälschung wurde Levi vorgeworfen. Weil er seinen Film unter das Motto stellt „Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“?

Spielberg durfte sein blutrünstiges „Jude-Blut-Und-Geld-Massaker“ „München“ unter das Zeichen „beruht auf einer wahren Begebenheit“ pressen. Der gleiche zeichnete in „Schindlers Liste“ die perverse Menschenauslese minutenlang nach, lässt nackte Frauen um den Lagerarzt rennen, natürlich der Dokumentation willen… Benigni wurde nie „Geschichtsfälschung“ für sein Kitschepos „Das Leben ist schön“ vorgeworfen, das Mittdreißigern zu beweisen suchte, dass man auch in der schlimmsten Lage mit kleinen Lügen und etwas buddhistischer Schicksalsergebenheit noch lustig und gut drauf sein kann. Als könnte ein Kind ein Lager mit einem Freizeitspiel verwechseln. „Der Untergang“, ein elegischer Psychoporno aus dem Führerbunker ohne jeden intellektuellen Gehalt sollte gar als pädagogisch wertvoll in die Schulpflichtlektüre einfließen.

Filme über den Nationalsozialismus gibt es massenweise und alle sind sie schlecht, außer zweien: „Shoah“ und „Zug des Lebens“.

Ähnlich wie „Shoah“ verweigert sich Levis „Mein Führer“ dem plump-pädagogischen Zuschaustellen von Leichenbergen, der Angstlust von Spielbergs Gaskammerduschen, dem personalisierenden Slapstick von Chaplin. Und ähnlich wie „Zug des Lebens“ ergeht sich Levi in lustvollen Projektionen von nachträglichen, weitgehend harmlosen Rachephantasien.

„Zug des Lebens“ gewinnt seinen Katharsis-Effekt aus einer einzigen Sekunde, in der Shlomo zum Standbild hinter Stacheldraht erstarrt. Der Rest davor ist brillantester jüdischer Witz. Die reale Geschichte lässt sich nicht neu verfilmen, sie ist in Schwarzweiß dokumentiert und ins Gedächtnis der Opfer gebrannt.

Auch Levis Film bricht stets dann ab, wenn das Individuum Hitler zu sehr in den Vordergrund rückt. Dann erscheinen die dokumentarischen Aufnahmen von Massen, die deutlich machen, dass jegliche individualisierte Erklärung fehl gehen muss, angesichts der gesellschaftlichen Tendenz. Wo „Der Untergang“ einer Hitlers und seiner Bande ist, bleibt Levis „Mein Führer“ ein steter Verweis auf die Ersetzbarkeit Adolf Hitlers, auf die, die ihn ohne zu zögern ersetzt hätten, auf die Massen, die einen solchen wollten. Wo „Der Untergang“ Antisemitismus zum individuellen Spleen und neglectum possibile degradiert, die Sekretärin verdutzt wie Kuhscheiße aufblickt, als der Führer ihr seinen Antisemitismus im Testament „beichtet“, wird bei Levi die Funktionsweise des Antisemitismus aufgedeckt: „Der Jud tut gut“. Das ist ein klassisches Ressentiment der postnazistischen Gesellschaft. Hätte man die Juden nicht vernichtet, man könnte sie wie ein Medikament vielleicht zum Nutzen aller verwenden und Deutschland hätte den Krieg gewonnen. Der „gute Jude“ ist stets markiertes Eigentum der Gesellschaft, die ihn beherbergt, auch die positive Bekanntschaft ändert nichts.
Der Boxkampf: „Warum wehrt er sich nicht, der Jude, wenn wir ihn deportieren“ denunziert das verbreitete Opferlamm-Ressentiment als antisemitische Projektion. Die Psychologisierung des Individuums Hitler wird von Grünbaum entlarvt als Freisprechung der Massen. In der Rede sind seine letzten Worte die über ein armseliges Würstchen, das seinen Projektionen freien Lauf lassen kann, wenn Millionen… ja, wenn sie was? Dumm sind? Ebenfalls arme Würstchen? Wenn sie alle deutsche Nazis sind?

„Mein Führer“ ist eine radikale Absage an die Verführungstheorie, die das deutsche Volk unter einer unbarmherzigen Diktatur geknechtet wähnt. „Mein Führer“ ist mehr als jeder andere Hitler-Film eine Entindividualisierung, eine Entpsychologisierung des Nationalsozialismus und eine Rückkehr zu offenen Fragen. Wo "Der Untergang" Hitler selbst zum Thema hat, ist Levis intellektueller Gegenschlag der Versuch, ein Film zum Sprechen (und Filmen) über Hitler zu sein, und Antworten zu vermeiden. "Hitler war Jude" gibt eine der interviewten Teenager zu Protokoll und trifft damit den postnazistischen Antisemitismus ebenso auf den Kopf, wie Grünbaum, als er sich spontan bei Hitler für dessen jüdischen Großvater entschuldigt.

Die empfindlichsten Stellen im Film sind die Vergleiche Hitlers mit Grünbaum. Der erste erfolgt durch seine Frau: „Du bist ein genauso meschuggener Größenwahnsinniger wie er“. Dies jedoch allein im Hinblick darauf, dass er sich für unentbehrlich hält! Genau wie Hitler ist er entbehrlich und ersetzbar für eine rasende Volksgemeinschaft.

Der zweite Vorwurf geht von Grünbaum an seine Frau: „Sonst bist du wie er, dass du einen schwachen wehrlosen Mensch tötest“. Hier entlarvt Levi Grünbaum selbst als „verdammten Humanisten“, wie zuvor dessen Sohn Adam bemerkt, ohne ihn dafür zu verurteilen.
„Küsst die Faschisten, wo ihr sie trefft“
ist nicht notwendig das Fazit des Films, sondern eine solche gutmenschliche Einstellung wird einerseits persifliert, andererseits wird auf der Frage beharrt, was denn geworden wäre, wenn man Hitler ermordet hätte, ja, wenn ihn ein Jude ermordet hätte. Goebbels hätte ihn ersetzt, danach Himmler, letztlich vielleicht ein Putsch. Den Filmintriganten Goebbels und Himmler wäre der Jude Grünbaum als Mörder des Führers gerade recht. Diesem Plan verweigert sich Grünbaum. Ebenso verweigert sich der Charakter Grünbaum dem Witz. Er lacht nie über Hitler/Schneiders komischen Seiten. Er kann am Dokumentengehabe nichts Lustiges finden, denn es betrifft ihn selbst.

Levi sympathisiert mit Grünbaums Frau, er sympathisiert mit Adam und eben auch mit Grünbaum selbst. Keinem von diesen gibt Levi die Schuld am Fortbestand des Nationalsozialismus. Weder hätte sich „der Jude mehr wehren müssen“, noch hätte er „nicht so werden dürfen wie die Nazis“. Die Schuld trägt bei Levi das jubelnde Volk, das sich vom Antisemitismus lösen muss, aber selbst nach Aufdeckung der Armseligkeit ihres Führers noch den schlaffen Witz „Heil dich selbst“ nachbetet und keinesfalls durch ein wenig Wahrheit aufzuklären wäre. Es ist bei Levi gerade der groteske Zuschnitt auf die groteske Figur Hitler, der diese Einsicht ermöglicht. Und somit ist der Film ein treffsicherer Schlag ins Gesicht der deutschen Leugner, Schönredner, Dokutainmentfilmer und Antisemiten.

Rezensionen werden heute nicht verlinkt, die kann sich jeder selbst ziehen, eine sehr gute und wohlwollende war übrigens in der taz zu lesen.

Nachtrag:

Interessant ist zudem die Rolle Speers als treuer Vasalle Hitlers. Ein Verweis auf "Speer und er"? Ich habe den Film leider (zum Glück?) nicht gesehen.

In der Konkret ist ein im Wesentlichen dem Obigen zustimmendes Interview mit Levi zu finden.

Nachtrag 2:

Ein Kommentar bemängelte, ich ginge nicht auf die Kritik des verlinkten Artikels "Wahrheit ohne Mühe" bei Lizas Welt ein. So sehr ich dieses Blog schätze, so daneben finde ich diesen Artikel. Und zwar, weil er in seiner Kernaussage falsch ist.

Am Ende des Films nämlich wird 5 mal nach der realen Figur Adolf Grünbaum gefragt. Ein kleines Mädchen antwortet: "Das war mein Ur-Ur-Urgroßvater." Adolf Grünbaums gab es viele, und es stimmt nicht, dass der Film dessen reale Existenz verachten würde. Diskutierenswert wäre tatsächlich der Mord am Juden am Ende des Films und die Frage nach der Einfühlung. (s.u.) Einen derartigen Verriss und Vergleich mit Walsers "Tod eines Kritikers" rechtfertigt das nicht. Denn Grünbaums (nicht gezeigter) Tod im Film ist nicht der des "nörgelnden jüdischen Kritikers" bei Walser. Sondern der Tod des sympathischen Protagonisten verweist von der Fiktion auf die Realität (Das BLUT, das über die BRILLE läuft) in einer ähnlichen Manier wie Shlomos Standbild am Ende von "Zug des Lebens". Man sollte etwas taktvoller sein mit Unterstellungen, die mit psychoanalytischem Halbwissen leicht herumgewälzt werden können. Shlomos Standbild ist nicht der unbewusste Wunsch, das Ausagieren des Antisemitismus des Regisseurs. Ebenso wenig ist Levi eine Lust, wie sie Walser beim literarischen Ermorden sicher empfindet, zu unterstellen.

Statt den Juden Grünbaum als Kritiker der Deutschen oder wie in Lizas Artikel weit hergeholt wird, als Kritiker der Psychoanalyse einzuführen, ist dieser selbst permanent der gemeinen, als Kritik verstandenen Beleidigung und parasitären Vereeinahmung durch Ausbeutung und Vernichtungswünsche der deutschen Täter ausgesetzt. Dadurch setzt Levi die Akteure des Films, die den Juden mit ihren Befindlichkeiten (Die Weltlage, der Krieg, die vielen Toten) bis ins Ehebett nachsteigen, mit ein wenig jüdischer Folklore gut schlafen können um am nächsten Morgen frisch ausgeruht mit der (nicht persönlich gemeinten) Vernichtung fortzufahren, der Kritik aus und enthält sich jeglicher Kritik an einem der Grünbaums. Ein Happy End jedoch wäre Geschichtsfälschung, und genau diesem verweigert sich "Mein Führer" wie auch "Zug des Lebens".

Ich finde es schade, dass Levi so durchweg missverstanden wird. In weiten Teilen möchte ich behaupten, dass viele der "Kritiker" den Film nicht gesehen haben, bevor sie sich ihr Urteil bildeten. Was dabei herauskommt, ist nicht die Kritik, die der Film (u.a. das Verhalten Helge Schneiders danach) verdient, sondern das Projizieren gesellschaftlicher Missstände auf einen Film. Die Frustration über "Untergang" und andere Zumutungen kumuliert an einem Objekt, das für Kritik offen ist und Schwäche zeigt.

Die Forderung nach realistischer Darstellung erübrigt sich seit "Shoah". Levis durchaus korrekte Aussage ist, dass jeglicher Versuch des Dokutainment, wie es "Schindlers Liste" und "Der Untergang" betreiben, verfehlt ist. Und das es vielmehr um die Diskussion geht, um das Reden darüber, um die Darstellung selbst, in der Aufklärung zu finden sei. Nicht jedoch findet man sie im detailgetreuen, ethnologische Einfühlung heischenden Herunterhungern von Hauptdarstellern wie in "Der Pianist", um der Schaulust der Zuschauer und dem Bedürfnis nach Authentizität zu genügen.



15.1.07 14:06


Islamismus: Jetzt noch hautfreundlicher!

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Australische Talibanversteher haben jetzt den Burkini eingeführt, damit die Frauen auch mal an den Strand dürfen. Obwohl die Schwimm- ergo die Rettungsgeschwindigkeit deutlich vermindert sein dürfte, wird der Burkini in Australien in den Farben der Rettungswacht eingeführt. Der australische Mufti erlaubt nun sogar die Anmeldung muslimischer Frauen zur Prüfung bei der Rettungswacht. Ob ein womöglich nackter Ungläubiger mit den eigenen Händen aus dem Wasser gezogen werden darf, lässt er offen, möglicherweise zählt das ja dann als Ehebruch, Begünstigung der Apostasie oder als Verführung.

Die Designerin des Burkini, Aheda Zanetti, hält das Kleidungsstück für "revolutionär", weil es vor Sand und Sonnenbrand schütze. Über sie selbst wird berichtet:

"Aheda ist zwei, als ihre Familie Mitte der 70er vor dem Bürgerkrieg im Libanon flieht und von Beirut nach Sydney kommt. Koranschule, nur libanesisch-stämmige Bekannte: Ahedas Vater erzieht seine einzige Tochter als streng gläubige Muslimin. Ihre Mutter bringt ihr zu Hause das Schneidern bei, aber Aheda fällt die Decke auf den Kopf.

Sie liebt es draußen zu sein, den Strand und das Meer. Heimlich nimmt Aheda Schwimmunterricht. Mit Kopftuch und von oben bis unten eingewickelt in mehrere Lagen dicker, schwarzer Wickelgewänder."

Der Ganzkörpersarg zum Schwimmen Gehen ist die Lösung für strenge, fanatische Väter. Das ist der postmoderne Keuschheitsgürtel, intelligente Konfliktvermeidung par excellence. Klar wird, dass Aheda nicht etwa aus religiöser Überzeugung handelt, sondern aus purer Not. Und anstatt Bedingungen einzufordern, die es Frauen ermöglichen, sicher aus solchen Verhältnissen auszubrechen, wird dieses Zeichen sexueller Unterwerfung unter den Vater noch gefeiert.

Zynische Frauenberatungsblogs jubeln sogar:

"Und was der Zweiteiler zweifelsohne dem Bikini voraushat, er verhüllt unschöne Orangenhaut."

Die Ganzkörperverhüllung verursacht neben den sozialen Effekten Mangelerscheinungen, Hautkrankheiten, im schlimmsten Fall Rachitis!

Die Frage, ob der "Burkini" einen vielleicht pragmatischen Zwischenschritt zu weiterer Emanzipation ist, stellt sich nicht. Die Totalverschleierung ist in Ausbreitung begriffen und diese Idee ist eher dafür geeignet, sie "modernen" Frauen schmackhafter zu machen, als in traditionellen Gesellschaften für mehr Bewegungsfreiheit zu sorgen. In Afghanistan dürfen Frauen ohnehin das mit hohen Mauern umgebene und somit vor Blicken geschützte Gehöft in der Regel nicht oder allenfalls zum Einkaufen verlassen.

 

17.1.07 12:36


Spagghetti Jargonara

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Weltkritik hat in einem seiner ersten Artikel eine Kritik meines Artikels "Rauchen als Verkehrung" geleistet, die ich natürlich angemessen würdigen will. Eigentlich ähnelt der Disput aber eher einem "Edit-War" , und sollte daher von Niemanden gelesen werden! Sämtliche Ähnlichkeiten mit realen Personen sind rein zufällig! Für diesen Text wurden keine Tiere gequält!


Der Titel verrät schon viel:

"Den Rauchern durch Jargon sich entgegenstellen - Über einen Fall von Begriffsmissbrauch"

Der kluge Mensch sieht gleich: Ein Fall von Missbrauch. Polizei! Und dementsprechend geht es los:

"Es gibt antideutsche Texte, die sind nicht nur klug, sondern auch schön: Die Sätze sind elegant formuliert, die Polemik trifft, die Argumente bestechen durch Klarheit. Genauso kann man aber auch das halbe Begriffsarsenal der Kritischen Theorie in Stellung bringen und dabei nichts produzieren als eleganten Schwachsinn."

Hier der kluge, schöne, bestechende und klare Text. Dort ein Begriffsarsenal, der kritischen Theorie gar, phallisch aufgerüstet und zum Schwachsinns-Erstschlag bereit. Wer wohl mit Ersterem gemeint ist? Und wer mit Letzterem? Ein camoufliertes Eigenlob? Ein "Distinktionsgewinn"?

Man muss nur ein paar Grundfloskeln von Marx und Freud anbringen, vielleicht einige berühmtgewordene Wendungen aus der Bahamas zitieren und das “sich” im Satz immer brav nach hinten rücken, und schon ist er fertig, der antideutsche Jargon.

Grundfloskel und die Flossengrundel sind zwei Wesensverwandte, beide sieht man selten. Die Oberflächenfloskel und die Flugfloskel dagegen sind bekannter noch als die gemeine Floskel, welche von ganz anderer Art. Wem Satire und ernsthaftes Anliegen sich vom Prinzip her ausschließen, der wittert auch in "Sie wissen das nicht, aber sie tun es" einen Jargon, einen Begriffsmissbrauch erster Güte.

Das frisch Erlernte kann man vortan nutzen, um mit einem Aufruf gegen eine simple Nazidemo selbst solche Leute in Verzweiflung zu stürzen, die einen Lesekreis zu Hegels Logik ohne Hirnverschlingung überlebt haben.

Hier das "frisch Erlernte", dort die alte Weisheit. "Was bildet er sich ein, Emporkömmling! Hat er sich etwa den Gefahren eines Hegelkurses ausgesetzt? Seit frühster Jugend an täglich sechs Stunden in die Zellulose gebissen? Wo es doch überhaupt nur um das Verständnis von simplem Nazismus geht? Hinfort mit ihm!"

Dazwischen aber finden sich ellenlange Passagen, in denen der Autor versucht, der Nikotinsucht mit dem ganzen Freudschen Apparat von der Todessehnsucht bis zum Leidensgewinn zu Leibe zu rücken.

Auf einmal ist es nur noch Nikotinsucht. Welch Erfolg! Mein Artikel hat gewirkt! Das Ziel ist erreicht, der Kranke sieht seine Krankheit und ist auf dem Weg der Besserung. Ein wenig plagt ihn aber schon, dass er nicht selbst darauf gekommen ist. Das war doch ganz simpel, sagt er sich jetzt, was brauch' ich dazu Freud.

Wow! “Zivilisation”, “Emanzipation”, “Rechtsstatus des Individuums”, “Freiheit” und, darf nicht fehlen, “Vernichtung”! Jeder einzelne dieser Begriffe hat für antideutsche Kritik eine zentrale Bedeutung, hier aber werden sie alle aus ihrem Zusammenhang gerupft und gedankenlos hingestreut - sie verlieren ihren Sinn und verkommen zu bloßen Wörtern, deren einziger Zweck im Wiedererkennungseffekt für antideutsche Leser besteht. Emanzipation und Zivilisation beschreiben doch ganz Verschiedenes! - Hier könnte man beide Begriffe einfach austauschen oder auch weglassen, ohne dass sich am Argument irgendetwas ändern würde.

Begriffe aus dem Zusammenhang zu "rupfen", das ist ein wahrer Missbrauch! Schließlich wohnt jeder Begriff in einem komplexen Biotop und eine Verpflanzung aus diesem autochtonen Revier, da "verkommen" sie, degenerieren gar! Zu bloßen, dekadenten, wesenslosen Wörtern!

Also hält die Begriffspolizei (BePo) Ausschau nach verdächtigen Begriffen, und wenn sie einen gefunden hat prüft sie die Umgebung und wenn da was nicht passt, dann aber hallo! Was denn genau der Unterschied zwischen Emanzipation und Zivilisation ist und warum dies gar im Satz verwechselt sei, das kann und will die BePo auch nicht aufklären.

Dieses Argument bewahrt nicht nur die Raucher vor einem Mordvorwurf; es gibt dem Autoren auch Gelegenheit, ein Wort in den Text zu kloppen, das vom Klang her den Eindruck geradezu kosmischer Gedankenschärfe weckt, hier aber doch nur “Ziel” meint: Telos. Dafür nimmt er hin, den Begriff der Vernichtung endgültig ad Absurdum zu führen und kürzt den Vorsatz des Täters aus ihm heraus, obwohl der Wille zu Töten in “Vernichtung” noch stärker mitschwingt als in “Mord”.

Da hat einer ein Fremdwort statt eines deutschen Begriffs verwendet, und schon hat die BePo Lunte gerochen: Da will sich wohl jemand großtun!

Mit juristischer Vollschärfe wird das Verhältnis von Vernichtung, Vorsatz und Mord im Nebensatz geklärt. Das sind schließlich altbekannte Rechtnormen!

Man verzeihe mir die Unkenntnis vom Lande, die vor Strafe natürlich nicht schützt...

Es geht dem Autoren schließlich nicht darum, komplexe Zusammenhänge so darzustellen, dass er sie nicht verkürzt oder verfälscht; er übersetzt lediglich ein Allerweltsargument in eine Sprache, die den Eindruck erwecken soll, hier werde die Zukunft der Menschheit verhandelt.

Ein Allerweltsargument! Der "Weltkritik" seit Ewigkeiten bekannt gewest. Das deshalb nicht diskutiert sein muss, denn andernorts ist eine gehobene Sprache denen vorbehalten, die wahrlich die Zukunft der Menschheit verhandeln.

Dieser Trick sorgt für die angenehme Illusion, nicht etwas Älltägliches zu sagen, sondern etwas Wahres, Schönes, Gutes und - vor allem - saumäßig Wichtiges. Er verhindert gleichzeitig, mit MdB Willy Schmidt vom Wahlkreis 98 beim Kampf gegen das Rauchen in einem Boot zu landen - im Jargon hieße das: Der Autor erzielt einen Distinktionsgewinn.

Ein Trick! Illusionismus! Welch Betrug am Volke, das nicht über den Verstand verfügte, dies zu durchschauen! Wo es doch soviel Wichtigeres gibt, als das Wohlergehen eines verirrten, vereinzelten, unwichtigen Nichtrauchers. Der überdies im Bunde ist mit mächtigen Regierenden sich [sic!] befindet und dies nur geschickt verschleiern will!

“Idiosynkrasie” ist auf jeden Fall ein Begriff für Meisterschüler des Jargons, und er stellt zudem gleich einen Zusammenhang her zwischen den rücksichtslosen Rauchern in der WG und den Antisemiten.

Das Jargondereinsatzkommando der BePo rückt ein! Was nicht sein darf, soll nicht sein. Kein Zusammenhang, nirgends...

Überinterpretiert? Nein: Der Autor assoziiert munter weiter und landet bei der Beschreibung der Sorgen antideutscher Nichtraucher gleich beim nächsten Begriff, der an dieser Stelle ausschließlich Jargon-Funktion erfüllt:

Assoziieren, welche schnöde Beschäftigung für den Funktionalisten, dem Sorgen antideutscher Nichtraucher von je jeder Beschreibung spotten.

Von den Rauchern assimiliert zu werden und selbst mit dem Rauchen anzufangen, kann hier sinvoller Weise nur das gleiche bedeuten. Für die Verwendung von “assimiliert” bleibt nur der Zweck, der Leserschaft gewohnte Kost vorzusetzen - auch wenn der krude Zusammenhang dann Assoziationensketten mit Rauchern, Nichtrauchern, Juden und Antisemiten heraufbeschwört, die mit klaren Gedanken nichts mehr am Hut haben und einer Erkenntnis des eigentlich aufgeworfenen Problems schlicht im Wege stehen.

Wo die BePo es besser weiß, ist dem Autor kein Glaube zu schenken. Trennte dieser in zwei Teile, diese sieht aber nur eines, kann dies denen, die alles wissen ergo: "nur das gleiche bedeuten". Ein Unterschied zwischen der Übernahme von Argumenten von Rauchern durch Nichtraucher und der Übernahme der Suchtgewohnheiten gibt es hiermit nicht! Begriffpolizeiliche Verordnung!

"Eigentliche Probleme" werden da verschämt aufgeworfen, aber nicht benannt. Wo doch vormals alles heiter-belangloses Assoziieren von Befindlichkeiten darstellte... Und Assoziationsketten, die dürfen keine sein, die darf man auch nicht irgendwie zu ergründen suchen, wo es um Erkenntnis geht.

Parallelen werden suggeriert, die zwar nicht da sind, die aber in einem derart eingeschliffen-antideutschem Tonfall dargelegt werden, dass sie beim Drüberlesen fast plausibel erscheinen.

Die Parallele im Da-Sein ähnelt dem So-Sein im Hier-Sein. Erscheint fast plausibel, was natürlich so sehr ärgert, dass man flugs darüber hinwegschreibt:

Egal, auf die Wortwahl kommt es an.

Islamische Unterdrückung, Zwangskollektive, das Leiden des Einzelnen an der Allgemeinheit - hier sind es endgültig nicht mehr nur Worte, aus denen sich der Jargon zusammensetzt; es sind Denkfiguren, die sich keinesfalls mehr für alle Leser erschließen, den Antideutschen unter ihnen aber vermitteln, hier gehe es um den Kern der eigenen Gesellschaftskritik.

Ja, was denn: eine Denkfigur, die sich zudem erfrecht, nicht mehr allen Lesern sich [sic!] zu erschließen! Welch volksfremdes Jargonieren! Und das vom Kern der eigenen Gesellschaftskritik weg! Wie unverschämt! Das verstehen nicht alle Antideutsche unter den Lesern, darum muss es die "Weltkritik" nochmals verurteilen, ohne irgendwie etwas genauer zu erläutern, was daran verfehlt sei...

"Was will der Autor mit seinem Text eigentlich zeigen? Dass Raucher irrational ihre Sucht verherrlichen und dabei sich und ihre Umwelt vergiften? Dann soll er das doch einfach schreiben! Statt dessen: “Gewalt”, “Vernunft”, “Wahn”, “freie Assoziation”, “Fetischisierung”, “Individuum”, “Autopoiesis” - alles in einem Satz. “Crazy shit!”, um mal einen Genossen zu zitieren."

Da räusperte sichs im Inquisitor: "Schreib er deutsch! Und lass er die Finger von Sachen, von denen nicht einmal die BePo etwas versteht! Damit wir die Sache mit der Abwehr beim nächsten Mal leichter haben!"

So siehts aus, wenn Jargonkritik das neueste Steckenpferd ist, das man gerade von Überichs Gnaden erhalten hat. Auf einmal passen einem Begriffe nicht mehr, die vormals revolutionär galten. Aus der eigenen Unsicherheit über Vieldeutigkeiten, über die logische Ausweitung der Begriffskritik auf die tendenziell polymorph-perverse "antideutsche" Begriffswelt selbst, speist sich der Überlegenheitstaumel, der aus dem Erfolgsimpuls, den ihm dieses "Weiterkommen" verleiht, schon einen Vorgeschmack auf das finale Triumphgeheul zieht. Das spätesten dann ausbricht, wenn man wirklich endlich für sich behaupten kann, den Begriff ein für alle Mal festgenagelt und ihm Salz auf den Schwanz gestreut zu haben. Darum sei dem hier der alte Hase Adorno vorgesetzt.

"Der Begriff ist ein Moment wie jedes in dialektischer Logik. In ihm überlebte sein Vermitteltsein durchs Nichtbegriffliche vermöge seiner Bedeutung, die ihrerseits sein Begriffsein begründet. Ihn charakterisiert ebenso, auf Nichtbegriffliches sich [sic!] zu beziehen - so wie schließlich nach traditioneller Erkenntnistheorie jede Definition von Begriffen nichtbegrifflicher, deiktischer Momente bedarf -, wie konträr, als abstrakte Einheit der unter ihm befaßten Onta vom Ontischen sich zu entfernen.

Diese Richtung der Begrifflichkeit zu ändern, sie dem Nichtidentischen zuzukehren, ist das Scharnier negativer Dialektik. Vor der Einsicht in den konstitutiven Charakter der Nichtbegrifflichen im Begriff zerginge der Identitätszwang, den der Begriff ohne solche aufhaltende Reflexion mit sich führt. Aus dem Schein des Ansichseins des Begriffs als einer Einheit des Sinns hinaus führt seine Selbstbesinnung auf den eigenen Sinn.

Die Entzauberung des Begriffs ist das Gegengift der Philosophie."

(Adorno, Negative Dialektik, S. 24)

Was "Weltkritik" zu leisten meint, schlägt ins Gegenteil um: Begriffshoheit, Begriffsfetischismus und Begriffskult werden nicht zum Zwecke der Entzauberung kritisiert, sondern dieses Kritisieren gerät sich selbst zum Zweck, wird zum Zauber: primär um des Lustgewinns willen, sekundär um des Begriffs willen, keineswegs jedoch, um zu irgendetwas vorzudringen, was vom Begrifflichen nicht und falsch erfasst wurde, und sei's auf dem Wege der Verneinung falscher Annahmen.

Mein Text kann also vorerst getrost so bleiben, wenn da ernsthaftere Versuche sich nicht am Horizont ankündigen wollen...

"Hier in Deutschland ist es besonders schlimm, es wird so viel geraucht. Wie halten Sie das aus?"
(Christina Aguilera, Spiegel 51/2006, S. 154)

18.1.07 21:30


Zwischen Levi und Liza...

Weit davon entfernt, endgültig ein Urteil gefällt zu haben, schrieb ich eine positivere Rezension zu Levis "Mein Führer" - Die wirklich wahrste Wahrheit, vorerst ohne Lizas ersten Artikel dazu zu lesen und ohne die Kenntnis anderer Interviews mit Levi. Filme halte ich generell für untauglich, zur Reflexion über den NS beizutragen, es geht mir nicht darum, zu diskutieren, ob das Genre überhaupt vom aufgeklärten Standpunkt eine Berechtigung hat, (das hat es nicht und insofern ist Levis Film auch überflüssig), sondern ob die spezifische Kritik an diesem Film gelten kann.

Lizas Welt feuerte mich aufgrund meiner Interpretation aus der Stammelf (oder habe ich mir nur eingebildet, da je mitgespielt zu haben? Vielleicht saß ich auch schon länger auf der Wartebank). Ich habe mir den Artikel dieses Blogs auch aus Gründen des Selbstzweifels nochmal angeschaut.

Der zentrale Vorwurf an Levi ist, dass er von der Misshandlung von Kindern auf den Nationalsozialismus schließe, zudem die Spezifik des deutschen Antisemitismus ausblende, und Hitler zum Opfer mache.

"Noch einmal Levy: „Man wird als Zuschauer dazu gebracht, sich in Hitler einzufühlen – genau so, wie sich auch der Jude Adolf Grünbaum in den Mörder seines Volkes einfühlt und ihn am Ende deshalb nicht mehr töten kann, weil er in ihm ein zerrüttetes, armes Kind sieht.“" (nach: Lizas Welt)

Das habe ich weder bei mir noch bei Anderen so empfunden, halte es aber durchaus für möglich, dass es massenweise so interpretiert wird. Kritik darf sich nicht aus Gründen des möglichen Missverständnisses durch "die Massen" zensieren. Da ich das Interview nicht kenne, muss ich zudem in Frage stellen, ob das Levi's endgültige Ansicht ist, oder ob diese "Einfühlung" auch entscheidend gestört und in Frage gestellt wird, was meines Erachtens der Fall ist. Stünde es so da, als Absicht Levis, sollte man den Film tatsächlich getrost verwerfen.

Zum Argument der Psychologisierung wäre zu sagen, dass Antisemitismus prinzipiell überdeterminiert ist. Es wäre meines Erachtens falsch, die Kindesmisshandlung grundsätzlich aus dem Komplex des Antisemitismus auszugrenzen. Freud nennt den gescheiterten Kastrationskomplex und die Triangulierung als Nährboden, Fenichel und Simmel stehen dem nicht fern, Adorno führt den "Autoritären Charakter" ein. Diese ist weder ein notwendiger noch ein hinreichender Grund, und ich hatte nicht den Eindruck, als würde Levi dies vertreten. Die Kritik an Erziehungsmethoden des frühen 20. Jahrhunderts bereits wie "Lizas Welt" als "Antipädagogik" darzustellen, greift fehl.

Die Zitate von Levi, die Lizas Welt anführt, geben leider Grund zur Annahme, dass Levi tatsächlich einer monokausalen Erklärung den Weg bereitet. Meines Erachtens ist diese Interpretation im Film nicht notwendig vorgegeben, die Psychologisierung wird im Gegenteil als lächerlich dargestellt, Hitler erweist sich als nicht therapierbar. Schneider/Hitlers Selbstmitleid ist nicht geeignet, Mitleid zu wecken. Als er sein Trauerspiel vorbringt, grinst er nach kurzem Innehalten Grünbaum an und fragt (sinngemäß, Zitat nicht genau): "War ich gut? Schauspielern lag mir schon immer." Wer in den Film geht und Mitleid mit dem realen oder auch nur mit der Filmfigur Hitler entwickelt, hatte schon vorher ein gehöriges Problem.Levis Hitler ist nicht der historische, sondern er personifiziert das heutige Deutschland. Das Argument, dass der Charakter Grünbaum Mitleid mit Hitler entwickelt, greift meines Erachtens fehl. Grünbaum ist weder die einzige Identifikationsfigur, noch läge ihm die Ermordung auf Dauer fern. In zwei Fällen unterbricht nur der Zufall den Mord.

Wenn Levi tatsächlich Grünbaums Statement "sonst bist du genauso wie er" ernst nimmt, dann wäre der Film tatsächlich zu verurteilen. Ich bin mir nicht sicher, ob das zutrifft. Vieles spricht dafür, dass Levi nicht dieser Gutmensch ist, unter anderem klare Statements Levis in Interviews für die "Jüdische Allgemeine" und "konkret".

Fraglich ist aber tatsächlich der moralische Anspruch: Ist es ethisch einzufordern, dass jeder Mensch zu jeder Zeit einen abgrundtief bösen Menschen erschlagen können muss? Grünbaum schafft es nicht, das ist nicht "sein" Fehler. Andere hätten es in zahlreichen anderen Gelegenheiten vollziehen können, Levi verurteilt m. E. niemand, der dies wünscht oder einfordert. Die Abkehr vom Attentat ist keine moralische Forderung Levis, ebenso wenig wie Mitleid. Angesichts der von Levi immer wieder eingeführten echten Filmteile von Massenversammlungen stellt sich tatsächlich die Frage, ob die Ermordung Hitlers eine wesentliche Veränderung gebracht hätte.

Der Punkt der Spezifizierung der deutschen Verantwortlichkeit wird von Lizas Welt so umrissen:

"Antisemitismus? Spielte keine Rolle: Juden traf es nur so, zufällig, en passant, weil sie eben da waren. Und wäre die Erziehung früher nicht so heftig gewesen, wäre alles anders gekommen. Beeindruckend simpel, das Ganze."

Dass es sie zufällig treffe, wird von Levi nicht behauptet. Im Film wird als Grund ihre Wehrlosigkeit genannt, mit Adorno zu sprechen: Schwäche, die zur Herrschaft reizt. Die allerdings auch durch Herrschaft produziert wird. Es ist jedoch ein Leichtes zu behaupten, die Frage sei endgültig geklärt. Warum die Juden? Lag es gar doch an der revolutionären Philosophie des Judentums selbst? Am Christentum und dem negativen Bezug auf das Judentum? Am kleinen Unterschied? Oder ist es doch eine anthropologische Konstante, die zufällig auf Juden traf, die der Antisemit nicht erst erfinden musste? Warum wurde ein Land wie Amerika mit einem starken Hotel-Antisemitismus bis in die Fünfziger hinein nie akut judenfeindlich? Warum die Unterstützung für die SS-Truppen durch ukrainische und baltische Schergen, die primitive Freude der polnischen Bauern über die Ermordung der Juden? War es die spezifische, ökonomische Lage in Verbindung mit der antisemitischen Tradition in Deutschland? Und warum soll die eine materialistische Erklärung die Täter entschuldigen, die andere jedoch nicht? Auch die kritische Theorie gibt da keine endgültigen Antworten und Levi bringt nicht umsonst im Abspann das Statement, dass man trotz der Versuche, dies zu begreifen, es nicht schaffen könne. Wer behauptet, er habe das, was da geschehen ist, vollständig verstanden und begriffen, ist meines Erachtens nicht wirklich zurechnungsfähig.

Um Antisemitismus und seine Funktionsweise geht es in Levi's "Mein Führer" mehr als in jedem anderen mir bekannten Film zum Nationalsozialismus. Dies legte ich in meinem Artikel "Mein Führer" - Die wirklich wahrste Wahrheit" dar, es kann sein, dass ich einiges übersehen oder überinterpretiert habe.

Dass Helge Schneider vom Film sich distanziert, ist weniger seinem Genie, als seiner kruden Forderung nach dem "alternativen Ende" zu verstehen, in dem er Hitler gerne ein wenig mehr gespielt hätte, nämlich als 116-jähriger Greis... Was selbstverständlich wieder Fragen aufwirft nach Sinn und Verstand des Protagonisten während des übrigen Films.

Levi nennt nicht den Kapitalismus, sondern Kindesmisshandlung als Ursache für die Gleichgültigkeit der Menschen, die ihn jenseits der Figur Hitler am meisten erschrocken habe. Das macht aus Tätern noch keine Opfer, sondern versucht in gleicher Weise wie ökonomistische Ansätze zu gesellschaftlichen Bedingungen vorzustoßen.

Ich würde zustimmen, dass der Film als verharmlosend empfunden werden kann, und wie jeder Film sicherlich nicht geeignet ist, Aufklärung über den Nationalsozialismus zu liefern. Mehr als manche andere ist er das allemal! Wenn die von Lizas Welt aufgeführten Kommentare Levis die endgültige und einzige Absicht des Filmes konzentrieren sollten, was ich noch überprüfen möchte, gebe ich zu, mich in den Absichten des Regisseurs total geirrt zu haben und mich selbst womöglich zum unzulässigen theoretischen Spielen mit dem Objekt verleitet habe.

Der bei meiner unorganisierten, hektischen Überproduktion übliche Nachtrag:

"Grünbaum ist ein Humanist. Als er erkennt, dass Hitler auch nur eine erbärmliche, von seiner Kindheit zerstörte Kreatur ist, kann er eine bestimmte Grenze von Moral und Gefühl nicht überschreiten. Dahinter steckt natürlich der esoterische oder spirituelle Gedanke, dass selbst das grösste Monster, der grösste Verbrecher der Menschheit mit allen anderen noch immer die Gemeinsamkeit des Menschseins teilt. Die Frage, ob man jemanden wie Hitler umbringen kann oder nicht, ist für mich eine systemische und nicht eine moralische Frage: Wenn man grundsätzlich der Meinung ist, dass man niemanden umbringen soll, kann man keine Ausnahme machen. Man könnte diese Frage natürlich philosophisch diskutieren, aber was mich viel mehr interessiert, ist, dass die Figur von Grünbaum ein Gegensystem zum Nationalsozialismus verkörpert." (Interview Levis mit der NZZ , unmittelbar nach dem inkirminierten "Einfühlungs"- Kommentar)

"dass die sogenannte «schwarze Pädagogik» [...] mitursächlich für den Nationalsozialismus war." Mitursächlich, wohlgemerkt. Monokausalität, wie sie Lizas Welt unterstellt, ist davon vorerst weit entfernt.

"Ich bin traditionellerweise bei diesem Thema selbst sehr kritisch gegen das Bilder- Machen - ich hatte zum Beispiel auch protestiert, als «Schindler's List» ins Kino kam, weil ich denke, dass er versucht, die Shoah konsumierbar zu machen."

Bleibt sein unzusammenhängender Kommentar auf die Frage:

Was haben Sie herausgefunden? Es geht dabei ja auch um die Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen.

Nun, in den meisten europäischen Ländern ist es erst seit Mitte der neunziger Jahre strafbar, ein Kind zu malträtieren. Das zeigt doch, wie lange es gedauert hat, bis Gewalt als Erziehungsmassnahme verboten wurde. Unser Erziehungsstil ist politisch wie alles Private überhaupt, und wir haben da eine grosse Verantwortung.

Wer noch nie ein Interview gegeben hat, kann natürlich ausschließen, dass es ihm passieren würde, eine Frage zu überhören und mit einem unabgeschlossenen Topic davor weiterzumachen... Ich bin da persönlich vorsichtig mit Werturteilen.
Dennoch, schlechte Reaktion und Grund für Zweifel allemal.
Der Rest der Ansichten Levis ist allerdings tiefsinniger und intelligenter als der anderer NS-Persifleure und reicht im Kern an den Grundgedanken von "Shoah" heran.

19.1.07 01:59


Islamistenhacker...

Das Forum von Afrika-net, einer Diaspora-Organisation, wurde von Islamisten gehackt. Was für ein Interesse könnten Islamisten daran haben, ein harmloses Austauschforum zu knacken und zu verfluchen? Entweder hat da ein Nerd sich ausgetobt, dann kann er das prinzipiell auch bei ähnlich unsicheren Blogs, oder es ist ein systematischer Hack zur Einschüchterung von der Emanzipation zugeneigten Exilgemeinden. Sollte in jedem Fall zu denken geben.

 

20.1.07 15:02


Ritualmorde in Afrika – ins Mörderische fetischisierte Ökonomie

Zum Standardprogramm der prämodernen Antisemiten gehörte und gehört der Ritualmordvorwurf, in dessen Phantasie christliche oder heute muslimische Kinder zum Zwecke der Regeneration und des Geldgewinns ermordet werden. Wahlweise wird in diesen Mythen das Kinderblut verwendet um die den jüdischen Männern zugeschriebene Menstruation zu kompensieren, um den Christusmord zu sühnen, für Machtzauber, medizinische Zwecke oder aus purer Bösartigkeit. Es fand nie ein solcher Ritualmord von jüdischer Seite statt, das biblische Judentum stellt sogar die weitestgehende Abkehr vom Menschenopfer überhaupt dar.
 
Im subsaharischen Afrika allerdings gibt es ein merkwürdiges Phänomen: Der hier massenhaft verbreitete (bis zu 90 %) Hexenglauben beinhaltet in seiner Kosmologie ein bestimmtes Verhältnis von Magie und Reichtum. Wer schnell zu Reichtum und Macht kommt, wird verdächtigt, dazu unsaubere Wege eingeschlagen zu haben, mit mächtigen Zaubern, Muti genannt. Umgekehrt fürchten etwas erfolgreichere Verwandte von Neidhexerei getroffen zu werden, manche bewohnen ihre frisch erbauten Villen nicht, aus Angst vor den hineingehexten Zaubern, andere kehren nicht mehr zurück in die Dörfer, die meisten geraten in ein System der gemeinschaftlichen Ausbeutung des Emporkömmlings: Um Neid und somit Hexerei zu vermeiden, wird soviel als möglich verschenkt, geopfert, verfeiert. Akkumulation ist da weitgehend unmöglich.
 
Nun ist Hexerei in Afrika nicht nur Phantasie, sondern auch Realität. Realität in dem Sinne, dass tatsächlich Witch-Doctors ihren Klienten Kontaktgifte empfehlen und zubereiten können, mit denen beispielsweise Glasscherben geimpft und vor der Türe eines Opfers ausgestreut werden. Wundbrandinfekte, Tetanus oder Milzbrand können Folgen sein. Am stärksten werden allerdings solche Muti angesehen, die aus menschlichen Körperteilen gewonnen werden. Ein skrupelloser Witch-doctor kann einem Klienten empfehlen, um seine Krankheit zu heilen oder um zu Reichtum zu kommen, müsse er einen bestimmten Menschen unter bestimmten Vorschriften töten und ihm sodann bestimmte Teile, häufig die Genitalien zur Weiterbearbeitung bringen. In Südafrika geschehen (laut Kaetzler: „Magie und Strafrecht im südlichen Afrika“- 2001) mehrere Dutzend (bis zu hundert) Ritualmorde pro Jahr, Gerichte sind geschult darin, ein Overkill-Syndrom (Zerstückelung der Leiche nach dem Mord) von einem afrikanischen Ritualmord zu unterscheiden. Aus Lagos in Nigeria berichtet das Internationale Rote Kreuz von bis zu 30 Ritualmorden pro Jahr. In vielen anderen Staaten geschehen praktisch nie solche Taten, oder es wird nicht von ihnen berichtet, die regionalen Unterschiede sind enorm.
 
Das Auffinden von verstümmelten Leichen führt häufig zu Massendemonstrationen (wie in Botswana zu einer Studentenrevolte. Zumindest entstehen aber empörte Gerüchten, die die lokale Presse dominieren. So wurde eine Dürre in Botswana auf die Rückführung eines in Spanien ausgestellten ausgestopften Buschmanns zurückgeführt, mit den absurdesten Verschwörungstheorien. (Gewald, Jan-Bart 2001: „El Negro, El Nino, Witchcraft and the absence of rain in Botswana”] Während der Mord entrüstet verurteilt wird, so ist doch der Glaube an die Wirksamkeit solcher Muti manifest. In Nigeria sind Kalenderblätter und Poster, auf denen insbesondere Reichtumszauber dargestellt, erläutert und verurteilt werden, weit verbreitet. (Wendl, Tobias (Hg) 2004: „Africa screams – Das Böse in Kino, Kunst und Kult“]. Dies führt exorbitant häufiger zu Ritualmordgerüchten, als es tatsächlich Ritualmorde gibt, weil es als normaler Weg angesehen wird, jemanden umzubringen, oder zumindest zu verhexen, um reich zu werden, und demnach jeder Reiche mit diesem Verbrechen in Verbindung gebracht wird. Reiche Menschen in Afrika stehen also unter ständigem Verdacht, mithilfe Hexerei zu ihrem Reichtum gekommen zu sein. Nicht wenige verwenden ja tatsächlich magische Hilfsmittel, die möglicherweise einen geringen Einfluss auf Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit haben. Unbedingt notwendig ist für jeden besser Situierten der entsprechend potente Schutzzauber gegen die Neidhexerei aus den Dörfern und gegen Konkurrenten.
 
Wann immer ein Regierungsoffizieller schnell auf- oder absteigt, ist Hexerei im Spiel. Ein Ritualmordgerücht vermag dort Menschen zu „zivilgesellschaftlichem“ Engagement bewegen, wie kaum ein anderes Thema.
 
Der Prozess der Akkumulation wird in Afrika unter dem Hexereiidiom gefasst, und innerhalb dieses Idioms erstaunlich weit durchdrungen. Zombies sind durch Hexen entführte Arbeiter, deren sprituelles Double nachts zur Zwangsarbeit auf geheimen Feldern geführt wird. Wo Marx bisweilen in der Analogie vom „Vampyr“ und der "Leiche der Arbeitskraft" spricht, beherrschen hier ernst gemeinte okkulte Phantasien über die Produktion von Wert das Bewusstsein. Die einige Regionen Afrikas (Tansania, Südafrika) immer wieder erschütternden Hexenjagden haben jedoch selten wirklich Mächtige zum Ziel. Die Konzeption von Königen, die legitimerweise auch ein Mitglied der Gemeinschaft zum Wohle aller verspeisen oder opfern dürfen, herrscht vielerorts noch vor. Es trifft vor allem mittelständische Unternehmer, Ladenbesitzer, und am häufigsten, die, die Grund hätten zu Neid: Außenstehende, Verarmte, Sonderlinge, alte Frauen, Unproduktive, etc. ..
 
Hexenglauben ist keineswegs Zeichen von vormodernem Archaismus, sondern erweist sich wie der Antisemitismus als anpassungsfähig, wandelbar, und jede gesellschaftliche Kategorie von Klasse, Bildungsgrad, Geschlecht und Alter überschreitend.
In Südafrika terrorisierten „Comrades“, Jugendorganisationen des ANC, die Gemeinschaften mit Hexenjagden. Bei ihren Massakern erhielten sie allerdings auch viel Zuspruch aus den Gemeinden, die sich von der Regierung im „Kampf gegen die Hexerei“ im Stich gelassen fühlten. (Niehaus, Isak 2001: „Witchcraft, Power and Politics – Exploring the Occult in the South African Lowveld”] In Simbabwe war die Kooperation der Guerrilla mit den Witchdoctors ausschlaggebend für den Erfolg der Bewegung.
 
Auch die Verbannung von mehreren Zehntausend indischen Kaufleuten aus Uganda durch Idi Amin dürfte sich aus der Konzeption der okkulten Ökonomie ergeben haben. Hier wird zudem deutlich, wie nahe beieinander regressiver, okkulter, ökonomischer Aktionismus und antisemitischer Antizionismus beieinander liegen. Idi Amin wandelte sich vom Israel-solidarischen Diktator zum ausgemachten Antisemiten und Holocaustleugner. Um Gesellschaft in Afrika zu verstehen, muss man den Hexenglauben verstehen, denn diese versteht sich selbst nur durch diesen und schafft so ihre Realitäten.
 
Anders als beim Antisemitismus sind verblüffend viele involvierte Individuen in Afrika in der Lage, dieses projektive Verhalten bis zu einem gewissen Punkt zu durchschauen, es gibt so etwas wie einen abergläubischen Skeptizismus mit erstaunlich weit reichenden intellektuellen und selbstkritischen Leistungen, was nicht selten zu Paradoxien führt, die für Außenstehende kaum noch zu durchdringen sind. Die Gewalt, die der Hexenglauben entfesselt, ist insbesondere in Kongo, Südafrika, Nigeria und Tansania enorm. Wenn Hexereivorstellungen weitergehend als ohnehin gerade der Fall ethnisiert werden, also von Verwandten und Nahestehenden als Verursacher auf ganze Ethnien, Wanderarbeiter und Minderheiten projiziert werden, wächst das Gewaltpotential weiter an.
 
Die antiimperialistische Mythologie will von solchen "hausgemachten" Problemen natürlich nichts wissen, für sie ist alles, was von ihrer Wahrnehmung der Afrikaner als durch die USA ferngesteuerte und vom Kapitalismus viktimisierte Mündel abweicht, rassistische Konstruktion des Anderen.
 
Vorraussichtlich Anfang 2007 ist ein ausführlicher Abgleich von afrikanischem Hexenglauben und den modernen afrikanischen Hexenjagden mit dem modernen Antisemitismus aus kritisch-theoretischer Perspektive bei mir erhältlich, wahlweise als PDF oder als Print. Vormerkungen können gerne an nichtidentisches@web.de gesendet werden.   
21.1.07 14:52


Die Pädophilie Mohammeds: Über ein sinnloses Argument

Quelle: Bahamas

Aischa bint Abi Bakr war sechs Jahre als, als Mohammed sie heiratete und nach Auffassung von Sunniten wie Schiiten 9 Jahre alt, als die Ehe "vollzogen" wurde.

Die Skandalisierung dieser Heirat auf (nicht nur) antideutschen Foren und Blogs ist eine der unappetitlichsten, bei Antideutschen zu findende Überreaktionen überhaupt. "Kinderschänder Mohammed" schallt es da ein ums andere Mal, lustvoll sich auf der sicheren Seite wissend, denn "Kinderschänder" sind von rechts bis links stets aufs Neue die, an denen wahlweise Strafen wie Todessstrafe oder Zwangskastration als legitim ausdiskutiert werden. Abgesehen davon ist die konkrete illustrative Darstellung in Bild und Wort prinzipiell der unbewussten Identifikation verdächtig.

Eine ganz andere, banale und ungleich weniger beachtete Geschichte spielte sich ein halbes Jahrtausend nach Mohammed in Mitteleuropa ab:

Elisabeth von Thüringen, Stadtheilige und derzeitiges Identifikationsobjekt von Marburg, war 4 Jahre als, als sie verlobt und zu ihrem zukünftigen Gatten verbracht wurde, und 13, als sie diesen heiratete.

Menschen mit einer Lebenserwartung von knapp 40 Jahren, in Produktionsbedingungen verhaftet, die Kinderarbeit von frühestem Alter an erforderte, in Zwängen verklebt, die den Status des "Kindes" überhaupt nicht kannten, vorzuwerfen, dass sie so früh als möglich heirateten, ist abgeschmackt. Ob man das gut findet oder nicht, ob andere Bedingungen zu der Zeit hätten geschaffen werden können oder nicht, ist zwar eine sinnvolle Frage, steht aber hier kaum zur Diskussion.

Kinder und insbesondere Frauen wurden in diesen Umständen stets wie Waren betrachtet, man wollte die teuer aufgepäppelten Wesen noch mit Brautpreis abgeben, bevor ein früher Tod die ganze Arbeit entwertete.
Mit Heiraten wurde primär Politik gemacht, nicht Liebe. Einige der Verblödung nahekommenden Dekonstruktivisten verfallen zwar gänzlich darin, Liebe als modernes Konstrukt zu werten, was zahlreiche griechische, römische und biblische Mythen [unter anderem das "Hohelied"] und sogar arabische Literatur widerlegen, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass in Arabien wie in Europa die Liebesheirat nach der Pubertät praktisch nicht oder allenfalls bei denen, die ohnehin nichts zu verlieren hatten, vorkam.

Der ahistorische Blick auf Mohammeds Heirat mit Aischa dient dazu, emotionale Regression zu schüren, zielt auf "gesundes" Volksempfinden, und ist letztlich der Vernunft feindlich.

Nicht oder nur selten zur Sprache kommt, wie in modernen arabischen Staaten und islamischen Rechtsschulen wie den "Schafiiten" dieses Heiratsverhalten Mohammeds als Rechtsgrundlage dient. In den Blickpunkt der Kritik sollte dabei aber mehr die schafhafte Bindung an einen Jahrtausende alten Text stehen, als die konkrete Praxis, die daraus nur neben anderen folgt. Stünde dort, dass Muslime die ganze Zeit die Luft anhalten sollten, würde dies von den radikalsten Islamisten befolgt, und es gäbe ein Problem weniger auf der Welt. Kritikwürdig ist doch, dass obwohl heute andere Möglichkeiten bestehen, Islamisten jegliche Vernunft verwerfen, weil der Koran einzig und für immer wahr sei. Das Problem ist nicht, dass in einem jahrtausendealten Buch menschenunwürdige Praktiken als Norm geschildert werden, sondern dass diese Praktiken ungeachtet jeglichen moralischen Gehalts noch heute als Norm aus diesem Buch abgeleitet werden.

Ebenso wenig ist die plumpe Fokussierung auf den "Pädophilen" Mohammed geeignet, über den tatsächlichen Status von Mann und Frau im Islam auch jenseits der Pubertätsgrenze etwas auszusagen. Eine Frau, die zwangsverheiratet wird, kann ihr Leid nicht nach dem Alter bemessen, in dem ihr das angetan wird. Männer, die erst ab dem Punkt, da sie verdienen, heiraten dürfen, wird eine sexuell aktive Pubertät geraubt, und auch sie werden nicht selten Opfer der Heiratspolitik des Familienrats.

Dass der Islam Menschen jeglichen Alters verdinglicht, zu bloßen, Austauschobjekten macht, die dem alleinigen Zwecke Allahs unterworfen werden, tritt hinter der Sensationsschlagzeile des "pädophilen" Mohammed ein ums andere Mal zurück, weshalb ich dafür plädiere, auf dieses Mittel, sobald es als propagandistisch zu entlarven ist zugunsten der nüchternen Aufklärung, der ein leiser Ton in der Regel eher ansteht als marktschreierisches Emotionsgeheische, endlich zu verzichten.

23.1.07 12:33


Divide et impera! - Immer für eine Veschwörungstheorie gut


Rocky Balboa: Einzelkämpfer mit ungeteiltem Schwein.

Nicht erst seit Moses das rote Meer teilte, wurde in der Politik geteilt. Mal waren es Brote, die gebrochen wurde, mal teilte man die terra incognita oder unter den Armen. Ludwig XI soll dann den Ausspruch "Divide et impera" als Strategie geprägt haben, der genaue Ursprung ist nicht geklärt.

Teilen und herrschen ist ein nicht unkluges Konzept der Politik, setzt aber eines vorraus: Einen absoluten Herrscher, eine irgendwie der konkreten Staatlichkeit untergeordnete Peripherie, und reale Konflikte. Die in Individuen fragmentierte Gesellschaft bedarf übergeordneter Instanzen, an die sich diese wenden, wenn sie ihre Probleme austragen wollen. Das steht dem Einheitsideal im Wege, denn dieses impliziert das Faustrecht der stärkeren, einigeren Fraktion. Einig sein, um stark zu sein, nicht einig sein, um schwach sein zu dürfen, lautet der Schlachtruf der Massendemonstrationen des 20. Jahrhunderts. Wo der bürgerliche Staat Schwäche erlaubt und ihr mit der ihm eigenen Gewalt zum Recht gegen den Stärkeren verhilft, kann der Volksmob Schwäche, die ihn an die seiner kleinsten Teile erinnert, nicht dulden.

Im Falle Deutschlands, das sich mit "Wir sind ein Volk" und nicht etwa mit "Wir sind frei" (von SED oder so) feierte, galt Teilung als Problem, war es doch die Einheit Deutschlands, die Stärke versprach. Im Falle Jugoslawiens war Einheit das Problem, denn ein Volk braucht seinen Lebensraum, und wenn man dafür ökonomisch nicht konkurrenzfähige Ministaaten duldet. Die Wahrnehmung der Zersplitterung Jugoslawiens als perfiden, deutschen Akt des "divide et impera" unterstellt der wahnhaft-völkischen deutschen Außenpolitik Rationalität und kühles Interesse, und entschuldet die schon da real existente wahnhafte Kleinstaatlerei im völkisch durchwesten ehemaligen Jugoslawien, in dem Islamisten und Nationalisten sich an Schwächeren austobten. Divide et impera war und ist auch in der "antideutschen" Szene geeignet, Rationalisierungen, Projektionen und verkürzte Kritik zu katalysieren.

Vom einfachen Blogger bis Telepolis (Mona Sarkis) ist derzeit in Mode gekommen, den USA und insbesondere dem "Dark Overlord" George Bush, bei dessen Wahrnehmung in der antiamerikanischen Projektion Übermacht und Inkompetenz ein gar lustiges Stelldichein feiern, die mörderischen Anschläge im Irak in die Schuhe zu schieben. Die USA wollten gar nichts gegen den Terror tun, er käme ihnen gerade recht und sei zudem praktisch für den Machterhalt. Denn am Ziel der amerikanischen Politik stehe nicht ein demokratischer Irak, sondern zahlreiche kleine, zersplitterte Satteliten, die leicht beherrschbar seien.

Die erträumte Einheit der Antiamerikaner sieht einen Widerspruch im revolutionären Subjekt der Postmoderne - Mullahs, greise Diktatoren und "Big Men" aus Südamerika - nicht gerne. Dafür ein falsches Bewusstsein, gar Weltanschauung verantwortlich zu machen, liegt fern, etwas anderes bequem bei der Hand: Das Imperium! Übermächtig und perfide manipuliert es brave Muslims zu mörderischen Monstren, hetzt sie auf und erfreut sich am blutigen Treiben...

Das antiamerikanische Wahngemälde vom "Divide et Impera" der USA steht in der Tradition des Arbeitermarxismus. Hier entstanden die Verfluchungen der Uneinigkeit der Arbeiterklasse: der Grund für Konflikte liege nicht in dem falschen Bewusstsein der Arbeiter selbst, sondern diese seien ein perfides Mittel der Kapitalisten, ihre Herrschaft zu erhalten. Die real existierenden "Partikularinteressen" sollten demnach einem übergeordneten Zweck, der Revolution, geopfert werden. Später folgte die Verharmlosung und Instrumentalisierung des nationalsozialistischen Antisemitismus zum Ablenkungsmanöver im Klassenkampf.

Die einst löbliche, auf staatliche Vermittlung zielende Politik des Divide et impera wird in wahnhaftem Einheitsdusel zum Feindbild, das Gegenmittel: sich nicht aufzuspalten, Konflikte zu vermeiden und Diskussionen nicht zu führen.
Eine solche Paranoia verschafft sich Lustgewinn durch Kritikvermeidung, durch den ungestraften und damit siegreichen Angriff auf Übermächtiges, und durch rationalisierende Zergliederung von Gewalt in erträglichere Einheiten, an denen gerade wegen ihrer Überwindbarkeit kein eigener Schuldanteil mehr bestehen kann. Den USA wird die gewaltige Macht unterstellt, Widersprüche aufzuheben und Terror von heute auf morgen gegen alle europäische, linksduselige Alternativmeierei zu besiegen, gleichzeitig wird aus dem real erscheindenden Unvermögen Inkompetenz, d.h. falscher Gebrauch dieser Macht, die somit den vereinten Antiamerikanern zum richtigen Gebrauch besser anstünde, sowie schlimmer noch: subalterne Infamie.

Von modernem Staatswesen und Terrorismus hat die Phantasie eines divide et impera im Irak so wenig begriffen, wie eine Schnecke vom Stabhochsprung. Gerade in fragmentierten failed states wie Somalia, Afghanistan und Sudan liegen die größten Gefahren für demokratische Staaten. Ein kleiner Nichtstaat wie Palästina erweist sich als so unbeherrschbar, wie ein in Sunnistan und West-Iran aufgeteilter Irak. Es gibt wohl seit der Zerschlagung Nazideutschlands kein Beispiel, in dem Zersplitterung Regierbarkeit gefördert hätte. Vereinzelt, wie in Somaliland kommt es zu kleinen Inseln des Friedens, in denen aber nicht die Fragmentierung, sondern die Ideologie den auschlaggebenden Faktor darstellt. Von Ideologie wollen Antiamerikaner, die sich die vollständige Durchdringung jeglicher Ideologie auf die Fahne schreiben, nichts begreifen: Es geht immer um Öl, um Diamanten, um Rohstoffe, um Macht und Herrschaft. Nie jedoch um Kultur, Religion, Wahn und Gesellschaft als diese Vermittelndes und Vermitteltes.

Als "auswechselbare Planke", wie Adorno/Horkheimer den Antisemitismus bezeichnen, kann Antiamerikanismus kaum gelten. Er geht stets Hand in Hand mit dem Antisemitismus, ist diesem beigesellt, oft aufs innerste verwoben, ein vollständiger Ersatz ist er nicht.
Nicht Schwäche ist es mehr, die die Wut reizt, sondern Stärke, mit der zum Zwecke der Auslöschung von Schwäche gleichgezogen werden muss, und sei es auf dem Wege der Kompensierung durch Phantastereien vom besseren Wissen.

Nur deshalb muss Bush einerseits als großer Satan herhalten und andererseits mit Eselsohren, Schielauge und stotternden Versprechern ausgelacht werden. Nur deshalb beklagt man die Fortschrittlichkeit der USA im militärischen Bereich um etwas von dummen Amerikanern ohne Kultur, Küche und Kompetenz, die doch zum angemessenen Gebrauch solcher Stärke nötig seien. Vor den Juden aber graut es den Antisemiten: Hier ist nichts Lächerliches mehr in den Karikaturen, allein purer Hass auf die erworbene militärische Stärke der Juden zeichnet die Bilder von Babyleichen und Blutlachen. Den Amerikaner lacht man bisweilen noch aus, er verspricht Stärke, die erreichbar ist. Den Juden hasst man bis aufs Blut, dafür, dass er sich dem antisemitischen Bilde nicht gleichmachen ließ, das ihm Schwäche und Opfersein bis in alle Ewigkeit zu seinem eigenen Nutzen angedeihen lassen wollte. Die Macht der USA will von den Antisemiten übernommen werden, um die Macht der Juden zu brechen.

27.1.07 19:03


Le dernier cri: Die Philosemitismuskeule

Marc Chagall : Der Jude in Schwarz-Weiß

Man könnte meinen, ein Gespenst geht um. Der Philosemitismus erregt die Gemüter aller Seiten, ein schwelender Verdacht, geeignet, den vermeintlich Nächsten bis ins tiefste Gemüt zu mustern, um sich des künftigst drohenden Verrats an der Sache zu erwehren.

Ein Begriff, der einst jene antisemitischen Judenhandpuppen meinte, die im Prager ehemaligen Ghetto an Buden verkauft werden, jene Dayan-Rommel-Vergleiche in deutschen Tageblättern, jenen bewusst übertreibenden offensichtlichen Antisemitismus, jene allzu offenkundig als krude zu entlarvende Judenmission der Evangelikalen - ein solcher Begriff ist zunächst ein gefundenes Fressen für die zum Abwehrkampf bereiten Antisemiten, sich ihrer Gegner zu erwehren. Längst hat die Rede vom Philosemitismus dort als stehende Größe Einzug erhalten, wo man Antisemitismus für eine verständliche Reaktion auf die Medienpräsenz von Juden hält.

Die psychoanalytische Erforschung der libidinösen Objektbesetzung betont den möglichen Umschlag: Das Objekt wird, falls es sich als nicht beherrschbar erweist oder die auf es projizierten Fremdanteile durch subjektive Anteile enttäuscht, zum feindlichen, es wird zerstört wie ein Bild vom Wahnsinnigen, ein Star vom Fan attackiert, die untreue Ehefrau vom sie wahnhaft Liebenden ermordet. Der Schritt zum Wahnhaften ist dabei ein rein quantitativer, auf ein jedes libidinös besetztes Objekt wird auch falsch projiziert und in bester kritisch-theoretischer Manier wäre als pathisch erst der Ausfall an Reflexion darin zu benennen.

In gewissem Sinne ist der christlich inspirierte Antisemitismus enttäuschter Philosemitismus. Luther wollte einst die Juden bekehren, als dies nicht gelang entbrannte er in Vernichtungswünschen, die dem nationalsozialistischen nicht nachstanden. Der nationalsozialistische Antisemitismus neidete den Juden ihre Tradition, und suchte die mimetische Kopie authentischer Spiritualität in Massenritualen, Symbolen und dem Tradition heischenden Germanentum. Die Nazis mussten die Bewunderung für die Juden leugnen, und sie deshalb zur Gegenrasse erheben - sie in so weite Ferne rücken, dass niemand auf die Idee kam, das schlecht gefälschte, ins Gegenteil verzerrte Plagiat auf sein erhabenes Original zu prüfen. Und der eifersüchtige Prophet Mohammed vernichtete jene jüdischen Stämme, die ihn der Fälschung ziehen.

Der Philosemitismus in der Linken soll vor dem Sechs-Tage-Krieg 1967 angeblich ein Massenphänomen gewesen sein, der Umschlag in massenhaften Antisemitismus dadurch mitbegründet. Ich halte einen solchen proisraelischen Philosemitismus für nicht annähernd so ausschlaggebend für den dieser Phase folgenden Antisemitismus, wie antisemitisches ideologisches Erbe, die blindwütige Bindung an sowjetische Propaganda und den da schon entfachten Antiamerikanismus.

All diesen "Philosemiten" war der Antisemitismus schon offen ins Gesicht geschrieben, die Juden waren Objekt der Bekehrung oder reine Projektionsfolie. Es bedurfte keiner besonderen Begabung, um ihn als im Kern judenfeindlich zu entlarven.

Aktuell ist der Philosemitismus ein Angstbegriff in der antideutschen Szene. Ich halte ihn für maßlos übertrieben oft und falsch verwendet, was die derzeitige Debatte um die Anti-Ahmadinedschad-Demonstration in Berlin vielleicht verdeutlicht. Ich persönlich hielt von der Demonstration aus folgenden Gründen nichts:

1. Wenn man die israelische Regierung für zu inkompetent hält, eine drohende Vernichtung Israels abzuwenden, warum hält man dann ausgerechnet die deutsche Öffentlichkeit für kompetenter?

2. Wenn tatsächlich dieser Akt der Vernichtung droht, der als "atomarer Holocaust" betitelt ist - was dem Unbedarften vielleicht verdeutlichen soll, dass der noch schlimmer ist, als der "nichtatomare", wegen der Strahlung und so - dann sollte man den Demonstranten wirklich die Frage stellen, warum sie einen spaßigen Ausflug mit anschließender Latschdemo (den Funfaktor ins Zentrum gerückt) für ein geeignetes Mittel halten, diesen zu verhindern.

3. Wieso ist man nicht in der Lage zu benennen, was mit Unterstützung des Iran schon seit Jahrzehnten an Vernichtungsaktionen geplant und ausgeführt wird - über die Hisbollah, über die Hamas.

Mit dem entsprechenden Beitrag zur Diskussion dazu auf Lizas Welt bin ich in weiten Teilen einig. Bedenken erheben sich mir jedoch bei folgendem Schlussplädoyer gegen den Aufruf der Bahamas:

"Den zu der Demonstration aufrufenden jüdischen Gemeinden und Gruppen wird ausdrücklich vorgehalten, sie beteiligten sich „wohl in der Hoffnung, ihrerseits ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben“. Es ist die Ebene der Verdachts, die hier ins Spiel kommt, denn Belege für die Spekulation, den Teilnehmern gehe es bloß um eine familiäre Karnevalsparty und nicht um eine ernsthafte Manifestation gegen Judenhass, fehlen gänzlich. Und mehr noch: Es ist eine klassische antisemitische Projektion zu behaupten, der Jude sei individualistisch statt kollektivistisch, setze auf sich allein und nicht auf die Gemeinschaft. Wenn Juden aber nun vorgehalten wird, sie würden ein „Gemeinschaftsgefühl“ erhoffen, so wird ihnen explizit zum Vorwurf gemacht, dass sie nicht der wahnhaften Projektion des gemeinen Antisemiten Folge leisten wollten. Damit denunziert sich die Rage der Bahamas im Kern selbst als antisemitisch. Man kann der Redaktion eines nämlich nicht vorwerfen: einen ungenauen und unüberlegten Umgang mit der Sprache, mithin eine unzureichende Kenntnis der kritischen Theorie des Antisemitismus."

So wenig ich den Text der Bahamas für gelungen halte, seine Kritik greift bei weitem zu kurz und schief, so sehr halte ich es für wichtig, das Zitat nicht zugunsten der Wirkung abzukürzen:

"Sein Nachfolger, Johannes Gerster (CDU), der stolz den „ersten Bibelgarten Deutschlands“ präsentiert, verkündete schon im Dezember dem sächsischen Teil der Gemeinde: „unser Bibelgarten-Bus fährt ab Synagoge Dresden über Großröhrsdorf, Pulsnitz – Kamenz bis zur S-Bahn Berlin-Adlergestell und zurück“. Gerster weiß für die Seinen klar zu benennen, welcher Gewinn eine Großdemonstration „gegen den gefährlichsten Politiker unserer Zeit“ für das deutsche Vereinswesen sein kann: „Heute möchte ich Sie sehr herzlich bitten, soweit es ihre eigenen Veranstaltungen am Holocaustgedenktag zulassen, unsere zentrale Kundgebung mit Herz und Verstand (!) zu unterstützen. Wir wollen uns kraftvoll zu Wort melden, unser Gemeinschaftsgefühl (!!) in der DIG stärken und erfahren, dass wir mit unserer Arbeit nicht allein (!!!) stehen.“ In den Bibelgarten der DIG sind nämlich allerherzlichst auch Deutschlands Juden eingeladen, von denen sich gleich 20 Gemeinden und Gruppen dem Aufruf angeschlossen haben – wohl in der Hoffnung, ihrerseits ein Gemeinschaftsgefühl zu erleben. Ob sie sich darüber im Klaren sind, dass von solcher Beschwörung der nationalen und europäischen Versöhnung gerade diejenigen, um die es doch zuallererst gehen sollte, die vom Angeklagten unmittelbar bedrohten jüdischen Bewohner Israels, qua geflissentlicher Nichterwähnung ausgeschlossen sind?

[...] Bis dahin aber steht zu befürchten, daß im Bibelgarten deutscher Israelfreude, also dem Holocaustdenkmal zu Berlin, immer auch der Mullah zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls deutscher Vereinsmeier beitragen darf, und der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, der schon seit langem Islamkritik als „Islamophobie“ bezeichnet und in die Nähe des Antisemitismus rückt, mit ihm über einen deutschen Professorenaufruf zur Selbstabschaffung Israels diskutiert."

Vom Vorwurf an "die Juden" liest sich hier wenig, dafür etwas Wahres über eine Tendenz einer genauer bezeichneten ideologischen Gruppe.
"Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland"
an dem das mit Lizas Welt kooperierende Blog Critique: Hector Calvelli eine vernünftige Kritik übt, ist nicht "die zur Demonstration aufrufenden jüdischen Gemeinden und Gruppen", sondern einer, der diesem Aufruf entgegensteht und dennoch in die Kritik eingebunden ist. Das Gemeinschaftsgefühl, das konkret benannte "20 Gemeinden und Gruppen" "ihrerseits" erleben wollen, ist ein von dieser vereinnahmenden Seite aus notwendig enttäuschtes, seine Benennung bezeichnet den deutschen Philosemitismus in der DIG, der mit Juden - des (offenbar bedrohten) Gemeinschaftsgefühls in der DIG wegen - gerne zusammen gesehen werden möchte. Nicht jedoch lassen sich Rückschlüsse aus dem Gesagten über das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der jüdischen Gemeinden ziehen, fernab dessen, dass der Redaktion Bahamas ein positiver Bezug auf ein wie auch immer geartetes Gemeinschaftsgefühl fern stehen dürfte.

Der Vorwurf des Antisemitismus wurde von der Bahamas, i.e. Justus, abgeschmettert , die Forderung nach Entschuldigung wurde angeblich laut. Hier stellt sich die Frage nach der Professionalität von Teilen der Redaktion Bahamas im Umgang mit einem zwar logisch ungerechtfertigten, aber emotional verständlichen, nicht ganz unbegründeten Antisemitismus-Vorwurf. Der Vorwurf des Antisemitismus ist dem Gegner des Antisemitismus kein Makel, sondern Grund zur Reflexion! Am Beginn dieser würde eine Einsicht in die Problematik und zugunsten der Polemik verkürzende Nachlässigkeit des Ausgesagten stehen, am Ende vielleicht die Aufforderung zur Reflexion auf der Gegenseite. Keinesfalls eignet sich aber ein solches "Schandfleck"-Gebahren zur Aufklärung über die Sache, nämlich dem Verhältnis von Philosemitismus und Antisemitismus.
Vielmehr ähneln solche "Antisemitismus-Vorwurf"-Debatten Judith Butlers und Moshe Zuckermanns Sprech vom "Missbrauch mit dem Antisemitismusvorwurf", der diesen unglaubwürdig mache. Zuzugeben, bei einem zumeist ernsthaften Kritiker des Antisemitismus wie Lizas Welt durch eine Formulierung ein ungutes Gefühl hinterlassen zu haben, wäre der tabubrecherischen Bahamas allerdings (bedauerlicherweise) wohl doch zuviel der "Schande".

Gehen wir weiter auf den Philosemitismus ein.
Lizas Welt analysiert messerscharf in Kenntnis des Philosemitismuskomplexes:

"Die Bahamas ist, so scheint es, enttäuscht vom Ersatzobjekt ihrer Zuneigung, da es nicht den von ihr vorgegebenen Maßstäben genügt."

Was man der Bahamas nicht vorwerfen kann, ist, dass sie ihr "Ersatzobjekt" im Zentralrat der Juden in Deutschland oder "den Juden" suchen würde. Lizas Welt vermag nicht zu benennen, wofür dieses Objekt ein Ersatz ist. Wenn man der Bahamas zugrunde legt, die "Elemente des Antisemitismus" gelesen zu haben, so erinnert man sich womöglich an einen Satz in diesem reichhaltigen und durchaus fehlerhaften Werk:

"Die jüdischen Massen entziehen sich dem Ticketdenken so wenig, wie nur irgend die feindlichen Jugendverbände." (Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 185. Fischer 1984)

Meines Wissens nahm die Bahamas nie einen antisemitischen Juden wie Judith Butler oder Moshe Zuckermann von ihrer Kritik aus. Sie vertritt in Bezug auf Israel eine Position der Vernunft, nicht eine des identitären "Gemeinschaftsgefühls", oder der "Schuldfrage". Das Gegenteil wäre nachzuweisen. Demenstprechend hämisch reagieren die von je her Beleidigten, den vermeintlich Überkorrekten einen Fehler nachzuweisen.
Auf dem Badblog vermeldet "Bürger" ein Kommentar zur Diskussion:

Mir erscheint ein Verhältnis zur Zeitschrift Bahamas wie das der Herde zum Hirten, mithin hochgradig irrational, das auf jede Kritik an den Gurus reflexhaft die Stichworte “Ressentiment” und “Vatermord” herunterspult. Ein solcher Vatermord täte einigen vermutlich ganz gut. Es ist ja nicht so, als wäre der Antisemitismusvorwurf einfach so dahingesagt. Der wird ja auch begründet: Es ist der Antisemitismus des vom Objekt seiner unerwiderten Liebe enttäuschten Philosemiten.

Wie jeder in der antideutsche Schule gelernt hat: "Be aware of Philosemitism!" Also lieber nicht zu radikal für Israel sein, sonst kommt hinterher garantiert das Gegenteil heraus.
Gleich darunter bemerkt Edward E. Nigma nach einer längeren, richtigen Kritik:

Ansonsten kann ich nur gelangweilt mit der Schulter zucken und werde die Protagonisten des Disputes nicht mehr ernst nehmen, angesichts des philosemitischen Reflexes der sich da so derart Argumentfrei Bahnen bricht, nur weil der ein oder andere mit seiner Identität nicht mehr zurecht kommt und nur deshalb den Schwachsinn im Munde, ebenso wie die Keule in der Hand führt…

Meines Erachtens besteht dringendster Bedarf an der Schärfung eines Begriffs vom Philosemitismus. Weder ist er ein Reflex, noch ein derart einheitlicher Komplex wie der Antisemitismus.

Philosemitismus rettete zahlreiche Juden vor der Vernichtung. So verwerflich die Bekehrungsabsicht der evangelikalen Christen in Amerika ist, so viel tun sie für den Erhalt Israels. So eindeutig sich philosemitische Herrscher des Mittelalters die Juden nutzbar machen wollten, so hilfreich erwies es sich in zahlreichen Fällen für Juden, mit Schwert und Schild vor marodierenden Kreuzrittern, plündernden Bauern oder fanatischen Christen gerettet zu werden. Philosemitismus kann die völlig rationale atheistische Begeisterung für die jüdischen Texte ebenso bedeuten, wie der harmlos zu nennende Kaballa-Fanatismus Madonnas. Philosemitismus kann eine Reaktionsbildung auf den Antisemitismus, der die Juden real zum auserwählten Volk macht, sein, wie die Erkenntnis, dass der Antisemitismus der Feind des Menschen ist, und daher auch der des sich mit diesen notwendig solidarisierenden Individuums. Keinesfalls ist solchen Formen des Philosemitismus notwendig der Umschlag in Antisemitismus eingeschrieben. Am Beginn eines solchen Philosemitismus steht in der Regel ein aufgeklärtes Interesse und häufig eine Abkehr vom klassischen Antisemitismus, bisweilen eine Bekehrung zum Judentum.

Philosemitismus sollte vielleicht besser unterschieden werden in einen latent oder offen antisemitischen und in einen reflektierenden, der zu benennen weiß, warum er diesen oder jenen jüdischen Text oder die israelische Politik gutheißen kann und sich möglicherweise damit identifiziert. Von letzterem geht kaum Gefahr aus, ersterer ist meist schon auf den ersten Satz als antisemitisch zu enttarnen.

Anders als der Antisemitismusvorwurf ist der Philosemitismusvorwurf in überwiegendem Maße ein Instrument des Antisemitismus, wie neudeutsche Blogs im Stile von Lysis reich belegen. Darauf zu reflektieren sollte die weitere Verwendung zumindest eindämmen und auf explizit zu begründende Fälle reduzieren. Und spätestens hier übergebe ich an Menschen, die tiefer in das Phänomen einzudringen wissen und möglicherweise auch ein paar mehr Bücher zum Thema auf Lager haben.

Nachtrag:

Was der antisemitische Philosemitismus-Vorwurf will:

- Identität von Ideologie und Volkszugehörigkeit:
"Du bist kein Jude, also darfst du seine Meinung nicht teilen."

- Verdecken des eigenen antisemitischen Arguments:
"Wenn ich Antisemit sein soll, dann bist du Philosemit und das ist schlimmer!" (vgl. Manifest der 25)

- Aufspreizen zum Kritiker:
"Du bist der, der sich Gedanken machen sollte, weil morgen bist du viel mehr Antisemit als ich"

- Trennung von aufgeklärtem Interesse und israelischer Verteidigung: "Du bist doch nur für Israel, weil du Juden toll findest, und deshalb die schlimmen Dinge, die die wirklich machen, nicht sehen willst."

- Identität von Ideologie und Volkszugehörigkeit:
"Du bist Antideutscher, also kein Jude, weil (gute) Juden nicht diese Meinung haben, also Philosemit, also schlimmer als Antisemit."

- Nichtidentität von Ideologie und Volkszugehörigkeit:
"Ich kenne Juden, die Israel voll schlimm finden, und du findest Israel gut, und meinen Juden doof, weil er dein philosemitisches Vorurteil kränkt."

Die GWG hat hier eine lesenswerte Kritik an Lizas Welt verfasst.  

Die Forderung nach Entschuldigung wurde aktuell von Seiten des Bad Blog vorgebracht. 

30.1.07 20:37


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