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„Kaffee gegen die Pfeffersäcke!“ Kaffeeklatsch und Raubökonomie

Der Hass gegen das Bürgertum kommt gern im revolutionären Gewand daher, und ebenso gern werden infantile Projektionsflächen gewählt: den Idealtypen des Narzissmus (nach Freud das Kind, das Raubtier, der erfolgreiche Verbrecher) entsprechend schmücken je nach Wahl grinsende Kinder, Katzen oder Guerilleros und Piraten die Flugblätter von Bewegungen, denen vor allem eins zuwider ist: Dass am Tausch der Freien und Gleichen etwas Abstraktes sei, etwas, das über die konkrete Greifbarkeit hinausgeht und Wert versickert, wo doch Äquivalententausch versprochen wurde.

Die Café Libertad Kooperative oHG aus Hamburg verspricht protzig „eine revolutionäre Antwort … auf bürgerlichen Nachhaltigkeits- und Agenda-Schnickschnack.“ Wo die Form zum neglectum possibile wird, kann bürgerliche Ideologie als Schnickschnack abgetan werden, eine weitere Analyse wird einem erspart, schließlich handelt es sich um ein „nichtkommerzielles Projekt“, da wird man zum Lesen kaum noch Zeit finden. Wie alle linken Soligruppen setzen sie masochistische Selbstausbeutung voraus, wer mit gutem Gewissen Kaffee trinken will, soll blechen oder wenigstens umsonst am Versandtresen schuften.

Gegen kapitalistische, abstrakte Konkurrenz stellen sie „den allseits bekannten Likedeeler Klaus Störtebecker dagegen, der von allen bourgeoisen Pfeffersäcken gehaßt und deshalb in Hamburg 1401 geköpft wurde.“ Sie „erinnern mit diesem Kaffee an den sozialrevolutionären Rebellen“.



Was man also den Zwischenhändlern (zu Unrecht) vorwirft, sich unrechtmäßig am Warentausch zu bereichern, wird im eigenen Fall zum Vorbild, Raubökonomie, die sich an den freien Warentausch anheftet und parasitär an diesen gebunden bleibt, weil sie weder politisches noch ökonomisches Fundament außerhalb des berechtigten Eigeninteresses am Überleben hat.

Fern jeder historischen Analyse wird dann aus Händlern der freien Hansestädte bereits die Bourgeoisie, an denen vor allem eines stört: Dass sie den Tausch der freien und Gleichen, der die Ungleichheit im Kapitalismus vermittelt, zur Not mit Gewalt garantiert und somit in der Tat revolutionär ist gegenüber personalen Verteilungsoligarchien in Patriarchaten, südamerikanischen Gerontokratien oder „Likedeelerei“ in Räuberbanden. Dass solcherlei garantierte Konkurrenz dadurch erst das freie Individuum ermöglicht, das die Möchtegernrevolutionäre im „sozialrevolutionären Rebellen“ verwirklicht sehen wollen, nur weil er als Person gewordener Patriarch und „guter Anführer“ ein wenig Scheinindividualität vertritt, das freie, zünftige Schiffeentern, saufen, gröhlen und hojotoho-Seeräuberleben, können sie nicht begreifen, weil sie selbst gerne zurück in die infantile Welt zurückflüchten wollen, in denen eine mächtige Mutter jedem Geschwisterchen ein gleiches Stückchen Schokolade zuteilte.

Nachdem man irgendwie gemerkt hat, dass das mit Palästina nicht so ganz hinhaut, hat man sich ein neues Identifikationsobjekt geschaffen, die Zapatisten und besonders gern den Anführer Marcos, den „erfolgreichen Verbrecher“. Dieser ist deshalb so beliebt, weil er mit Maske und ein paar flotten Sprüchen austauschbar ist, Marcos „ist jeder“ und jeder darf mal Führer sein. Den in Teilen sehr gerechtfertigten, wenn liberalistisch, Aufstand in Ländern Südamerikas will man mit dem „Aufstand in unseren Ländern unterstützen“. Ob sich dafür jeder Linker demnächst in die Bordlisten der Freibeuter eintragen muss, oder ob sie wohl nach alter Sitte bald unter zaghafteren Genossen „shanghaien“, Solidarität mit Gewalt einfordern, wie die nette Farc von nebenan? Und ob es wohl den „Pfeffersäcken“, Hamburger Händlern, an den Kragen geht?

Wer nicht begriffen hat, dass zu einer größeren Warenmenge, die es zu vermarkten gilt, auch notwendig Zwischenhandel gehört, dass das blinde Gesetz der Konkurrenz nicht vom Konsumenten aus aufgehebelt werden kann, sich nicht aus Zirkulation noch aus Produktion alleine speist, kann ja weiter hoffen, dass mit 250 g im „silbernen Weichfolien-Beutel“ á 3 Euro, „wer mehr nimmt darf den Kaffee nicht weiterverkaufen!“, sich die Welt positiv verändern ließe. Und positive Aufhebung meint eben nicht die umjubelte „Dorfgemeinschaft“, auch nicht auf „Langzeitbesucher ausgelegten Projekt- und Ökotourismus“, was nichts weiter meint als Selbstausbeutung von masochistischen Ich-will-was-beigetragen-haben-Linken, meint auch nicht einen „kräftigen Körper und eine milde Säure“ oder gar „dauerhafte Heimat“. Eben die Emanzipation von den Zwängen der Dorfgemeinschaften und Räuberbanden wäre zwingend, aber das hieße die Solidarität mit den „Unterdrückten“ der Analyse zu opfern und verdammt noch mal Kritik zu üben, die über somnambules Pfeffersackschlagen hinausgeht.

Stattdessen wähnt man sich bereits außerhalb von Gut und Böse, leugnet, zutiefst im von Totalität kapitalistischer Vergesellschaftung affizierten Denkens verhaftet zu sein, und muss dennoch dem Trieb zum Geständnis gehorchen: „Dieses Angebot ist nur aufgrund unseres nicht-kommerziellen Projektes zu verwirklichen.“
Die Scham, Geld zu nehmen für die eigene Arbeit, was gewisse Transfair-Produkte exakt so teuer macht, wie sie nach kapitalistischen Gesetzen sein müssten, birgt die Aggression gegen „Pfeffersäcke“, Kommerz und Profit, als wäre das wie die Kaufentscheidung eine ethische Frage und keine von Zwängen im falschen Ganzen.

Die Werbung von Cafe Libertad ist hier zu finden
4.6.06 11:30


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Die Ökonomie der Hexerei


Buchbesprechung:
David Signer: „Die Ökonomie der Hexerei – oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt.“ Wuppertal, Peter Hammer Verlag, 2004. 456 Seiten, 22,- €, ISBN 3-7795-0017-5

Leichte Kost ist es nicht, was David Signer, ein Schweitzer Ethnologe als Ergebnis mehrjähriger Feldforschungen, Reisen und Recherchen, dem political-correctness verwöhnten deutschsprachigen Publikum auftischt. Er mutet der vermutlich linksintellektuellen Leserschaft zu, Verallgemeinerungen zu denken, die über das betuliche Klein-Klein des herkömmlichen Feullietonbetriebes hinausgehen, fordert von ihm, sein eigenes Oszillieren zwischen Abneigung und Faszination nachzuempfinden und sich vorbehaltlos auf die Suche zu machen nach dem Grund, warum der Hexenglauben in Afrika sich entgegen allen Fortschritts halsstarrig am Leben erhält, ja sogar mit der Modernisierung einen Aufschwung erlebt.

Signer begleitete in Westafrika mehrere Feticheure auf ausgedehnten Lehrreisen, lässt sich letztendlich selbst initiieren, um einige letzte Geheimnisse zu erfahren. Sehr klar wird die übertriebene Frage der Ethnizität in Frage gestellt. Auch wenn es geringfügige, regionale Unterschiede in Form und Inhalt des Hexenglaube gibt, so stellt Signer doch eine „Irrelevanz des ethnischen in der Heilkunst“ fest, solcherlei Kulturalismus, Überbetonung von Ethnischem in der Ethnopsychiatrie, sei vor allem ein europäisches Wunschdenken. (185)

„Hexerei ist eine Realität – keine „materielle“, aber eine soziale.“ (31) Sie schafft Fakten, aus denen sie selbst ihre Legitimation zieht. Die permanente Angst vor Hexerei führt dazu, dass ökonomisch erfolgreiche Individuen an psychosomatischen Erkrankungen leiden, deren Symptome eben jene der Verhexung sind: Antriebslosigkeit, chronische Erkrankungen, nervöse Ausfälle bis hin zu Unfällen. Sie entfliehen entweder dem Druck der Gemeinschaften, und bestätigen so deren Sentiment über den „assozialen“ Emporkömmling, oder sie vollziehen die obligatorische, parasitäre Umverteilung des Erworbenen, den Potlatch, an dessen Ende er selbst meist ärmer dasteht als vor seinem Erfolg. Gleichzeitig ist es nicht so, dass Macht als unrechtmäßig erscheint.

„In Afrika ist die Moral der power nicht entgegengesetzt, sondern folgt ihr. Der Erfolgreichste ist ein Muster des richtigen Lebens.“ (59) „Oft werden tatsächlich die Mächtigen der Hexerei verdächtigt, aber offen angeklagt wird ein Ohnmächtiger, beziehungsweise der Mächtige in einem Moment, da sein Thron zu bröckeln beginnt.“ (377)
Ein verkehrtes, aber im Vergleich zu Heuschreckenphantasien deutscher Ideologen nicht notwendig primitiveres Verständnis von Kapitalismus offenbart sich in Sprichwörtern wie „Es ist das Geld, das uns Geld bringt. Gegebenes Geld ruft Geld.“ (67) Geld besitze sogar, wie Menschen, ein spirituelles double, das beschworen werden könne. Die abstrakte Seite des falschen Ganzen wird geahnt, aber dennoch zwanghaft konkretisiert in Hexen und Geistern.

Anstatt aber Investition zu tätigen, verlagert man die Zirkulation vollständig auf eine mystische Ebene, Geld fällt buchstäblich vom Himmel, es zirkuliert aufgrund geheimnisvoller Kräfte, und wird nicht mit Arbeit in Verbindung gebracht. (201) Diese Beschwörungen erfordern allerdings zahlreiche und finanziell aufreibende Opfer, und stellen einen gewaltigen Teil der Ökonomie, sind insofern also doch „Produktion“. Der dichten Erzählung des Autors folgend, opfert man in Westafrika beständig Rinder, Ziegen, Hühner in horrender Zahl, kauft Zauberringe, Fetische, die magischen Talismane (grus-grus), bezahlt Orakel und beschenkt Bettler und Fremde, mit der Absicht, den Neid der Hexen zu schmälern und finanziellen Erfolg zu erlangen, der dann doch nur in pompösen Beerdigungen, Hochzeiten, Feiern verschwendet wird.

Hexerei fungiert als psychologisches wie als materielles Korrektiv, der Psychoterror der Verwandtschaft mündet anscheinend nicht selten in die Verabreichung von materiellen Kontaktgiften, die Frage, wer einen verhext hat, bekommt einen sehr bedrängenden, realistischen Sinn. Selbst wer nicht an Hexerei glaubt, ist diesem System unterworfen, ein außerhalb der Gemeinschaft stehen wird selten akzeptiert. Hexerei ist buchstäblich „ansteckend“, (203) und vollständig abgedichtet gegen Zweifel. Sollten einige der zahlreichen Orakelsprüche nicht zutreffen, ist dies die Schuld der launischen Geister, des Unmuts der Ahnen, oder es ist tatsächlich ein Bewusstsein von Scharlatanerie vorhanden, die als Ausnahme jedoch die Regel der wunderkräftigen Marabouts und Feticheure bestätigen. Zur Aufwertung des kollektiven Narzissmus weiß ein jeder abstruse Augenzeugenberichte von den Fähigkeiten der Orakelpriester und -priesterinnen zu erzählen, die direkt der Freudschen Traumwelt zu entspringen scheinen, es wird umhergeflogen, verwandelt und verhext, was die Phantasie und das Unbewusste hergibt.

Erfreulich häufig und fundiert zieht Signer dann auch psychoanalytische Modelle zu Rate:
„Der Vater bleibt eine idealisierte, recht ferne und abstrakte Figur, mit dem jede offene Rivalität undenkbar ist. Die eigentliche Rivalität spielt sich zwischen den Brüdern ab, wobei der Wunsch und das Verbot, den Vater zu besiegen; ersetzt wird durch die gefährliche Aussicht, den größeren Bruder zu überrunden. Die Kastrationsdrohung im Falle eines tatsächlich errungenen Sieges wird in Afrika im Idiom der Hexerei formuliert.“ (175)
Neid ist dabei die wesentliche Konstante, das dominierende, „afrikanische“ Gefühl. Neid, nicht um ein Objekt zu beherrschen, aus dem Wunsch heraus, sondern um einem anderen das Objekt nicht zuzugestehen. Daraus, wie aus einem ausgeprägtem Narzissmus, der Misserfolg nicht als persönliches Versagen oder Unzulänglichkeit vertragen kann, speist sich die Projektionsleistung des Hexenglaubens.

„Die „Hexe“ wäre dann gewissermaßen die Verkörperung dieses Verleugneten oder Verdrängten, das, da es im Eigenen unerträglich ist, immer im Anderen gesucht (und gefunden) wird. Die „ Hexe“ vereinigt also die Aggressivität der ganzen Gemeinschaft auf sich und ermöglicht ihr so, „sauber“ und „friedlich“ zu bleiben, beziehungsweise die Konflikte latent zu halten. Wir hätten also die Möglichkeit, an dem, was in einer Gesellschaft „Hexe“ oder „Hexerei“ genannt wird, zu studieren, von was für Konflikten sie bedroht wird, die nicht manifest werden dürfen. Die Hexe als das Unbewusste einer Kultur!“ (175f)

Hexenglaube ist dabei kein Privileg der unaufgeklärten Dorfgemeinschaften: „Je mehr Diplome einer in Afrika besitzt, desto mehr glaubt er Zielscheibe von Neid und Magie zu sein, und desto mehr benützt er zu seinem Schutz Talismane“. (391)
Das nach Marx Fetischisierung benannte Bewusstsein von kapitalistischer Ökonomie kommt direkt als Fatalismus, als Ausdruck einer sich vollständig von Natur beherrscht wähnenden Ideologie zum Tragen: „So wie die Natur „sozialisiert“ wird, wird andererseits das Gesellschaftliche biologisiert. Die Natur wird zum Modell, durch das Herrschaftsverhältnisse legitimiert werden.(412) Zur zweiten Natur gerät, was ureigenstes Produkt des sozialen Handelns von Subjekten ist, veränderbares verwandelt sich im fetischisierten Bewusstsein in unveränderbares, in Naturgesetze. Dabei gibt es kein Privates mehr, nichts, was allein das Individuum beträfe, Hexerei sucht als Schuldbewusstsein der Gemeinschaft gegenüber oder als Neid der Gemeinschaft das Individuum doppelt heim.
Und mit Etounga-Manguelle kommt Signer zum logischen Schluss:
„Faschismus in Afrika ist nicht nur die Mörderfolklore eines Idi Amin oder Bokassa; er spricht in unseren Eingeborenensprachen und tanzt im Rhythmus unserer Verhexung. Unsere Gesellschaften sind durch und durch totalitär. Die afrikanische Einheitspartei? Man muss ihr nichts vorwerfen, sie korrespondiert perfekt mit der Mentalität unserer Völker.“(429)

Theoretisch verflicht Signer materialistische, psychoanalytische und strukturalistische Konzepte zu einem abgebrühten, stichhaltigen Gesamtwerk, das erfreulich von der Beliebigkeit postmoderner Arbeiten abweicht. An ein paar Modellen hat er merklich seinen Narren gefressen, Augés „heidnische Logik“ verfolgt im Werk auf Schritt und Tritt, ohne dass je ein Punkt erreicht wäre, an dem man dem vorbehaltlos zustimmen könnte. An anderen Enden mag sich ein Pedant auf exaktere Begriffsentfaltung versteifen, an Paraphrasen herummäkeln, den etwas verwirrenden, unchronologischen Aufbau bemängeln, er muss doch zum Schluss kommen, dass Signer dem ehrgeizigen Geist eine, besser DIE, afrikanische Denkform so konsistent präsentiert, dass das notwendige rationalistische Zähneausbeissen beim Einlassen aufs Objekt noch auf einen Hauch Wahrheit im Eurozentrismusvorwurf verweist.
Insgesamt hat die Arbeit Signers Aussicht auf einen hervorragenden Erfolg als ethnologisches Standardwerk, weil es nicht bei der Beschreibung von Erscheinungen verharrt, sondern um kritische Analyse bemüht ist. Der extravagante Weg über strukturalistische Theorieexoten tut dem Ergebnis dann keinen Abbruch mehr.
6.6.06 21:00


Vom Volksheld zum Volksschädling - Deutschland zwischen Ballack und Ahmadinedschad



In einigen afrikanischen Königreichen war es üblich, sobald der König krank oder schwach wurde, ihn zügig umzubringen, da sein Leid das des gesamten Volkes werden würde. Der König war der Mikrokosmos des Reiches, wurde er krank, erkrankte das Reich. Merkwürdigerweise starb das Reich nicht, wenn man ihn tötete, aber das steht hier nicht zur Debatte.
Michael Ballack hat anscheinend eine Wadenverletzung und kann nicht beim Eröffnungsspiel der WM mitspielen. Anstatt nun aber den Unglücklichen zu bedauern, tritt ein gänzlich anderer, hässlicher Zug der Heldenverehrung zu Tage: Ballack musste sich im Fernsehen regelrecht entschuldigen, sich dafür rechtfertigen, dass er nicht sofort zum Arzt gegangen ist, als sich die Verletzung ereignet hat. Was bei zahlreichen anderen WM-Spielen dem Heldenstatus der Fussballkrieger nur zuträglich war, nämlich mit geschienten Schultern, ausgerenkten Knöcheln und 39°C Fieber zu spielen und diese Verletzungen vor dem Teamarzt zu verheimlichen, gerät bei Ballack zum Auslöser eines furor teutonicus einiger Fans. Ballack habe „leichtsinnig“, „unverschämt“, „frech“ den (ohnehin verlorenen) WM-Titel Deutschlands riskiert, tönt es aus empörten Leserbriefen (!) in zahlreichen drittklassigen Regionalzeitungen. Er, der in der letzten WM noch der Star war, mit dem sich alle Dorfkicker identifizierten, ist auf einmal der Volksschädling, der Dolchstoß im Rücken der wackeren Mannschaft. Hier fühlt sich der Gartenspießer noch berufen, einen Leserbrief zu schreiben und seinen Unmut kundzutun, Ratschläge zu erteilen, die niemand hören will und überhaupt vor rotziger Gigalomanie nur so zu triefen.

Abgesehen vom widerlichen Gebaren Deutschlands, das die WM selbstverständlich als Begründung nimmt, Polizeigewalt und Demonstrationsverbote mit Überbelastung zu rechtfertigen, ist doch das Wesen des deutschen Fans deutlich zu erkennen: Was einstmals Identifikation war kann jederzeit in erbitterten Hass umschlagen, ja Identifikation ist sogar unbedingt vonnöten, wehe aber, es zeigt sich etwas Nichtidentisches zwischen Projektion und Projektionsfläche, das an die Unzulänglichkeit der Projektion erinnert. Ballack muss der Ballack sein, den man von ihm haben will, an dem man Anteil haben kann. Sobald nicht mehr partizipiert werden kann, wird gehasst. Die auf Ballack projizierte Reinheit und Unverletzlichkeit wurde durch seine Verletzung in Frage gestellt, die narzisstische Kränkung tobt sich am Objekt aus, wie beim Künstler, der sein Bild aus Wut über einen missratenen Pinselstrich verbrennt.
Nicht umsonst schilt Nietzsche die Deutschen, das "tiusche" Volk, das "Täusche-Volk".


Wer auf jeden Fall auf Seiten Deutschlands spielt und siegt ist der iranische Präsident Ahmadinedschad: Unsinnig ist es, über seine Anwesenheit zu streiten: er ist nämlich schon längst angekommen.
In Spiegel wie taz können Ahmadinedschad und seine Minister ihre Propaganda verbreiten, die Reporter verleihen dem noch den Anstrich von rationalem Schlagabtausch, bei denen das bessere Argument selten ihnen zufällt. Warum soll Ahmadinedschad nach Deutschland kommen, wenn doch Deutschland "zu Gast bei Freunden" im Iran ist?
9.6.06 16:36


Sarkawi tot!



Den Mordbuben hats erwischt! Verraten und verkauft, hiphipp! Ein Grund zu feiern! Und die Nr. 2 auf der israelischen Fahnungsliste ist angeblich seit gestern auch exitus!


Ein Hoch auf Präzisionsraketen, F-16, die US-Armee und die IDF!

ntv
9.6.06 16:50


Eine nationale Psychose? Und wer hat Angst vor Goleo?

„taff“ (Pro7) verkündet stolz der Welt, was die schon längst weiß: Wir sind die Fussballdeutschen, und endlich sind wir wieder wer. Ein drittklassiger Autor M. schreibt ein Buch darüber, oder eher dafür, denn außerhalb dieses „ansteckenden Wir-Gefühls“, so zwei Mädchen in „taff“ kann nicht einmal der wissenschaftliche Diskurs sich stellen. Da flennts in einem fort vor Rührung, dass nun endlich ein „gesunder Patriotismus“ entstünde, alles eine „große, friedliche Party“ sei und man das halt mal so macht, weil das natürlich ist, weil das in uns steckt, weil das etwas ist, das sich freut, wenn „die eigene Urhorde“ prosperiert.

Rührend, wie die Verkehrung wirkt: Stets wird auf andere Nationen verwiesen, die unbefangener seien, und nun hat das kindliche Deutschland sich von diesen abgeguckt, was Patriotismus ist. Dass Patriotismus wie Nationalismus ein Meister aus Deutschland ist, fällt unter eine nationale, infantile Amnesie. Dieses „Wir-Gefühl“, das kommt von Natur, und leider, leider, gab es da so eine übernatürliche Pause, aber davon zu reden würde schon die Party verderben.

Zugegeben, es verwundert, dass in Zeiten der nationalen Krise der Patriotismus sich noch nicht in Gewalt äußert. Hätte gar am Ende der düstere Kritiker Unrecht, der den Nationalismus zum Patriotismus der schlechten Zeiten erklärt? Nicht so ganz: Die deutsche Nationalmannschaft kann nur gewinnen, sie ist so schlecht, dass jedes Weiterkommen schon Balsam für die schwarz-rot-gelbe Seele ist, und letztlich kann man immer noch das Finale im eigenen Land betrachten.

Also kann der Patriotismus sich gönnerisch geben, kann die unverhüllte Drohung im Slogan „Die Welt zu Gast bei Freunden“ vorerst erfolgreich vertuscht werden. „Zu Gast“ ist man dort, wo man sich nicht „wie zu Hause“ fühlt, wo man jederzeit hinausgeworfen werden kann, wo man sich an germanische Regeln der Gastfreundschaft gern erinnert, aber den Fremden zur Sicherheit trotzdem verbrennt. Und eines soll der Welt mal sonnenklar gemacht werden: Wir sind kein Teil davon, sie ist eben nur „zu Gast“ bei Freunden, und die können diese Freundschaft jederzeit aufkündigen.

Daher auch das ungemütliche Maskottchen, dem allerorts vorgeworfen wird, die Hose vergessen zu haben. Schlimmer ist: Dieser Löwenbär trägt Kleidung, hat sich den zivilisatorischen Schafspelz angezogen, soll kollektiven Narzissmus, der an große Raubtiere sich zu gerne heftet, etwas heimeliger machen, sich einschmeicheln, sagen: Hey, ich bin einer wie ihr, ich schwenke auch nur fröhlich Fähnchen, nehmt mich auf. Und schwupps, hat man mal nicht hingeschaut, hat er einen verspeist.
13.6.06 18:13


"Wie schön weiß ich bin"

Dolf Verroen: „Wie schön weiß ich bin“, Peter Hammer Verlag, Wuppertal, 2005. 69 Seiten.

Schön

Die neue Sklavin von Papa arbeitet nicht.
Sie tut keinen Handschlag, sagt Mama.
Sie schaut als gehöre die Plantage ihr.
Manchmal kommt sie in die Küche.
Dann bittet sie um Essen,
oder sie holt sich etwas aus dem Schrank.
Heute Nachmittag schauten Mama und ich aus dem
Fenster.
Die Sklavin kam zum Haus.
Zur Hintertür.
Mama und ich warteten auf sie.
Ich sah wieder wie schön sie ist.
Was tust du hier?
Die Sklavin sagte nichts.
Guck nicht so frech!
Die Wut schlug zu.
Ich habe Mama noch nie so schnell gesehen.
Sie bückte sich, zog einen Schuh vom Fuß
Und schlug die Sklavin ins Gesicht.
Der hohe Absatz bohrte sich in ihre Wange.
Blut floss.
Die Sklavin schrie.
Mama stieß sie fort.
So, sagte sie zufrieden,
schön ist sie jedenfalls nicht mehr.

(Verroen, S. 32, 33)

Was als Kinderbuch aufgemacht ist, entpuppt sich als psychoanalytisch hochinteressante und anspruchsvolle Geschichte. Verroen erzählt aus der Perspektive eines kleinen, weißen Mädchens dessen sexuelle wie moralische Entwicklung in einer Welt, in der Sklaverei normaler Alltag ist. Das verstörende ist, dass sie nicht in der Lage ist, sich dem Rassismus der Familie entgegenzustemmen, sondern diesen widerspruchslos reproduziert. Man hofft auf ein kathartisches Moment, dass sie ihr Geburtstagsgeschenk, einen eigenen Sklaven, nicht verkaufen möge, aber woher soll der Humanismus kommen? Dass menschlich, aufgeklärt, mit Vernunft zu handeln, eben nicht, wie es die Menschenrechte nahe legen, von Natur kommt, sondern zutiefst Bedingungen bedarf, in denen kritische Reflexion möglich ist, in der es einem nicht allzu leicht gemacht wird, die sexuellen Ängste auf gesellschaftlich legitimierte Projektionsflächen zu bündeln, kann Verroen in einfachster Sprache schmerzhaft vor Augen führen. Das Lesen bereitet kein Vergnügen, sondern kostet Selbstüberwindung, fördert Ekel, der doch auf Identifikation, auf einstmals Geliebtes hinweist.
In einem Nachwort erklärt der Autor die Genese des poetischen Werks, wie er in Surinam auf die Idee kam, ein Buch über die Sklaverei zu schreiben. Leider bleibt seine Reflexion an einem entscheidenden Punkt stehen: „Als Kind, das den zweiten Weltkrieg überlebt hat, schockierte mich, dass die grausamsten Sklavenhalter jüdische Familien gewesen waren. Aus Opfern wurden auf einmal Täter; etwas, das ich nur schwer begreifen konnte.“ (Verroen, 66)
Eine solche fahrlässige Generalisierung ohne Quellenangabe ist in einem Stück, das sich die Bekämpfung von Rassismus zu Herzen nimmt, nicht nur fehl am Platze, sondern kontraproduktiv. Was das jüdische Opfer des deutschen Vernichtungskrieges zum Täter in einer britischen Sklavenhaltergesellschaft machen soll, bleibt unerklärt, der Wahrheitsgehalt der Behauptung ist zudem zweifelhaft, nicht unmöglich, dass aus den Reihen der Black-Muslims solcherlei antisemitische Propaganda gestreut wird, wie sie im Rahmen des Antizionismus der meisten islamischen Vereinigungen üblich sind.
14.6.06 17:36


Antifreudianismus – oder wozu braucht ein Freudianer ein Freud-Jahr?


Das Vorurteil gegen die Psychoanalyse sieht laut Adorno dem Antisemitismus gleich, weil beide jenem spinnefeind sind, wessen Emanzipation wahrhaft bedürfte: Kritischer Reflexion und Selbstreflexion.
Einem aufrichtigen Leser Freuds wird kaum dessen stete Reflexion auf den Zeitkern seiner Theorie entgehen, das vorsichtige Formulieren, die um Simplizität bemühte Form des Schreibens. Der idiosynkratischen Leserschaft, die Freud schon deshalb für überholt hält, weil er vor 150 Jahren geboren wurde, gerät jedes Zögern, und Freud war ein Cunctator, zur willkommenen Schwäche, zur offenen Flanke, auf die um so lustvoller eingedroschen wird. Beispielsweise Freuds Zweifel an der eigenen Theorie des weiblichen Kastrationskomplexes befleißigen die postmoderne Leserschaft zu dem einhelligen Urteil: „Für Freud waren Frauen ein Mysterium, er hat sie nicht verstanden“. Was Freud analysiert und kritisiert, Kultur als Produkt von Sublimierung sexueller Bedürfnisse, wird zu einer Sache, die an ihm zu finden sei. „Das macht Freud ja dauernd.“ Freud reduziere alles auf Sexuelles, und dem verdrucksten Halbgebildeten springt wenn schon nicht die Schamesröte, dann ein metaphorisches „Höhö“ ins Gesicht. Was für ein Perversling, hinter allem einen Phallus zu sehen, so was Sexuiertes und in binären Geschlechtercodes Verhaftetes aber auch.

Weil man es aber ganz genau wissen will, mit wem Freud wann vor allem an Sex gedacht hat, boomt der Markt mit „Freud-Einführungen“, die doch in den allermeisten Fällen Freud-Entführungen sind. Wer behauptet, es bedürfte, um Freud zu verstehen, einer Einführung, muss sich augenscheinlich an Analphabeten wenden. Die kristallklare Einfachheit der Sprache, die Art und Weise, wie Freud seine unterhaltsamen Vorlesungen gestaltete, dürften wohl niemand, der ernsthaft sich um das Thema bemüht irgendwelche Schwierigkeiten bereiten.

Weil aber trotz aller „Überholtheit“ man immer noch erklären muss, dass Freud irgendwie ein „großer Denker“ war, greift man zum einfachsten Trick, einem Autor die Leserschaft zu vertreiben, nämlich pfundschwere Einführungen, mit Daten gespickt, die auf das Lieblingsthema der Leserschaft abzielen: Wie hielt der "Perversling Freud", der "Sexist", der "Patriarch", der "Lustmolch", es mit den Frauen, kurz, wen hat er wann wie gevögelt und hat er sich dabei analysiert? Ein Freud-Comic macht sich beispielsweise darüber lustig, dass der Entdecker der oralen Fixierung selbst stets eine Zigarre im Mund gehabt habe: Unter einer Karikatur und einem Freud-Zitat steht dann in vollendeter Rancune „Ach ja, Herr Freud?“ An gleicher Stelle erklärt man folgende, kiloschwere Anklage: Der Entdecker des Ödipuskomplexes habe „selbst einen Ödipuskomplex gehabt“, und wieder denke man sich dazu ein Anstupsen mit dem Ellenbogen und ein verdrücktes „höhö“.

Gerät man im Bereich der Ethnologie notwendig an Geschichten von Trickstern, bei denen einem Kastrationskomplex und analsadistische Neurosen nur so ins Gesicht springen, in denen beispielsweise Trickster ihre Körperteile, besonders den After unabhängig von sich bewahren können, den Penis dreimal um die Hüfte schlingen, ihn zusammengerollt auf dem Rücken tragen, sich als Frau verkleiden um mit dem Häuptlingssohn zu heiraten, den Penis in eine Eichhörnchenhöhle stecken, wo er per Eichhörnchenzahn auf eine menschliche Länge zurückgestutzt wird, dann ist das für Ethnologen nicht etwa ein Anreiz, über das darin enthaltene Sexuelle nachzudenken, sondern „dies auf Sexuelles herunterzubrechen, wäre zu simpel“, weil „es ja immer auch um soziales Verhalten gehe“. Man müsse also über „den Körper und seine soziale Rolle“ nachdenken, auf keinen Fall aber mit Freud arbeiten, der ja ohnehin nur mit dem Verweis auf die anale Phase antworten würde, wo es doch sonnenklar ist, dass wenn der After des Trickster das Feuer bewacht, es nur um soziale Konstruktion gehe und überhaupt meinen die Indianer ja nichts so wie sie es sagen.

Das Ressentiment, das einem in wissenschaftlichen Kreisen in Deutschland entgegenschlägt, wenn Freud’sche Psychoanalyse zum Thema wird, ist enorm. Es mit Freud selbst zu bekämpfen bleibt vergeblich, wer Freud nicht unbedingt kritisch erwähnt ist selbst ein „Orthodoxer“, ein „Ewiggestriger“, der Karen Horney nicht gelesen habe und überhaupt einer völlig überholten Theorie anhinge.

Diese Gesellschaft muss Freud verdrängen, weil ihr Sexualität als letztes Refugium des bürgerlichen Glücksversprechens gilt: was sich objektiv in anderen Bereichen als mindestens dialektisch herausstellte, soll in diesem eingegrenzten Zoo der Gesellschaft geschützt verharren, Reinheit, Ehrlichkeit und Lust verheißen. Und wie von der Ware der Wert abgespalten wird, wie sich Konkretes und Abstraktes im Warenfetisch trennt und in Gut und Böse teilt, so muss sich auch Sexuelles trennen in die Sexualität des Citoyen, der sich und anderen damit Gutes tut und Fortpflanzung, Eheglück und Kinderlachen anstrebt, und auf der anderen Seite in die bösen abstrakten Implikationen des Ich-zentrierten Bourgeois, in Penisneid, in Inzestuöses und Homoerotisches. Das Abstrakte wird sodann abgespalten und verdinglicht, als Sache, die nur Freud betreffe, oder den Perversen, ebenso wie der Wert nur das Geld betreffe und als solches abzuschaffen sei.
Kultur wähnt sich so als reine, freie, wo sie immer mehr die Befangenheit von Sexualität im beschädigten Leben verleugnet und so Perversion fördert, Beschädigung an andere weitergibt und abspaltet. Wer auf die Beschädigungen aufmerksam macht, setzt sich der narzisstischen Wut des Gekränkten aus.
Wo man nicht umhinkann, Freud anzuerkennen, muss er anscheinend zwanghaft historisiert werden. Er sei Produkt der bürgerlichen, patriarchalen Gesellschaft und seine Aussagen beträfen nur diese, heute gäbe es ja gänzlich andere Zustände. Fetischisierung von Geschichte als stetem Fortschritt wirkt trotz und wegen Auschwitz weiter als identitätsstiftende Ideologie, als falsches Bewusstsein der eigenen Stellung im geschichtlichen Verhältnis.
Je mehr man also im Freud-Jahr über Freud plärrt, desto weniger ist sicher gestellt, dass Freud tatsächlich begriffen, rezipiert und von diesem Standpunkt auch kritisiert und weiterentwickelt werden kann.

Anm.: Nahezu alle Zitate stammen aus Seminaren deutscher Universitäten, es sei darauf hingewiesen, dass studentische Beiträge zu Freud in der Regel qualitativ nicht von denen der Dozenten zu unterscheiden sind.
16.6.06 18:19


Afrikanische oder deutsche Zustände?

So sehr man die WM mit ihren infantilen Massenneurotikern links liegen lassen möchte, es mag einfach nicht gelingen. Den Wahn nicht einmal zu ignorieren wäre möglicherweise die adäquate Form der Kritik.

Dass Afrikas Fussballteams Feticheure mit Segens- und Schadenszaubern beauftragen, ist für Eingeweihte eine Bagatelle. Irgendwie könnten sich Kulturrelativisten bestätigt fühlen, wenn sie die BILD vom 20.6.2005 in die Finger bekommen haben. „Schamane hext gegen Klinsi“ reißt die Schlagzeile und hat man nicht gesehen: „ER hat den Gegenzauber“. Nein, nicht Ahmadinedschad und auch nicht Hitler, sondern „Voodoo-Experte Günther Schwartz (67) hat einen Gegenzauber ausgesprochen. In der linken Hand hält er einen Schrumpfkopf.“ Dem man übrigens auf 100 Meter Entfernung ansieht, dass er aus Ziegenhaut gefälscht wurde. Aber flauer Grusel muss sein, schließlich lockt im Unheimlichen das Altbekannte. Morgen wird sicher nicht nur in der Bild stehen, dass Schwartzens Zauber an drei Toren der deutschen Elf schuld ist, man wähnt sich medial in der Elfenbeinküste oder im Kongo, wo derartige Zeitungsmeldungen keine Sensationszeile, sondern unter Tagesgeschehen und Lokalpolitik laufen.

Das Fußball gewordene allgemeine Bedürfnis nach Authentizität schlägt gerne auch gegen sein eigentliches Ziel los:

Als beim 2:0 gegen Tschechien der in Israel spielende Ghanaer John Pantsil seiner israelischen Fangemeinde mit einer winzigen Israelflagge seine Referenz erwies, beschwerten sich laut BILD prompt ein paar Arabisten und Mullahs beim ghanaischen Fußballverband GFA. Und aus welchem Grunde auch immer möchte es Ghana sich mit Ahmadinedschad inc. nicht verscherzen: „Das Zeigen der Fahne war eine naive Aktion. [sic!!!] Wir sind hier um Fussball zu spielen, und nicht um politische Statements abzugeben.“ So hetzt Ghanas Pressesprecher Randy Abbey. „Wir haben mit ihm gesprochen und ihm klar gemacht, dass wir das nicht mehr möchte. Er hat es eingesehen.“ Und Fifa-Sprecher Markus Siegler ist die Angelegenheit ein kleines bisschen peinlich, großzügig erklärt er: „Wir wollen nicht so kleinlich sein.“

Flagge zeigen ist also eine politische Aktion, während geschätzte 100 Millionen Flaggen Deutschlands neues Patriotismus-ist-ok-Gefühl exhibitionistisch zur Schau stellen. Hätte Israel sich zur WM qualifiziert, was dann? Spiele mit Israel verbieten? Weil die arabisch-islamischen Herrenländer beim Anblick Magengeschwüre bekommen? Oder gleich alle zionistisch-jüdisch korrumpierten Spieler ausschließen? Was ist mit den Spielern aus den Niederlande von Ajax Amsterdam, die sich einen Davidsstern tätowieren ließen? Oder mit der „Yid-Army“, einer kleinen britischen Fan-Gemeinde? Am besten als wandelnde „politische Aktion“ vom Rasen und aus den Tribünen, wenn es nach den „Freunden“ geht.

Es kann nicht weiter verwundern, wenn antisemitische „Ausfälle“ ein Fest bei Freunden von Antisemiten prägen. Bemerkenswert ist dann doch, dass außer der BILD, gerade der patriotisch-revoluzzerischen Satirepostille mit oben beschriebenen Authentizitätsknacks, kein Mensch sich darüber aufregt und alles normal ist, obwohl doch Antisemiten mal eben schnell per Telefonat das Symbol des jüdischen Staates verbieten lassen. Wozu ist man zu Gast bei Freunden…

Ahmadinedschad ist schon da, Ahmadinedschad ist Deutschland. Und Ghana auch. BILD komischerweise auch.

Ein ausführlicherer Beitrag auf Lizas Welt
20.6.06 21:00


Es rumpelt und pumpelt...

In zahlreichen Städten werden die Siege der Nationalmannschaft auf eine ähnliche Weise gefeiert:
Die Demonstranten für eine gehirnamputierte Massengesellschaft versammeln sich auf Straßenkreuzungen, sodann werden durchfahrende Autos kräftig durchgeschüttelt und zum Hüpfen gebracht.

Steinerne Verhältnisse zu Tanzen zu bringen wäre wohl das treffendste, was diesem Verhalten zugrunde liegt, allerdings im negativen Sinn: In der archaischen Urhorde, die ein vages Gefühl der Intrauterinität vermittelt, ist das Auto, die Maschine, das Mittel, mit dem sich das Individuum abgrenzen kann von anderen Verkehrsteilnehmern. Auto und kapitalbedingter Individualismus sind in eins zu denken.

Der Volksmob wird durch die Penetration seines Gesamtkörpers mit einem solchen strikt vom Massensubjekt geschiedenen bürgerlichen Subjekt-Objekt in seinem Narzissmus gestört, an seine Unzulänglichkeit erinnert durch die einfache Tatsache, dass jemand nur eines bisschen Blechs und bürgerlicher Freiheiten bedarf, um sich derartig vereinnahmender Gefühle zu widersetzen.
Das Auto ist das Andere des Mobs, das ihm zugleich sein eigenes im Autokorso bleibt. Hier kehrt sich das Verhältnis um, im Korso ist die Außenwelt das feindliche, das Individuelle wird in der Kolonne negiert.
Archaischer als der an Reiterzeremonien erinnernde Autokorso bleibt die Versammlung zu Fuß.
Und so übt die Masse an Autos, vielmehr an deren Insassen die Triangulation des eintretenden Vater-Fremden und letztlich den Pogrom.

21.6.06 10:56


Der Islam in der Gegenwart - der bpb neue Kleider



Bei der Bundeszentrale für politische Bildung tummeln sich Antizionisten und demzufolge Antisemiten zuhauf, nicht erst seit der Broschüre zum Propagandastreifen „Paradise now“.
Als „Standardwerk“ wird der 1064 Seiten starke bpb-Wälzer „Der Islam in der Gegenwart“ von Werner Ende/Udo Steinbach (Hrsg.) angepriesen, mit Erfolg, die 5. Auflage seit dem Erscheinen 2005 vergreift sich bereits. Die lückenhafte und vielfach gefärbte oder sogar falsche Darstellung komplexer Vorgänge bei gleichzeitigem Protzen mit islamischen Originalbegriffen und Differenz heischenden Gruppenbezeichnungen, das stete Vermeiden eines irgendwie gearteten Verunglimpfen von islamischen Heiligen oder gar der Verwendung des Wortes „Terror“ oder „Antisemitismus“ sind Programm für dieses Machwerk. Was Wunder, wenn man auf den 10 Seiten, die dem Islamismus in „Israel und die Besetzen Gebiete“ im wahrsten Sinne des Wortes gewidmet sind, nicht nur über alte deutsche Rechtschreibung (Erscheinungsjahr 2005!) sondern auch stets über die ganz altneue deutsche Denke stolpert.

„Großer Satan-kleiner Satan“ heißt hier auf pseudointellektuell: „Die Großmächte – bis zum Ende des zweiten Weltkrieges Großbritannien, dann zunehmend die USA – sind aktiv in diesen Konflikt involviert, in erster Linie, um durch Ausspielen der beiden Konfliktparteien gegeneinander die eigenen Interessen zu wahren.“ (Phillip, Thomas, S. 498)

Die Gründung Israels zu einem selbstständigen und souveränen Staat fällt aus dieser Geschichtsschreibung ebenso heraus wie die andere involvierte Großmacht, die Sowjetunion auf Seiten der Araber. Hinter dem Konflikt stehen also Akteure, die in den USA zu suchen sind, die zynisch Juden gegen Moslems ausspielen, um mit beträchtlichem Gewinn von dannen zu ziehen. Was für eine Analyse, man hätte sich ähnliches von Ahmadinedschads Website herunterladen können.
Konsequent wird dann durchgehend von „palästinensischem Widerstand“ (501, 507, u.a.m.) weitergefaselt, Pogrome werden zu „Unruhen“, und es wird in eins gesetzt, was das Zeug hält:

„Der spezifische nationale Kampf der Palästinenser hatte die Unterstützung der muslimischen Religionsgemeinschaft gefunden. Diese Verbindung zwischen säkularer Nationalbewegung und Religionsgemeinschaft war den Zionisten zum Teil schon 1929 gelungen, und zwar mit der Reorganisation der Zionistischen Weltorganisation und der Jüdischen Agentur (Jewish Agency).“ (500)

„Die Parallelität der Terminologie bei islamischen und israelischen radikal religiös-nationalen Gruppen ist nicht zu übersehen und entsteht auch ungefähr zur gleichen Zeit. In beiden Fällen geht es um das ganze Gebiet […] und es ist von der religiösen Bedeutung des Landes die Rede[…].“ (506)

Was schert ein Unterschied zwischen bürgerlich-sozialistisch-laizistischem Staat und einem islamistisch-feudal-tribal-faschistischem Muftitum, auch Ursachen verschwinden unter dem gewichtigen Argument der „gleichen Zeit“, genau wie Faschismus und Antifaschismus ja in der gleichen Zeit entstanden sind. Der Mufti Amin al-Husaini, weltbekannter Hardcorenazi und SS-Offizier, glänzt dabei als höchst gemäßigter Mann:

„Die Kontrolle über die daraus entstehende Radikalisierung verschiedener gesellschaftlicher und politischer Gruppierungen entglitt dem Mufti zunehmend.“ Folglich taucht der Mufti auch nicht weiter auf, aufgrund des Zusammenbruchs des „Aufstands“ 1936 „verlor die alte palästinensische Führung die Initiative und ihren Zusammenhalt.“ Möglicherweise lag das ein bisschen daran, dass die Muftibanden jegliche Gegner massakrierten und Nashashibies und co. dann doch lieber mit Briten und Juden kooperierten. Aber so genau will man es auf 1064 Seiten auch nicht ausführen, der Platz ist begrenzt, da muss man schon aufs Wesentliche zurückschneiden.

Der Jargon der Konfliktforschung wandelt weiter durch das Werk, es faselt von „islamistischen Lösungsversuchen“ der Hamas, von einem „durch den Islam auch legal gesichertem Verhältnis zu nichtmuslimischen, monotheistischen Minoritäten“, von einer „Sicht der Islamisten“, die natürlich nicht weiter kritisiert wird, es ist halt eine Sichtweise, was als paranoider, schizophrener Wahn zu Tage tritt. (506)
Hamas „postulierte“ (507) einen islamischen Staat, wie man in einer Zivilgesellschaft halt so postuliert, mal mit Säure, mal mit Schrot, schließlich hat man ein „Aktionsprogramm“, das „fast ausschließlich auf Sozial- und Gemeindearbeit ausgerichtet“ (507) ist, und ihre „ideologische Diskussion bleibt unverbindlich bzw. allgemein islamisch gehalten.“

Dazu gehört „kompromissloser, bewaffneter Kampf gegen die israelische Besatzungsmacht“ (507), der aber „im September 1995 aufgegeben“ (508) wurde. Die Vernunft hielt laut Philipp Einzug in die islamistischen Reihen, denn: „Selbst die islamistische Jihad-Gruppe ließ im Frühjahr 1995 verlauten, dass sie sich eine Aufhebung des bewaffneten Kampfes vorstellen könne, wenn Israel jedwede Aggression vermiede.“ (508). Zum „Pragmatiker“ gerät für den Autor folglich, wer sich „die endgültige Einstellung des bewaffneten Kampfes vorstellen“ könnte, falls „Israel sich hinter die Grenzen von 1967 zurückzöge“ (508).
Und als Hamas (wie immer) „im Gegenschlag“ Selbstmordattentate mit 56 Todesopfern durchführte, war für Phillip immer noch nicht „die Rückkehr zum bewaffneten Kampf […] endgültig beschlossen.“ (509). Nein, „besonders die Wahl Netanjahus […] und die von ihm betriebene Blockierung jeder weiteren Umsetzung der Osloer Versträge führten zu einem erneuten Nachdenken [SIC!!!] über den bewaffneten Kampf.“ (509)


Es ist natürlich das „brutale, provokative Vorgehen der israelischen Armee“ während der zweiten Intifada, das die Hamas regelrecht zwang zu einer „früheren Position“ zurückzukehren, „[…] nämlich den bewaffneten Kampf bis zur „Vernichtung Israels“ weiterzuführen“. (509). „Vernichtung Israels“ ist von Philipp in Anführungszeichen gesetzt, weil solcherlei Bekenntnisse ja irgendwie metaphorisch gemeint sein müssen. Mit sofortiger Wirkung setzt Philipp vorsichtshalber doch die Exkulpation nach, es könnte ja sein, dass an seinem Lieblingswohltätigkeitsclub trotz seiner interventionistischen Hagiographie ein Makel hängen geblieben sei: „Wichtig bleibt, dass die Hamas immer innerhalb eines Mindestkonsenses der Palästinenser zu bleiben bemüht war. Auch wenn sie die Autorität der PLO und Arafats nicht anerkannte, machte sie nie von dem Instrument anderer radikal-islamischer Gruppen, der Exkommunikation des Gegners, Gebrauch. Alle ihre politischen, programmatischen Formulierungen […] bezogen sich immer direkt auf ihre Deutung der palästinensischen Situation und nicht auf irgendwelche abstrakten Formulierungen über das Wesen des Islam.“ (509).

Die Hamas exkommuniziert also nicht, interessant. Exekutieren trifft den Kern wohl eher, Kollaborateure werden stante pede erschossen, Frauen verbrannt oder erwürgt und Andersdenkende auch sehr gerne ermordet. Alles keiner Rede wert für ein Standardwerk der bpb, was soll sich der Interessierte auch allzu genau auskennen, ein grobes Zerrbild der Realität tuts doch auch. Und wer wollte in der bpb schon einen kritischen Anruf Ahmadinedschads riskieren, gar den Blasphemieparagraphen oder Stoiber aufs Parkett rufen, gewiss wars allein die Angst vor dem berüchtigten Öl im Feuer der Islamistenwut, und nicht etwa noch Sympathie für Wahn und Antisemitismus.

Dessen Erwähnung bleibt im Werk auf 2 Sätze beschränkt, nämlich dass antisemitische Ausschreitungen irgendwie erst in den 40ern als Reaktion auf den Zionismus entstanden seien, „und zu einer relativ raschen Auswanderung eines Großteils der orientalischen Juden führten, obwohl die Ideologie des Zionismus den meisten von ihnen kaum bekannt war, geschweige denn die Motivation für die Auswanderung darstellte.“ (736) Selbst die orientalischen Juden wussten also, dass Zionismus irgendwie pfuibäh ist und komischerweise wandern sie dennoch vor ein paar „Ausschreitungen“ aus. Nicht wirklich konsistent, was da präsentiert wird, und unter allem wissenschaftlichem Niveau.

Über den Islam erfährt man mehr in Matthias Küntzels „Djihad und Judenhass“ auf 180 Seiten als in einem solchen Schundroman, der vorgibt, ein Geschichtsbuch ersetzen zu können. Zur Verbreitung von wissenschaftlich vertünchter Propaganda in Friedens- und Konfliktforschungsplanspielen eignet es sich hervorragend und wird daher leider wohl weiter neu aufgelegt. Wenn Antisemitismus einmal vom Staat subventioniert wird, dann kann es dem autoritären Charakter ja nur recht sein, und er wird sich sicherlich in zahllosen Zitaten über die Brutalität der israelischen Besatzung auslassen und den kompromisslosen Befreiungskampf der Hamas bewundern.

Die bpb darf auch was sagen

Matthias Küntzel "Epilog - Der Mufti und die Deutschen"
22.6.06 00:33


Warum Krieg? Freuds Höhen und Tiefen...


Siegmund Freud schrieb als Antwort auf eine Anfrage Albert Einsteins einen Brief mit dem Titel „Warum Krieg“. In diesem abstrahiert er Erkenntnisse der Psychoanalyse des Individuums auf allgemeine Prozesse in der Gesellschaft. Die Aussagen stellen ein in Freuds Werk seltenes Aufscheinen von Verknüpfung ökonomischer, politischer und psychologischer Analyse dar.
Ein tiefgründiges Verständnis von politischer Gewalt zeigt Freud in folgendem Vorschlag, wenngleich er den Staatsfetisch nicht zu durchdringen vermag:
„Darf ich das Wort ‚Macht’ durch das grellere Wort Gewalt ersetzen? Recht und Gewalt sind uns heute Gegensätze. Es ist leicht zu zeigen, dass sich das eine aus dem anderen entwickelt hat […] “
„Wir haben gehört, was eine Gemeinschaft zusammenhält sind zwei Dinge: Der Zwang der Gewalt und die Gefühlsbindungen – Identifizierungen heißt man sie technisch – der Mitglieder. Fällt das eine Moment weg, kann möglicherweise das andere die Gemeinschaft aufrechterhalten.“

Freud kann uns hier nicht beantworten, wie Identifizierung Gewalt bedingt, wie Identifizierung auf Abgrenzung eines Nichtidentischen und möglicherweise dessen Auslöschung beruht. Dazu fehlt ihm wie vielfach moniert, die philosophische Beschäftigung mit Marx und Hegel. Dennoch kommt er wie Marx zu der nicht weiter schwierigen Erkenntnis, dass erfolgreiche, emanzipatorische Triebsublimierung nicht (allein) auf Mangel oder Überfluss an Rohstoffen baut:

„Es soll in glücklichen Gegenden der Erde, wo die Natur alles, was der Mensch braucht, überreichlich zur Verfügung stellt, Völkerstämme geben, deren Leben in Sanftmut verläuft, bei denen Zwang und Aggression unbekannt sind. Ich kann es kaum glauben und möchte mehr über diese Glücklichen erfahren.“

Hier wird bei aller Ironie deutlich, dass Freud ein Leben ohne Zwang und gewaltförmiger Aggression durchaus als Ziel emanzipatorischer Bestrebungen befindet und nicht Aggression als Kern allen Fortschritts im Sinne Spenglers oder eines späten Nietzsches setzt. Er fährt im besten Nietzschen Pessimismus fort:

„Auch die Bolschewisten hoffen, dass sie die menschliche Aggression zum Verschwinden bringen können dadurch, daß sie die Befriedigung der materiellen Bedürfnisse verbürgen und sonst Gleichheit unter den Teilnehmern an Gemeinschaft herstellen. Ich halte das für eine Illusion. Vorläufig sind sie aufs sorgfältigste bewaffnet und halten ihre Anhänger nicht zum mindesten durch den Hass gegen alle Außenstehenden zusammen.“

Die Reflexion auf das totalitäre Moment des aufklärerisch gestikulierenden Bolschewismus findet hier noch statt, zwiespältiger liest sich Folgendes:

„Es ist ein Stück der angeborenen und nicht zu beseitigenden Ungleichheit der Menschen, dass sie in Führer und in Abhängige zerfallen. Die letzteren sind die übergroße Mehrheit, sie bedürfen einer Autorität, welche für sie die Entscheidungen fällt, denen sie sich meist bedingungslos unterwerfen. Hier wäre anzuknüpfen, man müsste mehr Sorge als bisher aufwenden, um eine Oberschicht selbstständig denkender, der Einschüchterung unzugänglicher, nach Wahrheit ringender Menschen zu erziehen, denen die Lenkung der Massen zufallen würde. Daß die Übergriffe der Staatsgewalten und das Denkverbot der Kirche einer solchen Aufzucht nicht günstig sind, bedarf keines Beweises. Der ideale Zustand wäre natürlich eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Triebleben der Diktatur der Vernunft unterworfen haben. Nichts anderes könnte eine so vollkommene und widerstandsfähige Einigung der Menschen hervorrufen, selbst unter Verzicht auf die Gefühlsbindungen zwischen ihnen. Aber das ist höchstwahrscheinlich eine utopische Hoffnung.“

Freuds merkwürdiger Elitismus steht gerade in krassem Widerspruch zum faschistischen Zeitgeist, er möchte Unabhängigkeit von Staatsgewalten und Kirchen, eine wie wenig auch immer kritisch durchdachte Diktatur der Intellektuellen, und nicht zuletzt die Diktatur der Vernunft. Damit ist er Marx sehr viel näher als den Faschisten seiner Zeit. Freud erachtet Staat und Kirche als dem freien Menschen feindliche Institutionen, ein Sakrileg im Austrofaschistischen Österreich. Sein Fortschrittspessimismus mündet notwendig in Pragmatismus:

„Es ist fraglich, ob die Gemeinschaft nicht auch ein Recht auf das Leben einzelner haben soll; man kann nicht alle Arten von Krieg in gleichem Maße verdammen; solange es Reiche und Nationen gibt, die zur rücksichtslosen Vernichtung anderer bereit sind, müssen diese anderen zum Krieg gerüstet sein.“

Letztlich gelingt es ihm dennoch einen halbwegs dialektischen Begriff von Zivilisation zu entwickeln, der sich an den der Kulturrelativisten anschmiegt und von dem begeisterten Evolutionismus der bürgerlichen Gesellschaft wie der Bolschewisten seiner Zeit absonderte.

„Seit unvordenklichen Zeiten zieht sich über die Menschheit ein Prozeß der Kulturentwicklung hin. (Ich weiß andere heißen ihn lieber Zivilisation.)
Diesem Prozeß verdanken wir das Beste, was wir geworden sind, und ein gut Teil von dem, woran wir leiden.“

Den wohl gröbsten Absturz in seinem Werk macht Freud dann doch mit folgenden Zeilen:

„Vielleicht führt er [der Prozeß der Kulturentwicklung] zum Erlöschen der Menschenart, denn er beeinträchtigt die Sexualfunktion in mehr als einer Weise, und schon heute vermehren sich unkultivierte Rassen und zurückgebliebene Schichten der Bevölkerung stärker als hochkultivierte. Vielleicht ist dieser Prozeß mit der Domestikation gewisser Tierarten vergleichbar; ohne Zweifel bringt er körperliche Veränderungen mit sich; man hat sich noch nicht mit der Vorstellung vertraut gemacht, dass die Kulturentwicklung ein solcher organischer Prozeß sei.“

Wenn Zivilisation über Vermehrung gesichert werden soll, steht hier doch im Hintergrund ein gewisses Ideal der sexuell aktiven Urhorde, möglicherweise bezieht Freud hier unbewusst aus seinen eigenen Familienstolz Aggressionen, die er gegen die von ihm verachteten unemanzipierten/unkultivierten Menschen richtet, von denen er sich und seine Familie durchaus zu Recht bedroht fühlt, es ihm aber nicht gelingt, die Ursache der Bedrohung zu durchschauen.

Die Verwendung von Begriffen wie „Rasse“ steht zu dieser Zeit noch unter weitgehend differenzierteren Vorzeichen, Rasse meint häufig Einstellung, Konstitution, körperliche Verfassung, aber auch sehr wohl bereits den klassischen Sinn der verschiedenen Hautfarben und weitergehend vermeintliche angeborene Unterschiede von Eigenschaften. Freud ist zumindest vorzuwerfen, hier weniger als in „Das Unbehagen in der Kultur“ und noch weniger als in anderen Schriften, wirklich der Affirmation zu entraten. Sein Pessimismus oder eine gewisse Patzigkeit mag auch aus der quälenden Krankheit erwachsen sein, die ihn wie Nietzsche am Vorabend von Vernichtungskriegen aus dem Anspruch der Gewalt gewordenen Zivilisation heraus zu befremdlichen Annahmen zog, zu entschuldigen oder gar zu rezipieren sind sie nicht. Das psychoanalytische Werk Freuds, das nie allein seines, sondern einer größeren Zirkels ist, kann kaum als relevant von den falschen Prämissen affiziert betrachtet werden.
24.6.06 13:50


Jetzt geht wieder alles von vorne los....

Die oberhessische Presse vom 24.6.2006 teilt Folgendes mit:

„Guten Morgen!
Einen Tag vor dem Spiel gegen Schwede kam die WM-Euphorie auch über die IKEA-Niederlassung in Hamburg-Moorfleet. Ein Team von Radio Hamburg verhängte den Schriftzug des schwedischen Möbelhauses mit deutschen Fahnen. Man wolle zeigen, dass der deutschen Elf gegen Schweden fest die Daumen gedrückt werden, sagte ein Sprecher des Senders. IKEA nahm es mit Humor. Gewinne Schweden, müsse der Sender eine Flagge Schwedens vors Studio hängen.“

Wer hier nicht die unverhüllte Drohung nationalistischen Sendungsbewusstseins erkennt, muss wahrlich mit Dummheit geschlagen sein. Interessant ist die Verdinglichung, nicht das Team von Radio Hamburg, sondern die unbewusst in ihnen arbeitende „WM-Euphorie“ sei über Ikea gekommen wie eine Naturkatastrophe. Scharfsinnig erkennt Ikea die Lage und verweist mit dem unrealistischen Vorschlag auf die Gewaltförmigkeit der Aktion: Wer am Tage der Achtelfinalniederlage Deutschlands eine Fahne Schwedens aus dem Fester hängt kann sich zumindest einer Boykottbewegung, wenn nicht Brandstiftung und Sachbeschädigung sicher sein, Ikea will offensichtlich durch die Absurdität der Wette darauf aufmerksam machen, dass bereits die Herkunft des Konzerns den Nationalisten Provokation genug war, zur Tat zu schreiten, es also eine reale Angst vor Ausschreitungen gibt, die dem Sender bewusst gemacht werden soll.

Vom Idyll der friedlich feiernden Masse sticht auch ein Vorfall in Marburg ab, der sicherlich kein Ausnahmefall ist: Mehrere 16-18-Jährige Jugendliche verfolgten eine 23-Jährige um sie zum Schminken mit den Nationalfarben zu nötigen. Dabei kam es auch zu einem versuchtem sexuellem Übergriff. Die Frau konnte in eine befreundete WG flüchten.
24.6.06 13:53


Feminismus als Eskapismus


Judith Butler with Bear - by Gordon Lester

Wer Staat nur als Patriarchat begreifen kann und kapitalvermittelte Prozesse nur als Ausdruck von Herrschaft denkt, landet schnell bei einer jener Organisationen, die sich wie die FFLL (Feministische FrauenLesben Liste) in Marburg autonom brüsten und mit markigen Sprüchen ('If I had a hammer, I’d smash patriarchy') ein ums andere Mal um die Gunst des studentischen Stimmviehs buhlen. Wer Adornos Messer und die Marx’sche Waffe der Kritik gegen einen phallisch-robusten Vorschlaghammer eintauscht, muss sich nicht wundern, wenn das Ergebnis die Verkehrung ist: 'Mit dem Verweis darauf, dass anderswo Frauen noch nicht mal alleine auf die Straße gehen dürfen, wird die Thematisierung von sexistischer Diskriminierung hierzulande zusätzlich delegitimiert.'
(FFLL: Flugblatt 'Feminismus für alle')

Das Gegenteil ist Programm: Gerade von den coolen, hippen Genderblurparty-Feministinnen kam noch kein einziges Flugblatt, das die Zustände in islamistischen communities auch nur annähernd beschrieben hätte, die Themen Genitalverstümmelung, Ehrenmord, Zwangsheirat werden als Exotismus abgetan und der stete Hinweis George Bushs auf die Unterdrückung der Frauen in Afghanistan als Kriegstreiberei abgebügelt. Das alles unter dem Verweis auf die angeblich so katastrophale Lage im 'hierzulande', das natürlich immer eines außerhalb der islamistischen Zonen in Deutschland ist, ein 'hierzulande' der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Die in solchen Kreisen qua Apotheose unantastbar gewordene Judith Butler weiß noch Sympathie zu finden für Burka und real existierende patriarchale Kultur:
'Ein paar Tage später besuchte ich eine Konferenz, auf der ich einen Vortrag über die wichtigen kulturellen Bedeutungen der Burka hörte, darüber wie sie für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie, einer umfangreichen Geschichte von Verwandtschaftsbeziehungen steht, dass sie eine Übung in Bescheidenheit und Stolz, einen Schutz vor Scham symbolisiert und dass sie auch als Schleier dient, hinter dem und durch den die weibliche Handlungsfähigkeit [sic!!!] wirken kann. Die Sprecherin fürchtete, dass die Zerstörung der Burka, so als sei diese ein Zeichen der Unterdrückung, der Rückständigkeit oder sogar des Widerstandes gegenüber der kulturellen Moderne selbst, zu einer erheblichen Dezimierung der islamischen Kultur führen würde und zu einer Ausbreitung von US-amerikanischen Annahmen, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien.'
(Butler 2005, 'Gefährdetes Leben', S. 168. Den damit einhergehenden offenen Hass auf Israel, der Judith Butler nicht nur in diesem Machwerk begleitet, beschreibt F. Riedel in Bahamas 48/2005: 'Judith Butlers postmoderner Antisemitismus')

Selbstverständlich werden solche Annahmen nicht etwa 'dekonstruiert', sondern gelten schon als Dekonstruktion selbst. Von Dekonstruktion redet, wer von Kritik lieber schweigen möchte. Und in manischem Abwehrreflex wird das real-existierende Patriarchat kleingeredet, Opferkonkurrenz treibt merkwürdige Blüten in Verweisen auf den mindestens ebenso schlimmen, christlichen Fundamentalismus in den USA. Wo Frauen, wie die FFLL richtig darzustellen weiß, als Ergebnis von Kämpfen, die Anerkennung als bürgerliche Rechtssubjekte erstritten haben, schweigt man fortan lässig zu Islamismus und Patriarchat, weil die bürgerliche Gesellschaft, in der solche Rechte überhaupt erstritten werden konnten, ja dem gleichsähe. Die Welt sieht unglaublich einfach aus in der Welt von Feministinnen: 'Papi kann sich als Wochenend- und Freizeitsbezugsperson betätigen, während Mami, so sie berufstätig ist oder studiert, auch noch mit einem schlechten Gewissen kämpfen muss, da sie die Mythen der natürlichen Mutterliebe nicht zu erfüllen scheint und sich mit tief sitzenden Bildern der 'Rabenmutter' konfrontiert sieht.' (FFLL) Von feministischen Mythen, die berufstätige Väter betreffen, wie solche, dass ein berufstätiger Mann nach 2 Stunden Autofahrt, 8 Stunden Arbeit welcher Art auch immer, dann auch die Hälfte des Haushaltes zu erledigen habe, weil er sonst ein mieses Machoschwein und Rabenvater sei, das am Patriarchat stricke, schweigt man lieber, denn wenn Verhältnisse gar zu knifflig werden, zieht man sich lieber mit dem Verweis auf 'patriarchale Herrschaft benennen und skandalisieren' zurück. Mutterhass, von je Programm feministischer Radikalliteratur, hat sich anscheinend tief eingefressen ins Bewusstsein, so sehr, dass er verleugnet werden muss. Welche Folgen es für ein Kind hat, wenn es in den ersten Monaten keine feste Bezugsperson hat, wenn es behandelt wird, wie ein lästiges, die Mutter in der Selbstverwirklichung zum ideologisch verklärten utopischen Zustand eines autonomen, bürgerlichen Subjekts, behinderndes Übel, bleibt unerklärt und interessiert auch nicht weiter. Das Problem sind die irgendwie schlechten Gefühle, die eine Mutter hat, wenn sie ihr Kind aufgrund welch ekelhafter Zustände auch immer alleine lassen muss. Diese Schuldgefühle, die Zustände bleiben außen vor, werden dann vulgo zum Produkt einer fleißigen Ideologieproduktion von fiesen Familiennazis in der CDU. Das Problem des Kindes ist nebensächlich, nicht zuletzt lebt es im ständigen Bewusstsein weiter, dass es hätte abgetrieben werden können, weil die Mutter ein Recht darauf hat, solch einen Klotz am Bein nicht tragen zu müssen. Wer aber Mutterliebe, wenn auch auf falschem Wege, zum Ideal setzt, der treibe schon ein 'reaktionäres Familien- und Gesellschaftsmodell' voran. Von Zuständen zu reden, in denen ein versöhntes Verhältnis zwischen Mütterlichkeit und Selbstverwirklichung einträte, hieße ja, auf den Tisch zu bringen, was Dekonstruktivistas von 'gender trouble-FFLL' gar nicht gerne hören: Dass es fundamentale Geschlechtsunterschiede gibt, die dazu führen, dass die eine Hälfte der Menschheit theoretisch in der Lage ist, Kinder zu gebären. Und die dazu führen, dass innerhalb eines falschen Ganzen beide Hälften der Menschheit einen unbewussten Hass auf diese Potenz hegen, die Männer, weil sie, in steter Kastrationsangst und Penisstolz oszillierend, Frauen nur als kastrierte Objekte wahrnehmen wollen, Frauen, weil sie sich (u.a. infolge dessen) selbst nur als kastrierte Objekte wahrnehmen können und die Schuld daran der Mutter zuschieben, was gemeinhin in Penisneid und in sublimierter Form dessen: den Kinderwunsch, mündet.
Jedoch von Sex, Trieben, Lust und Psyche zu sprechen ist höchst verpönt, man hat schließlich gender trouble, da zählt ein abstraktes Geschlecht, konstruiert von auf Machterhalt erpichten Patriarchen. Ein weiblicher Masochismus, weibliche Passivität, wie ihn Freud und zahlreiche seiner Mitarbeiterinnen noch als strukturell häufig beschreiben, birgt aber auch einen Leidensgewinn, den Frauen gerne verschweigen, wenn sie von der so genannten 'patriarchalen Dividende' sprechen. Diesen in Neurosen häufigen Leidensgewinn herauszuarbeiten bedürfte weitergehender Studien als diese kurze Polemik. Was tatsächlich aus dem beschädigten Leben zu berichten wäre, wird kassiert, mit Begriffen zugedeckt, des Inhaltes beraubt zugunsten der schlagkräftigen Parole, der propagandistischen Wirkung. 'Wir sind Opfer' krakeelt die FFLL, und vermag in keinster Weise zu benennen, welcher Umstände. 'Haltet den Dieb' schreit sie und zeigt auf das Patriarchat, in der Hoffnung, man möge nicht dahin schauen, wo es auch selbst wehtut: In die narzisstisch abgedichtete Nebelwelt der Fetischisierungen. Am verdienten Lohn macht sich nach wie vor ein besseres Leben fest, eine bürgerliche Projektion, an der nicht die Scheinhaftigkeit kritisiert wird, sondern die gerade deshalb zum Ideal wird:
'So dass es irgendwann nicht mehr interessiert, welches Geschlecht jemand hat, wenn es um Dinge geht wie z.B. Abwaschen, Dissertationen schreiben, Beziehungen aufbauen, Mathematik vermitteln oder Bagger fahren.'
Im Moment interessiert genau das die Leute von Gender trouble am allermeisten und deshalb erscheinen ihr Zustände wie Dissertationen schreiben, Bagger fahren und Abwaschen als Telos ihres Emanzipationsbestrebens. Viel Spaß beim Baggerfahren! 'So einfach ist das' (FFLL)
Sicherlich nicht, denn wenn nur ansatzweise etwas von kapitalistischer Vergesellschaftung begriffen wäre, müsste richtige Theorie notwendig auf ein Eingeständnis der Begrenztheit ebendieser gründen, nicht im Verbrämen von verflixt verkniffelten Zuständen als 'einfach'. Aber ein Zugeständnis dessen wäre eine Blamage in einem Betrieb, den man zutiefst verinnerlicht hat, in dem es darum geht, sich als identisch wahrzunehmen und die Umgebung nach althergebrachten Begriffen einzuordnen, anstatt am Begriff und mit dem Gegenstand zu arbeiten.

Quelle der Zitate:
FFLL: "Feminismus für alle"

29.6.06 01:16


Kritik der marinen Ökonomie...


Spongebob Schwammkopfs Welt ist einfach: Alles in ihr ist exotisch, nichts gleicht seinem Begriff. Unterwassersurfen ist in Bikini Bottom so normal wie Seifenblasen und brutzelnde Öfen. Kein Adynaton existiert hier. Keines?
Obwohl in Bikini Bottom alles absurd ist, bedarf es doch einiger Dinge, die nicht einmal aus dem Absurdesten wegzudenken wären: Spongebob und seine Freunde atmen, essen und am wichtigsten: definieren sich durch Arbeit. Diese letzte Sphäre verdeutlicht das Wesen des Warenfetischs, die unter seinen Bedingungen vorherrschende Notwendigkeit des Verwertungsprozesses erscheint unter ebendiesen Bedingungen selbst unter absurdesten Umständen noch als Naturnotwendigkeit, als unüberwindbares Äußeres.

Wo selbst die Krabbenburger aus dem Nichts kommen bedarf es dennoch eines organisierten Warentausches, Kreuzer und Taler „beherrschen“ auch hier die Welt. Der Kapitalist tritt in solchen Mythologien stets als Schatzbildner auf, als Geizhals, der sich alles erspart und darüber hinaus aus seinen Arbeitern herauspresst und Geldwaren anhäuft. Mr. Krabs und Dagobert Duck horten Geld nicht wegen seiner Eigenschaft als gesellschaftlicher Wertspeicher, sondern ausschließlich wegen der Liebe zum Konkreten des Geldes. Krabs wie Dagobert Duck riechen am Geld, küssen es, schmecken es und erleiden körperliche Qualen beim Verlust. Das Abstrakte rückt in den Hintergrund und so will es die Ideologie des Citoyen: Geld stinke und der Bourgeois sei ausschließlich am Geld interessiert, nicht aber an abstrakten Werten. Der „verfluchte Hunger nach Geld“ ist doch nur Ausdruck für die gesellschaftlichen Umstände, die wert-lose Menschen in den Wahnsinn treibt. Erst der Besitz des Wertes bringt den Ohnmächtigen vom Reich der Toten zurück, schafft Identität bisweilen sogar mit dem Objekt, wie in der Mythe von König Midas oder den Dollarzeichen in den Augen der notorischen Akkumulationsagenten Dagobert Duck und Mr. Krabs.
In der Mythologie wie in der Praxis verkehrt sich dieses Verhältnis und die konkreten Eigenschaften des Geldes wie Geruch (non olet), Farbe und Klang bewirken konkrete Reaktionen in den Individuen.

Diese sind einem strengen Funktionalismus unterworfen, ein jeder hat seine Rolle, die er nur zum Zwecke der Affirmation wechseln darf. Spongebob ist der geborene Burgerbrater, Plankton der geborene Bösewicht, und Scratch der geborene Geldverdiener. Um die Geschichte fortzuschreiben müssen sie sich stets am Ende aller Eskapaden zurückfinden und ihre Charaktermaske aufsetzen.

In der Mythologie von Spongebob ist Plankton die Verkörperung des Abstrakten, Fremden, er ist der Trickster, dessen Intervention stets vergeblich bleibt, in Affirmation resultiert. An Plankton lässt sich wieder Wahrheit über den Produktionsprozess finden: Plankton schafft es, zu durchschauen, was die ganze Ökonomie am Laufen hält, es ist wahrlich weniger das akkumulierte Geld, der Schatz, und auch nicht die Ideologie der maschinell ersetzbaren Mitarbeiter, sondern das akkumulierte Wissenskapital, die traditionsreiche Geheimformel zum Krabbenburger. Folglich versucht Plankton nicht sich wie die Panzerknacker Dagobert Ducks akkumulierte Kapital anzueignen, sondern dessen Basis, die Produktionsmittel. Das ist Raubökonomie auf hohem Niveau, nämlich nicht um abzuschöpfen, sondern um selbst in den Produktionsprozess einzutreten, Biopiraterie oder Industriespionage würde man es in der realen Welt nennen. Geld kann lediglich gegen eine Masse an Waren ausgetauscht werden, erst wenn es aber als Kapital in den Produktionsprozess eintritt, wird es geldheckendes Geld.

Kapital erwächst auf zwei Basen, der menschlichen Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen. Letztere kommt in Spongebob nur sehr selten vor, nicht zuletzt, weil hier Natur und Arbeiter bis ins Unkenntliche verschwimmen. Lediglich in einer Folge wird eine Kolonie von Quallen versklavt um Quallengelee zu fabrizieren. Dafür muss Mr. Krabs dann schon selbst in die Pedale treten, um den nötigen Strom in der Fabrik zu erzeugen. Die Rebellion der ausgesaugten Quallen unter Anleitung des geläuterten Schwammkopfes gelingt und der Fortschritt in Form köstlicher Burgerquallensauce ist denn auch perdu, d.h. reprivatisiert für den Schwammkopf. Ohne Ausbeutung kann es keinen Fortschritt für alle geben in dieser Welt.

Arbeitskampf und Konkurrenz der Arbeiter prägen den Arbeitsalltag ebenso wie das reale Leben: Der Streik, den Taddäus gegen Mr. Crabs anzettelt läuft aus dem Ruder, angesichts der Aussicht auf einen lebenslangen Streikposten mit einem völlig verblödeten Spongebob flieht er sich zurück in das Ausbeutungsverhältnis, eine Reaktion, die angesichts mancher Montagsdemonstration nur wünschenswert wäre. Dann doch lieber Kapitalismus, als diese Kritik daran.

Spongebob, das ist personifizierte Fetischisierung, konzentriertes Kleinbürgertum, kristalline Kulturkritik für den, der sie zu lesen weiß. Hier schlägt sich ein Sammelsurium an Psychopathologie des Kapitalismus nieder, kann historischer Materialismus apokryphe Verkehrungen wie Reflektionen dieser zur Reflexion wenden.
Analysiert Spongebob! Er hat es verdient, der kleine, neurotische, metrosexuelle Unterwasserkerl.
30.6.06 01:03


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