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Intransigente Galanterie


In Kooperation von Bad Blog und Nichtidentisches soll in den nächsten Tagen und Wochen der nicht mehr ganz neue Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin dem Spaltpilz der Kritik ausgesetzt werden. Dazu gibt es individuelle Beiträge zu verschiedenen Elementen des Readers. Jeder Beitrag steht für sich, eine blogübergreifende redaktionelle Bearbeitung fand nicht statt. Wir hofften dadurch, der Emanzipation eine Bresche zu schlagen, die Eindimensionalität ihrer Gegner und falschen Verfechter bloßzustellen, und letztlich uns selbst gegen Zumutungen zur Wehr zu setzen, die uns im Namen der Dekonstruktion aufgenötigt werden.
Contributions so far: The Others von Bad Blog und Intransingente Galanterie sowie Jargonzo - das neue Genre der politischen Literatur von Nichtidentisches. Demnähst erscheint: Die Butler-Bibel.
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Intransigente Galanterie (korrigierte Fassung)
Der Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin liebäugelt auf den ersten Blick mit nonchalanter Ignoranz: AS-ISM, das könnte ebenso gut für Anti-Semitism stehen. Von den Autoren, illustre linke Bündnisse der Softcore-Antideutschen wie Sinistra eingeschlossen, ist auszugehen, dass ihnen diese Assoziation nicht allzu fern liegen dürfte. Zumindest ist ihnen die Coolness des Neologismus den Gleichklang wert. Dem postmodernen Hang zur Begriffsprägung gesellt sich das Niveau der Bravo bei:
„In der Mitte des Heftes findest du unser „NEIN heißt NEIN“-Plakat im A3-Format zum rausnehmen.“
Ob es sich dabei um ein neues Lied von Tokio-Hotel handelt, oder um das alte Lied der feministischen Linken ist schnell geklärt: Reimform, Syntax und Inhalt schließen ersteres aus. Fett prangt die Definition:
„WER EIN NEIN NICHT RESPEKTIERT IST EIN VERGEWALTIGER!“
Die weibliche Form fällt plötzlich unter den Tisch. Wo 5 Prozent Hermaphroditen und Intersexuelle nach Ansicht der Antisexisten in der Lage sind, alle Theoriegebäude der Vergangenheit zu stürzen, sind 1,2 % Vergewaltigerinnen auf einmal nicht mal mehr ein Binnen-I wert? Zumindest inkonsequent. Weil Tat und Rede, bzw. Nichtrede anscheinend in eins fallen sollen, versuchen sich die Antisexisten in Lyrik und übersetzen den schwer von begrifflichen Berufsvergewaltigern und ihren Sympathisanten nach Art eines Sexualratgebers der FHM die Geheimnisse des weiblichen, "unmündigen" Mysteriums:
„Vielleicht später“, „Nein danke“, „Du bist nicht mein Typ“, „Verpiss dich“, „Ich möchte jetzt allein sein“, "Ich mag dich, aber…“, „Lass uns jetzt lieber schlafen gehen“, „Ich bin mir nicht sicher“, „Stille“, „…“
Das alles nicht als Nein zu respektieren, heißt also absehend von konkreten Situationen und Taten, ein Vergewaltiger zu sein. Man stelle sich das vor:
„Willst du mit mir schlafen?“
„Vielleicht später.“
„Wie wär’s mit gleich?“
Eine vollendete Vergewaltigung, klarer Fall! Oder auch:
„Darfs noch etwas mehr sein?“
„Nein danke.“
„Der Hinterschinken wäre heute aber schwer zu empfehlen!“
3 Jahre Hausverbot für den Metzgerlümmel! Oder:
„Ich liebe dich.“
„Ich bin mir nicht sicher.“
„Vielleicht könnten wir es zumindest mal versuchen?“
Ein Lustmolch, sperrt die Kinder weg, holt die Mistgabeln und Fackeln!
Ein Vergewaltigungsvorwurf kann also aus beliebigen Vorreden konstruiert werden und bedarf nicht mehr der konkreten Tat. Dass eine Vergewaltigung weder einer Vorrede noch eines Neins bedarf, sondern auch auf einem anfänglichem Ja aufbauen kann, bzw. dafür sorgt, dass das Opfer kein Bewusstsein von der Tat hat, geht aus dem Plakat nicht hervor, und darin verfehlt es seinen im Prinzip richtigen Zweck: Darauf hinzuweisen, dass zu große Teile der Gesellschaft Vergewaltigung als stets identischen Tathergang mit Schreien und laut artikuliertem Nein auffassen und dadurch sich taub machen gegen andere, vielleicht subtilere Beeinträchtigungen des Willens.
Juristisch gesehen ist eine Vergewaltigung ein sexueller Akt gegen den Willen einer Person. Eine klare Sache, ein grausames Verbrechen, zu dessen Klärung heute die Gynäkologie, Zeugenaussagen und eine Glaubwürdigkeitsprüfung auf beiden Seiten der Aussage herangezogen werden. Daneben gibt es den Tatbestand der sexuellen Belästigung, der sehr unterschiedlich von einem Küsschen auf die Wange bis zum Angrapschen definiert wird. Skandalurteile zur Deckung des Vergewaltigers mögen vereinzelt immer noch stattfinden und in solchen Fällen ist Kritik angebracht. Das reicht den Antisexisten nicht. Sie können sich nicht zwischen Volksgerichtshof und Volksbibel entscheiden und fallen damit noch hinter Deuteronomium 13,1 zurück, dessen Gebot da lautet:
„Ihr sollt auf den vollständigen Wortlaut dessen, worauf ich euch verpflichte, achten und euch daran halten. Ihr sollt nichts hinzufügen und nichts wegnehmen.“
Wo vor 3800 Jahren bereits ein abstraktes Recht der Willkürjustiz vorbeugen sollte, fügen Antisexisten in schamloser Entgrenzung der Aufzählung ein „[…]“ hinzu, das ein Ergänzen nach Willkür zulässt. Das dumpfe Festhalten des Faktes – ontologische Schwundform der Kommunikation – lässt keine Diskussion mehr zu, hat ein Urteil schon gefällt, bevor es nötig wurde und erhebt sich zur Autorität, die sich flamboyant mit Moral umgürtet.
Ein Vergewaltigungsvorwurf kann also aus beliebigen Vorreden konstruiert werden und bedarf nicht mehr der konkreten Tat. Dass aus einem zunächst munter begonnenen Akt in beidseitigem Einvernehmen ebenso eine tiefe seelische Verletzung bei Grenzüberschreitungen entstehen kann wie aus einer Verführung trotz einer anfänglichen Absage eine tiefe Beziehung, bleibt außen vor.
Damit relativieren die Antisexisten Vergewaltigungen, verhöhnen die Opfer von schweren Traumatisierungen, erheben sich zu moralischen Göttern und penetrieren noch öffentlichen Raum mit ihren geheimsten Phantasien, die sie abspalten. Wo sie nach einem Nein schon den Trotz verspüren, sich dem zu widersetzen, sind sie um so heftiger bemüht, das Tabu aufzurichten, das ihnen den Gedanken daran kaschiert.
Primär geht es ihnen darum, einen von Ambivalenzkonflikten freien Raum aufzurichten, in der Individuen identische Wesen sind, die des Aushandelns und Abwägens nicht bedürfen. Sie wissen von je, was sie wollen, und schreiten gar lustig emanzipiert durch die Welt wie das tapfere Schneiderlein, das 7 auf einen Streich erschlug. Was andere wollen, wissen sie ganz bestimmt, haben sie doch mit Heidegger eine ontologische Wahrheit geschaut, die anderen verborgen ist. Wie Rudolf Steiner aus der Akasha-Chronik die Anwendung von nutzlosen Pflanzenpräparaten als Heilmittel liest, lesen sie aus allgemeinen Redewendungen eine von je identische Wahrheit, die dem Besonderen Hohn ins Gesicht lacht. Das Tabu erklärt Vernunft für überflüssig und die Regel schon zur Vernunft.
Um den eigenen Machtgelüsten Folge zu leisten, wird die Formulierung der Regel so vage gehalten, dass eine eingeschworene Gemeinde, die vergottete Linke, eben doch aufgrund individueller Idiosynkrasien entscheidet, was nun ein Nein ist. Damit ist der Widerspruch in der Identität schon entblößt und schlägt den Antisexisten doch nicht ins Gesicht: Die Definitionsmacht liegt schon wieder nicht mehr beim Opfer oder einer objektiv bestimmbaren Tatbestandsprüfung, sondern bei der Linken, die sich zu dessen Verteidiger aufschwingt, weil sie vom Opfer stets noch einen Leidensgewinn abziehen und auf die Propaganda aufschlagen will.
Individuen sind laut Freud primär bisexueller Orientierung. Durch verschiedenste Traumen und eine subjektive Wahl werden Anteile verdrängt, verleugnet, abgespalten oder verschoben. Lust generiert sich bisweilen aus eben dem geheimen Ausleben und Umschwenken verdrängter Phantasien, etwa der passiven Hingabe oder der verschlingenden Obsession. Gewalt und Sexualität sind so wenig zu trennen wie Gewalt und Recht, was ebenfalls Freud als besserer Materialist Einstein in seiner Kritik am Pazifismus „Warum Krieg?“ entgegenhielt. Wann Überredung und Besänftigung von Widerrede, die Verführung, der Flirt, die Anmache, zur inakzeptablen Gewalt wird, darüber entscheiden in der Tat die im konkreten Fall involvierten Individuen.
Das bürgerliche Recht stellt sich auf den Standpunkt, dass die allgemeine Konvention den Schutz des Individuums vor körperlicher und seelischer Gewalt wahren will. Diese Konvention setzt sie unter Gewaltandrohung durch. Daher wird auch von dem individuellen Hintergrund weitgehend abstrahiert und das ist notwendig. Wer in der Kindheit traumatisiert wurde und bei einem „Hallo, ist der Platz noch frei?“ schon schwerste Seelenqualen erleidet, kann sich nicht auf die Unterstützung des Rechts, wohl aber auf therapeutische Hilfestellung berufen, die den eigenen und fremden Anteil am Leiden aufarbeitet und es erleichtert, über fremde Zumutungen zukünftig ein deutliches Urteil zu befinden.
Die antisexistische Linke bedarf einer solchen Abstraktion, Trennung, Aufarbeitung und Aufklärung nicht mehr, sie will Sexualität reinigen von allem Bösen und wird somit puritanisch. Das Gossenlatein: „Ey du hast meine Schwester angeguckt, du perverser Schwanzlutscher!“ ist nicht weit davon entfernt. Wo mit Allah gegen das männliche Blickregime und die unzulässige Annäherung an das Subjekt Frau gewettert wird, ist Sexualität alles andere als frei.
Die Emanzipation und Unversehrtheit eines Individuums beruht dann nicht auf einem abstrakten Recht, an das es sich gleich ob Mann oder Frau wenden kann, sondern auf einer Atmosphäre der Angst, der Lynchjustiz und der diffusen Drohung. Wer auch immer die geheime, undefinierte Etikette verletzt, ist ein Vergewaltiger. Vergewaltiger werden sich aber um ein noch so deutliches Nein kaum kümmern. Wer sich des Neins sicher ist, wird es im Falle eines Falles auch eindeutig vortragen können, im Extremfall durch die körperliche Selbstverteidigung, den Tritt in die Weichteile, den Hilferuf, den Handkantenschlag und den Zehnfingerstich.
Für solche Opfer ist das Plakat in dem Falle kränkend, weil es unterstellt, das Nein sei eventuell nur undeutlich formuliert und missverstanden worden. Allen Menschen, die sexuelle Gewalt erfahren, ist eher der Gang zur Polizei anzuraten, denn zu einer selbstjustiztrainierten Linken, die noch jeden Gehirnpfiff als Plakat verwurstet. Wo diese den Staat für feindlich erklärt, baut sie selbst an einem Staatssurrogat, das durch Primitivität und Racketbildung noch hinter den bürgerlichen weit zurückfällt. Das aus dem Bauch heraus gewetterte schert sich einen Dreck um juristische Debatten und Probleme der Rechtssprechung des "In dubio pro reo", weil es sich für von Geburt an besser hält.
28.2.05 17:13


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Die Butler-Bibel

 

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In Kooperation von Bad Blog und Nichtidentisches soll in den nächsten Tagen und Wochen der nicht mehr ganz neue Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin dem Spaltpilz der Kritik ausgesetzt werden. Dazu gibt es individuelle Beiträge zu verschiedenen Elementen des Readers. Jeder Beitrag steht für sich, eine blogübergreifende redaktionelle Bearbeitung fand nicht statt. Wir hofften dadurch, der Emanzipation eine Bresche zu schlagen, die Eindimensionalität ihrer Gegner und falschen Verfechter bloßzustellen, und letztlich uns selbst gegen Zumutungen zur Wehr zu setzen, die uns im Namen der Dekonstruktion aufgenötigt werden.
 

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Die Butler-Bibel

Der Dekonstruktivismus ist eine Religion, die ihre Anhänger über ihre Grundbedingungen hinwegzutäuschen vermag, ohne sie je dem Gefühl des Mangels auszusetzen.

Den Fanatismus der charismatischen Bewegung der Dekonstruktivisten am eigenen Leib erfahren kann, wer es wagt, auf einer Gender-Blurparty ohne Transgenderverkleidung aufzukreuzen. Flugs wird zwangsgeschminkt, eine Plastik-Boa gespendet oder doch zumindest manch böser Blick geworfen, von denen, die sich qua Lidschatten von Sünden der Heteronormativität befreit haben. Travestie, so hat man gelernt, ist politischer Ausdruck des Widerstandes gegen das Regime der heterosexuellen Matrix.

Ebenso gibt man sich der exotistischen Vorstellung hin, Schwule, Lesben und Transsexuelle würden ständig Parteys als Drag-Queens in Amsterdam feiern, überhaupt viel hipper als Heterosexisten sein und den Zwängen der Gesellschaft ein Schnippchen geschlagen haben. Die Spielmarke ist aufgeklebt und verheißt Eintritt ins Glück: Dieser kostete schon den Steppenwolf den Verstand. Der Katzenjammer danach wird verleugnet als drohender Rückfall in die Heteronormativität, und jeder Kritiker des Konzepts gilt schon als Sexist und überhaupt nicht zeitgemäß. Wie Dershowitz es ausdrückt:

Many of the same people, who correctly insist on greater ‚diversity’ based on gender, race and ethnicity seek homogeneity of viewpoints. […] The last thing they want is diversity of viewpoint, especially on issues of gender, race and politics.

Das dieser charismatischen Bewegung zugrundeliegende Evangelium, Judith Butlers „Gender Trouble“ fasst die a.g.gender-killer in „Das Unbehagen der Geschlechter“ – Für Queer-Einsteiger_innen zusammen. Lustigerweise geht man davon aus, dass der Text nicht verständlich genug sei, verschweigt aber, warum dies so ist: Weil Judith Butler als Poststrukturalistin offenbar jegliche Struktur in einem wissenschaftlichen Text ablehnt, dem interessierten Leser gegenüber eine selten unverschämte Missachtung entgegenbringt und stets, wenn sie einmal etwas ausformuliert hat, noch ein „anders formuliert“ nachschiebt. Stilistisch also ein redundantes Machwerk, das sich ständig wiederholt und bei dem man sehr lange brüten muss, bis man herausfindet, wo Butler gerade referiert, kritisiert oder gar eine eigene Position entwickelt. Die Faszination Butler generiert sich wohl zu nicht geringen Teilen aus den idealisierenden Identifizierungen ihrer fanatischen Anhänger.

Wo die feministische Bewegung weibliche Vorbilder sucht und ins Zentrum der Beachtung rücken will, kommt eine wie Butler gerade recht: Aufmüpfig, das alte verwerfend, auf den Muff wetternd, und am besten: viele postmoderne Spezialbegriffe einbauen, die den Außenstehenden Respekt einflöße sollen. Das ist nicht zu verwechseln mit den klassischen Fremdworten. Diese stehen in jedem Fremdwortlexikon. Adorno beispielsweise kann kaum eine unsaubere Sprache vorgeworfen werden: die Begriffe, die er verwendet mögen viele verunsichern, sie sind zumeist seit Jahrhunderten üblich in der Philosophie und sie beziehen sich auf eine Realität. Anders Butler und die Postmodernen: Sie entwerfen neue Begriffe, die deshalb Popanz sind, weil sie auf einem Nichtwissen anderer Begriffe und Realitäten aufbauen.

Vollmundig behaupten nun die Gender-killer, Judith Butler sei „in aller Munde“, und an ihren Werken nicht vorbeizukommen, wenn es um Themen wie „Sexismus“ und „neuerdings gender“ gehe. Gender, ein Begriff wie ein alter Putzlumpen, längst in den EU-Gremien angekommen und in allen staatlichen Broschüren und Forschungsaufträgen konform, ist so neu wie die Nachricht, dass der Mond aus Käse besteht. Auch eine Kritik am Sexismus wird man überall finden, nur nicht bei Butler. Konkrete Ereignisse wie sexuelle Gewalt interessieren sie nicht, wie später zu sehen ist.

Die Gender-killer, sich schon dem Namen nach positiv mit dem Kastrationsakt identifizierend, um drohenden Konflikten mit Überich-Instanzen aus dem Wege zu gehen, zeichnen nun in ganz naiver Sprache Butler nach:

Im bisherigen Feminismus waren „die Frauen“ als Kollektiv das politische Subjekt. D.h. es gab den Anspruch oder die Idee, es gäbe „die Frauen“, die alle gleichermaßen von einem universellen Patriarchat unterdrückt wären. Seit den feministischen Debatten in den 80ern wird jedoch davon ausgegangen, dass nicht alle Frauen gleich, sondern in ganz unterschiedlicher Weise von Sexismus betroffen sind. Eine schwarze Frau z.B. anders als eine weiße, eine Lesbe anders als eine Hetera usw.

Das ist zunächst einmal ein Schlag ins Gesicht aller aufgeklärten Feministinnen und Feministen der vergangenen Jahrhunderte. Da wird der esoterische Ökofeminismus mit all seiner Matriarchatsforschung als alleiniger Vertreter des Feminismus gehandelt, als habe es Emma Goldmann genauso wenig gegeben wie Rosa Luxemburg, die Suffragetten oder andere aufgeklärte Vertreter der Bewegung. Was vom Ökofeminismus übernommen wird, ist die Annahme, man lebe nach wie vor unter einem „universellen Patriarchat“. Allein: Dessen Kategorien sind zu grob gefasst, man braucht mehr Schubladen, um genau das voranzutreiben, was Butler doch eigentlich kritisieren möchte: Dass Festigen von Identitätskategorien im Rahmen der Triple-Opression.

Bezeichnend für Butler, wie für ihre Anhänger, ist der logische Zirkelschluss, der von einer unbelegten Grundannahme ausgeht, um daraus formallogischen Humbug zu zaubern. Das offenbart sich schon in den einfachsten Vorraussetzungen der Gender-killer:

Ein Problem ist, dass ein Subjekt immer ein geschlechtliches Subjekt sein muss. Subjekte sind überhaupt nur Subjekte, weil sie eine feste Geschlechtsidentität besitzen; andernfalls wären sie gesellschaftlich nicht als Subjekte anerkannt.

Merkwürdig. Ist in der modernen bürgerlichen Gesellschaft gemeinhin die menschliche Existenz festgeschrieben als Grundbedingung des Status als Rechtssubjekt, können Transsexuelle ebenso einkaufen wie Richter werden, haben sogar Tote ein Recht auf Totenruhe, halluzinieren die gender-killer auf einmal eine Instanz, die prüft, ob ein Geschlecht vorhanden ist, und bei fehlendem Geschlecht den Subjektstatus aberkennt. Die Frage, ob Menschen überhaupt Subjekte ihrer Geschichte sind, oder ob sie vielmehr Subjekt-Objekt eines objektiven Verwertungsprozesses sind, entsteht für die gender-killer gar nicht.

Die Kapitalisten der englischen Industrialisierung interessierten sich für das Geschlecht der Arbeiter nur insoweit, als innerhalb der notwendigen und zugleich mit Bevölkerungswachstum und Rationalisierung überschrittenen Reproduktionssphären Kinder billiger waren als Frauen und Frauen billiger als Männer. Alle zusammen sperrte man mal mit Gewalt, mal mit dem Zwang der unsichtbaren Hand in Kohleminen, Ziegelgruben oder trieb sie von der Straße in working-houses. Engels konstatiert in der „Lage der arbeitenden Klasse in England“:

In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht. […] Ist die Herrschaft der Frau über den Mann, wie sie durch das Fabriksystem notwendig hervorgerufen wird, unmenschlich, so muß auch die ursprüngliche Herrschaft des Mannes über die Frau unmenschlich sein. (MEW2:369ff)

Wo Engels allein aus aufgeklärtem Rationalismus den logischen Schluss zieht, dass die erlittene ökonomische Gewalt jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht in seinen Worten „kastriert“ so sehen die gender-killer von ökonomischen Zwängen der Unterdrückung und der Möglichkeit ihrer Aufhebung oder Verschiebung gänzlich ab.

Solches Unverständnis von Gesellschaft schlägt sich notwendig in Magie nieder:

Das ist für Butler deswegen so, weil sie einen ganz bestimmten Begriff von Sprache hat. Sprache ist bei ihr nicht einfach ein Medium, das die Welt außerhalb der Sprache beschreibt, sondern sie ist performativ, d.h. sie konstruiert die Welt erst so, wie sie ist. Sie bringt die Dinge erst hervor, weil sie die Wirklichkeit, bzw. die Wahrnehmung der Wirklichkeit konstruiert.

Von Dialektik keine Spur. Wie Zauberer schreiten die Menschen durch die Welt, sagen hier Frau, dort Mann und poff! steht dort eine Frau oder ein Mann aus dem Nichts. So einfach ist die Hexerei des Dekonstruktivismus. Der böse Diskurs, und hier bei Butler primär der feministische, trennt angeblich „sex“ und „gender“ und kann daher „sex“ nur als zweigeschlechtlich denken. Gender müsse demnach auch immer schon auf dieser Bipolarität gründen. Als würde neben den Löwen, Ameisen und Tigern noch „das Tier“ herumlaufen, als würde der Begriff der Blume ein Monstrum aus Veilchen, Akelei und Rose meinen, ist eine Verallgemeinerung den Dekonstruktivisten bereits die Erschaffung einer Realität. Sie stellen Marx vom Bücherregal auf den Kopf und behaupten dann, er würde Hegel heißen.

Und weil die gender-killer deshalb nicht so recht wissen, was an dem falschen Ganzen wie zu kritisieren ist, fragen sie ganz richtig noch mal nach:

Was ist an der Zweigeschlechtlichkeit und der binären Opposition nun scheiße? Sie basiert auf Ausschlussmechanismen für alle diejenigen Identitäten bzw. Körper die aus dem Raster fallen, die ihm nicht entsprechen, z.B. keine Eindeutigkeit aufweisen, sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Dahinter steckt ein bestimmter Begriff von Identität bzw. Subjekt, der von Butler stark kritisiert wird, weswegen Butlers Theorie auch oft der Postmoderne zugeordnet wird, die auch Kritik an festen geschlossenen Identitäten übt. Feste geschlossene Identitäten basieren immer auf Ausschluss, und nur solche festen Identitäten bekommen einen Subjekt- bzw. Personenstatus zugesprochen. Außerdem ist für Butler das denken in binären Oppositionen ein typisches Kennzeichen der modernen westlichen abendländischen Philosophie, Wissenschaft, Kultur, etc. Darunter fallen zentrale Begriffe wie Natur/Kultur, weiblich/männlich, Gefühl/Verstand, Emotionalität/Rationalität, Materie/Geist. Dieses Denken an sich ist Teil eines dualistischen Denkens, und wird von Butler als patriarchal und die dahinter stehende Bedeutungsökonomie als maskulin charakterisiert.

Man möge sich das vor Augen führen. Zuerst alle Identitäten und binären Dualismen in Bausch und Bogen verwerfen, und dann eben dieses Denken als patriarchal und die dahinterstehende Bedeutungsökonomie als „maskulin“ charakterisieren. Mag zwar das Opfersubjekt nicht in „den Frauen aufgehen“, so geht doch das Tätersubjekt in „den weißen Männern“ auf. Die Konstrukteure des Geschlechts sind männlich, irgendwie, basta. Und Kritik daran ist simpel, Widerstand einfach: Kayal und Rock, Hose und falscher Bart:

Bei drag gibt es einen Widerspruch zwischen dem Geschlechtskörper, der z.B. als ein männlicher wahrgenommen wird und der performance, die eine weibliche ist. Es entsteht eine Irritation in der Wahrnehmung. Und der Betrachter ist irritiert darüber, welche Geschlechtsidentität diese Person wohl haben mag: Fühlt er/sie sich nun als Frau oder als Mann? Diese Geschlechterverwirrung oder Irritation ist für Butler subversiv und kann als politische Strategie eingesetzt werden.

Ob es nun subversiv ist, dass ein Nazi sich heimlich als Frau verkleidet, oder eine Antisemitin sich breitbeinig hinsetzt und herumgröhlt, ist doch zumindest sehr fraglich. Klar ist: Man braucht von Politik ebenso wenig Ahnung haben wie von Gesellschaft: gender-killer lesen und gender-blur-party feiern, der Rest ergibt sich schon von alleine. Immerhin fügen die gender-killer noch eine kleine Depeche an die Kritik an: Butler sei wahrnehmungsphilosophisch und vielleicht nur auf Randgruppen bezogen, sie befasse sich nicht mit sexistischer Gewalt und ökonomischen Ungerechtigkeiten.

Wahr, wahr, aber warum dann ihre Werk als „zentralsten Text für die gesamte Entwicklung der gender studies“ hagiographieren? Etwa um eine Kritik an ihr zu entwickeln? Vielmehr, um Kritikfähigkeit vorzutäuschen. Kritiker des Konzepts, die essentielle Teile des Werkes in Frage stellen, werden gemeinhin als phallogozentrische Exekutoren des epistemologischen Regimes, also fast so schlimm wie Pädophile, wahrgenommen.

Grundsätzlich ist Butler, orthodox gelesen, auf dem richtigen Wege, was nicht weiter schwer ist, denn der Weg dahin ist kaum zu verfehlen. Dass eine gesellschaftliche Praxis den „Effekt des Natürlichen erzeugt“, eine Aura des „Ursprünglichen“ und der „Unvermeidlichkeit“ (1990:9) ist zunächst eines der wesentlichen Inhalte der Wertformanalyse. Mit Scheit (2001:10) zu sprechen:

Die Methoden der unsichtbaren Hand beruhen zum Teil auf magischen Kräften: sie macht ihre eigenen Vorraussetzungen unsichtbar – das ist das Wunder des Kapitals und die Zauberei der politischen Ökonomie. Die Vergangenheit ist im Bewußtsein des bürgerlichen Subjekts wie ausgelöscht, die Gegenwart in Natur verwandelt.

Davon hat Butler schon gehört und sie verweist diesbezüglich auch auf Marx (1990:61) und Engels (1990:65). Jedoch scheitert Butler an der von ihr verschmähten Dialektik (1990:8), weil sie das Sein aus dem Bewusstsein entspringen lässt. Nicht Dialektik, sondern Genealogie ist ihr Anliegen.

Vielmehr erforscht die Genealogie die politischen Einsätze, die auf dem Spiel stehen, wenn die Identitätskategorien als Ursprung und Ursache bezeichnet werden, obgleich sie in Wirklichkeit Effekte von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen mit vielfältigen und diffusen Ursprungsorten sind. Die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist, sich auf solche definierenden Institutionen: den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu zentrieren – und sie zu dezentrieren. (1990:9)

Im weiteren Verlauf bemüht sich Butler nach Kräften, die diffusen Ursprungsorte in ihrer Diffusität zu belassen. „Macht“ kann als Synonym für diese Diffusität ebenso herhalten, wie jeder andere Begriff, der ein ödipales Unbehagen erzeugt. Ihr Obskurantismus mündet, wie später zu sehen ist, rasch in Dämonologien.

Butlers Anliegen ist scheinbar, der Ontologie entgegenzutreten, und den Befund einer von je natürlichen Geschlechtsidentität zu kritisieren. Das Nichtbegriffliche mit Begriffen aufzutun ist nicht das schlechteste Anliegen, sondern nach Adorno „die Utopie der Erkenntnis.“ Was aber kommt bei dem ganzen heraus?

Anstatt auf das Nichtidentische zu verweisen, das Begriffe von je zeitigen, entstehen Begriffsmonstren, die genau den Anspruch haben, solches Nichtidentische angemessen zu repräsentieren, Verweise auf das immer weiter zu bestimmende im Individuum, die damit nicht einem Besonderen im Allgemeinen Respekt zollen, sondern Allgemeinen von je nicht mehr denken lassen wollen. Das im AS.ISM verwendete Wort „Transgenderfrauenlesbenqueeretc.“ ist nur ein Mangel an Abstraktionsfähigkeit, der zwanghafte Versuch, es dem Begriff mit einem Antibegriff gleichzutun. Mit Reflexion hat das nichts zu tun. Auch Butler widerspricht ein solches Vorgehen nur scheinbar.

Diese schließt vom richtigen aufs Falsche:

Es wäre falsch, von vornherein anzunehmen, daß es eine Kategorie „Frauen“ gibt, die einfach mit den verschiedenen Bestandteilen wie Bestimmungen der Rasse, Klasse, Ethnie und Sexualität gefüllt werden muss, um vervollständigt zu werden. Wenn man dagegen die wesentliche Unvollständigkeit dieser Kategorie voraussetzt, kann sie stets als offener Schauplatz umkämpfter Bedeutungen dienen. Die definitorische Unvollständigkeit der Kategorie könnte dann als normatives Ideal dienen, das von jeder zwanghaften Einschränkung befreit ist. (1990:35)

Dadurch entsteht jedoch eine Tautologie: Entweder es ist alles miterwähnt, dann ist die Kategorie nicht unvollständig, oder sie ist unvollständig, und dann ist sie nicht von jeder zwanghaften Einschränkung befreit, sondern lediglich ein notwendig unzulängliches Mittel. Butler kann dieses Arbeiten mit Unzulänglichkeiten nicht denken, und wähnt daher eine Befreiung von „jeden“ zwanghaften Einschränkungen durch die Kategorie, auf deren Unvollständigkeit reflektiert wird. Der Zwang wird schon durch Reflexion auf den Zwang aufgehoben. Das ist genau das Gegenteil dessen, was Adorno anstrebt: Das von den Begriffen gezwungene mit Begriffen zu eröffnen, ohne es ihnen gleichzutun. Dazu müsste man der Entfaltung des Widerspruches zuneigen. Butler will das Nichtidentische im Begriff allein durch Reflexion auf die Unvollständigkeit aufgehoben wissen. Von einem konkreten Objekt wäre dann abzusehen.

Weil Butler Marx auf den Kopf stellt, wird fürderhin nicht mehr um Macht und Recht gestritten, sondern der Begriff, die Kategorie, wird zum substanzlosen Schauplatz des Kampfes um Gleichberechtigung. So generiert sich eine Ersatzbefriedigung, die mit dem Binnen-I schon gesellschaftliche Verhältnisse umgewälzt sieht, und sich spröde macht gegen das reale Leid von Frauen als Vertreter der Kategorie. Die Konsequenz ist, dass Frauen nicht mehr als Frauen wegen ihrer schlechteren Bezahlung streiken, sondern dass sie sich darüber empören, als Frauen bezeichnet zu werden. Und noch nicht einmal den Akt der diskriminierenden Sprache thematisiert Butler: Sie will auf dem Strukturalismus Leví-Strauss aufbauend weitermachen, ohne dessen Annahme, dass Gesellschaft in einer Grammatik aufgehe, zu verwerfen: Wie ist eine Veränderung des Seins zu denken, wenn Sprache nur das Sein reproduziert? (1990:70, 72) Das ist die zentrale Frage Butlers: Eine Sprache zu entwerfen, die einem normativen Sein recht nahe kommt, um von dieser korrekten Sprache, bzw. dem Sprechen, zu erwarten, dass es die Realität magisch ins Positive verwandle. Das geht nur, wenn man wie der Strukturalismus annimmt, dass Sprache alles ist.

Wenn Butler nun vorschlägt, mit wechselnden Identitäten zu agieren, um die jeweils anstehenden Ziele ('gleichgültig welche') zu erreichen, und gleichzeitig darauf beharrt, dass diese offen bleiben, wird von dem abgesehen, das diese Identitäten negativ produziert: Der Diskriminierung als Frau, Jude, Schwarzer, etc.

Die Beliebigkeit der Zielsetzung ist maßgeblich für die weitere Bearbeitung der Butlerschen Ideologie.

Die Schöpfungslehre

„Im Anfang war das Wort.“

Weil Butler aus dem Nichtidentischen die differance als Diskrepanz zwischen „Signifikant und Signifikat“ macht und absehend von äußeren Umständen dieser differance schon zuspricht „alle Referentialität zu einer potentiell schrankenlosen Verschiebung“ zu machen (1990:70), gibt es wie bei Heidegger letztlich keine geschichtliche Tat und kein notwendig falsches Bewusstsein mehr. Politik soll vom Aushandeln der Interessensgegensätze in die Vervielfältigung von Geschlechtsidentitäten verwandelt werden. (1990:218) Nicht die Unnatürlichkeit jeder Geschlechtsidentität als Identität (vom status quo) oder als Sublimierung (vom status ante), sondern die Unnatürlichkeit der Geschlechterbinarität soll dabei enthüllt werden.

Das Absehen von einem Subjekt, das der Strukturalismus mit seinem Totalitätsphantasma Sprache ermöglicht, findet sich in in einem Absehen vom infantilen Subjekt in Butlers psychoanalytischen Erwägungen wieder. So interessant es sein mag, mit Butler in der Homosexualität die Melancholie – die Bewahrung des Objekts – zu entdecken, der Heterosexualität jedoch die Trauerarbeit – die Aufgabe des Objekts – zuzusprechen, so vernachlässigend ist die Freud-Lektüre Butlers in Bezug auf das infantile Subjekt. Weil sie diesem nicht zugestehen will, ein eigenes Interesse zu haben, weil sie den Narzissmus als Kraft in diesem Konfliktfeld herausimpft, von Penisneid (außer einem (angeblich) nicht spricht und den Kastrationskomplex in seinen multiplen Formen weitgehend ignoriert, stürzt sie sich auf Randbemerkungen bei Freud, die dann als „Lesart“ Bestand haben dürfen, ohne jeden Bezug zur psychoanalytischen empirischen Erfahrung oder gegenläufigen Modellen Freuds und seiner Nachfolger.

Ihre Frage nach dem Begehren, nach den Instanzen, nach der produktiven Kraft des Inzesttabus schließen die Frage nach der Geschlechterdifferenz aus: Den Moment, in dem das Kind unabhängig von seinem wie liberal auch immer auftretenden Elternhaus, erkennt, dass es nicht intakt ist, und ein anderes braucht, um sich zu reproduzieren. Das Kind, das sich selbst als narzisstischen Phallus gesetzt hat, will diesen Phallus aus sich selbst heraus zeugen, ein Kind koten, es durch Verschlucken hervorbringen, bis es entdeckt oder darauf gestoßen wird, dass dazu etwas anderes zwingend notwendig ist: Das jeweils andere Geschlechtsteil, über das es nicht verfügt. Um sich selbst als Phallus zu setzen zu können, ist das Anerkennen des heterosexuellen Aktes als Grundbedingung seiner Existenz notwendig. Der Penisneid ist auf diesem Prozess des Anerkennens ebenso notwendige Begleiterscheinung wie die Kastrationsangst des Jungen. Beide münden in ein Verdoppeln des Phallus: Mit Waffen, Puppen, Stöcken, Büchern, Worten, Taten, Bildung etc.

Butler verschweigt mit der Notwendigkeit des heterosexuellen Aktes zur Zeugung und seiner Bedeutung für die Konzeption von Heterosexualität die Aggressivität des Kindes. Das Inzestverbot bewirkt bei ihr lediglich Trauer oder Melancholie, produziert gleichsam verdrängte Homo- und zwanghafte Heterosexualität.

Dass das Inzestverbot auch Kastrationslust erzeugt, das Zerstören dessen, was von der unmittelbaren Reproduktion und der verworfenen Quelle der oralen Lust abhält, bzw. von Repräsentanten dieses Verbots, kommt bei ihr nicht zur Sprache, weil das hieße, dem Kind einen Subjektstatus einzugestehen, das es aufgrund der Omnipotenz der Sprache und der zu geißelnden Konstruktion nicht haben darf.

Das Butler-Evangelium

Die Erlösung des Individuums, das sich identisch denken will und muss, um bestehen zu können ist Butlers Anliegen. Nach dem Kern von Homosexualität, Inversion, Heterosexualität und den darin innewohnenden Zwängen der Gewalt, die Aggressivität hervorbringen, zu fragen, ist Butler zu schnöde, denn das hieße, allen Subjekten eine Imperfektion, einen Mangel zu unterstellen. Bei Butler sollen sich alle gut fühlen dürfen, wie sie sind. Butler weiß bei ihrem heterogenen Ansatz nicht zu bestimmen, was denn nun pathologisch an Sexualität sei. Ob zu ihren vervielfältigten Geschlechtsidentitäten neben den Polymorph-Perversen, Invertierten, Homosexuellen, Heterosexuellen etc. auch Pädophilie, Nekrophilie, etc. als unterdrückte Geschlechtsidentitäten hinzutreten dürfen, bleibt offen. Vernunft, und sei es eine falsche, ist bei Butler nur als totale denkbar, weil es in ihren strukturalistischen Grundvoraussetzungen so etwas wie ein falsches Ganzes nicht geben kann.

Identität kann in falschen Zuständen, in denen feindliche Interessen und Widersprüche gegeneinander antreten, ich-synton sein: sie ist das einzige Mittel zur Aufrechterhaltung von Handlungsfähigkeit, und falsches Bewusstsein ist damit auch notwendig falsches, solange das Individuum nicht mit diesen Widersprüchen versöhnt ist, oder sie positiv aufzuheben weiß. Wie der den Naturgewalten ausgesetzte einen Gott oder die Gewalten selbst als Götter anfleht und in diesen eigene Ängste und Wünsche aufgebahrt weiß, um bestehen zu können, muss Butler den Individuen die Sprache als Gott vorsetzen, in die sie ihre Wünsche nach Aktion und Veränderung projizieren können. Das macht sie da attraktiv, wo identitäres Verhalten aus auseinanderklaffenden Widersprüchen sich speist. Über die Widersprüche muss dann bei Butler nicht geredet werden: Sie will Identitäten durch Vervielfältigung und Ausweitung stabilisieren. Was sie stabilisiert, ist falsches Bewusstsein von der Krise im Subjekt.

Die Butler-Apokryphen

Weil der Butler’sche Widerspruch, Sprache einerseits als repräsentative Totalität aufzufassen und andererseits mit der Sprache über diese Totalität hinauszukommen, scheitern muss, vollzieht sie doch stets aufs Neue das Abtauchen ins Konkrete. Dies stets dann, wenn es darum geht, ein geheimes Subjekt verantwortbar zu machen: Etwa ein „Bündnis zwischen Medizin und Rechtsprechung“ (1990:59) oder, immer vage und willig: Die Macht.

Dabei gleitet sie zum einen in Exotismus ab, wenn sie vermutet, dass die Frau im strukturalistischen Konzept des Frauentausches wie in der Realität ein „Verbindungsterm“ sei, ein bloßes Objekt. Frauen können trotz dieses Tausches Subjekt-Objekt sein. Auch innerhalb des Tauschgesetzes ist subversives (nicht notwendig revolutionäres) Handeln möglich. Etwas VON den Frauen wird im Akt der Exogamie mit ihnen getauscht und sie versuchen es sich nach Kräften real und in der Phantasmagorie zurückzuholen. Die Mythen der für den Strukturalismus wesentlich zur Hand genommenen Amazonasindianer bieten dafür reichhaltige Beispiele in den Erzählungen von lustvollen Ehebrecherinnen, Göttergattinen und weiblichen Geistwesen. Das setzt unter Umständen die patriarchale Beschädigung nur fort. Keinesfalls ist es jedoch möglich, nur von Objekten zu sprechen.

Zum Anderen wird Butler explizit projektiv, wenn es darum geht, für konkrete Zustände Ursachen aufzuzeigen. In „Gefährdetes Leben“ (2005) fährt sie einen Antisemitismusbegriff auf, der in sich antisemitisch ist und mit „sekundärer Antisemitismus“ bezeichnet werden kann.

Hier tun sich die Abgründe auf, die man an ihrer Theorie nur mühsam erahnt.

Butler ist eine notorische Verfechterin von Boykottaufrufen gegen Israel und bemüht zu diesem Zwecke, und nur zu diesem, ihre jüdische Herkunft. Wer wie Lawrence Summers Boykottaufrufe und antiisraelische Stimmung im Allgemeinen als dem Antisemitismus möglicherweise anheim fallend bezeichnet, dem wird vorgeworfen, ein Redeverbot aufzustellen, Zensur aus Gewissensangst zu üben und überhaupt dem Antisemitismus Vorschub zu leisten. Neben mehreren Israel-Nazivergleichen jammert sie darüber, dass die Welt den Mord an Niklas Berg, der mit einer Axt vor laufender Kamera exekutiert wurde, weil er Jude ist, als Abschlachten bezeichnet wird. Palästinenser, so Butler, würden unermesslich darunter leiden, dass sie ihre Behandlung nicht ebenfalls als abschlachten bezeichnet wissen dürften.

In welchem Ausmaß hat die Weigerung, den Tod von Palästinensern als „Abschlachten“ zu verstehen, eine maßlose Wut auf Seiten der Araber erzeugt, die irgendeine legitime Anerkennung und Lösung für diesen anhaltenden Gewaltzustand suchen? (2005:31)

Nicht konkretes Leid interessiert Butler, sondern das Sprechen darüber, wie es bezeichnet wird. Tod ist ihr ein schlimmes Übel, der Tod von Juden hingegen ist zu verschmerzen, geht es doch um Hegemonien und Bedeutungsträger der Gegenmacht und als solche kommen Juden von je nicht in Betracht. Nicht Israel interessiert sie, sondern wie man es möglichst als Nazi bezeichnen kann, ohne selbst als Antisemit beschimpft zu werden. Das erstere ist bei Butler legitime Kritik, das letztere Zensur durch die Macht. Den Begriff des Antisemitismus wähnt sie als wirksame Waffe gegen naziflaggenschwenkende Synagogenzerstörer. Wie immer ist Sprechen ihre einzige Realität: Nicht nur will sie Nazis durch Beschimpfen bekehren, nein, wer Antisemitismus als Antisemitismus bezeichnet, nehme dem Schimpfwort die Wirkung, schwäche den Begriff.

Auch anderen Phänomenen als dem Furor der antisemitischen Volksgemeinschaft in Palästina kann Butler etwas Positives, Erhaltenswertes, abgewinnen. Weil der Westen böse ist, Kriege macht, die USA und Israel als Macht durchsetzt, müssen die von diesen Bösen als Böse Bezeichneten gut sein. Der Kulturalismus, der Vielfalt will, braucht das Feindbild wie der Papst die Bibel.

Darüber hinaus versucht sie [westliche feministische Theorienbildung], gleichsam eine sogenannte „dritte Welt“, ja einen „Orient“ zu konstruieren, indem sie unterschwellig die Geschlechter-Unterdrückung als symptomatisch für eine wesentlich nicht-westliche Barbarei erklärt. (1990:19)

Nicht-westliche Barbarei darf demnach nicht mehr kritisiert werden, weil die westliche Barbarei dazu kein Recht hat. Im harmonischen Chor der Barbareien findet sich bei Butler, die angeblich Identität und Zwangsheterosexualität kritisiert, eine Lobeshymne auf die Burka. Sie hat einen islamistischen Vortrag besucht und gibt kritiklos wieder:

Ein paar Tage später besuchte ich eine Konferenz, auf der ich einen Vortrag über die wichtigen kulturellen Bedeutungen der Burka hörte, darüber, wie sie für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie, einer umfangreichen Geschichte von Verwandtschaftsbeziehungen steht, daß sie eine Übung in Bescheidenheit und Stolz, einen Schutz vor Scham symbolisiert und daß sie auch als Schleier wirkt, hinter dem und durch den weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann. Die Sprecherin fürchtete, daß die Zerstörung der Burka, so als sei diese ein Zeichen der Unterdrückung, der Rückständigkeit oder sogar des Widerstandes gegenüber der kulturellen Moderne selbst, zu einer erheblichen Dezimierung islamischer Kultur führen würde und zu einer Ausbreitung von US-amerikanischen kulturellen Annahmen, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien.

Das gilt ihr als Opposition gegen amerikanische Fotos, die Frauen beim ersten Lüften der Burka zeigen. Diese sind für Butler Konstruktionen des Anderen und die Rechtfertigung von Krieg, der, wie man gemeinhin sich mit allen einig weiß, schlecht ist. Gut ist bei Butler die Burka, denn sie ermöglicht weibliche Handlungsfähigkeit und symbolisiert Schutz vor Scham, einer zentralen Absicht in Butlers Werk: Was sich als unvollkomen geboren fühlt, soll sich gut fühlen, anstatt diese Unvollkommenheit als Hinweis auf die notwendige Gesellschaftlichkeit der eigenen Existenz zu begreifen.

Butler versteht unter Gesellschaft einen kulturalistischen Popanz, in der allerdings einige Vertreter einer Kultur keinerlei Existenzberechtigung haben: die USA, Israel und die heterosexuelle Matrix. Deren Argumente kann sie nicht anerkennen, weil sie sich für ein Sprechen über Realitäten abseits kruder Konstrukte taub gemacht hat. Die Totalität der Sprache geht mit totalitärem Denken im Mäntelchen des Pläsierchens konform. Mit Kritik an Homophobie oder zu eng gefassten Geschlechterkategorien hat das nichts zu tun.


Literaturauswahl:

Butler, Judith: „Das Unbehagen der Geschlechter.“ (1990). Suhrkamp, 236 Seiten.

Butler, Judith: „Gefährdetes Leben“. (2005). Suhrkamp, 177 Seiten.

Riedel, Felix: „Das Gerücht als Diskurs. Judith Butlers postmoderner Antisemitismus.“ In: Bahamas 48/2005, S. 53f.

Scheit, Gerhard: "Die Meister der Krise - Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand." Freiburg 2001: ca-ira. 223 Seiten

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