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Antiamerikanismus

Rambology - Mit John J. Rambo durch die Dialektik der Aufklärung


Ernst Barlach: "Der Rächer"

 

„Rambo, der; -s, -s [nach dem amerikanischen Filmhelden]: (ugs.) jmd. der sich rücksichtslos [u. mit Gewalt] durchsetzt; Kraftprotz.“ (Das große Fremdwörterbuch - Duden)

Die Umgangssprache hat den Begriff „Rambo“ okkupiert. Woher diese semantische Kaperfahrt ihren Freibrief bezieht, leitet sich eher aus einem sublimierten oder offenen Antiamerikanismus als aus einer qualifizierten analytischen Filmlektüre ab. Diese lässt allerdings auf sich warten. Außer einem aufschlussreichen Interview mit Christopher Vogler und den Audiokommentaren von David Morell und Silvester Stallone – sämtlich generöse Dreingaben der Rambo-Trilogy-DVD-Box - schweigt die Wissenschaft zum Phänomen Rambo, sofern sie sich nicht noch als Insinuant von Ressentiments gegen den Film betätigt. Man mokiert sich gerne darüber, wenn afrikanische Kindersoldaten oder Dschungelkämpfer sich „Commander Rambo“ nennen, ein ernsthaftes Interesse an der Vermittlung von intrapsychischen Konflikten in der postbürgerlichen Gesellschaft und dem fiktionalen Drama um den Kulturheros Rambo schlägt sich jedoch zumindest nicht in Publikationslisten oder Bibliothekskatalogen nieder.

Das oberflächliche Muster aller Filme ist sicherlich einfach: Der ausgestoßene Loner John Rambo wird durch dramatische Verstrickungen in Situationen gebracht, in der ihm Gewalt als einziger, legitimer Ausweg bleibt. Dadurch entsteht eine perpetuierte Verfolgungsjagd, bei der eine verfolgte Person letztlich zum siegreichen Verfolger wird oder zumindest die Verfolgung abwehrt. Würde man die Rambo-Filme auf dieses Muster reduzieren, träfen BARTHES Analysen der kleinbürgerlichen Kultur mit ihrem Abhub auf Erwartung, Suggestion und Initiation zu.

Es gehört zum kleinbürgerlichen Ritual […], daß man so lange warten läßt, bis sich die Spannung eingestellt hat, die so untrennbar gemischt ist mit Heilserwartung und Wut. (Barthes nach Schiwy 1973: 21)

Diese Erklärung in klassenkämpferischer und kulturkritischer Absicht wäre allzu plan. Für James Bond und zahllose andere zweitklassige Krimis, Gauner- und Detektivgeschichten mag solches oder ähnliches zutreffen. Die Rambo-Filmreihe ist allerdings zu komplex, als dass man sie auf Nervenkitzel und nur kulturindustriellen Unterhaltungswert reduzieren könnte. Sie ahmt nicht bürgerliche Kultur nach, sondern geht aus ihr hervor und entwickelt sie auf höchstem Niveau weiter – stets an den Grundfesten bürgerlicher Ideologie nagend, auf denen sie zugleich wie alle Kulturindustrie baut. Wesentlich mehr Aufschluss bietet es daher, wenn wir die „Dialektik der Aufklärung“ – ausnahmsweise weitgehend jenseits des Kulturindustriekapitels – mit der Rambo-Reihe synchronisieren. Erst dann wird die intellektuell inspirierte Tiefenwirkung der Rambo-Mythologie auf ein massenhaftes Publikum nachvollziehbar und die inhärente Zivilisationskritik ebenso wie der innerhalb kulturindustrieller Verhältnisse stets zum Verrat anstehende emanzipatorische Anspruch darin sichtbar. Von dieser These ausgehend starten wir, ADORNO und HORKHEIMER wie gleichermaßen deren Basis, MARX und FREUD im Hinterkopf behaltend, einen mitunter waghalsigen Streifzug durch die Filmreihe – wie John Rambo selbst riskieren wir dabei Verstand und Kragen, verfolgen, was uns verfolgt, kündigen im Kampfhubschrauber der Theorie die Sicherheit der wohligen positivistischen Trennung von Subjekt und Objekt auf.

John Rambo wird als gestrandetes Individuum eingeführt: Von allen solidarischen Bezügen durch Aggression, Krankheit und Konflikt abgeschnitten wandelt er als doppelt freier Trickster umher auf der Suche nach Sinn. Mit Insignien des Hippietums, langen Haaren und einer Amerikaflagge auf der Jacke, fällt er in das Ausschluss-Raster des Sheriffs Will Teasle, der seine Trauerarbeit rüde unterbricht. Ein zur Reproduktion oder vielleicht auch Regression gedachter Aufenthalt in der fiktiven amerikanischen (und real kanadischen) Kleinstadt Hope wird ihm verweigert, die Initiation in das Kollektiv bleibt aus.

Wer hungert und friert, gar wenn er einmal gute Aussichten hatte, ist gezeichnet. Er ist ein Outsider, und, von Kapitalverbrechen zuweilen abgesehen ist es die schwerste Schuld, Outsider zu sein. (Adorno/Horkheimer 1948 (1984): 135)

Als Outsider ist John Rambo wie Odysseus Prototyp des modernen Bürgers. (vgl. ibid: 42) Er riskiert auf der „long road“ („when you’r on your own“), sich selbst zu verlieren, um sich selbst zu behalten. Selbstbewusstsein bildet sich bei ihm erst in der Konfrontation mit mythischen Gewalten. (vgl. ibid: 44/46) Seine Lockungen sind die Sirenen der Geborgenheit im Kollektiv. Diesem Kollektiv verweigert er sich bis zuletzt. Um mit Adorno/Horkheimer zu sprechen:

„Wo aber eine Gefahr ist, wächst/ das Rettende auch:“ Das Wissen, in dem seine Identität besteht und das ihm zu überleben ermöglicht, hat seine Substanz an der Erfahrung des Vielfältigen, Ablenkenden, Auflösenden, und der wissend Überlebende ist zugleich der, welcher der Todesdrohung am verwegensten sich überlässt, an der er zum Leben hart und stark wird. […] Odysseus, wie die Helden aller eigentlichen Romane nach ihm, wirft sich weg gleichsam, um sich zu gewinnen; die Entfremdung von Natur, die er leistet, vollzieht sich in der Preisgabe an die Natur und ironisch triumphiert die Unerbittliche, der er befiehlt, indem er als Unerbittlicher nach Hause kommt, als Richter und Rächer der Erbe der Gewalten, denen er entrann. (ibid: 45f)

John Rambo versagt sich solche triumphale Heimkehr und ist darin dem auf Synthese, Wiedererrichtung der patriarchalen Herrschaft zielenden Odysseus überlegen. Im ersten verbalen Schlagabtausch wird jedoch bereits die ähnlich verlaufende Bestimmung von Identitäten und festen Grenzen virulent: Die Scylla Will Teasle pocht auf seinen Herrschaftsanspruch, der mitnichten ein demokratischer ist: Er selbst sei das gleichsam göttliche Gesetz, das John Rambo den Aufenthalt verbiete. John Rambo ist durch diese Diskriminierung höchst befremdet („Why are you pushing me?“) wie befremdend gleichermaßen – er leistet passiven Widerstand gegen den Willen der Götter und überschreitet den Rubikon von Hope.
Eine kulturelle Entität droht so durch den Einbruch des Unbekannten erschüttert zu werden – zugleich prallen zwei ungleichzeitige Überbauten aufeinander: Die Kultur der Kleinstadt mit ihrer konservativen Intransingenz und die Kultur der Fortschritt repräsentierenden Mentalität des zweifelnden und grübelnden Green Berets John Rambo, der den Wunsch nach Solidarität, Äquivalententausch, Wandel, Freiheit und Gleichheit internalisiert hat. Hier wird mitten im modernen Amerika die abgeschottete ständische Welt des Spätmittelalters gegen das aufkommende, mobile Bürgertum verteidigt und überdies ein Symptom ursprünglicher Akkumulation wiederholt: John Rambo wird des Delikts der Landstreicherei (vagrancy) angeklagt.

Dieses Paradoxon – ein gesellschaftliches Verhältnis, das einerseits des doppelt freien und damit mobilen Lohnarbeiters bedarf und ihn gewaltsam durchsetzt, und zugleich in Antiziganismus und Landstreichereigesetzen jene Vertreter der Mobilität schlechthin brutal auszurotten sucht, lässt sich kaum funktionalistisch auflösen. Vielmehr scheint der durch die Zirkulation des Kapitals erhöhte Druck zur Mobilität eine andere Mobilität zur Verdrängung auszuschreiben – und zwar jegliche, die nicht offensichtlich dem Kapitalzweck untergeordnet ist und an Ambivalenzen darin erinnert.
Der Versuch, diese in John Rambo verkörperte Bedrohung der konservativen und verdrängenden Gesellschaft, den für jede Entwicklung dringend notwendigen clash of civilizations innerhalb der demokratischen Gesellschaft abzuwenden mündet letztlich erst recht in Zerstörung – wo vielleicht eine Schlägerei befürchtet wurde, explodiert nun eine Tankstelle und ein Waffenladen, ferner gehen diverse Glasscheiben und eine komplette Polizeistation zu Bruch.

Wir sehen damit in John Rambo die fatale Folge einer Verdrängung - die Wiederkehr des Verdrängten, der verleugneten, gewaltsamen Vorgeschichte in potenzierter Form. Für die Interpretation John Rambos als Zeichen des durch Kultur Verdrängten spricht ein weiteres typisches Motiv: die Assoziation von Konfliktpotential mit Geruch und Schmutz. Der erste vollständige Satz des Sherrifs Will Teasle ist eine Aufforderung an einen Dorfbewohner, sich zu waschen: „Take a bath this week!“ Hygienebestimmungen werden in Foucaultscher Manier mühsam durch Kontrolle aufrechterhalten und zum inhärenten Staatszweck. In der Polizeiwache befindet Will Teasle über John Rambo „He smells like an animal“. Daraus folgt die Aufforderung „Clean him up“. Die ganze Ambivalenz des Saubermachens bricht offen ans Tageslicht, als der Deputy Art Galt den Spruch zur ironischen Legitimierung seiner Übergriffigkeit umdeutet: Nach dem finalen Tritt auf den längst am Boden liegenden John Rambo entgegnet er dem protestierenden Kollegen sarkastisch: „Well, he said, clean him up. So clean him up“. Hören wir dazu ADORNO/HORKHEIMER:

Die Hassliebe gegen den Körper färbt alle neuere Kultur. Der Körper wird als Unterlegenes, Versklavtes noch einmal verhöhnt und gestoßen und zugleich als das Verbotene, Verdinglichte, Entfremdete begehrt. […] Der Zwang zu Grausamkeit und Destruktion entspringt aus organischer Verdrängung der Nähe zum Körper [...] (ibid: 208)

Was die „Werwölfe“ der Herrschaft (ibid: 210) an ihr eigenes unwiderruflich aufgespaltenes Verhältnis vom Geist zur Leiche Körper erinnert, wird verfolgt, versklavt und vernichtet. Art Galt ist der versinnbildlichte Exekutor solcher Verhältnisse. Das „Saubermachen“ als analer Prozess der Hinführung zur Verkehrsfähigkeit wurde von den umfassend gebildeten Produzenten des Rambo-Epos bewusst mit extrem aggressiven Komponenten aufgeladen:
Der brutale Übergriff, das sadistische Abspritzen mit dem Feuerwehrschlauch und zuletzt die zur tödlichen Bedrohung geratende Rasur als Auslöser für den Ausbruch aus der Polizeiwache in die Wildnis. In „First Blood II“ kehrt das zwanghafte Verhältnis von Schmutz und Sauberkeit wieder: John Rambo wird zur Folter von einem vietnamnesischen Kommandant in eine Jauchegrube versenkt. Im Hochziehen des nackten Körpers aus der Kloake symbolisiert sich niedrige Geburt, das Entfernen der Blutegel mit dem Messer zum Abnabeln – der nackte Mensch John Rambo hängt schutzlos an einem Seil vor akkurat ausstaffiertem Militär. Wieder wird er für die weitere elektrische Folter „saubergemacht“ – unter dem Verweis des russischen Commanders auf die in Schmutz und Schlägen wohnende Unzivilisiertheit der vietnamnesischen Truppen. Für den russischen Folterknecht, ein gleichsam kyrillisches Zitat Art Galts, gilt die Arbeitsteilung zwischen Herrscher und sadistischem Folterknecht, die sich noch in der Anwendung der Foltergeräte niederschlägt. Obgleich ein Hühne, darf er, die vom Geist kontrollierte Maschine, John Rambo nur vermittelst einer von seinem sadistischen Geist kontrollierten elektrischen Maschine foltern. (vgl. ibid: 208) Wo die faschistischen Mörder wie in „Rambo 3“ und „John Rambo“ die Mordwerkzeuge wieder selbst in die Hand nehmen, exekutieren sie

…]nicht auf Grund ihrer überlegenen Kraft, sondern weil jener gigantische Apparat und seine wahren Machthaber, die es immer noch nicht tun, ihnen die Opfer der Staatsraison in die Keller der Hauptquartiere liefern. (ibid: 209)

Im von dementsprechend gesteigerten Folterszenen und Kellern geprägten Sequel „Rambo III“ flüchtet John Rambo durch die Kloake eines Forts, eine Wiederholung der sehr viel mehr aufs Individuum konzentrierten Version einer unterirdischen Flucht im ersten Teil. Im jüngst erschienenen letzten Teil „John Rambo“ jagt der Protagonist Schlangen und füttert sie mit eben jenen Ratten, die ihm im ersten Teil größtes unterirdisches Grauen bedeuteten. Mehr noch sind hier die menschenfressenden Schweine der burmesischen Anti-Circe ein Symbol des Ekels. Erst die Konfrontation, die tiefenpsychologische Auseinandersetzung mit diesem Ekel erlaubt in allen Teilen die machtvolle Wiedergeburt eines synthetisch Aggression und Rationalität, Menschlichkeit und Destruktivität, Geist und Körper vereinenden Menschen, der dadurch – weit entfernt von Nietzsches Übermensch und seinem Antagonismus Jesus – die Züge eines Kriegsgottes erhält. Für die von diesem begünstigten Opfer ist er ein deus ex machina, für seine Gegner ein Dämon, ohne Identität und bedrohlich. Wie bei den Trickstermythen entsteht eine Ungleichzeitigkeit zwischen Kenntnis dieser Identität und den Ereignissen, die dieser Kenntnis davonjagen.

Die aus der Identitätsfrage entstehende Dramatik spinnt einen roten Faden, der durch alle Teile führt. In „First Blood“ verweigert der renitente John Rambo in der Polizeistation die Personalangaben und sträubt sich gegen die Abnahme der Fingerabdrücke. Instinktiv tarnt er sich als Nemo. Doch John Rambo steht sein Name auf den Leib geschrieben: Der coup, das archaische Abreißen der Soldatenmarke, lässt uns seinen noch ohne jede Bedeutung aufgeladenen Namen erfahren – er wird durch diesen Akt für gefallen erklärt, sein Körper vollständig unterworfen, was bleibt ist wahnhaft-rationaler Geist, der sich des Körpers erst wieder bemächtigen muss, um der übergriffigen Herrschaft zu entfliehen – Gewalt als Mittel zur ich-syntonen Autonomie, als Grundbedingung der Identität. Auf dem Motorrad entkommt er wie Odysseus dem Polyphem unter dessen Schafen – begleitet von Racheschwüren und Flüchen. Eindeutig absichtsvoll auf Brüche der Identität zielt die Passage, in der Rambos Narben beim Ausziehen auf der einen Seite für Verwunderung sorgen (“where the hell has he been into?“) und auf der anderen für Missachtung (“who gives a shit“).

Das bürgerliche Desinteresse an der gewaltsamen Vorgeschichte wird bestraft: Art Galt stürzt, nachdem er sich selbst vom Sicherheitsgurt löst, in den Tod. Bei der Polizeitruppe am Boden erregt der Befund über den militärischen Rang John Rambos nach dem Tod Art Galts Bewunderung und Bestürztheit. Ein Teil der Identität des Tricksters ist erkannt, jedoch ist bereits alles verloren. Darin liegt auch eine der vielen klassischen Tragödien verborgen, die Rambo in sich trägt: Parzival scheitert, weil er Amfortas nicht nach der Herkunft seiner Wunde fragt und so Höflichkeit und Mitleid gegeneinander aufwiegt. Die Wunde John Rambos bleibt verborgen, weil niemand ihn nach dem Ursprung seines Leidens, seiner offensichtlichen Folternarben fragt: „Who gives a shit!“ Letztlich ist er mehrfach gezwungen, seine zutiefst narzisstischen Wunden selbst zu nähen, auszubrennen oder die seelischen durch Flucht und endlose Trauerarbeit zu behandeln.
In „Rambo III“ ist die Frage der Identität eine, der sich zunächst Rambo selbst zu stellen hat. Er wird als „full-blooded Combat-Soldier“ angesprochen. Dieser Ansprache verweigert er sich – erst das Moment der Solidarität lässt ihn in die Kampfhandlungen eintreten. Dadurch verwirrt er in einem verselbstständigten, mechanisch ablaufenden Konflikt alle Seiten. Für den afghanischen Fremdenführer ist nicht klar, ob er ein „Soldier“ sei oder gar ein „Tourist“. Dem sowjetischen Offizier stellt sich die zentrale Frage, die ebenso gut unsere ist: „Who is this Rambo?“ gepaart mit der zynischen und zugleich von grauenerregtem Zweifel erfüllten Frage: „God?“
Die Fragen sind berechtigt und offenbaren zugleich eine Verinnerlichung von gesellschaftlichen Zwängen. Wer sich dem Wahnsinnigen wahnsinnig entgegenstellt, bricht mit der Rationalität des Systems, die schon im ersten Teil sich geltend machen wollte:

Das Wunder der Integration aber, der permanente Gnadenakt des Verfügenden, den Widerstandslosen aufzunehmen, der seine Renitenz herunterwürgt, meint den Faschismus. (ibid: 138)

Im ersten Teil endet John Rambo – seine Renitenz vorerst herunterwürgend – als Gefangener, begleitet von dem äußerst zwielichten Vertreter des Systems Colonel Samuel Trautmann, der dieses möglich machte. Niemand lügt übrigens mehr über John Rambo als dieser in Trailer-Werbesprüchen mit markigen Sprüchen dominierende Samuel Trautmann. Wo er behauptet, John Rambo sei eine Tötungsmaschine, ohne Schmerz, Furcht oder Ekel bricht der vorgebliche Cyborg, dem solche Frankenstein’sche Zurichtung angedacht war, am Ende in Weinkrämpfen zusammen.

Pygmalion John Rambo weigert sich im dritten Teil, dem Bild seines Meisters zu entsprechen. Und ebenfalls im dritten Teil setzt er dem befreiten Trautmann im masochistischen Scherz auseinander, dessen Lektion, wie man Schmerz nicht empfinde, habe nicht gewirkt. Der letzte Teil rationalisiert zunächst noch im Monolog des schmiedenden Kriegsgottes: „When you’re pushed, killing is as easy as breathing.“ Jedoch wird das rationale Abwägen, das Eigeninteresse der in zänkischer Einheit abhängigen Söldnergruppe, durch John Rambos Einsatz abgelöst. Das irrationale, christliche Opfer der Missionare wird bestraft – es hat die Aufopferung selbst narzisstisch besetzt. Das solidarische Risiko John Rambos rechnet dagegen mit der eigenen Erfahrung und dem Realitätsprinzip und vermag dadurch belohnt zu werden. Am Ende steht allerdings die Reflexion: „I’ve always killed for myself, too.“
Der eigene Anteil ist von der Notwendigkeit der äußeren Zwänge nicht zu trennen, die infernalische Grimasse des schließlich in Notwehr schädelzerschmetternden Missionars spricht davon Bände.

Darin liegt der Doppelcharakter der Rambo-Reihe, der einer des Zivilisationsprozesses ist: Dass Gewalt zur Durchsetzung der freien Gesellschaft notwendig war, entbindet nicht von der Pflicht zur Reflexion über diese Gewalt und rechtfertigt nicht die totale Herrschaft, wie sie die Sowjets in Afghanistan vertraten. Die vielbeschworene Identität in der Feindbestimmung, die John Rambo angeblich verbreiten würde, ist damit keine. Zu sehr sind die jeweiligen Antagonismen in sich Gebrochene, Getriebene, Gequälte. In dem Moment der Verdrängung der gewaltsamen Prozessualität jeglicher Vergesellschaftung überlagern sich Bedeutungsebenen bis hin zum Grundkonflikt zwischen Zivilisation, Aufklärung und Barbarei, der in der Rambo-Reihe stets als dialektischer begriffen wird. Der Jäger und Sammler John Rambo wird von der zivilisierten Kleinstadt Hope, in der man in Männergruppen und mit Flinten und Hunden jagt, lächerlich gemacht und zugleich als übermächtige Bedrohung empfunden: er jage mit seinem riesigen Messer wohl „Elephants“: Komplette Deplaziertheit in einer durchorganisierten Welt. Das Thema der Jagd wird ins Groteske entwickelt: Beiläufig assoziieren die Polizisten die Hatz auf John Rambo mit der Rotwild-Jagd von letztem Sommer. Aus der noch halb bewundernd unterstellten surrealistischen Elephantenjagd wurde eine selbstverständliche, realistische Menschenjagd: Der Deputy Art Galt feuert letztlich in homophober Abwehr voller Mordlust auf den wehrlos in die Falle gehetzten John Rambo. Nachdem ein letzter Kommunikationsversuch John Rambos („I didn’t do anything!“) scheitert, kehrt sich die Situation um: der Verfolgte wird zum Verfolger, wenngleich er nicht in der Mentalität seiner Verfolger aufgeht. Mitch bemerkt: „We’re not hunting him – He’s hunting us!“
Die Jagd mit Hubschraubern, dressierten Hunden und Schusswaffen auf den unbewaffneten John Rambo erhält ihr asymmetrisches Pendant in der Jagd des einzelnen Guerillaexperten auf die unkundige Polizeitruppe, die sich erst durch den Sturm ihres Hubschraubers und dann ihrer Hunde beraubt sieht. Systematisch wird die Truppe Mann für Mann in unterschiedliche Fallen gelockt, wo sie schwer verwundet werden. Am Ende des Abschnitts hält John Rambo dem Sheriff das Messer an die Kehle und droht ihm: „Don’t push it or I’ll give you a war you’ll never forget! Let go!“

Die Doppeldeutigkeit des “never forget” wird deutlicher, wenn man das Vergessen als falsche und wie oben angedeutet, für die bürgerliche Gesellschaft symptomatische Bewältigung der Vorgeschichte versteht. John Rambo ist nicht in der Lage, den Krieg zu vergessen. Dem Sheriff, der wie an einer Stelle zu sehen ist, im Koreakrieg ausgezeichnet wurde, wie auch Sam Trautmann wirft er damit implizit vor, die eigene Traumatisierung verdrängt zu haben: „Nothing is over!“ Anders als seine Gegner, bei denen Geist und Körper lose, unbedacht und unvermittelt agieren, hat John Rambo seine Aggressionen unter Kontrolle und weiß sie durchaus rational und intelligent einzusetzen: Geist wurde mit dem ihm unterworfenen Körper synchronisiert, wenngleich nicht versöhnt. Die erste Revanche John Rambos wird von Stallone mit dem Gothic-Genre assoziiert, etwa der Jagd auf Frankensteins Monster - ich würde anbetracht der drei weiteren Teile noch den Golem des Rabbi Löw zum Vergleich anführen, den "unfertigen", schweigsamen Kämpfer gegen die Unwahrheit, dessen Inschrift auf der Stirn von "Wahrheit" zu "Tod" verändert werden kann, wie John Rambo sein Stirnband von rot nach schwarz wechselt.

Beide Bestandteile der Wendung vom Deus ex Machina sind in Rambo enthalten: Als „broken machine“ wird er in der folgenden Szene von Will Teasle bezeichnet. Die euphemistische Rede des Samuel Trautmann ist eine der ambivalentesten Szenen überhaupt in der Filmreihe. Er preist John Rambo zunächst wie eine Ware an, die er selbst gefertigt hat. Dieser erscheint dann als amoklaufender Golem ohne Befehl. Der Befehl ist jedoch schlichtweg zu tief eingeschrieben in John Rambo, als dass er je wieder gelöscht werden könnte. Und auch der Frankenstein-Mythos trifft zu: Das ungeliebte Monster, das von der Gesellschaft erschaffen wurde, wird wegen seiner Differenz von der Gesellschaft verfolgt. Das gequälte Menschliche, das John Rambo gerade bis in seine letzten gewalttätigen Aggressionen ausmacht, verkehrt sich gerade nicht in die simple Platitüde des zum Terrorismus getriebenen Deprivierten:
Der gequälte Mensch John Rambo vermag eine Rationalität in der Feindbestimmung aufrecht zu erhalten und sie nicht in Idiosynkrasie aufgehen zu lassen. Solches rationale Handeln lässt sich in Szenen erkennen, in denen John Rambo auf Gewalt verzichtet, etwa als er einen Jungen verschont, der ihn verraten wird, oder als er in der ersten Verfolgungsjagd bekundet: „I could have killed them all!“ es aber nicht getan hat. Zwischen der einer Militärbasis, Funkstation und Hubschraubern entgegen gesetzten Robinsonade vom wildbeuterischen Steinzeitmenschen, den John Rambo mit seiner Wildschweinkeule über der Schulter und dem Juteüberwurf abgibt und dem, was er verkörpert, liegen Welten.

Anders als seine Verfolger ist er in Kenntnis seiner zivilisatorischen Vorgeschichte in der Lage, sich den wandelbaren Produktionsverhältnissen anzupassen und sie für seine Zwecke optimal zu nutzen. In der gegebenen Situation erweist sich für ihn der Rückschritt zu Feuer und Lanze als sinnvoll. Gleichzeitig verzichtet er nicht auf das Funkgerät, das ihn sirenengleich mit den Namen seiner gefallenen Kameraden lockt. Als von der Zivilisation Verfolgter muss er mit seinen Mitteln darüber hinaus, sowohl, wie im zweiten Teil, Pfeil und Bogen nutzen, als auch, wie in allen Teilen, sich der gegnerischen Produktionsmittel bemächtigen und hochkomplexe Waffensysteme kapern. Diese Flexibilität zeichnet ihn als Besonderes im Zugeteilten, Eingeschliffenen, Arbeitsteiligen aus. Über allem steht stets der Geist. Aufgefordert, in „First Blood II“ das Waffenarsenal zu bewundern, konstatiert er abwehrend: „I thought, mind is the best weapon.“

Daher ist John Rambo – ganz abgesehen von seinen Sprachkenntnissen, interkulturellen und genderwissenschaftlichen Soft-skills und der Sanitäterausbildung - mitnichten die besinnungslose Kampf-Maschine, als die ihn seine fiktionalen wie realen Feinde und Freunde betrachten. Vielmehr zeigt er in aufklärerischer Absicht Maßstäbe auf, in denen Gewalt trotz aller Ambivalenzen und Lustgewinne nicht nur gerechtfertigt, sondern zwingend notwendig ist. Diese Maßstäbe sind innerhalb der Filmlogik kaum zu widerlegen, wenn man sich pazifistischer Wahlsprüche wie „Gewalt ist keine Lösung“ entledigt hat. Real wie virtuell ist Gewalt eben sehr wohl ein Ausweg aus bestimmten Situationen, in denen der verdrückte Sadismus einer unvollkommen aufgeklärten Gesellschaft in faschistoider Neidbeißerei und Verfolgung des Individuellen resultiert.

Diesen Grundsatz antifaschistischen Widerstandes löst die Rambo-Reihe überzeugend ein. Sie will nicht Richtiges im Falschen, sondern im Stande der Unfreiheit den hinlänglich bekannten und doch stets nur Glossenschmuck gebliebenen kategorischen Imperativ erfüllen. Sie leistet allerdings noch weitaus mehr. Sie stellt den eigenen Anteil, den eigenen Leidensgewinn am Widerstand zur Diskussion. Diesen eigenen Anteil leugnet John Rambo nicht, nachdem er sich dem wiederholten Widerstreit zwischen Pazifismus und Gewaltbereitschaft gestellt hat. In diesem zutiefst menschlichen Bemühen wird die negative Vergöttlichung, die John Rambos Feinde betreiben, allenfalls im Rahmen eines griechischen Gottesverständnisses verstehbar.
Der Kriegsgott John Rambo, wie er besonders im zumeist als „true fiction“ fehlinterpretierten zweiten Teil auftritt, ist ein zweifelnder, scheiternder Tricksterhalbgott mehr denn ein omnipotenter unsterblicher. Wie der Kulturheros Prometheus das Feuer unter die Menschen brachte, bringt John Rambo im vierten Teil mit der Explosion der gewaltigen Fliegerbombe zu den misshandelten und verfolgten Karen die Waffen, die sie benötigen, gerade um in einer fernen Zukunft ein friedliches Leben im Falschen führen zu können.

Darin reflektiert die Rambo-Reihe auf die gewaltsame Vorgeschichte der bürgerlichen Freiheit, die in blutigen Schlachten erkämpft werden musste und für die zahllose Intellektuelle mit ihrem Kopf bezahlten. An diese blutige Vorgeschichte dessen, was wir heute Frieden nennen, erinnert zu werden verletzt die Abwehr der bürgerlichen Ideologie, die ihren Frieden als zufällig eingetretenen und zugleich verdienten Naturzustand verbrämt. Deshalb sind es gerade die bürgerlichen Pazifisten, denen die Anti-Kriegsfilme „First Blood“ bis „John Rambo“ ein Gräuel sind – weil sie in der friedlichen Gesellschaft nicht den permanenten, schlechten Tausch von Freiheit gegen Frieden bemerken wollen und im Frieden nicht den anarchischen Krieg an den Peripherien der Zivilisation. John Rambo weiß um die Doppelgesichtigkeit des bürgerlichen Pazifismus im doppeldeutigen Satz aus der Höhle des ersten Teils: „There are no friendly civilians.“

Letztlich hat John Rambo allerdings keinen direkten Vorteil von der gewaltsam mit der bürgerlichen Ideologie und zugleich gegen diese erstrittenen Freiheit. In der soeben beschriebenen Abschlussszene steht John Rambo nicht inmitten des Geschehens, sondern über dem Schlachtfeld, alleine. Er partizipiert nicht am Kollektiv Die letzte Szene lässt den Menschen Rambo in seine Heimat zurückkehren, am Grab der Mutter innehalten und unter den Klängen des von Jerry Goldsmith ausgewählten Leitmotivs „It’s a long road – when you’re all alone“ eine endlos erscheinenden Straße zum Hof des Vaters entlanggehen.

So unversöhnt diese melancholische Hymne auf die Monade in der bürgerlichen Gesellschaft ist, so glanzvoll gerät die Andeutung der Versöhnung, die aus allen so diversifizierten und doch ähnlichen Filmteilen eine sinnvolle Synthese zieht: Nicht Aufhebung der Widersprüche, sondern melancholische Dissonanz und Aufzeigen derselben – nicht Aufhebung der Trauer in Verdrängen und Vergessen, sondern geschichtliches Bewusstsein dessen, was jedes Individuum aufgibt und aufbietet, um Teil der Gesellschaft zu werden.

Der Narzissmus der Autonomie geht auf in dem Anerkennen der Abhängigkeit, der Genese aus gesellschaftlichen Zuständen, dem Anerkennen des eigenen Anteils daran und damit der Anforderung an das Individuum, auf diese Geschehnisse anders Einfluss zu nehmen, als sie bloß per schweigender Akklamation zu betonieren.

Aber, so werden Kritiker einwenden, ist die Filmreihe nicht geprägt von einer eklatanten patriotischen Aufopferung in Todesgefahr, die dem faschistischen Selbstopfer gleichkommt? Ständigen irrealen Risikospielen? Das Opfer, das John Rambo in der Folter leistet, ist tatsächlich eines ohne angemessenes Äquivalent, auch wenn er selbst sich das einreden möchte. Befragt, warum er den gefangen genommenen Trautmann unter so hohem Risiko befreien wolle, antwortet er: „He would do it for me“. Die Pause in der Szene lässt genug Zweifel an dieser Sicht übrig. „You watch my back, I watch yours“, dieses Verhältnis gegenseitiger Solidarität inmitten des Kriegstheaters, das Kollektive schmiedet, die kurzzeitig die allseitige Konkurrenz in der bürgerlichen Gesellschaft als solche zwischen Entitäten aufzuheben vorgeben, wurde John Rambos Ideal.
Dieses wird allerdings im ersten Teil bereits als ein gekränktes und darum nur gebrochen wiederholtes zurückgespiegelt: In den USA wird sein Opfer nicht nur nicht anerkannt, sondern auch noch geschmäht. Im zweiten Teil versucht er durch übermenschliche Anstrengung das Prinzip in die Tat umzusetzen und riskiert sein Leben für das der gefangenen Kameraden. Das hohle Pathos der Tapferkeitsorden und Ehrungen bröckelt unter dem instrumentellen Verhältnis, das der verräterische Vertreter des Allgemeininteresses gegen das Partikularinteresse einnimmt. Dieser Konflikt gipfelt in der Forderung John Rambos: „I want, what they want: our country to love us as much, as we love it!” Diese Reziprozität zwischen Gesellschaft und Individuum kann nicht stattfinden, und John Rambo weiß in seinem zornigen, sehr amerikanischen Appell recht gut um diese Uneingelöstheit.

Alle Entmythologisierung hat die Form der unaufhaltsamen Erfahrung von der Vergeblichkeit und Überflüssigkeit von Opfern. (ibid 50)

Weil das Opfer immer Betrug ist, tritt John Rambo die Flucht an: er zieht nach Thailand und lebt „day by day“. Individuierung gelingt ihm nicht innerhalb der Gesellschaft, sondern nur außerhalb. Mit der Entmythologisierung des militärischen Opfers findet sich die Rambo-Reihe insgesamt nicht ab. Sie bewahrt eine Dialektik bei, in der einerseits das Individuum stets das von der Gesellschaft betrogene bleibt, in der jedoch der Identifizierung mit diesem Prinzip ebenso gut der Weg verbaut wird in der Forderung nach der übermenschlichen Anstrengung und der Wirksamkeit des Opfers. Dieses wird allerdings nie eines für ein übergeordnetes Kollektiv sondern bleibt immer an konkrete irdische Individuen und Erfolge geknüpft. Somit bleibt der ungute Beigeschmack des „Then I’ll die“ im dritten Teil auch eine Absage an den zum Kontrast vorgeführten Djihadismus. Nicht für Gott, sondern für seine Freunde riskiert John Rambo Kopf und Kragen. Anders als die Islamisten, die sich schon tot glauben, ist er lebendig, hofft nicht auf Ausgleich in einem Jenseits. Erst in der völligen Auswegslosigkeit, der Aussicht auf erneute Gefangenschaft und Folter, zeigen Trautmann und John Rambo ein Moment der zynischen Rache des dem Tode Geweihten: Mit einem „Fuck’em“ wagen beide die vermeintlich letzte Schlacht.

Wenngleich John Rambo den Krieg zunächst als Residuum des Solidarbezuges evoziert, bietet er im weiteren Verlauf zugleich genug Gegenargumente gegen den Krieg an. In John Rambo streiten Pazifismus und Widerstand. Besonders deutlich wird die Kriegsmüdigkeit in „Rambo III“. John Rambo verweigert den Auftrag: „My war is over.“ Gefeiert wird in der Folge seine Nichtersetzbarkeit: Nur er ist in der Lage, den Zuständen entgegenzutreten. Das Publikum ist für solche Momente dankbar, gestaltet sich die Realität doch genau an diesem Widerspruch der Qualifizierung und der Ersetzbarkeit. Die dröhnende Stimme aus den Hubschraubern der Totalität fordert zum Aufgeben auf.
Irrwitzig und verrückt erscheint in der Folge das Opfer des Widerstandes, nicht das Prinzip, das kein anderes zur Befreiung zulässt. Was ADORNO/HORKHEIMER für Odysseus konstatieren, kann auch bei John Rambo gelten.

Wo er jedoch auf vorweltliche Mächte trifft, die weder domestiziert noch erschlafft sind, hat er es schwerer. Niemals kann er den physischen Kampf mit den exotisch fortexistierenden Gewalten selber aufnehmen. Er muß die Opferzeremoniale, in die er immer wieder gerät als gegeben anerkennen: zu brechen vermag er sie nicht. Stattdessen macht er sie formal zur Vorraussetzung der eigenen vernünftigen Entscheidung. […] Daß das alte Opfer selbst mittlerweile irrational ward, präsentiert sich der Dummheit des Schwächeren als Dummheit des Rituals. (ibid: 53)

Den eigenen Traum von der individuellen Freiheit zu opfern ist John Rambo nicht imstande. Er wagt die Verrücktheit, die Kräfteverhältnisse nicht mehr rational abzuwägen, sondern diese Rationalität selbst herauszufordern. Die Befriedigung, dass dieses Unterfangen gegen alle herrschende und kontrollierende Vernunft gelang, ist so gewaltig, dass sie an den unter übermächtigem Zwang fast erstickten Wunsch des Publikums anknüpfen kann und in diesem die Euphorie auslöst, die ehrliche Menschen bei der Filmlektüre umfangen muss.
Hier greifen ELEOS und PHOBOS beim idealtypischen Publikum wie einst im griechischen Theater. Entsprechend verhielt es sich: Bei den ersten Aufführungen johlten Zuschauer, standen auf und ahmten mimetisch die Bewegungen des Leinwandhelden nach, ein Verhalten, das heute durch stete Übung in klammheimlicher Dauermimesis zumindest im Kino fast undenkbar ist. Dennoch jubilierten auch bei „John Rambo“ die Zuschauer. Diese starke Identifikation mit dem Gejagten spricht dafür, dass diese virtuelle Jagd an ein reales Gefühl im Publikum anzubinden weiß – und sei es der Wunsch, dass in Gewalt ein Gutes möglich sein soll. In der kapitalistischen Realität stets vom Verwertungszweck und Äquivalententausch bis in den hintersten Winkel ihres Privatlebens verfolgte Individuen finden hier willkommene Identifikationsflächen.

Ich möchte durch diese insgesamt sehr optimistische Interpretation nicht den Film von seinen durchaus auch negativen Auswirkungen freisprechen. Das dem Film nachgeschaltete Rambo-Spielzeug ist eine Geschmacklosigkeit sondergleichen, Waffennarren sind erpicht auf die bereitwillig gelieferte Befriedigung ihres optischen Sammelinteresses, und die Vermarktung der Filme greift oft eben jene markigen Slogans auf, die im Gesamtkontext der Reihe nur als einseitige Verkehrungen erscheinen müssen. Ohne Zweifel sehen viele Fans sich durch den homoerotischen Narzissmus der autarken Figur Rambos bestätigt. Dieser Narzissmus tritt einerseits in der zwar häufig gebrochenen, jedoch auch oft zelebrierten Unschuld und Reinheit am äußeren Geschehen auf, aus viel tieferen Schichten kommt er allerdings in der Fähigkeit zur Selbstheilung ans Tageslicht:
John Rambo näht sich in „First Blood“ selbst eine Wunde, im zweiten Teil nabelt er sich selbst vom Flugzeug ab und in „Rambo III“ gibt es jene berühmte Szene, in der er sich mittels Schießpulver aus einer Patrone eine Splitterwunde ausbrennt. Diese körperlichen Wunden bedeuten zugleich narzisstische Wunden, die auf narzisstische Art und Weise geheilt werden – was in der Tat die einzige Möglichkeit dessen sein dürfte. Zugleich deuten alle Teile auch eine wirkliche Aufhebung dieses Narzissmus an: Der zusammengebrochene John Rambo zieht Trautmann zu sich herab um sich an seiner Brust auszuweinen. Das Bündnis mit der Vietnamesin Co Bao deutet einen kreativen Ausweg an, die gemeinsame Flucht nach Thailand. Im dritten Teil steht die Freundschaft und Kameradschaft im Mittelpunkt. Und der letzte Teil lässt John Rambo nach über 20 Jahren Filmgeschichte endlich heimkehren.

Von den Extremen des pathologischen Narzissmus – Altruismus und empathielose Ich-Bezogenheit – ist John Rambo weit entfernt – vielmehr ist er durch seine Besonderheit von der Gesellschaft gewaltsam auf sich selbst zurückgeworfen worden und wurde vom Besonderen zum Sonderling. Als marktgängige Produktion weist die Rambo-Reihe notwendig solche Stellen auf, die der frühbürgerlichen Kultur als Schwächen gelten und in denen die Kulturindustrie offen hervorbricht. Anders als diese in ihrer Reinform verweist die Rambo-Reihe auf reale, tabuisierte Probleme, auf Widersprüche in der Gesellschaft, zuvörderst ein falscher Pazifismus und das Fortleben des Faschismus in der Gesellschaft wie auch gegen sie. Darin insistiert Sylvester Stallone auf die tiefe Ernsthaftigkeit des Projekts, der die verkrampfte Feindschaft der Filmfigur John Rambo gegenüber sich nur als Begriffslosigkeit blamiert. Auf der Strecke bleibt in dieser Idiosynkrasie häufig nur der eigene Wille zum Widerstand, den John Rambo gegen das von Adorno/Horkheimer extrahierte Prinzip entfacht.

Das Existieren im Spätkapitalismus ist ein dauernder Initiationsritus. Jeder muß zeigen, dass er sich ohne Rest mit der Macht identifiziert, von der er geschlagen wird. (ibid: 138)

Literaturauswahl:

ADORNO, Theodor W. /HORKHEIMER Max 1984 (1947): Dialektik der Aufklärung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. 229 Seiten.

ADORNO, Theodor W. 2001 (1951): Minima Moralia. Philosophische Fragmente. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. 481 Seiten

ADORNO, Theodor W. 1979 (hg.): Soziologische Schriften I. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. 587 Seiten.

RIEDEL, Felix 2006: Rambo als Kulturkritik. http://myblog.de/nichtidentisches/art/3261680

SCHIWY, Günther 1973 Strukturalismus und Zeichensysteme. München: C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung. 178 Seiten.

SPITULNIK, Debra 1993 Anthropology and Mass Media. http://www.media-anthropology.net/Spitulnik_MediaAnthro.pdf

STALLONE, Sylvester (et alii) o. A. Rambo Trilogy. Beinhaltet: First Blood. First Blood II. Rambo III. Uncut, FSK 18.

STALLONE, Sylvester (et alii) 2008 John Rambo. O.A. (Kinovisite)

Anmerkung 1: Wenngleich die Filmzitate nicht hundertprozentig wissenschaftlich mit Zeitangabe angeführt sind, so habe ich mich dennoch um korrekte Zitierung bemüht. Einige wenige, aber grundlegende Thesen decken sich mit Aussagen von Christopher Vogler im Interview zum Film. Diese bestätigten in der Regel meine eigenen vorab getroffenen und für wahrscheinlich jeden psychoanalytisch Gebildeten ersichtlichen Vorannahmen, weshalb ich ihn nicht zitiere, wenngleich ich in der Aussage mit ihm übereinstimme.

Anmerkung 2: Dieser Artikel stellt eine Überarbeitung und Erweiterung meines frühen Skriptes "Rambo als Kulturkritik" von 2006 dar. Die Lektüre des Vorläufers ist nicht notwendig zum Verständnis, die wesentlichen Teile sind hier eingeflossen.

Anmerkung 3: Wer möchte, erhält diesen Beitrag als PDF per Mail zugeschickt. Anfragen wg. Veröffentlichung sind ausdrücklich erwünscht.

17.7.08 20:32


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The last anti-fascist Statesman

 
Volltext der Rede von G.W.Bush vor der Knesset in Israel:
 
President Peres and Mr. Prime Minister, Madam Speaker, thanks very much for hosting this specia l session.
President Beinish, Leader of the Opposition Netanyahu, Ministers, members of the Knesset, distinguished guests: Shalom.
Laura and I are thrilled to be back in Israel. We have been deeply moved by the celebrations of the past two days. And this afternoon, I am honored to stand before one of the world's great democratic assemblies and convey the wishes of the American people with these words: Yom Ha'atzmaut Sameach. It is a rare privilege for the American president to speak to the Knesset, although the prime minister told me there is something even rarer — to have just one person in this chamber speaking at a time. My only regret is that one of Israel's greatest leaders is not here to share this moment. He is a warrior for the ages, a man of peace, a friend. The prayers of the American people are with Ariel Sharon. We gather to mark a momentous occasion.
 
Sixty years ago in Tel Aviv, David Ben-Gurion proclaimed Israel's independence, founded on the "natural right of the Jewish people to be masters of their own fate." What followed was more than the establishment of a new country. It was the redemption of an ancient promise given to Abraham and Moses and David — a homeland for the chosen people Eretz Yisrael. Eleven minutes later, on the orders of President Harry Truman, the United States was proud to be the first nation to recognize Israel's independence. And on this landmark anniversary, America is proud to be Israel's closest ally and best friend in the world. The alliance between our governments is unbreakable, yet the source of our friendship runs deeper than any treaty. It is grounded in the shared spirit of our people, the bonds of the Book, the ties of the soul.
 
When William Bradford stepped off the Mayflower in 1620, he quoted the words of Jeremiah: "Come let us declare in Zion the word of God." The founders of my country saw a new promised land and bestowed upon their towns names like Bethlehem and New Canaan. And in time, many Americans became passionate advocates for a Jewish state. Centuries of suffering and sacrifice would pass before the dream was fulfilled. The Jewish people endured the agony of the pogroms, the tragedy of the Great War, and the horror of the Holocaust — what Elie Wiesel called "the kingdom of the night."
 
Soulless men took away lives and broke apart families. Yet they could not take away the spirit of the Jewish people, and they could not break the promise of God. When news of Israel's freedom finally arrived, Golda Meir, a fearless woman raised in Wisconsin, could summon only tears. She later said: "For two thousand years we have waited for our deliverance. Now that it is here it is so great and wonderful that it surpasses human words."
 
The joy of independence was tempered by the outbreak of battle, a struggle that has continued for six decades. Yet in spite of the violence, in defiance of th e threats, Israel has built a thriving democracy in the heart of the Holy Land. You have welcomed immigrants from the four corners of the Earth. You have forged a free and modern society based on the love of liberty, a passion for justice, and a respect for human dignity. You have worked tirelessly for peace. You have fought valiantly for freedom. My country's admiration for Israel does not end there. When Americans look at Israel, we see a pioneer spirit that worked an agricultural miracle and now leads a high-tech revolution. We see world-class universities and a global leader in business and innovation and the arts. We see a resource more valuable than oil or gold: the talent and determination of a free people who refuse to let any obstacle stand in the way of their destiny. I have been fortunate to see the character of Israel up close. I have touched the Western Wall, seen the sun reflected in the Sea of Galilee, I have prayed at Yad Vashem. And earlier today, I visited Masada, an inspiring monument to courage and sacrifice.
 
At this historic site, Israeli soldiers swear an oath: "Masada shall never fall again." Citizens of Israel: Masada shall never fall again, and America will be at your side. This anniversary is a time to reflect on the past. It's also an opportunity to look to the future. As we go forward, our alliance will be guided by clear principles — shared convictions rooted in moral clarity and unswayed by popularity polls or the shifting opinions of international elites. We believe in the matchless value of every man, woman and child. So we insist that the people of Israel have the right to a decent, normal and peaceful life, just like the citizens of every other nation.
 
We believe that democracy is the only way to ensure human rights. So we consider it a source of shame that the United Nations routinely passes more human rights resolutions against the freest democracy in the Middle East than any other nation in the world. We believe that religious liberty is fundamental to a civilized society. So we condemn anti-Semitism in all forms — whether by those who openly question Israel's right to exist or by others who quietly excuse them. We believe that free people should strive and sacrifice for peace. So we applaud the courageous choices Israeli's leaders have made. We also believe that nations have a right to defend themselves and that no nation should ever be forced to negotiate with killers pledged to its destruction. We believe that targeting innocent lives to achieve political objectives is always and everywhere wrong. So we stand together against terror and extremism, and we will never let down our guard or lose our resolve. The fight against terror and extremism is the defining challenge of our time. It is more than a clash of arms. It is a clash of visions, a great ideological struggle. On the one side are those who defend the ideals of justice and dignity with the power of reason and truth.
 
On the other side are those who pursue a narrow vision of cruelty and control by committing murder, inciting fear, and spreading lies. This struggle is waged with the technology of the 21st century, but at its core it is an ancient battle between good and evil. The killers claim the mantle of Islam, but they are not religious men. No one who prays to the God of Abraham could strap a suicide vest to an innocent child, or blow up guiltless guests at a Passover Seder, or fly planes into office buildings filled with unsuspecting workers. In truth, the men who carry out these savage acts serve no higher goal than their own desire for power. They accept no God before themselves. And they reserve a special hatred for the most ardent defenders of liberty, including Americans and Israelis. And that is why the founding charter of Hamas calls for the "elimination" of Israel. And that is why the followers of Hezbollah chant "Death to Israel, Death to America!"
 
That is why Osama bin Laden teach es that "the killing of Jews and Americans is one of the biggest duties." And that is why the president of Iran dreams of returning the Middle East to the Middle Ages and calls for Israel to be wiped off the map. There are good and decent people who cannot fathom the darkness in these men and try to explain away their words. It's natural, but it is deadly wrong. As witnesses to evil in the past, we carry a solemn responsibility to take these words seriously.
 
Jews and Americans have seen the consequences of disregarding the words of leaders who espouse hatred. And that is a mistake the world must not repeat in the 21st century. Some seem to believe that we should negotiate with the terrorists and radicals, as if some ingenious argument will persuade them they have been wrong all along. We have heard this foolish delusion before. As Nazi tanks crossed into Poland in 1939, an American senator declared: "Lord, if I could only have talked to Hitler, all this might have been avoided." We have an obligation to call this what it is — the false comfort of appeasement, which has been repeatedly discredited by history. Some people suggest if the United States would just break ties with Israel, all our problems in the Middle East would go away. This is a tired argument that buys into the propaganda of the enemies of peace, and America utterly rejects it. Israel's population may be just over 7 million. But when you confront terror and evil, you are 307 million strong, because the United States of America stands with you. America stands with you in breaking up terrorist networks and denying the extremists sanctuary. America stands with you in firmly opposing Iran's nuclear weapons ambitions. Permitting the world's leading sponsor of terror to possess the world's deadliest weapons would be an unforgivable betrayal for future generations. For the sake of peace, the world must not allow Iran to have a nuclear weapon. Ultimately, to prevail in this struggle, we must offer an alternative to the ideology of the extremists by extending our vision of justice and tolerance and freedom and hope.
 
These values are the self-evident right of all people, of all religions, in all the world because they are a gift from the Almighty God. Securing these rights is also the surest way to secure peace. Leaders who are accountable to their people will not pursue endless confrontation and bloodshed. Young people with a place in their society and a voice in their future are less likely to search for meaning in radicalism. Societies where citizens can express their conscience and worship their God will not export violence, they will be partners in peace. The fundamental insight, that freedom yields peace, is the great lesson of the 20th century. Now our task is to apply it to the 21st. Nowhere is this work more urgent than here in the Middle East. We must stand with the reformers working to break the old patterns of tyranny and despair. We must give voice to millions of ordinary people who dream of a better life in a free society. We must confront the moral relativism that views all forms of government as equally acceptable and thereby consigns whole societies to slavery. Above all, we must have faith in our values and ourselves and confidently pursue the expansion of liberty as the path to a peaceful future.
 
That future will be a dramatic departure from the Middle East of today. So as we mark 60 years from Israel's founding, let us try to envision the region 60 years from now. This vision is not going to arrive easily or overnight; it will encounter violent resistance. But if we and future presidents and future Knessets maintain our resolve and have faith in our ideals, here is the Middle East that we can see: Israel will be celebrating the 120th anniversary as one of the world's great democracies, a secure and flourishing homeland for the Jewish people. The Palestinian people will have the homeland they have long dreamed of and deserved — a democratic state that is governed by law, and respects human rights, and rejects terror. From Cairo to Riyadh to Baghdad and Beirut, people will live in free and independent societies, where a desire for peace is reinforced by ties of diplomacy and tourism and trade.
 
Iran and Syria will be peaceful nations, with today's oppression a distant memory and where people are free to speak their minds and develop their God-given talents. Al-Qaida and Hezbollah and Hamas will be defeated, as Muslims across the region recognize the emptiness of the terrorists' vision and the injustice of their cause. Overall, the Middle East will be characterized by a new period of tolerance and integration. And this doesn't mean that Israel and its neighbors will be best of friends. But when leaders across the region answer to their people, they will focus their energies on schools and jobs, not on rocket attacks and suicide bombings. With this change, Israel will open a new hopeful chapter in which its people can live a normal life, and the dream of Herzl and the founders of 1948 can be fully and finally realized. This is a bold vision, and some will say it can never be achieved. But think about what we have witnessed in our own time. When Europe was destroying itself through total war and genocide, it was difficult to envision a continent that six decades later would be free and at peace. When Japanese pilots were flying suicide missions into American battleships, it seemed impossible that six decades later Japan would be a democracy, a lynchpin of security in Asia, and one of America's closest friends. And when waves of refugees arrived here in the desert with nothing, surrounded by hostile armies, it was almost unimaginable that Israel would grow into one of the freest and most successful nations on the earth. Yet each one of these transformations took place.
 
And a future of transformation is possible in the Middle East, so long as a new generation of leaders has the courage to defeat the enemies of freedom, to make the hard choices necessary for peace, and stand firm on the solid rock of universal values. Sixty years ago, on the eve of Israel's independence, the last British soldiers departing Jerusalem stopped at a building in the Jewish quarter of the Old City. An officer knocked on the door and met a senior rabbi. The officer presented him with a short iron bar — the key to the Zion Gate — and said it was the first time in 18 centuries that a key to the gates of Jerusalem had belonged to a Jew. His hands trembling, the rabbi offered a prayer of thanksgiving to God, "Who had granted us life and permitted us to reach this day." Then he turned to the officer, and uttered the words Jews had awaited for so long: "I accept this key in the name of my people." Over the past six decades, the Jewish people have established a state that would make that humble rabbi proud. You have raised a modern society in the Promised Land, a light unto the nations that preserves the legacy of Abraham and Isaac and Jacob. And you have built a mighty democracy that will endure forever and can always count on the United States of America to be at your side. God bless.
 
19.5.08 15:17


Micha Brumlik tazt Israel

"Timeo danaos et dona ferentes!" (Laokoon, Vergil)

Micha Brumliks Beitrag "Die Geburt des Staates Israel" in der taz hat vor allem den Zweck der vulgären Theoretisierung der Staatsgründung Israels. Ein frappanter Denkfehler unterläuft dem Kritiker des Zionismus bereits zu Beginn: Weil in Athen bereits die Gaswagen der Nazis bereitstanden, um nach dem zum Glück verhinderten Fall Ägyptens an Rommels Panzerarmeen Juden in Palästina zu vernichten, hätte eine jüdische Heimstätte in Palästina

"...demnach den Holocaust nicht verhindern können, sogar auch dann nicht, wenn weitaus mehr Juden in den späten 1920-er und 1930-er Jahren dorthin ausgewandert wären, wofür es ökonomisch keine Grundlage gab. [...] Das relativ starke Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas bis 1945 ist also keine Folge des Nationalsozialismus. Das demographische Wachstum, das der neu gegründete Staat später benötigte, gewann er durch über 600 000 Juden aus arabischen Ländern, die von dort nach der Staatsgründung vertrieben oder von zionistischen Emissären zur Auswanderung bewogen wurden."

Diese Rechnerei mit Menschenleben und ökonomischen Grundlagen ist an sich zynisch genug, wird sie doch instrumentalisiert, um die zionistischen Bemühungen um eine Lockerung der Einwanderungsbestrebungen vor und während der Shoah als vergeblich zu diskreditieren - sie hätten ohnehin keine ökonomische Grundlage gehabt. Brumlik will die Bedeutung der Einwanderungsbeschränkungen aller Staaten übersehen.
Lediglich Shanghai ließ Juden ohne Visa ein, etliche Juden warteten vergeblich auf eine Ausreiseerlaubnis in die USA, Großbritannien oder Südamerika. Der Strukturalist Claude Leví-Strauss beschreibt in seinem autobiographisch-theoretischen Roman "Tristes Tropiques" die Zustände der klandestinen Überfahrt nach Brasilien. Walter Benjamin schaffte es zwar recht gut über die grüne Grenze, saß dann allerdings in Spanien fest und starb dort. Ein Schiff mit jüdischen Flüchtlingen wurde vor der Küste Kubas zur Umkehr gezwungen, die USA verweigerten die Aufnahme.
Ein jüdischer Staat hätte erstens durch die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge Menschenleben retten können und zweitens durch die Organisation einer effektiven Kriegsindustrie, die zu einer wirkungsvollen Verteidigung ebenso in der Lage gewesen wäre, wie zu Luftangriffen auf die Vernichtungsindustrie der Nazis. Brumlik will nicht wahrhaben, wie rasch und effektiv ohne jede ökonomische Grundlage 1948 aus einer Guerilla und ein paar Fabriken eine Verteidigung gegen 5 Armeen mit modernstem Kriegsgerät organisiert wurde und dass eine ebensolche Organisation vor 1948 vor allem durch Großbritannien und die Araber verhindert wurde.
Im Übrigen ist der Anspruch Brumliks an den Zionismus, er hätte die Shoah verhindern sollen, maßlos. Jeder einzelne, ob Zionist oder nicht, hätte diese Pflicht gehabt. Dazu bedarf es keiner großartigen Idee. Die Zionisten verzweifelten angesichts der heraufziehenden Katastrophe Nazideutschlands ebenso oft am Appeasement ihres jüdischen Klientels wie an der Knappheit der Mittel. Wie hätten sie die Shoah verhindern sollen, die von zig Millionen Menschen mit brummender Rüstungsindustrie losgetreten wurde? Mit welcher Flotte, mit welchem Land? Die zionistische Idee versprach ein Land, das zum Ausgangspunkt der Emanzipation der Juden würde. Sie versprach nicht militärische Allmacht oder gar die Beseitigung antisemitischen Gedankenguts - diese hielt sie für eine Illusion, der heute auch Brumlik aufsitzen will.

Was nimmt es Wunder, wenn Brumlik von den Riots 1936-1938 als "arabischer Aufstand" spricht, in dem es einen Konflikt um "Land, Märkte und Beschäftigungsverhältnisse" gegeben habe. Im "arabischen Widerstand" habe sich ein "in jeder Hinsicht traditionalistisches Selbstverständnis" geäußert.
In jenem "Aufstand" wurden aber bekanntermaßen mehr Araber durch Araber ermordet, als Briten und Juden. Nicht um Land oder Märkte ging es dem von den Nazis finanzierten Banden Al-Husseinis, sondern um die Vorherrschaft unter den Arabern und um die Vernichtung von Juden. Das war auch der durchsichtige Grund, warum sich gegen Ende des "Aufstandes" die arabischen Nashashibi-Clans mit Briten und Juden gegen Al-Husseinis Mördern zusammenschlossen. (Siehe Küntzel 2002, vgl. Gremliza et alii 2001) So diffus, verworren wie anmaßend geht es weiter mit der Interpretiererei:

"So lässt sich das Entstehen des Staates Israel auch als Ausdruck des letzten Ausgreifens Europas in einen anderen kulturellen, in diesem Fall: in den islamischen Raum verstehen; ein Ausgreifen, das in dieser Form nur in der Epoche der Weltkriege möglich war und zugleich - durch den UN-Beschluss sowie die wesentliche Mitwirkung der USA und der Sowjetunion - erster Ausdruck globaler, weltgesellschaftlicher Politik war."

Die nach Israel flüchtenden Juden als imperialistische Emissionäre eines auf Expansion in einen kultürlichen islamischen Raum bedachten Europas zu deuten, darin folgt Brumlik den Antiimperialisten. Der Geschichte Israels wird ein solch stümperhaftes Theoretisieren nicht gerecht. Israel wurde gegen den Willen Europas gegründet und erkämpfte sein Überleben 1948 ohne jede Unterstützung der vielberufenen Sowjetunion oder der USA. Kaum disputabel, denn die verpressten Widersprüche wollen Synthese werden:

"Wenn weder der Zionismus den Holocaust weder verhindern konnte noch Holocaust-Überlebende zu einem wesentlichen demografischen Wachstum der jüdischen Bevölkerung Palästinas beigetragen haben, dann besteht zwar eine bleibende moralische Verantwortung Deutschlands für das jüdische Volk im Ganzen, aber nicht für die Politiken des Staates Israel. Wenn es eine deutsche Verantwortung für den Staat Israel gibt, dann deshalb, weil dort Juden leben und weil seine Existenz für Juden in aller Welt von vitaler Notwendigkeit ist, nicht aber, weil Deutschland durch den Holocaust wesentlich an der Entstehung des Staates beteiligt gewesen wäre. Daher besteht auch keine mittelbare deutsche Verantwortung für das Schicksal der Palästinenser."

Endlich will Brumlik auf den Hund gekommen sein. Der Zionismus war überflüssig und randständig, Israel ein bloßes Instrument von Stellvertreterkriegen zwischen USA, Großbritannien und der Sowjetunion, Deutschland hat mit all dem schon gar nichts zu tun, außer dass es natürlich eine moralische Verantwortung für Juden habe, als sei Israel ein Mündel Deutschlands.
Solchen Winkelzügen ist energisch entgegenzutreten. Sie versuchen, den direkt an den Nationalsozialismus anknüpfenden Antisemitismus der arabischen Staaten zu einer vernachlässigbaren Größe herabzureden, wenn nicht ganz zu verschweigen. Sie werden der Komplexität der israelischen Staatsgründung nicht gerecht. Und sie versuchen den Impakt der Shoah auch auf die arabischen Juden zu leugnen und damit insgesamt die Shoah zu einem für Israel wie für die Theorie bloß nebensächlichem, vom Weltlauf abtrennbaren Ereignis zu verharmlosen. Eindeutig ausgerichtet ist Brumliks Gedankenspielerei nur logisch auf die "Opfer der Opfer".

"Der nach dem UN-Teilungsbeschluss eindeutig völkerrechtswidrige Angriff der arabischen Staaten bot Israel schließlich nicht nur die Chance, ein zusammenhängendes Staatsgebiet zu erobern, sondern auch die 700.000 palästinensischen Araber zu vertreiben und sich ihres Eigentums zu bemächtigen. [...] Es ist unwahrscheinlich, dass ohne eine wenigstens symbolische Berücksichtigung dieses Unrechts der Friedensprozess auch nur eine Chance hat. [...] Sechzig Jahre nach seiner Gründung streitet die jüdische Bevölkerung des Staates Israel [...] darüber, ob sie außer trügerischer Sicherheit auch Frieden, und das heißt auch Gerechtigkeit, anstreben soll."

Auf diesen Schlussakkord zentriert Brumliks substanzlose Spiegelfechterei. 700 000 palästinensische Araber, von denen - wenn die Zahl nicht überschätzt ist - die überwältigende Mehrzahl lediglich auf Aufforderungen und Gräuelpropaganda der arabischen Armeen hin floh, soll Israel nun symbolisch berücksichtigen um Frieden zu ermöglichen. Greift Israel immer noch die arabischen Staaten an, weil diese Israelis vertrieben? Wo bleibt deren anscheinend für keinen Frieden relevante "symbolische Berücksichtigung"? Wenn Brumlik wirklich glaubt, dass eine solche "Berücksichtigung" irgendwo für Frieden sorgen würde, hängt er tatsächlich dem fatalen Irrglauben an die Befriedung von Antisemiten durch Zugeständnisse an.
Anstatt endlich einzufordern, dass die Araber in und aus Palästina sich endlich von der Rückkehrforderung befreien, weil das bedeuten würde, dass sie den Ausgang aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zumindest denkbar werden lassen, will Brumlik ernsthaft mit Anerkennungstheorie und seelischem Labsal den abgedichteten Wahnvorstellungen jener 80 Prozent der arabischen Palästinenser entgegentreten, die Selbstmordattentate für eine tolle Sache halten. Nicht weil die Rückkehran sich für konkrete Individuen so wichtig wäre, sondern weil sie unmöglich ist, weil sie mit der Forderung nach der Vernichtung Israels in eins fällt, gewinnt sie an Bedeutung in der Propaganda - von psychoanalytischen Deutungen einmal ganz abgesehen. Die so fanatische wie vergebliche Rückkehrforderung ist der Garant, nicht von liebgewordenen Aggressionen ablassen zu müssen. Würde man von solchen "Extrempositionen" - wenn dieser Terminus überhaupt auf die Forderung nach der Vernichtung Israels angewandt werden kann -  abweichen, man hätte schließlich irgendwann Frieden und vielleicht sogar Wohlstand - kontraproduktive Umstände für eine selbstzeugende Ideologie wie die der palästinensischen Sache, die eine des Märtyrertums geworden ist.

Dringenderen Fragen, die sich derzeit für die israelische Gesellschaft stellen, weicht Brumlik beflissentlich aus. Von der iranischen Nuklearwaffe schweigt er. Ebenso über das Problem der Palästinensierung Israels durch die arabischen Palästinenser, die immer mehr zu einer staatsbedrohende Größe werden - mit dem allseits offen artikulierten Ziel, dann Israel von innen völlig demokratisch den Garaus zu bereiten. Die 450 - 700.000 arabischen Flüchtlinge des Krieges von 1948 kümmern in Israel soviel, wie Tschechien die Forderung nach Aufhebung der Benes-Dekrete durch deutsche Burschenschafter und Ministerpräsidenten. Israel hat 600-800.000 Juden aus den arabischen Staaten aufgenommen. Hinsichtlich der Flüchtlingszahl ist man quitt. In Bezug auf materielle Ansprüche stehen Araber bei Israel sehr viel tiefer in der Kreide. Solange eine Entschuldigung der Araber für 60 Jahre Krieg gegen Israel aussteht und ein Friedensvertrag mit allen arabischen Staaten an deren Ignoranz scheitert, solange diese weiter am Nationalsozialismus und Islamismus hängen, ist es mehr als scheinheilig, permanent auf einigen Mücken zu beharren und dabei vom Elefanten nicht sprechen zu wollen.

15.5.08 16:40


Ilan Pappés Hatemail zu Israels sechzigstem Gründungstag

Israel ist 60 Jahre alt. Zeitungen und andere Medien überschlagen sich nicht gerade mit ehrlichen Geburtstagsglückwünschen, vielmehr wird das Datum genutzt, um allerorts gegen den jüdischen Staat Stimmung zu machen. Halbgare Berichterstattung reiht sich an offene Hetzpropaganda. Mancher Geburtstagsgruß ist vergiftet und nur sehr vereinzelt hört man wirkliche Freude darüber, dass die demokratische Gesellschaft im nahen Osten nach 60 Jahren Kriegszustand bei allen notwendigen und überflüssigen Mängeln weiter demokratisch und wehrhaft bleibt.
 
Israels rühmenswerte Errungenschaften in Solartechnik, Desalinationsanlagen, der Renaturierung und landwirtschaftlichen Nutzbarmachung arider und semiarider Zonen, der Nanotechnologie, der Informationstechnologie und der Medizin, von Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften sowie Kunst ganz zu schweigen, sind kaum der Rede wert. Einzig relevanter Topos in der Berichterstattung der meisten Medien ist die Situation in Palästina und natürlich palästinensische Geschichte von A wie Armut bis Z wie Zionistische Weltverschwörung. Israels 60-jährige Geschichte hört für die Feullietonisten stets mit der Flucht der Palästinenser auf.
 
In der „Die Zeit“ durfte der israelische Extremist unter den Historikern Ilan Pappé essayistisch tätig werden. Er behauptet originellerweise, den Nexus von Holocaust, Israel und al-Nakbah erfunden zu haben:
 
Es gibt nur wenige Zusammenhänge, die so sensibel sind wie der zwischen dem Holocaust, Israel und dem, was die Palästinenser al−Nakbah (die Katastrophe) nennen. Daher überrascht es nicht, dass sich Wissenschaftler, Journalisten und Essayisten, die sich mit dem Palästinakonflikt beschäftigen, jeweils nur einem dieser drei Themenkomplexe gewidmet haben, als gebe es keine Verbindungen zwischen ihnen. Sechzig Jahre nach dem Beginn der Enteignung der Palästinenser ist es höchste Zeit, diesen Konflikt zu verstehen und zu seiner Lösung beizutragen. Verschiedene Faktoren haben zu dem Untergang der Palästinenser 1948 beigetragen.
 
Der wichtigste war zunächst die zionistische Ideologie und später die israelische Politik. Seitdem die zionistische Bewegung in Palästina im späten 19. Jahrhundert angekommen ist, hat sie davon geträumt, so viel Land wie möglich zu erobern, um darauf einen jüdischen Staat zu gründen. Ein wichtiger Aspekt dieser Vision war das Ziel, so wenig Palästinenser wie möglich in dem zukünftigen jüdischen Staat anzusiedeln. Diese Vision wurde zur Realität, als die Briten Februar 1947 nach 30jähriger Herrschaft beschlossen, Palästina zu verlassen. In weniger als einem Jahr, zwischen Februar und Oktober 1948, hat die israelische Armee systematisch 500 palästinensischen Dörfer und elf Städte entwurzelt und zerstört. Die Hälfte der einheimischen Bevölkerung wurde in dieser Zeit vertrieben. Ihre materiellen und kulturellen Besitztümer wurden von den Israelis beschlagnahmt und damit auch die palästinensischen Spuren im Land verwischt.
 
Im historischen Sprung mit Scheuklappen lässt der sensible Pappé dann bereits eines der nach ihm maßgeblichen Nexuselemente völlig weg, weil es ihn nur als instrumentell gegen die Opfer zu wendenden interessiert: die Shoah. Auf dem Weg zum „Untergang der Palästinenser“ – die, wie jeder gute Historiker belegen könnte, sich anders als die Mohikaner bestens wachsender Nachkommenschaft erfreuen – zensiert er ebenso leichtfertig die Weigerung der Palästinenser, 1948 einen eigenen Staat zu bekomme, wie die unmittelbar folgende Kriegserklärung der arabischen Staaten. Dieser Akt wird zur antizipierenden Selbstverteidigung retuschiert: Weil jeder gewusst habe, dass die Zionisten die Vertreibung der Palästinenser schon seit dem 19. Jahrhundert, wenn nicht schon seit Moses geplant hätten, sei auch die Kriegserklärung und die Weigerung der Palästinenser nur Notwehr. Pappé weiß noch dreister zu selektieren:
 
Das hätte jedoch nicht stattfinden können, hätten nicht einige Faktoren der beschriebenen Entwicklung in die Hände gespielt. Zum einen war die britische Mandatsregierung verantwortlich, weil sie sich nicht einmischte, als es noch möglich war. Die Vertreibung fand also unter den Augen von Beamten und Soldaten statt. Zweifelsohne hat auch die arabische Welt eine negative Rolle gespielt.
Die Impotenz ihrer Armeen und der mangelnde Einsatz ihrer Chefs haben die ursprüngliche Hoffnung einer pan−arabischen Solidarität in eine Farce verwandelt. Für die Palästinenser sollte sich herausstellen, dass es ein kolossaler Fehler war, ihre Interessen von der Arabischen Liga vertreten zu lassen. Diese war dazu unfähig. Aber der wichtigste Faktor, der häufig übersehen wird, ist die internationale Gleichgültigkeit gegenüber der Vertreibung.
 
Diese israelische Politik wäre nicht durchgeführt worden, hätte es nicht die Tolerierung durch die internationale Gemeinschaft gegeben. Die zionistische Führung wusste, dass sie sich auf die Passivität und das Stillschweigen verlassen konnte. Das war keine Selbstverständlichkeit.
 
Das Scheitern der arabischen Armeen noch für seine Impotenz und mangelnden Einsatz der „Chefs“ zu bedauern, schlägt jedem Überlebenden dieses gescheiterten Vernichtungsfeldzuges ins Gesicht. Soviel Eifer Pappé darauf verwendet, die Flucht der Palästinenser als zionistischen Plan zu bestimmen, so sehr bemüht er sich nach Kräften, allgemein bekanntes historisches Wissen zu ignorieren. Vor, während und nach der Shoah war Palästina ein Dreh- und Angelpunkt des nationalsozialistischen Antisemitismus. Von hier nahm 1938/39 gleichsam als abgelegener Auftakt des deutschen Vernichtungskriegs der Terror Al-Husseinis seinen Ausgang und aus eben jenen palästinensischen Radios dröhnten 1948 die Drohungen der arabischen Führer:
 
„Dieser Krieg wird ein Vernichtungskrieg sein und zu einem furchtbaren Massaker führen, von dem man in Zukunft ebenso sprechen wird, wie von den Massakern der Mongolen und Kreuzritter.“ (Ab dar-Rahman Assam, Generalsekretär der arabischen Liga auf einer Pressekonferenz in Kairo 1948 nach Küntzel 2002: 56. Siehe auch Giniewski 1997: 230. Siehe auch Schröder in Gremliza 2001)
 
Palästina war lange vor der Staatsgründung Israels ein Schauplatz antisemitischer Agitation, die zunächst von christlichen Arabern und Missionaren getragen wurde (Küntzel 2002: 41) und seit Gründung der Muslimbruderschaften zur massenhaften Erscheinung in der islamisch-arabischen Bevölkerung wurde. Die Araber in Palästina waren mitnichten gänzlich dieser Ideologie zugewandt und nicht wenige unterstützten die zionistische Einwanderung, von der sie sich mehr versprachen als von der andauernden brutalen Gleichschaltung durch die Truppen Al-Husseinis. (Küntzel 2002: 41ff) So wurden sicherlich auch unschuldige Palästinenser in einen Krieg verwickelt, den sie nicht wollten. Das gesamte arabische Palästina allerdings als naives, völlig am vorherigen Geschehen unbeteiligtes Grüppchen harmloser Bauern und Hirten zu zeichnen ist so sehr Strategie der Antisemiten wie infame Lüge. Hätten nicht schon seit 1920 Pogrome teilweise mit Unterstützung der Briten stattgefunden (Giniewski 1997: 196) und wären nicht spätestens seit 1936 die stark arabisch besiedelten Gebiete Ausgangspunkt permanenter terroristischer Aktivitäten gegen Juden als Juden gewesen, hätten nicht Nejada und Futuwa sowie transjordanische und andere arabische Freiwillige von Galiläa aus permanent die Vernichtung der Juden in Israel angekündigt, vorbereitet und praktiziert, hätten die jüdischen Organisationen Haganah, Irgun und Lehi und später die Zahal kaum Anlass gehabt, dort gegen die Nester der Terrorangriffe zu agieren und arabische Dörfer in – wie auch immer im Einzelfall berechtigten oder unberechtigten – Strafaktionen zu sprengen. (Siehe Giniewski 1997: 208ff)
Vor 1945 dominierte allerdings der „konstruktive“ Widerstand: Als Antwort auf mörderische Terroraktionen wurden in Nacht- und Nebelaktionen jüdische Wehrdörfer errichtet, die sich einer strikten Verteidigungspolitik in Kooperation mit den Briten unterwarfen. Jegliche Zerstörung wurde mit größeren Konstruktionen beantwortet. (Gieniewski 1997: 180) Die palästinensische Propaganda erhält aus zahlreichen Tatsachen allein durch das Moment der Verschweigung der arabischen Aggression eine Vielzahl an auf Wahrheiten basierenden Übertreibungen. So bleibt es Anekdote, dass arabische Dorfbewohner die erste jüdische Kanone, die „Davidka“ aufgrund der lauten Detonation für eine Atombombe hielten und flohen. Weniger anekdotisch sind die sehr wenigen tatsächlich belegten Entgleisungen jüdischer Extremisten. Die geschichtswissenschaftliche Diskussion, ob die Geschehnisse in Deir Jassin, Ramle und Lod nun Massaker waren oder militärisch nachvollziehbare Operationen, sei profunder Forschung überlassen. 
 
Die offensichtliche Erbärmlichkeit der antizionistischen Argumentation Pappés liegt schon aus militärhistorischen Gründen auf der Hand: Der israelischen Führung zu unterstellen, mit zwei Avia-Flugzeugen und ein paar gegen das UN-Embargo eingeschmuggelten Kisten Munition und Waffen aus Tschechien und Soldaten, die in Teilen aus den Auffanglagern in Zypern und Europa geflohen waren, einen Masterplan für die Vertreibung von 750 000 Menschen zu betreiben, muss zwangsläufig in der antisemitischen Konzeption jüdischer Magie und Übermacht münden. Die Führung der Israelis, die Pappé permanent nur als Zionisten betiteln will, weil das schärfer klingt, habe sich nämlich auf „Passivität und Stillschweigen“ verlassen können. Eben jene Führung der Israelis flehte die US-amerikanischen und europäischen Staaten vergeblich um militärische Unterstützung an und verteidigte sich mit selbstgebastelten Bomben, ausgeleierten Sten-Guns und nicht selten allein durch Attrappen und Täuschung. So wird die Ignoranz der Weltöffentlichkeit zur Passivität zugunsten Israels. Dass die wie auch immer genauer zu bestimmende „israelische Politik“ gegen die „Interessen der Palästinenser“, wie Pappé den dort bekanntermaßen schon lange vor 1948 manifestierten antisemitischen Vernichtungswunsch bezeichnet, nicht ohne die Kriegserklärung komplett wahnsinnig gewordener arabischer Staaten stattgefunden hätte, wird vorenthalten.
Pappé erklärt sich sein abgedichtetes Schema wie folgt:
 
Nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Kalte Krieg gerade begonnen hatte, waren die Großmächte auf das Wohlwollen der arabischen Länder angewiesen. Gewissenhaftere Teile der westlichen Gesellschaft unterstützten zunehmend anti−koloniales Gedankengut. Sicher versuchten die beiden führenden maroden Kolonialmächte England und Frankreich, ihre Präsenz und ihren Einfluss in der arabischen Welt aufrechtzuerhalten. Aber zumindest augenscheinlich waren sie gezwungen, den Eindruck zu erwecken, als würden sie das Recht der arabischen Bevölkerung auf Unabhängigkeit und Souveränität unterstützen. Besonders als Frankreich sich vehement gegen die symbolische Unabhängigkeit Algeriens stemmte, weil es die Interessen seiner Staatsbürger in dem Land wahren wollte, stellte sich die europäische öffentliche Meinung hinter die algerische Unabhängigkeitsbewegung.
 
Nichtsdestotrotz: Strategische Überlegungen, christlicher Zionismus unter den britischen Führern und ein nicht zu unterschätzender Antisemitismus haben London dazu bewegt, die Ansiedlung vom europäischen Juden weit weg von Europa inmitten der arabischen Welt zu unterstützen. Die Vereinten Nationen entschieden am 29. November 1947 über die Zukunft Palästinas. Man sprach den Palästinenser weniger als die Hälfte des Landes zu und schlugen eine Wirtschafts− und Währungsunion mit den jüdischen Siedlern vor, die mehr als die Hälfte des Landes bekamen.
 
Nur ein Faktor hatte die UN−Sonderkommission dazu bewogen, jedes konventionelle Prinzip von Staatlichkeit und Unabhängigkeit über Bord zu werfen, um die zionistische Bewegung zu befriedigen: der Holocaust. Die Schaffung eines jüdischen Staates als Kompensation für den Holocaust war ein starkes Argument. So stark, dass niemand der prompten Ablehnung der UN−Resolution seitens einer überwältigenden Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung Beachtung schenkte. Mehr als deutlich wurde hier der europäische Wunsch, etwas wieder gutzumachen.
 
Die Europäer, und besonders Deutschland, erhofften sich von dem neu gegründeten jüdischen Staat Vergebung. Schließlich war es viel einfacher, die Sünden der Nazis gegenüber der zionistischen Bewegung zu korrigieren, als den Juden der Welt gegenüber zu treten.
 
Für Pappé gilt das Argument der Shoah natürlich ebenso wenig, wie die Erfolge zionistischer Projekte und die Tatsache, dass in Palästina seit Jahrtausenden Juden leben und dort jüdische Städte lange vor 1933 aus dem Boden gestampft wurden – durchaus zum Nutzen der Palästinenser. Den massenindustriellen Vernichtungskrieg noch zu „Sünden“ zu verniedlichen kann Pappé nur überbieten, indem er ernsthaft die „Juden der Welt“ – vulgo „Weltjudentum“ – als relevante Instanz halluziniert. Eben jenes „besonders Deutschland“-Deutschland hatte Juden weiterhin jedes Recht auf Freiheit untersagt und in Auffanglagern Juden über Jahre nach der Shoah festgehalten, um sie am Übersiedeln nach Palästina ebenso zu hindern wie an der Ansiedelung in europäischen Städten. Von den anderen europäischen Staaten lies lediglich Tschechien ein veritables Engagement zugunsten Israels erkennen. Frankreich war damit beschäftigt, die Rolle der Resistance nationalistisch auszuschlachten, Großbritannien hatte trotz Shoah keine Aufhebung der Einwanderungsbestimmungen angedacht und Spanien war noch gänzlich im faschistischen Sumpf gefangen. Dass Israel 1947 immer noch die UN und Großbritannien um Intervention bitten musste und einen skandalös armseligen Teilungsplan vorgeschlagen bekam, den es im Gegensatz zu den Palästinensern akzeptierte – all das ist für Pappé keinen Funken an Empörung wert. Pappé faselt nur konsequent weiter:
 
Es war weniger komplex und, noch wichtiger, man musste sich nicht mit den Holocaust−Opfern selbst auseinandersetzen, sondern nur mit einem Staat, der versprach, diese zu repräsentieren. Palästina war nun das Land der Juden Europas, auch derjenigen, die noch nicht angekommen waren und auch nie vorhatten, jemals anzukommen. Europas Schuld, Deutschland zu erlauben, die europäischen Juden auszurotten, sollte durch die Enteignung der Palästinenser gebüßt werden.
 
Das hat zu dem geführt, was Edward Said die Kette der Opfer genannt hat. Die Palästinenser wurden zu den Opfern der Opfer. Dieses Konzept wurde von Israel und seinen Verbündeten nie akzeptiert. Ebenso wenig fand es die Zustimmung der deutschen politischen Elite, die sich mir der Formel, Israel als einziges Opfer in diesem Konflikt anzusehen, äußerst wohl fühlte. Die Israelis hingegen mussten sich nicht vor westlichem Druck fürchten und haben die Enteignung der Palästinenser bis heute fortgesetzt.
 
Die Grenzen ihres Handelns wurden von dem israelischen Journalisten Aryeh Caspi treffend definiert: Solange die Israelis den Palästinensern nicht das antun, was die Nazis den Juden angetan haben, bewegen sie sich innerhalb des legitimen und moralischen Rahmens zivilisierten Verhaltens. Dennoch ist das Repertoire dieser Aktionen auch innerhalb dieser Grenzen ziemlich erschreckend, wie sich derzeit im Gazastreifen zeigt.
 
Von „Opfern der Opfer“ spricht der globalgalaktische Antisemit, wenn er partout darauf bestehen muss, dass die „Juden der Welt“ eben an allem schuld seien, auch wenn sie Opfer sind. Was Pappé in schlechthinniger Umnachtung als hegemoniale Position der „deutschen Elite“ deliriert, spielt sich auf gleichem Niveau ab. Implizit wird die Relativierung der Shoah nach Kräften betrieben, von palästinensischer Täterschaft und antisemitischen Traditionslinien darf Pappé in der Zeit beflissentlich schweigen. Final kämpft Pappé natürlich für eine deutsche Einmischung und beklagt wie Ahmadinedjad die angebliche deutsche Zurückhaltung, die – welch Wunder – den Frieden verhindert.
 
Die deutsche Zurückhaltung beeinflusst die derzeitige Chance auf Frieden. Natürlich sind die USA am ehesten in der Lage, effektiven Druck auf Israel auszuüben. Aber jede Möglichkeit, Israel zu einem Kurswechsel zu bewegen, hängt von Europa ab. Eine starke europäische Position ist ohne eine Änderung der deutschen Politik nicht möglich. Dabei hat Deutschland sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf Regierungsebene die Pflicht, so einen Politikwechsel zu unterstützen. Es war wichtig und gerechtfertigt, dass die ersten Jahrzehnte nach dem Holocaust der Aussöhnung mit der jüdischen Welt gewidmet waren.
 
Nun ist es Zeit, sich um die Opfer der Opfer zu kümmern. Deutschland ist keine unbedeutende Verbindung in der Opferkette und kann seine Verantwortung nicht zurückweisen. Die andauernde Gewalt in Israel und Palästina hat das Potenzial, nicht nur den Nahen Osten in endlose Kriege zu verstricken, sondern auch Europa. Aber dieser naive Artikel beschäftigt sich mit Moral und Gerechtigkeit, die auch für die junge deutsche Generation wichtig ist. Eine Generation, die sich bewusst ist, dass sie als Nation ihrer Vergangenheit begegnen muss. Man trifft sie als freiwillige Helfer in den besetzten Gebieten und sieht ihr Engagement in den zahlreichen europäischen Solidaritätskampagnen für Palästina. Wir brauchen sie alle, weil die Geschichte uns lehrt, dass Besatzung und Enteignung irgendwann zu einem Ende kommen.
 
Die Rede von Kanzlerin Angela Merkel kürzlich in der israelischen Knesset machte jedoch deutlich, dass Deutschland in naher Zukunft keine konstruktive Rolle im Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern spielen wird. Merkel präsentierte eine fast beschämend parteiische, pro−israelische Position, in der sie die Besatzung mit keiner Silbe erwähnte. Stattdessen fand sie lobende Worte für Israel, das als Vorbild für Gerechtigkeit, Demokratie und Zivilisation diene. Das wird nur die aggressiven und gewalttätigen Aspekte der israelischen Politik stärken und gleichzeitig die Palästinenser jegliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft nehmen. Ohne Hoffnung wird die Verzweiflung jedoch immer noch größer, was wiederum zu mehr Gewaltbereitschaft führt. Wir müssen einen Abschluss für das 20. Jahrhundert finden. Nicht um zu vergessen und schon gar nicht um zu vergeben, sondern um ein normales und gesundes Leben zu führen. Das gilt für die Opfer und die Täter gleichermaßen.
 
Wenn Pappé meint, für Deutschlands Engagement gegen Israel zu streiten und Opferketten wie Nahrungsketten funktionalistisch ausdeuten zu können, ist das sein antisemitisches Privatvergnügen. Als Wissenschaftler disqualifiziert er sich selbst durch bodenlos unverschämtes Zensieren, Lügen und Leugnen.
 
Dass allerdings eine der größten und sich liberal dünkenden Zeitungen Deutschlands sich diese Position als Leitartikel zum Thema „Israels Geburtstag“ zu Eigen macht, ist mithin eine Widerwärtigkeit, ein Skandal.
 
 
Literatur (Auswahl):
 
Pappé, Ilan: 60 Jahre Israel. Israel muss sich seiner Geschichte stellen. Auf Zeit-online am 12.5.2008.
 
Giniewski, Paul: Das Land der Juden. Vorgeschichte des Staates Israel. Winterthur: Cardun, 1997. 259 Seiten.
 
Gremliza, Hermann L. (Hg.): Hat Israel noch eine Chance? Palästina in der neuen Weltordnung. Hamburg: konkret, 2001. 239 Seiten.
 
Küntzel, Matthias: Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg. Freiburg: ca-ira. 180 Seiten.
 
Lewis, Bernhard: „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus. Frankfurt a/M: Ullstein, 1989. 342 Seiten.
14.5.08 11:01


Der Veräter von Betlehem – Kritik

Matt Beynon Rees: Der Verräter von Betlehem. Omar Jussufs erster Fall. München 2008: C.H. Beck. 326 Seiten, 17,90 €.

Normalerweise lassen mich Krimis gänzlich kalt. Wenn allerdings die oberhessische Presse ein Buch als Schauplatz eines sogenannten „palästinensischen Widerstandes“ preist und die Kurzinformation einen Krimi in Betlehem bewirbt, in dem ein Kollaborateur mit den Israelis von einem palästinensischen Lehrer gejagt wird, schrillen bei mir einige Alarmglocken.

Zumindest in dieser Hinsicht überrascht Rees sehr positiv. Über viele Seiten lässt sich die Hauptfigur Omar Jussuf, ein mehr oder weniger gestrandeter Lehrer vor der Rente, in abfälligen Bemerkungen über Märtyrer und Korruption aus, beschimpft jugendliche Marodeure, stellt Verschwörungsmythen in Frage und hält seine Schulkinder dazu an, Propaganda und Geschichtsklitterung zu hinterfragen. Den Kulturalismus eines amerikanischen UN-Schuldirektors nimmt er ebenso aufs Korn wie palästinensische Nationalmythen. Selbstmordattentate versucht er gerade nicht zu verbrämen als einzigen Ausweg aus elenden Verhältnissen, sondern rückt innerfamiliäre Konflikte und den gnadenlosen Sadismus darin ins Zentrum.

So erbärmlich Rees den palästinensischen Mob erscheinen lässt, der den zu Unrecht der Kollaboration bezichtigten Schützling Jussufs letztlich lyncht, so wenig kann er allerdings klären, warum Jussuf darin zustimmt, dass trotz allem in diesen Zuständen Kollaboration ein schweres Verbrechen sei. Dieser versucht lediglich nachzuweisen, dass sein verdächtigter Freund unschuldig am Verrat eines Sprengstoffschmugglers an die israelische Armee und der daraus resultierenden Liquidierung ist. Obwohl man stets an Jussufs intimen Gedanken teilhat, lässt Rees an ihm keinen Funken Verständnis für die israelische Position der gezielten Eliminierungen erkennen. Mit der Familie des Sprengstoffschmugglers ist Jussuf recht gut Freund und dass der jüngste Sohn im weiteren Verlauf erst die eigene Schwester ermordet und vermutlich vergewaltigt und dann ein Selbstmordattentat verübt, bleibt von Jussuf weitgehend unkommentiert. Das mag man Rees noch als realistische Zeichnung eines widersprüchlichen Charakters verzeihen.

Noch in der schonungslosen Offenlegung der Provokationstaktik der Märtyrerbrigaden, die gezielt Zivilisten zu Opfern von Gegenangriffen zu machen suchen und christliche Orte zum Schutz aufsuchen und der Hoffnungslosigkeit für emanzipatorisches Denken in all dem Sumpf liegt allerdings ein Moment eingebettet, das sich gegen die aufklärerische Absicht zu verkehren droht. Besonders offensichtlich wird das in einem Satz zur Mitte des Buches. Israelische Soldaten reißen in der fraglichen Szene eine Straße auf, um den Waffenschmuggel zu erschweren. Jussuf kommentiert die Frage seiner Frau nach dem Warum des Vorgehens mit „Einfach weil sie es tun können, diese Schweine“. Daran schließt sich folgendes an:

Selbst im Dunkeln merkte er, dass Marjam ihm nicht glaubte. Schließlich war er es gewesen, der ihr immer gesagt hatte, dass blinder Haß auf die israelischen Soldaten dazu führte, dass man ihre Taktik missverstand. Die Leute sahen in ihnen nichts als grausame Tiere, und das war der erste Schritt dazu, selbst genauso bösartig zu werden wie sie.

‚Normalerweise redest du nicht so von ihnen, Omar.’

‚Gut, dann weiß ich es eben nicht. Ich weiß nicht, warum sie es tun. Ich will nur, dass sie wieder gehen, damit wir diese verdammte große Loch in der Straße wieder zuschütten können.

So abstrakt und fern das im irgendwie legitimierten Ausnahmezustand als „bösartig“ titulierte Israel erscheint, so pathologisch ist der gesamte Blick darauf. Während Rees intensiv an palästinensischen Widersprüchen teilhaben lässt und klandestine Sympathie für die Christen in Betlehem verbreitet erscheinen Israelis nur in Form von Geschossen, Hubschraubern und zuletzt Soldaten. Die ihnen entgegengebrachte Kälte wird ihnen selbst noch angeheftet. So verbleibt das Buch in selbstgewählten Grenzen eines zwar chaotisch-grausamen, aber irgendwie doch heimatmäßig liebenswerten Palästinas, in dem es für eine proisraelische Position oder gar Kollaboration keinen Platz gibt. Das von all dem innerpalästinensischen Wahnsinn zuvörderst betroffene Israel ist Rees kaum Empathie wert, von pflichtschuldigen und tatsächlich sogar sehr glaubhaften Verurteilungen der Selbstmordattentate abgesehen.

Vielleicht erweist sich allerdings einem unbedarften Leser gegenüber gerade das als Stärke. Denn alle Bedingungen für eine proisraelische Position werden eingeschleust. Die Flucht der Palästinenser aus Israel wird als solche kommentiert und nicht das Lied der massenhaften Vertreibung gebetet. Der innerpalästinensische Wahnsinn wird als zuinnerst pathologisch und absurd gezeichnet. Und die israelischen Angriffe bleiben stets recht nüchtern geschilderte Reaktionen, deren Gründe in Mord, Sprengstoffschmuggel und mutwilligen Angriffen klar benannt werden. Insofern lässt sich viel Kritik am morbiden Hinstarren auf Zustände oder der kulturindustriellen und damit zwangsläufig betulichen Aufarbeitung realer politischer Probleme ausbreiten, der Anfangsverdacht der antiisraelischen Propaganda durch das Medium des Kriminalromans unter Hinzuziehung des hochbefrachteten Begriffs „Verräter“ lässt sich allerdings kaum erhärten. Der für die notorisch konformistisch rebellierenden Krimis übliche synthetische Abschluss bleibt einem dadurch allerdings nicht erspart: Der trunksüchtige Vertreter der palästinensischen Polizei, obgleich schwach, obsiegt und tötet den letztlich von Israelis wie Jussuf gejagten perfiden Doppelagenten. Jussuf erhält zur Belohnung für seine Entbehrungen das Amt des durch ein auf ihn gerichteten Attentat ermordeten UN-Schuldirektors, die Kinder aller unschuldigen Opfer werden sämtlich bei ihm aufgenommen.

7.5.08 18:21


Der Iran - Analyse einer islamischen Dikatur und ihrer europäischen Förderer - Rezension

Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer.
Mit einem Vorwort von Leon de Winter und einem Geleitwort von Henryk M. Broder. Hg. von Stephan Grigat und Dinah Hartmann. 2008, Innsbruck: Studienverlag. 292 Seiten. 29,90.

Während der Klimawandel, Irakkrieg, Nazis oder Studiengebühren die deutsche und europäische Linke bis aufs Blut reizen und sie zu Zehntausenden, im Falle des Irakkrieges zu Millionen auf die Straßen treiben, demonstrieren gegen das iranische Regime in schöner Regelmäßigkeit lediglich ein paar Grüppchen Exiliraner und hart gesottene israelsolidarische Aktivisten. Der durch das iranische Mullahregime angekündigte und seit langem mit viehischer Bestialität praktizierte Massenmord erscheint kaum mehr als Fußnote in den kalten Berechnungen von deutschen und österreichischen Politikern und ihren Flakhelfern von links und rechts. Grigat/Hartmann haben – fassungslos diesem Phänomen gegenüberstehend – hochkarätige Aufsätze und Positionen von über 20 Autoren versammelt, in der verzweifelten Hoffnung, den vorhandenen Kritikern theoretische, empirische und moralische Unterstützung zu liefern und grimmig darauf zu beharren, dass niemand sagen kann, er hätte nichts gewusst. Besonders bemerkenswert an diesem künftig für jeden irgend am Weltgeschehen interessierten Menschen unvermeidlichen Standardwerk über den Iran ist die Dichte, mit der Ereignisse und Topoi von unterschiedlichen Orten aus beleuchtet werden, ohne sich über das absolut notwendige Maß hinaus zu wiederholen, die Akribie, mit der in Zitaten und Fußnoten der ganze Wahnsinn in seiner blanken und nackten Offenheit dokumentiert wird.

Stephan Grigat weist in „Die iranische Bedrohung – Über die Freunde der Mullah-Diktatur und den Existenzkampf des jüdischen Staates“ nach, dass eine an Interessen orientierte Politik gegenüber Iran eine Unterstellung und Verharmlosung des dort vor sich hin wesenden eliminatorischen und selbstvernichtenden Antisemitismus ist. Khomeini und seine Nachfolger hängen einem Wahn an, der die iranische Bevölkerung als Geisel hält, die er jederzeit für die Erlangung seines klar artikulierten Zieles der Vernichtung von Juden opfern würde. Die nachlässige, betuliche Haltung, mit der die in dumpfer Wiederholung gebeteten Vernichtungswünsche zum Ausrutscher und nicht so gemeinten propagandistischen Trick verharmlost werden lassen sich laut Grigat nicht allein mit Naivität erklären. (21) Im Bedürfnis nach Relativierung sieht er ein fehlgeleitetes, pathologisches Moment der Vergangenheitsbewältigung. Daraus erklärt er, warum ein so löchriger Bericht wie der NIE (National Intelligence Estimate) zu Iran erstens überbewertet und zweitens auch noch falsch interpretiert wird: er wurde „eine Art Freibrief für Geschäfte und politische Kooperation mit den Islamfaschisten“. (25) Nicht erst auf diesen angewiesen waren die antiimperialistischen Komplizen aus Kuba, Venezuela, Nicaragua, Bolivien, deren Verknüpfung mit Iran Grigat als ein nur logisches, aus deren eigenem Wahn entspringenden Moment nachweist und erklärt. Darauf aufbauend zeichnet Grigat ein deprimierendes Bild israelischer Isolation nach, das nach dem „proxy-war“ mit Libanon im Sommer 2006 verzweifelt nach Bündnispartnern sucht um der iranischen Bedrohung Herr zu werden: „Israel geht gegen die Antisemiten von der Hisbollah mit militärischen Mitteln vor; die europäische Union hingegen betrachtet die libanesischen Islamisten nicht einmal als terroristische Organisation, und die deutsche sozialdemokratische Friedrich-Ebert-Stiftung organisiert gemeinsame Konferenzen mit Nasrallahs Gotteskriegern.“ (33) Die „Terrorrackets Hamas und Hisbollah“ sieht er als größere Gefahr noch als die antiquierte Al-Qaida, weil sie mit dem sozialrevolutionären Djihadismus perfekt an eine intellektuell degenerierte Linke anknüpfen: „Der politische Islam erweist sich als eine ausgesprochen erfolgreiche Ideologie der Elendsverwaltung.“ (34) Aus dem Faktum eines zu Nuklearwaffen greifenden, irrsinnigen, terroristischen Regimes, einer ignoranten, wenn nicht zu Komplizentum neigenden Linken und europäischen Staaten schließt Grigat: „Der War on Terror, den die USA seit dem 9/11 und die Israelis seit einigen Jahrzehnten führen, ist ein Krieg gegen den islamischen Faschismus. Er muss dann kritisiert werden, wenn er nicht als solcher geführt und benannt wird. Ansonsten verdient er die Unterstützung eines jeden, dem eine über sich selbst aufgeklärte Aufklärung und die Orientierung auf die allgemeine Emanzipation nicht schon völlig egal sind.“ (36)

Wahied Wahdat-Hagh vertieft die Analyse der in Iran herrschenden Ideologie in „Die Herrschaft des politischen Islam im Iran – Ein Überblick zu Struktur und Ideologie der khomeinistischen Diktatur“. In der islamischen Revolution sieht er „neue Form der totalitären Diktatur“, die mitnichten zusammenbreche oder gar von selbst in liberale Zustände gleiten könne. Aus der Verfassung und den kriminellen Umtrieben der Machtelite entstehe ein „Karusell der Macht. Sie klont sich gewissermaßen selbst.“ (44) So sind die einzelnen Führer austauschbar geworden, es bedarf keines besonderen Charismas mehr, dieses sei in der Ideologie perfekt verdinglicht und mittels eines „Imagetransfers“ gelingen reibungslose Machtübergaben. Weiter belegt Wahdat-Hagh die spezifische Form des „eliminatorischen Antizionismus“: „Die islamische Schuldprojektion ist unübertrefflich. […] Der khomeinistische Antisemitismus ist eine neue Form des eliminatorischen Antisemitismus. Dieser ist nicht rassistisch begründet.“ Wo er sein Primärziel nicht fassen kann, verfolgt er, wie Wahdat-Hagh in zwei Unterkapiteln nachzeichnet, die Baha’i und Frauen. Darüber hinaus mündet er in umtriebigen Aktivismus, der den Al-Quds-Day zur globalen Institution machte, auf Massenbewegung und Mobilisierung abzielt und die Revolution zu exportieren sucht. „Totalitäre Herrscher versuchen eine gemeinsame Identität mit den Beherrschten herzustellen. Der islamisch verbrämte Staat bleibt entschlossen, alle staatlichen Organe zu instrumentalisieren um seine Macht durchzusetzen.“ Im Falle Irans könne man von „einer dritten Spielart totalitärer Herrschaftsformen sprechen“. (56)

Gerhard Scheit sucht im Anschluss eine interessante, an Neumanns Faschismustheorie orientierte kritisch-theoretische Analyse der Vermitteltheit von Staatlichkeit und Racket in Iran (und dessen Fortwesen in Europa) zu leisten. Er sieht in den Revolutionsgarden keinen Staat im Staat, sondern einen „Staat im Unstaat“. (61) Diese entwickelten ein mafiöses „Banden-Business-Konglomerat“, mit dem sie einen Ausnahmezustand finanzieren, in dem den Machtträgern „alles erlaubt“ ist und unmittelbare Gewalt durch kein Recht verzögert wird. Dementsprechend sind die Bassidschi, die iranische selbsternannte Sittenpolizei aus Jugendlichen, auf keine Rücksicht angewiesen, wenn sie gegen Oppositionelle, Frauen und aufsässige Studenten losschlagen. Scheit kommt zu dem ernüchternden Fazit, dass Iran nicht einmal wie Nazideutschland Eroberungen wagen muss, um die Vernichtung der Juden zu finanzieren, sondern lediglich „gut im Geschäft bleiben mit den eigenen Rohstoffen.“ (65) Dabei bestehen weitere Differenzen, die das iranische Geflecht vom nationalsozialistischen unterscheiden: „Während der NS-Staat die Ware Arbeitskraft in der Arbeit zur Vernichtung aufgehen ließ, rechnet der Islam schon fix damit, dass die Arbeitskraft, die zur Ware wird, politisch bedeutungslos ist. […] Der Gegensatz der Ware, der Gegensatz von Tauschwert und Gebrauchswert wird am eigenen Leib aufgelöst. Das Individuum muss jederzeit bereit sein, den von ihm dargebotenen Gebrauchswert, die Arbeitskraft, auszulöschen – als Opfer, das für die Nation und umma zu bringen ist im Kampf mit jenem Gegenvolk.“ (70)

Yossi Melman weist nach, dass die Mullahdiktatur in Iran von Beginn an nach der Atombombe strebte, und dieses Ziel nie aufgegeben hat, sondern im Gegenteil vom NIE noch einmal entscheidend profitierte. In Kooperation mit Michael B. Oren stellt er in „Israels Alptraum – Die Rezeption der iranischen Gefahr im Staat der Shoahüberlebenden“ taktische Überlegungen an und liefert ein Bild der israelischen Diskurse über die iranische Bedrohung. Israel ist ihnen zufolge zutiefst der Gefahr bewusst, die eine von Monaten, und nicht wie hierzulande stets salbadert, von Jahren oder gar Jahrzehnten sei.

Fatiyeh Naghibzadeh untersucht in „Die göttliche Mission der Frau – Zur Geschichte und Struktur des Geschlechterverhältnisses im Gottesstaat Iran“ die historischen Vorbedingungen und Voraussetzungen der letztlich in Massenmord und Sittenterror mündenden Misogynie der islamischen Revolutionäre. Sie kommt zum Schluss: „Islamische Männlichkeit definiert sich über den Schleier der Frau.“ Die bürgerliche Institution der Familie wird auf den Kopf gestellt, indem nicht länger der Vater Vermittler zwischen Familie und Außenwelt ist, sondern die Frau zur zentralen, wenngleich rechtlosen, Institution wird, die durch die Reproduktion von Märtyrern eine zentrale Rolle erhält. „Dadurch wird die Frau einerseits sakralisiert und zum Ausgangspunkt der islamischen Gesellschaft gemacht; andererseits steht sie unter dem permanenten Generalverdacht, ihre Aufgabe als Reproduzentin der islamischen Normen und Werte nicht zu erfüllen. Sie ist Heilige und potenziell gefährlichster Staatsfeind zugleich.“ (109)

Alex Gruber ergänzt diesen Beitrag mit seiner Beschreibung und Kritik homophober Politik in Iran. So wurden seit 1979 4000 Homosexuelle in Iran hingerichtet, Jungen gelten ab 15 und Mädchen ab 9 für volljährig und können ab dann Sharia, das bedeutet Peitschenhieben und Todesstrafe zugeführt werden. (111) Über Iran hinaus greift der durch Fatwas zur religiösen Pflicht erklärte Terror gegen Homosexuelle besonders im Irak um sich als „sexual cleansing“ mit grausamsten Morden. (118) Strafphantasien und -praxis erlauben darüber hinaus erst das akribische Sprechen über Details homosexueller Sexualpraktiken im öffentlichen Fernsehen. Den Krieg gegen die Homosexualität stellt Gruber in einen direkten Zusammenhang zum Antisemitismus, der in Iran mit der Homophobie nicht nur mittelbar verknüpft ist. (123) Zuletzt führt Gruber Beispiele an, wie von europäischer Seite diese homophobe Mordbrennerei noch relativiert oder gänzlich geleugnet wird, mehr noch, die Kritiker solcher Verhältnisse als Rassisten und fanatisierte missionierende Homosexuelle erscheinen. (125f)

Florian Markl liefert in „Der lange Arm der Mullahs – Iranischer Terror von Beirut bis Buenos Aires“ die wichtige Widerlegung der allseits vorgebrachten Lüge, dass Iran ein friedliches Land sei, das noch niemals einen Krieg begonnen habe. Terror auf globaler Ebene ist System und innerster Staatszweck des iranischen Regimes, das von Botschaften aus seine Mörder gegen Kurdenführer und Oppositionelle wie auch gegen Amerikaner und Juden losschickt, um wie im Falle Österreichs durch diplomatische Intervention die Freilassung und Verschonung ebendieser Mörder nach der Tat zu erwirken. Die Hisbollah, irakische Milizen und das arabisch-nationalistische Regime in Syrien stellen weitere Kriegsparteien in Irans geschmiedeten Bündnissen dar, die jeden auch nur klammheimlich in Ferne angedachten Friedensschluss arabischer Staaten mit Israel und jede Reformbemühungen durch Drohung mit Terror und Aufwiegelei vereitelten.

Das Autorenteam Thomas Uwer und Thomas von der Osten-Sacken erhellen das Chaos im Irak durch das differenzierte Aufzeigen der iranischen Interessen und Bestrebungen sowie deren Scheitern. Der „Klerikal-Hooligan“ Muqtada al-Sadr enterte die vormals mehrheitlich gemäßigte irakische Shia – deren Anführer die amerikanische Befreiung begrüßte und zu Kooperation aufrief (159) – durch Terror und Mord. (153f) Iran unterstützt dabei durchaus konkurrierende und sogar sunnitische Terrormilizen. Eine eindeutige Strategie lässt sich nicht ausmachen, Uwer/Osten-Sacken kommen sogar zur These, die iranische Strategie für den Irak sei weder erfolgreich - „grandioses Scheitern“ - noch irgend rational, sondern selbst zuinnerst von der Konkurrenz der Rackets in Iran geprägt. (155) „Hier wird bereits eines der zentralen Probleme der iranischen Irakpolitik deutlich: Gruppen wie die Milizen Muqtada al-Sadrs, aber auch die Hisbollah, sind schlechte Verbündete. Ihr ideologischer Rigorismus, die Logik des beständigen Kampfes und nicht zuletzt organisatorische Eigeninteressen machen es schwer, sie dauerhaft und verlässlich unter Kontrolle zu bringen. Sie bedürfen daher genauso strenger Kontrolle wie großzügiger Unterstützung […].“ (157) Die Milizen entfalten demnach eine Eigendynamik, die darauf fußt, dass deklassierten jungen Männern absolute Macht über Leben und Tod gegeben wird, die sie in ständig perpetuierten Raubzügen und Morden ausüben dürfen. (161) Letztlich gelangen Uwer/Osten-Sacken zum Fazit, dass das Chaos im Irak nicht ein Erfolg iranischer Politik sei, sondern ein Beweis für die Schwäche und für das Scheitern Irans, einen Konkurrenten Irak dauerhaft zu demilitarisieren oder wenigstens über schiitischen Einfluss zu kontrollieren.

Nasrin Amirsedghi bezichtigt die iranische Linke in „Von der Sehnsucht nach Arbeitermacht zur Ayatollahmacht“ der Kollaboration. Unkritisch hat sich die iranische Linke, eine durchaus relevante außeriranische Bewegung ausschließlich gegen den Schah gewandt, ohne Alternativen zu bieten. Letztlich sei die Bewegung in dumpfen antiisraelischen und antiamerikanischen Ressentiments zwischen Moskautreue und Überlaufen zum Islamismus geendet und habe so den staatlichen islamistischen Mord an mindestens 150 000 Menschen aktiv befördert. Diese Massenmorde wurden von derselben, mit der iranischen Linken sympathisierenden, Prominenz (Wallraff, Fischer, Enzensberger, Gysi) schweigend geduldet, die laut Amirsedghi gegen den Schah und seine nur aus der verfehlten Politik Mohammed Mossadeghs und dem Zustand der iranischen Gesellschaft ermöglichte „Modernisierungsdiktatur“ Hungerstreiks und öffentlichkeitswirksamen Iranbesuche veranstaltete.

Der zweite Teil des Buches widmet sich besonders dem Verhältnis europäischer Staaten zu den Zuständen in Iran.
Matthias Künzel belegt in „Friedlich in die Katastrophe – Deutschlands Rolle im Atomstreit mit dem Iran“, dass Deutschland eine herausragende Rolle für die iranischen Mullahs spielte und mit aller Kraft wirksame Sanktionen verhinderte. Die Doppelzüngigkeit zwischen Merkels Aufrufen zur Solidarität mit Israel und den am gleichen Tag verkündeten Erfolgsmeldungen für die iranisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen (182) wird in einen ernüchternden Zusammenhang mit der Rolle Joseph Fischers gestellt. Dieser hat, mehr noch als zuvor Kinkel, für Ahmadinedjad Tür und Tor geöffnet, hat eigenmächtig ein europäisches Bündnis geschmiedet, das nach außen beteuerte, Iran von der Bombe durch Diplomatie abzuhalten, dessen Praxis jedoch darin bestand, die andauernde Verhöhnung solcher Bemühungen durch Ahmadinedschad für die europäische Öffentlichkeit in Erfolgsmeldungen umzulügen und von Verhandlungserfolgen zu faseln, wo Iran in Wirklichkeit einen weiteren Schritt zur Atombombe vollzogen hat. (184ff) Im Zuge dieser „Friedensverhandlungen“ wurde Deutschland zum wichtigsten Auslandspartner Irans mit einem Exportvolumen von 4,4 Mrd. Euro im Jahr 2005. Schröder/Fischer organisierten die staatliche Risikoübernahme für jegliche Geschäfte mit Iran. Die ganze Lächerlichkeit der von Fischer geleiteten Vermittlungsbestrebungen wird in iranischen Zitaten nackt sichtbar. So verspottete nach Küntzel Ahmadinedjad die Vermittler mit Details aus Verhandlungsgesprächen: „Als erstes wollten sie, dass wir die Urananreicherung für sechs Monate unterbrechen. […] Dann baten sie um drei Monate, dann um einen Monat. […] Nun haben sie uns vorgeschlagen, dass wir sie für eine kurze Periode, für einen Tag aussetzen. […] Sie sagten uns, dass wir […] erklären sollen, es habe technische Probleme gegeben. Aber wir haben keine technischen Probleme! Warum sollten wir das Volk belügen?“ (190) Nachdem London und Paris aus der europäischen Dialogachse ausscherten und nun ebenfalls auf Sanktionen bestanden, schloss Österreich die entstehende ökonomische Lücke und stieg mit zum wichtigsten Partner Irans auf. Küntzel versucht, die bodenlos unverschämte, zynische und verantwortungslose deutsch-österreichische Iranpolitik, die Iran mit allen diplomatischen und wirtschaftlichen Mitteln näher als je zuvor an die Atombombe brachte, auf zwei Wege zu deuten. Erstens hält er durchaus Naivität für möglich. Zweitens erwägt er pure Interessenspolitik. Im Bündnis mit einer antizipierten Atommacht Iran kann Deutschland und Österreich nur gewinnen: erstens ökonomisch und zweitens politisch: Im Falle einer atomaren Bewaffnung wären die Verträge mit einer nunmehr mächtigen und unangreifbaren Ölmacht geritzt. Im Falle einer militärischen Intervention durch die USA könnte Deutschland ein weiteres Mal sich als Friedensmacht aufspielen und politisch Kapital schlagen. (203) Hier findet Küntzel für meinen Teil etwas wenig Raum, um die Wirkungsmacht deutscher Friedensideologie nachzuzeichnen, die über Fischer in Iran ein Experimentierfeld sah, auf dem die Planspiele der Konfliktforschung Wirklichkeit werden sollten – wie Küntzel richtig bemerkt, war ein Hauptinteresse, eine „Anti-Irak-Politik“ zu verkaufen. Diese allerdings, und das ist das wahrhaft perfide, hat ein völlig instrumentelles Verhältnis zur Israelfrage eingenommen und in der absoluten Loslösung von der Realität ein Wunschsystem geschaffen, das jeden Ausgang der Gespräche sich wahnhaft als Gewinn umdeutet, um so den narzisstischen Bonus – die Bestätigung der eigenen moralischen und methodischen Überlegenheit – einzufahren.

Thomas Becker begibt sich in „Die Wiederkehr des Führers – Als der iranische Präsident die Deutschen für eine historische Mission begeistern wollte“ tief in die Geschichte deutsch-iranischer Bündnispolitik. Von Bismark über die Schahs und den Nationalsozialismus bis hin der Wiederbelebung deutsch-iranischer Beziehungen durch Genscher und Kinkel zieht sich eine Linie zu dem Brief Ahmadinedschads an die Deutschen, der an deren Bedürfnis nach Entschuldung und Holocaustrelativierung anschließt.

Stephan Grigat, Florian Ruttner und Farideh Azadieh leisten daran anschließend eine Aufarbeitung der Geschichte der Österreichischen Mineralölverwaltung (OMV), die im zweiten Weltkrieg erstarkte und danach in Kooperation mit Libyen und zuletzt Iran zu voller Größe mit einem Volumen von 22 Mrd. Euro anwuchs. Die österreichische Politik in fast ausnahmsloser Gänze stellen sie als erschütternd regressiv dar: Man schreckt bei der Sympathie mit den verlockenden Möglichkeiten weiterer Deals mit den Mullahs vor Partizipation an deren Ideologie nicht zurück, diskreditiert die amerikanischen Bemühungen um tragfähige Wirtschaftssanktionen als Imperialismus und leugnet jede moralische Verpflichtung.

Andreas Benl schließt an Küntzel an mit „Delegierte Regression – Der europäische Kulturrelativismus: Eine Form der Kollaboration mit dem Islamismus“. Er belegt in Zitaten die Kollaboration pseudofeministischer Autorinnen, die sich den Schleier zum emanzipatorischen Medium zurechtlügen. Die Sakralisierung des Antirassismus sieht Benl zufolge von jeglichen Spezifika der Geschichte des Rassismus ab und ermöglicht so dem Islam, sich als eigene Kultur einzurichten, die den Kulturrelativisten zufolge respektiert werden müsse.

Justus Wertmüller definiert in „Religion der Befreiung – Der Islam als Erweckungsbewegung“ den Islam als autoritäre Fortsetzung esoterischer Sinnsuche. „Islam: einfach mal loslassen, so könnte ein Werbespruch aussehen. Loslassen vom Ich und hineinplumpsen in die autoritäre Gemeinschaft.“ (250) Äußerst anschlussfähig an die Linke erweist sich für Wertmüller der Islam durch seine im Prinzip „basisdemokratische“ Ausrichtung, die zugleich das Private als „gemeinschaftsstörende Unkultur“ verfolgt. Sein Fazit ist, der Kampf gegen den Islamismus sei nicht mit dem Rekurs auf sogenannte westliche Werte und dennoch dezidiert westlich zu führen, indem auf (uneingelöste) Versprechungen des Kapitalismus in Überfluss, Luxus, Individualität und das Recht auf Vereinzelung beharrt wird. (257)

Simone Dinah Hartmann kommt bei der Fragestellung „Was tun mit den Europäern?“ zu der interessanten Überlegung, es könne durchaus Unwissenheit ein Grund für die verbreitete antiisraelische Haltung der deutschen Öffentlichkeit sein. Aktionistisch wäre sich an solche desinformierte Menschen zu richten. Zwischen dem klassischen Antisemitismus und dem islamischen sieht sie einen Unterschied: Ersterer hat nur einen Feind beschworen, letzterer bietet darüber hinaus einen akribisch durchgeplanten Alltag mit Handlungsanweisungen, eine nicht nur negativ, sondern auch positiv bestimmte Dystopie. (260)

Kazem Moussavis Beitrag „Europa, Israel und die iranische Opposition“ liest sich wie ein Parteigründungsmanifest. Seine Vorstellung der „Grünen Partei des Iran“ ist an iranische Exilanten gerichtet und beharrt, will diese Partei erfolgreich sein, auf dem Primat einer Solidarität mit dem, was die iranischen Mullahs zum Hauptfeind erklärten: Israel. Darüber hinaus wehrt er sich gegen Zumutungen im Exil, sei es von iranischen Verfolgern oder von europäischen Kollaborateuren, die Oppositionelle noch als Terroristen einstufen.

Hiwa Bahrami schlägt abschließend einige Bündnispartner für emanzipatorische Bestrebungen vor und schließt andere, allen voran die sogenannten Reformer innerhalb der von den Mullahs beherrschten Fraktionen aus.

Das Buch schließt ab mit Grußworten von Raimund Fastenbauer, Beate Klarsfeld, Arie Talmi, Wolfgang Neugebauer, Elisabeth Pittermann und Benny Morris.

Ein solches Werk ist kaum nach Stil und Form zu beurteilen. Das würde den brisanten politischen Kontext zum Diminutiv degradieren. Lobende Worte über den in der Tat hervorragenden Stil, die nachvollziehbare Vielfalt und die ausgezeichnet abgestimmte Kohärenz der Beiträge können angesichts der Thematik nur Floskel bleiben. Als kritisch-theoretisches Unterfangen ist die Lektüre untrennbar vermittelt mit Praxis: das lesende Individuum wird gezwungen, sich zu dieser real existente Drohung zu verhalten. Entweder, indem es sich irgend gegen sie engagiert und positioniert. Oder indem es sich in untätigem Verharren oder Leugnen einrichtet und damit Kollaboration mit dem größten derzeit geplanten Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.

4.5.08 13:45


Mit Olympia für Chinas Kosovo Tibet

Kreti und Pleti möchten auf einmal keine Olympiade in China mehr. An dem Krieg zwischen Geist und Körper auf den Ascheplätzen soll kein äußerer haften - der sportliche Wettkampf will sich von seiner intrinsischen Vermitteltheit mit gesellschaftlicher Gewalt frei lügen. Das Unreine soll das Reine nicht berühren: ein Tabu par excellence. Sport behauptet naturhafte Aggressionen zu kanalisieren, zum Besten der Gesellschaft, und damit Frieden durchzusetzen. Sport, und damit ist nicht die individuelle Lust nach Spiel und Bewegung gemeint, ist allerdings nur die Fortsetzung des Krieges mit friedlichen Mitteln, ein Produkt der auf allseitiger Konkurrenz fußenden bürgerlichen Gesellschaft.
Hätte die Welt 1933 etwas von Ausschwitz ahnen wollen, man hätte in aller Konsequenz die Olympiade boykottiert - ohne dadurch einen Juden zu retten. So sehr die Welt mit dem Dalai Lama nunmehr behauptet, in Tibet sei ein wenngleich kein echter, so doch ein kultureller Genozid im Gange, so sehr plaudert sie aus, was sie gegen solches als ausreichenden Widerstand verstehen würde: die olympischen Spiele boykottieren. Welch Heroismus. Man darf auf die nächste Olympiade in Sudan, Irak oder Somalia hoffen, vielleicht wird ein Boykott dann dort für Frieden sorgen.
Man rekapituliere: Zwischen chinesischer Kulturrevolution und tibetischem Feudalismus moralisch zu entscheiden ist heute müßig. Tibet, eine der elendsten Regionen der Welt, wurde von China gewaltsam aus der mönchischen Abgeschiedenheit gelöst. Chinesische Geständnisrituale, bei denen in der Gruppe Eltern und Kinder beschimpft werden mussten, ersetzten das stumpfsinnige Rasseln und Brummeln der Mönche, die von Kritik ebensowenig wissen wollten, wie die kommunistischen Rituale diese beinhalteten. Die chinesische Staatsgewalt ersetzte die Knute des tibetischen Adels und des Klerus über die Leibeigenen und Bauern. Später entschied sich China zu subtileren Methoden der Herrschaft und baute wie alle Staaten Schulen, Eisenbahnen und Krankenhäuser - nebst einer in ganz China üblichen Zensur und drakonischen Strafen für freie Meinungsäußerung.
2008 sahen tibetische Mönche eine Chance gegeben, unter dem durch Olympia geschärften Auge der Weltpresse auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Daran wurden sie wohl mit Gewalt gehindert. Jugendliche nutzten die Gelegenheit um Randale zu veranstalten und chinesische Händler zu lynchen, zu steinigen, ihre Geschäfte abzufackeln. Mit Messern bewaffnet griff man einschreitende Polizisten an, die gelegentlich zurückschossen. Am Ende waren Dutzende Tote zu verzeichnen, viele davon Chinesen.
Die sogenannte freie Presse berichtete davon so gefärbt, wie sonst nur im Nahostkonflikt über Israel. Die Toten wurden gänzlich als Ergebnis von auf friedliche Mönche schießenden Polizisten geschlagen. Steine werfende Jugendliche wurden aus Fotos herausgeschnitten, Fotos aus Nepal hinzugenommen, um dem Ganzen mehr Pep zu verleihen. Der Dalai Lama hatte Hochkonjunktur und sah sich dennoch gezwungen, sich von dem allzu bunten Treiben seiner Anhänger zu distanzieren und eine immerhin erfreulich konstruktive Haltung einzunehmen: Er wolle nicht mehr die Unabhängigkeit Tibets, sondern nur mehr Freiheit, eine Forderung, der man sich vorbehaltslos anschließen kann, ohne gleich ins dümmlich-massenhafte Tibetflaggenschwenken zu verfallen.
Der mit Tibet so massenhaft und parteiisch sympathisierende Westen fühlt sich allerdings weit darüber hinausgehend im nationalistischen Taumel versucht, in China auf jenes Pferd zu setzen, das mit der Sowjetunion durchging: das Medium des Nationalismus.
Chinas Kosovo Tibet erregt Hoffnungen nach romantischer Ursprünglichkeit in Weitweitwegistan, an dessen Ursprünglichkeit in bunten Tüchern man sich dann alle paar Jahre auf Selbsterfahrungstrip berauschen kann - und damit Tibet zum kulturellen Museum zu erklären, was dem derzeitigen chinesischen Projekt gleich sieht.
Wo vor der Haustüre der Zerfall Europas in solche ethnischen Reviere just noch einmal Zündstoff erhielt, meint man mit der Freiheit für Tibet immer schon kulturelle und drückend patriarchale Entitäten. Insofern ist es wenig von Bedeutung, was in Tibet tatsächlich geschieht: Die Welt würde auch im schlimmsten Fall allenfalls die Olympiade boykottieren, was China allemal ein lächerlicher Preis für die Intaktheit seines Territoriums wäre. Dass China trotz massiver Menschenrechtsverletzungen für die Olympiade ausgewählt wurde, ist schon Schnee von gestern. Gegen den auf Tibet gerichteten romantischen Ethnizismus haben solche individuellen Schicksale keine Chance. Deshalb tut man nun so, als sei das Vorgehen Chinas in Tibet ein Sündenfall, eine Steigerung des antidemokratischen Usus in ganz China - und nicht ein zwar harter, aber auch im europäischen Vergleich keineswegs außergewöhnlicher Polizeieinsatz gegen Separatisten und Hooligans.
30.3.08 15:58


Fussball, Idiotie und Radios

Der Radiomoderator verkündet die Ergebnisse „unserer“ Fussballer. „Wir“ haben gegen Staat XY haushoch gewonnen. Dann spielt er ein Zitat aus einem Interview mit dem Torschützen Podolski ein. Dieser stammelt etwas verwirrt herum.
Der Moderator macht den cut und triumphiert voller Rancune aus ganzem Herzen: „Vollidiot!“
Nachgeschoben wird, dass man ihn ja nicht zum denken, sondern zum Tore-Schießen brauche. In diesem enervierenden Bashing verrät der Moderator sich selbst. Seine durch Jingles eskamotierten Phrasen dröhnen dumpfer als der Fussballer, der Schwierigkeiten hat, seinen Zufallstreffer eloquent als ureigenste Leistung zu verkaufen.
Das Denken ist dem Moderator selbst zum Feind geworden, seit er seine alltägliche Sülze für selbiges zu halten gezwungen ist, um klägliche Reste an Selbstbewusstsein aufrecht zu erhalten. Die Entwürdigung, die seine Sendungen dem schwachen Opfer zumuten, das durch seinen gesellschaftlichen Status seine Schwäche zu zeigen gezwungen ist, sind die selbst erlittenen. In der so geleisteten Projektion verkehrt sich das reale Opfer des Betriebs zum Täter und Teilhaber. Platte Beats zerhacken sinnlose und substanzfreie Plattitüden im Auftrag einer Gesellschaft, die das Denken schon lange als Bedrohung für den von ihr gehegten Schein erkannte und daher domestizieren muss. Was sich dem so gezeugten Räsonieren sperrt, sich noch unverständig und ungeschliffen einem auf Schliff und Drill gestimmten Betrieb gegenüber zeigt, wird systematisch fertig gemacht. Das Nichtverstehen und Stammeln ob des Unglaublichen und Verkehrtem, das einem im Fussball- oder Radio-Betrieb widerfährt, ist gefährlich, denn es versinnbildlicht konzentrierten Zweifel, den Todfeind des Konformismus. Mit fetischisierter Eloquenz rüstet das Weltbild sich fürs plappernde Schweigen vom Falschen.
27.3.08 10:48


Ein lesenswerter Reisebericht aus Saudi-Arabien

Wie kommt man als Jude nach Riad? Tuvia Tenenbom hat es geschafft und berichtet in der Zeit darüber:

"Das Land, das mich nicht will." (13.3.2008)

19.3.08 12:21


Rwanda - 1 074 000 Todesopfer des Genozids

Die Schätzungen zu den Opferzahlen des Völkermordes in Ruanda bewegten sich bislang zwischen 500 000 und 1 000 000. Auf allAfrica.com wurde nun über eine Untersuchung von MINALOC (Rwanda Ministry of Local Government) berichtet, die die tatsächliche Zahl bei 1 740 000 veranschlagt. Wie sich herausstellte, handelt es sich um einen Fehler, bekanntgegeben wurde die Zahl 1 074 000.

Der Massenmord in Ruanda war nicht industriell. Dennoch war er auch nicht archaisch. Die Macheten wurden über internationale Handelswege vom anderen Ende der Welt eingeführt. Mit Radios wurde die Bevölkerung aufgestachelt und das Morden orchestriert. Die Systematik und Kälte, mit der individueller Hass organisiert wurde, die kalte sadistische Wut, mit der Todeslisten geprüft und abgehakt wurden verweisen auf die gleichen Ressourcen, die der Nationalsozialismus für seinen Vernichtungskrieg nutzbar machte.
Vieles spricht dafür, dass die Potentaten sogar bewusst auf die nationalsozialistischen Techniken der Planung eines solchen Massenmordes zurückgriffen. Die systematische Vernichtung von mindestens 1 000 000 Menschen in 100 Tagen mit primitivstem Gerät bedeutete den bislang zynischsten Fortschritt der Massakergeschichte. Es bedurfte dazu einer Fragmentierung und Vereinzelung der Gesellschaft, wie sie Grundlage für die bürgerliche ist. Ein abgrundtiefer Hass und Sadismus, eine gärende Wut waren auf Seiten der Täter vonnöten, dass eine größere Zahl von Menschen das Tötungstabu derart spielend überwand. Die ihren Sadismus am willkommenen, auf Abruf degradierten Objekt abtobenden Mörder mussten nicht ausgebildet werden. Ein seit Dekaden trainiertes Ressentiment ermöglichte das blitzartige Rekrutieren von bis zu 30 000 Interahamwe-Mördern und das Aufhetzen von bislang friedlichen Nachbarn. Und wieder einmal zeigten sich die UN unfähig, ihrem protektiven Anspruch gerecht zu werden: Nach dem Tod von 10 UN-Soldaten zogen ihre Truppen weitgehend ab und hinterliesen im besten Wissen um das Geschehen vor Ort den Interahamwe die killing-fields.

Jegliches Kategorisieren und Vergleichen droht angesichts der absoluten Barbarei in Rationalisieren abzugleiten. Auschwitz wird sich nicht wiederholen, es hat sich nie wiederholt und es war immer schon ein Teil eines noch größeren Grauens.
Dass jedoch nichts irgend Ähnliches geschehe ist gleichsam der Kern des von Adorno nur mühsam ausformulierten kategorischen Imperativs der Menschheit nach Hitler. In Ruanda zeigten moderne Demokratien zum wiederholten Male, dass sie nicht in der Lage noch Willens sind, Völkermorde zu verhindern. Jedes Fazit erübrigt sich.

29.2.08 18:14


Castros Rückzug - Kein Sieg der Freiheit...

„La historia me absolverá!"
Fidel Castro

Fidel Castro Ruz verdankte seinen Aufstieg vom Großgrundbesitzersohn zum Präsidenten zunächst zu nicht unwesentlichen Teilen den USA. Diese verhängten gegen Batista nach Massenmorden an Oppositionellen ein Waffenembargo und verweigerten ihm ein militärisches Eingreifen. Weite Teile der linken Presse in den USA präsentierten Castro als Vorkämpfer der Freiheit. Von kommunistischen Ideen schwieg der damalige Räuberhauptmann noch, die Hinwendung zur Sowjetunion erfolgte erst nach der Abwendung vom nunmehr imperialistischen Erzfeind. Die zahlreichen gescheiterten Mordversuche beförderten seine Paranoia ebenso wie seinen Führerkult.

Nach den hinlänglich bekannten Ereignissen der kubanischen Revolution 1959 schwang sich Castro zum Diktator auf: Die versprochenen freien Wahlen erklärte er für überflüssig, Anhänger der katholischen Gewerkschaft, die mit Castro gegen Batista gekämpft hatten, wurden ebenso an die Wand gestellt wie Oppositionelle, Batistaanhänger, ehemalige Kampfgenossen. Der Arzt Ernesto Guevara war dafür bekannt, diesen Hinrichtungen zur Entspannung beizuwohnen. In seinen Schriften zum Guerillakrieg, den er zunächst ausschließlich auf faschistische Zustände zuschnitt, und dann im Zuge antiimperialistischer Wahnphantasien immer weiter fasste, wurde ein Haupttelos die totale Vernichtung der Armee des Feindes nach dem Sieg der Guerilla. Das Gefängissystem Kubas entwickelte sich in der Folge zu einem der brutalsten in der Geschichte Südamerikas. (Souchy)

In der kubanischen Gesellschaft wurden Homosexuelle, Abweichler und jeder Hauch von Selbstorganisation durch stalinistischen Terror unterdrückt. Die ökonomischen Fehlentscheidungen und der autoritäre Regelungsstil bis ins kleinste ökonomische Detail führte zu einem exorbitanten Rückgang der Produktion, so dass auf der Zuckerinsel Kuba für die eigene Bevölkerung der Zucker rationiert wurde und der Hunger sich breitmachte. Guevara wurde zum Banken- und Industrieminister, weil er die Frage, wer in der Runde der Revoluzzer etwas von Ökonomie verstehe, akustisch falsch verstand und sich meldete. Zur Frage der Gewerkschaften lies der grandios scheiternde Minister dann 1960 verlauten:

"Der Arbeiter muß sich von allen bürgerlichen Illusionen befreien. Er ist nichts anderes als ein Diener des Staates; seine Funktion ist, so gut wie möglich zu arbeiten und so viel wie möglich für das Vaterland zu produzieren."

1963 erklärte er:

"Es ist das Schicksal der Gewerkschaften, zu verschwinden. Wir müssen sie darauf vorbereiten zu verschwinden. Und die Arbeiterführer müssen wir psychologisch darauf vorbereiten zu verschwinden." (Beide nach: Souchy 1974)

Der ökonomische Absturz Kubas hatte die möglicherweise von Castro erzwungene Auswanderung Guevaras zur Folge: In Afrika versuchte er, kongolesischen Guerillas das zünftige Kämpfen beizubringen, die Verhandlungen und politischen Interessen der Anführer selbst interessierten ihn wenig. In Bolivien fand er dann das, was er eine beträchtliche Zeit seines Lebens suchte und verherrlichte: Den Märtyrertod.
Dass sein ihn überlebender Mordbruder Castro als innigster Vertreter des Linksfaschismus nicht gestürzt wurde, sondern nun lediglich aus Alters- und Krankheitsgründen zurücktritt, ist eine Niederlage für die Freiheit und kein Grund zum Jubeln. Solange in Kuba keine Zivilgesellschaft mehr existiert, in der die Verherrlichung des Staates und der Führerkult nicht durch alle Poren gedrungen wären, hängt die Befreiung Kubas von der Politik seiner Befürworter und Gegner ab.

Quellen:
Souchy, Augustin : Betrifft Lateinamerika.  Zwischen Generälen, Campesinos un Revolutionären. Edition Mega. 1974. 217 Seiten.

Lahmbert, Robert: Die Guerilla in Lateinamerika.  Theorie und Praxis eines revolutionären Modells. DTV: 1982.

Allemann, Fritz Rene: Macht und Ohnmacht der Guerilla. Piper. 532 Seiten.

Guevara, Ernesto Che: Der afrikanische Traum. Kiepenheuer&Witsch, 2000. 319 Seiten.

Ders.: Bolivianisches Tagebuch. Trikont Dianus, 1985. 227 Seiten.

Ders.: Guerilla Warfare

Wikipedia: Fidel Castro  

19.2.08 11:42


Lesen lernen mit Fidel Castro

Ein ganz erlesenes Kulturgut der Menschheitsgeschichte fand ich im WG-Bücherregal. Fidel Castro erklärt kleinen Kindern, wie man Alphabetisierung als antiimperialistischen Abwehrzauber einsetzt.

Hübsch klein und emanzipiert schreiten schwarz, weiß, männlich und weiblich vor der Festung Spalier.

Mit dem Phallus Stift, gängiges Symbol in Schulbüchern, wird die Festung des Imperialismus angegriffen.

Darin sieht es wie oben aus: Armut wird von hakennasigen Zigarrenmännern, fiesen Militärs und sündigen Prostituierten begleitet. Letztere sticht durch ihre feuerroten Haare besonders hervor. Sie tritt aus dem Bild heraus, die verborgene Ambivalenz lässt sie gerade noch als begehrenswert erscheinen, zwischen ihr und dem armen Schuhputzer stehen dagegen die beiden bösen Männer.

"Stürzt den Mörder Batista". Die erniedrigte und mit einer blutigen Nase in eine devote Position gezwängte ödipale Vaterfigur, ein Batista-Polizist, darf in Höllenfeuern des enteigneten Großgrundbesitzerguts gebraten werden. Die rebellierende Bande der Jungmänner zieht sich zurück.

Zwar will das Gesamtkonzept Rassismus offenbar ansprechen, hier wird jedoch explizit auf eine typische Negerkarikatur, wahrscheinlich ist Batista selbst gemeint, zurückgegriffen. Alle mit roten Phalli ausgestatteten Verteidiger des riesenhaften Monsters sind mit extremen Nasen und Über- oder Unterbiss versehen.

Friedlich sitzt die Taube auf dem Phallus Kanonenrohr. Rot sind hier die beiden Blumen, die Kreativität symbolisieren wollen. Die Aneignung des Phallus leugnet Destruktivität und behauptet die friedliche Nutzung desselben.

Muttergleich empfängt Castro selbst mit seinem gewaltigen Bart die Kindlein in der Festung seines Herzens. Hier dürfen sie zurückkehren in den dunkel-heimeligen Uterus.

Nach getaner Übung reiht man sich stolz ins Fahnenträgertum ein, wie SDAJ oder FDJ am anderen Ende der Welt. Ob ihre Väter und Großväter, seien es ehrliche Kommunisten, Gewerkschafter oder reaktionäre Konservative, von Castro und seinem Mordbruder Guevara an die Wand gestellt wurden, juckt sie nicht mehr. Hunger steht ihren Pausbäckchen schlecht an und von Foltergefängnissen, deren Wärter sie später darstellen, weiß man noch nichts. Im fröhlichen infantilen Ringelrein frönt man der Geschichtsfälschung und Verherrlichung. Lesebücher dieser Provenienz wurden übrigens bei sozialistischen Alphabetisierungskampagnen auf Nicaragua eingesetzt. Ein Faktum, das den Terror der Contras nicht rechtfertigte, aber bedingte, nicht zuletzt dadurch, dass viele der eher konservativen, englischsprachigen Miskito-Indigenas sich - eben wegen solcher permanenten Indoktrination und gleichzeitigen mörderischen Verbringungen in Sammellager - den Contras anschlossen.


15.2.08 14:18


Drachenläufer

"Ich pisse auf die Mullahs und ihre Bärte."

Kein Wunder, dass die afghanischen Behörden den Film als "unruhestiftend" verboten haben. Afghanistan erinnert er an eine Zeit, in der Frauen unverschleiert auf der Straße gehen durften und in der eine eigene politische Meinung nicht Selbstmord war. Dem Antiamerikanismus hält er Amerika als Zuflucht der Verfolgten vor, als Land der freien Meinung. Bestechlichkeit wird regelrecht als zivilisatorische Qualität gefeiert. Und dem paschtschunischen Ehr- und Rassebegriff mutet er manche Kränkung zu. Zuviel Kritik für das Afghanistan, in dem immer noch die Scharia gilt und in dem außerhalb wie innerhalb der halbwegs befreiten Zonen Drogenbosse, Taliban und Warlords mit undurchsichtigen Interessen herrschen. Der Zensur gegenüber bleibt wenigstens das Schmuggeln von kompakten CDs und Downloads eine wirksame Waffe der Moderne. Vom politischen Aspekt her ist Drachenläufer also ein must-have-seen, schon aus Protest gegen das Verbot.

Vom cineastischen Aspekt aus betrachtet zeichnet sich das Werk vor allem durch ein paar nette Drachenszenen mit einer genialen Kameratechnik und sehr gute, wenngleich etwas kayalgeladene, Schauspieler aus. Ein angestrengter Realismus wirkt dagegen durch emotionale und erzählerische Behelfsmittel zwangsläufig weichgezeichnet. Das bemüht schmonzige Ende, das an den Anfang zurückkehrt, ein Kniff, der Heimeligkeit und ein "Es ist letztlich doch alles so wie es sein soll"-Gefühl erzeugen soll, wirkt zugemutet und synthetisch, wo vorher eher Widersprüche angesprochen wurden. Sadomasochistisch (d.h. in wechselnden Opfer-Täter-close-ups) ausgeleuchtete Vergewaltigungsszenen sind dazu generell als filmisches Mittel zu hinterfragen.

Aus analytischer Perspektive wird das Kastrationsspiel des Drachenabschneidens zum legitimierten ödipalen Aufstand des infantilen Narzissmus und zur homoerotischen Metapher. Verdrängte Homosexualität wird allerdings als notorisch gewaltförmige demaskiert. Dennoch bleibt die dauernde Leitlinie der Pädophilie und der Homosexualität als negatives Merkmal der Taliban etwas enervierend. Es hat den Anschein, als wären hier die zahllosen einzelnen Grausamkeiten auf das zusammengeschnitten, was gemeinhin als Konzentrat des Bösen gilt, um es so einfacher und kompakter abhandeln zu können. Auf diese Weise entsteht leider der fatale Eindruck, den Taliban sei nicht nur ihr rigider Moralismus, sondern vielmehr ihre Doppelmoral vorzuwerfen.
Der Frauenperspektive wird trotz einer "realistisch" ausgeleuchteten Steinigungsszene sehr wenig Raum gegeben, "Drachenläufer" ist vor allem ein Männerfilm mit Männerängsten, ambivalenten Vaterfiguren (zwei alleinerziehende Väter als Hauptdarsteller) und ödipalen Themen. Selbst als die Hauptdarstellerin Soraya den Aufstand gegen den rassistischen Paschtschunen-Vater wagen will, unterbricht sie der Protagonist Amir und übernimmt diesen Aufstand, vereinnahmt ihn in eigenem Interesse und aus Paternalismus.
Der Wiederholungszwang wird mystifiziert, ebenso das Gefühl des Besonderen auf eine besondere, spirituell verhauchte Fähigkeit reduziert, das Drachenfangen. Immerhin wird subtil ein interessanter Diskurs über eine eingangs im Opfern aufgehenden Liebe und dem am Ende geleisteten Austausch des masochistischen Hingebens geführt.

29.1.08 11:05


Desidentifikationsmittel nach der Hessenwahl

Der Ekel ist schwer abzuwaschen. Selten fiel es mir so schwer, wenigstens eine weniger schlechte Wahl zu treffen. Noch am Samstag rollte ein Lautsprecherwagen durch das kleine Nest und quäkte von Landtagswahlen und doch bitte CDU und so weiter, ob da von roter Gefahr schwadroniert wurde, war nicht zu verstehen, klar wurde: Da sollte braven, arbeitslosen Bürgern wie mir die wohlverdiente Wochenendruhe geraubt werden. Hätte ich nicht schon längst die Briefwahl getätigt, ich hätte mich erst recht befleißigt gefühlt, ungültig zu kreuzen.
Nun hat denn Koch seinen verdienten Gong erhalten, Ypsilanti will den Bogen offensichtlich bis zu Neuwahlen überspannen und die Chaostruppe der linken Antiimps freut sich über bärenstarke 5,1 Prozent, die sie mit kreuzbiederen Plakaten aus Orten wie Rossdorf oder Amöneburg zusammenklaubte.
"Es gibt keine bürgerliche Mehrheit mehr" jubiliert derweil Ypsilanti, und verabschiedet sich damit vollends von der Restvernunft. Anstelle einer Bloßlegung der CDU wie auch den Flakhelfern des Pöbels (FDP) als im Kern antibürgerlich, rassistisch und im Klientel bedingungslos offen für NPD-Positionen, adelt sie deren engstirnige Borniertheit noch zum Bürgertum. Kein Kuriosum, wenn man sich die intellektuelle Flatulenz der SPD im Allgemeinen und der Hessen-SPD im Besonderen zur Brust nimmt. Die Fokussierung auf Schule und Mindestlohn ist im Populismus der auf Infantilität abstellenden Wahlwerbung (Koch als Schüler) so ärmlich wie der auf ökonomische Analysen per se verzichtenden Linken vom Brot gestohlen. Das Gackern von demokratischer Kultur wird zu Farce, wenn man sich den über Jahre mitgetragenen und nie ernsthaft aufgearbeiteten faschistoiden Führerkult Schröders ansieht. Dass die SPD keine CDU in grün ist, hatte diese Wahl wohl am erfolgsversprechendsten vorzugaukeln versucht. Dass man nun nicht wenigstens nach dem Wahlprogramm und den Wählern der Linken noch deren Stimmen im Landtag verwertet, ist zumindest unehrlich. Koch wäre wenigstens die Chuzpe zuzutrauen gewesen, sich von Stimmen der NPD auch wählen zu lassen, wenn man dem schon inhaltlich gleichsieht.
Die Neuwahlen sind indes schon am Stallmate abzulesen. Die Strategie Ypsilantis ist sonnenklar: Nicht nur, dass sie Koch den Wahlsieg gestohlen hat, nun will sie ihn noch vollends demütigen, indem sie sein Schreckgespenst einer Regierung von Ausländerkommunisten ["Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten"] verpuffen lässt. Damit könnte sie durchaus Erfolg haben: Einerseits indem sie durch die Verweigerung dieser Möglichkeit noch ein paar letzte linke Stimmen abgrast, die nun wenigstens via SPD an die studiengebührenfreie Macht wollen, andererseits noch restliche Stimmen aus dem bürgerlichen Lager abgreift, das sie gerade strahlend für besiegt erklärte.
26.1.08 11:54


Wenn Deutsche wählen

Bei der Web.de-Umfrage "Wer soll US-Präsident(in) werden" antworteten bislang von 597 Teilnehmern 42% mit Hillary Clinton, 55 % mit Barak Obama, für John McCain stimmten 2% und für Mitt Romney 1%.
Zum Glück wählen in den USA Amerikaner und nicht Deutsche, sonst wäre der amerikanische Einparteienstaat mit 97% Demokraten längst etabliert, der Irak Al-Qaida-Headquarter und Taiwan so volksrepublikschinesisch wie Israel dann iranisches Territorium.
20.1.08 13:45


Death toll in Iraq

Eine zur Abwechslung recht seriöse Diskussion zu den gewaltinduzierten Todesfällen im Irak seit der Befreiung findet sich im New England Journal of Medicine.
Da Tote in islamischen Gesellschaften in der Regel sehr rasch und oft abseits der ohnehin überfüllten Leichenhallen und Krankenhäuser beerdigt werden, sind Umfragen die einzige Möglichkeit, wenigstens halbwegs verlässliche Zahlen zu erhalten. Hochrechnungen werden erschwert durch die hohen Flüchtlingszahlen. Es werden drei Studien gegenübergestellt:
Der Iraqi Body Count zählt nur mehrfachbelegte Medienberichte von zivilen Opfer und kommt so auf etwa 48 000 Tote seit Beginn der Invasion. Die unter Kriegsgegnern weithin zitierte Burnam-Studie kommt bei Befragung von 1849 Haushalten in eher städtischen Gebieten zu einer hochgerechneten Opferzahl von 600 000 Toten bis 2006. 
Die IFHS-Studie kommt dagegen bei einer Befragung von 9345 Haushalten/Personen in unterschiedlichsten Gebieten zu einer aktuellen Zahl von 151 000 Toten seit Beginn der Invasion. Diese Studie rechnet starke Unsicherheiten wie die Glaubwürdigkeit der Befragten mit ein und hält ein Minimum von 104 000 und ein Maximum von 223 000 für möglich.
 
Bemerkenswert ist, dass die Frage nach der Zahl der Toten fast magischen Gehalt in gewissen Teilen der Kriegsgegner hat. Zynische Vergleiche und Rechnereien bleiben nicht aus, wenn es um das Verlangen geht, den USA eins auszuwischen.
Die Massen, die den Sturz Saddam Husseins seinerzeit nicht mit Erleichterung, sondern mit Solidarisierung mit Baathisten und Islamisten beantworteten, sehen sich anscheinend völlig unschuldig am Anstieg des Terrorismus. Das Selbstbild als schwache, geknechtete NGOs unter dem Stiefel der Supermacht USA verhindert die Einsicht darin, dass die friedensbewegten Millionen sehr erheblichen Einfluss auf den Terrorismus im Irak hatten.
In Deutschland wurde Gerhard Schröder für die Verweigerung einer Unterstützung unter dem Slogan "Friedensmacht Deutschland" wiedergewählt. Aus seiner Regierung blökte Fischer seinerzeit von einer serbischen Waffen-SS und dass man wegen Auschwitz Krieg gegen Jugoslawien führen müsse. In Spanien wurden Terroranschläge mit dem Truppenabzug aus dem Irak belohnt.
 
Völlig außen vor bleibt bei den vorgeblichen Kritikern die Subjekt-Position. Wie weite Teile der Gesellschaft im Irak auf die Idee kamen, sich gegenseitig umzubringen und daneben noch ihre ehemals bejubelten Befreier zu verfluchen, geht den Simpliszisten in Mängeln der US-Strategie auf. Dass diese relativ ohnmächtig einer gewaltigen Koalition aus Kriegsgegnern, die über Jahre in Millionen die europäischen und auch die amerikanischen Wahlen und Straßen dominierten, wie auch einem frohlockenden und von der EU weithin unterstützten Iran gegenüberstand, kann in deren Wahrnehmung nicht eingeflossen sein, weil man selbst an diesen narzisstischen Exzessen teilnahm, 10 Euro an den "Widerstand im Irak" spendete und höhnisch aus allen nennenswerten Zeitungen den USA ein "zweites Vietnam" wünschte.
In der Tat hätte man sich an vielen Stellen ein klugeres Management der Befreiung durch die USA gewünscht. Diese Kritik ist jedoch nur glaubwürdig vom Standpunkt der Richtigkeit einer Invasion angesichts des unerträglichen Terrors unter der Hussein-Diktatur.
Inzwischen scheint sich die Lage auf immer noch viel zu hohem Gewaltniveau zu beruhigen. Besonders Frauen sind in unkontrollierten Gebieten Opfer von islamistischen Terrorgruppen. Die befürchtete Dreiteilung des Irak blieb indes ebenso aus, wie eine endlose Gewaltspirale, deren vorgeblich "auslösbaren" Mechanismus Lumpenintellektuelle in Unzahl herbeireden wollten.
13.1.08 20:16


RTV - Fernsehmagazin als Medium für Verschwörungstheorien

Noch vor denen, die behaupten, der Krieg gegen den Terror verursache erst den Terror, sind mit Abstand diejenigen die Widerwärtigsten, die behaupten, den Terror gebe es nicht oder er sei Teil eines geheimen Planes.

"Ufo-Kurier"-Autor Andreas von Retyi, der bei seinen "Nachforschungen" zu Area 51 scheiterte, weil es ihm nicht "mit letzter Sicherheit" gelang, den Nachweis für dort doch mit letzter Sicherheit aufbewahrte außerirdische Flugobjekte zu erbringen, darf im RTV-Magazin sein neues Buch beworben sehen: "Die Terror(F)lüge".

Die bei Amazon identisch erhältliche Kurzbeschreibung informiert prägnant:

In offiziellen »Studien« zum 11. September 2001 wurden Daten verfälscht, brisante Informationen verschwiegen, wichtige Zeugen mundtot gemacht, Fakten vernebelt und Beweise eiligst beseitigt. Wirklich alles deutet darauf hin, daß der gigantische Terroranschlag vom 11. September 2001 von geheimen Kräften innerhalb der US-Regierung gesteuert wurde.

Skandal ist dabei nicht, dass solche Wahnsinnigen sich eitel noch als selbsternannte Wissenschaftler präsentieren, oder dass sie in ihrer Funktion auch absurde Thesen geprüft wissen wollen - das ist selbstverständlich gerade im wissenschaftlichen Bereich.
Vielmehr ist es Zeichen der Regression von Gesellschaft, wenn in Massenmedien mit Millionenauflage aggressiv für offensichtlich auch in dieser als psychopathogen geltende Einstellungen geworben wird. Die Verschwörungsangst des Kleinbürgers soll ihn selbst über seine verfolgende Neugier, sein Stalkertum hinwegbefriedigen. Er, der sich von Sekten hinter dem Staat hintergangen fühlt, hat noch nie begriffen, Staatlichkeit als feindlich zu begreifen.

Der "Wissensvorsprung geheimer Gruppen" will Gleichwertigkeit herstellen, wo die durchschlagende Gewalt des Kapitals für Fortschritte auf technischem Gebiet sorgt. Hilfe und Bedrohung soll von außen kommen, von Ufos und Aliens. Was man am Schlüsselloch zur Macht nicht erblickt, reimt man sich zusammen und dichtet noch gehöriges dazu. Der Befund selbst erklärt, warum den Verschwörern ein ganzes Heer von Lumpenjournalisten hinterherrecherchieren darf, warum jeder Autor damit wirbt, endlich die Geheimnisse der geheimsten Geheimlogen der Welt erfolgreich aufgedeckt zu haben - Paranoia. Diese ist nicht das falsche Bewusstsein über die Zustände, in denen das Individuum als Abnormes verfolgt und ausgegrenzt, oder bei Bedarf als Star hypostasiert wird, sondern die Überschätzung des Individuums in diesem falschen Ganzen. Paranoia ist stets schon Größenwahn, der sich für bedeutend genug hält, in besonderem Maße verfolgt zu werden. Die wahnhafte Überzeichnung der Unterdrückung in demokratischen Zuständen verharmlost dabei das Grauen, in dem der Faschismus diese bei weitem übertrifft.

21.12.07 16:45


'Wo bitte gehts zu Gott? fragte das kleine Ferkel.' - Kinderbücher zwischen Propaganda und Agitprop

Religiöse Propaganda wie Kinderbibeln, Koranschulen und Religionsunterricht sind nach dem Dafürhalten des Aufklärers ein Greuel. Mit Links erledigt er den Mythos, mit rechts lüftet er den Muff unter den Talaren. Wie schnell es gehen kann, dass Aufklärung selbst in basse Gegenpropaganda umschlägt, beweisen Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke in dem Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen wollen."

Die von ausgezeichneter und sehr putziger Illustration mit Blick für kleine Gesten und Mimik begleitete Geschichte führt ein schmutzverkrustetes Ferkel und einen Igel auf den Tempelberg, wo sie der bangen Frage nachgehen, ob ihnen etwas fehle, sollten sie Gott nicht kennen. Nacheinander treten ein Rabbi, ein Bischof und ein Mufti an, den Sachverhalt zu klären. Es endet jedoch von allen Seiten in einer Verfolgungsjagd, in deren Kulmination das Ferkel und der Igel sich aus dem Staub und zurück in ihr Eigenheim machen.

Nun ist dem Bilderbuch Verkürzung ein strukturelles Problem und ein Krittler wäre, wer hier einen Mangel an Information oder Differenzierung unterstellen würde. Zweifel entstehen an der Frage, warum rationale Figuren als Tiere zur Identifikation einladen sollen, die Karikatur des Menschen jedoch das Gegenprinzip verkörpert? Ein Rätsel, das das genauere Studium der Psychoanalyse erhellen könnte, die sodann vieles über abgespaltene anale Wünsche im Schmutz des Schweins und die Abwehr von Kastrationsängsten im Stachelpelz des Igels zu erzählen wüsste. Das sei dahingestellt.

Aufklärung schlägt in Regression um, wenn ein sorgloses, romantischens Idyll im Grünen und die hohen beängstigenden Gebäude der Gotteshäuser gegenübergestellt werden. Dem heidnischen Reiz des Nichtwissenwollens als Illustration im eindächtigen Papierfliegerbasteln tritt ein Unverständliches gegenüber, das in der klaren Welt des Ferkels und des Igels nur als Trug und Mummenschanz bestehen kann. Was Religion dann wirklich sei und was ihren Reiz ausmacht, bleibt dem Kind offen: Es lernt, die Juden, Christen, Moslems sich streiten lassen und für verrückt erklären, ein nicht unerheblicher Distinktionsgewinn. Der Gott der Juden sei ein Babymörder wegen der Sintflut, ein maliziös grinsender Rabbi weidet sich laut Bild daran. Die Christen seien Kannibalen, und wie die Moslems rasch beleidigt. An Stelle von Aufklärung tritt das Stereotyp der Verdrängung. So dünkt es sich als Ferkel rasch besser, ohne dass dem gesellschaftlichen Rang der Religion ein Quentchen Intellekt abgenötigt worden wäre. Die Theodizee, warum denn Schlechtes in der Welt sei, ficht die Dyade in ihrer Hütte kaum an, gibt es doch dort kein Leid und keine Not. Die entscheidenden Fragen der Religion, wie Leid zu trösten wäre, wie der Tod begreifbar gemacht werden soll, wie gelebt werden solle, woher ein schlechtes Gewissen oder überhaupt der Mensch kommt, diesen zu begegnen und sei es um die Frage selbst in Frage zu stellen, wäre von aufklärerischem Gehalt. Das sich ernsthafte Fragen niemals stellende Paar aus Schweinchen und Igel kann getrost auf Gott verzichten, weil es die Fragen, aus denen dieser entspringt, nicht stellt. Damit verzichtet es allerdings auch auf Aufklärung und kritischen Geist, die erst Religion und den Mythos als Vorstufe der Aufklärung ablösen könnten. Atheismus kann leicht zur Ersatzreligion mit nicht minder perfiden Folgen führen, selbst Mythos werden.

Weiter bleibt unklar, was dem Autor als Ursache für die Abwertung des Judentums neben Islam und Christentum gleichermaßen gelten kann, obwohl doch letztere ungleich mehr Gewalt produzieren. Die infame Ausgestaltung des Rabbis wurde von dritter Seite bemängelt und vom Autor wie folgt beantwortet:

"Im Unterschied zu jenen selbsternannten "Antifaschisten", die sich bislang über die Figur des Rabbis aufgeregt und dabei überaus merkwürdige Vergleiche gezogen haben, weiß ich aus eigener Erfahrung, was Antisemitismus bedeutet. Wegen meines jüdisch klingenden Namens werde ich seit 1994 regelmäßig als "Judensau" beschimpft und auch massiv bedroht - meist von Christen, mitunter auch von Muslimen. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, in aller Offenheit jene orthodoxen Juden zu kritisieren, die ebenso wie fundamentalistische Christen und Muslime vom Gotteswahn befallen sind. Mit Antisemitismus hat das selbstverständlich nichts zu tun! Wer liberale oder gar säkulare Juden - insgesamt glücklicherweise die Mehrheit! – von diesen glaubensfanatischen Löckchenträgern nicht unterscheiden kann, der ist wirklich selber schuld! Übrigens: Niemand macht schärfere Witze über Ultraorthodoxe als säkulare Juden…"

Eine merkwürdige Schlussfolgerung: Weil er Antisemitismus erlebt hat, will er orthodoxe Juden als gottesfanatische "Löckchenträger" kritisieren dürfen. Anstatt also den Antisemitismus zum Thema der Kritik an den beiden anderen Religionen zu machen, setzt er das Judentum mit diesen gleich. Dass die Karikatur des Rabbis mit ihren breiten Lippen und dem dämonisch-sadistischen Grinsen und der Hakennase dem visuellen antisemitischen Stereotyp gleicht, wäre dem mit der Aufklärung ernst Meinenden zuerst ein Grund zur Reflexion: Dieses Bild vom Juden beherrschte das antisemitische Europa über Jahrhunderte. Warum der Rabbi nicht wie der Mufti einen sympathischen weißen Bart oder nur eine Kippa tragen darf, bleibt unbedacht. Der Hut scheint dem Illustrator ein stärkeres Identitätsmerkmal zu sein, als die Kippa, die man meines Wissens auch als Rabbi in der Synagoge tragen sollte.

"Der Kaftan war das geisterhafte Überbleibsel bürgerlicher Tracht. Heute zeigt er an, daß seine Träger an den Rand der Gesellschaft geschleudert wurde, die, selber vollends aufgeklärt, die Gespenster ihrer Vorgeschichte austreibt. Die den Individualismus, das abstrakte Recht, den Begriff der Person propagierten, sind nun zu Spezies degradiert." (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung)

Gänzlich abgründig wird das der Schlussmoritat zugeordnete Bild: Eine Gruppe nackter Menschen, darunter Rabbi mit Brille und Hut, Bischof mit Mütze und Mufti mit Turban posiert bis auf jene drei heiter lächelnd. Nicht nur, dass der Rabbi mit Abstand die stärkste Körperbehaarung erwischt, und somit ein weiteres notorisches rassistisches Rassemerkmal ausgereizt wird, oder dass eine gesunde heidnische Schamlosigkeit als Freikörperkultur gegen die zersetzende Scham der Religionen aufgestellt wird. Vor allem ist eine solche karikierende Darstellung eines nackten Juden in einer Gruppe Nackter mit einem ihm lustvoll ins Gesicht gezeichneten Unwohlsein angesichts der Bilder aus KZs unerträglich. Da will man nicht ganz harmlos Prüderie oder Puritanismus kritisieren, sondern fertigmachen, was anders ist und aus der lustig-nackten, sexuell befreiten Masse herausragt.

Wenn Schmidt-Salomon/Nyncke eine Minderheit orthodoxer Fanatiker kritisieren wollen, warum stellen sie diese dann als Stereotyp für eine gesamte komplexe Religion vor? Dann wäre das Buch ins Leere geleitet, denn nicht Religion oder der Glaube an Gott wird dann kritisiert, sondern religiöser Fanatismus. Den wiederum bei den drei abrahamitischen Religionen gleichzusetzen ist ebenso widersinnig wie realitätsfern. Nirgends sprengen sich jüdische Menschen zu Ehren des jüdischen Gottes in die Luft, nirgends werden Menschen vor laufender Kamera zu Ehren des jüdischen Gottes ermordet. Zwar mag es in einigen sehr orthodoxen Gemeinden die Forderung nach getrennten Schwimmbäder geben, man hat sogar von rund 200 Metern geschlechtergetrennten Bürgersteigen in Israel gehört, von totalverschleierten Frauen oder Kinderverheiratung von jüdischer Seite hört man jedoch ebenso wenig wie etwa über jüdische Missionierung mit sektenhaften Methoden auf Pazifikatollen oder in Afrika.

Schon der Hass auf die "orthodoxen Löckchenträger" ist antisemitisch: Am orthodoxen Judentum, das in mystischer Versenkung oft jeder Gewalt abschwört oder in den strikten Regeln sich selbst kasteit, wird verschwiegen, dass dieses nicht ein Rechtsgefühl auf Besseres aus dem Auserwähltsein ableitet, sondern Verpflichtung. Das Schläfenlöckchen als vermeintliches nur der ultraorthodoxen Juden zuzuordnendes Merkmal erregt anscheinend die Idiosynkrasie des Autors. Was denn an diesen orthodoxen Juden so schmählich sei, außer dass sie an Gott eben recht wirklich glauben, und was eben daraus die Konsequenz sei, das geht den atheistischen Tierchen im Befürworten vom Babyleichen in der Sintflut auf. So bleibt der jüdische Gott ein Kindermörder und seine treuesten Verfechter Befürworter dessen. Das ist kein Beitrag zur Aufklärung, sondern zur Verfestigung von Vorurteilen, Idiosynkrasien und antisemitischen Stereotypen.
Nicht Besonderheiten sollen aufgezeigt werden, nicht einmal die Aufklärung über Ursachen der Religion findet statt, sondern Identitäten werden gesetzt: Am Ende sind alle gleich. Das ist die Ideologie, die im Nahostkonflikt die Achseln zuckt und die Gleichheit von antisemitischer Aggression und jüdischer Notwehr behauptet.

Der Autor meint zum Schluss, es wäre als pädagogisches Ergebnis die Toleranz der Ferkel und Igel zu verzeichnen:

"Vielmehr erdulden, tolerieren sie die Existenz religiöser Wahnideen, denken aber - wie ich meine aus gutem Grund! - auf diese verzichten zu können."

Das ist gut gelogen. Im Buch wünscht das Ferkel ob der Vorstellung von Babyleichen, dem jüdischen "Herrn Gott ganz dolle auf den Fuss zu treten, wenn es ihn mal treffen würde" und die Christen werden als Kannibalen verzeichnet. Wer wirkliche Kannibalen und Kindermörder tolerieren würde, wäre wahrlich schlecht beraten, doch nicht einmal darum geht es: Der aggressive Wunsch ist vormodelliert und dem Kind das Unverständnis und das Rätsel in Wut geleitet, die die antisemitische Gewalt vorbereitet.

29.11.07 20:52


'Die offene Wunde - Antisemitismus als Schicksal?' von Manfred Lahnstein - Rezension

Den marktgerecht für Halbgebildete entworfenen Einführungen zum Antisemitismus droht das Scheitern an der Dichte des Themas oder an der Naivetät des Autors. Nachdem mit Peter Waldbauers "Lexikon der antisemitischen Klischees" ein Tiefpunkt erreicht war, erwartete ich von einer Einführung für schlappe 8,95 ein ähnliches Niveau. Manfred Lahnsteins "Die offene Wunde - Antisemitismus als Schicksal?" enttäuschte diese Erwartung positiv. Der ehemalige Chef des Bundeskanzleramtes und Finanzminister pflegt ein an Broder und Adorno anknüpfendes Wissen über den Antisemitismus: Er richtet sich nicht an prospektive Neonazis, sondern benennt deutsche Mehrheiten und skandalisiert ohne anästhesistische Rücksicht auf Stirnrunzeln bei der vorgefärbten Leserschaft. Erfreulich ist, dass Lahnstein eine Position in schwierigen Fragen bezieht, die meinen Bedenken an gewissen simplifizierenden Diskursen in der Antisemitismusforschung gleichsieht:

1. Er trennt nicht in Antijudaismus und Antisemitismus. Das begründet er mit Zitaten, die spätestens ab 300 den Vernichtungswunsch als Triebkraft hinter den scheinhaften Bekehrungsaufforderungen hervorhebt.

2. Er widerspricht der Lehre vom Zeitgeist mit dem Hinweis auf philosemitische Herrscher inmitten finsterstem Antisemitismus der katholischen Kirche.

3. Er bezieht die Psychoanalyse in die Erklärung des Psychologie des Antisemitismus zwar fragmentarisch, aber positiv ein.

4. Islamismus und Antizionismus werden nicht ausgespart, sondern ausgiebig und konsequent bearbeitet.

5. Er führt durch ein historisches Sittenportrait die sukzessive Ausgestaltung des antisemitischen Klischees auf ihren jeweiligen ökonomisch-kulturellen Grund zurück.

Im letzten Punkt wäre eine Kritik anzusetzen: Gelegentlich gleitet Lahnstein in die Rationalisierung ab, die er andernorts kritisiert:

"Wen wundert es daher, wenn der Mann auf der Straße den Schutz der Juden mit dem Schutz des Judens gleichsetzte? Die Bauern und die kleinen Handwerker kamen in Bedrängnis. Wie sollte man zum Beispiel angesichts der häufigen Missernten die hohen Zinsen zahlen oder gar den Kredit tilgen? So saßen die Juden zwischen Baum und Borke. Hinzu kam die Wut über höhere Steuern - ein explosives Gemisch. Und wenn man schon an diesen Steuern nicht vorbeikam, so wollte man wenigstens die Juden vertreiben, ausplündern und falls notwendig auch umbringen - eine radikale Form, sich dem Schuldendienst zu entziehen."

Hier schießt Lahnsteins Wunsch, historische Komplexität materialistisch nachvollziehbar zu machen, ins Kraut. Nicht nur die leider auch ansonsten häufige Gesamtbezeichnung "Die Juden", die er ärgerlicherweise pflegt, oder der eher prosaische Stil - ins Gegenteil der Kritik verkehrt sich das Ansinnen der Erwähnung ökonomischer Gründe, wenn das "umbringen" als "nötigenfalls" am Ende einer rational durchdachten Kette steht, wo viel öfter über die berserkerhafte Wut des Pogroms zu sprechen wäre, NACH denen die von primärer Mordlust geleitete Masse in der Asche der Ghettos nach Gold wühlte. Im Falle des Nationalsozialismus trennt Lahnstein besser, er benennt dort ähnlich Gerhard Scheit in "Die Meister der Krise" die fatale Verschuldungspolitik der Nazis, die den Vernichtungskrieg bedingte, lässt sich jedoch nicht über den Primat der Vernichtunsabsicht täuschen, die eine solche ruinöse Politik erst zeitigte.

Ein Mangel an stilistischer Professionalität ist die größte Schwäche von Lahnsteins Buch:

Der Text ist von Ausrufungszeichen - Marksteine sowohl der Empörung wie des zu kurz gekommenen Begriffs - durchsetzt.
Wissenschaftliche Literaturangaben bei Zitaten, wie man sie von einem Professor immerhin erwarten könnte, fehlen, die Zitierungsweise ist an Stellen ohnehin nachlässig.
Eine zerstreute Gliederung erschwert insbesondere gegen Ende des Buches die Lektüre. Kürzeste Minikapitel fallen substanzlos aus dem Rahmen, andere Topoi werden mehrfach oder völlig fragmentarisch eingeführt. Häufig macht sich die These durch Verkürzung und apodiktische Einfachbelege ohne Not angreifbar.

Insgesamt ist Lahnsteins Einführungsband eine der günstigsten Einführungen in den Antisemitismus mit einem guten historischen Überblick, der einige in anderen Werken vernachlässigte Episoden insbesondere des christlichen Antisemitismus zugänglich macht und dort bisweilen auch gegen einige verbreitete Irrtümer in der Antisemitismusforschung Stellung bezieht. Damit wird er dem Anspruch einer allgemein verständlichen und inhaltlich anspruchsvollen Einführung mehr als gerecht. Für den ernsthaft mit dem Thema befassten Wissenschaftler bietet der Band dagegen wenig Erkenntnisgewinn, wenn man von einigen zusammengetragenen aktuellen antisemitischen Zitaten etwa von Ralph Nader, dem grünen US-amerikanischen Präsidentschafts-Kandidaten absieht.
In jedem Fall ist es gut zu wissen, dass auch eine Person mit einer solchen konsequenten Kritik am Antisemitismus einen gewissen Einfluss auf die Politik der BRD hatte. So sehr Lahnstein eine Absage an die antisemitische Mehrheitsgesellschaft leistet, die jeder Parteipolitik widersprechen muss, so konsequent skandalisiert er das Appeasement gegenüber Neonazis, islamophilem Kulturalismus und der iranischen Bombe.

13.11.07 11:18


Horst-Eberhard Richter zwischen Mord und Krieg

"Wir sagen und Ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen" (Theodor W. Adorno, Minima Moralia)

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die mein Deutschlehrer mir einst zu vermitteln wusste, war die, dass das Wörtchen "man" für Nazis eine fundamentale Bedeutung für die Selbstentschuldigung hatte. Wer "man" sagt, ist der Rationalisierung verdächtig.

Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker, liefert dafür ein herausragendes Beispiel in dem Interview "Plötzlich wird das Morden zur sozialen Tat" in der taz vom 26.10.2007.

Zunächst wird Richter gefragt, wie er als Wehrmachtssoldat "den Tod erlebt" hat. Es folgt die Schilderung eines traumatischen Erlebnisses, der Fund einer deutschen, blonden Leiche mit zerschossenem Gesicht. "Das war am ersten Tag unseres großen Angriffs. Das Bild bin ich nie mehr losgeworden."

Darauf wird er gefragt: "Haben sie getötet?" und er antwortet: "Ja, natürlich."

Wo die Natur berufen wird, soll es kein anderes geben, die individuelle Schuld wird aufgelöst in einem naturhaften Allgemeinen, dem man sich natürlich untergeordnet habe. Das immerhin weiß das Journalistenteam und hakt nach; "Natürlich"? Richter weicht aus, indem er die Frage nach der Rationalisierung falsch versteht und als Frage nach dem Töten umdeutet. Er antwortet: "Ich war bei der Artillerie. Als Richtkanonier. Die Haubitze war eine LFH-18 mit Schubkurbelflachkeilverschluss und Rohrrücklauf-Fahrbremse. "

Das Flüchten ins technische Detail ist ebenfalls bekannt als Technik des Umgehens wirklich relevanter Fragen. Interessant ist, dass Richter nun in diesem Block von der Ich-Position auf die Wir-Position schwenkt, um sich wenig später im "man" niederzulassen:

" (Forts.) Das weiß ich noch ganz genau. Ich bekam Kommandos, wie ich das Kanonenrohr einstellen sollte. Mit welcher Entfernung. In welchem Winkel. Das war meine Aufgabe. Mit dem Ding schossen wir (!) fünf, sechs, bis zu zehn Kilometer weit. Erst später, beim Nachrücken auf dem Vormarsch mit unseren Geschützen, haben wir gesehen, was wir angerichtet haben."

Das Betonen des "Kommandos" hat ebenfalls den Zweck, Unschuld zu betonen, die kleine Rolle, die der Nazi stets einnahm, auch wenn er wie Richter immerhin anerkennt, dass das auch "Töten" war. Das "genau wissen" und die mechanische Beschreibung führt jedoch auffällig über das hinweg, was Richter am eigenen Gefühlsleben verschweigt und was wirklich von Interesse wäre: Was hat den jugendlichen Richter damals vom Krieg emotional berührt, in welcher Art und Weise, und wo liegen die aggressiven, lustvollen Anteile? Aufklärung des Individuums darüber gäbe nicht Rückschlüsse auf das Individuum, sondern von da ausgehend die dringend benötigte Aufklärung über das Allgemeine.

"Was haben Sie gesehen" wird er gefragt, und er antwortet: "Tote russische Soldaten. Tote Frauen. Tote Kinder." "Das sieht man dann - und schießt weiter?" "Es gibt nur wenige Momente, wo man so etwas wie Scham hat."

Interessant ist hier, dass das "man" von Seiten des Journalisten eingeführt wird, was vergleichbar ist mit den Reaktionen der 2. Generation, die ihre Eltern vorauseilend vor Vorwürfen in Schutz nahm, weil sie die Ambivalenz, von Mördern liebevoll aufgezogen worden zu sein. nicht ertragen konnten. Im Interview schwenkt Richter wieder zurück auf die individuelle Position, um dann endgültig im "man" zu landen:

"Dann haben sie das ausgehalten?" "Man kühlt ab. Als ob irgendetwas in einem erfrieren würde. Stellen Sie sich vor, man kann dann in einer Gefechtspause ruhig essen, auch wenn da um einen herum Tote liegen. Man hat Appetit, kann jederzeit pennen. In meiner Sicht findet da eine Verrohung statt, die Abscheu und Mitleid reduziert. Es ist eine Reduzierung des Sensoriums und die Abtötung der Sensibilität. Man bewegt sich so automatisch - wie ein Roboter."

Die anthropologisierende Absicht der Allgemeinposition "man" wird verstärkt durch den auffälligen Wechsel vom Präteritum ins Präsens. Ebenfalls interessant ist die Phrase des "Stellen sie sich vor", eine Aufforderung zur Mittäterschaft in der Empathie. Wieder ein Wechsel in die Ich-Position, als es darum geht, dass Richter in den Pausen auch mal was für die Bildung tat. Die Flucht ins "man" ist jedoch sofort wieder da, als er gefragt wird:

"Heißt das, dass sie überhaupt keine Todesangst hatten?"
"So eine tiefe Angst hat man gar nicht. Man hat gar nicht die Zeit dazu. Man ist so funktional eingestellt, dass man in jeder Sekunde überlegt: Was muss ich tun? Es gibt da nur Kommandos und Feuer und fertig. Man bewegt sich so, als wäre es Routine. Egal ob neben einem Leute tot da liegen, sterben oder jammern. Eine hektische Pragmatik."

Das Betonen "und fertig" verweist nur zu eindeutig darauf, dass da im jugendlichen Richter sehr viel mehr ablief, als nur das Kommando, und das zu erwähnen für einen Psychoanalytiker eine Selbstverständlichkeit wäre: Die lustvolle Unterwerfung unter den Befehl, die Aggressionen gegen die toten Kameraden, der Ekel vor den Leichen, das Abgespaltene im Normalisierten, dessen Betonung immer auf den Zwang verweist, der zu seiner Herstellung notwendig war. Richter merkt das, will aber weiter auf dem "man" beharren.

"Keinerlei Hemmungen?" "Sie meinen Tötungshemmungen?" "Ja." "Nein. Das ist fast wie in diesem Charly-Chaplin-Film." "Wie in Modern Times?" "Genau. Als Soldat wird man wirklich zum reinen Werkzeug. Es ist schwierig, dieses mechanische Leben zu beschreiben. Wir in der Psychoanalyse nennen das Regression. Die Niveausenkung des psychischen Apparats. Die Ausschaltung des Gewissens, um das innere Gleichgewicht zu bewahren. Man wird auf Stand-by reduziert."

Die Differenz zwischen dem der Auflklärung dienlichen Subjektbericht:"Ich habe damals wie viele andere regrediert und mein Niveau gesenkt." und dem Gesagten ist offensichtlich. "Wir in der Psychoanalyse" ist zudem eine ziemlich perfide Abspaltung des eigenen Anteils am soldatischen mechanischen Leben. Wir hier - die Soldaten damals. Das Gespräch über Modern Times, in dem es um Fabrikarbeit geht und eben nicht um Soldatentum, versucht auf die Ebene des zivilen überzuleiten. Dass Richter in dieser Zeit keine Hemmungen hatte, besagt eben noch nichts über das Wesen des Soldaten an sich, sondern über das des nationalsozialistischen Soldaten. Dass diese mit offensichtlichen und unerhörten Mitteln dazu angehalten wurden, Tabus zu überschreiten und dass ihnen ebenso Befehle so vage und kryptisch erteilt wurden, dass sie selbst diese bis zum negativen Extrem auslegen konnten, dass in ihnen deutsche Ideologie wirkte, was sie von den russischen und alliierten Soldaten zumindest häufig unterschied, bleibt ungesagt, weil daraus Schuld und der Ruf nach einem verantwortlichen Subjekt generiert werden könnte. Diesen Unterschied zu verwischen, Schuld im Allgemeinen aufzuheben, tritt das Interview an, und es wird bruchlos übergeleitet zum Status quo:

"Und heute? Wo wieder deutsche Soldaten im Kampfeinsatz sind?" "Heute ist das anders. Heute wird das Sterben und Töten zum Schützen und Helfen." "Wie meinen sie das?" "Der Jung hat eine Sprachtechnik, die dem Soldaten pausenlos in den Kopf hämmert: Du bist ja nur dazu da, um zu schützen. Du bist ja nur dazu da, um die anderen nicht im Regen stehen zu lassen. Der Kohl konnte das auch. Es wäre gemein, wenn wir Deutschen jetzt nicht den anderen Soldaten helfen würden." "Eine Art sprachliche Umwidmung?" "Der Verteidigungsminister kann das fabelhaft. Es gibt eine karitative, moralisierende Logik, in der das Töten und das Schießen und das Morden umgekehrt werden zu einer guten, sozialen Tat." "In Afghanistan." "Genau. Das hat der Jung jetzt wieder gesagt: Auch wenn wir jetzt nicht im Süden Afghanistans kämpfen, werden wir den Amerikanern - und wer da noch alles in Not ist - beistehen, helfen, und sie nicht alleine lassen. Also für mich ist das ganz fantastisch. Diese caritativ-therapeutische Sprachwelt, die da auftaucht, nur um das Gegenteil von dem zu suggerieren, was wirklich passiert. Alles dient nur dazu, das Böse abzuwenden."

Es wäre müßig, daran zu erinnern, dass der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug unter dem Vorzeichen des Schutzes vor dem imaginierten jüdischen Bolschewismus stand, denn dann hätte man sich schon auf Richters unerhörte Gleichsetzung eingelassen. Die Rede von der "moralisierenden Logik" streicht Moral und Logik gleichermaßen durch, verbietet sich einen objektiven Standpunkt, von dem aus sehr wohl ein "Böses" ausgemacht werden kann. Dass Soldaten stets ähnlich gedrillt wurden und werden und im Ernstfall auch mechanisch funktionieren müssen (es aber nicht tun), heißt noch lange nicht, dass der aliierte Feldzug gegen Saddams Baath und afghanische Taliban deren Projekt gleichsieht. Das will Richter aber nicht wahrhaben, denn sein Anliegen ist es, individuelle Schuld in einer Übertragung als allgemeine Naivität darzustellen, die auszubeuten wahre Schuld erst produziert. Ein mündiges Subjekt ist in diesem reaktionären Konzept nicht zu finden. Die Journalisten folgen dem:

"Defensiv ist doch auch der Satz "Deutsche Interessen werden am Hindukusch verteidigt." Warum sagt man denn nicht die Wahrheit - und zwar: Soldaten töten und sterben doch auch in Afghanistan."

Diese Frage entkräftet mit dem billigen Skandalisieren des gemeinhin bekannten Faktums, dass Krieg mit Leid und Tod verbunden ist, die daran wenigstens zu stellende Minimalforderung der Vernunft: Dass dieses Leid und Tod einer Demokratie nur dann erlaubt werden kann, wenn wirklich schlimmeres Leid und Tod verhindert werden kann. Verallgemeinernde Rationalisierung geht denn Richter auch vor Differenzierung, denn in der Antwort läuft er zu Höchstform auf:

"Ja. Aber dieser Gedanke strengt zu sehr an. Sehen sie mal: Der Bush. Der hat den Irak angegriffen, um die Welt zu beschützen. Jetzt hat er gesagt: Wenn man im Iran nicht für Ordnung sorgt, dann wird der Iran die ganze Welt bedrohen. Er malt einen nuklearen Holocaust an die Wand. Die gesamte kulturelle Mentalität bei uns, represäntiert durch Bush oder durch Jung oder durch Schäuble, ist eingestellt auf eine gespaltene Welt. Und wenn man sich den ersten Kreuzzug mal anschaut, dann war das schon damals ganz genauso. Papst Urban der II hat im Jahre 1095 in Clermont eine Rede gehalten mit der Botschaft: Entweder ihr seid auf unserer Seite, der Seite Gottes, oder ihr seid auf der Seite der gottlosen Schurken und Muslime. Kommt ihnen das nicht bekannt vor?" "George W. Bush hat das in leicht abgewandelter Form nach den Anschlägen vom 11. September gesagt." "Ja." "Das ist Carl Schmitt in Reinform." "Ja." "Ds Freund-Feind-Schema." "Ja." "Und wir hier im Westen sind natürlich die Guten." "Genau. Das geht ziemlich tief rein. Das manichäische Weltbild kann man sich so erklären, das ist nun auch ein bisschen meine Forschung, dass uralte, archaische Instinkte oder Anlagen zum Vorschein kommen. Es ist nicht nur die Bereitschaft, sich diese einfache Welterklärung gefallen und auch befehlen zu lassen. Sondern rattenfängerartig wird eine Hörigkeit ausgelöst, die dann massenpsychologisch dazu führt, dass es geradezu als Erlösung empfunden wird, vom eigenen Gewissen befreit zu sein. Ein absolutes Feindbild ist nötig, um mit sich im Reinen zu bleiben."

Es wäre ein leichtes, Richter ad absurdum zu führen, ihm sein eigenes Feindbild offen zu legen, das ihn vom eigenen Gewissen befreit. Er erleichtert das:

"Wer ist der Rattenfänger?" "Na Bush. [...]"

Im Gerede von archaischen manichäischen Instinkten geht natürlich eines komplett unter: Was Richter immerhin dazu bewegt hat, 1944 zu desertieren und vor den Kameraden in eine Alpenhütte zu fliehen. Das individuelle und besondere des Nationalsozialismus wird in einer Allgemeinheit aufgelöst, die man nur relativierend nennen kann. Hier streicht sich jede Kritik durch angesichts des psychoökonomischen Interesses nach Rationalisierung durch Irrationalisierung. Hitlers Nazis sind demnach auch nur kleine Fische zwischen Papst Urban und George W. Bush. In die Relativierung mischt sich Verkehrung: Bush mahle einen "nuklearen Holocaust an die Wand." Solange der Feind bestimmt ist, muss man auch nicht mehr über real drohende Gefahren aus dem Iran reden, die Bush, der Atheist verbietet sich das "Gott sei dank", als einer der wenigen noch zu benennen weiß. Richter muss dagegen schweigen von Taliban oder realen Gefahren des nuklear bewaffneten Islamismus. An anderer Stelle schreibt er:

"Der Westen panzert sich mit immer neuen Sicherheits- und Überwachungsgesetzen. Gleichzeitig weidet er sich an der im Schutz der Pressefreiheit entfachten islamischen Wut über den vielfachen Nachdruck der Bilder, die Mohammed als Terroristen karikieren. "Wir kommen in die Hölle, wenn wir dagegen nichts tun!", soll einer der beiden libanesischen Kofferbomben-Attentäter von Köln zu seinem Mittäter gesagt haben - laut NDR-Magazin Panorama, das den einen Täter in Beirut interviewen konnte. Also hatte die westliche Provokation funktioniert, aber mit welchem schrecklichen Risiko!"

Das macht Richter gerade so unglaubwürdig, dass er im Westen Mechanismen zu erkennen glaubt, die er an anderen Phänomenen, wo sie wirklich ihre gesamte Gewalt entfalten, leugnet und dem Primat des westlichen Auslösers unterordnet. Wie Richter seinerzeit nur Objekt von Rattenfängern war, sollen die Islamisten von heute, und unter diesen selbst die offenen Terroristen, nur Objekte der Provokation des Westens bleiben. Diese Verkehrung macht ihn nicht nur unglaubwürdig, sondern verlogen, reaktionär und letztlich zum Flakhelfer des Islamofaschismus.

9.11.07 11:34


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