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Verwaltete Welt

Atomkraft - Phallussymbol und Staatsfetisch

Zur Diskussion um Neubau oder Beibehaltung von Atomkraftwerken ist zuallererst festzustellen, dass sie keine ist. Mitnichten geht es den Befürwortern darum, ernsthaft Argumente auszutauschen. Die der Gegner sind nämlich, wenngleich häufig simplifiziert und vorgeschützt, als objektive nicht zu schlagen:
 
Es gibt kein Endlager, Atomkraftwerke laufen nur unter immensen staatlichen Zuschüssen für die Betreiber profitabel, die sichersten Kraftwerke der Welt sind eben alles andere als Emmissionsfrei, die überflüssige CO2-Diskussion sollte schon am Endlagerungsargument scheitern und ist überdies von der Lüge geprägt, Atomkraftwerke würden "CO2-frei" laufen: Vom Abfall bis zur Endlagerung produziert die endlose Produktionskette Schadstoffe aller Art, CO2 noch als harmlosesten, jedoch in Massen. Nicht einmal der Betrieb ist gesichert: sinkende Flusspegel machen Atomkraftwerke zu Teilzeitarbeitern, die mit jedem Herunterfahren gefährlicher werden.
 
Vielmehr ist Atomkraft ein ideales Mittel, den Staat im Sinne der bürgerlichen Ideologie als unabdingbar zu präsentieren und seine Macht zu zelebrieren. Sie dient als Bindemittel von Deprivationsängsten zu schnell aufgestiegener Bauern und Kleinbürger: Diese fürchten in den Atomländern Baden-Württemberg und Bayern um das, was sie gerne als ihre eigene Leistung vorführen, was aber lediglich nur aus äußerster Rücksichtslosigkeit gegen die beiden Quellen des Wertes, Natur und Arbeitskraft, resultiert. Die Sicherheitsstandards exkludieren das Individuum systematisch zugunsten einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Verboten ist nicht, was schadet, sondern was volkswirtschaftlich gerade nicht mehr tolerabel ist. Die ärgsten Folgen tragen ohnehin die Arbeiter in den erbärmlich gesicherten Uranminen Südafrikas, Nigers und Kongos.
 
Für die markigen Worte der ewigen Scharfmacher kann also gelten, dass sie sich in der Geschäftsräson des Parteibetriebs mit dem Phallus Atomkraft zurüsten. Der internationale Druck ist kaum maßgeblicher Grund für die Diskussion. Vielmehr lauert der Distinktionsgewinn, wo nicht eindeutig noch der Wille zur deutschen Bombe sich hervorwagt. Je mehr das Klientel sich technokratisch gibt, desto abergläubischer rechnet es mit Wahrscheinlichkeiten von Störfällen und desto neurotischer verdrängt es die dem Wunschprinzip zuwiderlaufende Frage nach der Endlagerung. Der verdummten Masse entspricht das nur zu gut. Zwar weiß jener über die Stromsummen Bescheid wie dieser über die Kernspaltung oder ein Dritter über Zerfallsprodukte. Als Gesamtes müssen sie sich jedoch an den Glauben an den Staat klammern, der schon alles, was in ihrer Rechnung nicht aufgehe, richten werde. Der Betrieb Atomkraft verspricht höchste Identifikation mit Staat und Volk, weshalb totalitäre Regimes sie von je ganz oben auf die Wunschliste setzten.
 
Der vorgebliche Wirtschaftsliberalismus schlägt eben in der Atomkraft in die Affirmation des starken Staates um, der Sicherheit von Transport und Betrieb garantieren solle. Den Kitt von Staat und Nation besorgt im Gegenzug die Symbolwirkung der Bauten. Jene verströmen noch den Odem des Gipfels des Fortschritts, wo man in Krachledernen auf Volksfesten Judaspuppen verbrennt und Heidegger für ein Vorbild hält.
 
Bessere Kulturindustrie ahnt stets etwas von diesem Betrug, und so ist in den atomaren Dystopien das Versagen des Staates rhytmisches Element, das nur zu oft von Verschwörungstheorie begleitet ist. Das allerdings ist zu billig. Es schiebt dem chaotischen Ganzen noch eine böse Rationalität unter, der so ungleich einfacher zu begegnen wäre, als dem dumpf wabernden Herbeten von argumentfreien Widersprüchen.

8.7.08 18:50


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Germanomania

Autokorsos hupen sich durch die Stadt, als wäre der Messias gekommen. Volltrunkene Horden brüllen germanische Volksgesänge: "Steh auf, wenn du Deutscher bist". Wo man mit Jägermeister unter schützenden Flaggen regredieren darf, findet auch instinktiv ein "Deutschland, Deutschland über alles" ans Tageslicht. Ein Herr Schweinsteiger, anscheinend ein derzeit vielbeachteter Fussballer, kommt ganz locker auf den Topos der zum Sieg notwendigen "deutschen Tugenden" zu sprechen. Der Moderator befragt dazu nochmal den als Allmeister angestellten Repetitor des Geschehens Günther Netzer. Der zückt die Bombe: "Deutsche Tugenden sind ja nichts schlechtes. [...] diese deutschen Tugenden sind ja auch ein Grund, warum wir so gefürchtet sind."

Merkel posiert in ehrlicher Verzückung und repräsentiert ein sattes "Wir". Antirassistische Predigten zu Beginn der Spiele vertünchen das Bedrohliche der Masse. Deren integrative und verfolgende Beliebigkeit wird mit dem Begriff des Rassismus doch nur verharmlost. Solange alles friedlich bleibt, hat man nur trainiert. Das Massenfest ist eben kein sportliches: Wäre es ein solches, man könnte sich auch bloß individuell und leise an der Schönheit eines Spieles wie jenem der russischen Nationalmannschaft gegen die holländische freuen. Der Furor teutonicus spottet solchem harmlosen Vergnügen. Es sind nicht Fussball- sondern Deutschlandfans, die sich hier zusammenrotten. Jener Moderator, der darum flehte, dass alles friedlich bleiben möge, spürte feinsinnig die elektrisch knisternde Angst, die das solcherart sinnentleert verschweißte Kollektiv verbreitet.

Die im Kapitalismus erzwungene und antrainierte Kooperationsfähigkeit der Individuen findet sich wieder im Wettkampf auf dem Rasen. Kulturindustrie verdoppelt nur die Formen der Arbeit. So jagt man wie im Beruf dem automatischen Subjekt nunmehr dem Ball hinterher. Verselbstständigte Zufallsprodukte wie Tore beim Elfmeter werden gemäß der bürgerlichen Ideologie als verdienter Erfolg gefeiert, an dem allerdings nun nicht mehr das Individuum seinen Gewinn einfährt, sondern die Masse ihre individuellen Ängste und Nöte kompensiert. Anstatt wirklich die verprassten Ressourcen für ihre tatkräftige Organisation gegen die ihnen angediehenen Zumutungen von Rente mit 67 bis Hartz 4 verwenden und sich in ähnlichen Massen zur freien Assoziation zusammenzuschließen, verzerrt die Triebabfuhr beim Torjubel die Gesichter der uniformierten Meute. Zu der Empathie, die sie ihren Spielern entgegenbringen, sind sie weder sich selbst noch anderen Individuen gegenüber fähig. Solidarität wird durch Dünkel und schweißdurchtränkte, alkoholisierte Nähe ersetzt. Das in schwarzrotgoldene Lumpen gehüllte Proletariat vermag sich noch über Bildstörungen beim Halbfinale zu echauffieren, wo es zur ernsthaften Rebellion, zum Streik, nicht taugt.

26.6.08 16:28


Der Euphemismus - Instrument der Herrschaftsausübung

Der Euphemismus ist eine Rationalisierungsstrategie. Als Instrument der Machtausübung ist er unverzichtbar und kennzeichnet einen Status, an dem die absolute Gewalt über das Individuum eigentlich nicht mehr der Kaschierung bedarf, um sich durchzusetzen. So durchschaubar der Schein ist, den der Euphemismus zu verbreiten vorgibt, so sehr unterstreicht er die Drohung dahinter. Schein und Durchschaubarkeit bedingen einander, verstärken die Gesamtiwirkung.

"Wir laden sie zu einem persönlichen Gespräch ein." spricht höflich der erste Absatz eines Schreibens aus der Elendsverwaltung. "Wenn sie zu dem oben genannten Termin [...] nicht erscheinen wird das Arbeitslosengeld II unter Wegfall der Zuschläge nach § 24 in einer ersten Stufe um 10 % der für sie maßgeblichen Regelleistung gesenkt." tönt darunter die Verfügungsgewalt.

In besagten Gespräch hat man hinter geschult bemühtem Lächeln "zwei Angebote für sie: Erstens würde ich sie gerne zur Jobakademie vermitteln. Die zweite Möglichkeit ist: ich kürze ihnen die Bezüge um 30 %."

Die "Jobakademie" sei über 8 Wochen für 16 Stunden die Woche zu besuchen, man könne das auch an zwei Tagen die Woche ableisten und habe dann "den Rest der Woche frei". Das ist doch mal was. Für kein Geld 5 Tage Wochenende, ein Schnäppchen für einen "Arbeitssuchenden".

Kaum zu zweifeln ist daran, dass jene Personen, die zu Hause Hunde streicheln und Kinder im Glauben an eine bessere Welt großziehen, wirklich ohne jeden Skrupel einer Person von den 300 Euro monatlich 100 streichen würden. Es ist schließlich zu ihrem Aller-, Allerbesten.

Rationalisiert wird dabei kaum mehr die zynische Handlung an sich, Fragen der Moral und der Ethik sind schließlich nicht ein je Menschen eigenes Gefühl, wie noch der junge Kant dachte, sondern erlernbare und erfahrbare Möglichkeiten menschlichen Umgangs, die ebenso rasch verlernt werden können. Das allerdings nicht zu verachtende Tötungstabu wird nur noch vermittelt, in kleinen Vorstufen und abstrakt gebrochen, das Individuum weiß sich als Schreibtischtäter frei von Schuld.
Der Schein selbst bedarf der Rationalisierung. Dass überhaupt noch ein Dialog erforderlich sei ist das eigentlich Irrationale des Prozesses, Relikt aus vielleicht besseren Zeiten. So taucht im Euphemismus ein Atavismus auf, der als Bruchstück sinnlos neben der Drohung steht, wie bei jenen Bankräubern, die im Reflex noch zur Kassiererin "Bitte" sagen. Das dem ausgesetzte Individuum spürt die Drohung nur doppelt, und im Wissen davon gerät der atavistischen Euphemismus wiederum zur kalten Berechnung. Das Opfer soll durch den Euphemismus nur stärker bedroht werden: man könne die Maske jederzeit fallen lassen, lautet die Botschaft des gerade auf Durchschaubarkeit getrimmten Scheins. So wird nicht irgend lauernder Widerstand geweckt, sondern geradewegs auf das vermeintlich kleinere Übel zugetrieben. Das Individuum soll sich gelähmt ob solcher im Schein verdoppelten Drohung in das ihm Zugedachte fügen. Somit findet die Rationalisierung auf Seiten des Opfers statt: Der Euphemismus will ihm die Wahl des für ihn Schlechten durch die Drohung mit unmittelbarer, nur scheinbar mühsam und schlecht verborgener Gewalt, als rationale erscheinen lassen, wo Widerstand gegen den wirklich darin tobenden Schein angebracht wäre. Aggression wird durch die verstärkte Drohung wie bei den Neurosen in Angst verwandelt. Das gleiche Prinzip wirkt beim Stockholm-Syndrom, bewusst instrumentalisiert wird es auf Seiten Krimineller etwa in der Zwangsprostitution und bei Kindesentführungen, auf Seiten der Eltern bei der Erziehung und schon lange hat es die Exekutive für sich entdeckt: Sie spielt "good cop, bad cop." Dass die auf Durchrationalisierung von staatlicher Herrschaft getrimmten Kreisjobcenter sich dessen bedienen, ist nur logisch.

Mehr dazu:

Das Hartz IV-Rollenspiel Teil 1 - Komplettlösung

Get Work or die tryin' it!

Adipositas - Orale Gier als Waffe der Armen

3.6.08 09:06


"Meine Mütter" - Rosa Praunheims Spurensuche in Riga

Rosa von Praunheim erfährt von seiner uralten Mutter, dass er als Säugling adoptiert wurde. Nach dem Tod der Mutter versucht er näheres über seine Herkunft zu erfahren, kontaktiert Historiker und Autoren, Rigaer Kinderheime und deutsche Heimatbundtreffen. Unterlegt wird die Spurensuche mit Dokumenten und Augenzeugenberichten über die antisemitischen Massakern im Baltikum, in denen 97% aller Juden dort ermordet wurden.

Zuvörderst ist Rosa von Praunheims Film eine Feldforschung unter Historikern und deren Informanten. Der Wunsch, das Individuum aus seiner Vorgeschichte erklären zu wollen, ist nachvollziehbar. Von Praunheim scheitert allerdings durch seine Naivität wiederholt an seiner eigenen Fragestellung. Da wird in wildesten Phantasien spekuliert, ob er nun in einer Sexorgie im Bordell, einer Vergewaltigung durch SS-Truppen gezeugt sei, ob seine Mutter eine Prostituierte oder gar eine im Untergrund lebende Jüdin gewesen sei. Dass er im Knast geboren wurde, "erkläre einiges", was genau so etwas erklären soll, darüber schweigt er sich allerdings aus.

Das Rauschen des Blutes obsiegt trotz aller Kritik am Naziunwesen. Auf einmal gewinnt von Praunheim eine Tante, Schwager, Nichten und Kusinen, die er obwohl er sie nie sah und trotz deren Verflochtenheit in heimatbündischen Vereinen auf einmal lieb haben will. Die kritischen Fragen, die er der Mutter noch über das Hochzeitskostüm des Vaters mit Hakenkreuzornat stellte, versiegen den neuen Freunden gegenüber - die Aufklärung über deutsche Geschichte tritt in den Hintergrund hinter individuelle Regressionswünsche und der Suche nach der wahren Mutter. Am Ende stellt sich heraus, dass die "echte" Mutter Deutsche war und in einer Psychiatrie einem Leiden zum Opfer fiel, das auf passive Euthanasie schließen lässt.

Insgesamt ist "Meine Mütter" ein größtenteils eher unspektakulärer und im schlechten Sinne widersprüchlicher Film mit einer zumindest in weiten Teilen bemerkenswerten Feinsinnigkeit im Umgang mit dem Sprechen über Unsägliches.

16.4.08 16:49


Please hold the line...

Derzeit bin ich nicht in der Lage, etwas Sinnvolles zu irgendwelchen Diskursen beizutragen, weil mein PC durch Malware, Spyware, Viren, Rootkits und was es noch alles gibt, erheblich überfüttert wurde, nun dick und faul in der Ecke rumsitzt und in der Regel streikt. Ich arbeite daran, den Guten davon zu überzeugen, dass auch im falschen Ganzen ein weniger Falsches möglich ist.
Eine gute Gelegenheit für die hochgeschätzte Leserschaft, sich auf einem der vielen verlinkten anderen Blogs umzusehen und vielleicht sogar ein Buch zu lesen. Wer wirklich dem Monadismus fröhnen möchte, einen Wirbelsäulenspender in Petto hat und einen rundum sicheren PC-Platz sein Eigen nennt, dem empfehle ich vorbehaltlos, sich durch die endlose Masse der Flashgames zu graben.
 
4.4.08 18:12


Stasi-TV

Während im Osten eines notorisch deutschen Staates Spitzel jedes kleinste Detail durchleuchteten, griff im Westen eine Adaption eben dieses Verhaltens im Privaten um sich: Harmlose Familienväter und seltener Mütter betätigten sich als Hobbyfilmer und kopierten jeden selbstständigen Akt der Autonomie ihrer Zöglinge über Handkameras auf schlechtes Band. Versichert wurde sich so der Distanz zum als feindlich begriffenen Objekt Kind wie dem gleichzeitigen Festhalten seiner Unterlegenheit als Abwehrzauber gegen seine drohende Autarkie.
Filmen bedeutete Unterwerfung, Kontrolle und Amusement für spätere Tage. Die Angst vor der fälschenden Kraft der eigenen Erinnerung wurde verscheucht im revozierenden Raunen des Videogeräts. Narzisstisch bietet man gegen die Vergänglichkeit das Bild auf – durch das Eingeständnis des darin verbreiteten Scheins erscheint das scheinhafte Glück in der Retrospektive zugleich realer, obgleich es doch ein zur Sublimierung in die Kamera gezwungenes war.
 
Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends, in dem man vom domestizierenden Nutzen der Filmproduktion bald noch jeden künstlerischen und subversiven Mehrwert abzieht, wurden eben jene paranoisch überwachenden Eltern animiert, die gefilmten Unfälle ihrer Kinder des kollektiven Spaßes halber in Sendungen wie „Uups – die Pannenshow“ einzubringen. Zur gleichen Zeit werden Stasi-Akten geöffnet: Bespitzelte erhalten Einblicke in das ihnen oft ohne ihr Wissen zugemutete Grauen. Zur gleichen Zeit wird der Discounter Lidl beschuldigt, Angestellte bis in die Privatsphäre durch Privatdetektiv ausspioniert zu haben. Und wieder zur gleichen Zeit akzeptiert jene Gesellschaft die lückenlose öffentliche Dokumentation von gesellschaftlich sanktioniertem Fehlverhalten:

In „Die dümmsten Angestellten der Welt“ darf man voyeristisch den Verfehlungen von Angestellten auf den Grund gehen. Eine Küchenhilfe sammelt auf den Boden gefallene Wurst auf und packt sie ein. Ein klarer Fall für ekeltaugliche Gegenidentifikation: Vergiftungsphantasien als ambivalenter Konter zur Ablösung von der nährenden Mutterbrust. 
Ein Klempner ascht in die Cola eines zufällig kurz abwesenden Büroarbeiters. Eine Putzkraft, zynisch-euphemistisch Raumkosmetikerin genannt, steckt 10 Euro ein.

Wie artig kam da noch das DDR-Fernsehen daher. Dort wurde die Arbeiterin Berta vorgeführt, wie sie zum Zwecke des Cocktailschlürfens mit dem Klassenfeind in Westberlin den elektrischen, sozialistischen Webstuhl vorzeitig verlässt. Als Schmarotzerin am Fabrikpranger gebrandmarkt will sie ihre Scharte auswetzen und fährt künftig freiwillig Überstunden. Die Überwachung musste noch durch exaltierte Schauspielerei ersetzt werden. Wieviel demokratischer gestaltet sich das Reality-TV, das Big Brother mitnichten erst einläutete: es verwandelt sich in TV-Reality, in der das Spiel der gesellschaftlich tragfähigen Rolle bis ins Private zu perennieren genötigt wird. Kein Aufatmen ist im Großraumbüro Gesellschaft mehr möglich, kein Kratzen an entlegenen Körperstellen wird mehr geduldet, das nicht unmittelbar dem Beruf geschuldet sein könnte. Nicht allein der Kapitalzweck wacht hier über den Äquivalententausch.
Dass kein Betrug mehr an der Arbeitszeit wie am Kunden mehr möglich sein soll ist der Gerechtigkeitsfetisch, dem von je gehuldigt wurde und der in der allseitigen Vertragserfüllung doch den Betrug am Einzelnen fortsetzt. Nunmehr drängen die Massen selbst auf Disziplinierung derer, die ihnen als feindlich gegenübertreten, weil sie ihre ureigensten Wünsche repräsentieren. Schlampigkeit, einst die subtile Form der Sabotage, wird ihr lustvolles Recht abgesprochen und unmöglich: Sie mutiert zur Unfähigkeit, zur Zumutung, zum Ekel. Zugleich wird noch ein Rest an verborgener Lust mimetisch ausgelebt: Die Klempner wälzen sich vor Vergnügen, es dem studierten Computerheini mal gezeigt zu haben, die Putzkräfte schwelgen in den Möglichkeiten der Deprivation im Privaten.  
Das präsentierte Verhalten ist dabei wenig von Belang und austauschbar. Am Ende kulminiert alles doch in der Zurichtung auf die universelle Überwachung, auf die Unterwerfung unter gesellschaftliche Zwecke und Kontrolle ungeachtet ihres Inhalts – gerade wegen der Freiheit des Einzelnen, auf seinem Vertrag zu bestehen. Das angestrengt belustigte Lachen des Moderators ist dabei nur die sublimierte Form der Exekution.

27.3.08 11:13


Zensur

Prinzipiell bin ich der Ansicht, dass auch extreme Meinungen nicht der Zensur bedürfen. Dazu bedarf es allerdings auch gesellschaftlicher Zustände, in denen solche Auswüchse nicht zur massenhaften Volksmeinung sich aufgeschwungen haben.
In den letzten Tagen versuchte ein User "scarecrow" diverse hier befindliche Artikel mit Kommentaren zu bombardieren, in denen er ein Abziehbild klassisch-deutschen sekundären Antisemitismus bot. Israel sei ja wohl der größte Terrorist und überhaupt ganz schlimm und böse, natürlich hatte er die üblichen differenzierten Argumente, mit denen er nachwies, auf keinen Fall ein Nazi oder Antisemit zu sein und nur "Israelkritik" zu betreiben.
Auf Gegenkommentare ging er in keinster Weise ein, jegliches Argumentieren führte nur zu völlig abseitigen anderen Auswüchsen, wie man es vom wirren Wahn des antisemitischen Weltbildes kennt: Ein Argument ist nur solange eines, als es gegen Israel spricht. Alles andere wird verleugnet, übersehen.
Das ähnelt einem Dialog, in dem ein Förster einer Kuh zu erklären versucht, sie sei ganz bestimmt kein Baum, er kenne solche, und diese antwortet mit dem Argument, dass aber Kaninchen auch nicht rosa seien und überhaupt die Wolken heute besonders wolkig, also müsse sie ein Baum sein und er sei allenfalls ein rosa Kaninchen.
Interessant daran ist, dass solche Leute sich tatsächlich noch einbilden, sie seien in irgendeiner Weise in einer Diskussion befindlich, der sie doch intrapsychisch schon lange das Wasser abgegraben haben. Mimetisch äffen sie solche Kritik nach und behaupten sich in eben jener Position des Kritikers zu befinden, die sie an sich selbst als ungerecht verspüren und abwehren müssen. Sich selbst ziehen sie nicht im geringsten in Zweifel - weshalb sie behaupten müssen, der Gegner würde ebensolches tun. Innerhalb eines solchen Szenarios ist die Diskussion vergeblich. Der Rat, die jüdische Position nicht nur vom Hörensagen irgendwelcher Avneris zu vereinnahmen, sondern auch eine jüdische Zeitung zu Wort kommen zu lassen, wird ohnehin als verwerflich angesehen. Wo man bedenkenfrei die Charta der Hamas verinnerlicht hat, indymedia liest und die taz für ein unparteiisches Medium im Nahostkonflikt hält, kommt einem die jüdische Allgemeine oder die Jerusalem Post anrüchig vor. 
Solche Menschen, die nicht den geringsten Selbstzweifel tragen und auf solche Kritik hin nicht etwa den Gegenbeweis etwa einer Frage oder einer differenzierteren Überlegung antreten, sondern diese und jede Kritik als infantiles "selber-selber" okkupieren, sind nicht aufklärbar, weil ihnen die Bereitschaft dazu mangelt. Und insofern sehe ich auch davon ab, weiter mit solchen Leuten zu diskutieren. Was diese wie jedes andere Argument auch nur als Bestätigung ihres Weltbildes einordnen werden.   
 
4.3.08 10:14


Fragment über die Umfrage

Kulturkritik, so Adorno, ist dazu prädestiniert, dass sie ihr eigenes Hervorgehen aus Kultur vergisst und verleugnet.
 
Das Vorrecht von Information und Stellung erlaubt ihnen, ihre Ansicht zu sagen, als wären sie die Objektivität. Aber es ist einzig die Objektivität des herrschenden Geistes. Sie weben mit am Schleier. [...] Immer enger werden die Maschen des Ganzen nach dem Modell des Tauschaktes geknüpft. (Adorno 1963: 9)
 
In der Entscheidung des Kritikers, im nüchtern rationalen Abwägen, Durchmustern, Verwerfen und Zustimmen wird ein Schein von Freiheit entworfen, der die Besinnung auf die eigene Unfreiheit um so schwerer macht. Die Konsumentenkultur ist kein Luxus, sondern die "Verlängerung der Produktion". (ibid:15)
 
In der derzeitigen Manie des Bewertens kommt das zu sich selbst, was Adorno bereits an den damals viel geringeren Symptomen erkannte. Dieser Tage kann man keine E-Mail lesen, ohne nicht mindestens dreimal nach seiner Meinung gefragt worden zu sein. Die mittlerweile bei allen Zeitungen und größeren Portalen gängigen Abstimmungen entbehren systematisch der Qualität der Fragen und der Auswertung. Der gemeinüblich sein Recht auf demokratische Meinungsäußerung auslebende Forumsuser kann auf tools zurückgreifen, die ihm selbst jegliche Fragestellung abzurufen erlauben. So können Tests, ob man nun eher Superman oder Spiderman sei, Identität schaffen und das Individuum für einen Moment darüber hinwegtäuschen, dass seine Rest-Besonderheit nichts gilt, sofern sie nicht markttauglich kategorisierbar und abwägbar ist. Zugleich stoßen sie es aber um so erbitterter auf diese Wahrheit und tun ihres zur Disziplinierung des maßlosen Wunsches nach Omnipotenz und Freiheit, wie sie in Superhelden sich ausdrückt.
 
Das zieht sich als Unsitte durch und durch. "Das perfekte Dinner" und "Promi-Dinner" kumuliert brauchbare Kochtips, moralische don'ts und do's des gesellschaftlichen Lebens, der implizite Zweck jedoch ist das Heben der Punktetäfelchen. Der Leistungssport okkupiert noch die intimsten Bereiche: Auf Viva wird eine Sendung ausgestrahlt, bei der Kandidaten nach verschiedenen Kategorien auf ihre sexyness hin beurteilt werden. Je nach Wertung werden sie aus dem Saal geschickt oder auf ein Drehpult gestellt, bis der Nächstbessere sie verdrängt. Archaische Balzrituale kehren so wieder im äffischen Einnehmen des Ausguckfelsens, nur dass nicht mehr bloße haarige Muskelkraft, sondern auch ein solides Lächeln und eine Portion cuteness gefragt sind. Fair gratuliert der Verlierer noch, wie das Beta-männchen sich einst in die Horde zurückbegibt um weiter Blätter zu kauen. Monogamie und Gleichberechtigung fordern eben solches von der Frau, die einem verbreiteten Unglauben entgegen nicht die erste war, an der die Schätzung und Wertung in Misswahlen, dem innovativen Pendant zum Kriegsheldentum sich vollzog.
 
Um wieviel ehrlicher ist der barbarische Boxkampf, bei dem die Konkurrenz bewusst ausgelebt wird, der Ring die Grenzen zur Zivilisation markiert und im Betrachten des Kerns des eigenen Alltags dieser seinen Schrecken kurzzeitig verliert.
Solcher Wiederholungszwang, in den Runden und stets prolongierten Wiederholungskämpfen eines Rocky meisterhaft versinnbildlicht, feiert derzeit den Endsieg. Kaum ein Bereich, in dem nicht bewertet würde, was hot und was not ist.
Die epidemisch zelebrierte Freiheit des Entscheidens ist ein Symptom der Demokratisierung, die ihren drohenden Umschlag schon in sich trägt. Sadistisch wird hinabgestoßen, zurechtgestutzt mit dem Ausblick auf Konsumtion des eben noch Tragbaren. Dieter Bohlen, der den Teenagern die narzisstischen Kränkungen zumutet, die ihnen ihre in der allseitigen Konkurrenz nicht hinnehmbare Flausen und Träumereien austreibt, ist nicht eine Beleidigung, sondern Kern der Gesellschaft. Diese lauert im Brandmarken mit dem Zeichen der deklassierten Devianz schon aufs Pogrom. Das Ausmerzen an sich selbst, das nötig war, um Klasse zu erreichen, will ebendieses an anderen als Pflicht und Vernunft rationalisieren: Die endlose Wiederholung der eigenen Schmerzen im Anderen versucht vergeblich die eigenen vergessen zu machen. Das Feindliche wird nach einmal verlorenem Kampf ins Überich introjiziert und fortan zur Norm, zur Vernunft, zur Moral. Nicht Prüfung dieser Vernunft, sondern Vergessenmachen des Kampfes, des Leidens, der eigenen Kränkungen stehen im Telos moderner Abstimmungsrituale, Kämpfe und Wettbewerbe.
In diesem neurotischen Wiederholungszwang wird Massenkultur verständlich. Sie soll nicht ablenken und zu Träumereien inspirieren, wie noch das französische Gemüse der Leinwand, nach Adorno schon selbst ein Traum (Adorno 1951: 77f), sondern auf Wunsch der Disziplinierten hin disziplinieren und wieder und wieder die Einfühlung in den Wert als Prinzip zelebrieren, um sie zuletzt noch erträglich zu machen. Als kärglichen Leidensgewinn darf man dann mit dem Cowboy, dem Mörder, dem verfolgenden Hauptkommisar und Privatdetektiv, dem Showmaster, der Masse des Publikums die eigenen zu beseitigenden Gelüste kurzweilig verleben.
 
 
Quellen:
 
Adorno, Theodor W.: Prismen. Kulturkritik und Gesellschaft. 1963. München: dtv Verlag. 283 Seiten.
Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 2001 (1951). Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag. 481 Seiten.
28.2.08 11:57


Adipositas - Orale Gier als Waffe der Armen

Dickleibigkeit trete in signifikanter Korrelation mit Armut und schlechtem Bildungsabschluss auf, so sich neu brüstende Studien. Das ist zunächst einmal positiver als die gemeinhin für normal befundene Koexistenz von Armut und Hunger, wie sie etwa Engels in verstörender Gewalt aus dem England des 19. Jahrhunderts beschreibt, als Brote mit Asche und Staub gestreckt wurden und über Generationen hungerbedingte Degenerationserscheinungen entstanden.
Das Phänomen Adipositas und Armut aus bloßem Bildungsmangel oder zu fetten billigen Speisen zu erklären, schlägt fehl, wenngleich der Erlernbarkeit des Essens und des Geschmacks prinzipiell Richtigkeit zuzugestehen ist.
Die gesellschaftlichen Zustände lassen aber vielmehr das Essen, in Deutschland wie gemeinhin bekannt günstiger als im näheren Rest-Europa, als einzigen Laster der Armen zu. Wo Lustgewinn nicht aus teuren Sport- oder Karnelvalsvereinen, Fitnessstudios oder entspannenden Golfparties gewonnen werden kann, bleibt als einziger Kick der Griff zum Highlight der Zivilisation, dem form- und geschmacksvollendeten 1-Euro-Jobber-Stundenäquivalent mit dem Namen "Cheeseburger" von MacDonalds (forget all about the BurgerKing). Hier bekommt man fürs Schlangestehen ein süßsaures Äquivalent bar auf den Magen - im Kreisjobcenter trägt man dagegen nur die eigene Haut zu Markte, und kann sich sicher sein, ums Äquivalent der nackten Existenz systematisch betrogen zu werden. Was hier in hartem Papierkrieg und noch von französischen Revolutionen zehrend der Gesellschaft abgerungen wurde, trägt den Stempel des autoritären Zwangs, der prospektiven Sklaverei. Die solchermaßen Deprivierten wollen den sichtbaren Teil ihrer Existenz mehren, um so den Anschein des Wertes, den die Gesellschaft ihnen zukommen lässt, als vergegenständlichten zu mehren. Was sie sich einverleibt haben, kann ihnen keiner mehr nehmen. Es muss nicht mehr beantragt werden und ist sicher. Zugleich spiegelt es nach außen Existenz, die als bedrohte sich wappnen muss, eine Schutzschicht zwischen sich und gefühlter Kälte des asozialen Sozialneids von oben bringen will - wer weiß schließlich, was noch alles kommt, zum Hungern ist noch Zeit genug.
Das durchs Restindividuum gefilterte gesellschaftliche Verhältnis hat seine subkutane Form erhalten, die nun als äußerliche Kategorie bequem analysiert und skandalisiert werden kann. Das Problem ist nun nicht mehr Armut an sich, sondern die oh Wunder damit zusammenfallende Demütigung und Missachtung dessen, was der Gesellschaft das Individuum darstellt, des Körpers. Impliziert wird die Kränkung der narzisstischen Gesellschaft durch diese als monströs perhorreszierte Fremdheit wabernder Gestalten. Statt Abschaffung des Hungers und der prekären Armut drohen nun Aufklärungskampagnen für so recht gesunde Armenküche - damit der ideelle Gesamteindruck einer sportlichen und ansehnlichen Nation erhalten bleibt.
2.2.08 21:46


Du bist Presswurst

Quelle: "Du bist Deutschland"

In "Psychoanalyse der Käsewerbung" suchte ich das Verhältnis von Werbeträgern, insbesondere Weichkäse, zu verdrängtem Kannibalismus und Pädophilie zu ergründen. Schützenhilfe zur Erhärtung meiner Thesen erhielt ich nun von unerwarteter Seite: "Du bist Deutschland", eine Kampagne, die auf gar nicht so unraffinierte Art und Weise scheiterte, den kollektiven Dünkel mit Individualismus zu versöhnen, stellt auf die verbreiteten oralen Einverleibungsphantasien Kindern gegenüber ab.

Du siehst aus wie eine Presswurst mit dicken Armen und Beinen. Sieh dich doch an. Unbeholfen. Moppelig. Babyspeckig. Und soooo süß. Echt lecker. Zum Anbeißen.

Wo man "Ahle Worscht" als gut abgelagerten Slowfood zum Kulturgut erklärte, mag diese Kampagne nicht wirklich ziehen. Außerhalb Mittelhessens läuft den bärbeißigen deutschen Feinschmeckern in den wilden germanischen Auen allerdings bestimmt das Wasser im Munde zusammen, bei diesem ausgezeichneten, feinsinnigen und besonders Eltern mit Kindern sensibel ansprechenden Werbespruch für die neue deutsche Presswurst. Die nationale Esskultur will schließlich verteidigt sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Eisbeinindustrie das Werbewort "babyspeckig" für sich entdeckt und Magnum ein "extra-moppeliges" Eis herausbringt, mit der begleitenden tiefsinnigen Frage: "Bin ich...antropophag? Bin ich...deutsch? I M!" Na, "echt lecker"...

21.1.08 17:55


Südafrika verbietet Küssen

Südafrikas Polizei und Gerichte sind nach Meinung der Regierung Mbeki im Land mit einer der höchsten Mord- und Vergewaltigungsraten weltweit nicht ausgelastet. Ein neues Gesetz verbietet jeglichen erotisch konnotierten Körperkontakt von Jugendlichen unter 16 Jahren in der Öffentlichkeit: Küssen, berühren, umarmen, rubbeln wird fortan kriminalisiert.
Wo die Gewerkschaften schon dem iranischen Antisemitismus nacheifern will die Regierung nicht zurückstehen und bastelt sich mal eben eine kleine Ersatz-Sharia zusammen.
Zum Glück begehren die Jugendlichen dagegen auf und veranstalten Massen-Kiss-Ins.
28.12.07 17:17


Fragment zum Chiasmus des Genitalneides

Wenn, wie die Wiener Psychoanalytiker und einige individuellen Erfahrungen nahelegen, das Mädchen die Klitoris lange vor der Vagina entdeckt - oder zumindest diese gründlich verleugnet, wie die englischen um Horney meinen - und erst sehr spät auf diese verwiesen wird, so steht das der Auffassung des Knaben von diesem Genitale wie ein Chiasmus entgegen: Diesem gilt die Vagina als das eigentliche weibliche Organ, von dem er Besitz ergreifen möchte. Die Klitoris ist ihm verborgen, fremd, unbekannt und so häufig erfährt er erst durch die konsequente Aufklärung der Magazine und die Pornographie ihren Ort und Status.
Neid ist dem nicht fremd: Die Möglichkeiten der Objektbesetzung, die Vielfalt der Penisäquivalente im Bereich der Dinge erscheint ihm als ungleich lustfördernder denn die eigenen Möglichkeiten, die mit der bloßen Hand oder den stimulierenden Reizen durch den Duschstrahl sich weitgehend erschöpfen - wenn man von den aufwändigen, fast schon nekrophil anmutenden Gummipuppen, den Pygmalions für den Gutbetuchten, absieht. Das Mädchen könne dagegen wählen zwischen den tausend länglichen Gemüsen und Gegenständen - möglicherweise auch eine Projektion der eigenen, verdrängten homosexuellen Analerotik. Diese Vervielfachung eines Phallus spricht in ihm selbst den Sammeltrieb an, der die kleinen Kinder schon zum Tragen von Waffen, Stöcken und anderen Symbolen animiert. Dieser scheint nachträglich einen Zweck zu bekommen.
Das Mädchen allerdings ist im gleichen frühpubertären Stadium der Entwicklung zuallermeist auf die Klitoris konzentriert und weiß weder vom Neid des Knaben auf seine sexuelle Potenz durch den doppelt möglichen Orgasmus noch von dieser selbst.
Von einem echten Äquivalent zum Penisneid zu reden ist dagegen eitles Auswischen. Im frühen, vorödipalen Alter beneiden beide Geschlechter die Mutter um den Phallus Brust und Gebärfähigkeit. Der Vaginalneid des pubertierenden Knaben ist ein blasses Wiederaufflackern dessen - das allerdings aufs kulturelle bezogen kaum unterschätzt werden kann, wenn es um die Erklärung der grausamen Genitalverstümmelung geht, bei dem mindestens ein (Klitorisektomie) weiblicher Phallus, bei der Infibulation auch zwei, auf Empfehlung der anal-sadistisch gebliebenen Erwachsenen real kastriert werden soll und die weibliche Potenz somit aufs Gebären reduziert wird.
Fragment Ende

22.12.07 12:53


Get Work or die tryin' it!

Jean-Francois Millet: "Les Glaneuses"
 
"Früh in der Kindheit sah ich die ersten Schneeschaufler in dünnen schäbigen Kleidern. Auf meine Frage wurde mir geantwortet, das seien Männer ohne Arbeit, denen man diese Beschäftigung gäbe, damit sie sich ihr Brot verdienten. Recht geschieht ihnen, daß sie Schnee schaufeln müssen, rief ich wütend aus, um sogleich fassungslos zu weinen." 
Theodor W. Adorno, 'Minima Moralia': "Monogramme"
 
Ein Statut Edwards des 6. im England des 16. Jahrhunderts verordnete Folgendes:
"[...] wenn jemand zu arbeiten weigert, soll er als Sklave der Person zugeteilt werden, die ihn als Müßiggänger denunziert hat. Der Meister soll seinen Sklaven mit Brot und Wasser nähren, schwachem Getränk und solchen Fleischabfällen, wie ihm passend dünkt. Er hat das Recht, ihn zu jeder auch noch so eklen Arbeit durch Auspeitschung und Ankettung zu treiben. Wenn sich der Sklave für 14 Tage entfernt, ist er zur Sklaverei auf Lebenszeit verurteilt und soll auf Stirn oder Backen mit dem Buchstaben S gebrandmarkt, und wenn er zum drittenmal fortläuft, als Staatsverräter hingerichtet werden. [...] Friedensrichter sollen auf Information des Kerls nachspüren. Findet sich, daß ein Herumstreicher drei Tage gelungert hat, so soll er nach seinem Geburtsort gebracht, mit rotglühenden Eisen auf die Brust mit dem Zeichen V gebrandmarkt, und dort in Ketten auf der Straße oder zu sonstigen Diensten verwandt werden."
(Karl Marx, Das Kapital: Die ursprüngliche Akkumulation. S. 763)
 
Das Marburger Kreisjobcenter, gelobt vom Grünen Karsten McGovern, ist unendlich humaner: Hier droht man lediglich den Leistungsentzug an, die ökonomische Peitsche soll die Herumtreiber und prospektiven Sklaven vorerst noch ohne polizeilichen Zwang zu stupidesten und nutzlosesten Tätigkeiten verpflichten. Fürderhin sollen Arbeitslose vom ersten Tag an in eigens neu eingerichteten Räumen gezwungen werden, an 4 Tagen in der Woche sich für 3,5 Stunden einzufinden, um unter Bewachung nach Arbeitsmöglichkeiten zu recherchieren. Als Schmankerl darf man in der "Jobakademie" kostenlos Bewerbungsunterlagen und Porto verwenden (natürlich nicht, um sich auf Stipendien oder ähnlichen Humbug zu bewerben) und ein mobiles Fotostudio sorgt für garantiert freundliche Bewerbungsbilder.
 
Noch als Menschlichkeit wird da das faschistoide Perhorreszieren des Reichsarbeitsdienstes verkauft. Gesellschaft bildet sich zuletzt noch etwas darauf ein, die leben zu lassen, die sich nach ihrem Bild sich zähneknirschend richten. Was einst als Errungenschaft des Humanismus galt, einen Menschen ungeachtet seiner Beschaffenheit nicht verhungern zu lassen, wird zum altbackenen Luxus erklärt. Der Zweck des ALG II ist nicht mehr, Menschen das Leben zu ermöglichen, sondern ihren einzigen Lebenszweck auf Arbeit auszurichten. Die solcherarts in die Zwangsarbeit gepeitschten Massen werden letztlich grausam gewahr, dass diese Gesellschaft nie ein Ort der Humanität ist, sondern dass im kalt lächelnden Antlitz des Fallmanagers die wählende Volksgemeinschaft verdinglicht erscheint, die nur darauf wartet, die endlich zu exekutieren, die noch an ein mögliches Jenseits vom Aufgehens in Arbeit um ihrer selbst willen erinnern. Emanzipation setzt sich daraus nicht frei: Eher gliedern sich die Betroffenen noch schaudernd ein, machen sich dem gleich, was sie bedroht und kanalisieren ihre Wut auf andere Ventile: Rassismus, Volksgemeinschaft, Antisemitismus.
 
Welchen Sinn es haben soll, künftig 16 Stunden pro Woche ohne Entgelt diesem deutschen Streben Genüge zu tun, verdeutlicht Ideengeber Dick Vink in der Tautologie, die das moderne Leben in all seiner Armut bloßstellt: "Ihr Job ist es, einen Job zu finden." Der Antisemit Wagner fasste seinerzeits seinen Begriff vom Deutschsein ähnlich zusammen: Deutsch sei, "eine Sache um ihrer selbst willen zu tun." Dazu will man den "Kunden", sprich Sklaven, "gut kennen", sprich entgegen allen datenschutzrechtlichen Bedenken durchleuchten bis aufs Kauf- und Beischlafverhalten. Wer sich dem Schwachsinn nicht fügt, wird zum Hungern angezählt. Die sich masochistisch mit der falsch beschaffenen Arbeitsverhältnissen identifizieren, erklären frech die Arbeitsscheuen für falsch beschaffen und sich selbst für normal und gesund. Das falsche Ganze zu ändern war man stets zu faul und so agiert sich der das gutheißende antiliberale Volkszorn an den Schwächsten aus, die nun immerhin wissen, dass der Staat ihnen nicht wohlgesonnen sein kann. Statt die Formulare bis ins letzte Glied auszufüllen, sollte man sich angesichts solcher Zeichen an der Wand seines Reisepasses vergewissern und die Kontakte ins Ausland gründlich pflegen.
8.12.07 11:10


Allzutägliches über Paranoia, Zwang und Unwiederbringliches

"Ev'rytime my mother kills a rabbit i feel like the rabbit."
(Roberto Benigni, 'Down by Law')
 
Protoplasma
 
Empathie gebiert sich oft aus Zwang: Das Einfühlen ins Andere trägt das Siegel der Anpassung aus Not heraus. Das Zurückgeben der Emotion an die Säuglinge und Kleinkinder durchs Grimassieren ist nicht ihr Garant: nur bloßes Spiegeln deren eigener Gefühlslage, das den Spott nicht verbergen kann - zu rasch wird das Veräffen entlarvt.
Unterm Diktat des Elternhauses sensibilisiert sich das Kind im Vorausahnen der elterlichen Gewalt. Es lernt die einmal verinnerlichten Wut und Strafe zu antizipieren, fühlt sich ins Feindliche ein, um gefällig zu werden und Konflikte zu vermeiden. Härtester Zwang zerbricht diese Fähigkeit: Wo das Kind lernt, dass es kein Rationales, keine verbindliche Ursache in seinem Verhalten für die Strafe gibt, wird Emapthie wertlos und die kalte Empathielosigkeit des Psychopathen macht sich breit. Paranoia ist die Vorstufe des Umschlags: Der sich der Telepathie bereits mächtig Wähnende schöpft aus seiner Angst die Fähigkeit der Empathie, die Einfühlung ins ihn feindlich umgebende Übermächtige ermöglicht ihm die permanente Selbstverfolgung, wo Vertrauen abgetötet wurde. Wehe, wenn ein Objekt sich nähert, das dem sich Verfolgenden zur Abfuhr dienen könnte.
 
Reprise
 
Was Adorno als Vergangenes meint, ist es immer schon gewesen. Das Festhalten und Idealisieren der bürgerlichen Epoche als versäumte Möglichkeit der Revolution wie des unverfälschten ideologieschwangeren Individuums, als Hort der Kunst und der Fensterläden, des leisen Türenzumachens wie der Pantoffeln, des in Betten schlafens wie der Mutterliebe, ist die gute alte Zeit des Individuums in Kindheit und Wohlbehagen. Es sei nach Adorno nicht zu unterschätzen, was es in Individuen auslöse, dass es keine Fensterläden "mehr" gebe. Die Überschätzung des Materiellen löst Besonderes im Allgemeinen auf. So kümmert es mich wenig, was ein Individuum für Fenster hat, wenn doch von entscheidender Bedeutung ist, ob der dahinter dem Nazismus fröhnt oder dessen prospektives Opfer ist. So groß kann die Wirkung kleiner Dinge dann nicht sein, wenn sie am falschen Ganzen keinen Einfluss zeigen. Die Trauer übers Materielle gründet in Melancholie über verlorene Kindheit, die am Fensterladen gern sich ein Symbol erschuf.
 
Libertinage
 
Das Dafürhalten des Intellektuellen ersetzt nicht das Dagegenhalten. Um so mehr ist Adorno zuzustimmen, wo er aufs leise Merkmal des bürgerlichen Gehens dringt: Man braucht tatsächlich nur die auf der Straße rennenden Individuen sich anzusehen, die den Bus zum Orte der Entäußerung ihrer Zeit durch Arbeit nicht verpassen wollen. Masochistisch nehmen sie das Hecheln der Strafe vorlieb, die ihnen als Paranoia droht, wenn sie müßig auf dem Bahnsteig stehen sollen. Und auch Freud hat recht: Die These von der Musik als Medium des Paranoikers bestätigt der Ungeist, mit Kopfhörern sich gegen die Umwelt und am Ende selber taub zu machen. Wo der Presslufthammer des Systemzwangs auf die Seele donnert, braucht man starke Ohrenschützer. Rund um die Uhr besäuselt Musik, die vormals in gewissen Stunden Peinlichkeit erträglich machen und die Distanz zum Akt verringern sollte. Wo Adorno prophetisch die Raserei im Auto als Abfuhr des permanent Verfolgten aufzeigt, spriesen heute Formel-1 und Geschwindigkeitsrausch - exaltierte Angstlust-Mutation des kindlichen Fangespiels. Der Film empfindet das vor und nach. Kein Nervenkitzel ohne Verfolgungsjagd. Die Bücherkataloge sind voller denn je von düsteren Geheimlogen, bösen Mächten, Morden und Komplotten. Diesem Prinzip wird jede Qualität geopfert: Bachs Fugen ließen noch in der Verfolgung Raffinesse erkennen. Schundliteratur an Bahnhofsläden vergräbt dagegen jede Hoffnung wenigstens auf Langeweile, schlimmer schürt sie als Symptom die Angst bei jenen, denen als real Verfolgte der üble Witz vom Paranoiden, der heute wisse, dass er verfolgt werde, Gewalt antut.
 
Ad aspera
 
Zu misstrauen ist dem Statement, dass angesichts des Schlechteren das Eigne plötzlich besser schiene. Zu rasch schafft sich der Leidende dann Abfuhr in der Destruktion und im Ergötzen am Schlimmeren. Daher droht, wo Elend herrscht, oft noch das Schlimmste von den Elenden. Masochismus ist die introvertierte Form dessen: Solange eigenes Leiden durch den tiefen Schmerz verborgen werden kann, bereitet dann selbst dieser Lust.

15.11.07 18:39


Eine halbe Stunde somalische Marginalien der Weltgeschichte

Somalia wurde von der UN fallengelassen. Als im Dezember 2006 Äthiopien genug von einsickernden Islamisten hatte und ein besetztes Somalia einem islamistisch geeinten und Krieg führenden Sharia-Staat vorzog, krähten Friedensforscher und Antiimperialisten gegen die Intervention, beschworen Sodom und Gomorrha herauf und meinten, nun seien die Islamisten aber endgültig provoziert, ein neuer Irak nahe, alles würde viel viel schlimmer, ganz Ostafrika werde in einen Krieg hineingezogen. Was Äthiopien unter dem Sachzwang der Aufrechterhaltung des staatlichen Gewaltmonopols auf eigenem Territorium zum Eingreifen auf fremdem Staatsgebiet bewog, schien vielen eine weitere von langer Hand geplante Aktion der US-imperialistischen Kriegstreiberei.

Die UN hatten indes den einstigen Misserfolg in Somalia nicht verwunden, und darum schmerzte es doppelt, dass eines der ärmsten (und mitnichten demokratischen) Länder der Welt erste Erfolge zeitigte, indem es die islamistischen Guerillas im Handstreich aus dem Land jagte, ohne dass es zu ähnlich beklemmenden Situationen wie 1993 gekommen wäre. Weite Teile der Bevölkerung atmeten auf und Mann kaute wieder das geliebte, von den Islamisten verbotene Kat, während er natürlich auf die äthiopischen Besatzer schimpften, gegen die Somalia bereits mehrere Kriege verloren hat.

Konsequent überließ die UN die von Somalias Übergangsregierung und Äthiopien angeforderten Friedenstruppen der notorisch unterfinanzierten AU, ließ sich zu ein paar halbherzigen Millionen Spende herab, und vergaß tunlichst, dass es Somalia überhaupt je gegeben hatte. Vor einer Ausbreitung des Krieges hatte man zu Recht wenig Angst, Kenia wusste seine Grenzen zu schließen, im Sudan interessiert man sich wenig für Somalia und Eritrea plant ohnehin stets den nächsten Krieg. Was für die Industrienationen das Gebot der Stunde gewesen wäre, nämlich mit der Entsendung von etwa 15 000 gut ausgerüsteten Soldaten endgültig für Ruhe zu sorgen und den Islamisten keine Ruhepause zu gönnen, wurde nonchalant versäumt.

Das Horrorszenario, das manche für Somalia und Ostafrika entwarfen, blieb aus. Jedoch lassen auch ernsthafte Erfolge auf sich warten. Neben dem internationalen Boykott der Friedenstruppen ist eine Ursache dafür in der Clanstruktur Somalias zu suchen. Verwandtschaft zählt mehr als alles andere, die doppelte Befreiung des Lohnarbeiters ist in Afrika weder vollzogen noch in naher Zukunft zu erwarten. Al-Quaida hat das zu nutzen gewusst und gezielt militante Islamisten in die Clans eingeheiratet, die nun verwandtschaftliche Verpflichtungen und Kontakte nutzen - eine Taktik, die im Irak an der Endogamie mancher Stämme scheiterte.

Im relativ ruhigen Norden Somalias streiten derweil die sezessionistischen Regionen Puntland und Somaliland um Territorium: Die Stadt Las Anod wurde von Somaliland annektiert, das Parlament von Puntland stellte nun ein Ultimatum an die Zentralregierung.

Weil selbst die 8000 AU-Soldaten ausbleiben, verstärkte Äthiopien jüngst seine von Sprengfallen und Mörsern geplagten Truppen in Mogadischu, etwa 90000 Menschen flohen angesichts einer erwarteten Offensive. Schlechtbezahlte Soldaten und 'Polizisten' halten sich allenorts an der Bevölkerung schadlos, während auf dem Land Streitigkeiten um Weiden mit der Waffe ausgetragen werden. Die anarchischen Zustände haben Gewalt als legitimes Mittel der Politik etabliert. Dennoch sind Verhandlungen mit übermütigen Clanchefs auch häufig erfolgreich. Nach wie vor ist es nicht unwahrscheinlich, dass Somalia es über die Jahre langsam schafft, mittels Verhandlungen mit den Clanchefs und gewaltsamer Befriedung der islamistischen Guerillas ein Maß an Stabilität erreichen kann, das dringend für einen wirtschaftlichen Aufschwung und eine Konsolidierung nötig wäre. Mit nur der Hälfte der Mittel, die die UN und die EU zur Finanzierung palästinensischer Terroristen aufwenden, ließe sich in Somalia wirklich Dauerhaftes bewegen.

Auf 'Nichtidentisches' wurde bislang Folgendes zu Somalia veröffentlicht:

Freches Eritrea

Somalia hat Chancen

Islamisten fliehen aus Somalia

"The Mog" is free

Äthiopien befreit Somalia

6.11.07 11:19


Jobs wanted

Nachdem ich nun mit meiner Magisterarbeit fertig bin, wartet ab Dezember die Arbeitslosigkeit auf mich, bis mein Antrag auf ein Promotionsstipendium hoffentlich durch ist.
 
Um meinen Lebensunterhalt in der Zwischenzeit unter möglichst rationaler Verwertung der Qualitäten meiner Ware Arbeitskraft zu bestreiten, dachte ich, ich frage ich mal höflichst bei meiner Leserschaft nach eventuell bekannten Teilzeitjobs, die möglichst gutbezahlt am PC im journalistischen oder wissenschaftlichen Bereich zu erledigen sind. Anfragen über Vorträge zu Kulturindustrie, Kritische Theorie, Antisemitismus oder Hexenjagden in Afrika sind ebenso willkommen wie kurzfristige Spenden in beliebiger Höhe.
 
nichtidentisches@web.de
15.10.07 16:23


Burma - mahnende UN-Klapse statt Revolution

Die durchschnittliche Presse hat schnell das Interesse verloren, Burma ist allenfalls noch in den hinteren Teilen der Zeitungen zu finden, allein CNN und SPON berichten noch ausführlicher. Verschwörungstheorien werden laut, nach denen das Medieninteresse nur von US-amerikanischen Bedürfnissen, China zu schaden, inspiriert sei. Wie immer befinden sich die Antiimperialisten noch mit den ärgsten Regimes im Bunde, wenn nur ein "sozialistisch" gegen "US-Medien" steht - das war nicht anders, als noch Flugblätter für Pol Pot oder den Sendero Luminoso verteilt wurden. In Burma finden derweil Massenverhaftungen statt, ganze Klöster sind über Nacht leer gefallen.

Die Karen National Union fordert Soldaten zum Überlaufen auf und bekundet den Willen, die Regierung zu stürzen. Das wird sie vermutlich auch anfällig für Spione machen, ungefähr 90 Soldaten seien bislang übergelaufen. Etwa 1900 festgenommene Mönche und Nonnen, darunter Kinder, sollen in strengsten Arbeitslagern inhaftiert bleiben. Aus 400 verhafteten Mönchen wurden 90 aus mangelnden Verdachtsgründen gezielt in ein von der Junta gekauftes Kloster verbracht.
10 Parlamentsmitglieder und 137 Parteimitglieder der NLD wurden verhaftet. 10 000 demonstrierten trotz Verbot in Arakan. Die Junta kauft Demonstranten und zwingt sie, an Protestmärschen gegen die Mönche teilzunehmen. Irrawaddy spricht von bis zu 130 Toten und 3000 Verhaftungen im Verlauf der Proteste. Ein geflohener Offizier berichtet von hunderten von Toten und Schießbefehlen, an anderer Stelle wird ein Massaker an 200 Mönchen bezeugt. Bangladesh schottet derweil seine Grenzen gegen Flüchtlinge ab.

Die Junta  scheint auf die Brechung duch Folter und Absonderung von jeglichen Aufrührern in Arbeitslagern - ohnehin eine feste Institution für weite Teile der Bevölkerung - zu setzen. Wieviele dort unbeachtet in Zivilkleidung (also ohne die weinroten Roben) über die Jahre sterben, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Die ohnehin spärlichen Informationen werden durch Kampagnen der Regierung gegen zivile Journalisten weiter eingedämmt. Was im Geheimen stattfindet ist zu Recht und leider auch über die Maßen Anlass von Spekulationen.

4.10.07 11:09


GDL - Bahnstreiks ja bitte

Ich gebe zu, als auf der faulen Haut herumlesenden Magisterprüfling in spe werden mich die Bahnstreiks der GDL wenig treffen. Von daher ist es leicht, mich damit zu solidarisieren. Mein Rat für alle Pendler: Einfach mal Pause machen und zu Hause bleiben.

Wenn die Lokfahrer auf das Missmanagement des Unternehmens pfeifen und auf ihrem Recht bestehen, ihre Ware Arbeitskraft zu einem angemessenen Preis verkaufen und ferner keine nennenswerte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt auftaucht, im Gegenteil ein Stellenmangel herrscht, den die Bahn nun fieberhaft ausgleichen will, ist dem entschlossenen unbeirrbaren Engagement aus emanzipatorischer Perspektive nur zuzustimmen - wenn die Bahn durch die Forderungen pleite gehen sollte, warum sollten dann ausgerechnet die Lokfahrer diese Pleite durch ihr permanentes Selbstopfer verhindern?

Die Forderung von 16-40 Prozent mehr Lohn und einer Stunde Arbeitszeitverkürzung scheint tatsächlich tough. Wenn man aber die Inflationsrate in Betracht zieht, die Zeit der ausbleibenden Lohnerhöhung, das generell miserable Lohnniveau der 41 Stunden pro Woche mit Höchstkonzentration beanspruchten Schichtarbeiter, die regelmäßig in Hotels übernachten und ohnehin unvorhergesehene Mehrbelastungen tragen müssen, rechtfertigt das die Ansprüche über Gebühr.

Zu erwarten ist, dass öffentliche Medien entrüstet aufprusten, was denn den Lokomotivfahrern einfiele, ihre Schlüsselstellung auszunutzen. So geschieht es derzeit am laufenden Band, schlichter Sozialneid macht sich breit. Dass zu dieser Macht in der Schlüsselposition erstmal die mühevolle Organisation gehört, blenden die Neider aus. Andere jammern, die Bahn sei pleite, Lokführer von Konkurrenzunternehmen bekämen noch weniger, der Kunde müsse den Aufpreis zahlen. Der BDI berechnet schon jetzt die wirtschaftlichen Schäden des Streiks auf Milliardenhöhe und klar ist - für die nächste Krise werden die Lokfahrer verantwortlich gemacht werden.

Dass sich Arbeiter organisieren und so Beispiele eines emanzipatorischen, nicht staatsappellativen Verhaltens liefern, rational ihre Interessen im Gegensatz zu denen des Kapitals stellen, das die Unternehmensführung wider sie vertritt, ist zu befürworten. Anzugehen ist gegen die jämmerlichen Versuche, das als "unsolidarisch" - ergo nicht in die kapitalistische Unternehmensrationalität passend - abzuwerten. Viele Deutsche hätten halt am liebsten einen Staat, der die Löhne garantiert, ohne dass man sich anstrengen oder selbst seine Interessen wahrnehmen muss. Das ist die vorauseilende Sklaverei des Geistes, in der das Eigeninteresse im Staatsinteresse faschistisch oder wahlweise sozialistisch aufgehen soll - als Forderung wird so gemeint, was die Diktaturen stets als Praxis betrieben: Das Verbot gewerkschaftlicher Betätigung.


Fallende Löhne und härtere Arbeitsbedingungen wollen sich die Deutschen in der derzeit auf ekelerregende Weise etablierte Phrase der "Heuschrecken" erklären - dass sie einfach zu unterwürfig sind, um zu streiken und ihnen Organisation über die regressiven Turnvereine, zahllose müßige Stammtischrunden, Faschingsvereine, endlose Dorffeste von Kirchweih bis Fronleichnahm hinaus zuwider ist, kommt ihnen nicht in den Sinn. Nur daraus erklärt sich, dass tatsächlich Ärzte, Arbeiter in der Schlüsselposition schlechthin, die Streichung von Weihnachtsgeld und anderen - etwa einem Metaller selbstverständliche - Errungenschaften hinnehmen wie einen Exitus beim 98-Jährigen.

1.10.07 17:52


Burmas Junta versucht den Aufstand niederzuschlagen

Wie "The Irrawaddy" berichtet hat sich das Militär zur gewaltsamen Niederlage der Revolte entschlossen. Klöster wurden heimgesucht, zahllose Mönche verprügelt, auf den Straßen in Rangun schießen Soldaten in die Menge, in einem Fall mit einer Panzerfaust auf Unbewaffnete. Nachdem erneut 70-100 000 Menschen zusammenkamen, versuchen die Milizen in den Straßen Schrecken zu verbreiten und schießen willkürlich in jede Menschenansammlung, drohen dies auch vorher an. Ein japanischer Reporter wurde aus nächster Nähe erschossen. Die Junta zensiert populäre Blogs und kappt Telefonverbindungen.
 
Währenddessen bereitet sich das Militär wohl auf intensive Säuberungsaktionen vor, indem zusätzliche Truppen in die Karen-Region entsandt werden und protestierende Menschen gezielt auf Transporter verladen werden. In einem Fall sollen das insbesondere Mädchen und Frauen gewesen sein. Das burmanesische Militär ist bekannt für organisierte Zwangsprostition.
 
Auch wenn und gerade weil die Junta sich einen Dreck um die Meinung im Ausland schert und ein militärisches Eingreifen möglicherweise an Großmachtinteressen Chinas und Russlands scheitert, ist es unabdingbar, der demokratischen Revolution dort alle Aufmerksamkeit zu widmen, die sie braucht. Sie ist in einem Ausmaß im Gange, das sich nicht zurückdrehen lässt und sehr wahrscheinlich entweder in grauenvolle Massaker oder in einen Umsturz mündet. Je mehr die Junta den Mönchen brutale Gewalt als unausweichliche Folge ihres Protestes eröffnet und sie in Massen abtransportiert, desto mehr werden diese die Revolution als einziges Mittel sehen, dies zu vermeiden. Ob es Tendenzen zur Bewaffnung gibt, kann ich schwer absehen, die Guerillas werden möglicherweise unterstützend eingreifen und auf Videos sieht man Mönche und andere Zivilisten mit Holzknüppeln herumlaufen.
 
 
27.9.07 21:31


Die Butler-Bibel

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In Kooperation von Bad Blog und Nichtidentisches soll in den nächsten Tagen und Wochen der nicht mehr ganz neue Reader „AS-ISM_2“ des Antisexismus-Bündnisses-Berlin dem Spaltpilz der Kritik ausgesetzt werden. Dazu gibt es individuelle Beiträge zu verschiedenen Elementen des Readers. Jeder Beitrag steht für sich, eine blogübergreifende redaktionelle Bearbeitung fand nicht statt. Wir hofften dadurch, der Emanzipation eine Bresche zu schlagen, die Eindimensionalität ihrer Gegner und falschen Verfechter bloßzustellen, und letztlich uns selbst gegen Zumutungen zur Wehr zu setzen, die uns im Namen der Dekonstruktion aufgenötigt werden.
 

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Die Butler-Bibel

Der Dekonstruktivismus ist eine Religion, die ihre Anhänger über ihre Grundbedingungen hinwegzutäuschen vermag, ohne sie je dem Gefühl des Mangels auszusetzen.

Den Fanatismus der charismatischen Bewegung der Dekonstruktivisten am eigenen Leib erfahren kann, wer es wagt, auf einer Gender-Blurparty ohne Transgenderverkleidung aufzukreuzen. Flugs wird zwangsgeschminkt, eine Plastik-Boa gespendet oder doch zumindest manch böser Blick geworfen, von denen, die sich qua Lidschatten von Sünden der Heteronormativität befreit haben. Travestie, so hat man gelernt, ist politischer Ausdruck des Widerstandes gegen das Regime der heterosexuellen Matrix.

Ebenso gibt man sich der exotistischen Vorstellung hin, Schwule, Lesben und Transsexuelle würden ständig Parteys als Drag-Queens in Amsterdam feiern, überhaupt viel hipper als Heterosexisten sein und den Zwängen der Gesellschaft ein Schnippchen geschlagen haben. Die Spielmarke ist aufgeklebt und verheißt Eintritt ins Glück: Dieser kostete schon den Steppenwolf den Verstand. Der Katzenjammer danach wird verleugnet als drohender Rückfall in die Heteronormativität, und jeder Kritiker des Konzepts gilt schon als Sexist und überhaupt nicht zeitgemäß. Wie Dershowitz es ausdrückt:

Many of the same people, who correctly insist on greater ‚diversity’ based on gender, race and ethnicity seek homogeneity of viewpoints. […] The last thing they want is diversity of viewpoint, especially on issues of gender, race and politics.

Das dieser charismatischen Bewegung zugrundeliegende Evangelium, Judith Butlers „Gender Trouble“ fasst die a.g.gender-killer in „Das Unbehagen der Geschlechter“ – Für Queer-Einsteiger_innen zusammen. Lustigerweise geht man davon aus, dass der Text nicht verständlich genug sei, verschweigt aber, warum dies so ist: Weil Judith Butler als Poststrukturalistin offenbar jegliche Struktur in einem wissenschaftlichen Text ablehnt, dem interessierten Leser gegenüber eine selten unverschämte Missachtung entgegenbringt und stets, wenn sie einmal etwas ausformuliert hat, noch ein „anders formuliert“ nachschiebt. Stilistisch also ein redundantes Machwerk, das sich ständig wiederholt und bei dem man sehr lange brüten muss, bis man herausfindet, wo Butler gerade referiert, kritisiert oder gar eine eigene Position entwickelt. Die Faszination Butler generiert sich wohl zu nicht geringen Teilen aus den idealisierenden Identifizierungen ihrer fanatischen Anhänger.

Wo die feministische Bewegung weibliche Vorbilder sucht und ins Zentrum der Beachtung rücken will, kommt eine wie Butler gerade recht: Aufmüpfig, das alte verwerfend, auf den Muff wetternd, und am besten: viele postmoderne Spezialbegriffe einbauen, die den Außenstehenden Respekt einflöße sollen. Das ist nicht zu verwechseln mit den klassischen Fremdworten. Diese stehen in jedem Fremdwortlexikon. Adorno beispielsweise kann kaum eine unsaubere Sprache vorgeworfen werden: die Begriffe, die er verwendet mögen viele verunsichern, sie sind zumeist seit Jahrhunderten üblich in der Philosophie und sie beziehen sich auf eine Realität. Anders Butler und die Postmodernen: Sie entwerfen neue Begriffe, die deshalb Popanz sind, weil sie auf einem Nichtwissen anderer Begriffe und Realitäten aufbauen.

Vollmundig behaupten nun die Gender-killer, Judith Butler sei „in aller Munde“, und an ihren Werken nicht vorbeizukommen, wenn es um Themen wie „Sexismus“ und „neuerdings gender“ gehe. Gender, ein Begriff wie ein alter Putzlumpen, längst in den EU-Gremien angekommen und in allen staatlichen Broschüren und Forschungsaufträgen konform, ist so neu wie die Nachricht, dass der Mond aus Käse besteht. Auch eine Kritik am Sexismus wird man überall finden, nur nicht bei Butler. Konkrete Ereignisse wie sexuelle Gewalt interessieren sie nicht, wie später zu sehen ist.

Die Gender-killer, sich schon dem Namen nach positiv mit dem Kastrationsakt identifizierend, um drohenden Konflikten mit Überich-Instanzen aus dem Wege zu gehen, zeichnen nun in ganz naiver Sprache Butler nach:

Im bisherigen Feminismus waren „die Frauen“ als Kollektiv das politische Subjekt. D.h. es gab den Anspruch oder die Idee, es gäbe „die Frauen“, die alle gleichermaßen von einem universellen Patriarchat unterdrückt wären. Seit den feministischen Debatten in den 80ern wird jedoch davon ausgegangen, dass nicht alle Frauen gleich, sondern in ganz unterschiedlicher Weise von Sexismus betroffen sind. Eine schwarze Frau z.B. anders als eine weiße, eine Lesbe anders als eine Hetera usw.

Das ist zunächst einmal ein Schlag ins Gesicht aller aufgeklärten Feministinnen und Feministen der vergangenen Jahrhunderte. Da wird der esoterische Ökofeminismus mit all seiner Matriarchatsforschung als alleiniger Vertreter des Feminismus gehandelt, als habe es Emma Goldmann genauso wenig gegeben wie Rosa Luxemburg, die Suffragetten oder andere aufgeklärte Vertreter der Bewegung. Was vom Ökofeminismus übernommen wird, ist die Annahme, man lebe nach wie vor unter einem „universellen Patriarchat“. Allein: Dessen Kategorien sind zu grob gefasst, man braucht mehr Schubladen, um genau das voranzutreiben, was Butler doch eigentlich kritisieren möchte: Dass Festigen von Identitätskategorien im Rahmen der Triple-Opression.

Bezeichnend für Butler, wie für ihre Anhänger, ist der logische Zirkelschluss, der von einer unbelegten Grundannahme ausgeht, um daraus formallogischen Humbug zu zaubern. Das offenbart sich schon in den einfachsten Vorraussetzungen der Gender-killer:

Ein Problem ist, dass ein Subjekt immer ein geschlechtliches Subjekt sein muss. Subjekte sind überhaupt nur Subjekte, weil sie eine feste Geschlechtsidentität besitzen; andernfalls wären sie gesellschaftlich nicht als Subjekte anerkannt.

Merkwürdig. Ist in der modernen bürgerlichen Gesellschaft gemeinhin die menschliche Existenz festgeschrieben als Grundbedingung des Status als Rechtssubjekt, können Transsexuelle ebenso einkaufen wie Richter werden, haben sogar Tote ein Recht auf Totenruhe, halluzinieren die gender-killer auf einmal eine Instanz, die prüft, ob ein Geschlecht vorhanden ist, und bei fehlendem Geschlecht den Subjektstatus aberkennt. Die Frage, ob Menschen überhaupt Subjekte ihrer Geschichte sind, oder ob sie vielmehr Subjekt-Objekt eines objektiven Verwertungsprozesses sind, entsteht für die gender-killer gar nicht.

Die Kapitalisten der englischen Industrialisierung interessierten sich für das Geschlecht der Arbeiter nur insoweit, als innerhalb der notwendigen und zugleich mit Bevölkerungswachstum und Rationalisierung überschrittenen Reproduktionssphären Kinder billiger waren als Frauen und Frauen billiger als Männer. Alle zusammen sperrte man mal mit Gewalt, mal mit dem Zwang der unsichtbaren Hand in Kohleminen, Ziegelgruben oder trieb sie von der Straße in working-houses. Engels konstatiert in der „Lage der arbeitenden Klasse in England“:

In vielen Fällen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt. Die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht. […] Ist die Herrschaft der Frau über den Mann, wie sie durch das Fabriksystem notwendig hervorgerufen wird, unmenschlich, so muß auch die ursprüngliche Herrschaft des Mannes über die Frau unmenschlich sein. (MEW2:369ff)

Wo Engels allein aus aufgeklärtem Rationalismus den logischen Schluss zieht, dass die erlittene ökonomische Gewalt jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht in seinen Worten „kastriert“ so sehen die gender-killer von ökonomischen Zwängen der Unterdrückung und der Möglichkeit ihrer Aufhebung oder Verschiebung gänzlich ab.

Solches Unverständnis von Gesellschaft schlägt sich notwendig in Magie nieder:

Das ist für Butler deswegen so, weil sie einen ganz bestimmten Begriff von Sprache hat. Sprache ist bei ihr nicht einfach ein Medium, das die Welt außerhalb der Sprache beschreibt, sondern sie ist performativ, d.h. sie konstruiert die Welt erst so, wie sie ist. Sie bringt die Dinge erst hervor, weil sie die Wirklichkeit, bzw. die Wahrnehmung der Wirklichkeit konstruiert.

Von Dialektik keine Spur. Wie Zauberer schreiten die Menschen durch die Welt, sagen hier Frau, dort Mann und poff! steht dort eine Frau oder ein Mann aus dem Nichts. So einfach ist die Hexerei des Dekonstruktivismus. Der böse Diskurs, und hier bei Butler primär der feministische, trennt angeblich „sex“ und „gender“ und kann daher „sex“ nur als zweigeschlechtlich denken. Gender müsse demnach auch immer schon auf dieser Bipolarität gründen. Als würde neben den Löwen, Ameisen und Tigern noch „das Tier“ herumlaufen, als würde der Begriff der Blume ein Monstrum aus Veilchen, Akelei und Rose meinen, ist eine Verallgemeinerung den Dekonstruktivisten bereits die Erschaffung einer Realität. Sie stellen Marx vom Bücherregal auf den Kopf und behaupten dann, er würde Hegel heißen.

Und weil die gender-killer deshalb nicht so recht wissen, was an dem falschen Ganzen wie zu kritisieren ist, fragen sie ganz richtig noch mal nach:

Was ist an der Zweigeschlechtlichkeit und der binären Opposition nun scheiße? Sie basiert auf Ausschlussmechanismen für alle diejenigen Identitäten bzw. Körper die aus dem Raster fallen, die ihm nicht entsprechen, z.B. keine Eindeutigkeit aufweisen, sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Dahinter steckt ein bestimmter Begriff von Identität bzw. Subjekt, der von Butler stark kritisiert wird, weswegen Butlers Theorie auch oft der Postmoderne zugeordnet wird, die auch Kritik an festen geschlossenen Identitäten übt. Feste geschlossene Identitäten basieren immer auf Ausschluss, und nur solche festen Identitäten bekommen einen Subjekt- bzw. Personenstatus zugesprochen. Außerdem ist für Butler das denken in binären Oppositionen ein typisches Kennzeichen der modernen westlichen abendländischen Philosophie, Wissenschaft, Kultur, etc. Darunter fallen zentrale Begriffe wie Natur/Kultur, weiblich/männlich, Gefühl/Verstand, Emotionalität/Rationalität, Materie/Geist. Dieses Denken an sich ist Teil eines dualistischen Denkens, und wird von Butler als patriarchal und die dahinter stehende Bedeutungsökonomie als maskulin charakterisiert.

Man möge sich das vor Augen führen. Zuerst alle Identitäten und binären Dualismen in Bausch und Bogen verwerfen, und dann eben dieses Denken als patriarchal und die dahinterstehende Bedeutungsökonomie als „maskulin“ charakterisieren. Mag zwar das Opfersubjekt nicht in „den Frauen aufgehen“, so geht doch das Tätersubjekt in „den weißen Männern“ auf. Die Konstrukteure des Geschlechts sind männlich, irgendwie, basta. Und Kritik daran ist simpel, Widerstand einfach: Kayal und Rock, Hose und falscher Bart:

Bei drag gibt es einen Widerspruch zwischen dem Geschlechtskörper, der z.B. als ein männlicher wahrgenommen wird und der performance, die eine weibliche ist. Es entsteht eine Irritation in der Wahrnehmung. Und der Betrachter ist irritiert darüber, welche Geschlechtsidentität diese Person wohl haben mag: Fühlt er/sie sich nun als Frau oder als Mann? Diese Geschlechterverwirrung oder Irritation ist für Butler subversiv und kann als politische Strategie eingesetzt werden.

Ob es nun subversiv ist, dass ein Nazi sich heimlich als Frau verkleidet, oder eine Antisemitin sich breitbeinig hinsetzt und herumgröhlt, ist doch zumindest sehr fraglich. Klar ist: Man braucht von Politik ebenso wenig Ahnung haben wie von Gesellschaft: gender-killer lesen und gender-blur-party feiern, der Rest ergibt sich schon von alleine. Immerhin fügen die gender-killer noch eine kleine Depeche an die Kritik an: Butler sei wahrnehmungsphilosophisch und vielleicht nur auf Randgruppen bezogen, sie befasse sich nicht mit sexistischer Gewalt und ökonomischen Ungerechtigkeiten.

Wahr, wahr, aber warum dann ihre Werk als „zentralsten Text für die gesamte Entwicklung der gender studies“ hagiographieren? Etwa um eine Kritik an ihr zu entwickeln? Vielmehr, um Kritikfähigkeit vorzutäuschen. Kritiker des Konzepts, die essentielle Teile des Werkes in Frage stellen, werden gemeinhin als phallogozentrische Exekutoren des epistemologischen Regimes, also fast so schlimm wie Pädophile, wahrgenommen.

Grundsätzlich ist Butler, orthodox gelesen, auf dem richtigen Wege, was nicht weiter schwer ist, denn der Weg dahin ist kaum zu verfehlen. Dass eine gesellschaftliche Praxis den „Effekt des Natürlichen erzeugt“, eine Aura des „Ursprünglichen“ und der „Unvermeidlichkeit“ (1990:9) ist zunächst eines der wesentlichen Inhalte der Wertformanalyse. Mit Scheit (2001:10) zu sprechen:

Die Methoden der unsichtbaren Hand beruhen zum Teil auf magischen Kräften: sie macht ihre eigenen Vorraussetzungen unsichtbar – das ist das Wunder des Kapitals und die Zauberei der politischen Ökonomie. Die Vergangenheit ist im Bewußtsein des bürgerlichen Subjekts wie ausgelöscht, die Gegenwart in Natur verwandelt.

Davon hat Butler schon gehört und sie verweist diesbezüglich auch auf Marx (1990:61) und Engels (1990:65). Jedoch scheitert Butler an der von ihr verschmähten Dialektik (1990:8), weil sie das Sein aus dem Bewusstsein entspringen lässt. Nicht Dialektik, sondern Genealogie ist ihr Anliegen.

Vielmehr erforscht die Genealogie die politischen Einsätze, die auf dem Spiel stehen, wenn die Identitätskategorien als Ursprung und Ursache bezeichnet werden, obgleich sie in Wirklichkeit Effekte von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen mit vielfältigen und diffusen Ursprungsorten sind. Die Aufgabe der vorliegenden Untersuchung ist, sich auf solche definierenden Institutionen: den Phallogozentrismus und die Zwangsheterosexualität zu zentrieren – und sie zu dezentrieren. (1990:9)

Im weiteren Verlauf bemüht sich Butler nach Kräften, die diffusen Ursprungsorte in ihrer Diffusität zu belassen. „Macht“ kann als Synonym für diese Diffusität ebenso herhalten, wie jeder andere Begriff, der ein ödipales Unbehagen erzeugt. Ihr Obskurantismus mündet, wie später zu sehen ist, rasch in Dämonologien.

Butlers Anliegen ist scheinbar, der Ontologie entgegenzutreten, und den Befund einer von je natürlichen Geschlechtsidentität zu kritisieren. Das Nichtbegriffliche mit Begriffen aufzutun ist nicht das schlechteste Anliegen, sondern nach Adorno „die Utopie der Erkenntnis.“ Was aber kommt bei dem ganzen heraus?

Anstatt auf das Nichtidentische zu verweisen, das Begriffe von je zeitigen, entstehen Begriffsmonstren, die genau den Anspruch haben, solches Nichtidentische angemessen zu repräsentieren, Verweise auf das immer weiter zu bestimmende im Individuum, die damit nicht einem Besonderen im Allgemeinen Respekt zollen, sondern Allgemeinen von je nicht mehr denken lassen wollen. Das im AS.ISM verwendete Wort „Transgenderfrauenlesbenqueeretc.“ ist nur ein Mangel an Abstraktionsfähigkeit, der zwanghafte Versuch, es dem Begriff mit einem Antibegriff gleichzutun. Mit Reflexion hat das nichts zu tun. Auch Butler widerspricht ein solches Vorgehen nur scheinbar.

Diese schließt vom richtigen aufs Falsche:

Es wäre falsch, von vornherein anzunehmen, daß es eine Kategorie „Frauen“ gibt, die einfach mit den verschiedenen Bestandteilen wie Bestimmungen der Rasse, Klasse, Ethnie und Sexualität gefüllt werden muss, um vervollständigt zu werden. Wenn man dagegen die wesentliche Unvollständigkeit dieser Kategorie voraussetzt, kann sie stets als offener Schauplatz umkämpfter Bedeutungen dienen. Die definitorische Unvollständigkeit der Kategorie könnte dann als normatives Ideal dienen, das von jeder zwanghaften Einschränkung befreit ist. (1990:35)

Dadurch entsteht jedoch eine Tautologie: Entweder es ist alles miterwähnt, dann ist die Kategorie nicht unvollständig, oder sie ist unvollständig, und dann ist sie nicht von jeder zwanghaften Einschränkung befreit, sondern lediglich ein notwendig unzulängliches Mittel. Butler kann dieses Arbeiten mit Unzulänglichkeiten nicht denken, und wähnt daher eine Befreiung von „jeden“ zwanghaften Einschränkungen durch die Kategorie, auf deren Unvollständigkeit reflektiert wird. Der Zwang wird schon durch Reflexion auf den Zwang aufgehoben. Das ist genau das Gegenteil dessen, was Adorno anstrebt: Das von den Begriffen gezwungene mit Begriffen zu eröffnen, ohne es ihnen gleichzutun. Dazu müsste man der Entfaltung des Widerspruches zuneigen. Butler will das Nichtidentische im Begriff allein durch Reflexion auf die Unvollständigkeit aufgehoben wissen. Von einem konkreten Objekt wäre dann abzusehen.

Weil Butler Marx auf den Kopf stellt, wird fürderhin nicht mehr um Macht und Recht gestritten, sondern der Begriff, die Kategorie, wird zum substanzlosen Schauplatz des Kampfes um Gleichberechtigung. So generiert sich eine Ersatzbefriedigung, die mit dem Binnen-I schon gesellschaftliche Verhältnisse umgewälzt sieht, und sich spröde macht gegen das reale Leid von Frauen als Vertreter der Kategorie. Die Konsequenz ist, dass Frauen nicht mehr als Frauen wegen ihrer schlechteren Bezahlung streiken, sondern dass sie sich darüber empören, als Frauen bezeichnet zu werden. Und noch nicht einmal den Akt der diskriminierenden Sprache thematisiert Butler: Sie will auf dem Strukturalismus Leví-Strauss aufbauend weitermachen, ohne dessen Annahme, dass Gesellschaft in einer Grammatik aufgehe, zu verwerfen: Wie ist eine Veränderung des Seins zu denken, wenn Sprache nur das Sein reproduziert? (1990:70, 72) Das ist die zentrale Frage Butlers: Eine Sprache zu entwerfen, die einem normativen Sein recht nahe kommt, um von dieser korrekten Sprache, bzw. dem Sprechen, zu erwarten, dass es die Realität magisch ins Positive verwandle. Das geht nur, wenn man wie der Strukturalismus annimmt, dass Sprache alles ist.

Wenn Butler nun vorschlägt, mit wechselnden Identitäten zu agieren, um die jeweils anstehenden Ziele ('gleichgültig welche') zu erreichen, und gleichzeitig darauf beharrt, dass diese offen bleiben, wird von dem abgesehen, das diese Identitäten negativ produziert: Der Diskriminierung als Frau, Jude, Schwarzer, etc.

Die Beliebigkeit der Zielsetzung ist maßgeblich für die weitere Bearbeitung der Butlerschen Ideologie.

Die Schöpfungslehre

„Im Anfang war das Wort.“

Weil Butler aus dem Nichtidentischen die differance als Diskrepanz zwischen „Signifikant und Signifikat“ macht und absehend von äußeren Umständen dieser differance schon zuspricht „alle Referentialität zu einer potentiell schrankenlosen Verschiebung“ zu machen (1990:70), gibt es wie bei Heidegger letztlich keine geschichtliche Tat und kein notwendig falsches Bewusstsein mehr. Politik soll vom Aushandeln der Interessensgegensätze in die Vervielfältigung von Geschlechtsidentitäten verwandelt werden. (1990:218) Nicht die Unnatürlichkeit jeder Geschlechtsidentität als Identität (vom status quo) oder als Sublimierung (vom status ante), sondern die Unnatürlichkeit der Geschlechterbinarität soll dabei enthüllt werden.

Das Absehen von einem Subjekt, das der Strukturalismus mit seinem Totalitätsphantasma Sprache ermöglicht, findet sich in in einem Absehen vom infantilen Subjekt in Butlers psychoanalytischen Erwägungen wieder. So interessant es sein mag, mit Butler in der Homosexualität die Melancholie – die Bewahrung des Objekts – zu entdecken, der Heterosexualität jedoch die Trauerarbeit – die Aufgabe des Objekts – zuzusprechen, so vernachlässigend ist die Freud-Lektüre Butlers in Bezug auf das infantile Subjekt. Weil sie diesem nicht zugestehen will, ein eigenes Interesse zu haben, weil sie den Narzissmus als Kraft in diesem Konfliktfeld herausimpft, von Penisneid (außer einem (angeblich) nicht spricht und den Kastrationskomplex in seinen multiplen Formen weitgehend ignoriert, stürzt sie sich auf Randbemerkungen bei Freud, die dann als „Lesart“ Bestand haben dürfen, ohne jeden Bezug zur psychoanalytischen empirischen Erfahrung oder gegenläufigen Modellen Freuds und seiner Nachfolger.

Ihre Frage nach dem Begehren, nach den Instanzen, nach der produktiven Kraft des Inzesttabus schließen die Frage nach der Geschlechterdifferenz aus: Den Moment, in dem das Kind unabhängig von seinem wie liberal auch immer auftretenden Elternhaus, erkennt, dass es nicht intakt ist, und ein anderes braucht, um sich zu reproduzieren. Das Kind, das sich selbst als narzisstischen Phallus gesetzt hat, will diesen Phallus aus sich selbst heraus zeugen, ein Kind koten, es durch Verschlucken hervorbringen, bis es entdeckt oder darauf gestoßen wird, dass dazu etwas anderes zwingend notwendig ist: Das jeweils andere Geschlechtsteil, über das es nicht verfügt. Um sich selbst als Phallus zu setzen zu können, ist das Anerkennen des heterosexuellen Aktes als Grundbedingung seiner Existenz notwendig. Der Penisneid ist auf diesem Prozess des Anerkennens ebenso notwendige Begleiterscheinung wie die Kastrationsangst des Jungen. Beide münden in ein Verdoppeln des Phallus: Mit Waffen, Puppen, Stöcken, Büchern, Worten, Taten, Bildung etc.

Butler verschweigt mit der Notwendigkeit des heterosexuellen Aktes zur Zeugung und seiner Bedeutung für die Konzeption von Heterosexualität die Aggressivität des Kindes. Das Inzestverbot bewirkt bei ihr lediglich Trauer oder Melancholie, produziert gleichsam verdrängte Homo- und zwanghafte Heterosexualität.

Dass das Inzestverbot auch Kastrationslust erzeugt, das Zerstören dessen, was von der unmittelbaren Reproduktion und der verworfenen Quelle der oralen Lust abhält, bzw. von Repräsentanten dieses Verbots, kommt bei ihr nicht zur Sprache, weil das hieße, dem Kind einen Subjektstatus einzugestehen, das es aufgrund der Omnipotenz der Sprache und der zu geißelnden Konstruktion nicht haben darf.

Das Butler-Evangelium

Die Erlösung des Individuums, das sich identisch denken will und muss, um bestehen zu können ist Butlers Anliegen. Nach dem Kern von Homosexualität, Inversion, Heterosexualität und den darin innewohnenden Zwängen der Gewalt, die Aggressivität hervorbringen, zu fragen, ist Butler zu schnöde, denn das hieße, allen Subjekten eine Imperfektion, einen Mangel zu unterstellen. Bei Butler sollen sich alle gut fühlen dürfen, wie sie sind. Butler weiß bei ihrem heterogenen Ansatz nicht zu bestimmen, was denn nun pathologisch an Sexualität sei. Ob zu ihren vervielfältigten Geschlechtsidentitäten neben den Polymorph-Perversen, Invertierten, Homosexuellen, Heterosexuellen etc. auch Pädophilie, Nekrophilie, etc. als unterdrückte Geschlechtsidentitäten hinzutreten dürfen, bleibt offen. Vernunft, und sei es eine falsche, ist bei Butler nur als totale denkbar, weil es in ihren strukturalistischen Grundvoraussetzungen so etwas wie ein falsches Ganzes nicht geben kann.

Identität kann in falschen Zuständen, in denen feindliche Interessen und Widersprüche gegeneinander antreten, ich-synton sein: sie ist das einzige Mittel zur Aufrechterhaltung von Handlungsfähigkeit, und falsches Bewusstsein ist damit auch notwendig falsches, solange das Individuum nicht mit diesen Widersprüchen versöhnt ist, oder sie positiv aufzuheben weiß. Wie der den Naturgewalten ausgesetzte einen Gott oder die Gewalten selbst als Götter anfleht und in diesen eigene Ängste und Wünsche aufgebahrt weiß, um bestehen zu können, muss Butler den Individuen die Sprache als Gott vorsetzen, in die sie ihre Wünsche nach Aktion und Veränderung projizieren können. Das macht sie da attraktiv, wo identitäres Verhalten aus auseinanderklaffenden Widersprüchen sich speist. Über die Widersprüche muss dann bei Butler nicht geredet werden: Sie will Identitäten durch Vervielfältigung und Ausweitung stabilisieren. Was sie stabilisiert, ist falsches Bewusstsein von der Krise im Subjekt.

Die Butler-Apokryphen

Weil der Butler’sche Widerspruch, Sprache einerseits als repräsentative Totalität aufzufassen und andererseits mit der Sprache über diese Totalität hinauszukommen, scheitern muss, vollzieht sie doch stets aufs Neue das Abtauchen ins Konkrete. Dies stets dann, wenn es darum geht, ein geheimes Subjekt verantwortbar zu machen: Etwa ein „Bündnis zwischen Medizin und Rechtsprechung“ (1990:59) oder, immer vage und willig: Die Macht.

Dabei gleitet sie zum einen in Exotismus ab, wenn sie vermutet, dass die Frau im strukturalistischen Konzept des Frauentausches wie in der Realität ein „Verbindungsterm“ sei, ein bloßes Objekt. Frauen können trotz dieses Tausches Subjekt-Objekt sein. Auch innerhalb des Tauschgesetzes ist subversives (nicht notwendig revolutionäres) Handeln möglich. Etwas VON den Frauen wird im Akt der Exogamie mit ihnen getauscht und sie versuchen es sich nach Kräften real und in der Phantasmagorie zurückzuholen. Die Mythen der für den Strukturalismus wesentlich zur Hand genommenen Amazonasindianer bieten dafür reichhaltige Beispiele in den Erzählungen von lustvollen Ehebrecherinnen, Göttergattinen und weiblichen Geistwesen. Das setzt unter Umständen die patriarchale Beschädigung nur fort. Keinesfalls ist es jedoch möglich, nur von Objekten zu sprechen.

Zum Anderen wird Butler explizit projektiv, wenn es darum geht, für konkrete Zustände Ursachen aufzuzeigen. In „Gefährdetes Leben“ (2005) fährt sie einen Antisemitismusbegriff auf, der in sich antisemitisch ist und mit „sekundärer Antisemitismus“ bezeichnet werden kann.

Hier tun sich die Abgründe auf, die man an ihrer Theorie nur mühsam erahnt.

Butler ist eine notorische Verfechterin von Boykottaufrufen gegen Israel und bemüht zu diesem Zwecke, und nur zu diesem, ihre jüdische Herkunft. Wer wie Lawrence Summers Boykottaufrufe und antiisraelische Stimmung im Allgemeinen als dem Antisemitismus möglicherweise anheim fallend bezeichnet, dem wird vorgeworfen, ein Redeverbot aufzustellen, Zensur aus Gewissensangst zu üben und überhaupt dem Antisemitismus Vorschub zu leisten. Neben mehreren Israel-Nazivergleichen jammert sie darüber, dass die Welt den Mord an Niklas Berg, der mit einer Axt vor laufender Kamera exekutiert wurde, weil er Jude ist, als Abschlachten bezeichnet wird. Palästinenser, so Butler, würden unermesslich darunter leiden, dass sie ihre Behandlung nicht ebenfalls als abschlachten bezeichnet wissen dürften.

In welchem Ausmaß hat die Weigerung, den Tod von Palästinensern als „Abschlachten“ zu verstehen, eine maßlose Wut auf Seiten der Araber erzeugt, die irgendeine legitime Anerkennung und Lösung für diesen anhaltenden Gewaltzustand suchen? (2005:31)

Nicht konkretes Leid interessiert Butler, sondern das Sprechen darüber, wie es bezeichnet wird. Tod ist ihr ein schlimmes Übel, der Tod von Juden hingegen ist zu verschmerzen, geht es doch um Hegemonien und Bedeutungsträger der Gegenmacht und als solche kommen Juden von je nicht in Betracht. Nicht Israel interessiert sie, sondern wie man es möglichst als Nazi bezeichnen kann, ohne selbst als Antisemit beschimpft zu werden. Das erstere ist bei Butler legitime Kritik, das letztere Zensur durch die Macht. Den Begriff des Antisemitismus wähnt sie als wirksame Waffe gegen naziflaggenschwenkende Synagogenzerstörer. Wie immer ist Sprechen ihre einzige Realität: Nicht nur will sie Nazis durch Beschimpfen bekehren, nein, wer Antisemitismus als Antisemitismus bezeichnet, nehme dem Schimpfwort die Wirkung, schwäche den Begriff.

Auch anderen Phänomenen als dem Furor der antisemitischen Volksgemeinschaft in Palästina kann Butler etwas Positives, Erhaltenswertes, abgewinnen. Weil der Westen böse ist, Kriege macht, die USA und Israel als Macht durchsetzt, müssen die von diesen Bösen als Böse Bezeichneten gut sein. Der Kulturalismus, der Vielfalt will, braucht das Feindbild wie der Papst die Bibel.

Darüber hinaus versucht sie [westliche feministische Theorienbildung], gleichsam eine sogenannte „dritte Welt“, ja einen „Orient“ zu konstruieren, indem sie unterschwellig die Geschlechter-Unterdrückung als symptomatisch für eine wesentlich nicht-westliche Barbarei erklärt. (1990:19)

Nicht-westliche Barbarei darf demnach nicht mehr kritisiert werden, weil die westliche Barbarei dazu kein Recht hat. Im harmonischen Chor der Barbareien findet sich bei Butler, die angeblich Identität und Zwangsheterosexualität kritisiert, eine Lobeshymne auf die Burka. Sie hat einen islamistischen Vortrag besucht und gibt kritiklos wieder:

Ein paar Tage später besuchte ich eine Konferenz, auf der ich einen Vortrag über die wichtigen kulturellen Bedeutungen der Burka hörte, darüber, wie sie für die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie, einer umfangreichen Geschichte von Verwandtschaftsbeziehungen steht, daß sie eine Übung in Bescheidenheit und Stolz, einen Schutz vor Scham symbolisiert und daß sie auch als Schleier wirkt, hinter dem und durch den weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann. Die Sprecherin fürchtete, daß die Zerstörung der Burka, so als sei diese ein Zeichen der Unterdrückung, der Rückständigkeit oder sogar des Widerstandes gegenüber der kulturellen Moderne selbst, zu einer erheblichen Dezimierung islamischer Kultur führen würde und zu einer Ausbreitung von US-amerikanischen kulturellen Annahmen, wie Sexualität und Handlungsfähigkeit zu organisieren und darzustellen seien.

Das gilt ihr als Opposition gegen amerikanische Fotos, die Frauen beim ersten Lüften der Burka zeigen. Diese sind für Butler Konstruktionen des Anderen und die Rechtfertigung von Krieg, der, wie man gemeinhin sich mit allen einig weiß, schlecht ist. Gut ist bei Butler die Burka, denn sie ermöglicht weibliche Handlungsfähigkeit und symbolisiert Schutz vor Scham, einer zentralen Absicht in Butlers Werk: Was sich als unvollkomen geboren fühlt, soll sich gut fühlen, anstatt diese Unvollkommenheit als Hinweis auf die notwendige Gesellschaftlichkeit der eigenen Existenz zu begreifen.

Butler versteht unter Gesellschaft einen kulturalistischen Popanz, in der allerdings einige Vertreter einer Kultur keinerlei Existenzberechtigung haben: die USA, Israel und die heterosexuelle Matrix. Deren Argumente kann sie nicht anerkennen, weil sie sich für ein Sprechen über Realitäten abseits kruder Konstrukte taub gemacht hat. Die Totalität der Sprache geht mit totalitärem Denken im Mäntelchen des Pläsierchens konform. Mit Kritik an Homophobie oder zu eng gefassten Geschlechterkategorien hat das nichts zu tun.


Literaturauswahl:

Butler, Judith: „Das Unbehagen der Geschlechter.“ (1990). Suhrkamp, 236 Seiten.

Butler, Judith: „Gefährdetes Leben“. (2005). Suhrkamp, 177 Seiten.

Riedel, Felix: „Das Gerücht als Diskurs. Judith Butlers postmoderner Antisemitismus.“ In: Bahamas 48/2005, S. 53f.

Scheit, Gerhard: "Die Meister der Krise - Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand." Freiburg 2001: ca-ira. 223 Seiten

28.2.05 17:13


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