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Aberglaube

Ethnomedizin – universitär geförderte Esoterik

Für die ernsthafte Erforschung medizinischer Belange und Methoden im außereuropäischen Kontext empfiehlt sich die Medizinethnologie. Dort forscht man über unterschiedliche, kulturell vermittelte Bedingungen des Diabetes mellitus, über psychiatrische Erkrankungen bei den Agni und toxische Substanzen in den Zauberpräparaten der afrikanischen Wunderheiler.
Weniger seriöse Ethnologen befassen sich dagegen mit der sogenannten „Ethnomedizin“, die unverkennbar esoterische Einschläge hat, wobei diese Abgrenzung kaum trennscharf vorzunehmen ist. Klarheit besteht jedoch über die im Folgenden beschriebene Institution.
An deutschen Ethnologieinstituten finden sich derzeit Werbeflyer für „Fortbildungen“ am „Institut für Ethnomedizin“ in München. Dieses kooperiert, so der Flyer, mit der Landeshauptstadt München sowie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dem Institut würden 10 000 Wissenschaftler und Personen angehören.
Einer sich „fortbildenden“ Studentenschaft wird ein Zertifikat versprochen, das in drei dreitägigen Seminaren für schlappe 720 Euro erstanden werden kann. Angeboten wird etwa ein „Intensiv-Praxis-Seminar“ im Eibenwald, bei dem es aufs Ganze geht:

„Lassen Sie uns in drei Tagen die Grenzen des Verhaltens. Erlebens und Bewusstseins überschreiten und neue Dimensionen heilerischen Schaffens ergründen. Erleben Sie in dieser ausgesprochen praxisnahen Fortbildung intensiv das Wirken von Heilern aus Peru, Mexiko, Kasachstan und unserer eigenen Kultur. Wir laden Sie ein, die vorgestellten Methoden selbst zu üben, zu erfragen, zu beobachten – von handfesten chiropraktischen Anwendungen der Mochica, einer prä-inka-Kultur über archaische Heilrituale bis hin zum Aufspüren der spirituellen Wurzeln einer jeden Krankheit. Mit Wissenschaftlern erleben Sie angewandtes archaisches Wissen aus den Heilweisen der Natur. Mitten im Naturschutzgebiet des Paterzeller Eibenwaldes, dem Baum unserer Heiler-Vorfahren, der Magier und Druiden, erfahren Sie das Orakeln und „Raunen“ der Runen, hören das Wispern der Pflanzengeister und erforschen die Botschaften in Ihren eigenen inneren Tiefen.“

Wo man Blutslinien zu „Heiler-Vorfahren“ und germanischen „Druiden“ und „Magier“ sehen will, liegt es nahe, dass man auch das „Wispern der Pflanzengeister“ und wahrscheinlich so einige Stimmen mehr hört. Dass zu den archaischen Heilritualen auch die Schädeltrepanation zur Lokalisierung böser Geister, die Pfählung von Zauberern und Hexen, das im Sudan verbreitete Exzisieren des Gaumenzäpfchens bei Kindern oder die Verabreichung von übelriechenden Gebräuen zur Heilung von Blindheit, Siechtum und Armut gehört, ist auszuschließen - das wäre dem toleranten Klientel dann doch abträglich. Im „interdisziplinären Arbeitsfeld Ethnomedizin“ kommt aber letztlich alles zu seinem Recht, solange nur ordentlich geraunt und geklappert wird. Die Referentenliste wimmelt infolgedessen von namhaften Autoritäten.

Ein Angaangaq Lyberth ist aus Grönland als „Ältester seines Volkes“ vom „Ältestenrat“ geschickt worden, um als Vertreter einer Gerontokratie mit der „Windtrommel“ eine „praktische Spiritualität“ zu predigen, von einer Gesellschaft, die „keinen Krieg kennt“.

Claudine Lightfoot Chiefstick aus den USA ist „weibliches Oberhaupt“, „Hüterin des geheimen und spirituellen Wissens im Ältestenkreis der Stammesfrauen“. Außerdem ist sie Tochter von gleich zwei letzten Stammeschefs, der Cree-Little Bear und der Assiniboine.

Don Pedro Guerra Gonzalez ist Schamane aus Peru und hat sein Wissen „durch die Bäume erhalten“. Sein Hobby ist die Seklusion im Wald und dort das Kommunizieren mit Pflanzen- und Baumgeistern.

Naile Ngema Lama kommt aus Nepal und wurde mit 8 Jahren „von den Urahnen der Schamanen berufen“.

Hassan Muwonge aus Uganda hat „wie seine Mutter“ die „spirituelle Gabe, mit bestimmten Geistern kommunizieren zu können.“

Ein Quetzal aus Göttingen vertritt die Gilde der „Spagyrik“, einer alchemistischen „Wissenschaft aus dem Mittelalter“.

Das übliche Klientel deutscher und amerikanischer Wissenschaftler mit allen möglichen Dr. und Prof. vor dem Namen ist natürlich ebenfalls sattsam vertreten.

Selbstverständlich wird auch Projektarbeit in fremden Ländern geleistet, das Ganze dient ja nur der Schaffung des Weltfriedens und der Erhaltung „ursprünglicher Völker“ sowie der „Wiederbelebung der Spiritualität“ bei diesen.

Wenn solches Bedürfnis nach Aufwertung der infantilen Magievorstellungen wissenschaftliche Ablässe erhält, kann die Regression prächtig gedeihen. Die Eltern wurden von jedem einst für Magier gehalten. Weil diese Vorstellung enttarnt und gekränkt werden muss, möchte so mancher magische Eltern um jeden Preis und sucht sie sich in anderen Ländern und Zeiten. So ist es kein Wunder, dass es so häufig Älteste sind, denen man ergriffen lauscht, wenn sie von Besessenheit und Geisterstimmen reden. Der Wunsch, nicht denken zu müssen, sondern alles durch bloßes Kommunizieren mit Stimmen zu erfahren, ist autoritär seinem Wesen nach. So konformistisch die Revolte gegen die „materialistische Schulmedizin“ und überhaupt die industrialisierte Welt ist, so sehr will sie die alten Autoritäten wieder einsetzen, Stammesratsbeschlüssen lauschen und mit Bäumen reden. Sadismus ist letztlich dem aggressiv friedlichen Grinsen jener europäischen Claqueure der autochthonen Heilerei ins Gesicht geschrieben, die von negativen Folgen der teils brutalen Behandlung von wie auch immer Erkrankten nichts wissen wollen.

Zugleich ist man als autoritärer Charakter äußerst findig im Nachahmen des autoritären Gerassels im regulären universitären Bereich. Wo dieses magisch wird, übernehmen die Magier bloß, sie stehlen nicht. So raunt man in Eibenwäldern zwischen Druidengeistern von Curriculum, Dr. phil., Zertifikaten, Expert/-innen, Supervision, Systemen und Reflektion. Veranschaulicht wird so das magische Rotieren des Universitätsbetriebes um leere Hülsen, das Fortbestehen von archaischen Atavismen. Nicht die in für ihre Patienten so häufig beklagenswerten Zuständen agierenden traditionellen Heiler vom Dienst sind Zeichen des erfolgreichen Primitivismus, sondern ihre europäischen Pendants in den schamanischen Institutionen der Prüfungsbüros, Dekanate und Exzellenzcluster mit ihren Unterschriftenzaubern, den Auswahlorakeln, der Initiationspflicht und den kryptisch-esoterischen, hohlen Formeln der Postmoderne.

4.7.08 12:26


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'Powerarmbänder für Kids'

„Die geheimen Kräfte der Powerarmbänder – für Kids“
Elisabeth Ebner
Tosa Verlag Wien
48 Seiten.

Die Indoktrinierung von Kindern ist narzisstisch besetzt. Was das Individuum selbst kaum glauben kann, muss es umso mehr durch Reproduktion und Wiederholung bekräftigen. Proselyten schirmen vor Zweifel ab, und stets willkommene Objekte sind Kinder. So findet man zwischen dem „Wissen einer modernen Hexe“ (das sich doch nur in Kristallkugeln, Kartenlegen und Handlesen erschöpft) und Ratgebern fürs Heilfasten eigens aufs Marktsubjekt Kind gemünzte Propaganda: „Die geheimen Kräfte der Powerarmbänder – für Kids“. Anstatt wie üblich Mode und Kunst über Klassenidentifikation zu verbreiten, wird aufs Archaische gesetzt. Das Anwanzen an die magischen Vorstellungen von Kindern greift in ihren Reflexions- und Reifungsprozess ein, wendet noch den infantilen Fetischismus zum vermeintlich rationalen Zweck.

Anstatt gegen ungerechte Behandlung zu protestieren oder qua solidarischem Zusammenschluss aus der Einsamkeit zu flüchten, werden imaginäre Freunde empfohlen, die nur mühsames Surrogat des Teddybärs darstellen.

„Die Powerarmbänder sind nicht nur ein sehr dekorativer Schmuck, sondern können dir in deinem Leben auch treuer Begleiter sein, der dich unterstützt, dir hilft oder auch nur Freude bereitet.“

„Edelsteine als Heilsteine zu verwenden ist mehrere tausend Jahre alt. Heilsteine sind Hilfsmittel, um Krankheiten zu heilen oder Probleme zu lösen. Sie helfen dir, etwas positiv zu ändern, sowohl auf psychischer wie auf physischer Ebene. Jeder Edelstein besitzt sein eigenes Wesen, seine eigenen Schwingungen und Energien. Er tritt mit dir in Verbindung und schenkt dir Kraft, heilt dich oder baut Spannungen ab. Wichtig ist, dass du deinen ganz persönlichen Kraft- und Heilstein findest.“

Frech wird vermutlich Achtjährigen von physischen und psychischen Ebenen, von Idealismus und Intuition ins Ohr geraunt, sie einerseits aufs Vokabular der Berufswelt hingetrieben und andererseits im kindlichen Fetischismus belassen. Flugs geht es von den alten Griechen über die buddhistischen Mönche zu den Aktenkoffern. Der Aberglaube ist einer „aus zweiter Hand“ (Adorno). Sein Zweck ist nicht Kontrolle von Natur, sondern Rationalisierung von Unterwerfung unter die zweite. Der Duktus von Aufklärung wird dem so okkulten wie verdinglichenden Inhalt aufgepfropft. Das Motiv des Zaubers ist erschütternd banal:

„Wenn du zu dieser Gruppe von Menschen gehörst, die durch schulischen oder beruflichen Stress immer wieder unter Kopfschmerzen leiden, so haben sich die intensiven, konzentrierten Schwingungen dieses Steines als sehr wirksam gegen den Schmerz erwiesen.“

„In einer Umwelt voller Hektik und Stress verleiht er dir das angenehme Gefühl der Geborgenheit und des Friedens.“

„Wenn in der Schule oder im Beruf Stress immer mehr zunimmt, dann sollte der Onyx als kräftespendender Schmuck getragen werden.“

„Wenn du alles in deinem Leben als zu anstrengend empfindest und das Gefühl hast, keine weiteren Belastungen oder auch keine zusätzlichen Leistungen erbringen zu können, dann schenkt dir der Rosenquarz Kraft, so dass du mit neuer Energie die Aufgaben deines Lebens bewältigst. Er ist der perfekte Stein gegen jede Art von Schul- oder Berufsstress.“

Das Kind soll in Kindheit und Schule schon die Präfiguration des Berufs akzeptieren lernen, soll darin schon den Stress als übermächtig akzeptieren. Der Fehler wird ins Empfinden von Stress verlegt, das Unbehagen am Unbehaglichen verdinglicht und statt diesem zur Abschaffung ausgeschrieben.

Erziehung wird dem kalten Stein überlassen, der um so autoritärer Besitz zu ergreifen droht: Er solle „lehren, die volle Verantwortung für dich, dein Leben und für das was du tust, zu übernehmen“ (Amethyst), er „erzieht dich damit zur kristallklaren Einsicht, was wirklich wahr ist“ (Bergkristall), er „zeigt dir, was du aus der Natur lernen kannst“ (Bernstein), er „motiviert dich zu Hilfsbereitschaft und unterstützt deinen Idealismus“ (Karneol), er kann „Fehlverhalten korrigieren“ (Malachit) und „streng und kompromisslos verkürzt er Chaos und ruft dich zur Ordnung“ (Obsidian).

Am Ende münden Selbstbewusstsein und Tatkraft in angepassten Konformismus, alles dient nur dazu, den perfiden Zumutungen des Alltags entspannt gerecht zu werden und Stress meditativ zu verarbeiten. Aus der durchaus vernünftigen Empfehlung, besser gelassen und aufrichtig zu sein, wird eine Wirkung von bestimmten rituellen Anwendungen, die den geistigen Reifeprozess abschneidet. Die Monade Kind soll durch seine depressiven Mucken nicht die Eltern nerven, sondern es soll zu Steinen sprechen:

„Wenn du jedoch oft unter schlechter Laune leidest und damit nicht nur dir selbst schadest, sondern auch andere ansteckst, oder depressiv bist, solltest du dich intensiv mit Hämatit auseinandersetzen.“

Solche Ideologien sind noch das extremste Mittel dessen, gegen das sie sich als Gegenmittel behaupten wollen.

17.6.08 11:58


Rezension: Witchcraft in modern Africa - Hexenglauben im modernen Afrika

Burghardt Schmidt/ Rolf Schulte (Hg.)

Witchcraft in modern Africa – Witches, Witch-Hunts and Magical Imagineries/ Hexenglauben im modernen Afrika – Hexen, Hexenverfolgung und magische Vorstellungswelten

2007. Hamburg: DOBU-Verlag . 255 Seiten. 28,80 Euro.

In Europa und den USA sind in den letzten Jahren zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema der modernen Hexenjagden erschienen. Im deutschsprachigen Raum war jedoch bis auf sehr wenige exzellente Ausnahmen eine gewisse Publikations-Trägheit zu bemerken. Der 2007 veröffentlichte deutsch-englische Sammelband „Witchcraft in modern Africa/Hexenglauben im modernen Afrika“ tritt an, diesen Rückstand durch 13 Essays von 11 Autoren aufzuholen. Die Aufsätze von Historikern und Ethnologen versammeln die Ergebnisse einer 2004 veranstalteten internationalen Konferenz zum Hexenglauben im modernen Afrika. Besonders erfreulich ist die für Deutschland noch außergewöhnliche Hinwendung zur Zweisprachigkeit und zur Form des Essays.

Burghart Schmidt begreift in der Einleitung den Hexenglauben mit Wolfgang Behringer als „anthropologisches Phänomen mit historischen Dimensionen.“ (4) Das Phänomen entziehe sich „monokausalen Erklärungsansätzen“ und sei in „komplexe Beziehungsgefüge eingebunden“. (4) Auf diesem Befund aufruhend erlaubt Schmidt einen kurzen Abriss über die Entwicklung der theoretischen Ansätze, den Hexenglauben zu begreifen und führt sodann die einzelnen Autoren als Vertreter des aktuellen Diskurses ein.

Michael Schönhuth vertieft den theoretischen Überblick in „Theorien zu Hexerei in Afrika: Eine Exkursion ins afrikanische Hexendickicht.“ Er beginnt mit einer Warnung vor der Identifizierung des europäischen Hexenglaubens mit dem afrikanischen. Nach der Aufzählung diverser Differenzierungsmerkmale wie der anerkannten Rolle weißer Magie und den Verweis auf die Vielschichtigkeit der Bestimmungen durch das Fehlen einer zentralen Instanz, die den Hexenglauben organisiert, kommt Schönhuth zum Schluss, dass ein Sprechen über „afrikanische Hexerei“ aufgrund der regionalen Diversität nicht möglich sei.

Die Schriften aus dem Spektrum von Missionsberichten, Kolonialjustiz, Ethnomedizin, Ethnopsychiatrie, Ethnopsychoanalyse und identitären Ansätzen aus dem Neuheidentum seien geeignet, über die „Rationalisierungsstrategien ihrer Protagonisten“ Aufschluss zu geben. Schönhuth setzt voraus, Ethnologie habe diesen Diskursen gegenüber einen Vorteil durch ein „hermeneutisches Vorgehen in der Feldforschung, das vor jeder Theoriebildung“ versuche, „die lokalen Repräsentationen von innen her, aus den Kategorien der untersuchten Gruppen selbst, verstehend zu erschließen.“ (21)

In dieser Bestimmung Schönhuths droht der im Studium eklatante Mangel an theoretischer Vorbildung rationalisiert zu werden, anstatt über eine Kritik an zu starren theoretischen Vorgaben die Forderung nach theoretischem Wissen weiter zu entwickeln. Dass und wie Ethnologie mit diesen Diskursen verwoben ist und in Teilen sogar davon profitierte, geht leider unter.

Immerhin macht Schönhuth in seiner linearen Skizze der Paradigmenwechsel in der Okkultismusforschung Zugeständnisse an die Theorie: Diese leisteten alle einen Beitrag zum Verstehen, seien jedoch nicht vollständig. „Moderne Hexenmuster“ interpretiert Schönhuth zum Teil als Blick aus der Perspektive der traditionellen Vorstellungen auf moderne Produktionsverhältnisse und umgekehrt als Versuch der Emporkömmlinge, sich von diesen traditionellen Produktionsverhältnissen zu lösen. (27)

Die modernen Hexereivorstellungen entsprächen der Mobilität des Marktes und der Zirkulationssphäre. (28) Der „Markt des Okkulten“ sei zugleich „dereguliert“. Die „Marktkräfte des Okkulten“ beugten sich „dem jeweils Definitionsmächtigeren.“ Hexerei sei eine der „travelling theories“, die „heute weltweit als Interpretations- und Handlungsrahmen verfügbar“ seien. Nun treffen sich diese Vorstellungen ausgezeichnet mit dem von Schönhuth gezeichneten Selbstbild einer alles bloß verstehend rezipierenden, voraussetzungslosen Ethnologie. Die Faktoren, die notwendig seien, um Definitionsmacht zu etablieren bleiben diffus:

„Sie muß an schon vorhandene Deutungsmuster in den Köpfen anschließen können.“ Welche als solche insbesondere unter Zuhilfenahme der Psychoanalyse zu benennen wären, bleibt unklar: ein verschwommenes „primordiales Argument“ sei notwendig, das „von den Akteuren selbst“ kommen müsse. Förderlich sei zudem „eine Situation, die von unklaren Sozialbeziehungen, Rollenzuweisungen und Machtkonstellationen gekennzeichnet ist“, „eine kritische Masse von Personen, die das Muster“ mittrage, und ferner „ein Staat, der moderne Rechtsstandards“ nicht durchsetzen kann. (29) Daraus erkläre sich „die regional so unterschiedliche Verbreitung des Phänomens im heutigen Afrika.“

Schönhuth widerspricht damit seiner Annahme eines in sich differenzierten Hexenglaubens in Afrika: dieser erscheint nun nur durch äußerliche und uniforme Faktoren bestimmt.

Es fragt sich, wie die Empfehlung Schönhuths, „keiner großen Theorie“ zu Charakteristika des Hexenglaubens Glauben zu schenken, in der Praxis aussieht. Verstehen könne man Hexerei ohnehin nicht. (31) Lokale und empirische Studien seien allenfalls durch Theorien „mittlerer Reichweite“ zu ergänzen.

Anstatt nun also durchaus richtig die bloß liegenden Wunden ethnologischer Theoriebildung mit dem Salz einer über sich reflektierenden, und somit kritisch gewordenen Theorie zu bestreuen, tritt Schönhuth gegen Theorie an sich an. Seine gelungene Kritik an den Theorien, ihrer Loslösung von Objekten und dem Hang zur Verdinglichung steht dem etwas antiintellektualistisch anmutendem Unterton gegenüber, der aktuell die Ethnologie zu prägen scheint.

Darauf folgt Dirk Kohnert mit dem Essay „On the Renaissance of African Modes of Thought: The Example of Occult Belief Systems.“ Zunächst erörtert Kohnert die Dialektik von Modernisierung und Okkultismus. Aus der nach Habermas unvollendeten Aufklärung entstehe eine neue Form des Aberglaubens. In tiefgründigeren Passagen lässt Kohnert eine marxistische Vorbildung und einen Hang zur Wertkritik erkennen: Die „Entschärfung“ von Konsumgütern durch magische Rituale interpretiert er als „De-Fetischisierung“. (38) Wie auch immer man Kohnert darin folgen mag, die Ausführungen Kohnerts über die konkreten Resultate der Vermitteltheit von Ökonomie und okkulter Praxis in Politik und Gesellschaft bestechen durch Stringenz und Detailreichtum.

Zweifelhaft ist lediglich Kohnerts These, man beraube Afrikaner eines überlebenswichtigen Instruments, wenn man den Hexenglauben abschaffen wolle, ohne adäquate, ähnlich starke Alternativen zu schaffen. (51) Der psychologische Funktionalismus steht leider auf ähnlich dünnem Boden, wie die Überlegungen Kohnerts zum Körper-Geist-Dualismus und dem daraus resultierenden Verhältnis zu Rationalität und Emotion.

Einen zweiten Beitrag leistet Kohnert mit „On the Articulation of Witchcraft and Modes of Production among the Nupe, Northern Nigeria.“ Hier folgt Kohnert gänzlich funktionalistischen Thesen und interpretiert Hexereianklagen als Zeichen von sozialem Stress und Spannungen. (56) Okkulte Glaubenssysteme seien sogar Symptome moderner Entwicklung. (57) Wo über Modernisierung als neutrale Größe gesprochen wird, und das Vokabular über diese jenes von Krankheiten einnimmt, ist allerdings die Gefahr gegeben, dass Modernisierung selbst zum Feindbild gerät.

Kohnerts zentrales Anliegen in diesem Artikel ist, die sozialpsychologische These Nadels, Hexereianklagen bei den Nupe seien ein Resultat eines krassen Geschlechtergegensatzes, einer Revision zu unterziehen. Dass mehr Frauen angeklagt würden, sei erklärbar durch die von den weiblichen Haushaltsvorständen praktizierte altruistische Ausübung von Hexerei zur Rettung der Familie. (82) Dem folgt ein materialistischer Ansatz zu Ursachen von Hexereivorstellungen:

Hexereianklagen seien zunächst ein Instrument von ausgebeuteten Nupe-Bauerngesellschaften gewesen, das sich gegen despotische Machtausübung durch islamische, feudale und koloniale Kräfte richtete. (54) Anfänglich hätten sie sich gegen die, so Kohnert, „echten Feinde der Gemeinschaft“ gerichtet. Somit seien sie, auch wenn sie sich gegen Schwächere richteten, Ausdruck eines Aufbegehrens gegen reale Missstände und würden der Zerstörung einer sozialen Struktur vorbeugen. (86) Diese Zumutung steigert Kohnert noch in dem Ansinnen, Hexereianklagen nur dann als pathologisch zu verstehen, wenn sie von dominanten Kräften zur Ausbeutung schwächerer Gruppen verwendet würden. (86) Hier tritt ein Ideologiebegriff zu Tage, der durch die kritische Theorie als selbst ideologisch entlarvt wurde. Über seine Unsicherheit diesbezüglich vermag Kohnert auch nicht hinwegzutäuschen durch seine Beteuerung, auf lange Sicht würden solche Konfliktverschiebungen soziale Spannungen nur weiter anheizen. Wie sich diese lange Sicht für jene Individuen gestaltet, die bereits durch die Anklage zur Verbrennung verurteilt werden, ist Kohnert nicht zu entnehmen. Der im gesamten Buch vorherrschende Antipsychologismus verhindert eine Sicht auf die Hexengläubigen als Subjekte mit einem erheblichen Lust- und Leidensgewinn, mit neurotischen Überresten von Wünschen und Ängsten aus der Phase der infantilen Sexualität, mit ödipalen Konflikten, die gesellschaftlich und kulturell verarbeitet werden.

Erhard Kamphausens Beitrag aus der Missionswissenschaft befasst sich mit dem Thema „Hexenglauben, Magie und Besessenheitsphänomene in Afrika. Religions- und missionswissenschaftliche Anmerkungen“. Im weitesten Sinne versucht Kamphausen, dem intellektualisierten Hexenglauben Tribut zu zollen und seine Erhebung zum mystischen, religiös-philosophischen Glaubenssystem mehr sympathisierend als kritisch nachzuvollziehen.

Johannes Harnischfegers erster von zwei hervorragenden Beiträgen trägt den Titel „Sozialer Niedergang und Kampf gegen das Böse: Hexerei im postmodernen Afrika“. Hier befasst er sich mit dem Verhältnis von Staatlichkeit und okkulter Lynchjustiz. Der Kolonialismus sei für die Geschichte der Hexerei kaum von Belang. (96) Jedoch korreliere eine Schwäche staatlicher Organisation mit Hexenverfolgungen. (98) Die Befriedung der Gesellschaft durch den Staat habe zu einem Abflauen der Angst vor dem Nächsten geführt. (98) In Europa sei mit den erstarkenden staatlichen Institutionen die Hexenjagd zu Ende gegangen. In Afrika finde eine gegenläufige Entwicklung statt. (98) Im Folgenden beschreibt Harnischfeger den schleichenden Zerfall von Staatlichkeit in Nigeria und die damit vermittelten okkulten Handlungen und Vorstellungen. Entgegen romantisierenden Vorstellungen betont Harnischfeger ein bei Afrikanern verbreitetes Bewusstsein über die Mängel der Dorfökonomie und der traditionellen Gemeinschaften. (196) Harnischfeger bemüht als einziger, wenngleich fragmentarisch im Buch psychoanalytische Begriffe wie „das Ich“ und „das Abgespaltene“, um den Wiederholungszwang ritueller Reinigungen zu erklären. Er kritisiert afrikanische Verschwörungstheorien, die andere Ethnologen nur zu bestätigen suchen, und kommt zum pessimistischen Schluss: „Europäer haben wenig Möglichkeiten, solche Weltbilder zu entzaubern und ein realistischeres Verständnis der eigenen Zivilisation zu wecken.“ Harnischfeger reflektiert darin den durch den psychologisch vermittelten Eklektizismus der an den Diskursen partizipierenden Agenten: „Eine Verständigung über das, was geschah, ist schon deshalb kaum möglich, weil sich Imame in Kano, Wunderpastoren in Lagos und Sozialwissenschaftler in Hamburg nicht mehr auf eine gemeinsame Realität beziehen.“ (109)

In „Rückkehr der Dämonen: Wandlungen des Christentums in Afrika und Europa“ zeichnet Harnischfeger ein düsteres Bild der Zukunft christlicher Kirchen. Weil sich die Verfolgung von Hexen in Afrika nicht monopolisieren lasse (115), würde sie von rivalisierenden Kirchen, Milizen und Kulten betrieben. Zwar sie der Aufschwung dieser Bewegungen durchaus mit Modernisierungsprozessen vermittelt: Im Internet könnten sich Anleitungen zum Ritualmord neben oder auf intellektuellen und wissenschaftlichen Seiten finden lassen, Aufklärung und Okkultismus werden in eins gedacht. Insgesamt jedoch interpretiert Harnischfeger mit einem immerhin konservativen Modernitätsbegriff die afrikanische Realität als „Fassade von westlicher Modernität“, die der Islam aufgekündigt habe und die durch afrikanische Kirchen nur noch offiziell bemüht werde. (118) Als Wirkung von Bevölkerungszuwachs, Missionierung und Migration prophezeit Harnischfeger einen zunehmenden Einfluss afrikanischer reaktionärer und okkulter Kräfte in der katholischen Kirche. Die auch im Westen von Intellektuellen forcierte Abkehr von aufklärerischen Prinzipien befördere nur die weltweit grassierende Anfälligkeit für okkulte Praktiken.

Walter Bruchhausens Beitrag leistet in „Repelling and Cleansing ‚Bad People’. The Fight against Witchcraft in Southeast Tanzania since Colonial Times” einen informativen Beitrag zu historischen Hintergründen der Witch-cleansing-movements in Tansania.

Katrin Pfeiffer analysiert in “Buwaa: Cannibals of supernatural power and changing appearance. A term from the Mandinka language (Gambia, Senegal, Guinea-Bissau)” linguistische Feinheiten und Bedeutungsebenen verschiedener auf magische Handlungen gemünzter Ausdrücke. Bedeutsam ist ihre Analyse insbesondere hinsichtlich einer gewissen Tendenz zur vorschnellen Kategorisierung in der Forschung über afrikanische Hexereivorstellungen.

Rolf Schulte untersucht in „Okkulte Mächte, Hexenverfolgungen und Geschlecht in Afrika“ das Geschlechterverhältnis von Opfer und Tätern in Hexereianklagen. Er kommt zu dem Schluss, dass individuell aufgerichtete, über Wochen wiederholte Anschuldigungen sich nach regionalen Besonderheiten richten, die in sozialen Konflikten und im größeren Rahmen spontan und öffentlich stattfindenden Anklagen sich jedoch häufiger gegen Frauen richteten. (174) Der theoretische Beitrag ergänzt Kohnerts Beschäftigung mit Nadels Theorie des „sex-antagonism“. Diese hat laut Schulte nur regionale Gültigkeit und sei nicht verallgemeinerbar. (178) Gleiches gelte für strukturalistische Ansätze, die in der Hexe ein Zeichen der Kultur-Natur-Dichotomie sehen wollen. In politisch-ökonomischen Ansätzen sieht Schulte eine zu starke Systematisierung gegeben, ebenso wenig könne man weibliche Hexerei und männliche Zauberei trennen. Familienzentrierte Ansätze könnten nicht erklären, warum trotz des erheblichen Wandels Hexereithemen stabil bleiben. (185) Die Geschlechterfrage sei letztlich nur ein Aspekt unter vielen.

Oliver G. Becker verschriftlicht mit „’Muti Morde’ in Afrika: Töten für okkulte Medizin“ die Ergebnisse einer TV-Reportage. Er beschreibt juristische und polizeiliche Probleme bei der Identifizierung und Bekämpfung der geschätzten 100 Muti-Morde pro Jahr in Südafrika und leistet eine bündige Einführung über den Gesamtkomplex der Ritualmorde, die besondere Stellung der sangomas und die traditionelle Medizin in Südafrika.

In „Soweto witchcraft accusations in the transition from apartheid through liberation to democracy“ liefert Joan Wardrop eher journalistische Fallberichte von Hexenjagden in Soweto. Sie betont die Widersprüchlichkeit der Argumentationsformen und der Handlungen von Hexereigläubigen. Hexereivorstellungen folgten dabei einer Verschiebung aus der privaten Domäne in die öffentliche Sphäre. (228)

Den Abschluss des Sammelbandes leistet Jan-Lodewijk Grootaers mit dem überaus gelungenen Beitrag „’Criminal Enemies of the People’. Water Wizards among the Zande, Central African Republic (1959 – 2000)“. Grootaers informiert anschaulich über die Spezifik der Vorstellungen von Wasserzauberern, die als Organisation Menschenopfer durchführen würde, um magische Fähigkeiten zu erhalten. Diese Vorstellung wurde durch den Kolonialismus verbreitet, da Fischer der Yakoma von den Franzosen zur Eroberung des Zandelandes rekrutiert wurden. Jedoch sei der Wasserzauberer-Komplex nicht als xenophob zu verstehen, da er einerseits mit anderen Vorstellungen über Wasserwesen korrespondiere und zum Anderen sich vor allem gegen Zande selbst richte. Die Ausbreitung des Wasserzauberer-Idioms hält Grootaers zudem für bedingt durch die Ausbreitung der Schlafkrankheit am Anfang des Jahrhunderts. (240) Ein weiterer Aspekt sei der Machtmissbrauch durch Zande-Fürsten und der Abstieg derselben. (244) In seinen theoretischen Überlegungen kommt Grootaers zum Schluss: „Beliefs, occult and other, do indeed have continuity – but they are never constant. Hence the absolute necessity to resist their reification.” (255)

Insgesamt ist mit diesem Band ein längst fälliger und wertvoller Beitrag zur Diskussion über den Hexenglauben geleistet worden. Die einzelnen Beiträge sind je für sich angreifbar und von unterschiedlichem Anspruch und Qualität. Einiges stellt zwangsläufig eine Wiederholung von in allen neueren Witchcraft-Büchern herumgereichten Zitaten dar, was das Buch auch für Einsteiger attraktiv werden lässt. Erfreulich viel haben die neuen Fallstudien, das aufgearbeitete ethnographische Material sowie Beiträge zu theoretischen Diskussionen zu bieten. Müßig zu erwähnen, dass mit diesem Band fortan unverzichtbares Standardwerk geschaffen wurde.

Eine gewisse Distanz zu psychoanalytischem Basiswissen ist allerdings unverkennbar und als generelle Charaktereigenschaft der postmodernen, strukturell positivistischen Ethnologie kein besonderes Spezifikum des vorliegenden Werkes. Der Zugang zum Subjekt wird so verbaut, die systemische Besprechung enthebt die zum Forschungsobjekt geronnenen Individuen ihrer Verantwortung. Die theoretische Verwirrung einer sich so allgemein wie notorisch um kritisch-theoretische Schulung beraubenden Ethnologie wird selten bis zur Konsequenz reflektiert – was tendenziell vorsichtiges Lavieren in „middle-ranged-theories“ zur Folge hat. Die vagen Befunde über Modernität und Okkultismus sind daher dem Verdacht ausgesetzt, nur äußerliches Abtasten von Offensichtlichem zu bleiben.

Dennoch zeigen die meisten Autoren die erfreuliche Bereitschaft, sich mit theoretischen Überlegungen der notwendigen Kritik auszusetzen und der Diskussion somit neues Feuer zu verschaffen. Nur wünschenswert wäre daher eine Fortsetzung des Projektes in weiteren Bänden.

Beiträge zum Thema:

Blogempfehlung: "What is Witchcraft"

Hexenjagd in Saudi-Arabien

Neue Hexenjagden gegen Kinder in Nigeria

Ritualmorde in Afrika - Ins Mörderische fetischisierte Ökonomie

Hexenjagd in Indien

Die Ökonomie der Hexerei

Die modernen Hexenjagden im subsaharischen Afrika - Darstellung und Vergleich mit dem Antisemitismus aus der Perspektive der Kritischen Theorie.

10.6.08 17:57


'What is witchcraft?' - Blogempfehlung

Viele Menschen haben keine Vorstellung davon, wie verbreitet der Glaube an Magie und Hexerei ist. Weitab eines spezifischen Problems des Vodoun (oder Voodoo) in Südamerika und Westafrika finden sich über die ganze Welt verbreitet ähnliche Komplexe - von Taiwan über Nepal und Indonesien über Afrika und Russland bis Südamerika.
Das englischsprachige Blog "What is Witchcraft" von Christopher Kimberley listet Zeitungsmeldungen über Hexereianklagen auf und leistet damit einen Beitrag zur Bekämpfung der modernen Hexenjagden.
 
20.4.08 14:11


Hexenjagd in Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien droht einer Frau die Exekution wegen Hexerei. Human Right Watch hat eine Petition dagegen verfasst, auf WOMD wird das prompt von "Mr.President" als Zeichen der Rückständigkeit kommentiert:

Hexen haben in Saudi-Arabien keine Chance: Staat und Religionspolizei gehen mit einer “zero tolerance”-Strategie gegen jegliche Aktivitäten mutmaßlicher Hexen vor. Man weiß allerdings nicht genau, was “Hexerei” eigentlich ist und im Rest der Welt glaubt auch niemand mehr so richtig an die Existenz von Hexen. Aber anscheinend bietet die Hexenjagd den Saudis einen tollen Vorwand um ihre Frauen noch brutaler zu unterdrücken.

Wenn diese Verrücktheiten keine Menschenleben kosten würden, dann würde man wohl laut darüber lachen. Arme Irre!

In vielen afrikanischen Staaten, v.a. Kamerun schmoren Menschen seit Jahrzehnten wegen Anti-Hexereigesetzen im Gefängnis, werden gesteinigt, verbrannt oder mit Macheten zerhackt. Wenn so etwas in Afrika, Indien oder Indonesien passiert, regt sich keiner derer, die vorgeblich wissen, was man im "Rest der Welt" so glaubt, darüber auf - möglicherweise einfach aus Unwissen. Informationen über moderne Hexenjagden, die seit 1900 mehr Opfer forderten, als die europäischen der frühen Moderne, erhält man schließlich nur als universitäre Bückware oder bei renommiertesten Medien alle halbe Jahre mal - man müsste andernfalls ernsthaft aktiv werden oder die Dialektik der Aufklärung verinnerlichen oder schlimmer noch: postkoloniale Subjekte kränken und kritisieren.
Wird in Iran eine Frau gesteinigt, gibt es zahlreiche Institutionen, die Petitionen verfassen und über die unterschiedlichsten Netzwerke weiterleiten. Das ist sehr gut so. Nur, warum habe ich noch keine einzige Petition gegen die in Kamerun üblichen Hexerei-Urteile oder die in Tansania weithin üblichen Lynchmorde gesehen? Das wirft in der Tat Fragen nach engstirniger, mithin ethnozentristischer Selektion der Lieblingsobjekte und allgemeiner Kritikfähigkeit auf. Anscheinend ist es weitaus unpopulärer, afrikanische Gesellschaften und Staaten zu kritisieren. Afrika wird lieber "geholfen" als gescholten.
In Iran hat das Engagement gegen Steinigungen, die anscheinend nur dort als Zeichen der Barbarei gelten, übrigens tatsächlich dazu geführt, dass Ehebrecherinnen fortan nicht mehr gesteinigt werden. Die Mullahs entschlossen sich, fortan nur noch zu erhängen. Welch ein Fortschritt.

16.2.08 20:41


Neue Hexenjagden gegen Kinder in Nigeria

Tracy McVeigh berichtete am 9.12.2007 im Guardian über Kinder, die derzeit im Nigerdelta als Hexen verstoßen, gefoltert und getötet werden. Eine Fülle an charismatischen Kirchen konkurriert um die Bevölkerung mit Exorzismen. Im lesenswerten Artikel werden die Hexenjagden meines Erachtens etwas zu sehr als Import verzeichnet. Jedoch ist nicht neu, dass evangelikale Kirchen den Hexenglauben als Hauptbetätigungsfeld erkennen, bedienen und schüren.
Das hat, wie im Fall der Zionist Christian Church in Südafrika durchaus nicht immer negative Folgen für die Opfer, die in diesen Kirchen eine oft einfache Rehabilitation oder sanftere Exorzismen erfahren. Hier sind die Opfer selbst das Ziel der Missionierungsbestrebungen.
Für geltungssüchtige Laienprediger allerdings liegt es nahe, mit drastischen Methoden Anschluss zu suchen und den autoritären Charakteren mittels banalster Propaganda ein schwaches Opfer zu präsentieren, an dem sie sich zum Volksmob einigen dürfen.
McVeigh bezeichnet die Hexenjagden gegen Kinder als für Nigeria neue Erscheinung. Aus der DRC und Kamerun ist bereits seit längerem der Hexereiverdacht gegen Kinder üblich, in anderen Regionen Afrikas sind bisweilen Kinder immun gegen Hexereianklagen, weil erst das Alter und Unfruchtbarkeit aus Menschen Hexen mache.
In Nigeria herrscht eine lange Tradition von kultischen Hexenjagden:
Von der Kultschrein-Bewegung "Atinga" über die Geheimbünde bis zu den Bakassi Boys, einer hexenjagenden Bürgerwehr. Die hexenjagenden christlichen Seelenmähdrescher sind eine moderne Erweiterung dessen und weder ein Rückschritt noch ein unerwartetes Phänomen.
Dringend nötig ist die Unterstützung der Personen und Organisationen, die versuchen, dem Hexenglauben entgegenzutreten und den Betroffenen zu helfen:
 
 
1.1.08 20:40


Angstlust auf Zigarettenschachteln

Die Emanzipation der Nichtraucher schreitet voran. Die ärgsten Zumutungen, Raucherlaubnis in allen Kneipen und Züge mit 17 Raucherabteilen, fallen der bisweilen allzu rationalisierenden Vernunft anheim. Meinetwegen hätte die Beschränkung auf ein Raucherabteil gereicht. Leider ist die Debatte nicht eine der Emanzipation der Individuen verpflichtete, sondern trägt von je fürsorgliche, hätschelnde und damit autoritäre Elemente in sich. Nicht nur sollen die, die sich dagegen entschieden haben, in ihrer Unversehrtheit geschützt werden, sondern die Raucher selbst werden aus volkswirtschaftlichen Gründen Ziel der Bekehrung. Für volkswirtschaftliche Erwägungen gibt es das Instrument der Steuern. Der neueste Vorschlag, Zigarettenschachteln mit abschreckenden Fotos von Folgen zu verzieren, ist dagegen äußerst fragwürdig.
 
Zunächst ist da offensichtlich die Frage nach der Wirksamkeit: Raucher werden schlichtweg zu Metallschachteln greifen und Umfüllen, die Tabakfirmen werden Packungen so zusammenbinden, dass das Frontbild nicht sichtbar ist. Ob tatsächlich Raucher mehr auf visuelle Abschreckung reagieren als auf das bislang Gelesene sei dahingestellt. Möglich, dass es bei einigen wirkt. Andere werden nur trotziger rauchen, beinhaltet Rauchen doch von je das Spiel mit Gefahr und Tod, was es ja erst reizvoll macht. Der Lonesome Cowboy zeigt durch die Zigarette, dass er den Tod verspottet, den er täglich fürchten muss. Die Gefahr schafft erst das Heldentum, das der Anreiz für das Rauchen ist.
 
Die Bilder fördern vielmehr Abstumpfung gegen Wunden und Angstlust. Will man Jugendlichen einen ungeschnittenen Rambo III nicht zumuten, weil dort ein bisschen Kunstblut fließt, sollen Jugendliche ab 16 und Kinder von Rauchereltern nun Bilder sehen, die einen Horrorfilm sofort zum FSK 18 machen würden: verfaulte Zähne in Nahaufnahme, Raucherbeine, Krebsgeschwüre.
 
Das Setzen aufs Visuelle beinhaltet zugleich eine Absage an die abstrakte Vernunft, die aus einem Satz auf eine sinnvolle Handlung schließt. Das deiktische Verfahren soll im Unterbewusstsein wirken, auf Ekel abzielen. Was aber, wenn dadurch nur der Ekel überwunden wird, das Ansehen von Wunden am Objekt mit Belohnung in Form einer Zigarette assoziiert wird? 
Dem Projekt liegt die Annahme zugrunde, dass Ekel eine natürliche, von je aufrecht bestehende Institution sei, und dass die erworbene Sucht sich danach richte. Es bedenkt nicht, dass die Sucht in anderen Fällen schon den Ekel überwand, dass Rauchen selbst einmal überwundenen Ekel verlangte. Es bedenkt ebenso wenig, dass Ekel und Angst im Extremfall auch durch Wiederholung am Anderen bewältigt werden und in Sadismus umschlagen können.
 
4.9.07 12:31


Pro-Ana: Eine Erweckungsbewegung?

Pro-Ana Blogs sind Teil einer Bewegung, die Anorexia Nervosa oder auch Bulimia nervosa als lifestyle verfechten. Diese Bewegung erfährt einen regelrechten Boom: in den myblog-charts vertreten sie mit 6 Blogs unter den Top 100 die größte Gruppe an hochspezifischen Blogs.

Beim Lesen der stets gleichen,herumgereichten Zirkulare, wie "Anas Brief" oder "100 Tips" drängt sich zunächst der Eindruck einer religiösen Bewegung auf. Pro-Ana ist durchaus mit einer postmoderne Sekte vergleichbar, die bisherige Sektenmerkmale überschreitet und beispielhaft für Ideologienbildung im sogenannten "Informationszeitalter" analysiert werden könnte. Bei genauerem Hinsehen ergibt sich ein Bild der Zerrissenheit zwischen zynischer Reflexion und der Unmöglichkeit darüber hinaus zu schreiten. Ich möchte betonen, dass hier die fragmentarische Analyse der Blog-Bewegung im Zentrum steht. In keinem Fall möchte ich mich über Menschen wegen ihrer Krankheit lustig machen und meine auch nicht die große Mehrheit der Anorexia-Kranken mit, die diesem Phänomen teilweise ähnlich kritisch gegenüber stehen. Allen Betroffenen empfehle ich dringend therapeutische Hilfe wahrzunehmen. In den meisten Fällen kann die Krankheit mit Gesprächstherapie geheilt werden. 10% der Erkrankten sterben an unmittelbaren Folgen der Magersucht. Viele tragen dauerhafte Schäden an Nieren und anderen Organen davon.

2006 wurden auf Initiative von jugendschutz.net 30 Pro-Ana Websites gesperrt. Von anderer Seite wird solchen Seiten ein gewisser Selbsthilfeaspekt zugestanden: Die Kranken träten in Austausch miteinander und informierten sich über die Vermeidung der schlimmsten Folgen.

Das ist weitgehend eine Illusion. Pro-Ana-Blogs tragen Züge einer Sekte. Sie dienen der gegenseitigen Kontrolle und Aufstachelung und werben aggressiv um Anhänger, auch wenn sie das oft leugnen. Die Krankheit bietet einen Leidengewinn, der online sehr viel leichter abgeholt werden kann. Aufmerksamkeit, Bestätigung, und das Gefühl der familiären Gemeinschaft, die in ihrer Ambivalenz als ursächlich für die Krankheit angenommen wird: Ständiges Beharren einer Familie auf Gemeinsamkeit und Gemeinschaftlichkeit sowie ein Abwehren von Autonomie und Selbstverwirklichungsbestrebungen.

"Alles was das Kind tut, macht es nicht für sich, sondern für die Vorstellung der Eltern. Es hat die Formen auszufüllen, in die es seine Eltern gegossen haben. Und was immer es tut, es ist nicht genug" (Franke 2003).

Das Web bekommt bei diesen Personen die Aufgabe eines Psychoanalytikers, die es aber nur enttäuschen kann. Das Aussprechen, die Gesprächstherapie ist der ausdrückliche Wunsch dieser Person, die sich den Frust von der Seele schreibt, aber keine fachlich qualifizierte Antwort erhält, denn auch wenn sich viele Therapeuten mit dem Problem sehr erfolgreich befassen, gibt es virtuell kaum Möglichkeiten, dem Non-Compliance des Patienten bei einer Konfrontation zu begegnen oder vis-a-vis den Trost auszusprechen, der im Zweifelsfall nötig ist.

Dem Problem impliziert ist die typisch deutsche Feindschaft zur Psychoanalyse, die gerade bei so fachlich eindeutigen Konflikten eine große Hilfe bieten könnte, aber eben von Pädagogen und anderen Bereitstehenden allenfalls verlegen mit Gummihandschuhen als Bückware präsentiert wird und gesellschaftlich den Rang einer Bedrohung innehält. Heißt sie dagegen "Tiefenpsychologie" ist der Makel des Sexuellen verschwunden, und es kann erfolgreich eine Gesprächstherapie angeboten werden, die auf der Psychoanalyse mehr als aufbaut. Wenn jedoch in einer Gesellschaft systematisch von der infantilen Sexualität und den Traumen geschwiegen wird, liegt nahe, dass gemeinhin Chatrooms und Blogs als adäquater Ersatz für Gesprächstherapie gesucht werden.

Eine Besonderheit der Pro-Ana-Weblogs ist der stete Bezug auf das Fliegen. Der Flugtraum wird bei Freud auf Spielsituationen in der Kindheit zurückgeführt, das auffangende und werfende Elternteil wird im Traum zensiert, um den Wunsch zu vervollständigen. Fliegen bedeutet Autonomie, sexuelle Erfüllung. Pro-Ana-Blogs sind voll von Elfen, Schmetterlingen, Libellen, Nymphen, Federn, Engeln, was auf weit mehr als nur passiv rezipierten Lifestyle verweist: Leicht zu sein, ein Kind zu sein und dennoch alles richtig zu machen und autonom zu sein, es ist der narzisstische Wunsch des erwachsenen Kindes, der kindlichen Kaiserin, der aus der tiefen Kränkung der allzu neurotischen Erziehung gesteigert werden kann, im Kern aber in jedem Kindermärchen präsent ist.

Was krank ist, erzeugt bei den vermeintlich Gesunden auch Abwehr und Abscheu und ebenso verhält sich der Umgang mit den Blogs. Aggression ist ein Zeichen der Verdrängung auf beiden Seiten. Wo abgemagerte Menschen auf Fotos nicht als Kranke, sondern als abschreckendes Beispiel herhalten müssen, weidet sich die pädagogische Intervention an der eigenen Angstlust. Therapeutisch wirkt das sicherlich nicht. In einem Anti-Ana Beitrag wurde tatsächlich unter ein Bild die Unterschrift gelegt: "Sind das noch Menschen?" Wer Unmenschliches erfahren hat und das zur Schau trägt, wird so am Zeichen zum Unmensch gestempelt.

Die Aggression der Pro-Ana-Bloggerinnen ist allerdings sehr ambivalent, durch Blogs rüstet sie sich von der Autoaggression zur Aggression gegen einen Ersatzpopanz zu und zelebriert das Anderssein, formt sich eine Identität, die Ersatz für Wünsche liefern soll und darum ins Maßlose drängt.

Auf dem Elfenland-Forum, eines von zahlreichen, findet sich wie auf fast allen der einschränkende Verweis:

ACHTUNG !! Dies ist ein PROANA/MIA Forum ! Ana steht für Anorexia Nervosa und bedeutet Magersucht ! Wenn du dich nicht damit identifizieren kannst , keine Esstörung hast , bitte ich dich , diese Website wieder zu verlassen ! Ich möchte niemanden in etwas hineinziehen! Falls du dich trotzem umsehen möchtest , tust du dies auf eigene Gefahr !

Nun hat der Ruch der Gefahr einen außerordentlichen Reiz besonders für Jugendliche. Der Inhalt der Foren widerspricht den Beteuerungen dagegen aufs Schärfste und er ist der immergleiche, eine Diskussion darüber scheint es nicht oder kaum zu geben, obgleich die Kranken sehr engagiert und diskussionsfreudig sind. Die Aggression wird deutlicher auf ana4you:

Das hier ist eine neue Pro Ana Seite. Wer sich nicht damit abfinden kann, dass die einen halt nun mal dünner werden oder sein wollen als die anderen, der möge doch bitte diese Seite verlassen und sich eine Adipositas-Seite suchen. Be Thin- Be attractive!!!

Pro Ana nennen sich die jenigen, die sich als magersüchtig bezeichnen und es nicht als Krankheit, sondern als Lifestyle ansehen, wie andere ihre Hobbies wie Sport oder Malen hat.

Was hier ausformuliert wird, ist die Aggression auf andere, die als fettsüchtig beleidigt werden. Mimetisch macht diese Person sich dem gleich, was sie von anderen, und hier vor allem den Eltern wünscht, nämlich dünner, kleiner, am besten nicht anwesend zu sein. Verdrängung im Gewande des Liberalismus macht die Krankheit zum Pläsierchen, die Selbstzerstörung zum harmlosen Hobby. Die Serie Jackass ist ein weiteres bekanntes Symptom für diese latente Konvention gewordene Bereitschaft, den Analsadismus zur Kultur zu erheben.

Dieser Sadismus ist selbstverständlich einer, der am Leiden anderer das eigene vergessen machen lassen will, und ihm zugleich doch aufs neue nachspürt. Die Autoaggression richtete sich darauf ab, am Leiden anderer den Lust- und Machtgewinn zu erweitern, den der eigene Körper versagt. Ein solcher perfider Geist schuf den "Motivationsvortrag von Ana", der schon im Titel Pervertierung andeutet, denn er soll demotivieren, erniedrigen:

Oh, du sehnst dich gerade nach Essen, ja?
Was glaubst du, was du tust?
Wage es nicht, auch nur in die Nähe von Essen zu gehen!
Fass es nicht an; denke nicht mal daran.
Was willst du tun, eine fette Kuh werden?
Ich bin dein bester Freund und wenn du isst, versagst du und lässt mich im Stich.


Wage es nicht, auch nur in die Nähe von Essen zu gehen!
Fass es nicht an; denke nicht mal daran.
Was willst du tun, eine fette Kuh werden?
Ich bin dein bester Freund und wenn du isst, versagst du und lässt mich im Stich
Wenn du richtig isst, zeigt das wie wenig Selbstkontrolle du hast.
Dieser Schmerz gerade in deinem Magen, das bin ich und es ist dein Fett, das wegschmilzt.
Wenn du dich leer fühlst, bedeutet es, dass du deiner Sinne leer bist(?)
Du kannst die Hand über deinen Magen fahren und spürst deine Rippen.

Du willst in die Einkaufspassage gehen und das knappe Outfit sehen und du würdest verdammt gut darin aussehen.
Du bist mir gegenüber eine Verpflichtung eingegangen.
Ich bin dein Leben und deine Besessenheit.
Gib nicht auf, was wir haben.
Ich werde dir alles geben, was du willst aber du musst mir das geben, was ich will
Und ich erwarte von dir, vom Essen wegzubleiben.
Geh und trink et was Wasser.
Geh etwas Tee oder Kaffee trinken.
Oder noch besser - geh ins Fitnessstudio - Dickerchen!
Zeig mir nicht, wie wenig Selbstkontrolle du hast.
Fordere mich nicht heraus.
Du weißt, wenn du jetzt isst, wirst du sowieso wieder auf deinen Knien enden und alles herauskotzen bis du nur noch Blut und Wasser siehst und dein Magen schmerzt.
Du wirst das Essen bedauern sobald diese Kalorien und das Fett deinen Rachen hinunter und rein in deinen Körper gerutscht sind um eine zusätzliche Rolle an deinem Bauch zu formen.
Du wirst Zellulite bekommen.
Du wirst wie die typische fette Fußball-Mutter aussehen(?)
Ich kann dir so viel geben - Ich kann dir einen tollen Körper geben.
Zeig mir deine Kontrolle und ich zeige dir einen flachen Bauch
Zeig mir, dass du mich liebst und ein Geheimnis für mich bewahren kannst und bleib weg vom Essen und ich werde dir diese kleinen, wohlgeformten Schenkel geben.
Zeig mir, dass du rennen kannst bis du umfällst und ich werde dir einen niedlichen Hintern geben.
Du liebst mich.
Wenn du jetzt isst und alles wegwirfst, wofür du gearbeitet hast, werde ich dich hassen.
Und du wirst dich selbst hassen,
Du hast einen Essensplan; Du hast Ziele und Wünsche.
Wird das alles jetzt nicht weg.
Gib nicht das auf, was du wirklich willst für etwas, dass du im Moment gerade willst.
Iss nicht, Dickerchen
Du bist noch kein Supermodel wie Kate Moss.
Versag mir nicht. Iss nicht.
Du bist auf einer Pro-Ana-Seite. Ich nehme an, das bedeutet, dass du fett oder sowas bist. Naja, weißt du was? *DING! DING! DING!*
Du hast recht! Du bist abscheulich Absolut widerlich.
Fühle deinen Magen. Fühle die schwabbeligen Rollen, diese wackelnde Masse...
Schau dir all die traumhaften Models und Schauspieler im Fernsehen an. Siehst du irgendwelche Rollen? Verdammt nein! Diese Mädchen sind dünn, Schnecke!

Sie wissen nicht wie es ist, sich auf eine Waage zu stellen und das verdammte Ding zu zerbrechen.
Sie müssen nicht Größe XXL tragen! Sie sind dünn!
Ja, und du bist es nicht. Du bist jämmerlich. Absolut scheußlich! Du bist eine fette, dreckige Kuh! Leg das Essen hin! Wage es nicht mal daran zu denken, es in deinen Mund zu stecken!
Du wirst sofort fühlen, wie es in deine Schenkel rutscht, in deine Hüften. Du quillst schon aus deinen Hosen.
Du brauchst kein Essen mehr, es macht dich nur fetter.
Du bist schon ein Wal, ein Nilpferd, ein Fettarsch.
Du bist abstoßend, kein Angehöriger des gegensätzlichen
Geschlechts würde auch nur daran denken, dich zu mögen weil du nicht mal durch seine Tür passen würdest. Du würdest den Boden zerbrechen und das Bett zu Kleinholz verarbeiten.

Du bist so abscheulich! Hast du jemals Leute gesehen, die dich anschauen? Mit Ekel? Es ist wahr. Sie wünschen sich, dass sie niemals so schlimm aussehen wie du. Sie schauen dich an von Schal bis zu deinen Füßen und denken Schau dir diese Person an! Was für ein schrecklicher Mangel an Selbstbeherrschung!
Und es ist war. Und du nennst dich ana! Du bist keine echte ana!
Du bist FETT! FETT! FETT! FETT! Was für ein schreckliches Wort, ein hässliches Wort. Zu schlimm, dass es die Wahrheit ist. Zu Schlimm, dass du fett bist. Ein Luftschiff. Ein Monstrum.
Du willst diese niedlichen neuen Klamotten tragen?
Haha, nicht mit DIESEM Bauch! Oder DIESEN Beinen!
Sieh, sie sehen gut aus an Models, aber Schätzchen, du bist FETT. Fette Menschen tragen Zeltkleider und hässliche Schuhe. Fette Menschen können keine niedlichen Klamotten tragen weil sie in ihnen nicht gut aussehen können. Fette Menschen haben keine Kontrolle und essen alles, was sie sehen.
Willst du so leben?
Den Rest deines Lebens rumtrampeln, zu mächtig für Flugzeugsitze, zu mächtig für Autos, zu mächtig um jemals einen Partner zu bekommen und glücklich mit ihm zu leben.
Kein Märchen für dich, Schnuckelchen.
Du bist ein Eimer voll Fett, eine absolute Schande für den Namen ana.
Du wirst niemals mager sein.
NIEMALS. So lange du nicht DAS ESSEN WEGLEGST, deinen faulen Arsch hochbekommst und dich bewegst!
Geh laufen! Mach Hampelmann! Mach Sit-Ups! Und schnell schnell schnell!
Kein Essen für jemanden wie dich.
Du bist widerlich und fett, merk dir das....

Das System ist klar: Erniedrigung um der Partizipation willen. Das Durchhalten bis zum Letzten, diese Propagierung grenzenloser Disziplin, ein Adynaton, das den Widerspruch durch Vernichtung zu brechen sucht. Es ist eine typisch deutsche Krankheit, die sich das Andere wie hier in der fetten Fußball-Mutter sucht, die wahrscheinlich Ziel wie Ursprung der Ideologie gleichermaßen ist. Am Selbst wird das Andere bekämpft, durch den Schritt in die virtuelle Öffentlichkeit wandelt sich diese Autoaggression in Wut und Aggression. Das ist nicht heilsam, sondern nur eine Erweiterung der Krankheit. Der Selbsthass wird perfekt reflektiert in seinen Ursachen (z.B. 'kein Märchen für dich, Schnuckelchen') und dennoch zelebriert, denn im Grunde setzt sich Geständniszwang durch, der noch keine Reflexion ist. Weiter interessant ist auch die stets präsente, aber nie bewusst formulierte Homosexualität: Die Präsentation von schönen Models, der stete Versuch, sich gleich zu machen um zu gefallen, die Ambivalenz der Mutterfiguren. Verdrängte Homosexualität findet ihren Platz in der Gemeinschaft.
Gegenseitige Kontrolle heischt man dann in Manifesten:

Anas Gebote

1. Wenn ich nicht dünn bin, kann ich nicht attraktiv sein!

2. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein!

3. Ich muss alles dafür tun, dünner auszusehen/ zu sein!

4. Ich darf nicht essen ohne mich schuldigt zu fühlen!

5. Ich darf keine "Dickmacher" essen ohne hinterher Gegenmaßnahmen zu ergreifen!

6. Ich soll Kalorien zählen und meine Nahrungszufuhr dementsprechend regulieren!

7. Die Anzeige der Waage ist wichtiger als alles andere!

8. Gewichtverlust ist GUT, Zunahme ist SCHLECHT!

9. Du bist NIE zu dünn!

10. Nahrungsverweigerung und dünn sein sind Zeichen wahren Erfolgs und Stärke!

11. Essen ist ein Zeichen von Schwäche.

12. Perfektionismus kann nur durch Einschränkung erreicht werden.

13. Anorexie wird uns schön machen.

14. Niemand kann tun, was wir tun.

15. Hervorstehende Knochen lassen uns reizvoll aussehen.

16. Kritik an Ana ist lächerlich.

17. Egal, wo wir hingehen, wir sind immer noch schlank.

18. Egal, was wir tun (außer essen), wir sind immer noch schlank.

19. Wir haben uns unter Kontrolle.

20. Niemand kann uns Ana nehmen - NIEMAND.

21. Die meisten Menschen können nicht Ana sein.

Sofort fällt auch, welche Geistesverwandtschaften hier bestehen. Die Pro-Ana-Bewegung gibt Aufschlüsse über ein ihr anscheinend völlig äußerliches Phänomen, den Nazismus: Kritik ist lächerlich, Kontrolle alles. Wo solche Anti-Werte gesellschaftlicher Konsens sind, ist die Anorexie ein zutiefst gesellschaftliches Phänomen. Die hohlen Phrasen sind gleichsam Gebete wie Geständnisse.

Bei den verbreiteten 100 Tipps finden sich folgende deutliche Beispiele der Vermittlung von individuellem und gesellschaftlichem Wahn und hier wird deutlich, dass es eben nicht nur bitterer Zynismus ist, der die Geständnisse gebiert, sondern dass der Inhalt tatsächlich geglaubt wird:

2. Belohnungen verhindern Heißhunger, daher für jeden Tag den man "brav" war Abends ein kleines Stück dunkle Schokolade essen.

7. Blaue Teller für weniger Appetit. Der Körper empfängt Warnsignale, da blaues Essen kaum in der Natur vorkommt.

17. Iss doch Watte, Moppelchen.

19. Lege dir ein Ana-Buch zu, mit schönen Bildern aus Illustrierten, Gedichten, Texten, Regeln, Gedanken, diversen Listen, Vergleichen.. damit kann man sich Stunden beschäftigen.

24. Lutsche Eiswürfel, sie verbrennen 40 Kalorien.

25. Trinke zu jeder Stunde ein Glas eiskaltes Wasser (am besten aus dem Kühlschrank, oder wirf Eiswürfel hinein). Das macht voll und verbrennt bei einem 500ml-Glas 18 Kalorien. (wenn man mindestens 10 Stunden wach ist sind das 180!)

34. Ein Besuch mit der Familie im China-Restaurant, oder dein Lieblingsessen, welches deine Mutter ausnahmsweise mal gekocht hat sind KEIN Grund zu fressen, als würden wir in Kriegszeiten leben.

38. Suche dir Model-Vorbilder, und versuche ihr Gewicht und ihre Maßen in Erfahrung zu bringen. Versuche besser zu sein.

54. Motivationsbilder! Wenn man so was schon nicht aufhängen darf, dann wenigstens immer ein kleines Bild in der Tasche tragen, das einen besonders motiviert.

58. Suche Gleichgesinnte.

81. Sieh dir das Bild einer dünnen Schönheit an, während du isst. 83. Es beginnt immer Heute und Jetzt, und nicht Morgen oder nächste Woche.

84. Du tust es NUR für dich! Die anderen werden es auch überleben, wenn du dick wie eine Tonne durch die Gegend rollst. Wenn du also etwas nahrhaftes Richtung Mund bewegst, denke daran, dass du nur dir alleine schadest.

85. Ana ist keine Person, der du es mit einem FA "zurückzahlen" kannst.

94. Der Mensch ist leidensfähig und kann sich an Kälte und Hunger gewöhnen.

100. Nur die armen Kinder aus der 3ten Welt dürfen sich unterernährt fühlen und Selbstmitleid haben. DU nicht.

Was sich wie ein NS-Kriegskochbuch liest, ist postmodern bis zum abwinken, der Duktus findet sich in Klimaschutzapellen ähnlich: Verzichte, du schuldige Sau! Mitleid wird als Makel entworfen, das Geißeln als Befreiung. Mit analer Gründlichkeit wird dem Sammeltrieb Folge geleistet, Kalorie um Kalorie wird notiert und ein Weltbild damit verknüpft, das reaktionärer nicht sein könnte. Das verfolgende Moment darin schmiegt sich der Versagung an, es entsteht eine narzisstische Umkehr, in der Nahrung Schmutz ist, Leiden Genuß, Verkleinerung des Körpers eine Erweiterung des Phallus und so eine Verwahrung gegen Kastrationsängste bedeutet. Die religiöse Dimension speist sich aus der steten Aufforderung, die Gemeinschaft von Auserwählten zu suchen, um kollektiv genau das zu tun, was unter Top 100 versagt wird: sich bemitleiden. Dieses Selbstmitleid, das seine reale Ursache in einem Leiden hat, ist allerdings getarnt als fröhliches Miteinander, als zwanghafte Aktivität. Anas Brief allerdings entpuppt sich nicht als vergleichbare religiöse Botschaft, wie er von Anti- wie Pro-Ana-Bloggern bisweilen missverstanden wird, sondern als Aufklärung über die innersten Mechanismen der Magersucht:

Erlaube mir mich vorzustellen. Mein Name, oder wie ich von sogenannten "Ärzten" genannt werde ist Anorexie. Mein vollständiger Name ist Anorexia Nervosa, aber du kannst mich Ana nennen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde. In der nächsten Zeit werde ich viel Zeit in dich investieren und ich erwarte das Gleiche von dir. [..]
Deine Freunde verstehen dich nicht. Sie sind nicht ehrlich. [...]
Früher, als [...] du sie gefragt hast: "Sehe ich... fett aus?" und sie geanwortet haben "Nein, natürlich nicht", wusstest du, dass sie lügen. Nur ich sage dir die Wahrheit. Deine Eltern...lass uns nicht so weit gehen! Du weißt, dass sie dich lieben und dass sie für dich sorgen, aber die Sache ist einfach die, dass sie deine Eltern sind und verpflichtet sind so zu handeln. Ich werde dir jetzt ein Geheimnis verraten: Tief in ihrem Inneren sind sie von dir enttäuscht. Aus ihrer Tocher, der mit all dem Potential, ist ein fettes, faules Mädchen geworden, das alles was es hat, nicht verdient hat.[...]
Vielleicht bringe ich dich dazu Abführmittel zu nehmen und du wirst bis in die frühen Morgenstunden auf dem Klo sitzen mit einem drückenden Gefühl in dir. Oder vielleicht bringe ich dich dazu dich selbst zu verletzen, deinen Kopf in eine Wand zu schlagen bis zu schreckliche Kopfschmerzen bekommst. Ritzen ist genauso effektiv.[...]
Ich habe eine Schwäche. Aber wir dürfen keinem davon erzählen. Wenn du dich entscheidest, gegen mich zu kämpfen, jemanden zu erreichen und ihm zu erzählen was ich aus deinem Leben mache, wird alles zusammenbrechen.Niemand kann die Schale brechen, mit der ich dich bedeckt habe. Ich habe dieses dünne, perfekte, beneidenswerte Kind geschaffen. Du bist mein, nur mein. Ohne mich bist du nichts.
Das hier korrekt als Schwäche der Anorexia nervosa bezeichnete Erzählen geschieht in den Pro-Ana-Blogs und daher sind diese tatsächlich mehr als Hilfeschrei zu bewerten, denn als Propaganda. Sie sind Propaganda für ohnehin anfällige Mädchen (uns sehr selten Jungen), und können diese inspirieren, aber kaum mit der Neurose anstecken, die sie in sich tragen. Die Zunahme der Zahl und das darin geäußerte Selbstbewusstsein spiegelt lediglich einen trotzigen Aufschrei wieder, die Kranken beginnen zu sprechen, wenngleich sie ihre Krankheit noch nicht als solche erkennen.
Völliger Unsinn ist es, einen gesellschaftlich definierten Schönheitsstandard als schuldig für Magersucht im Allgemeinen auszumachen. Das ist dekonstruktivistische Phänomenologie, die von Kritik ebenso wenig weiß wie von Analyse. Die Ursache für die Anorexia nervosa liegt in der Kindheit, die leider viele Mädchen ähnlich oder gleich erfahren. Kein gesundes Kind sieht eine Plakatleinwand und hungert sich zu Tode. Das Problem der Magersucht ist eine Störung in der Körperwahrnehmung und die völlige Entgrenzung. Würden sie nur irgendwann den bekanntesten Models ähnlich sehen, hätten sie wohl kaum Probleme. Dieses Problem betrifft selbstverständlich auch häufig Models wie auch deren Juroren und Mäzene, die bisweilen einem Fetischismus frönen. Ein ontologischer Punkt, wie manche meinen, sind die Models jedoch keinesfalls. Es gibt zierliche Frauen, und dass diese zum recht isolierten Schönheitsideal wurden, mag kritikabel sein, es ist jedoch nichts anderes als eine begrenzt verbreitete Marotte. Schönheit ist auf Extreme angewiesen, um sich als Besonderes zu präsentieren.
Eine normal- bis leicht übergewichtige schöne Frau wird trotz aller Laufstegmodels nicht wegen ihres Gewichtes Probleme haben, geliebt zu werden, ebenso wie eine stark übergewichtige Person durchaus berechtigt dazu angehalten werden kann, auf sein Gewicht zu achten und ähnlich der Magersucht nach Ursachen in der Kindheit, in Wiederholungszwang und Abwehr einer Kränkung zu suchen. Dass aber eine Gesellschaft traditionell darauf ausgerichtet ist, einen Schönheitsstandard wie den der Arier zur Allgemeinheit zu erheben, das Allgemeine zum Besonderen und vice versa zu machen, dass das Vorbild alles ist und das Individuum nichts, dass gearbeitet werden muss, stets und immer wieder an sich selbst und nicht an Zuständen, hat durchaus Konsequenzen für die Magersucht und darin erfährt sie Vermitteltheit mit der reaktionären Verkitschung von Körpers und Natur.
2.7.07 21:22


Kastrationsangst? Linderung: 1 Euro.

Bisweilen kommt man beim Durchstöbern des kulturindustriellen Angebots zur Zerstreuung des geplagten Geistesarbeiters nicht umhin, dem Astro.TV seine Referenz zu zollen. Zwischen Amusement und kurzweiligem Antichambrieren auf andere Sendungen findet sich dabei bisweilen ein kleiner Erkenntnisgewinn am offenherzigst ausagiertem Okkultismus, nach Adorno ein "Symptom für die Rückbildung des Bewusstseins". Dort tummelt sich an Parapsychologen, Kartenlegern, Scharlatanen, Kaffeesatzlesen, Feticheuren und Medien alles, was einen Lehrgang in einem Esoterikzentrum hinter sich hat.

In Sandrina Buono zeigt vollendete Professionalität nun ihr freundlichstes Gesicht. Mit einem charmanten Lächeln fertigt sie am Fließband Anruferinnen - das Binnen-I erübrigt sich hier - ab, die alle nur eins wollen: Einen Namen, den Sandrina nach 2 Sekunden maximalem Innehalten abliefert. Nun ist das nicht der Name des zukünftigen Geliebten, sondern der des jeweils zuständigen Erzengels. Nicht einmal einen Euro kostet diese Information und wie ein Kind sein Bonbon an der Kasse abholt, summt auch hier Zufriedenheit und Erleichterung in den Stimmen der Klienten beim Abschied.

Freud weist darauf hin, dass in Träumen die Verdoppelung, die unbekannte Freundin, der treue Begleiter eine Verwahrung gegen Kastrationsängste sei, und ebensolches kann man auch von den Erzengeln annehmen. Ein Trugschluss wäre es zu glauben, die Anruferinnen holten sich hier nur den Namen ab. Die Namensgebung ist identisch mit der Versicherung, dass da wirklich jemand ist, eine geheimnisvolle omnipotente Verdoppelung, und in bürokratischen Zuständen darf man das ruhig Zuständigkeit nennen. Der Witz, der Engel als oft frustrierende Beamten wähnt, wird so zum Ernst. Kafkas beängstigende Frage nach der Zuständigkeit und das lebenslange Warten auf Quittierung des Falles, der man stets bloß ist, wird hier in Sekundenschnelle gelöst: Instant Millenium par excellence. Nomen est omen, in anderer Bedeutung. Mit den wohlklingenden, doch fremdvertrauten Namen Raffael, Shmuel, Ariel, etc. entsteht ein Ventil, das angestauten Druck ablässt. Wo im Alltag nichts für jeden zu bekommen ist, geht hier keine leer aus. Wo sie einmal leer ausging, bekommt sie nun das ihrige. Keiner versagt das Medium den Namen, und sei es nur zum Spott. Gütig teilt sie aus und jeder kriegt das Gleiche und wähnt sich so besonders. "Wer möchte nicht den Namen seines Erzengels wissen?" fragt Sandrina rhetorisch und weiß genau, sie hat die Masche ihres Lebens gefunden, indem sie 5 Namen auswendig lernte und dazu lächeln übte. Nun, wahrscheinlich glaubt sie wirklich dran.

Dieses Setting bietet Religion ohne Verpflichtung, Sicherheit ohne Regeln, Vergebung ohne Beichte und Gefühl ohne Nähe. Man fragt sich nun, ob das nicht das Beste sei. Bequem für alle, denen die Verhältnisse die Aufklärung versagen und die nun ein schnelles Wissen zackbumm auf die Kralle suchen. Diese sanften Stimmen könnten Niemand Böses tun und fürderhin schweben diese Frauen glückserfüllt dahin, sie wissen ja, ER passt auf sie auf und hat sie nicht vergessen. Bei Partys unter ihresgleichen haben sie ein Thema, finden schnell in ihre Quartiere (Ich hab Raffael, und du?) und brauchen sich um nichts zu sorgen.

Bedenklich ist daran der Trend, sonst nichts. Weder trägt das Individuum den Schaden davon, es hat ihn ja schon vorher, noch wird es indoktriniert, es weiß ja, was es will und kriegt. Das Kind geht zum Kaugummiautomat und als Frau ruft es die Kartenmedien an. Im Liberalismus kommen die Verhältnisse zur Offenheit über sich selbst. So zu tun, als habe es das vorher nicht gegeben, als sei das nun der Gipfel, offenbart nur die illusionäre Kraft des Kapitalismus, sich als Weg zur Gesundung zu verkleiden.

24.6.07 19:04


'Das Proletariat hat nichts zu verlieren als seine Goldkettchen!' - Die G8-Proteste als Chiliasmus

Vorbemerkung: Für diesen Beitrag wurde etwa 8-12 Stunden lang digitales Videomaterial, ein Bruchteil der etwa 1500 online erhältlichen Clips allein aus Rostock, gesichtet. Zahlreiche verlinkte Videos überschneiden sich, bzw. sind auf mehreren Perspektiven aufgenommen. Es steht für mich bei aller Polemik außer Zweifel, dass durch die Polizei insbesondere bei der "Nachbehandlung" von Gefangenen einige sehr elementare rechtsstaatliche Grundsätze verletzt wurden.

Etwas Merkwürdiges hat sich für die autonome Welt ereignet: Waren Pflastersteinwürfe seit Jahrzehnten ein adäquates und legitimes Mittel gegen "Bullen und Nazis" bei den bisherigen 1.Mai-Ausschreitungen, Chaostagen, Slimekonzerten, 68er - Demonstrationen, Intifadas, etc.
so sind sie auf einmal in öffentlichen Verruf geraten: als Mordversuch oder zumindest schwere Körperverletzung. Hat sich etwa klammheimlich die Zivilisation durchgesetzt, in der Taten nach ihren Auswirkungen und Beweggründen rational bemessen werden? Oder ist schlicht die digitale Ausleuchtung der Ereignisse so weit ausgereift, dass die Autonomen wie die Restlinke trotz und gerade wegen aller narzisstischer Selbstdarstellung ihre eigene hässliche, bigotte Fratze preisgeben müssen?

Im folgenden sollen einige der Videos ausgewertet werden. Am Ende der Analyse steht die These, dass die Ausschreitungen in Rostock nur logische Randerscheinung einer im Ganzen widerlichen und reaktionären Veranstaltung waren.

Zunächst ein Beitrag von BBC: Die Polizeiführung spricht noch von "isolated clashes" und einer Kontrolle der Lage. Später sieht man beispielsweise einen Fahnenträger noch einmal kräftig zuschlagen, sobald ein just mit Steinen und Dachlatten beworfener Polizist ihm beim Rückzug den Rücken zudreht.

Der Spiegel-TV-clip zeigt: Auch die "friedlichen" Organisatoren wie Monty Schädel konnten einfache Demoregeln nicht einhalten: Einen nicht kommunikationsbereiten Polizisten sollte man nicht auch noch ständig anfassen, höfliche Distanz ist eine zwischenmenschliche Fähigkeit schon im Alltag.

Etwas besser frisierte Frauen, die nicht in das autonome totalitäre Rollenbild der androgynen, sexy-gewaltbereiten Schwarzmaskierten passen, werden von einem der Autonomen bespuckt.

Ferner wird ein Mythos aufgeklärt: Der immer wieder gezeigte attackierte Polizeibus fährt allein deshalb nicht davon, weil der unbehelmte Fahrer sich geduckt hält und sich mit den Armen vor Wurfgeschossen schützt. Erst als die Werfer ablassen, findet der Fahrer den Mut, den Kopf zu heben und zu flüchten. Die linke Verschwörungstheorie behauptet: Es sei eine grobe Provokation gewesen, ein ungepanzertes Fahrzeug herumstehen zu lassen, das Fahrzeug habe mit Absicht so lange gestanden, damit entsprechende Bilder entstünden. Vollzeitparanoiker fügen dem hinzu, dass sogar die Angreifer Agents provocateurs gewesen seien.

Besonders infantil präsentiert sich ein Urgestein im gleichen Spiegel-Tv-Beitrag: Ein Fanatiker, der sich über Imperialismus, Israel und seinen Bluthochdruck aufregt schreit den interviewten Berufsdemonstranten Ströbele zusammen, beschimpft ihn als grünes Feigenblatt. Ströbele, ein nicht minder widerwärtiger Antiimperialist antwortet lässig: "So, alles losgelassen?" Der völlig außer Rand und Band geratene Mittfünfziger kickst zitternd: "Noch nicht, ich weiß noch viel mehr, noch viel mehr weiß ich!"

Die Clown-Army überschreitet wie oben bei Monty Schädel schon angedeutet jegliche Distanzgrenzen. Ein Polizist muss prinzipiell damit rechnen, dass von wahnsinnigen Demonstranten oder Terroristen seine Dienstwaffe gestohlen und spontan gegen ihn verwendet wird. Ihn bis auf nächste Nähe zu verfolgen, gar an ihm herumzufingern, ist dumm und weltfremd, ebensolches ist aber die gängige Praxis. Sobald ein paar Polizisten herumstehen, nähert sich ihnen eine zombieartige, krakeelende Menge und rückt auf Körperkontakt heran.

First Blood wird stets kollektiv bejubelt. Im linken Verschwörungswahn der friedlichen aber insgeheimen Sympathisanten passt das natürlich nicht so ganz, sind die Gewalttäter doch allesamt Agents provocateurs, das Spektakel gewollt von der Polizei.
"Hört mit die Steine auf!" brüllt ein klarer positionierter Demonstrant mit Restvernunft, als ein kleines Grüppchen aus Polizisten massiv mit Steinen beworfen wird.

Best g8-riot movie stellt das Ganze nochmal zusammen und macht mit der Überschrift glasklar, worum es primär ging: Bilder, Langeweile, Frustration - Event.

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Von besonderem Interesse für die Analyse ist eines der meistgesehenen Mobilisierungsvideos:

Zu Bilderfolgen in einer Geschwindigkeit, die Schleichwerbung entspricht, wird ein erstaunlicher Text abgespult:

"In Year 2007 everything will change".
Dieses Versprechen wird mit einer apokalyptischen Landschaft und Stadtruinen untermalt.

"The powers of this world now wages constant wars to keep it under control."
Krieg wird also von einer ominösen Machtsekte gegen den Wandel zum Friedlichen geführt.

"A control that in return is killing off the planet."
Hier passt dann der Kirchenchorus wie der Stein zum Steinewerfer.

"In the year 2007 one Demonstration will change the course of earths history. For years a change has been underway a change that will reveal that beneath the ruins of this world lies the world of our dreams."
Zwei Knutschebacken machen klar, worum es in diesen Träumen geht. Merkwürdig, ist zwangloses Küssen doch in der gesamten westlichen Welt kaum ein unerfüllter Traum. Es folgt:
"The world of our hearts."
Wieder die Knutschebacken, falls es jemand noch nicht kapiert hat.
"It is now up to us as people of this world to take it back."
Straßenschlachten und ein Indio-Protestmarsch sollen klar machen, zu welchen "archaischen" Methoden man greifen muss, will man dem Bösen in der Welt habhaft werden: Steine, Pfeil und Bogen, Blasrohre.

"When the self proclaimed leaders of this world gather for the G8 summit of 2007 in Rostock, it will be the last meeting of the old world and the first day of a new one - Their system of control has come to an end and once again [!] the world will be free."

Frei zumindest von einem Mercedes-Benz, der sicher ganz viele Menschen totgefahren hat und Kinderblut tankt. Wann die Welt "schon einmal" frei war, bleibt offen, kann sein, dass 1933 ebenso gemeint ist wie Christi Geburt oder 30000 v.u.Z.
Gasmaskenautonome, die sich vor Flammen Zweikämpfe mit Polizisten liefern, Steinewerfer, ein Karatekicksprung gegen Schilde einer Polizistenreihe kündigen an, was die einzige Wahl der Mittel ist. Das Ziel: "Civilization" die auf einer Karrikatur eine Hand aus dem Wasser reckt, komplett zu ertränken. Es folgt ein Resumee:

"Disarm authority, arm your desires. For more information about the last day of this world please visit http://www.camp06.org http://g822007.de http://www.indymedia.org"

In der Ethnologie ist ein solches Phänomen als Chiliasmus oder Millenarismus bekannt. Ein goldenes, kommendes Zeitalter wird ausgemalt, in dem das irdische Jammertal überwunden werde, niemand leidet oder stirbt. Besondere Gewalt erhalten solche Bewegungen, zu denen die Mahdi-Phänomene der islamischen Welt ebenso gehören wie einige Cargo-Kulte, wenn ein konkreter Zeitpunkt definiert wird, an dem der Mahdi, das Reich Gottes, der Kommunismus oder ähnliche Erscheinungen garantiert auf Erden eintreten. Dadurch werden Gläubige zur letzten Schlacht mobilisiert und treten in dieser als Heilige auf, die mit allen Mitteln das Böse zurückschlagen und besiegen müssen. Straßenschlachten sind da das mindeste. Wird die Schlacht medial oder militärisch verloren, muss ein Sündenbock wie in diesem Fall der agent provocateur her, der an der Misere schuld ist. Oder die Gegenseite hat irgendeinen Kodex heimtückisch und völlig einseitig verletzt.

Ebenfalls religiös angehaucht kommt ein G8-Protest-Spot daher, der mit "Carmina Burana" unterlegt wurde. Totalverschleierte Totalopfer werden hier mit Geld, Börse und einem dicken Mc-Donald-Kind kontrastiert. Dreisprachig spult es:
"Aber die Weltbürgerinnen werden den Lauf der Geschichte am 7. Juni 2007 verändern. Diese sinnlose Welt stützt sich auf uns. Versenken wir sie." Selbstverständlich werden passiv und aktiv bewaffnete Demonstranten als lobenswertes Beispiel abgebildet und wieder erscheint das eben bezeichnete Bild vom Untergang der alten Welt im Wasser, ein höchst dankbarer Hinweis an die Psychoanalyse.

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Ein von lysis unter "Fuck the police" begeistert zitierter Mischmasch aus Genua, Kreuzberg und Rostockmobilisierung will glauben machen, dass die Provokation immer schon auf der anderen Seite liegt, dass Polizeigewalt nicht erst seit Genua eine Gesetzmäßigkeit ist, die nicht zumindest teilweise aus dem Charakter der in ihrer Rüstung und Bewaffnung an Mad Max erinnernden Demonstranten in Genua oder spezifisch italienischen Polizeistrukturen, sondern allein aus dem weltweit uniformen Polizeistaat, kontrolliert von den stets planenden 8 Imperialistenschweinen, hervorgehe. Eine Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse wird ebenso ausgeblendet, wie die eigene Verfangenheit darin. Der Autonome posiert dabei, gefällt sich in der Rolle des Kindes, das narzisstisch rein und unschuldig wie es ist, stets nur provoziert wurde, und dem pösen Pruder auch mit der großen Holzlotomotive auf den Kopf hauen darf, weil der sie ihm doch wegtenommen hat. Der Autonome wollte ein ums andere Mal nur friedlich hier seine Barris/Sandburgen/RTS/Mollies bauen, als plötzlich voll aggro die Bullenschweine reingerockert kamen.

Beim Beitrag G8 Rostock - fighting the world wird unter schalalalaschalalalalala stolz ein Krankenwagen gefilmt. Ein Polizist hebt verzweifelt die Arme, um sich gegen aus nächster Nähe abgefeuerte Steine zu schützen. Der prinzipiell feige Charakter der hier versammelten Autonomen wird deutlich. "Brüllen, zertrümmern und weg" lautet die Devise. Polizisten werden von "friedlichen" Demonstranten schlichtweg solange bedrängt, bis sie zuschlagen, dann kommen die Haut-ab- oder Keine-Gewalt-Zombies.

Bei "Rostock Riots Anarchie" werden unter "Macht kaputt, was euch kaputt macht" eingekesselte Polizisten aus nächster Nähe mit Steinen, Dachlatten, Flaschen, etc. beworfen. Und, man mag es kaum glauben: Ein Feuerwehrauto wird mit Steinen beworfen, es gehört ja doch alles zum System, schließlich ist Feuer mit Rauch der Autonomen einzig angemessene Kulisse.
Bei diesem Beitrag wird die mediale Obsession der Autonomen deutlich, in allen Winkeln und Posen filmen sie sich, vor Rauch, vor Flammen, in Tonfagewittern, zwischen Wasserwerfern, der Heroismus blüht schwarz und stinkt nach Benzin.

Steine gegen Unbeschildete, Feuerwerkskörper als Auslöser von Zugriffen, Polizisten, die sich so lange zurückziehen, bis sie Steine abbekommen, Randalierende, die heranrückenden Polizisten mit Steinen und Feuerwerk empfangen, Steine auf sich zurückziehende Einheiten, Jubelgeheul, ein umstürzendes Auto, das sind Bilder, die das autonome Herz höher schlagen lassen, und nach denen die Linke immer noch im Brustton der Überzeugung von Agents provocateurs und Polizeistaat faselt. Der eigene barbarische Charakter muss auf Teufel komm raus zur Verteidigung, zur Heldentat umgemodelt werden. Was sich in diesen Leuten wirklich tut, zeigt besonders charakteristisch: Die Szene, in der ein Jugendlicher einen Polizisten von hinten mit aller Kraft in die Fersen tritt und dann flitzen geht. Archaisches Kreischen und überkippendes Skandieren zeugen von der ekstatischen Angstlust bei der "friedlichen" Provokation. Die Größe der Steine lässt vermuten, dass vom Emphatievermögen her die meisten noch in der Steinzeit verharren und bei Abbau einiger weniger zivilisatorischer Schranken auch gleich ihren Gegner nach der Schlacht verspeisen würden.

Eine Wiederholung mit besserem Ton offenbart das begeisterte Gejohle bei Steinwürfen, ein kurzer Zwischensatz: "Das sind auch nur Menschen" wird mit einem "Ja aber [Rest unverständlich]" beiseite gewischt. Einer hat die richtigen Worte dafür gefunden: "Vollidioten! Hört doch mal auf mit der Scheiße!"

Pflasterstein Entertainment, ein nazistisches Projekt der nationalen Autonomen zeigt nur, dass die Form des autonomen Widerstandes, der meint Mangel an Theorie und Masse durch nihilistische Militanz überbrücken zu können, willig von denen aufgegriffen wird, die inhaltlich ebenso nahe stehen könnten, wenn die Frisur stimmen würde. "Die Linken ham uns erfolgreich vorgemacht, dass es auch anders geht."

Aber wir wollen nicht so kritisch sein. Es gab ja auch die massenhaft friedlich Feiernden, die mit der Gewalt so gar nichts zu tun haben wollen.
Diese friedliche Feier fand selbstverständlich unter "Hände weg vom Iran"- Schilden statt, zelebrierte also die iranische, kriegerische Aggression gegen Israel als Frieden und Verwahrung gegen solche Ansinnen als sabbernde Grabscherei. Solche Menschen tanzen putzig verkleidet durch die Welt, schreien mächtig AUA, sobald sie ein Fünkchen Realitätsprinzip am eigenen Leib verspüren und wippen sich in esoterischer Verzückung - mit erhobenen Händen "keine Gewalt" oder "kein Blut für Öl" krächzend - bis zur Vernichtung Israels (ein weiterer fieser Schachzug der menschenverachtenden Zionisten) und wenn es sein muss immer weiter.

Noch friedlichere Menschen können bei unicef virtuell demonstrieren.
Diese Organisation macht Hunger zum Thema der reichen Staaten. Dabei muss diese Kampagne von näheren Ursachen des Hungers absehen, diesen auf eine Konstante, das Versagen der westlichen Politik zurückführen. Dass die Politik eines Mugabe ebenso zu Hungersnöten führt, wie der von Linken bejubelte Chavez die Hyperinflation und Staatsverschuldung vorantreibt und das heute bettelarme Burma vor stalinistischen Experimenten die Kornkammer Asiens war, muss im monokausalen Gefasel von Globalisierung und Klimakatastrophe untergehen. Der Hass und die Aggressionen, die beim Zeigen der hungernden Kinder als inhaltsfreies Argument entstehen wird auch von dieser Organisation auf die G8 kanalisiert, wenn auch nicht in vergleichbarem Ausmaß wie bei anderen.

Die ebenso gänzlich friedliche Organisation attac greift in ihrem Mobilisierungsvideo auf die oben erwähnte subtile Methode der schnellen Bilder zurück und flechtet hier selbstverständlich unter dem Motto "Let's face it" Vermummte ein. Die Distanzierungsversuche vom schwarzen Block kommen da nur zynisch und instrumentalisiert. Attac-Mitläufer, die - zu Details über die von ihnen just noch inkriminierten Entscheidungen der Mächtigen befragt - sympathischerweise zugeben: "Keine Ahnung, ich bin eh zu unpolitisch" werden von solcher Propaganda für die "bessere Welt und den Frieden" (da kann man ja nicht nein sagen) zwangsläufig angezogen.

Linksruck marschiert im Mob völlig selbstverständlich mit "Bush Nr.1 Terrorist" und "Hände weg vom Iran" - Schildern mit. Die theoretische Armut der komplett verblödeten Demonstranten lässt sich immer wieder an abgedroschenem und platterdings ödem Parolendummkrams diagnostizieren. Aus der Meute abgefeuerte Feuerwerkskörper werden lautstark bejubelt, die Sparkassenscheibe wurde anscheinend als erstes angegriffen, der Hass gegen das Geld sitzt tief.

Das Move against G8 - Bündnis arbeitet - eine ganz neue Idee - mit Skeletten, denn gegen den leibhaftigen Tod zu demonstrieren, das muss ja politisch irgendwie voll korrekt sein. Dass an allem Elend in der Welt die G8-Weisen von Zion schuld sind, vermag einer noch in zwei- bis dreisilbige Worte zu packen:
"Diese Leute, die sich da treffen, sind halt lediglich verantwortlich für die ganze Scheiße. Und dafür gehören die schlicht und ergreifend offensiv angegriffen, und mit Bann [?] behandelt."
Anscheinend ist Merkel daran schuld, dass in Zimbabwe die Hyperinflation galloppiert und sein Dackel macht wegen Bush immer auf den Teppich.

Dieselben G8-Skelette werfen einen Geldschein in eine Afrikakarte und fangen mit einem Topf von Flammen umgeben zahlreiche andere wieder ein. So erklärt sich die Akkumulation des Kapitals als Betrug in der Distribution.
Der ebenfalls zu den friedlichen Protestierenden zählende Jan Delay weiß zu Medikamentenpatenten zu urteilen:
"Ja, Schweine. Punkt. Ich hör das grad zum ersten Mal, muss ich sagen." Weiter darf er für den Black Block werben: "...und nehmt euch einen schönen Schal mit und Kapuze und wir sehn uns da." Selbstverständlich wurde Jan Delay, der mit der Faust reinhauen möchte und brennende Autos ne supi Sache findet , noch von keinem als Agent provocateur bezeichnet und gesehen wurde er auch nicht, lag vielleicht an Schal und Kapuze.

Mind the baby zeigt Kostümierte, die beim Wellenreiten ein riesiges im Wasser schwimmendes Baby umkreuzen. Dazu die Frage:
"How can we stop Africa bleeding to death from the wounds of capitalism?"
Wie zuerst einmal die Wunden des Aberglaubens, der Rückständigkeit, der afrikanischen Big-Men Diktaturen, die nach der Unabhängigkeit viele Staaten in den Ruin trieben, der barbarischen Völkermorde, der Massenkriege in Mosambik, Biafra, Angola, Kongo, Uganda, Somalia, Liberia, etc. zu schließen wären, bleibt außen vor. Das postkoloniale Subjekt wird durch Mitleid entmündigt, seiner Verantwortung enthoben und instrumentalisiert, um dem eigenen irrationalen Hass auf die "Imperialisten" Nahrung zu geben.

ZDF beteiligt sich ebenfalls an der Progaganda. Es spricht von in Zeiten des globalisierten Terrors angeblich "irren Sicherheitsmaßnahmen", die Politik der G8 wird als "Her mit euren Rohstoffen!" denunziert und dem Volksmund als Raub vom Maul geschaut.

Zu Afrika weiß ein auf der Subaltern-Studies-Welle reitender Ghanaer seiner Wut Luft zu machen: "Dass andere Leute unsere Probleme besser kennen als wir. Und ich finde das wirklich widerlich, wirklich sehr widerlich." Mit einer globalen Wissenschaft, deren Subjekt wie Objekt er gleichermaßen sein kann, wird er in einer modernen Welt wahrscheinlich leben müssen, es sei denn, er ist der "Supersoziologe" schlechthin, der solches nicht nötig hat.

Das Thema Afrika zeigt ohnehin, wie sehr die Proteste von enttäuschten Begehrlichkeiten geprägt sind. Die stete Kritik am Symbolischen, der angeblich zu martialische Ausrüstung der Polizei, die Hubschrauber, der Zaun, ist gepaart mit einer Erwartungshaltung an die angeblich zu Unrecht Regierenden. Trotz dieser Unrechtmäßigkeit trägt man jeden Missstand mit der Bitte um Lösung an sie heran, sie sollen zu 8. den Hunger besiegen, die Klimakatastrophe stoppen, die Bösen mit friedlichen Mitteln besiegen, den Armen Kredite erlassen und sich am besten danach noch selbst aufhängen. Von Afrika und den Ursachen von Armut und Gewalt dort haben die Demonstranten keinerlei Wissen, so daß sich Interviews mit afrikanischen Evolués, die noch ein wenig Vorbildung zur politischen Ökonomie haben und auf Interessensvertretung aus sind, regelrecht angenehm von der dumpfen Unwissenheit und emotionalen Empörung der Demonstranten über "die armen Kinder" abheben.

Der Polizei gegenüber beharren die Demonstranten einerseits auf ihrem Erfindungsreichtum, andererseits werfen sie der Polizeit vor, zumindest Rostock falsch geplant zu haben. Planbarkeit von sozialen Ereignissen wird dabei positivistisch eingefordert und gleichzeitig stolz glucksend hintertrieben, die Clown-Army steht für das narzisstisch aufgeladene Chaotische, die Bricolage der Linken, die die Form von jedem Inhalt zu befreien weiß. Sinngebung erfolgt in postmoderner Manier im Nachhinein und nach Gutdünken als tendenziöse Auslegung. Sobald die Gegenseite sich ungeplant verhält, oder gar Kritik äußert, wird geschmollt und mit der Faust gedroht.

Die wenigen filmischen Zeugnisse von wirklich unbotsmäßiger Polizeigewalt leiden unter dem Manko, Situationen, die aus anderen Beiträgen eindeutig als Jagd auf autonome Provokateure hervorgehen nun ohne die zuerst erfolgten Steinwürfe darzustellen. Ganz einfach lassen sich solche Bilder wie gegen Ende des Clips vorgeführt anscheinend herstellen, wenn man einen Trupp Polizisten einfach solange bedrängt und trotz aller Drohungen so dicht an sie heranrückt, dass sie in irgendeiner Weise reagieren müssen, in diesem Fall boxen und treten, um die erforderliche Distanz herzustellen.

Ein weiterer erwähnenswerter Vorfall ist die Greenpeace-Aktion: Ein Greenpeace-Boot wurde gerammt, es entstand eine lebensgefährliche Situation. Erst Video 3 zeigt, wie riskant die Greenpeaceboote ein ungeübtes Manöver fahren, das Polizeiboot sogar noch ein Ausweichmanöver startete, den Unfall, bei dem auch ein Polizeiboot gefährdet wurde, aber nicht vermeiden konnte. Beim zweiten Unfall hätte für die Aktivisten mit Leichtigkeit die Möglichkeit bestanden, in Richtung Strand zu fahren und sich dort zu ergeben. Das Einlenken zur Seeseite hin ließ sie die Fahrtrichtung des eindeutig und absehbar in gerader Linie fahrenden Polizeibootes geraten. Wie sehr das Eindringen in die Sicherheitszone allein aus psychosexuellen Gründen reizt, muss aus der Greenpeace-Aktion deutlich geworden sein. Kein halbwegs gesunder Mensch würde ein Topziel von internationalen Terroristen in auch nur minimal zweideutiger Absicht angreifen. Aber Terroristen gibt es in der Welt von G8-Revoluzzern nicht, sie sind eine Chimäre, agents provocateurs, und die einzigen Terroristen sitzen innerhalb des Zauns.

Zuletzt in dieser etwas ziellosen, fragmentarischen Anthologie des sogenannten Widerstandes soll ein Lied präsentiert werden, mit dem die Veranstalter in Rostock glaubten, die Lage zu deeskalieren:

Sie haben die Wahl (Tex)

Sie haben die Wahl
zwischen kasperl und seppl
Komiker A oder Vollidiot B
Zwischen Regen und Traufe und Blitzschlag
Sie haben die Wahl

Sie haben die Wahl
zwischen gleich SED
oder erst evangelisch
mit Bart und Gitarre
zwischen Ronald McDonald und Hitler
Sie haben die Wahl

Klar dass man da erstmal überlegen muss, ob jetzt den neuen Big-Tasty von McDonald oder Hitler nehmen. Wahrscheinlich einigt man sich dann doch auf den McHitler Ahmadinedschad. Die zweite Strophe lässt auf solches schließen:

Aber nachts
während Sie schlafen
ziehen wir los
verkaufen die Luft
verkaufen das Wasser das Land
die Liebe die Angst
den Terror
verkaufen die Qual
Und morgens
wir kommen zur Dämmerung
wanken an Ihr Bett
den Hals über voll
die Finger noch schmierig
wir rülpsen und flüstern
Sie haben die Wahl

Was sich da ans Bett schleicht sind abgespaltene Ängste um die Authentizität der eigenen Gefühle, vor der theoretischen Unmöglichkeit, etwas Abstraktes wie den Verkauf von Lufthoheitsrechten in ökonomischen Begriffen zu fassen. Das fiese glibbernde Sabbermonster als G8, als "die Kapitalisten" abzubilden, das überstrapaziert noch jedes moralische Urteil, welches allein bei Marx schon als Verkennung gesellschaftlicher Verhältnisse in kapitalistischer Produktionsweise bezeichnet wird. (MEW 23, bspw. S. 618 oder S. 248)
Als zwanghafte Konkretion des Abstrakten, Gesellschaftlichen in fiese, individuelle Personen rüstet dieses Weltbild dem Antisemitismus zu.

Wäre der G8-Gipfel als Forum zur Interessensvertretung, zur Aufklärung über katastrophale Missstände, zur pluralistischen Diskussion von theoretischen Ansätzen, zum Einfordern eines besseren Lebens jenseits des Verwertungsprinzips genutzt worden, ich wüsste nichts gegen die Proteste einzuwenden. Wären Demonstranten bei der demokratischen Ausübung ihres Rechts auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit, und sei diese Meinung noch so erbärmlich, völlig willkürlich und ohne Anlaß von Knüppelgarden terrorisiert worden, wie dies in Genua teilweise der Fall war, und hätten sie sich sodann rational und strategisch vorgehend mit entsprechenden Mitteln verteidigt bis zu einem Punkt, an dem ein geordneter Rückzug dem Primat der eigenen Gesundheit zuliebe möglich wäre, man hätte ihnen kaum einen Vorwurf machen können. Wie aus der Darstellung ersichtlich wurde, dominierte stattdessen eine totalitäre, moralische Anklage, die mal Selbstgeißelung, mal Hass auf die Mächtigen als Form wählt, und ein dem folgendes viriles Ausagieren von Gelüsten, Ängsten und höchst individuellen Problemen, die aber weder Fachwissen noch ökonomische oder irgend theoretische Kompetenz aufweisen. Und angesichts solcher schlichten und ergreifenden Einfalt findet man sich als Kritiker überraschend einstimmig im Verein mit dem Spiegel, der nüchtern konstatiert:

G8 als Fetisch

Vorbei die Zeiten, als wenigstens noch ein rasch angelesener Vulgärmarxismus kursierte, der die Welt perfekt zu erklären suchte. Heute klammert sich der pseudokritische Weltgeist des Pop nur noch an ein Kürzel des Bösen. G8. Zu Adornos Zeiten hätte man das einen lupenreinen "Fetisch" genannt. Zwischen angesagtem Polit-Chic, Pop-Pose und Widerstandsritual entfaltet sich das globalgute Gemeinschaftsgefühl dann wie von selbst.

Pierre Bourdieu, der verstorbene Vordenker der Anti-Globalisierungsbewegung, erklärte im Sommer 2001 in einem SPIEGEL-Gespräch: Nein, dies sei keine revolutionäre Bewegung, "es handelt sich eher um eine Gegenreformation. Man sehnt sich nach wahrer Politik - so wie damals nach wahrer Religion." Die Wirklichkeit in ihrer irritierenden Vielfalt und Widersprüchlichkeit stört da nur.

So ist auch nachvollziehbar, warum man im medialen Hype des bevorstehenden Pop-Events praktisch nichts hört über Putins reaktionäres Russland, in dem Pressefreiheit mörderische Folgen hat, über China, die aufstrebende kommunistisch-kapitalistische Weltmacht, über Indien als neuer Global Player, aber auch nichts über Robert Mugabe, Zimbabwes blutrünstigen Tyrannen im südlichen Afrika, der sein Volk ermordet, nichts über das islamistische Terrorregime in Sudan, nichts (oder bloß etwas in Form einer Fußnote) über den Völkermord in Dafur, und nur sehr wenig über die groteske Korruption afrikanischer Regimes, in deren Folge beinah jede Art von Entwicklungshilfe in den Taschen von Despoten landet.

Solange also die bürgerlichen Medien noch nicht komplett abzuschreiben sind ist der intellektuelle Suizid der Linken zu verschmerzen, er hinterlässt wenigstens kein allzu bedrohliches Vakuum.

3.6.07 15:09


Behindertenfeindlichkeit und Regression

Southpark: Kyle und Mr. Hanky, der Weihnachtskot

Fragmente zwischen Aufwachen und Frühstück:

"Arschgeburt", "Missgeburt" und "Fehlgeburt" gehören zum Grundinventar eines jeden schulhofsozialisierten pubertierenden Jungen. Solche Begriffe schmiert er in geradezu häretischer Orthographie auf Gegenstände in Reichweite seines Reviers, wozu Schulbusssitze, Straßenlaternen und Bushaltestellenhäuschen gehören.

(Anmerkung: Auf der Gästebuchseite hat Lil Niki protestiert und gemeint, nicht alle Jugendlichen wären so, im Gegenteil wären solche Leute die Außenseiter. Das müsste ich genauer untersuchen und entschuldige mich für die für unnnötig verletzende polemische Pauschalisierung.)  

Die infantilen Sexualtheorien führen neben gängigen Konzeptionen einer Befruchtung durch den Mund zu der, dass das Kind im Darm der Mutter wohne und über den After geboren werden müsse. Der Versuch, es ihr auf diesem Wege gleichzutun, (siehe Bild) ist zum Scheitern verurteilt, das Kind ist enttäuscht und gibt diese Phantasie zu Gunsten tiefergehenden Fragen auf.

In der analen Phase erlebt das Kind, dass die omnipotente Mutter Schwäche zeigt: den Ekel vor Fäzes und Urination des Kindes. Es versteht fortan diese Bestandteile des Lebens als Aggression gegen das Geliebte, aber auch als verlockende Infragestellung der bedrohlichen Omnipotenz der Mutter, die umso mehr verdrängt/vermieden werden muss, als Omnipotenz tatsächlich ein Anspruch der Mutter/des Vaters ist.

Damit ist die Vorstellung noch nicht gänzlich sublimiert. Reste davon tauchen in erwähnten Schimpfwörtern und Southparkfolgen auf. Wo immer etwas Fremdes an eigene Inkompetenz oder die Angst davor gemahnt, tritt der Hass auf das Schwache in Kastrationsgelüsten und -Ängsten zu Tage. Ähnlich wie der Defäkationsakt als Machtumkehr wirkt, der die mütterliche Omnipotenz bedroht, sehen Behindertenfeindliche ihre eigene Macht von ihrem eigenen Ekel bedroht, um sie wiederherzustellen, muss die Ursache des Ekels, der an eigene und mütterliche Schwäche gemahnt, beseitigt werden. Der Neid auf die als phallisch wahrgenommene Erweiterung von Behinderten durch Rollstuhl, Krücken, Pflegehilfe und Behindertenparkplatz wird als ungerechtfertigte Bevorzugung wahrgenommen, die um so schmerzlicher ist, als das Individuum seine Schwächen nicht befriedigt sieht, und zudem außerstande ist, sie aus sich selbst zu befriedigen: Hier hat jemand mehr bekommen, als ihm zusteht, und das obwohl er weniger potent ist. Aus dieser Mischung steigert sich der Widerspruch von Herabwürdigung und Neid zum grenzenlosen Hass, der in der Vernichtung des Objekts endet.

Der Verdacht, nicht ein Geschenk, sondern Abfallprodukt des Aktes zu sein spiegelt sich in der Betonung des Aktes als allein einen zur Zeugung, sowie dem Hass auf alles, was als Abfall- oder Zufallsprodukt wahrgenommen wird. In einigen Regionen Afrikas wurden und werden behinderte Kinder als spirituelle Verseuchung der Gemeinschaft betrachtet und getötet, bzw. auf hohe Steine gelegt, von denen sie "aus Versehen" herunterfallen. Das ökonomische Argument ist vor- (und nach-) geschoben: Die Leistungen, die allein für rituelle Opfer verwendet werden, könnten und konnten in den meisten Fällen von je mehr als die übliche Rate an Trisomien etc. versorgen.

Behindertenfeindlichkeit ist die Regression zur Dyade, Mutterkult, der die Kränkung der Omnipotenz des Zeugungsaktes nicht wahrhaben will. Weil die Mutter nicht schuld sein darf, dass ein imperfektes Wesen geboren wurde, muss diese Imperfektion bekämpft und geleugnet werden. Deshalb wurden Behinderte in archaischen Gesellschaften als grauenhafte Strafe der Götter, als böses Omen empfunden. Und deshalb ist sie auch der erste Schritt zur nationalsozialistischen Vernichtungsideologie, die auf dem Wege zur Reinheit der Rasse zunächst das vernichtete, was dem Selbstbild der omnipotenten, zeugenden Urmutter, der Rasse, nicht entsprach.

Ende des küchenpsychologischen Fragments.


2.2.07 10:19


Ritualmorde in Afrika – ins Mörderische fetischisierte Ökonomie

Zum Standardprogramm der prämodernen Antisemiten gehörte und gehört der Ritualmordvorwurf, in dessen Phantasie christliche oder heute muslimische Kinder zum Zwecke der Regeneration und des Geldgewinns ermordet werden. Wahlweise wird in diesen Mythen das Kinderblut verwendet um die den jüdischen Männern zugeschriebene Menstruation zu kompensieren, um den Christusmord zu sühnen, für Machtzauber, medizinische Zwecke oder aus purer Bösartigkeit. Es fand nie ein solcher Ritualmord von jüdischer Seite statt, das biblische Judentum stellt sogar die weitestgehende Abkehr vom Menschenopfer überhaupt dar.
 
Im subsaharischen Afrika allerdings gibt es ein merkwürdiges Phänomen: Der hier massenhaft verbreitete (bis zu 90 %) Hexenglauben beinhaltet in seiner Kosmologie ein bestimmtes Verhältnis von Magie und Reichtum. Wer schnell zu Reichtum und Macht kommt, wird verdächtigt, dazu unsaubere Wege eingeschlagen zu haben, mit mächtigen Zaubern, Muti genannt. Umgekehrt fürchten etwas erfolgreichere Verwandte von Neidhexerei getroffen zu werden, manche bewohnen ihre frisch erbauten Villen nicht, aus Angst vor den hineingehexten Zaubern, andere kehren nicht mehr zurück in die Dörfer, die meisten geraten in ein System der gemeinschaftlichen Ausbeutung des Emporkömmlings: Um Neid und somit Hexerei zu vermeiden, wird soviel als möglich verschenkt, geopfert, verfeiert. Akkumulation ist da weitgehend unmöglich.
 
Nun ist Hexerei in Afrika nicht nur Phantasie, sondern auch Realität. Realität in dem Sinne, dass tatsächlich Witch-Doctors ihren Klienten Kontaktgifte empfehlen und zubereiten können, mit denen beispielsweise Glasscherben geimpft und vor der Türe eines Opfers ausgestreut werden. Wundbrandinfekte, Tetanus oder Milzbrand können Folgen sein. Am stärksten werden allerdings solche Muti angesehen, die aus menschlichen Körperteilen gewonnen werden. Ein skrupelloser Witch-doctor kann einem Klienten empfehlen, um seine Krankheit zu heilen oder um zu Reichtum zu kommen, müsse er einen bestimmten Menschen unter bestimmten Vorschriften töten und ihm sodann bestimmte Teile, häufig die Genitalien zur Weiterbearbeitung bringen. In Südafrika geschehen (laut Kaetzler: „Magie und Strafrecht im südlichen Afrika“- 2001) mehrere Dutzend (bis zu hundert) Ritualmorde pro Jahr, Gerichte sind geschult darin, ein Overkill-Syndrom (Zerstückelung der Leiche nach dem Mord) von einem afrikanischen Ritualmord zu unterscheiden. Aus Lagos in Nigeria berichtet das Internationale Rote Kreuz von bis zu 30 Ritualmorden pro Jahr. In vielen anderen Staaten geschehen praktisch nie solche Taten, oder es wird nicht von ihnen berichtet, die regionalen Unterschiede sind enorm.
 
Das Auffinden von verstümmelten Leichen führt häufig zu Massendemonstrationen (wie in Botswana zu einer Studentenrevolte. Zumindest entstehen aber empörte Gerüchten, die die lokale Presse dominieren. So wurde eine Dürre in Botswana auf die Rückführung eines in Spanien ausgestellten ausgestopften Buschmanns zurückgeführt, mit den absurdesten Verschwörungstheorien. (Gewald, Jan-Bart 2001: „El Negro, El Nino, Witchcraft and the absence of rain in Botswana”] Während der Mord entrüstet verurteilt wird, so ist doch der Glaube an die Wirksamkeit solcher Muti manifest. In Nigeria sind Kalenderblätter und Poster, auf denen insbesondere Reichtumszauber dargestellt, erläutert und verurteilt werden, weit verbreitet. (Wendl, Tobias (Hg) 2004: „Africa screams – Das Böse in Kino, Kunst und Kult“]. Dies führt exorbitant häufiger zu Ritualmordgerüchten, als es tatsächlich Ritualmorde gibt, weil es als normaler Weg angesehen wird, jemanden umzubringen, oder zumindest zu verhexen, um reich zu werden, und demnach jeder Reiche mit diesem Verbrechen in Verbindung gebracht wird. Reiche Menschen in Afrika stehen also unter ständigem Verdacht, mithilfe Hexerei zu ihrem Reichtum gekommen zu sein. Nicht wenige verwenden ja tatsächlich magische Hilfsmittel, die möglicherweise einen geringen Einfluss auf Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit haben. Unbedingt notwendig ist für jeden besser Situierten der entsprechend potente Schutzzauber gegen die Neidhexerei aus den Dörfern und gegen Konkurrenten.
 
Wann immer ein Regierungsoffizieller schnell auf- oder absteigt, ist Hexerei im Spiel. Ein Ritualmordgerücht vermag dort Menschen zu „zivilgesellschaftlichem“ Engagement bewegen, wie kaum ein anderes Thema.
 
Der Prozess der Akkumulation wird in Afrika unter dem Hexereiidiom gefasst, und innerhalb dieses Idioms erstaunlich weit durchdrungen. Zombies sind durch Hexen entführte Arbeiter, deren sprituelles Double nachts zur Zwangsarbeit auf geheimen Feldern geführt wird. Wo Marx bisweilen in der Analogie vom „Vampyr“ und der "Leiche der Arbeitskraft" spricht, beherrschen hier ernst gemeinte okkulte Phantasien über die Produktion von Wert das Bewusstsein. Die einige Regionen Afrikas (Tansania, Südafrika) immer wieder erschütternden Hexenjagden haben jedoch selten wirklich Mächtige zum Ziel. Die Konzeption von Königen, die legitimerweise auch ein Mitglied der Gemeinschaft zum Wohle aller verspeisen oder opfern dürfen, herrscht vielerorts noch vor. Es trifft vor allem mittelständische Unternehmer, Ladenbesitzer, und am häufigsten, die, die Grund hätten zu Neid: Außenstehende, Verarmte, Sonderlinge, alte Frauen, Unproduktive, etc. ..
 
Hexenglauben ist keineswegs Zeichen von vormodernem Archaismus, sondern erweist sich wie der Antisemitismus als anpassungsfähig, wandelbar, und jede gesellschaftliche Kategorie von Klasse, Bildungsgrad, Geschlecht und Alter überschreitend.
In Südafrika terrorisierten „Comrades“, Jugendorganisationen des ANC, die Gemeinschaften mit Hexenjagden. Bei ihren Massakern erhielten sie allerdings auch viel Zuspruch aus den Gemeinden, die sich von der Regierung im „Kampf gegen die Hexerei“ im Stich gelassen fühlten. (Niehaus, Isak 2001: „Witchcraft, Power and Politics – Exploring the Occult in the South African Lowveld”] In Simbabwe war die Kooperation der Guerrilla mit den Witchdoctors ausschlaggebend für den Erfolg der Bewegung.
 
Auch die Verbannung von mehreren Zehntausend indischen Kaufleuten aus Uganda durch Idi Amin dürfte sich aus der Konzeption der okkulten Ökonomie ergeben haben. Hier wird zudem deutlich, wie nahe beieinander regressiver, okkulter, ökonomischer Aktionismus und antisemitischer Antizionismus beieinander liegen. Idi Amin wandelte sich vom Israel-solidarischen Diktator zum ausgemachten Antisemiten und Holocaustleugner. Um Gesellschaft in Afrika zu verstehen, muss man den Hexenglauben verstehen, denn diese versteht sich selbst nur durch diesen und schafft so ihre Realitäten.
 
Anders als beim Antisemitismus sind verblüffend viele involvierte Individuen in Afrika in der Lage, dieses projektive Verhalten bis zu einem gewissen Punkt zu durchschauen, es gibt so etwas wie einen abergläubischen Skeptizismus mit erstaunlich weit reichenden intellektuellen und selbstkritischen Leistungen, was nicht selten zu Paradoxien führt, die für Außenstehende kaum noch zu durchdringen sind. Die Gewalt, die der Hexenglauben entfesselt, ist insbesondere in Kongo, Südafrika, Nigeria und Tansania enorm. Wenn Hexereivorstellungen weitergehend als ohnehin gerade der Fall ethnisiert werden, also von Verwandten und Nahestehenden als Verursacher auf ganze Ethnien, Wanderarbeiter und Minderheiten projiziert werden, wächst das Gewaltpotential weiter an.
 
Die antiimperialistische Mythologie will von solchen "hausgemachten" Problemen natürlich nichts wissen, für sie ist alles, was von ihrer Wahrnehmung der Afrikaner als durch die USA ferngesteuerte und vom Kapitalismus viktimisierte Mündel abweicht, rassistische Konstruktion des Anderen.
 
Vorraussichtlich Anfang 2007 ist ein ausführlicher Abgleich von afrikanischem Hexenglauben und den modernen afrikanischen Hexenjagden mit dem modernen Antisemitismus aus kritisch-theoretischer Perspektive bei mir erhältlich, wahlweise als PDF oder als Print. Vormerkungen können gerne an nichtidentisches@web.de gesendet werden.   
21.1.07 14:52


Freud revisited?


Goya: Bildquelle

Das Freud-Jahr 2006 ist vorüber, und nach all den übereifrigen pflichtbewussten Hagiographien in Hochglanzmagazinen, schlechten Zeit-Hörbüchern und gänzlich ungebildeten Polemiken gegen die Psychoanalyse hat man nun endlich Zeit, sich ein wenig älteren Veröffentlichungen zu Freud zuzuwenden. Mit eine der besten davon ist 1984 erschienen: „Was hat man dir, du armes Kind getan?“ Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie, von Jeffrey M. Masson. 336 flott lesbare Seiten bei Rowohlt.
 
Masson zeichnet in bestechendem Skeptizismus und Stil den Wandel in Freuds Verständnis von den die Hysterie bedingenden Traumen in der frühen Kindheit sowie die äußeren Umstände, die zu diesem Wandel beitrugen, nach. Freud hatte in seinem Aufsatz „Zur Ätiologie der Hysterie“ von 1886 noch die Ansicht vertreten, dass die Ursache für Hysterie zumeist sexuelle Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit sei. Diese Auffassung brachte ihm trotz der in der gleichen Zeit vorgelegten kriminologischen Untersuchungen zum Gegenstand kollektive Ablehnung der Kollegen bei. Insbesondere Fließ, von dem er intellektuell wie emotional abhängig war, spielte eine entscheidende Rolle in der Abkehr von dieser Meinung. Fließ’ Obsession für Nasenoperationen als Alternative zur Psychoanalyse führte dazu, dass Freud ihm seine erste Patientin, Emma Eckstein, aus höchst fahrlässiger Loyalität überließ. Fließ verpfuschte sein Experiment, Emma schrammte knapp am Tod vorbei, weil Fließ einen halben Meter Gaze in der Nase „vergaß“.
 
Aus dem Bedürfnis, seinen Freund für dieses (psychologisch wohl als Attentat auf weibliche Konkurrenz zu verstehendes) „Missgeschick“ zu entschuldigen, widerruft Freud seinen Glauben an die Wahrheit der von Patienten erzählten Geschichten und führt ab diesem Punkt die Komplikationen (Nachblutungen, etc.) wie Emmas Berichte über sexuellen Missbrauch auf Projektion und Phantasien zurück. Wunsch nach Liebe und Angst vor Gewalt werden vertauscht. Fortan spielen weder sexueller Missbrauch noch irgendein Verhalten von Eltern eine große Rolle in der psychoanalytischen Theorie Freuds. (Was übrigens jedem Laienleser auffallen wird).
 
Freud selbst führt bis zu diesem Punkt noch seine eigenen Kindheitserfahrungen an, um die Rolle der sexuellen Gewalt zu verteidigen, berichtet mehrfach von üblen Erinnerungen in dieser Hinsicht. Später tut er dies nicht mehr. Masson legt aufgrund von Robert Fließ’ analytischen Ergebnissen und Stellungnahmen nahe, dass Wilhelm Fließ seinen Sohn just in der Zeit missbrauchte, als Freud von ihm Bestätigung für seine Theorie suchte, und dass Wilhelm Fließ aus diesem eindeutigen Grund mit allen Mitteln von der „Ätiologie der Hysterie“ abbringen wollte. Erst der Widerruf der herausragenden Rolle der sexuellen Gewalt für die Hysterie brachte Freud laut Masson den Erfolg, den er bis zu seinem Lebensende unter mehr oder weniger illustren Gefolgschaften aufrechterhalten wollte.
Der Versuch Ferencszis, mit seinem letzten Vortrag 1932 die vorherrschenden Widerstände gegen die Wahrheit der Patientenberichte zu überwinden, wurde von Freud selbst mitvereitelt. Masson konstatiert eine bis heute verquere Haltung der psychoanalytischen Prominenz gegenüber kritischer Forschung zur sexuellen Gewalt in der Kindheit und Freuds Umgang damit. Weder zu Freuds Zeit noch danach habe je eine ernsthafte wissenschaftliche Widerlegung der Ätiologie stattgefunden, Bashing und peinliches Schweigen seien alleinige Reaktionen auf Forschungen in diese Richtung gewesen. Bei Freud selbst findet sich ein ums andere Mal lediglich der Verweis auf die „Unwahrscheinlichkeit der Häufigkeit solcher Vorkommnisse“, wie sie seine Patienten schildern, die ihn zur Aufgabe der „Ätiologie der Hysterie“ bewegt habe.
 
Masson überzeugt durch klare Beweisführung und kompetentes Wissen um die psychoanalytische Bewegung. Es entsteht nicht der Eindruck, als sei Masson ein prinzipieller Gegner psychoanalytischer Annahmen.
Wenig Klarheit entsteht leider darüber, welche Konsequenzen für die psychoanalytische Theorie eine Rückkehr zur „Ätiologie“ tatsächlich hätte. Es hat den Anschein, als seien allein die gesellschaftliche Abneigung und individuelles Schamgefühl dem Phänomen der sexuellen Gewalt gegenüber maßgeblich für die Widerstände. Von meinem Standpunkt aus vermag ich schlecht zu beurteilen, inwieweit Masson verkürzt oder verfremdet und welchen konkreten Annahmen er widerspricht. Allein aufgrund des Stils und der zahlreichen Zitate halte ich seine Schlüsse weitgehend für bedenkenswert und sehe dadurch auch weder Freuds spätere Theorien zur infantilen Sexualität wie zum Ödipuskomplex in Frage gestellt. Aus Frustration über Kündigung und Ablehnung wendete sich Masson später mit "against Therapy" komplett gegen Psychotherapie und wendete sich seither zahlreichen Tierpsychologischen Themen zu. Gerade dieser etwas merkwürdige Wandel lässt Masson selbst etwas fragwürdiger erscheinen.
 
 
Einen neueren Versuch einer Verteidigung von Freuds Hinwendung zur Kraft der Phantasie leistet David Signer mit "Konstruktionen des Unbewussten: Die Agni in Westafrika aus ethnopsychoanalytischer und poststrukturalistischer Sicht." (1998)
Signer hat eben jene Abwendung Freuds von konkreten, realen Ereignissen in der Kindheit zum Thema. Für Signer ist dies ein positiver Schritt, weg von Determinismus und Positivismus unilinearer psychoanalytischer Modelle. Die Neurose wie das Unbewusste speise sich nicht aus eindeutig lokalisierbaren realen Geschehnissen wie dem sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Ethnopsychoanalyse versuche bei Parin/Parin-Mattheys Versuch über die Agni dagegen eine Kolonialisierung des Es zu betreiben und aufgrund von durchsichtigen Übertragungen in der Fragestellung primär Theorie absichern und verifizieren, nicht aber auf das Fremde, Unbewusste wirklich sich zugunsten des Subjekts einzulassen. Die Hinwendung zum Materialismus bei Parin/Parin-Matthey gründe in einen Positivismus, der mittels ökonomistischer Reduktion die Kontingenz psychologischer Prozesse auf einfache Formeln der Kindeserziehung oder der Produktionsbedingungen zurückführen wolle. Freud ist für Signer ein Verfechter des Unbewussten, er lasse sich nicht zu solchen normativen und positivistischen Projekten, die gar "alles zu verstehen trachteten" hinreißen.
 
Signer greift in seinen zumindest intelligenten Tiraden gegen eine "totale" Wissenschaft fehl, weil er nicht den kategorischen Imperativ Adornos mitdenkt. Wissenschaft über den Menschen darf nicht länger in Experimenten herumspielen, sie muss auch bei beibehaltener Absage an ein totales Verständnis wie es der Positivismus vorgaukelt zumindest ein normatives Verständnis von Aufklärung haben und unter dieser Prämisse so tief zu dringen versuchen, dass der Antisemitismus wirksam bekämpfbar wird. Von daher ist die Empathie, mit der Signer ein ums andere Mal eine Verteidigung des Chaos, des Unbewussten als schützendem, nie total zu verstehenden Wert vorbringt, fehl am Platz, wenngleich er darin bisweilen der kritischen Theorie sehr nahe kommt.
 
Trotz aller Vorbehalte bleibt seine Arbeit ein glänzender Versuch, Freud neu anzuwenden und ethnopsychoanalytischer Arbeit einige kritische Denkanstöße zu geben. Daneben bietet Signer einen relativ dichten Überblick über strukturalistische und poststrukturalistische Psychoanalyse, die er teils mit in die Kritik einbezieht, auf der er jedoch viel öfter in gar nicht unspannender Weise aufbaut.
 
Von David Signer wurde auf diesem Blog "Die Ökonomie der Hexerei - Oder warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt" rezensiert.
3.1.07 23:49


Smoking funs

"Ich bin okay - Du bist okay - Tschaggaaah, Tschaggaaah"...
Die Zigarettenindustrie gibt sich Mühe, die neue Einschränkung für Tabakautomaten in der Kinowerbung sexy daherkommen zu lassen. Drei Personen versuchen, ohne Karte an das ersehnte Gut zu kommen, eine vierte schafft es mit.
Die Looser:

Der korrupte, mittels NLP manipulierende Heuschreckenmanager. Er kann sich merkwürdigerweise keine EC-Karte leisten.

Die Transe. Sie hat erst recht keine Chance. Kennt man ja. Zigos sind was für echte Kerle und Chicas mit Boobs.

Der Mofateenie. So Luschen haben keine Fluppe verdient. Wer sich nicht mindestens eine 80-er leisten kann, darf nicht rauchen.

Wer darf rauchen? Die kesse Blondine mit Auschnitt (bitte in die Kamera halten, danke, klick). Sie haucht dem gescheiterten Mofaautomatenknacker einen Kuss zu und entschwindet mit dem begehrten Gut, das sich in der Psyche der motorisierten Teenies fortan stets mit hübschen Frauen assoziieren wird. Nicht unprofessionell, da hat jemand Freud gelesen und kapiert. Hach, da war der Marloboro-Mann auf der Grand-Canyon-Klippe noch wenigstens eindeutig als reaktionäres Caspar-David-Friedrich-Motiv zu entlarven und das Feuergeben am Feuer unter echten Männern enthielt noch ein eindeutiges Bekenntnis zur Zwangshomosexualität. Schade aber auch. Nu wirds ja bald verboten, Zigarettenwerbung und so. War stets ein wichtiges Indiz für die sexuellen Projektionen des deklassierten Bürgertums.

BDTA-Werbebild.

PS: Der zweite Werbefilm ist auch nicht wesentlich besser: ein Zen-Karatekämpfer, der sich mal schnell Fluppen zieht? Der Kondition wegen? Ein Discofoxclub, der geschlossen das Rauchen übt? Gangstarapper, die sich beweisen müssen, dass sie sich eine Packung Fluppen ziehen können? Nähnäh, nicht wirklich glaubhaft.

 

22.12.06 12:54


Religion Grrrrrls

Peter Paul Rubens: "Judith mit dem Haupt des Holofernes".

Die „Bibel in gerechter Sprache“ sei ein Versuch, die Bibel so umzubilden, dass sie allen Geschlechtern gerecht wird. Von Gott und Göttin wird da wechselseitig erzählt, von Jüngerinnen und Jüngern, von Prophetinnen und Propheten. Der polizistisch korrekte Schnack von anscheinend sich ins Endlose langweilenden Feministen und Feministinnen muss nun aus überaus durchsichtigen Gründen auf die Bibel transportiert werden. Nicht, um tatsächliche Übersetzungsfehler und -mehrdeutigkeiten zu tilgen, sondern um des propagandistischen Werts willen. Man will damit, so scheint es, ein Publikum erneut christianisieren, dem das Kirchenchristentum aufgrund von perversen Hexenprozessen und ähnlichen sexistischen Widerwärtigkeiten etwas anrüchig ward. Somit sieht die „Bibel in gerechter Sprache“ der im „Jugend“slang verfassten Volksbibel gleich, in der es von Kühlschrankgleichnissen und MacJesus wimmelt, ein Panoptikum der Anachronismen. Auf keinen Fall aber trägt die gerechte Bibel dem Rechnung, was kompetente Forschung zur Rolle der Frau in biblischen Zeiten beiträgt, hier u.a. Josy Eisenbergs „Jerusalems Töchter. Frauen zur Zeit der Bibel“.

Imaginiert wird in der „Bibel in gerechter Sprache“ ein von patriarchalen Gesetzen reines Equilibrium, in dem bis zur Fehlauslegung der Kirche die Geschlechter völlig frei nebeneinander paradiesisch existierten. Die Existenz von „mütterlichen Attributen“ oder gar einer Muttergottheit gilt solchen Mondscheinfeministen von je als Beweis für das Matriarchat, in dem die starke Frau das Regiment zu Gunsten aller geführt habe. Dass auch die real existierenden Matriarchate gar nicht so verkappte Patriarchate waren (und sind), stört diese Projektionsflächenwitternde Meute kaum auf ihrer Suche nach dem unverdorbenen Utopia, das auf jeden Fall jenseits androzentristisch verderbter Zivilisation liege.

Wenn der biblische Gott mütterliche Attribute hat, gilt ihnen das als Beweis für die Doppelgeschlechtlichkeit. Als seien mütterliche Attribute nicht nur Attribute, sondern untrennbar an das Geschlecht gebunden. Als könnte eine Vatergottheit nicht ebenso gut mütterliche Attribute tragen. Das katholische Christentum, das sehr deutlich aus einer monotheistischen Religion eine polytheistische mit einer zentralen Muttergottheit, eben der Muttergottes, gestaltete, war in sich von einer narzisstischen Bruderschaft, wie sie Grundeberger/Dessuant beschreiben getragen, die mit Zölibat und Bruderschaften durchaus darauf achtete, dass ihr von „Sünde“ freies Selbstbild nicht durch anwesende Frauen gekränkt würde.

Obwohl nun das „alte“ Testament bei weitem weniger sexistisch und archaisch ist, als bislang angenommen, ist doch aus ethnologischer Perspektive der Begriff einer patrimonialen, patriarchalen Gesellschaft durchaus angebracht. Die Abstammungslinien sind in männlichen Namen festgehalten. Anders als bei matriarchalen Gesellschaften gilt das Gesetz des Sohnes und des Erzeugers, was darauf hinweist, dass die Funktion des Zeugungsaktes schon so weit erforscht war (was bis in die heutige Zeit in zahlreichen Regionen keine Selbstverständlichkeit ist, vgl. Malinowski über die Trobriander), dass der Vater bestimmt werden konnte und Polyandrie ausgeschlossen war. Tempelprostitution (homosexuelle wie heterosexuelle) wird ebenso verboten wie rituelle Orgien.

Deutlich legt beispielsweise Deuteronomium 12:31 die Abscheu vor dem rituellen Menschenopfer fest, und behält dabei den bei den kanaanäischen Kultbräuchen geopferten Töchtern und Söhnen gleichen Rang vor in Hinblick auf das zu erhaltende Leben.

Jedoch auch die Vorrangstellung der „männlichen Erstlinge“ bei den Tieren, die dem Herrn geweiht sind (Dtn 15:19) und die zahlreichen Brudergesetze deuten darauf hin, dass es sich um alles andere als eine „geschlechtergerechte“ Gesellschaft gehandelt hat. Die trotz allem vermutlich weitaus fortschrittlicher war als die meisten anderen Religionen und auch biblischen Frauen wie Sara, Judith oder Ester ein selbstbewusstes Handeln sehr selbstverständlich zuschrieb.

Für das Christentum mag es letztlich wenig Sinn machen, auf die weiblichen Anteile des Gottes hinzuweisen. Erstens ist er seit Aufhebung des Bilderverbots und Abkehr vom jüdischen Monotheismus ein Sohn mit einem männlichen Genital unter dem Lendenschurz, nämlich Jesus. Zweitens wird ohnehin daneben die Muttergottes verehrt und in vollbusigen Statuen als Wichsvorlage für Kirchenväter omnipräsent ausgestellt. Und drittens gibt es im Christentum so viele Götter, dass dem Sammelsurium aus Heiligen Geistern, Söhnen, Vätern, Muttergottes und zahllosen Heiligen, Seligen, Wunderkräftigen und Sakrosankten Unfehlbaren das Zufügen einer weiteren Muttergottheit auch nichts ändert.

Für das Judentum, das sich Gott ohnehin nicht als bärtigen Mann vorzustellen wagt, weil dieser jeglicher Vorstellung enträt, mal in einer Rauchsäule, mal in einer Feuersäule, mal in Engeln erscheint, ist das Ganze ohnehin kaum von Belang, da in den hebräischen Texten jene Vieldeutigkeit bewahrt ist, auf der die "Bibel in gerechter Sprache" aufzubauen meint.

Ein weiteres Nebenscharmützel der Religionsinternen pc-Schlacht ist es, dem Judentum gerecht zu werden. Dies meint man zu tun, indem man betont:
"Sie lesen in Ihrer Bibel
und können sicher sein,
hier wird ernst genommen, dass Jesus Jude war.
"

Dass Jesus (wie seine Jünger und Evangelienschreiber, und über tausende Jahre seine Anhänger) Antisemit war, ist nicht dadurch aufgehoben, dass er Jude war, der nichts mehr wünschte, als das verhasste Gesetz der Vaterreligion durch sein eigenes zu ersetzen. Das neue Testament seines Antisemitismus zu berauben, hieße, es seines zentralen Glaubensinhaltes zu berauben und einfach so weiter zu machen wie bisher, nur mit ein bisschen weniger offensichtlichem Antisemitismus.

Eine kritische Rezension findet sich in der "Zeit ".

 

Nachtrag: Schenkt man Freuds Schrift "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" Glauben, ist der jüdische Gott primär durch Moses geformt, d.h. Moses als Anführer des Auszugs und als Religionsstifter wird zur Quelle der Bestimmungen des Gottes. Sein Jähzorn ist der Gottes, als er befiehlt, die abtrünnigen Götzendiener um das goldene Kalb zu bekämpfen. Später sei zudem von den jüdischen Stämmen eine lokale Vulkangottheit dazwischengetreten, die das Bild des sehr männlichen Jahwe mitbestimmt habe. Erst nach einer Latenzphase sei der ursprüngliche Monotheismus, den der Ägypter Moses aus einer ägyptischen Sekte zu den Juden brachte, wiederbelebt worden und Moses Bild hat man nachträglich aus Schuldbewusstsein (er wurde vermutlich von den eigenen Leuten getötet) mit "weiblichen", mildtätigen und wunderkräftigen Aspekten ausgeschmückt. Nichts spricht in dieser Auffassung für einen Weiblichkeitskult, viel für eine Identifizierung Jahwes mit einem männlich bestimmten Gott, eben Moses, der ägyptische Sonnengott oder die Vulkangottheit.

26.11.06 12:46


Goyas Geister

"Der Schlaf der Vernunft gebiert Monstren".

Francisco Jose de Goya y Lucientes (1746-1828) hat nun endlich auch seinen eigenen Film bekommen. Düster und grotesk surrealistisch wird in „Goyas Geister“ die Zeit des Wiederaufflammens der spanischen Inquisition, des „limpieza del sangre“, der französischen Revolution und der wütenden Widersprüche eingefangen.

Die Kirche, von Goyas fantastischen, kritischen Tiefdrucken in ihrem Selbstbild gekränkt, beschließt die Intensivierung der Inquisition um ihren Ruf wiederherzustellen. Während einer Sitzung in Goyas Atelier behauptet sein Modell Ines beiläufig, eine „richtige Hexe“ gesehen zu haben, in Gestalt einer alten, stinkenden Frau. Goya erwidert ihr sarkastisch, er selbst sehe gerade in diesem Augenblick eine Hexe vor sich, die wunderschön sei, und nach Jasmin dufte. Ines protestiert: Sie sei keine Hexe!

In dieser harmlosen Szene verdichtet sich der dialektische Ansatz des Filmes. Ines wird selbst, weil sie bei einem Bankett ein Spanferkel verschmähte, wegen „Judaisierung“ vors Inquisitionsgericht gezerrt, gefoltert und bis zur Ankunft der französischen Truppen 15 Jahre im Kerker eingesperrt. Am Ende dieser Zeit ist sie selbst eine alte, zerschundene Frau, ihres Verstandes verlustig und an einem Stockholm-Syndrom leidend, das sie an ihren Folterknecht und Vergewaltiger Lorenzo kettet.

Die unschuldige, schöne Frau vom Beginn des Filmes ist keineswegs nur unschuldig: In einer alten Frau erblickt sie eine Hexe, macht sich zu einer potentiellen Gafferin bei dem Prozess, der dieser aufgrund ihrer Aussage gemacht werden könnte. Ihr naiver Aberglaube ist notwendiger Teil des mörderischen Inquisitionssystems, dem sie selbst zum Opfer fällt. Der Fanatismus, den Goya in seinen Bildern beim einfachen Volk in glotzenden, brüllenden Fratzen einzufangen verstand wird keineswegs nur von höchsten Gnaden, von dunklen Kirchenzirkeln befohlen. Hier wie dort sind Perversionen von stets sich unschuldig wähnenden Rädchen im System machtvolle Triebfedern der Geschichte, die doch nur das immergleiche hervorbringen.

Stets vermeidet der Film einfache Identifikationslinien mit einem der Charaktere, ohne jedoch die prinzipielle Notwendigkeit der gewaltförmigen Revolution komplett zu denunzieren. Erst durch den Einfall der französischen Truppen wird dem Inquisitionssystem endgültig der Garaus gemacht, die durch die Briten reinstallierte Variante gibt sich zumindest dem Anschein nach gemildert und auf Vergebung bedacht.
Die Erleichterung über die Auflösung der Inquisitionsherrschaft schlägt um in Entsetzen über die Brutalität der französischen Revolution, auf deren Seite sich der Inquisitor, Ines Peiniger, letztlich geschlagen hat. Dennoch, den einmal pompös vorgebrachten Glauben an die gleiche Freiheit der Menschen verrät er anders als seinen christlichen nicht einmal unter der Androhung der Folter und letztlichen Vollstreckung des Garrotierens. Von einem perversen Mönch wurde er zu einem pragmatischen Machtmensch und schließlich zu einem selbsterkorenen Märtyrer für die Glaubenssätze der französischen Revolution. Auf einem Karren durch die Gasse geschleift hält sein umnachtetes Opfer Ines ihm die Hand, umringt von einem Reigen fröhlich singender Kinder, gefolgt von einem verzweifelten Goya.

Goya selbst wird merkwürdig naiv und passiv gespielt. Er versteht sich laut Film vor allem als „Maler des Königs“, der zwar ironisch und aufgeklärt, aber gutmütig und seinen „mächtigen Freunden“ gegenüber höchst loyal eingestellt ist. Sein Verhalten steht in seltsamer Diskrepanz zu seinen Werken, weder begreift er den wahren Charakter des Inquisitors und Revolutionärs Lorenzo, noch schreitet er wirklich zur Rettung von Ines. Zwar geschockt, aber vollkommen außerhalb der Ereignisse stehend ist er allein ein Geschichtsmaler, er will dokumentieren, vielleicht das einzige, was ihm bleibt. Als die zwiespältige Figur des Inquisitormönches letztlich garrotiert wird, steht er in der Menge und zeichnet seinen Tod. Ob aus Befriedigung oder aus Entsetzen bleibt unklar. Unabhängig davon, ob der Film dem echten Goya gerecht wird, so ist er doch in sich konsistent, opulent umgesetzt und wahrlich sehenswert. Dies allein schon der zahlreichen, huldigenden Abbildungen seiner zum Heulen gewaltigen Werke wegen.

NZZ

20.11.06 00:40


Randglossen zur Ökologie

Gegen die German Angst der Ökologiebewegung zu wettern, gehört im tabubrecherischen Gestus antideutscher Blogs zum Grundinventar. Wo die Ökobewegung mit trauerumflorter Rethorik jeden Tag aufs Neue den Untergang des Abendlandes herbeisouffliert, klammern jene an der gleichen Angst leidende sich an jeden Strohhalm, der ihnen verspricht, die Ökos hätten unrecht und es werde keine Krise geben. Joseph Reichholf gehört zu den Ikonen dieser Ausflüchte. Weit davon entfernt, wirklich sich gegen Grundthesen der Umweltbewegung zu stellen - Artensterben, Co2-Ausstoß, Desertifikation - verwendet er doch immer wieder populäre Floskeln und Bauchweisheiten, wie etwa folgende :

Reichholf: Nein, ganz sicher nicht. Denn erstens wird das mit absoluter Sicherheit nicht so weit kommen, weil der Hauptteil der Energie, die wir ausgeben, mehr als 50 Prozent, ja auf Heizenergie entfällt. Die Inder brauchen nicht heizen. Das heißt, ein ganz wesentlicher Teil unserer Energieausgaben fällt in den warmen Regionen der Erde weg. Und dazu gehören große Teile Chinas - auch wenn es sehr kalte Regionen gibt - und nahezu ganz Indien.

Ein sehr wissenschaftlicher Schluss. Der Inder an sich heizt nicht, weil er ja in den Tropen lebt und das Klima ohnehin gewohnt ist. Warum dann aber in Florida und Texas enorme Energiemengen für Klimaanlagen benötigt werden, bleibt offen. Cooling ist in der Regel energieaufwändiger als Heizen. Darin verborgen ist eine unbewusste Ausflucht: Die Europäer brauchen halt so viel Energie, weil sie frieren. Dass es auch hier Mittel und Wege gäbe, dies auf fast 0 zu reduzieren, wird ausgeblendet.

Demnächst mehr dazu...

 

2.11.06 15:48


Rauchen als Verkehrung

"Raucher". David Teniers d.J. (ca. 1637).

„Wir sind keine Römer, wir rauchen Tabak!“ (Friedrich Engels)

Die Affinität von Tabakgenuss und Renitenz ist höchstwahrscheinlich archaischer noch als Engels und die verrauchten Rätesitzungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die südamerikanischen Schamanen verwenden und verwandten Nikotinabsud als Einlauf und Tee, Tabak wurde immer dann geraucht, geschnupft oder gegessen wenn sie Übermächten gegenübertreten mussten, eine Krise lösen sollten oder Einsicht in Krankheitsgefüge suchten. Das dort stärker nikotinhaltige Tabakkraut löste halluzinatorische Vergiftungserscheinungen aus, in denen Gesichte und analytische Prozesse stattfanden. Kurz nach der Entdeckung Amerikas wurde in Europa das Tabaktrinken unter Todesstrafe gestellt, einige wenige Gemälde zeigen fröhliche Spelunken, in denen man dem verbotenen Vergnügen frönt.

In der Linken und dort wiederum insbesondere in der antideutschen Szene fällt ein überproportionaler Anteil an Rauchern auf, der nicht allein auf die oft jugendlichen Strukturen zurückfällt, sondern anscheinend direkt mit einer gewissen Ideologieform korreliert. Teilweise beträgt der Anteil an Rauchern in antideutschen Kreisen bis zu 90%. Das einfach auf einen spezifischen Chic zurückzuführen wäre ein leichtes, greift aber zu kurz. Im Rauchen werden unliebsame Teile von abstrakten Denkprozessen nach außen verlagert und konkretisiert, zur Zigarette wird vor allem in Verlegenheitssituationen gegriffen, um die Konzentration zu fördern. Während also ein Gegenstand diskutiert oder durchdacht wird, muss zwanghaft, und dies nicht allein aus körperlichen Suchtgründen, ein Teil dieses Prozesses abgespalten werden.

Das Bewusstsein von Ohnmacht, das aus der kritischen Theorie erwächst, eine gewisse fatalistische Grundhaltung, wie sie sich auch im schwarzen Humor antideutscher Identifikationswitzeleien – das Nachäffen von antisemitischen Parolen, oder das völlig trockene Vortragen derselben - findet, muss kompensiert werden in einem vermeintlich beherrschten Prozess, dem des Drehen, Anzünden und Rauchen. Ähnliches findet im Extrem bei einigen psychisch kranken Personen statt: Sie rauchen im Zustand der Krankheit intensiver und häufiger, um sich an einem Stückchen Realität festzuhalten und darauf zu beziehen. Diese Beherrschung ist schwabbeliger Schein, der von den rauchenden Personen selten durchschaut wird. Anschaulich wird das an den häufigen Beispielen von Ex- und Gelegenheitsrauchern, die bis zuletzt behaupten, sie hätten die wieder- oder neuaufgenommene Sucht im Griff. Einsicht erfolgt allenfalls dann, wenn es zu spät ist und diese nur noch in Schicksalsergebenheit münden kann.

Rauchen und Warenfetischismus ähneln sich: Beiden ist gleich, dass ein kurzfristiges Durchschauen dessen nicht die Aufhebung zur Folge haben muss. Es erforderte die gesellschaftliche Tat, beides zu durchdringen. Ebenso wie die Aufhebung des Kapitalismus nur durch die Assoziation emanzipierter Individuen stattfinden kann, muss das Aufgeben des Rauchens ein Bruch mit allem bisher bekannten darstellen, ja er muss gesellschaftliche Tat werden, um nicht von einem System aus sozialer Abhängigkeit und quasi kulturalistischer Toleranz eingeholt und aufs Neue verschlungen zu werden. Entwöhnung ist der beste Begriff für einen solchen Prozess, der eben beinhaltet, das bekannte, wohnliche Elend zu verlassen.

Entweder das Individuum greift zur Robinsonade, es vereinzelt sich, löst sich aus den gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus, die es stets aufs Neue in das Suchtverhalten treiben, oder es geht dazu über, mit der eigenen Freiheit die Freiheit aller einzufordern.

In dem Maße, in dem kulturalistische Toleranz eine Gesellschaft bestimmt, wird sie auch die Freiheit des Individuums nicht verwirklichen können, sie wird ihr nur als verkehrte erscheinen können, nämlich die der Freiheit eines objektiven Prozesses, sei dies Staat, Religion oder Suchtkrankheit zum Zugriff auf das Individuum. Ebenso wie es eine zivilisatorische Errungenschaft ist, um das Leben einer Person gegen deren Willen zu kämpfen, ist das angekündigte Rauchverbot in Kneipen eine zutiefst emanzipatorische Errungenschaft. Es schafft einen einzufordernden Rechtsstatus des Individuums auf körperliche Unversehrtheit, was zu Nachteilen derer geht, denen die im Rauchen praktizierte schrittweise Selbstvernichtung und in Kauf genommene (wenn überhaupt bewusste) Vernichtung des Anderen als Freiheit gilt. Vernichtung des Anderen ist dabei nicht Telos, sondern akzeptiertes Übel. Bezweifelt sei aber, dass Rauchen eine derartige Attraktivität entfalten könnte, wenn es nicht gerade gefährlich sei, den Tod enthalten würde. Unbewusst kennt jedes Individuum die Bilder von Raucherbeinen, die Statsistiken von Raucherkrankheiten, das ambivalente Suchtverhalten zieht einen gewissen Reiz aus dieser Todessehnsucht und Todesverachtung. Die Verächtlichkeit für die Gesundheit und die, denen diese etwas bedeutet, mündet in ein nicht selten offen artikuliertes „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod.“

Der Tod erscheint als Lust, die das Leben erst lebenswert mache. Die intrinsische Abhängigkeit von einem weitgehend objektiven Suchtprozess wird geleugnet oder verharmlost, das Leiden daran auf seltene Momente verdrängt. Der Leidensgewinn verspricht Selbstbestrafung, frühen Tod, Trotz und Auflehnung gegen die verhassten Subjekte, denen man wirklich etwas bedeutet, nicht zuletzt der eigenen Person. Die Freiheit zum Tode erscheint als das einzige wirklich selbstbestimmte, was in der Totalität noch möglich ist, wenn nicht Suizid sogar zum Event verkommt. Anders als bei anderen beliebten selbstzerstörerischen Prozessen wie übermäßigem Alkoholkonsum ist das Rauchen jedoch stets notwendig auch das Leiden derer, die gar nicht leiden müssten. (Der Autounfall des Alkoholikers ist kein notwendiger, weil schon von Rechtsnormen erfasst und begriffen. Er ist häufiger Ausnahmezustand, während das Passivrauchen akzeptierte Normalität, Normalisierung des Ausnahmezustandes ist).

Anstatt nun aus Einsicht in den selbstzerstörerischen Prozess einzugreifen und zumindest die Zerstörung des Anderen abzuwenden, wird der, der an die begrenzte Unabhängigkeit in der verhassten Möglichkeit einer Symbiose von Tabakabstinenz und Freiheit gemahnt, zum Störenfried, sein Anspruch ist die Verneinung der eigenen Freiheit zum Tode. Frech und unverschämt, totalitär und antiliberal sei sein Beharren auf dem Willen zum Leben, ein Rauchverbot in der WG, Mindeststandard zivilisatorischer Praxis, gilt den antideutschen Rauchern als Wiederkunft des Faschismus. Folglich geben sie sich schwer generös, wenn sie gelegentlich rhetorisch anbieten, auf die eine oder andere Zigarette zu verzichten, was der noble Nichtraucher natürlich abzulehnen hat, gefragt wird ohnehin erst mit gezücktem Feuerzeug und um die Droge gespitzen Lippen.

Wenn der komische Kauz von Nichtraucher aber aufmuckt, gar noch trotz solider Mehrheit von ihm oppositionell gesinnten Tabakkonsumenten frech auf seinem Fleisch besteht, ist die Empörung satt vor Idiosynkrasie. Coabhängigkeit ist das Resultat, wer seine Freunde nicht verlieren will, schweigt, wird assimliert und nicht selten selbst zum Raucher, ist er doch in der schwächeren Verhandlungsposition, in der des Angreifers, der einen unzumutbaren Zustand einfordert. Dieser Zustand ist jenen noch dumpf aus grauer Vorzeit bekannt. Ihn durch die eigene Raucher-WG überwunden zu haben, deucht ihnen als individuelle Tat der Befreiung und Emanzipation, ist aber zutiefst gesellschaftlich. Wo man Kopftuch und Frauenbeschneidung akzeptiert, muss das Individuum auch jeden anderen Schmerz, den das Kollektiv ihm dafür zufügt, dazu zu gehören, akzeptieren, und sei es von entschiedenen Feinden der ersteren Zumutungen. Das Rauchen wird dann ausgerechnet jenen zum Ersatzkollektiv, die an bestehenden Kollektiven das Falsche benennen können. Es formt dieses Kollektiv. Die Individuen wissen das nicht, aber sie tun es. Indem sie schnorren, um Feuer bitten, den Aschenbecher herüberreichen produzieren sie einen Kollektivgewinn, sie simulieren ein Netzwerk, das sie auf wirklich sozialer Ebene gegen das Rauchen, also auch mit Nichtrauchern und gegen kapitalistische Verwertungsgesetze zu schaffen nie in der Lage sind.

Während also das Bewusstsein der Sucht oszilliert zwischen Überhöhung, deren Leidensgewinn sklavische Ergebenheit in die Abhängigkeit ist, und Verdrängung in Lust, wobei der Leidensgewinn sich klar lokalisieren lässt in der stärkeren Position einer Verteidigung von Lustfreiheit gegen Prüderie, wird die Nichtsucht zur Krankheit, zum Problem stigmatisiert. Nichtraucher müssen sich in solchen Zusammenhängen für ihr Nichtrauchen entschuldigen, rechtfertigen, aushandeln und stets aufs Neue erkennen, dass zwei Stunden später das Ausgehandelte Makulatur, niemals reliabel ist. Nun den Vertrag einzufordern, hieße endgültig zu vergällen, allzu pingelig sein. Der Nichtraucher ist zum Opfer nicht bereit, das von ihm gefordert wird, um das zwanghaft friedliche Zusammenleben des Kollektivs zu erhalten. Akzidentielle, weil auf Wahrscheinlichkeiten basierende Schäden wie Krebserkrankungen werden in dieser Ideologie zu Hirngespinsten des Nichtrauchers, die dieser in Wahn und Hypersensibilität nur ausspiele, um seinen Machtgelüsten, Kastrationsägsten und Deprivationsängsten Abhilfe über Beherrschung von unschuldigen Rauchern zu verschaffen. Ein selbstbestimmtes Handeln von Tabakrauchkonsumenten hin zu freien Assoziationen, in denen die Eigenschaft "Rauchen" zur sekundären auch und vor allem von Seiten des Rauchers gerät, scheint ausgeschlossen, das System, das sie erschaffen und sie erschafft ist ein autopoietisches, es kann allein aufgebrochen werden durch die Gewalt der kritischen und damit selbstkritischen Vernunft, die gegen die Fetischisierungen von Sucht und Wahn ankämpfen muss, um je Gehör im Individuum zu finden. Die Tabakkonsumenten erachten ihre durch den Suchtprozess bedingte Persönlichkeit (beider Parteien, denn auch die des Nichtrauchers und des Coanhängigen verändert sich) als ontologisch, natürlich, sie begreifen ihren augenblicklichen Zustand bereits als Freiheit, die Basis des Kommunismus sein müsse, und verteidigen mit Händen und Füßen ein verselbstständigtes Gefängnis, das sie sich selbst erbauten und erbauen.

Hamm: Erinnerst du dich an deinen Vater?

Clov (überdrüssig): Dieselbe Replik. (Pause) Du hast mir diese Frage millionenmal gestellt.

Hamm: Ich liebe die alten Fragen. (Schwungvoll) Ah, die alten Fragen, die alten Antworten, da geht nichts drüber!

Samuel Beckett: Das Endspiel

Zitat "Passivrauchen" auf Wikipedia:

"Tabakrauch wurde von der International Agency for Research on CancerWeltgesundheitsorganisation (WHO) als Karzinogen der Gruppe 1 eingestuft. In diese Gruppe werden Stoffe eingestuft, die schon kleinste Mengen krebserregend sind. Es werden dabei keine Grenzwerte festgelegt, es gibt also keine „unbedenkliche Menge“, der man sich oder Dritte aussetzen kann." (IARC) der

Postskriptum: Ein billiger Gag wäre es, mit Bildern von Raucherbeinen oder Krebsgeschwulsten hier Worten Glauben verleihen zu wollen. Der Autor ist der Meinung, dass diese ohnehin nur verdrängt und abgewehrt würden, solange die Analyse nicht stattfindet.

Postskriptum 2: Da der Autor mit dem Veröffentlichen des Textes anscheinend sämtliche Freundschaften verspielte, sei dies hier bedauert und einem mangelndem Verständnis des Textes geschuldet. Zumindest in einem Fall kann ich sichergehen, dass das Vorgebrachte nicht wirklich Anlass des Zornausbruches war, sondern lediglich Ventil. Der besseren Verständlichkeit wegen wurde der Text noch einmal korrigiert, ein wirklich schlechter Satz gestrichen, dem Kritiker sei Dank.

Die Diskussion unten sei folgendermaßen zusammengefasst:

- Frank lieferte eine nette und lesenswerte Ergänzung über paranoische Projektion.

- M. meint, ich hätte im Text mit Freunden gebrochen und findet die Form der Kritik an diesen respektlos.

- Schlipsiltis meint ironisch, Individualverkehr, also Autofahren sei dem gleichzusetzen und würde ebendiese Kritik erfordern.

- Ich verwies auf einen QUALITATIVEN Unterschied zwischen Autofahren und Rauchen, der sich in ökonomischen Abhängigkeiten äußert, ferner in quantitativ unvergleichbaren Opferstatistiken.

- Schlipsiltis hält "die Unterscheidung zwischen Autofahren und Rauchen vor dem Hintergrund eines "gesellschaftlichen Nutzens" für nicht sehr relevant - aus Freude/ Genuss zu rauchen ist in meinen Augen ein genauso guter Grund es zu tun, wie aus Praktikabilitätserwägungen mit der Karre statt der Bahn zur Arbeit zu fahren; dafür lebe ich schließlich in einer halbwegs freiheitlich organisierten Gesellschaft."

- Schlipsiltis meint, der Rechtsgüterschutzauftrag werde missverstanden, wenn davon ausgegangen werde, dass ein Suizidgefährdeter rechtlich belangt werden kann. Davon ging ich nicht aus. Das Gesetz schützt Nichtraucher, der Vergleich wurde nur geführt um auf einen emanzipatorischen Gehalt hinzuführen.

- M. gerät von der sachlichen Ebene auf die emotionale. Er sieht im Dargestellten eine Gleichung: "Rauchen=Tod Raucher= Freunde des Todes Rauchen= Tötung und Schädigung von anderen heutiges Rauchen=Holocaust an Nichtrauchern! Raucher=Nazis und Islamisten von heute! Da bleibt nur noch, dass du behauptest, die Nazis hätten ja alle vor den Krematorien nur getraucht und die Juden seien durch dieses Passivrauchen gestorben!"

- L.M. betritt pathologisierend die Bühne und empfiehlt eine Psychoanalyse. Er glaubt, "dass Hegel leidenschaftlich Pfeiffe rauchte und Du scheinst lebender Beweis, dass dies einem Nichtraucher nicht möglich ist." L.M. dagegen hat einen Fertigbetonbegriff vom Nichtidentischen und kann dies im Verhältnis denken, was er stichhaltig beweist. Dem Autor unterstellt er, dies nicht zu können und mit der Namensgebung in Selbstherrlichkeit zu verfallen. Der getreue Korrepetitor geht leider in keinster Weise auf Inhaltliches ein.

- Dies vermeint er nachzuholen, um den Preis der Mottenkiste. Er hält dem Autor vor, die eigene Sucht nicht bewältigt zu haben und schöpft daraus Genugtuung. Vernichtung ist für ihn allein im Suicide Bombing erreicht,der Vergleich damit sei unzulässig. Eine Rechtsnorm könne zudem nichts begreifen. Was ein grammatikalischer Irrtum ist, denn nicht die Rechtsnorm begreift im Satz, sondern eine diese setzende, nicht erwähnte, vorrausgesetzte Gesellschaft. Er kontert das Ganze affirmativ: "Ein zivilisatorisches Hoch auf die Kettenraucherkneipe!" Ferner ist er glücklich über die ausgrenzende Wirkung, denn ansonsten müsse er sich solcherlei Geschwafel den ganzen Tag anhören. Was eine Verkehrung darstellt, denn ohne diese Wirkung wäre das Geschwafel nicht existent.

- Biertrinker findet Raucherkneipen dufte und vergleicht Alkoholstraftaten mit Passivrauchen. Worauf schon eingegangen wurde.

- Ein kurzes halbwegs sachliches Palaver zwischen Schlipsiltis und F. entsteht über die Suizidfrage und den Rechtsgüterschutz.

- L.M. ist zurück und breitet Ressentiments gegen das Bloggen aus. Insbesondere kränkt ihn dieses als "Rückzug". Er geht davon aus, dass mit den bisherigen Kommentaren eine "Kränkung" des Autors erreicht sei, weshalb die Diskussion mit dem "Herrn. F. " wie immer nichts bringe, denn dieser sei ein verhaltensauffälliger Dauergekränkter. Beim Bloggen fürchtet er, dass (seine) Kommentare gelöscht werden könnten, und so ein "Maestro seine Kreise nicht stören lasse." Andere Maestros wie L.M. lassen ihre Kreise nicht stören, indem sie sich jeder Kritik im vornherein entziehen. Weiter wiederholt er seine Forderung, der Autor solle eine Psychoanalyse unternehmen und seinen IQ pimpen.

- mangolapholie hat die Faxen dicke und will das Wort "Hölle" nicht hören, dies sei ein Vergleich mit Auschwitz. Es wurde gestrichen.

- raucherbein konstatiert beim Autor ein Bedürfnis "Szenedoktor zu spielen" und empört sich über einen von ihm festgestellten apostolischen Gestus." Er hat keine Lust sich das Ganze genau durchzulesen.

Postskriptum 3:

Die polemisch überhöhte Aussage "Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" wird selbstvertsändlich kaum unverschlüsselt herausgerückt, dann bedürfte sie ja auch nicht der Analyse. Enthalten ist sie sinngemäß in dem Vorwurf der Lustfeindschaft an die militanten Nichtraucher.   

21.10.06 00:34


Saure Gurken...

Bedenkliche Züge nimmt die sexuelle Aufklärung bisweilen an. Weil man Menschen bei Aufklärungskampagnen in Afrika nicht zumuten wollte, an einer Holz- oder Latexnachbildung eines Penis zu üben, wurde bisweilen verschämt auf eine Banane ausgewichen. Der dort verbreitete Fetischismus resultierte darin, dass fortan eine Banane mit übergestülptem Kondom als magischer Schutz neben das Bett gelegt wurde, wie man ja auch die Ahnenstatue im Schrank mit Hühnerblut beschmierte. Andere lassen sich partout nicht davon abbringen, dem Austausch von Körperflüssigkeiten magische Qualitäten zuzusprechen.
Wieder anderen gilt der Reiz einer möglichen Schwangerschaft als ungemein lustintensivierend. Nicht zuletzt beklagen zahlreiche Frauen und Männer den Verlust von Erektionsfähigkeit und Lust während der fünf Sekunden Ablenkung vom Telos ihrer Zusammenkunft.
All das, reale Probleme teils surrealer Natur, wird von Aufklärungskampagnen selten reflektiert. Stattdessen frönt man einem augenzwinkernden "Ihr wisst schon was gemeint ist" und macht insgeheim gemeinsame Sache mit Puritanismus und Lustfeindlichkeit. Wo derart verklemmt Gemüse als Surrogat eines Penis präsentiert wird, kichern die Siebtklässler zwar fortan beim Anblick einer Gurke drauflos, aufklären lassen sie sich davon kaum. Wirkliche Aufklärung würde das Thema ernst nehmen, Folgen aufzeigen, auch bildhaft, und sich nicht davor scheuen, das angeblich so Einfache praktisch abzubilden: Das Überziehen eines Kondoms auf unterschiedlich große und geformte Penisse in unterschiedlichsten Erektionsstadien bei unterschiedlichsten Promillewerten. Wie beispielsweise schützt man sich trotz eines Eichelpiercings, wo bekommt man diskret und günstig die versprochenen Unter- und Übergrößen, was tun, wenn das Ding doch mal platzt, oder wie auch als Frau damit umgehen, wenn dem Partner der Reifen auf die Arterie drückt, Penisverkrümmung oder Genitalverstümmelung den Normgebrauch verhindern? Fragen, über die am besten professionelle Prostituierte Auskunft geben könnten, wohl kaum aber Werbefachleute mit Hemmungen.
Anstatt also das Kondom, mit eine der emanzipatorischsten Erfindungen seit der Spülmaschine, schon als perfekt zu präsentieren, sollte besser offen und ehrlich auf die Mängel eingegangen werden, die es noch hat: es ist aus Gummi, teuer, stinkt bisweilen penetrant nach Reifen, und verkürzt den Beischlaf um Teile des Nachspiels durch Herausziehen vor vollständigem Verschwinden der Erektion, möglichst unverzügliche Reinigung des Penis. Das unsichtbare, aufsprühbare und geruchslose Nanokondom lässt leider noch auf sich warten.
Ein zweiter Schritt wäre, die geselllschaftlichen Mängel aufzuzeigen, die auch das beste Kondom nicht aufheben kann, sexuelle Diskriminierung  und Gewalt als allererstes zu nennen. Grundbedingung für eine Immunisierung gegen AIDS, sollte sie überhaupt möglich sein, wäre, offen über Sexualität zu sprechen und nicht wenn es darauf ankommt in kryptische Symbolismen auszuweichen.
Die abwertend-peinliche Reduktion des männlichen Geschlechtsteils auf Gemüse könnte vielleicht jene Feministinnen am ehesten irritieren, die den Gebrauch blauer Tinte für Bindenwerbung kritisieren, andere sehen das gelassener. Man stelle sich jedoch die Werbung für ein Femidom, das hierzulande unbekannte, in Afrika etwas verbreitetere Kondom für Frauen, folgendermaßen vor: "Passt in jeden Kürbis!". Nicht lustig, nicht einmal auf Siebtklässlerniveau könnte man darüber lachen. Vorschläge, wie unten präsentierter Slogan politisch korrekt auf das Femidom umzudichten wäre, können in der Kommentarfunktion abgegeben werden...

Für die Psychoanalyse hat die Sache ein Gutes: Ihr wird man kaum noch vorwerfen können, einem "phallischen Monismus" zu frönen, indem sie jeglichen länglichen oder wachsenden Gegenstand in Traum und Mythos tendenziell als potentielles Phallussymbol interpretiert. Diese Äquivokation besorgen Pornotexte und Kondomwerbung ganz bewusst.

Kampagne "Gemüse":

"Diese Kampagne enthält eine sehr gute Bild-Idee, die hervorragend umgesetzt und besonders ästhetisch fotografiert ist; auch die Headline-Typographie überzeugt. Insgesamt ist eine besondere Auffälligkeit der Plakatmotive gegeben - sie sind ein starker Blickfang. Die Headlines der einzelnen Motive leisten einen Beitrag zur Re-Dramatisierung. Mit ihnen werden konkrete, alltägliche Erfahrungen der Menschen aufgegriffen und sehr prägnant formuliert; unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet, sind in den Headlines relevante Vermeidungssituationen deutlich benannt."

17.10.06 19:37


Ikonodule Mittelhessen

 
In Dietzenbach in Mittelhessen soll einem Gemeinderatsbeschluß von CDU und freien Wählern zufolge im Kindergarten Deutschpflicht herrschen und ein Bild des Bundespräsidenten aufgehängt werden. Dies erfordere der hohe Ausländeranteil der Gemeinde. Dass die aus diesen Kindergärten hervorgehenden Islamisten „Mein Kampf“ nicht mehr auf türkisch oder arabisch lesen müssen, sondern mit der deutschen Sprache antiaufklärerisches Gedankengut aufzusaugen in der Lage sind, also später integriert in die deutsche Mehrheitsgesellschaft über Heidegger, Fichte und Carl Schmitt promovieren, soll anscheinend direkte Gewaltbereitschaft mindern. Was man in Dikaturen als das erste Mittel der Propaganda sieht, einen Kim II Sung, einen Saddam Hussein, einen Chomeini, einen Nasrallah oder einen Mao von der Wand glotzen zu lassen, als imaginär alles überwachendes Über-Ich, ist nicht Aufklärung, sondern Integration und Assimilation von einem konkurrierenden Racketsystem in ein anderes, besser organisiertes, deutsches. Der freundliche Herr Köhler vor Rauhfaser: eine ähnliche Inhaltsleere protzt aus den von Parteien bevorzugten Wahlplakaten. Ein verkrampft grinsender Racketeer wird den mittelhessischen Volksmassen die notwendige Identifikationsfigur geben, die Lenkung derselben erfolgt dann schon im Nachhinein auf demokratisch-liberale Art. Die Propaganda der Tat, wie sie Elendsverwaltung und Sozialhelfertum in Parallelbezirken postuliert, wird durch die noch plumpere Propaganda des ästhetischen Porträtgrinsens abgelöst. Von vornherein schlösse sich in diesem Konzept aus, ein Bild einer hässlichen Frau, eines adlernasigen Kippaträgers oder eines Afrodeutschen mit Feuerauge aufzuhängen. Wer für die Mehrheit wirbt, hat dem Ideal derselben Rechung zu tragen oder beim bedauerlich unpropagandistischen Aussehen eines Führers wie der nordkoreanische Gesichtsgünther Kim durch terroristische Macht den ästhetischen Mangel wettzumachen und in einer Ästhetik des Bösen zum Vorteil zu verwandeln. In Kindertagesstätten wirkliche Kunst aufzuhängen, einen Chagall, einen Max Ernst, einen Beckmann, eine Käthe Kollwitz oder einen vor Erotik strotzenden Rodin, wäre ein erster notwendiger, aber kein hinreichender Schritt zu Aufklärung und Kultur, die nicht schon für die Barbarei sich verschworen hat. Ein auf Abortwände hingekritzeltes Tittenpaar zeugt schließlich auch noch lange nicht von sexueller Emanzipation.
 
9.10.06 16:42


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