Wenn wir nun also unten zum Schluss gekommen sind, dass ein wesentliches Element der psychologischen Deutung von Gaarders Text Neid ist, Neid auf Stärke, Exklusivität und Standfestigkeit, dann müsste es gelingen, daraus ein Modell zu entfalten, in dem Neid und unbewusste, verleugnete Identifikation eine größere Rolle spielen als die oberflächliche Abwertung, und in dem wieder der Antijudaismus stärker berücksichtigt wird als der moderne Antisemitismus.
Der Antijudaismus hat sich reformiert. Wer seinen Job oder seinen Ruf auch vor sich selbst nicht verlieren will, fordert nicht wie der oridinäre Antisemit die Vernichtung aller Juden, nur die bösen Juden, die unbekehrbaren sollen der Verdammnis, der Geschichte, einem Wind, wie Gaarder seine Endlösung darstellt, anheim fallen. Die zum „Humanismus“ Bekehrten will man als Dhimmies aufnehmen und generös über ihre Mängel hinwegsehen. Bei Gaarder dürfen Juden keinesfalls an wesentlichen Elementen ihres Glaubens festhalten, und zwar aus einem humanistischen Argument heraus, das durchaus logisch erscheint: Sich selbst als auserwähltes Volk zu begreifen sei rassistisch. An diesem Widerspruch scheitert aber der Antisemit Gaarder, er will dazugehören obwohl er die Religion im Allgemeinen für Quatsch hält, den er nicht versteht, und Humanismus postuliert.
Das auserwählte Volk ist dies nicht im Vergleich zu anderen Völkern, sondern aufgrund eines Vertrages, den es einzuhalten hat, ein Äquivalententausch. Es wurde nicht auserwählt, weil es schon gut ist, sondern um es gut zu machen. Es wird für Treue belohnt und für Apostasie bestraft. Das religiöse Judentum schließt Imperfektion ein, es sei „ein störrisches Volk“, das ein Identisches, Elohim, „Ich bin, der ich bin“, als Ideal, als Gott, setzt und dialektisch auf dem Nichtidentischen beharrt, es macht sich kein Bild, das schon der Gott selbst sei, keinen Namen, der Gott nennen kann. Das macht es nicht aufgeklärt, zu sehr gemahnt dies noch an das Tabu, aber es erregt das Unbehagen derer, die nach ebendieser Identität streben und sie verweigert bekommen, weil sie sie nicht aus sich selbst heraus schaffen können.
Das Gesetz der Juden, nur einen einzigen Gott zu haben, ist in diesem Zusammenhang für eine Religion, die viele Götter hat, kränkend, weil sie unbewusst mit Unbehagen als wahr und als Kritik wahrgenommen werden muss, vor allem bei schlecht aufgeklärten Atheisten, deren primitive Ersatzgötter kaum an die über Jahrtausende durchdachte Komplexität und Abstraktion des jüdischen heranreichen. Für alle Jenseitsorientierten Religionen, die einen manischen Abwehrzauber gegen den Tod ausführen und die Wiederauferstehung auffällig krampfhaft betonen, wie der Koran, die Evangelien oder die Wiedergeburtsreligionen, muss die jüdische Religion, die weder ein ordentliches,jenseitiges Paradies noch Höllenstrafen kennt, beängstigend wirken. Für den Atheisten, der jeden Gedanken an den Tod verdrängt mit Alkohol und Bordsteinphilosophie ist sie gleichsam bedrohlich. In diesem Sinne sind nicht nur die Christen schlecht getaufte Heiden, wie Freud sagt, sondern auch die antisemitischen Atheisten erweisen sich als schlecht aufgeklärte Christen und die Antisemiten als schlecht säkularisierte Antijudaisten.
Kapitalismus spielt in Gaarders Text keine Rolle, es geht hier nicht um Zinskapital oder die Ausbeutung des Proletariats. Der Text stellt eine Modernisierung des weitgehend vom modernen Antisemitismus abgelöst gewähnten religiös argumentierenden Antijudaismus dar, der den modernen jüdischen Staat nur in missverstandenen biblischen Kriterien fassen kann. Israel verkörpert dabei das Wiedererstarken der archaischen, überholten Religion, die Reinstallierung des durch den Sohngott verjagten Vatergottes. Der Antisemit kann die Juden als Kastrierte dulden, als willfährige Flüchtlinge, nackt wie Schnecken, wie in Gaarders Bild. Nicht aber als nach 2000 Jahren wieder "Erstarkte", Kastrierende. Die halluzinierte Macht der Juden im Antisemitismus wird durch reale militärische Macht möglicherweise eher irritiert als erweitert. Die antisemitische Imago vom Juden schließt dessen Gegenwehr aus. Der Jude als antisemitische Imago bedarf magischer Attribute wie Kinderblut und Gold und instrumentalisiert, notfalls sein eigenes Volk, aber er geht nicht mit der Waffe in der Hand los. Der gewöhnliche Jude ist dann der gute Jude, der mächtige ist die persona non grata, der erste kann bekehrt werden, der letztere muss als halluzinierte Konfliktursache beseitigt werden.
Gaarders ganzer Text kann als ein durch intellektuelle Splitter maskiertes ödipales Aufbegehren gedeutet werden. Der Auserwählte, der Sohn Gottes oder dieses mysteriöse „Wir“ bei Gaarder, wird durch einen anderen Auserwählten in Frage gestellt. Jener spreizt sich der primitiven Begriffswelt des Intellektuellen, und beharrt auf einem dieser entratenden Abstraktum, einem Bund, der stark an einen Ehevertrag erinnert: Den heiligen Bund Gottes mit dem Volk der Juden. Dieser Bund darf nicht eingehalten werden, er muss gesprengt werden, um dem Besitzanspruch zu genügen, die Mutterreligion soll beherrscht werden, nackt wie eine Schnecke daliegen, "defenseless as the women", und in einem sexuellen Akt mit Milch und Honig „gespeist“ werden. Allein die Treue zum Vatergott, die Subjekthaftigkeit der Mutterreligion, seine Unbelehrbarkeit, verhindert diesen nur im unbewussten Wunsch Gaarders stattfindenden Inzest und darum richtet sich die Wut auf diesen „sadistischen Gott“, der es wagt, den Pharao, für Gaarder das wahre Opfer, mit Gewalt von seiner Zudringlichkeit abzuhalten: " the Lord God of Israel appears as an insatiable sadist." Dessen mildtätige, erotische Anteile, Milch und Honig, werden bei Gaarder in homophober Abwehr abgespalten und in selbstherrlicher Gigalomanie für sich beansprucht.
Die obigen Ausführungen stellen vorläufige Thesen auf der Basis von Altbekanntem dar. Ich bitte um schärfsten Widerspruch bei Irritationen.
Die Presse spricht:
Standard.at Kurznachricht Gabriele Haefs sekundiert Gaarder Für die FR sind Gaarders Hetztiraden "israel-kritische Äußerungen". Deutschlandradioschlagzeile: "Schriftsteller Jostein Gaarder kritisiert Israel". Spiegel.de: "Ein in seiner Kritik an Israel extrem scharfer Aufsatz" SPIEGEL ONLINE mit Giordano: "Wie weit darf die Kritik an Israel gehen?" Der Tenor ist stets ähnlich, meist heißt es in Radios und Regionalblättern: "Gaarder wird wegen israelkritischer Äußerungen angegriffen".
Angreifer = Täter, angegriffener Israel-Kritiker = Opfer.
Gaarder offen als Antisemiten zu bezeichnen wagt fast keine Zeitung.