
„Die geheimen Kräfte der Powerarmbänder – für Kids“
Elisabeth Ebner
Tosa Verlag Wien
48 Seiten.
Die Indoktrinierung von Kindern ist narzisstisch besetzt. Was das Individuum selbst kaum glauben kann, muss es umso mehr durch Reproduktion und Wiederholung bekräftigen. Proselyten schirmen vor Zweifel ab, und stets willkommene Objekte sind Kinder. So findet man zwischen dem „Wissen einer modernen Hexe“ (das sich doch nur in Kristallkugeln, Kartenlegen und Handlesen erschöpft) und Ratgebern fürs Heilfasten eigens aufs Marktsubjekt Kind gemünzte Propaganda: „Die geheimen Kräfte der Powerarmbänder – für Kids“. Anstatt wie üblich Mode und Kunst über Klassenidentifikation zu verbreiten, wird aufs Archaische gesetzt. Das Anwanzen an die magischen Vorstellungen von Kindern greift in ihren Reflexions- und Reifungsprozess ein, wendet noch den infantilen Fetischismus zum vermeintlich rationalen Zweck.
Anstatt gegen ungerechte Behandlung zu protestieren oder qua solidarischem Zusammenschluss aus der Einsamkeit zu flüchten, werden imaginäre Freunde empfohlen, die nur mühsames Surrogat des Teddybärs darstellen.
„Die Powerarmbänder sind nicht nur ein sehr dekorativer Schmuck, sondern können dir in deinem Leben auch treuer Begleiter sein, der dich unterstützt, dir hilft oder auch nur Freude bereitet.“
„Edelsteine als Heilsteine zu verwenden ist mehrere tausend Jahre alt. Heilsteine sind Hilfsmittel, um Krankheiten zu heilen oder Probleme zu lösen. Sie helfen dir, etwas positiv zu ändern, sowohl auf psychischer wie auf physischer Ebene. Jeder Edelstein besitzt sein eigenes Wesen, seine eigenen Schwingungen und Energien. Er tritt mit dir in Verbindung und schenkt dir Kraft, heilt dich oder baut Spannungen ab. Wichtig ist, dass du deinen ganz persönlichen Kraft- und Heilstein findest.“
Frech wird vermutlich Achtjährigen von physischen und psychischen Ebenen, von Idealismus und Intuition ins Ohr geraunt, sie einerseits aufs Vokabular der Berufswelt hingetrieben und andererseits im kindlichen Fetischismus belassen. Flugs geht es von den alten Griechen über die buddhistischen Mönche zu den Aktenkoffern. Der Aberglaube ist einer „aus zweiter Hand“ (Adorno). Sein Zweck ist nicht Kontrolle von Natur, sondern Rationalisierung von Unterwerfung unter die zweite. Der Duktus von Aufklärung wird dem so okkulten wie verdinglichenden Inhalt aufgepfropft. Das Motiv des Zaubers ist erschütternd banal:
„Wenn du zu dieser Gruppe von Menschen gehörst, die durch schulischen oder beruflichen Stress immer wieder unter Kopfschmerzen leiden, so haben sich die intensiven, konzentrierten Schwingungen dieses Steines als sehr wirksam gegen den Schmerz erwiesen.“
„In einer Umwelt voller Hektik und Stress verleiht er dir das angenehme Gefühl der Geborgenheit und des Friedens.“
„Wenn in der Schule oder im Beruf Stress immer mehr zunimmt, dann sollte der Onyx als kräftespendender Schmuck getragen werden.“
„Wenn du alles in deinem Leben als zu anstrengend empfindest und das Gefühl hast, keine weiteren Belastungen oder auch keine zusätzlichen Leistungen erbringen zu können, dann schenkt dir der Rosenquarz Kraft, so dass du mit neuer Energie die Aufgaben deines Lebens bewältigst. Er ist der perfekte Stein gegen jede Art von Schul- oder Berufsstress.“
Das Kind soll in Kindheit und Schule schon die Präfiguration des Berufs akzeptieren lernen, soll darin schon den Stress als übermächtig akzeptieren. Der Fehler wird ins Empfinden von Stress verlegt, das Unbehagen am Unbehaglichen verdinglicht und statt diesem zur Abschaffung ausgeschrieben.
Erziehung wird dem kalten Stein überlassen, der um so autoritärer Besitz zu ergreifen droht: Er solle „lehren, die volle Verantwortung für dich, dein Leben und für das was du tust, zu übernehmen“ (Amethyst), er „erzieht dich damit zur kristallklaren Einsicht, was wirklich wahr ist“ (Bergkristall), er „zeigt dir, was du aus der Natur lernen kannst“ (Bernstein), er „motiviert dich zu Hilfsbereitschaft und unterstützt deinen Idealismus“ (Karneol), er kann „Fehlverhalten korrigieren“ (Malachit) und „streng und kompromisslos verkürzt er Chaos und ruft dich zur Ordnung“ (Obsidian).
Am Ende münden Selbstbewusstsein und Tatkraft in angepassten Konformismus, alles dient nur dazu, den perfiden Zumutungen des Alltags entspannt gerecht zu werden und Stress meditativ zu verarbeiten. Aus der durchaus vernünftigen Empfehlung, besser gelassen und aufrichtig zu sein, wird eine Wirkung von bestimmten rituellen Anwendungen, die den geistigen Reifeprozess abschneidet. Die Monade Kind soll durch seine depressiven Mucken nicht die Eltern nerven, sondern es soll zu Steinen sprechen:
„Wenn du jedoch oft unter schlechter Laune leidest und damit nicht nur dir selbst schadest, sondern auch andere ansteckst, oder depressiv bist, solltest du dich intensiv mit Hämatit auseinandersetzen.“
Solche Ideologien sind noch das extremste Mittel dessen, gegen das sie sich als Gegenmittel behaupten wollen.