Der Euphemismus - Instrument der Herrschaftsausübung
Der Euphemismus ist eine Rationalisierungsstrategie. Als Instrument der Machtausübung ist er unverzichtbar und kennzeichnet einen Status, an dem die absolute Gewalt über das Individuum eigentlich nicht mehr der Kaschierung bedarf, um sich durchzusetzen. So durchschaubar der Schein ist, den der Euphemismus zu verbreiten vorgibt, so sehr unterstreicht er die Drohung dahinter. Schein und Durchschaubarkeit bedingen einander, verstärken die Gesamtiwirkung.
"Wir laden sie zu einem persönlichen Gespräch ein." spricht höflich der erste Absatz eines Schreibens aus der Elendsverwaltung. "Wenn sie zu dem oben genannten Termin [...] nicht erscheinen wird das Arbeitslosengeld II unter Wegfall der Zuschläge nach § 24 in einer ersten Stufe um 10 % der für sie maßgeblichen Regelleistung gesenkt." tönt darunter die Verfügungsgewalt.
In besagten Gespräch hat man hinter geschult bemühtem Lächeln "zwei Angebote für sie: Erstens würde ich sie gerne zur Jobakademie vermitteln. Die zweite Möglichkeit ist: ich kürze ihnen die Bezüge um 30 %."
Die "Jobakademie" sei über 8 Wochen für 16 Stunden die Woche zu besuchen, man könne das auch an zwei Tagen die Woche ableisten und habe dann "den Rest der Woche frei". Das ist doch mal was. Für kein Geld 5 Tage Wochenende, ein Schnäppchen für einen "Arbeitssuchenden".
Kaum zu zweifeln ist daran, dass jene Personen, die zu Hause Hunde streicheln und Kinder im Glauben an eine bessere Welt großziehen, wirklich ohne jeden Skrupel einer Person von den 300 Euro monatlich 100 streichen würden. Es ist schließlich zu ihrem Aller-, Allerbesten.
Rationalisiert wird dabei kaum mehr die zynische Handlung an sich, Fragen der Moral und der Ethik sind schließlich nicht ein je Menschen eigenes Gefühl, wie noch der junge Kant dachte, sondern erlernbare und erfahrbare Möglichkeiten menschlichen Umgangs, die ebenso rasch verlernt werden können. Das allerdings nicht zu verachtende Tötungstabu wird nur noch vermittelt, in kleinen Vorstufen und abstrakt gebrochen, das Individuum weiß sich als Schreibtischtäter frei von Schuld. Der Schein selbst bedarf der Rationalisierung. Dass überhaupt noch ein Dialog erforderlich sei ist das eigentlich Irrationale des Prozesses, Relikt aus vielleicht besseren Zeiten. So taucht im Euphemismus ein Atavismus auf, der als Bruchstück sinnlos neben der Drohung steht, wie bei jenen Bankräubern, die im Reflex noch zur Kassiererin "Bitte" sagen. Das dem ausgesetzte Individuum spürt die Drohung nur doppelt, und im Wissen davon gerät der atavistischen Euphemismus wiederum zur kalten Berechnung. Das Opfer soll durch den Euphemismus nur stärker bedroht werden: man könne die Maske jederzeit fallen lassen, lautet die Botschaft des gerade auf Durchschaubarkeit getrimmten Scheins. So wird nicht irgend lauernder Widerstand geweckt, sondern geradewegs auf das vermeintlich kleinere Übel zugetrieben. Das Individuum soll sich gelähmt ob solcher im Schein verdoppelten Drohung in das ihm Zugedachte fügen. Somit findet die Rationalisierung auf Seiten des Opfers statt: Der Euphemismus will ihm die Wahl des für ihn Schlechten durch die Drohung mit unmittelbarer, nur scheinbar mühsam und schlecht verborgener Gewalt, als rationale erscheinen lassen, wo Widerstand gegen den wirklich darin tobenden Schein angebracht wäre. Aggression wird durch die verstärkte Drohung wie bei den Neurosen in Angst verwandelt. Das gleiche Prinzip wirkt beim Stockholm-Syndrom, bewusst instrumentalisiert wird es auf Seiten Krimineller etwa in der Zwangsprostitution und bei Kindesentführungen, auf Seiten der Eltern bei der Erziehung und schon lange hat es die Exekutive für sich entdeckt: Sie spielt "good cop, bad cop." Dass die auf Durchrationalisierung von staatlicher Herrschaft getrimmten Kreisjobcenter sich dessen bedienen, ist nur logisch.
Laura
(3.6.08 12:17)
'frauen, die sich jetzt freiwillig zum arbeitsdienst melden, können wieder vom diesem freigestellt werden.' (1944)
sag: wer sich nicht freiwillig meldet, kann nicht mehr freigestellt werden.
auch ein 'schnäppchen'. denen, die nicht von sich aus den totalen einsatz zeigen, wird 'subtil' gedroht.
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ne, bitte daraus nicht ableiten, ich sei der meinung, frauen hätten sich im ns widerständig gezeigt. pseudokritik und pseudowiderstand zeigten sich mehrheitlich erst, als es an die eigenen vorteile ging (zB nicht genug eier gab - da wurde der gauleiter auch mal vom wiener naschmarkt vertrieben).
Hochdorff
(4.6.08 14:26)
...as I said before:
Such dir ein nettes Promotionsthema und lass dich von einer Stiftung finanzieren und dir sind drei Jahre Ruhe vor dem Sachbearbeiter sicher. Klingt doch verlockend!
Nichtidentisches
/ Website
(4.6.08 14:44)
Ach Gutester, du stellst dir das so einfach vor. Vor einem Antrag auf ein Stipendium braucht man erstmal eine Zulassung an einer Hochschule. Dafür allein ist schon erfordelich, 17 verschiedene Leute über Monate zu unterhalten. Mein letzter Antrag auf Betreuung in Köln und damit Zulassung wurde dort vom Promotionsausschuss abgelehnt, weil die Betreuerin, eine Ethnologin, im Fach Afrikanistik angestellt ist und damit nicht mehr im Fach Ethnologie prüfen darf. Positivismus as its best, mit Bearbeitungsfristen von 3 Monaten für Promotionsausschussitzungen und weiteren 5 Monaten für die Anträge bei den Stiftungen, schwupps hast du ein Jahr notwendige Zwangsarbeitslosigkeit, die versäumten Fristen bei RLS und HBS gar nicht eingerechnet, durch die man nur 1-2 mal im Jahr Gelegenheit erhält, einen Antrag zu stellen.
Ein Thema hatte ich schon 7 Tage nach der Magisterarbeit in ein Expose gepresst, mittlerweile überarbeitet, an 4 Exzellenzcluster geschickt, von 3 schon abgelehnt, ein weiteres zu einem völlig anderen Thema eingesandt, etc. pp.
Es ist ja nun nicht so, dass man als Geisteswissenschaftler beliebt wäre.
Aber egal, worum es geht, ist, dass der Mindestbedarf eben nach Belieben gekürzt werden darf, dass also nicht das pure Menschsein ausreicht, um nicht verhungern zu müssen, sondern dass ein Reglement entworfen wird, das jedes Individuum auf Billigjobs und ABM hinpresst.
Doc Holliday
(4.6.08 16:22)
Eine zeitlang galt die berüchtigte Ich-AG als mehr oder weniger geheimer Geheimtipp, um sich den Nachstellungen des Amtes für eine Weile zu entziehen. Aber da nicht sein kann was nicht sein darf, wurde dieses Schlupfloch recht schnell wieder gestopft.
Die Abschaffung des Schriftverkehrs als einigermaßen distanzierter Kommunikationsform mit dem Staat ist schon eine widerliche Art der Herstellung von Staatsunmittelbarkeit. Was sollte ein Hartz4-Empfänger auch besseres zu tun haben, als sich permanent für das Amt zur Verfügung zu halten?
Hochdorff
(4.6.08 18:22)
...also bei mir hat es in der Tat auch ca. 2 Jahre gedauert. Falls du Hilfe bei der Bewerbung bei der RLS brauchst, helfe ich gern.
Ethnologen werden bei der RLS ganz gern gesehen.
Laura
(5.6.08 09:20)
na hoffentlich klappt's bei dir mit nem stip. hier in ö gibt's ja altersgrenzen, denen ist vollkommen wurscht, ob man erst später mitm studium angefangen hat zB (wie ich) - bei mir gibt's keine hoffnung mehr auf ein stip für die diss. blieben nur jobs, nach möglichkeit solche, die nicht zuviel hirn beanspruchen, so dass sich nach feierabend noch an der diss arbeten lässt.
dafür gibt's bei uns keine promotionsausschüsse - hör' ich hier zum ersten mal, was ist denn bitteschön der sinn dahinter? bei uns fällen die profs selber die entscheidung, wen sie betreuen. und das hat auch nichts mit dem fach zu tun, in dem man den abschluss gemacht hat zuvor. man macht das doktorat an der fakultät, nicht im fach.
Hochdorff
(5.6.08 11:25)
Promotionsausschüsse beschließen, soweit ich es verstanden habe, ob du an einer Uni zum Promotionsstudium zugelassen wirst, ansonsten trifft auch hier der Betreuer die Entscheidung selbst. Es kann eben nur sein, daß der Promotionsausschuß mit dem erwählten Betreuer aus Grund XY nicht einverstanden ist, dann lassen sie dich an der Uni eben nicht zu.
Afrikanistik und Ethnologie liegen -glaube ich- eben nicht in der selben Fakultät.
Noch einen Tip am Rande, such dir dann lieber einen Job der dich auch körperlich nicht allzu beansprucht, denn wenn du abends zu ausgelaugt bist, geht auch am Schreibtisch nichts mehr. Da spreche ich aus Erfahrung.
Laura
(5.6.08 16:21)
ahja. trotzdem eigenartig - es können die kollegInnen also den betreuerInnen reinquatschen? das ginge in ö gar nicht, da würde rumgebrüllt werden, von wegen freiheit der wissenschaft. die streiten ja jetzt schon so viel, das wäre die hölle.
in ö isses sowieso so, dass sich zum doktorat jeder einschreiben kann, am schluss braucht man nen 'betreuer', und für den wisch fürs dissertanten-se. man kann sich den also auch während dem schreiben noch suchen... und wennst keine findest, gehst zum dekan, und der zwangsverpflichtet einen. normalerweise hat man den eigentlich schon an der hand, wenn man beginnt... naja.
bei uns kann man auch interfakultäre dissertationen basteln, eigentlich ist das hier kein großes ding. ist auch auf magisterebene nicht _so_ außergewöhnlich, dass man sich ein eigenes studium bastelt, das dann genehmigt wird; manche dieser zusammenstellungen werden dann so populär, dass sie mehr oder weniger als regelstudienpläne übernommen werden.
von daher ist ö o.k. bis auf diese stips eben, in ö läuft da ab 27 fast nix mehr, da kennen sie keine gnade.
job: jo, hab mir grad nen 0-geist-job geangelt, 20 stunden/woche, nix anstrengendes. werde nicht reich, aber für die miete und taschengeld reichts. und, ganz wichtig!, ich bin krankenversichert. uff.
Nichtidentisches
/ Website
(5.6.08 22:09)
Freiheit der Wissenschaft ist hierzulande grade mal fürn Arsch. Kann man froh sein, wenn man für ein Thema überhaupt nen Prof findet, der nicht nen Herzinfarkt kriegt, sobald man ihn auf die zu erwartende Mehrarbeit anspricht.
Hochdorff
(6.6.08 10:50)
...in kleineren Fächern ist es etwas entspannter.
Die deutschen Stiftungen setzen die Altersgrenze -meines Wissens- zwischen 30 - 35.
Laura
(6.6.08 14:38)
mehrarbeit? herzinfarkt? huh? als wäre das so viel arbeit, ist ja lächerlich. eigentlich sollten sie sich freuen, schließlich baut man über dissertantInnen ruf und macht weiter aus...
Nichtidentisches
/ Website
(6.6.08 17:16)
Nah, es ist Arbeit. Und nicht wenig für Profs, die schon mal eine 60 Stunden Woche schieben. Man sollte das nicht unterschätzen. Dass sie zu doof sind zu streiken und sich gegen Mehrarbeit zu verwahren, ist schon wahr. Dass sie lieber nach unten den Stress abgeben, also Studenten schlecht betreuen, anstatt sich zu wehren, ist auch wahr.
Laura
(6.6.08 20:31)
aha, dann scheint die betreuung in d besser zu sein. dass alle profs so viel arbeiten bezweifle ich; mein eindruck nach ein paar jahren arbeit im österr. unibetrieb: ca. 15% der mitarbeiterInnen erledigen 99% der arbeit.