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Steinzeitmenschenalarm im Dschungelcamp

Steinzeitmenschen entdeckt! Sie malen ihren Körper rot und schwarz an! Sie beschießen Flugzeuge mit Pfeilen! Bild erklärt das geheimnisvolle Dschungel-Volk!

Eine solche Meldung kommt beim Bild-Publikum gut an. Es kann sich vergewissern, nicht zu den Steinzeitmenschen zu gehören. Schließlich malt man sich nicht rot an und schießt nicht mit Pfeilen nach Flugzeugen. Wie die vorgeblich neu entdeckten (die Funai hat schon lange Kenntnis von der genauen Anzahl und dem Gesundheitszustand der Gruppe) Indigenen sich tatsächlich verhalten, ist durch die reißerische Meldung kaum zu erschließen. Sie enthüllt mehr über die Konstitution der zivilisierten Berichterstatter als über das Grüppchen Eigenbrödler am Amazonas. Das Bedürfnis, den Wilden zu präsentieren, um die Fortschritte der eigenen Zivilisation zu feiern reicht zurück bis in die Triumphzüge der römischen Feldherrn. Während Hexenjagden und Judenpogrome Europa prägten, brachte man Indianer aus Amerika, um zu diskutieren, ob sie Menschen seien oder nicht. Die Leser der modernen Indianerromane delektierten sich an Marterpfahl und Jagd, um dann mit Maschinengewehren und Giftgas aufeinander loszuwüten. Modernität ist mit Adorno als eine qualitative Kategorie zu denken, nicht als chronologische oder materielle. Bild-Leser fühlen sich indes aufgewertet, wenn irgendwelche Menschen ein Flugzeug, also ein Produkt ihrer Gesellschaft für das Werk von Geistern halten. Daraus zieht man einen erheblichen Gewinn, fühlt sich gar selbst als allmächtiger Gott.

Was Modernität gewiss nicht ausmacht, ist, ob sich jemand den Körper rot bemalt, tätowiert oder mit Pfeilen nach Flugzeugen schießt. Zwar kann dies durchaus einer verständlichen Unkenntnis der Maschine und infolgedessen ihrer magischen Interpretation als Gott oder Dämon geschuldet sein. Dass auf solche Götter oder Dämonen geschossen wird, offenbart jedoch einen Grundzug des bei Amazonas-Indianern verbreiteten Geisterglaubens: Geister sind zwar mächtig, aber beherrschbar. Man kann über sie lachen, sie schlagen und vertreiben oder sie besänftigen. Insofern wird die undurchschaute bewegte Maschinerie der beherrschenden Natur durch das magische Ritual beherrschbar.

Es mag allerdings ebenso gut sein, dass diese mit Pfeilen nach Flugzeugen schießen, um denen da oben ihre Ablehnung gegen eine Welt zu demonstrieren, aus der sie in der Vergangenheit nur rassistische Menschenjagd, Kautschuksklaverei und mörderische Krankheiten kennen lernten. Unterstellte man Informationsaustausch und vorausschauendes Verhalten, könnte das Verhalten auch als Warnung an den zu erwartenden Schwarm von evangelikalen Missionaren aus den unzähligen charismatischen Kirchen interpretiert werden, die gegen Verbote der Funai alles tun, um ein paar verlorene Seelen zu retten und sie mit Grippe, Masern und Röteln zu dezimieren. Sei’s drum, Bild lässt sich vom Erklären nicht abhalten, der zivilisierte Mensch braucht Fakten, Fakten, Fakten:

„Wie leben die Indios? […] Zudem halten sie sich Jagdhunde, zahme Vögel und sogar Vogelspinnen.“

Von einem angeblich unbekannten Grüppchen, das nur aus dem Hubschrauber bekannt ist, will man auf einmal wissen, dass sie Terraristik-Liebhaber sind und Vogelspinnen zähmen, wohl um sie auf ihre Feinde zu werfen. Sehr einfallsreich. Auf einmal sind die Steinzeitmenschen nun schon Indios, die Leiter der abwertenden Begriffe wird eine Stufe heraufgeklettert.

Was Bildleser am sonntäglichen Grill brennend interessiert: „Sind die Indios Kannibalen?“ Leider ist das Sommerloch nicht tief genug, die Antwort fällt negativ aus:

„Nein! Experte Dr. Schulz: ‚Sie ernähren sich von Maniok und Süßkartoffeln, dazu gibt es Waldhirsche, Tapire oder kleine Nagetiere.“

Der Experte hat anscheinend schon einen Aufenthalt bei den unentdeckten „Steinzeitmenschen“ hinter sich und dort das Nahrungsverhalten beobachtet und kann ferner die im Amazonas durchaus regelmäßiger anzutreffende symbolische Anthrophagie, bei der die Asche der Verstorbenen verzehrt wird, ausschließen. Vielleicht referiert er auch über ein völlig anderes Grüppchen. Oder er weiß aus dem Hubschrauber Bittermaniok von Süßmaniok zu unterscheiden, durchaus möglich, bedarf die komplizierte Zubereitung des Bittermaniok doch einiger auffälliger Gerätschaften. Impliziert ist derweil schon die Fragestellung nach der Ernährung und somit der drohenden Hilfslieferungen. Unterstellt wurde in der Vergangenheit regelmäßig, die am Amazonas lebenden Wildbeuter und Gartenbauer seien schlecht ernährt und darum aus purer Philanthropie zu zivilisieren. Deren proteinreiche Ernährung mit Wild, Obst und stärkehaltige Knollen ist allerdings um einiges ausgewogener als der durchschnittliche Speiseplan eines Europäers, von den in Slums hausenden Städtern und Campesinos Südamerikas ganz zu schweigen.

Ganz sicher weiß man dann in der um Distinktion bemühten Kulturnation Deutschland über die Sprache der Betroffenen zu urteilen: „Die Mitglieder eines Stammes haben eine eigene Sprache, die nur sie verstehen.“ Die Hubschrauber haben möglicherweise auch eine genauere Stimmanalyse verunmöglicht. Fakt ist, dass die Dialekte und Untersprachen der sechs Hauptsprachgruppen Tupi, Aruak, Guarani, Ge, Kariben und Pano, die sich in Wanderungsbewegungen über den Amazonas verteilten, in sich doch recht ähnlich sind: Ob die „Neuentdeckten“ nun Flüchtlinge aus dem Norden oder Westen Südamerikas sind oder eine Pano-Sprache sprechen oder tatsächlich zu jenen gehören, die eine eigene Sprache entwickelten, sei dahingestellt.

Die Genderstudies sind unterdessen derart fortgeschritten, dass sie vom Hubschrauber aus fundierte Forschungsergebnisse liefern:

„Welche Rechte haben die Frauen in so einem Stamm? Dr. Schulz: ‚Es gibt geschlechtliche Arbeitsteilung. Die Männer sind für die Nahrungsbeschaffung und den Hüttenbau zuständig. Die Frauen kümmern sich um die Ernte, die Zubereitung der Nahrung und die Kinder.“

In der Tat ist das ein regelmäßig wiederkehrendes Muster der Amazonasindianer. Symptomatisch ist allerdings die Verkehrung der Fragestellung, die Identifizierung von Rechten und Rollen. So kann es sein, dass eine Frau wie in Iran Maschinenbau studieren kann, allerdings keine Rechte hat und gemeinhin wie ein Stück Dreck behandelt wird. Umgekehrt kommt es vor, dass eine solide Rollenteilung durchaus mit einer emanzipierten Haltung der Frauen ihren Männern gegenüber einhergehen kann, wofür es einige Beispiele aus dem Tiefland Südamerikas gibt. Den katholischen Missionaren war die bisweilen starke Rolle der indigenen Frauen unheimlich, der südamerikanische Machismo wurde in Indianermissionen gezielt durch die Förderung von Jungmännern und die Diskriminierung von Frauen implementiert.

Nun denn, Bild hat uns hinreichend das Geheimnis der geheimnisvollen Indios erklärt. Ein Abgesang bleibt nicht erspart: Ihre Zukunft sehe „düster“ aus, weil der Regenwald gerodet wird.

Darin zumindest ist sich Bild mit dem Klientel einig, das ganz pc von „unkontaktierten indigenen Gruppen“ spricht. Die Funai und mit ihr Gutmenschen aus aller Welt bekräftigen, es sei wichtig, die „vom Aussterben bedrohten“ unkontaktierten indigenen Gruppen weiter zu isolieren, der (dringend notwendige) Schutz des Regenwaldes wird mit der Abschottung seiner Bewohner identifiziert, Natur und Mensch, Blut und Scholle sind in eins gedacht. Über Individuen wird geredet wie über Exemplare einer Tierart. Die Isolation wird mit Krankheiten begründet, wie umgekehrt ihre Zivilisierung einst mit dem „verlausten, elenden Zustand“ der Wilden. Welche Konflikte sich innerhalb der Gruppen abspielen kann nur gemutmaßt werden. In den meisten Gruppen am Amazonas werden bei Todesfällen Menschen benachbarter Gruppen, bevorzugt Schamanen, als Hexer ermordet. In einigen werden Zwillinge oder Behinderte grausam getötet. Wieder andere weisen ein hohes Maß an Toleranz gegenüber Homosexuellen, Alten und Behinderten auf. Die ökonomische Situation gestattet eben keine Ableitung irgendwelcher Verhaltensweisen.
Dem Menschenzoo in kärglichen Amazonasreservaten allerdings werden sehr selbstverständlich von Individuen einklagbare Menschenrechte geopfert, auf den autonomen Gebieten gilt die Rechtsprechung der jeweiligen Konventionen. Das hat seine Kehrseite im Absprechen von universalen Menschenrechten von Seiten der brasilianischen Regierung und der kulturalistischen Strömung, denen individuelles Leid egal ist, solange die Täter bunt bemalt sind und Papageienfedern tragen. Dass Zivilisation darauf verzichtet, ihr vermeintliches Anderes oder Überholtes kriegerisch zu verfolgen und sich gleich zu machen, ist im Prinzip ein schöner Zug. Dass man die Anstrengung aufgibt, die ein friedliches Annähern zu beidseitigem Nutzen erfordern würde, ist schlichtweg feige und reaktionär. Darin lauert schon die Identifikation mit der Projektion der edlen Wilden, den im Einklang mit der Natur friedlich vor sich hin harmonisierenden Antagonisten der verderbten Zivilisation.

Wolfgang Lindig, Mark Münzel: Die Indianer. Kulturen und Geschichte der Indianer Nord-, Mittel- und Südamerikas. (1978) 1981 München: dtv. 573 Seiten.

Wolfgang Müller: Die Indianer Amazoniens. 1995 München: C.H. Beck. 263 Seiten.

31.5.08 12:24
 


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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sky (2.6.08 21:17)
Diese Art des Allesirgendwietolerierenkönnens hat auch Eingang in die Startrek-Philosophie gefunden, das heisst es dann "Live long and prosper!".


Nichtidentisches / Website (2.6.08 21:19)
Ja, Ethnologie und Science Fiction ist ein interessantes Kombo-Thema

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