Dickleibigkeit trete in signifikanter Korrelation mit Armut und schlechtem Bildungsabschluss auf, so sich neu brüstende Studien. Das ist zunächst einmal positiver als die gemeinhin für normal befundene Koexistenz von Armut und Hunger, wie sie etwa Engels in verstörender Gewalt aus dem England des 19. Jahrhunderts beschreibt, als Brote mit Asche und Staub gestreckt wurden und über Generationen hungerbedingte Degenerationserscheinungen entstanden.
Das Phänomen Adipositas und Armut aus bloßem Bildungsmangel oder zu fetten billigen Speisen zu erklären, schlägt fehl, wenngleich der Erlernbarkeit des Essens und des Geschmacks prinzipiell Richtigkeit zuzugestehen ist.
Die gesellschaftlichen Zustände lassen aber vielmehr das Essen, in Deutschland wie gemeinhin bekannt günstiger als im näheren Rest-Europa, als einzigen Laster der Armen zu. Wo Lustgewinn nicht aus teuren Sport- oder Karnelvalsvereinen, Fitnessstudios oder entspannenden Golfparties gewonnen werden kann, bleibt als einziger Kick der Griff zum Highlight der Zivilisation, dem form- und geschmacksvollendeten 1-Euro-Jobber-Stundenäquivalent mit dem Namen "Cheeseburger" von MacDonalds (forget all about the BurgerKing). Hier bekommt man fürs Schlangestehen ein süßsaures Äquivalent bar auf den Magen - im Kreisjobcenter trägt man dagegen nur die eigene Haut zu Markte, und kann sich sicher sein, ums Äquivalent der nackten Existenz systematisch betrogen zu werden. Was hier in hartem Papierkrieg und noch von französischen Revolutionen zehrend der Gesellschaft abgerungen wurde, trägt den Stempel des autoritären Zwangs, der prospektiven Sklaverei. Die solchermaßen Deprivierten wollen den sichtbaren Teil ihrer Existenz mehren, um so den Anschein des Wertes, den die Gesellschaft ihnen zukommen lässt, als vergegenständlichten zu mehren. Was sie sich einverleibt haben, kann ihnen keiner mehr nehmen. Es muss nicht mehr beantragt werden und ist sicher. Zugleich spiegelt es nach außen Existenz, die als bedrohte sich wappnen muss, eine Schutzschicht zwischen sich und gefühlter Kälte des asozialen Sozialneids von oben bringen will - wer weiß schließlich, was noch alles kommt, zum Hungern ist noch Zeit genug.
Das durchs Restindividuum gefilterte gesellschaftliche Verhältnis hat seine subkutane Form erhalten, die nun als äußerliche Kategorie bequem analysiert und skandalisiert werden kann. Das Problem ist nun nicht mehr Armut an sich, sondern die oh Wunder damit zusammenfallende Demütigung und Missachtung dessen, was der Gesellschaft das Individuum darstellt, des Körpers. Impliziert wird die Kränkung der narzisstischen Gesellschaft durch diese als monströs perhorreszierte Fremdheit wabernder Gestalten. Statt Abschaffung des Hungers und der prekären Armut drohen nun Aufklärungskampagnen für so recht gesunde Armenküche - damit der ideelle Gesamteindruck einer sportlichen und ansehnlichen Nation erhalten bleibt.