Warum es durchaus passt, dass Tom Cruise den Grafen von Stauffenberg in der Nazi-Schmonzette Valkyrie mimt, und warum es nicht Antifaschismus, sondern Antiamerikanismus ist, der zum Meckern über die Hauptrollenverteilung trieb, habe ich hier bereits erörtert. Derzeit versucht man im Land der als soziokulturellen Beitrag akzeptierten täglichen Nazikriminalität erneut, auf recht unschöne Art und Weise die von sich ausgehende Bedrohung auf andere zu projizieren. Tom Cruise ließ sich bei seinem erbärmlichen Tagewerk abdrehen und fragt ein johlendes Scientology-Publikum: "Should we clean up this place?" Da konnte Guido Knopp, bekannt für seine Sucht, Personen auf einen Charaktertypus festzuschweißen ("Paulus - Der Gefangene", "Rommel - Das Idol" etc...) und ferner bekannt für verharmlosende und betuliche Großvaterdeutschland-Versöhnungsfilmchen, nicht an sich halten:
"Es mag ja sein, dass Cruise' Sprechweise bei vielen Erweckungsbewegungen in den USA üblich ist", räumte Knopp der Zeitung gegenüber ein. "Doch die Szene, in der er fragt, ob die Scientologen die Welt säubern sollen und alle Ja rufen, erinnert zwangsläufig jeden Deutschen, der sich für Geschichte interessiert, an die berüchtigte Rede von Goebbels."
Übersetzt heißt das: In den USA mag es ja üblich sein, als Goebbels herumzulaufen und die Welt mit Weltkriegen zu bedrohen, wir im Land mit der bewältigten Vergangenheit und unserem Knopp-gefütterten Interesse für Geschichte und unserem eydeetischen Erinnerungsvermögen müssen jedoch solche US-amerikanischen Unsitten aufs Schärfste ablehnen.
Und auch Pfarrer Gandow, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche, sieht den Goebbels-Vergleich zwingend gegeben: "Ich bleibe dabei: Tom Cruise ist der Goebbels der Scientologen."
Wenn Tom Cruise allerdings der Goebbels der Scientologen ist, ist Scientology wohl die NSDAP und Youtube ein Kriegsschauplatz. So einfach dupliziert eine krachnaive Faschismusanalyse den Nationalsozialismus und macht aus Geschichte eine Farce wie aus der Sportpalastrede mit all ihren grauenhaften Folgen ein Youtube-Klamauk-Propagändchen. So wussten die Jubeldeutschen im Falle Goebbels sehr wohl, dass sie hier die industrielle Massenvernichtung sanktionierten, die in allen NSDAP-Werken angekündigt war. Scientology mag zwar ein elitäres und mithin esoterisch-faschistoides Weltbild pflegen, sogar eine kommerzielle Sekte sein, von der Vernichtung des Weltjudentums oder anderer Chimären als Hauptexistenzgrund ist dagegen wenig zu lesen.
Dass Goebbels nicht Scientologe war, sondern katholisch erzogen wurde, später im Jesuiten-Seminar studierte, weil er Priester werden wollte, will man vielleicht aus Gründen des protestantisch-katholischen Burgfriedens nicht thematisieren. Wie man jedoch angesichts der förmlich explosionsartig expandierenden evangelikalen Sekten, Pfingstkirchen, WASPs, charismatischen Erweckungsbewegungen und so fort ausgerechnet von Seiten des evangelischen Sektenbeauftragten Scientologys doch auf kleinem und berechenbaren Niveau stattfindende Sektenmentalität und Größenphantasie zur anscheinend weltweiten Bedrohung erklären kann, ist wohl weniger einer mangelnden Verinnerlichung der biblischen Lehre vom Balken im eigenen Auge und von unschuldigen Steinewerfern geschuldet, als der Projektion der eigenen Mängel auf ein Äußeres. Zwischen dem Clean-up und der Reinigung durch den heiligen Geist, wie in evangelikalen und protestantischen Kirchen übrigens zum geringsten Teil in US-Amerika praktiziert, besteht in der Tat viel Gemeinsamkeit, von da ist der Weg zu Goebbels totalem Krieg und zu jubelnden Deutschen jedoch exakt gleich weit. Und erst von diesem Befund der Äquidistanz ausgehend könnte dann eine glaubhafte Faschismus-Kritik ansetzen, die jedoch mindestens noch faschistoide Kulte der Kulturindustrie wie HipHop-Call-and-response oder Rammstein -Textemitsingen einbeziehen müsste, um halbwegs den Rang der Gesellschaftskritik einzunehmen.
Dem voraus geht allerdings noch ein anständiger Englisch-Unterricht, in dem die feinen Unterschiede zwischen den 10 verschiedenen englischen Wörtern für das im deutschen
Stackenblochen mit "saubermachen" in eins fallende "säubern" und entsprechend die Anwendungsmöglichkeiten des phrasal verbs "clean up" sowie letztlich die Bedeutungen von "cleanse" begriffen werden.