
Religiöse Propaganda wie Kinderbibeln, Koranschulen und Religionsunterricht sind nach dem Dafürhalten des Aufklärers ein Greuel. Mit Links erledigt er den Mythos, mit rechts lüftet er den Muff unter den Talaren. Wie schnell es gehen kann, dass Aufklärung selbst in basse Gegenpropaganda umschlägt, beweisen Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke in dem Kinderbuch "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen wollen."
Die von ausgezeichneter und sehr putziger Illustration mit Blick für kleine Gesten und Mimik begleitete Geschichte führt ein schmutzverkrustetes Ferkel und einen Igel auf den Tempelberg, wo sie der bangen Frage nachgehen, ob ihnen etwas fehle, sollten sie Gott nicht kennen. Nacheinander treten ein Rabbi, ein Bischof und ein Mufti an, den Sachverhalt zu klären. Es endet jedoch von allen Seiten in einer Verfolgungsjagd, in deren Kulmination das Ferkel und der Igel sich aus dem Staub und zurück in ihr Eigenheim machen.
Nun ist dem Bilderbuch Verkürzung ein strukturelles Problem und ein Krittler wäre, wer hier einen Mangel an Information oder Differenzierung unterstellen würde. Zweifel entstehen an der Frage, warum rationale Figuren als Tiere zur Identifikation einladen sollen, die Karikatur des Menschen jedoch das Gegenprinzip verkörpert? Ein Rätsel, das das genauere Studium der Psychoanalyse erhellen könnte, die sodann vieles über abgespaltene anale Wünsche im Schmutz des Schweins und die Abwehr von Kastrationsängsten im Stachelpelz des Igels zu erzählen wüsste. Das sei dahingestellt.
Aufklärung schlägt in Regression um, wenn ein sorgloses, romantischens Idyll im Grünen und die hohen beängstigenden Gebäude der Gotteshäuser gegenübergestellt werden. Dem heidnischen Reiz des Nichtwissenwollens als Illustration im eindächtigen Papierfliegerbasteln tritt ein Unverständliches gegenüber, das in der klaren Welt des Ferkels und des Igels nur als Trug und Mummenschanz bestehen kann. Was Religion dann wirklich sei und was ihren Reiz ausmacht, bleibt dem Kind offen: Es lernt, die Juden, Christen, Moslems sich streiten lassen und für verrückt erklären, ein nicht unerheblicher Distinktionsgewinn. Der Gott der Juden sei ein Babymörder wegen der Sintflut, ein maliziös grinsender Rabbi weidet sich laut Bild daran. Die Christen seien Kannibalen, und wie die Moslems rasch beleidigt. An Stelle von Aufklärung tritt das Stereotyp der Verdrängung. So dünkt es sich als Ferkel rasch besser, ohne dass dem gesellschaftlichen Rang der Religion ein Quentchen Intellekt abgenötigt worden wäre. Die Theodizee, warum denn Schlechtes in der Welt sei, ficht die Dyade in ihrer Hütte kaum an, gibt es doch dort kein Leid und keine Not. Die entscheidenden Fragen der Religion, wie Leid zu trösten wäre, wie der Tod begreifbar gemacht werden soll, wie gelebt werden solle, woher ein schlechtes Gewissen oder überhaupt der Mensch kommt, diesen zu begegnen und sei es um die Frage selbst in Frage zu stellen, wäre von aufklärerischem Gehalt. Das sich ernsthafte Fragen niemals stellende Paar aus Schweinchen und Igel kann getrost auf Gott verzichten, weil es die Fragen, aus denen dieser entspringt, nicht stellt. Damit verzichtet es allerdings auch auf Aufklärung und kritischen Geist, die erst Religion und den Mythos als Vorstufe der Aufklärung ablösen könnten. Atheismus kann leicht zur Ersatzreligion mit nicht minder perfiden Folgen führen, selbst Mythos werden.
Weiter bleibt unklar, was dem Autor als Ursache für die Abwertung des Judentums neben Islam und Christentum gleichermaßen gelten kann, obwohl doch letztere ungleich mehr Gewalt produzieren. Die infame Ausgestaltung des Rabbis wurde von dritter Seite bemängelt und vom Autor wie folgt beantwortet:
"Im Unterschied zu jenen selbsternannten "Antifaschisten", die sich bislang über die Figur des Rabbis aufgeregt und dabei überaus merkwürdige Vergleiche gezogen haben, weiß ich aus eigener Erfahrung, was Antisemitismus bedeutet. Wegen meines jüdisch klingenden Namens werde ich seit 1994 regelmäßig als "Judensau" beschimpft und auch massiv bedroht - meist von Christen, mitunter auch von Muslimen. Deshalb nehme ich mir das Recht heraus, in aller Offenheit jene orthodoxen Juden zu kritisieren, die ebenso wie fundamentalistische Christen und Muslime vom Gotteswahn befallen sind. Mit Antisemitismus hat das selbstverständlich nichts zu tun! Wer liberale oder gar säkulare Juden - insgesamt glücklicherweise die Mehrheit! – von diesen glaubensfanatischen Löckchenträgern nicht unterscheiden kann, der ist wirklich selber schuld! Übrigens: Niemand macht schärfere Witze über Ultraorthodoxe als säkulare Juden…"
Eine merkwürdige Schlussfolgerung: Weil er Antisemitismus erlebt hat, will er orthodoxe Juden als gottesfanatische "Löckchenträger" kritisieren dürfen. Anstatt also den Antisemitismus zum Thema der Kritik an den beiden anderen Religionen zu machen, setzt er das Judentum mit diesen gleich. Dass die Karikatur des Rabbis mit ihren breiten Lippen und dem dämonisch-sadistischen Grinsen und der Hakennase dem visuellen antisemitischen Stereotyp gleicht, wäre dem mit der Aufklärung ernst Meinenden zuerst ein Grund zur Reflexion: Dieses Bild vom Juden beherrschte das antisemitische Europa über Jahrhunderte. Warum der Rabbi nicht wie der Mufti einen sympathischen weißen Bart oder nur eine Kippa tragen darf, bleibt unbedacht. Der Hut scheint dem Illustrator ein stärkeres Identitätsmerkmal zu sein, als die Kippa, die man meines Wissens auch als Rabbi in der Synagoge tragen sollte.
"Der Kaftan war das geisterhafte Überbleibsel bürgerlicher Tracht. Heute zeigt er an, daß seine Träger an den Rand der Gesellschaft geschleudert wurde, die, selber vollends aufgeklärt, die Gespenster ihrer Vorgeschichte austreibt. Die den Individualismus, das abstrakte Recht, den Begriff der Person propagierten, sind nun zu Spezies degradiert." (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung)
Gänzlich abgründig wird das der Schlussmoritat zugeordnete Bild: Eine Gruppe nackter Menschen, darunter Rabbi mit Brille und Hut, Bischof mit Mütze und Mufti mit Turban posiert bis auf jene drei heiter lächelnd. Nicht nur, dass der Rabbi mit Abstand die stärkste Körperbehaarung erwischt, und somit ein weiteres notorisches rassistisches Rassemerkmal ausgereizt wird, oder dass eine gesunde heidnische Schamlosigkeit als Freikörperkultur gegen die zersetzende Scham der Religionen aufgestellt wird. Vor allem ist eine solche karikierende Darstellung eines nackten Juden in einer Gruppe Nackter mit einem ihm lustvoll ins Gesicht gezeichneten Unwohlsein angesichts der Bilder aus KZs unerträglich. Da will man nicht ganz harmlos Prüderie oder Puritanismus kritisieren, sondern fertigmachen, was anders ist und aus der lustig-nackten, sexuell befreiten Masse herausragt.
Wenn Schmidt-Salomon/Nyncke eine Minderheit orthodoxer Fanatiker kritisieren wollen, warum stellen sie diese dann als Stereotyp für eine gesamte komplexe Religion vor? Dann wäre das Buch ins Leere geleitet, denn nicht Religion oder der Glaube an Gott wird dann kritisiert, sondern religiöser Fanatismus. Den wiederum bei den drei abrahamitischen Religionen gleichzusetzen ist ebenso widersinnig wie realitätsfern. Nirgends sprengen sich jüdische Menschen zu Ehren des jüdischen Gottes in die Luft, nirgends werden Menschen vor laufender Kamera zu Ehren des jüdischen Gottes ermordet. Zwar mag es in einigen sehr orthodoxen Gemeinden die Forderung nach getrennten Schwimmbäder geben, man hat sogar von rund 200 Metern geschlechtergetrennten Bürgersteigen in Israel gehört, von totalverschleierten Frauen oder Kinderverheiratung von jüdischer Seite hört man jedoch ebenso wenig wie etwa über jüdische Missionierung mit sektenhaften Methoden auf Pazifikatollen oder in Afrika.
Schon der Hass auf die "orthodoxen Löckchenträger" ist antisemitisch: Am orthodoxen Judentum, das in mystischer Versenkung oft jeder Gewalt abschwört oder in den strikten Regeln sich selbst kasteit, wird verschwiegen, dass dieses nicht ein Rechtsgefühl auf Besseres aus dem Auserwähltsein ableitet, sondern Verpflichtung. Das Schläfenlöckchen als vermeintliches nur der ultraorthodoxen Juden zuzuordnendes Merkmal erregt anscheinend die Idiosynkrasie des Autors. Was denn an diesen orthodoxen Juden so schmählich sei, außer dass sie an Gott eben recht wirklich glauben, und was eben daraus die Konsequenz sei, das geht den atheistischen Tierchen im Befürworten vom Babyleichen in der Sintflut auf. So bleibt der jüdische Gott ein Kindermörder und seine treuesten Verfechter Befürworter dessen. Das ist kein Beitrag zur Aufklärung, sondern zur Verfestigung von Vorurteilen, Idiosynkrasien und antisemitischen Stereotypen.
Nicht Besonderheiten sollen aufgezeigt werden, nicht einmal die Aufklärung über Ursachen der Religion findet statt, sondern Identitäten werden gesetzt: Am Ende sind alle gleich. Das ist die Ideologie, die im Nahostkonflikt die Achseln zuckt und die Gleichheit von antisemitischer Aggression und jüdischer Notwehr behauptet.
Der Autor meint zum Schluss, es wäre als pädagogisches Ergebnis die Toleranz der Ferkel und Igel zu verzeichnen:
"Vielmehr erdulden, tolerieren sie die Existenz religiöser Wahnideen, denken aber - wie ich meine aus gutem Grund! - auf diese verzichten zu können."
Das ist gut gelogen. Im Buch wünscht das Ferkel ob der Vorstellung von Babyleichen, dem jüdischen "Herrn Gott ganz dolle auf den Fuss zu treten, wenn es ihn mal treffen würde" und die Christen werden als Kannibalen verzeichnet. Wer wirkliche Kannibalen und Kindermörder tolerieren würde, wäre wahrlich schlecht beraten, doch nicht einmal darum geht es: Der aggressive Wunsch ist vormodelliert und dem Kind das Unverständnis und das Rätsel in Wut geleitet, die die antisemitische Gewalt vorbereitet.