
Als Nachtrag zu dem unten einsehbaren Text "Das Buch Ester und der antike Antisemitismus" wird hier noch kurz eine Verkehrung angesprochen, die darin, wie in zahlreichen anderen Texten und Vorträgen zum christlichen Antisemitismus zu kurz kommt.
Die Entscheidung der frühen Judenchristen und Christen, das Alte Testament als Beweis für die göttliche Wahrheit Jesus Christus in die Religionslehre aufzunehmen, ist zunächst nur kultureller Diebstahl:
Weil für die eigene Lehre keine wirklich imposanten Texte vorlagen, die Evangelien kaum ohne Bezug auf die jüdischen Lehren auskamen, behalf man sich mit der Kopie des gesamten Textes. Mohammed machte sich wenigstens die Mühe, den vorhandenen Stoff zu einem Frankensteinschen Monster aus den ihm bekannten Religionen (Mekkanische Polytheismen, Judentum, Christentum) zusammen zu halluzinieren.
Liest man das alte Testament aus jüdischer Perspektive, ergibt sich eine permanente, beißende, fast schon masochistische Selbstkritik. Für die biblischen Juden sind sie selbst an ihrem Unglück schuld, weil sie gegen Gesetze verstoßen. Propheten wettern nicht gegen äußere Übel, diese waren jedem ersichtlich, sondern gegen die religiöse Korumpierung innerhalb der jüdischen Gesellschaft. Diese selbst wird in der Genesis und im Exodus als "störrisches Volk" bezeichnet.
Wird dieser Text nun in das Glaubensverständnis von Heidenchristen, also allen nichtjüdischen Christen aufgenommen, so erhält der gleiche Text einen völlig anderen Sinn: Er dient der Vergewisserung, dass die Juden schon immer gegen Gott rebelliert haben, ihn gelästert haben, von ihm bestraft werden. Der jüdische Text wendet sich in fremder Hand gegen sie selbst, weil sie ein Maß an tiefsinniger Selbstkritik entwickelten, das anderen, stärker narzisstisch geprägten Religionen unzugänglich war. Aus (von religiösem Wahn nicht freier) Selbstkritik wurde antisemitische "Kritik". Jostein Gaarder diente der jüdische Prophet Amos als Munition, gegen Israel zu schießen. Nicht unmöglich und sogar wahrscheinlich ist, dass "moderne" Antisemiten, die doch vor allem in Kirchen sozialisiert wurden, sich vom Buch Ester inspirieren ließen, dort ihre "säkularen" "Argumente" vorfanden und damit ihre vorhandenen, durch äußere und tiefenpsychologische Umstände bedingten Vernichtungsphantasien fütterten.